Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee

Part 16

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»Vergessen Sie nicht,« erwiderte Hold, »daß noch genug Stunden kommen werden in Ihrem Leben, in welchen Sie Ihre Armut für sich selber fühlen, obgleich Sie sich nun reich genug dünken, Andern mittheilen zu können. Und dann möchte ich wenigstens für die Heiden lieber Männer einfachen Sinnes von Jugend auf, wie die ersten Apostel es waren; Männer, die unverwirrt und unverirrt ein empfängliches, offenes Herz dem Herrn darbrachten von Anfang an; Männer, deren Rückblick in die Vergangenheit weniger von Reue verfinstert wird, und die daher das Amt der Verkündigung nur aus reiner Liebe, nicht mit dem Nebengedanken, ein Bußopfer zu bringen, übernehmen. Deren Predigt wird einfacher sein, weniger berechnend, weniger aus dem Eigenen schöpfend, allein mehr gebend, was sie empfangen vom Herrn und von Ihm haben in Seinem Worte. Sie wird nicht so sehr das Ausreuten des Verkehrten zu ihrem Geschäft machen, als vielmehr nur darreichen, was dienet zur Erleuchtung, Heiligung und Beseligung. Sie wird den Boden der Heidenwelt nicht so ausschließlich als ein Feld betrachten, das zubereitet werden muß für die Saat; sondern sie wird den Samen streuen in Hoffnung und sein Gedeihen dem Tau und Sonnenschein von Oben überlassen; und ich glaube, das ist die rechte apostolische Weise, von der aber gar zu leicht derjenige abgeht, dessen Herz selbst lange ein Feld voll Unkraut war, ehe der Weizen Raum finden konnte.«

»Ach! daß Sie auch immer Recht haben müssen,« seufzte Oswald. »Aber unmöglich kann ich wieder zurückkehren zu jenen trocknen, nur für irdische Genüsse arbeitenden Geschäften meines früheren Berufs; unmöglich wieder heimatlich werden in der mir jetzt widerlichen Welt meiner Vaterstadt.«

»Der Glaube verklärt Alles,« sagte Hold, »all' unser Lieben, Wirken, Leiden und Hoffen. Haben Sie bisher im Kaufmannsstande nur ein Wirken für irdische Genüsse gesehen, so werden Sie ihn jetzt in einem neuen Lichte betrachten. Er ist es, der alle natürlichen und künstlichen Grenzen zwischen den Völkern der Erde niederbricht. Er sendet sein Banner hinüber über die weite Ebene des Oceans, treibt sein Rad die Felsengebirge hinauf und hinab, zieht das Saumtier durch Wüsten und Einöden. Ihn schreckt keine Mühe und keine Gefahr. Er trotzt dem versengenden Mittagsstrahl und dem Eis des mitternächtlichen Pols.«

»Ja,« fiel Mander hier in die Rede, »auch wir dienen der geistigen Entwickelung der Menschheit. Ich habe erst, seit ich mir dies recht vergegenwärtigt von der Lectüre der Schriften, die den Geist emportrugen über alles Eitle und Weltliche, ohne Murren aufstehen und an die Börse gehen können. Wir fördern die allmälige Verbrüderung und höhere Reife der Völker, indem wir ihre Entfremdung von einander rastlos bekämpfen und dadurch auch die Folgen derselben: Mißtrauen, Feindseligkeit, Verachtung, Einseitigkeit und Unwissenheit. Denn der Handel ist ein über den Erdboden sich hinstreckendes, lebendiges, ewig bewegliches Gewebe, dessen Fäden über alle Scheidungen hinweg die Völker an einander ziehen, sich gegenseitig von einander abhängig machen und dadurch sie sich einander achten und lieben lehren. Er ist der Träger eines nie ruhenden Umtausches, nicht allein irdischer Güter, sondern auch geistiger Fortschritte. Mit seinen Frachtbriefen sendet er Wissenschaft, Kunst, Cultur den entferntesten Nationen zu; macht durch seine Ballen zum Gemeingut Aller nicht allein die Produkte jeder Zone, sondern auch die Geistesflamme, die ohne seine weltumfassende Thätigkeit nur einem kleinen Fleck der Erde gestrahlt hätte. Er mindert die Kriege, weil seine Interessen, die bei jedem Kriege so hart verletzt werden, immer schwerer in die Wagschale fallen. Er schafft, daß die Erde ein Vaterland und die Menschheit ein Volk werde, das, so verschieden an Sprachen und Sitten, doch im gegenseitigen Verkehr sich befreundet, das, so oft auch entflammt in Zwietracht, doch nach dem ersten Friedensblatt sogleich wieder verbunden ist durch brüderlichen Austausch.«

