Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee

Part 17

Chapter 173,750 wordsPublic domain

Hold, in welchem gerade entgegengesetzte Wünsche durch den Verkehr mit den Fremden, durch die aufregenden Gespräche, durch die Erneuerung des geistigen Austausches, durch die Erinnerung an das lebendige Treiben der Welt rege geworden waren, und der, öfter als sonst, jetzt sehnsüchtig über die Wogen hinschaute die ihn vom festen Lande und dessen geistiger und politischer Lebensfülle trennten, überraschte Godber in seinen Träumen. -- Sie waren bald in ihrem Gespräch bei dem, was Beiden, Jedem auf seine Weise, nahe lag: bei der Abreise der Fremden.

»Du wirst uns,« fragte Hold, »nun wol verlassen?«

»Nein, nein,« rief Godber heftig, »ich verlasse meine Heimat nicht.«

»Und Idalia bliebe hier?« war die verwunderte Gegenfrage.

»Ich weiß es nicht,« erwiderte Jener leise mit unsicherem Tone.

»Du weißt es nicht?« und dabei sah Hold den Jüngling, der schweigend und gesenkten Auges vor ihm stand, prüfend an.

»Du weißt es nicht? Godber, hast Du Dich selbst, hast Du das Rechte wiedergefunden?« und als Godber noch immer nicht antwortete, fuhr er lebhaft fort: »Gewiß, Du kannst nicht glücklich werden in der großen Stadt, in dem rauschenden Leben und Treiben, unter Menschen, die jeder Thräne, wie sie ja noch in Deinem Auge hängt, nur spotten. Du mit Deinem einfachen stillen Wesen würdest Dich unheimlich fühlen müssen in ihren glänzenden Kreisen. Für den Sohn der Hallig ist nur die Hallig der Boden, wo sein Leben gedeihlich wurzelt, nirgends sonst kann es ihm wol werden. Und Idalia? Die Neigung, die sie Dir zugewandt, ist wol nur Regung der Dankbarkeit, Folge der ungewohnten Einsamkeit, Ausfüllung müßiger Stunden, höchstens Aufwallung leidenschaftlicher Gefühle, in denen sie wechselt wie mit ihren Modekleidern.«

Godber errötete bei diesen Worten vor Scham, und Hold, der es bemerkte, ergriff seine Hand und sagte:

»Es kränkt Deinen Stolz, daß ich Dir dies sage; es thut Dir wehe, daß ein Anderer von Dir weiß, Du habest mehr zu gelten geglaubt, als Du giltst. Aber es würde Deinen Stolz ja noch mehr empören müssen, dies an ihrer Seite erst dann zu lernen, wenn kein Rückschritt mehr möglich, wenn Du durch ein heiliges Band in den Zauberkreis ihres blendenden Schimmers gebunden bist, und, wie Du selbst Dich darin unbehaglich fühlst, sie auch es fühlen ließest, daß Du ihr ein unbehaglicher Schatten bist. Und es ist ja nicht Deine Schuld, daß Du vertrautest ihrer süßen Rede und ihrem schmeichelnden Benehmen. Es ist ja vielmehr Deine Ehre, daß Du dadurch getäuscht werden konntest. Der Mensch, der sagen könnte: ich bin nie getäuscht worden, der hat sich selber sein Urteil damit gesprochen, und ich würde mich vor seiner Freundschaft ebenso sehr hüten, wie ich mich dränge zu Dem, dessen Herz blutet von den Wunden, welche das getäuschte Vertrauen schlug. Ja, Godber, darum und weil ich mir es gelobte in dem rettenden Boote, in welchem Du mich zu meiner Gattin und zu meinem Kinde zurückbrachtest, drängte ich mich an Dich und bitte um Dein offenes Vertrauen. Ich werde es nicht täuschen, so lange ich des Augenblicks gedenke, als Dein und Deiner Gefährten Ruf über die Wasser scholl, die um mein Haupt spülten.«

Godber widerstand nicht länger; ein Blick, in welchem der glänzende Tau einer dankbaren Thräne perlte, und ein fester warmer Händedruck bezeugten es dem Pastor, daß die Zurückhaltung, die jener immer gegen ihn beobachtet, nun einer herzlichen Annäherung gewichen sei.