»Und,« fuhr Hold fort, »öffnet nicht das Kaufschiff dem Boten des Evangeliums die sonst feindlich verschlossene Küste? Baut nicht der Handelsverkehr die Brücke von Land zu Land, von Volk zu Volk dem Worte Gottes? Nehmen Sie den Stand des Kaufmannes hinweg, wie fern würde dann noch die Zeit sein, von der es heißen soll: Eine Heerde unter Einem Hirten, Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe, Ein Gott und Vater Aller!? Wir können nicht Alle unmittelbar, aber Alle mittelbar wirken für das Reich Gottes. Und wollen wir uns unser Wirken, das scheinbar allein dem Nächsten, dem irdischen Wolergehen dienet, verklären, so müssen wir ihm jene Beziehung auf das Eine, was not thut, auf die Erhebung der Kinder des Staubes zu Kindern Gottes zu geben wissen. Es ist dem Arzt eine Freude, wenn er den Kranken von der Nähe des Grabes durch seine Kunst zurückgerufen hat zum Genuß des Lebens. Seine Freude wird aber höher, himmlischer, wenn er dabei bedenkt, daß Gott durch ihn einer Unsterblichen Seele eine längere Frist bereitet hat, für die Ewigkeit zu reifen, daß Gott durch ihn dem Sünder noch Raum gab zur Buße, dem Glaubensschwachen noch Gelegenheit zum höheren Verständnis, dem Frommen zur weitern Vollendung. So auch der Kaufmann. Er sorgt für Bedürfnisse und Genüsse, die vielleicht nur die niedere sinnliche Natur des Menschen befriedigen, und er ist ein Werkzeug in der Hand Gottes, die Wege zu ebnen und die Bahnen zu brechen den Segnungen und Verheißungen, die Freude und Friede bringen in Zeit und Ewigkeit. In solchem Bewußtsein treibt er freudig sein Geschäft. Es ist ein Werk Gottes für ihn geworden. Er beneidet nicht mehr den Priester um sein den göttlichen Dingen allein geweihtes Amt. Er ist, wie dieser, ein Diener des Herrn, der da will, daß Allen geholfen werde an allen Enden der Erde.«

»Nun lerne ich mehr verstehen,« bemerkte Mander, »was Sie früher einmal sagten, daß Sie alle Bestrebungen der Menschheit nur in Beziehung auf ihren Dienst für die eine Wahrheit würdigten.«

»Aber,« entgegnete Oswald, »sind nicht gerade große Handelsplätze die Stätten der größten Entfremdung von den göttlichen Dingen? Führt nicht das Streben nach Erwerb und Gewinn am leichtesten von dem Ringen nach den wahren Gütern des Lebens ab?«

»Alle großen Städte sind jetzt hierin gleich,« war Hold's Antwort. »Doch ist Irreligiosität keineswegs eine natürliche Zugabe des Handelsverkehrs. Im Mittelalter waren die großen Kaufstädte, -- denken Sie an Augsburg mit seinen edlen Geschlechtern: Fugger und Welser, -- an Frömmigkeit, Tugend und Ehrbarkeit reicher, als viele andere Städte, deren Ruhm sich nur auf einen Bischofssitz oder auf ein Residenzschloß gründete. -- Kehren Sie zurück zu ihrem frühern Beruf. Zeugen Sie inmitten der Verderbnis vom Reiche Gottes. Stellen Sie in Sinn und Wandel einen Handelsherrn dar, der seinen rechten Schatz im Himmel weiß, der wach und thätig in seinem Weltberufe, diesen verkläret durch das Bewußtsein seines höhern Berufes. Schämen Sie sich auch unter den Spöttern nicht des Evangeliums von Christo, geben Sie Rede und Antwort über Ihren Glauben vor Jedermann, erwerben Sie ihm Achtung auch von Denen, die ihn nicht teilen; und Sie sind, was Sie vorher zu werden wünschten, Sie sind ein Arbeiter im Weinberge des Herrn; und vielleicht gesegneter in Ihrer Ernte für Sein Reich, als wenn Sie die Stätten aufsuchten, die noch völlig brach liegen.«

»Sie eröffnen mir eine Aussicht,« erwiderte Oswald, »deren Reiz ich nicht verkenne; aber Sie senden mich zurück in einen Kampf, dem ich schon einmal nicht gewachsen war.«

»Doch nun angethan mit den Waffen des Lichtes, doch nun gerüstet mit dem Schwert des Glaubens und gedeckt von seinem Schilde! Wol aber ist Ihnen sorgsame Vorsicht, strenge Aufmerksamkeit not. Was der Herr auch Großes an Ihnen gethan, Sie sind, Oswald, doch noch eine junge Blüte im Glauben, die der Entwickelung und Ausbildung auch noch ferner sehr bedarf, ehe sie Andere erfreuen mag mit ihren Düften und Früchten. Bitten Sie Gott, daß Er Sie kräftige und vollbereite. So wird Er Sie darstellen zum Zeugnis, ohne daß Sie sich dazu drängen, ein Zeuge zu sein.«

Oswald wagte keine weitere Gegenrede, doch fühlte er sich verletzt durch das wenig verhehlte Mißtrauen in seine völlige Umwandlung zu einem neuen Menschen und hätte daran wol am besten erkennen können, wie gerecht dies Mißtrauen sei.

Zur weiteren Durchbildung und gleichsam Wurzelung im Heil wäre ein längerer Aufenthalt auf der Hallig und Hold's Anleitung und Anregung gewiß nützlich gewesen, und Oswald's Siegesfreude ging mehr allein aus dem Rückblick auf die Vergangenheit hervor, als daß sie von einem ernsten Aufschauen auf den Anfänger und Vollender des Glaubens begleitet war.

Vielleicht mochte auch Hold zu wenig auf die Macht des lebendigmachenden Glaubens rechnen, und eine Umwandlung, wie die vorliegende, nicht ganz zu würdigen wissen, weil sie als eine für ihn neue Erscheinung auftrat. Außerdem beurteilte er früher den jungen Mander nur nach Dem, was dieser selbst von sich erkennen ließ, und verborgen war ihm die leise Arbeit, wodurch der Geist Gottes, der die Herzen lenkt wie Wasserbäche, diesen scheinbar so dürren Boden schon lange empfänglich gemacht; wie ja auch Oswald diese stille Bereitung nicht verstanden, und darin nur Regungen kindischer Schwäche gesehen, die er bekämpfen, und, um den vermeinten Ruhm eines starken Geistes nicht zu verlieren, sorgfältig verbergen zu müssen glaubte. Und wer konnte zeugen von der furchtbaren Qual der Läuterung in jenen Stunden, als jede kommende Woge zu einem Boten ward, der das immer gleiche Wort wiederholte: »dem Menschen ist es gesetzt zu sterben, und darnach das Gericht!?« wer zeugen von seinen spätern schweren Kämpfen, bis der Morgenstern aufging in seinem Herzen?

Doch in seinen spätern Jahren machte auch Oswald noch manche trübe Erfahrungen, wie er sich im ersten Augenblick der Begeisterung zu viel zugetraut, wie auch unter dem Morgenrot der Gnadensonne noch Wolken und Stürme nicht fehlen, wie oft wir in einzelnen Momenten Höhen überstiegen, die wir nachher erst wieder mit Mühe erklimmen müssen. Die Kämpfe blieben für ihn nicht aus. Der Umwege wurden noch viele. Nur Das hatte er gewonnen, daß seine Augen aufgethan waren für das rechte Ziel, und daß er darum sich immer wieder auf den rechten Weg zurückfand, und daß die Thränen seiner Reue gesegnet waren mir dem Troste: »Freude ist im Himmel über einen Sünder, der Buße thut!«