Offen sprach jetzt Godber über seine ganze Lage und Stimmung. Er verschwieg nicht, wie Idalia's Benehmen in der letzten Zeit ihn gekränkt, und ihm fast die Gewißheit gegeben, sie wünsche das Verhältnis mit ihm gelöst zu sehen.

»Laß fahren dahin!« rief Hold. »Scheide, was schon längst geschieden ist und sich entgegensteht wie Süd und Nord. Und will Dein Herz noch bluten, so wirf es mit all' seinen Wunden an's große Vaterherz dort oben; Gott wird es zu heilen wissen, daß es aus dem schweren Kampfe hervorgehet, ein Held, für den seine Narben zeugen, daß man sich verlassen darf auf seine Kraft und Treue.«

Hold vertraute der Zukunft mehr, als Godber, denn nur dieser kannte ja ganz die Gewissensunruhe, die ihn bei jedem ernsten Gedanken über sich selbst folterte. Nur eine scheinbare Kraft lieh ihm den Entschluß, ein letztes, entscheidendes Wort mit Idalia zu reden. Der Grund seiner Schwäche lag tiefer, als in der Trauer der unerwiderten Liebe, denn dann wäre ihm jetzt die Rückkehr zur vollen Freiheit des Geistes nahe gewesen, da er im Begriff stand, eine Fessel zu lösen, die ihn bisher von dem Glücke zurückgehalten, für welches er jahrelang in Geduld und Hoffnung gearbeitet, und das selbst durch die Flammen der neuen Leidenschaft oft noch als ein milder, freundlicher Stern hindurchgeblickt. Doch wäre seine Liebe zu Idalia auch fortan für ihn nichts weiter gewesen als ein Traum, der bei unserm Erwachen kaum in kurzer Erinnerung fortlebt, konnte er damit auch vergessen, daß um ihretwillen er vor der letzten Planke das Schiff verlassen, dessen Steuer ihm anvertraut gewesen, daß er um ihretwillen seinen Gelübden gegen Maria untreu geworden war? Wenn diese ihm auch verzeihen wollte, konnte er sich selber verzeihen? Nur so lange er noch hoffen durfte, die zu besitzen, für welche er so viel geopfert, hatte dieses Opfer noch eine lichte Seite, hatte noch einen, wenn auch zu teuer erkauften Vorteil, hatte einen Altar, auf dem es dargebracht war; nun, da er selbst es erfolglos zu machen im Begriff stand, fiel es auf sein Herz zurück wie eine dunkle, schwere Wolke, durch die kein Streif des Morgenrotes brechen konnte, die Aussicht in die kommenden Tage zu erhellen. Nur das Eine, was die Gegenwart von ihm forderte, die Trennung von Idalia, blieb ihm klar; jede Zukunft war für ihn Nacht und Finsternis, während Hold einer frohen Entwickelung des Geschicks der durch frühe Gelübde Verbundenen, oder vielmehr einer ruhigen Rückkehr in das ebene Geleis ihrer Vereinigung für's Leben mit freudiger Teilnahme entgegensah.

»Du wirst mit Deinem Vater reisen?« sagte Godber am andern Morgen zu Idalia, mit einem Tone, dessen Frage wie gewisse Voraussetzung klang, nachdem ihn die Ueberlegungen einer schlaflosen Nacht noch entschiedener in dem Entschluß gemacht hatten, mit dem Mute der vollendeten Hoffnungslosigkeit sich ganz in das dunkle Gewand eines unausweichlichen Geschicks zu hüllen.

Idalia erbebte sichtbar. War es die letzte Regung für den Jüngling, war es die plötzliche Nähe der längst gewünschten Entscheidungsstunde, wodurch sie so heftig bewegt wurde? Sie vermochte nicht gleich etwas zu erwidern. Sie sann auf eine Antwort, die, indem sie ihm jede Hoffnung auf ihren Besitz abschnitt, dennoch so wenig als möglich ihn verletzen sollte, und, wie es gewöhnlich in solchen Fällen geht, sie verwundete ihn gerade auf's Tiefste mit ihrer Erwiderung.

»Wie vielen Dank bin ich Dir, schuldig, Godber. Ohne Dich hätte ich meine Vaterstadt, nach der ich mich jetzt so sehne, nie wiedergesehen. Nie,« dabei ergriff sie seine Hand und drückte sie innig, »nie werde ich es vergessen, wie Du mir nachsprangst in die rollende See. Nie wird meine Dankbarkeit, nie werden meine Wünsche für Dein Glück aufhören! Und, nicht wahr? wir haben ein freundliches, liebliches Spiel mit einander gehabt auf diesem Eilande, woran wir uns immer gern erinnern werden, als an eine im Leben so seltene, kindliche Vergessenheit.«

Godber erglühte vor Scham und Zorn. Also ein Spiel durfte sie nennen, was ihn und die arme Maria um das Glück des Lebens betrogen! Er preßte die Lippen zusammen und stand eine Zeit lang da, wie Einer, der zweifelhaft ist, ob er die innere Wut bezähmen oder auslassen soll.

Idalia wurde immer unruhiger, je länger sein Schweigen währte. Sie wollte ihren Stolz zusammenraffen und sich kurz von ihm wenden; aber das Gefühl ihres Unrechts, nicht ohne eine Beimischung von Furcht vor dem so tief gekränkten Jüngling, überwog, und sie sagte mit schmeichelnden Tönen:

»Welch ein Festtag wird es für mich werden, wenn Du uns einmal in Hamburg besuchst! Dann wollen wir wieder plaudern von den alten Zeiten, und Du wirst sehen, wie treu mein Gedächtnis auch die kleinsten Umstände unseres Zusammenlebens auf diesem Eilande bewahrt haben wird.«

Godber hatte diese letzteren Worte ganz überhört; aber der zornige Aufruhr seiner Seele ging plötzlich in eine Wehmut über, die seine Augen mit Thränen füllte. Ein gewöhnlicher Uebergang der Empfindungen in seinem Gemüt, dessen Schwäche einer heftigen Bewegung nicht lange gewachsen ist. Die Spannung, in seinen Zügen wie in seiner Stellung löste sich in eine Schlaffheit auf, vor der sich Idalia fast noch mehr scheute, als vor dem Ausbruch des Zorns, da sie davon eine rührende Scene fürchtete, die sie um jeden Preis vermeiden wollte, weil diese doch zu Nichts führen konnte, und weil sie bei der tiefen Erschütterung Godber's zugleich fühlte, daß sie ihres Herzens noch nicht so vollkommen Meister sei, wie sie es geglaubt hatte.

Doch Godber besann sich, daß Alles ja doch nur so gekommen sei, wie es kommen mußte, daß er selber Entscheidung gewünscht, ja daß diese Entscheidung schon längst da gewesen, und ihr nur das Wort gefehlt habe. Er wandte sich rasch um und eilte fort, ohne nur einen Blick des Abschieds auf Idalia zu werfen. Diese hätte gern eine freundlichere Trennung gesehen. Sie schwankte einen Augenblick, ob sie ihm nicht nachfolgen und noch ein paar herzlichere Worte mit ihm reden sollte; aber ehe sie sich darüber besonnen, war es zu spät. Godber eilte die Werfte hinab, und bald trieb sein Boot mit ihm einsam auf den Fluten. Erst nach der Abreise der Fremden fand er sich auf der Hallig wieder ein.

Auch wir können von Idalia hier Abschied nehmen, indem wir einen flüchtigen Blick in ihre Zukunft werfen. Hätte sie es verstanden, ihre Neigung für Godber zur wahren weiblichen Liebe zu erheben, sie würde vielleicht selbst seine Abneigung, der Heimat untreu zu werden, überwunden haben, und er hätte an ihrem Herzen wohl vergessen, wie teuer er das Glück an ihrer Seite erkauft. Da sie aber nun einmal solche Hingebung erfahren und von sich gestoßen, durfte sie erwarten, je wieder ein Herz zu finden, das nur in ihrer Liebe alle Sehnsucht erfüllt sah?