Und mehr gewinnen ja auch die Meisten nicht vom Glauben an das Evangelium. Ihrer guten Werke sind vielleicht nicht mehr, als die Derer, welche das Heil in Christo verschmähen; aber sie wissen, daß diese Werke ohne Verdienst und Gerechtigkeit sind, und halten darum um derentwillen Nichts von sich selber, sondern bekennen in Demut ihr Zurückbleiben in der Nachfolge des Herrn. Sie sind vielleicht nicht stärker in der Versuchung als Jene; aber sie fühlen ihre Unwürdigkeit und kehren bald um in Reue und Buße und tragen Leid über ihre Sündhaftigkeit. Daher, wenn auch Beide wenig unterschieden sind nach ihrer äußerlichen Erscheinung, ist doch im Innern ein völliger Gegensatz. Hier Demut; dort Eitelkeit. Hier Betrübnis über den Mangel an Heiligung und immer tiefer gefühltes Bedürfnis der Erlösung; dort leichtsinniges Entschuldigen und Vergessen und Vertrauen auf das sogenannte »gute Herz« und auf die einzelnen löblichen Bestrebungen, als ausreichend zur Befriedigung der Forderungen des göttlichen Gesetzes.

Wir sagen: die Meisten gewinnen kaum mehr von ihrem Glauben an das Evangelium, und bekennen gern, daß sie schon damit unendlich Viel gewonnen haben; keineswegs aber wollen wir dieser Halbheit irgend einen Vorschub leisten; sondern stellen das Ziel der Vollendung auf, wonach wir unermüdlich ringen sollen mit Gebet und Flehen, mit Seufzern und Thränen, mit Wachen und Streiten, mit Treiben und Drängen, mit Sorgen und Hoffen: die völlige Erneuerung im Geiste des Gemütes, die Verklärung des inwendigen Menschen, die sich abspiegelt in allen Gedanken und Gefühlen, in allen Worten und Werken, die alles ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste austreibt, wie vor der Sonne die Nebel und Schatten schwinden; die Wiedergeburt, wodurch das Erdengeschöpf in seinem Wesen und Thun zu einem Kinde Gottes, und der Wandel auf Erden zu einem Wandel im Himmel wird, wodurch die Welt selbst dem also Wiedergeborenen auch zu einer neuen Schöpfung sich umwandelt, deren Freuden und Leiden nur Zeugnisse sind, daß sie Gottes Welt ist. Mit dem Glauben an die Erlösung tritt erst die Möglichkeit einer solchen Wiedergeburt ein, weil durch ihn im Menschen die Liebe, die reinste und stärkste Triebkraft im Himmel und auf Erden, auf das Göttliche gelenkt wird; aber dieser Glaube ist nicht die Wiedergeburt selbst, wie unsere Halbheit sich oft gern überreden möchte, er ist nur die notwendige Bedingung dazu und bleibt ein totes Erz und eine klingende Schelle, wenn er nicht in der Liebe thätig ist, in der Liebe, die da schaffet und wirket zur Heiligung des Sinnes und Wandels.

Aber -- wer darf dann auf Erden ein Wiedergeborner heißen? -- --

Laßt uns den Vater bitten, daß er uns unsere Schwachheit vergebe doch wehe uns, wenn wir sie uns selbst verzeihen!

XIX.

Reift mir auf Erden nicht Aehre noch Traube, Bleibt mir doch immer das hoffende Herz. Wird ihm zum Schauen auch nimmer der Glaube, Bricht es im Tode doch himmelwärts.