Sie fand sich in Hamburg bald wieder in all' die Zerstreuungen, in welchen sie früher gelebt, und heiratete zuletzt einen Mann, dessen Vermögen und Neigung es ihr erlaubte, auch als Gattin in den Thorheiten zu glänzen, welche die Zeit ausfüllen, ohne das Herz zu befriedigen, vielmehr dasselbe zu einer wahren Parforcejagd nach immer neuen Befriedigungen der Eitelkeit und der Weltlust stacheln. Was ihre Seele bewegte, welche Erinnerungen aus der Vergangenheit auftauchten, wenn sie in den doch nicht ganz zu vermeidenden einsamen Stunden ihrer kinderlosen Ehe, den Kopf auf die Hand gestützt, die Stickerei vergessend auf dem Schooße ruhen lassend, mit halbgeschlossenen Augen wie in die Leere hinausstarrend, oft lange dasaß, so lange, bis sie erschreckt von einer heißen Thräne, die auf ihren Arm fiel, aufsprang, hastig die Laute ergriff und die Saiten stürmen ließ, als sollten die wilden Töne gewaltsam eine Lust aufregen, von der das Herz nichts wissen wollte, das mögen Die beurteilen, welche folgende Verse verstehen:

Einen Maitag hat das Leben, Einen Schöpfer-Augenblick; Läßt Du ihn vorüberschweben, Kehrt er nimmer Dir zurück.

Einmal kommt das Glück Dir nahe, Winket Dir mit offner Hand; Wer es einmal scheiden sahe, Hat es ewig fortgebannt,

Und dann ruft es keine Zähre, Wieder hin in Deine Spur! Treibe bis zum fernsten Meere. Pilgre bis zur fernsten Flur.

Breit' der Erde Güter alle Um Dich her in weiten Reih'n, Führ' in Deine reiche Halle Jede Lebensfreude ein,

Schlürfe tief aus voller Schale: -- Ach! Du seufzest im Genuß; Denn es fehlt dem Feiermahle Der verscherzte Weihekuß;

Denn es fehlet Deinen Kränzen Das verschmähte Immergrün; Deine Blumen, wie sie glänzen, Blühen nur, um zu verblühn.

Einmal durftest kühn Du hoffen, Bräutlich grüßte das Geschick; Einmal sahst Du Eden offen -- Hoff' auf keinen zweiten Blick.

XX.

Was der Herr den Seinen giebt, das trage Nicht hinein in's kühne Wortgefecht. Was von Oben stammt, will keine Frage, Fordert Glauben als ein göttlich Recht.

Mander und Oswald wünschten noch das Mahl des Herrn, gleichsam als eine Versiegelung ihres neuen Bundes mit Ihm, in der ihnen so lieb gewordenen Gemeinde zu feiern. Idalia antwortete auf die Frage ihres Vaters, »ob sie sich der heiligen Handlung anschließen werde?« daß ihre Gedanken zu sehr auf die Abreise gerichtet wären, als daß sie mit Andacht an der Feier Teil nehmen könne.

Gewiß ist es uns am angenehmsten, wenn wir das: »ich bitte Dich, entschuldige mich!« in das blendende Gewand einer zarten Ehrfurcht vor dem Heiligen einkleiden können; und es giebt Leute, die, wenn man ihren Worten glauben soll, allein aus jener gewissenhaften Scheu vor einer zerstreuten Teilname am Gottesdienst die Kirche zeitlebens meiden und die häusliche Andacht auch nur darum unterlassen, weil sie bis an das Ende ihrer Tage darauf warten, einmal mit rechter Würde andächtig sein zu können.

Mander fragte Hold, als er demselben seinen und seines Sohnes Entschluß zu erkennen gab, zum Tische des Herrn zu gehen: »welcher Ansicht vom heiligen Abendmahle er zugethan sei?« Hold erwiderte:

»Ich wollte, Sie hätten mich nicht gefragt, sondern sich, unberührt vom Streite der Meinungen und Ansichten, mit voller Seele dem Eindruck dieser Feier hingegeben, um an sich zu erfahren, was sie Ihnen sein soll. Vielleicht ist das Abendmahl für Jeden nach seinem Bedürfnis und seiner Empfänglichkeit etwas Anderes, und ich hätte lieber von Ihnen gehört, welchen Gehalt Sie in diesem Kleinod der Christenheit gefunden, als daß ich Ihnen Anleitung gegeben zu einem vorgefaßten Urteil, da dies nicht angeht, ohne eine Trennung in der Gemeinde des Herrn zu erörtern, die dem Abendmahl den Charakter der Communion nimmt.«

»Aber es kann doch nur eine Ansicht die wahre sein,« entgegnete Mander, »und es kann doch nur der das Mahl des Herrn mit dem vollen Segen für sich feiern, der weiß, was der Herr mit dieser Feier wollte?«

»Aller Segen kommt von Oben,« war Hold's Antwort, »und ich glaube, es haben Viele, welche mit den verschiedensten Ansichten zum Mahle des Herrn kamen, doch den gleichen Segen davon gehabt, weil im Augenblick der Feier Keiner mehr seiner Ansichten gedachte, sondern sich hingab dem Einfluß, den die Feier auf ihn ausübte. Freilich wird dieser Einfluß bei Allen sicherer und auch wohl dauernder sein, wenn sie vorher und nachher die ganze Bedeutung dieses Genusses erwägen.«

»Sie sind bisher mein Lehrer gewesen, seien Sie es auch ferner,« bat Mander. »Ihr Urteil muß bei Dem, was ich Ihnen sonst verdanke, eine große Autorität haben.«

»Meine Autorität soll Ihnen nicht weiter gelten, als was ein langjähriges Nachdenken über die Heilsordnung des Evangeliums voraus hat vor der erst kürzlich gewonnenen Einsicht in die Wahrheit der Offenbarung Gottes in Christo. Nun lassen Sie es sich noch einmal gesagt sein: ich knüpfe den Segen der Feier, die Sie vor sich haben, nicht so sehr an das volle Verständnis von dem Charakter derselben, als an eine Gnadenwirkung Gottes auf das empfängliche Gemüt. Sie sollen daher nicht zum Tische des Herrn treten mit der Ueberzeugung: Dies oder Jenes werde ich an mir erfahren, sondern vielmehr warten der Verheißung, die diese Feier hat; sich und Ihre Andacht nicht binden an diese und jene Auffassung vom Abendmahl, sondern willig und bereit sein, mit reiner Hingebung anzunehmen, was der Herr Ihnen in demselben darreicht. Ich für meinen Teil stehe auf dem Grunde der Kirchenlehre.