Die Nähe des Winters erinnerte die fremden Gäste der Hallig an ihre Abreise zu denken. Ungern entschlossen sich Mander und Oswald dazu, den Tag der Entfernung von einer Stätte zu bestimmen, die ihnen zu einem Altar des Höchsten geworden war. Dieses Eiland war ja ihr Vaterland, denn hier hatten sie zuerst mit vollem Lebensgefühl den Vaternamen stammeln lernen; hier in dem Irren und Wirren ihres Geistes die Ruhe gefunden, nach der sie so lange mehr oder minder gedurstet. Hier war für sie die Nacht gewichen und der Morgenstern aufgegangen in ihrem Herzen. Beide scheuten sich, wieder in die ihnen unheimlich gewordene Welt ihres früheren Lebens hinauszutreten. Dort mußten sie sich Gäste und Fremdlinge fühlen, während sie die Hallig als eine, wenn auch neue, doch für sie segensreiche Heimat liebten. Mit Schmerz dachten sie zugleich an die Trennung von Hold und seiner Gattin. Sie verehrten in ihm den Führer zum Lichte und zum Frieden, den Mann, dessen wissenschaftliche Geistesrichtung sich mit einem so kindlichen Glauben verschmolz, den Seelsorger, welcher bei aller Vielseitigkeit seiner Bildung dennoch für seine so unbedeutende Stellung im Amte zu leben schien. Sie verehrten in ihr das liebende Gemüt, das stille Walten im häuslichen Kreise; und an Beiden die Zufriedenheit in einem mehr als bescheidenen Erdenloose, in welchem Tausende, bei solcher Kenntnis des Besseren, sich höchst unglücklich gefühlt hätten. Sie wußten nicht, daß ein Halligprediger schon als solcher wenig geehrt wird, und daß dieser Titel bei Vielen genug ist, eine halb verächtliche Miene anzunehmen; aber hätten sie dies gewußt, dann würden sie auf die Entbehrungen und Entsagungen, auf die Mühseligkeiten und Gefahren eines solchen Amtes aufmerksam gemacht haben, würden die Aermlichkeit der Einnahme, die notwendige Beschäftigung mit all' den kleinlichen Arbeiten des Hauses und der Schafhürde, wodurch größtenteils allein jene Einnahme gewonnen wird, die Abgeschiedenheit von der Welt und allem wissenschaftlichen Verkehr haben reden lassen für Diesen und Jenen der Amtsbrüder Hold's, dem es an geselliger Gewandtheit im Leben und an übersichtlicher Kenntnis der Fortschritte der Wissenschaft fehlen mag. »Hat der Geistliche,« so hätte etwa ihre Verteidigung gelautet, »den Ihr bewundert wegen seiner Feinheit im Betragen und wegen seines Anstandes in vornehmen Zirkeln, den Ihr oben an setzet in der Zahl der Geistreichen, Hochgebildeten, Hochgelehrten, hat er die schönsten Jahre seiner Jugend und Manneskraft als Halligprediger verlebt? Hat er es versucht, was es heißt: aus der reichen Welt des Genusses in solche Entbehrung versetzt, mit dem warmen für die ganze Menschheit schlagenden Herzen auf solche vergessene Scholle verpflanzt, aus dem blühenden Paradiese hoffnungsvoller Jugendträume in solcher Umgebung zu erwachen, in welcher die Natur nicht weniger als der Mensch darbt, wie keine noch so kahle Haide darbt, von den Quellen des Wissens in solche für den Geist nahrungslose Oede verbannt, zu solchen niedern Arbeiten, zu solchem Betriebe eines Schafzüchters verurteilt zu werden? Hat er es versucht, was es heißt: bei einem so spärlichen, auf solche Art verdienten Lohne hauszuhalten und dabei in jeder kommenden Sturmflut den Tod vor Augen zu sehen, und wenn Weib und Kind ihn überleben, diese als Bettler in die Welt hinausgestoßen zu wissen? Fraget ihn, auf sein Gewissen, ob er dann noch der Mann geblieben wäre, als den Ihr ihn jetzt lobt und ehrt? Fraget ihn, ob er sich getraue in solcher Lage auch nur einige Jahre hindurch, -- und mancher Halligprediger kommt zeitlebens nicht von seiner Scholle, -- sich jene Kraft zu bewahren, die an dem innern Lohn und an dem Bewußstein von dem Segen seines Amtes genug hat, und die eben darum Geist und Herz aufrecht hält selbst in solcher Kümmerlichkeit des äußerlichen Daseins?«