Fassen wir das Ganze der Offenbarung in Christo als eine Wunderthat der erlösenden Gnade Gottes, wodurch ein wirklich Neues, nicht den bisherigen Mitteln der Gemeinschaft mit dem Himmel Aehnliches, etwa nun nur in höherem Grade sich Entfaltendes, in das Leben der Menschheit eintrat, als eine Erhebung der Natur des Staubes zu einer Trägerin des Lebens, welches war bei dem Vater und erschienen ist auf Erden, so können wir uns auch nicht dagegen sträuben, ein Fortleben und Fortwirken dieser That in beständigen Wundern anzunehmen. Ist einmal statt der Vermittelung zwischen dem, was droben ist, und dem, was hienieden ist, welche an die uns verliehenen geistigen Gaben ihre Geistesgaben anknüpft, -- so bei uns in den Weihestunden der höchsten Andacht, so bei den Propheten im reichsten Maße, -- ein Mittler gegeben, in welchem Himmel und Erde eins wurden, so dürfen wir auch die Lehren, Segnungen und Verheißungen dieses Mittlers nicht mit dem Maßstabe messen, welchen wir den Dingen anlegen, die dem gewöhnlichen Gesetz folgen, nach welchem Himmel und Erde in ihrem Wesen sich ewig fern bleiben, und nur durch das Band der Gemeinschaft im Geiste sich einander nähern. Wir dürfen vielmehr erwarten, daß Alles, was von jener That ausgeht, einen Charakter habe, der dieselbe nicht allein fortspiegelt als eine wunderbare, sondern der alles dieses von ihr Ausgehende in sich selber ein Wunder sein läßt. So das Abendmahl. Es ist nicht das Gedächtnis an die That der Versöhnung, das neu geboren werden soll, sondern die That selber, die neu geboren wird im Gläubigen. Das Mahl des Herrn ist Er, der sich mir neu giebt, es ist nicht Ich, der ich mich Ihm neu gebe. Wie die Erlösung durch sein Leibesleben und Lebensleiden auf Erden bedingt war, so ist das Abendmahl nicht allein eine geistige Nahrung für den Geist; sondern eine irdisch-himmlische Speise, durch die wir Sein werden und Er unser wird durch eine volle Vereinigung. Im Abendmahl ist der ganze Christus, der Lehrer und der Erlöser, der Leidende und der Ueberwinder, der Gekreuzigte und der Auferstandene, der Sohn der Maria und der Sohn Gottes, und der erstere nicht weniger als der letztere. Während uns in jeder andern Feier bald der Eine, bald der Andere stärker hervortritt, ist beim Abendmahl Jener mit Diesem, und Dieser mit Jenem in einer Hülle verbunden, und geht in einer Gemeinschaft in uns über. Ohne die leibliche Gegenwart Christi im Abendmahl wird die Erlösung eine That in der Zeit, die allein durch den Glauben fortlebt, aus dem irdischen Gebiet ganz wieder in das geistige aufgegangen ist; während sie auch nach ihrer irdischen Seite im heiligen Abendmahle fortleben soll, nicht allein weil Christus nun im Geiste der Gläubigen fortlebt, sondern weil Er selber noch für sie da ist. Denn Sein Fortleben in unserm Geiste ist doch immer nur unser Leben in Ihm, abhängig von unserem Verständnis und unserer Andacht, ist nicht in der That und Wahrheit Sein Leben in uns, ist immer nur Wir, nicht Er. Unsere Zeit aber ist nicht ärmer, als die der ersten Jünger, wenn wir sie nicht arm machen. Sie hat nicht allein Seine Lehren, Segnungen und Verheißungen; sie hat Ihn, Seinen Leib und Sein Blut. Auch uns wird die neue Schöpfung geboten, die Durchdringung und Verklärung unseres geistigen Daseins zur Einheit mit Ihm. -- Wie mag Solches zugehen? ist hier nicht die Frage, und alle Theorien und Formeln sind Gebrechlichkeit. Es ist nur die Frage: stimmt solche Lehre vom Abendmahl, wie sie sich in der echt lutherischen Theorie und Formel, soweit unsere irdische Sprache überhaupt für solche Dinge ausreicht, am wenigsten klügelnd und deutelnd ausspricht, überein mit den Worten der heiligen Schrift, mit dem ganzen, wunderbaren Rat Gottes zur Erlösung der Kinder im Staube, mit der Thatsache der Erlösung selbst, und mit dem Glauben der Männer, denen wir ein Erzpriestertum in der großen Gemeinde des Evangeliums beilegen müssen? Mit diesem letzten Punkt schiebe ich keine menschliche Autorität vor, da er seinen Rückhalt in der gemeinsamen Uebereinstimmung der Antworten auf alle andern Punkte haben soll; aber wohl behaupte ich damit, daß wie die Wahrheit die Frucht des Geistes, so die göttliche Wahrheit allein die Frucht des göttlichen Geistes sein kann. Dieser Geist nun hat seine Zeit und Stunde für Das, was dem Glauben der Kirche dienet. Für Das, was dem Glauben des Einzelnen dienet, weiset er zurück auf eine solche Stunde der Menschheit, die eben so wenig auf Concilien, als am Schreibpult hinter der nächtlichen Lampe geboren wird; sondern deren Wiege ein Herz ist, das mit seinem weltüberwindenden Glauben auch wirklich eine Welt überwindet, ein Herz, das nicht etwa einzelne Lichtfunken aus Schutt und Asche hervorsucht, sondern das durchglühet ist vom heiligen Feuer, und gereinigt und geläutert ist von diesem Feuer zu einer Stätte, von welcher aus Gott gern seine Stimmen in die Welt aussendet. Darum wer neue Theorien und Formeln in den göttlichen Dingen aufstellen will, der frage nicht allein, was er wisse, sondern auch, was er sei an Leben in Gott und Wandel vor Gott. Mit Schulweisheit und kritischem Scharfsinn mag man einen Homer zu zerstückeln wagen, und es wird doch nur so lange gelingen, bis die Flammen der Begeisterung, die in einzelnen Stücken fortglühen, wieder in eine helle Lohe zusammenschlagen, und der Erzguß auf's Neue dasteht in uralter Kraft und Herrlichkeit. Kann nun jene kalte, trockene Scheidekunst selbst an einer Schöpfung des menschlichen Geistes und Herzens nur zum Ritter von der traurigen Gestalt werden, dessen kurzer Sieg bald zur desto gewissern Niederlage wird, mit welcher Aussicht kann er sich dann auf dem Gebiete des Göttlichen versuchen? Sowohl die rechte Lehre von den göttlichen Dingen, als auch das rechte Wort dafür kann nur der Geist Gottes geben, und Der will Tempel und Altar sehen, will Horebs Höhen und Mamres Palmen, will Herzen, deren Flügelschlag zu einem Adlerfluge fähig ist, will Männer, die Mut und Demut genug haben, Gott zu bitten um Erleuchtung.«

»Hat aber nicht die reformirte Kirche,« bemerkte Mander, »die doch auch Männern, wie Sie eben bezeichneten, ihr Dasein verdankt, eine Ansicht vom Abendmahl, nach welcher es eine blose Gedächtnisfeier ist?«

»Auch die reformirte Kirche,« war Hold's Entgegnung, »gewann bald wieder durch Calvin die Richtung auf einen tieferen Sinn; obwohl in der katholischen und lutherischen Kirche, so wenig auch beide in der näheren Bestimmung dieser Lehre und den Folgerungen daraus übereinstimmen, allein eine wirklich tiefere Würdigung des Abendmahls gefunden wird; da Alles, was man sonst dieser Feier beizulegen versucht hat, durch Vergeistigung der Gefühle beim Andenken an den Herrn auf die schwindelndsten Höhen hinauf nur eine gewisse Scheu bei einem blosen Gedächtnismal stehen zu bleiben, zu erkennen giebt, ohne doch wirklich etwas mehr daraus zu machen. Man fühlt wohl das Bedürfnis, der Gemeinde eine Nahrung zu geben, die nicht blose Brosamen darreicht, sondern eine sättigende Lebensspeise; aber man thut nur Gewürze hinzu, und denkt nicht daran, daß Gewürze eben nur zur Würze dienen und nicht zur Sättigung.«

»Wie vereinen Sie aber dieses Vergessen mit dem Erzpriestertum, wie Sie es vorher solchen Männern beilegten, die Säulen der Kirche Gottes sind, zu welchen Sie doch auch Zwingli und Calvin mitrechnen?« fragte Mander.

»Erinnern Sie sich, daß ich diesem Punkt von der Autorität solcher Heroen des Evangeliums einen Rückhalt gab in der Uebereinstimmung mit andern Zeugnissen. Wo diese Uebereinstimmung ist, da gebe ich mich freudig hin, und sie ist gerade in dem Kern des Evangeliums, in der Lehre von der Erlösung; wo sie fehlt, da suche ich mit desto größerem Eifer selber in dem Worte des Lebens, freue mich aber doch, wenn die Wahrheit, die ich finde, auch viele Zeugen Gottes in der Kirche, wenn auch nicht alle, für sich hat.«