Für Euch, seine früheren Amtsgenossen, will der Verfasser dieser Bogen, -- der sich nicht schämt, daran zu erinnern, daß auch er ein Halligpriester, wie man Euch oft nennt und damit meint etwas Spöttisches gesagt zu haben, in den ersten Jahren seiner Amtsführung war, und vielleicht noch wäre, wenn ihm das Meer nicht zweimal die Kirche weggerissen, deren neuer Aufbau zuletzt unthunlich ward, -- hiermit ein Wort des Ernstes wider die stolz auf Euch Niederblickenden gesagt haben. Es wird dieses Wort Euch keine Frucht bringen und keine Hand bewegen, einen Fond zu sammeln, um wenigstens für den wissenschaftlichen Bedarf zu sorgen, ohne den auch der denkendste und gelehrteste junge Geistliche bald dem Stande der Wissenschaft nicht mehr gewachsen sein wird, und ohne den es ein wahrhaft seltener Sieg über die Schwäche der menschlichen Natur sein muß, wenn nicht Mangel, Einsamkeit, Elementarunterricht, Besorgung der Wollheerde, Abhängigkeit vom Preise des von ihr gewonnenen Produkts allmälig den älteren Mann abstumpfen für die höhere Richtung des Geistes. Nur wer _vor_ dieser Prüfung schon völlig durchgedrungen ist zum rechten Leben im Geiste, mag in ihr bewährt erfunden werden. Für Den, welchen sie vor der Reife trifft, ist die Bitte not, daß sie nicht lange währe. Wenn auch fruchtlos, sei doch für Euch mit warmem Eifer geredet ein Wort des Bruders, der über die Wasser hin Euch die Hand reicht, und dem es lange ein Bedürfnis war, für Euch zu sprechen. Kommt auch sein Wort leer zu ihm zurück von der Herzenspforte Derer, welche aus ihrer sichern und bequemen Höhe auf Euch herabsehen, Eurem Herzen wird es wolthuend sein; und es ist das erste, das öffentlich Eure gute Sache führt wider die ungerechte Beurteilung und wenige Berücksichtigung Eures Märtyrertums im Dienste der Kirche.[2]

Idalia fand es, da der Tag der Abreise bestimmt ward, durchaus notwendig, mit Godber offen zu reden. Gern hätte sie das ganze Verhältnis sich ohne eine solche Entwicklung lösen sehen. Sie war mit ihren Gedanken schon der Abreise vorausgeeilt und sah sich wieder in der glänzenden Umgebung der Vaterstadt, in allen Genüssen eines reichbewegten Lebens. Dort hoffte sie auch, würden ihr Vater und ihr Bruder von den wunderlichen Grillen, welchen nur die Einsamkeit und die Gespräche mit Hold Nahrung geben konnten, bald wieder genesen. Ihre Abneigung gegen den mystischen Anstrich, wie sie es nannte, verleidete ihr die Hallig nun ganz, und ihr Mißfallen an dieser erstreckte sich auch auf ihr Verhältnis zu Godber, der ja mit seiner Hallig so völlig eins war, daß er zu schwanken schien, ob er dieser oder seiner Liebe entsagen solle. Freilich sprach sich in Godber's Benehmen noch immer die alte Zärtlichkeit aus; aber sie wußte ja doch, daß er nicht ohne Bedenken die Heimat um ihretwillen verlassen würde, und seine Weichheit und Hingebung kam ihr jetzt, da in ihrem Herzen seine Neigung keinen gleichen Anklang mehr fand, unmännlich und kindisch vor. Sie konnte nicht begreifen, wie sie früher an ein engeres Verhältnis mit ihm habe denken können. Sie wußte nicht mehr, was sie Ungewöhnliches und Anziehendes an ihm gefunden, und schalt sich eine Thörin, daß sie sich von der Dankbarkeit für ihre Lebensrettung habe so weit führen lassen. Sie fürchtete nun im Ernst, daß er sich noch entschließen möchte, ihr zu folgen, und machte sich allerlei Pläne, wie sie ihn, wenn er mit nach Hamburg kommen sollte, allmälig nötigen wollte, sich so in den Hintergrund zu ziehen, daß er jede Hoffnung auf ihren Besitz aufgeben müsse. Aber fragen mußte sie ihn doch nun erst, denn er schien ja nicht reden zu wollen, obgleich sie schon durch Ablegung der Kleidung der Hallig ihm ihre Meinung deutlich genug offenbart, und vergebens auch suchte sie durch Kälte und Verschlossenheit ihn zu reizen; es war, als ob er nur desto magnetischer zu ihr hingezogen würde, je mehr sie ihn zurückstieß. Wol mußte er merken, daß seine Liebe nicht mehr wie früher erwidert ward, wol war auch seine Leidenschaft für sie erkaltet, doch kettete ihn das Bedürfnis, einen Gegenstand zu haben, über den er sich selbst vergessen könnte, an Idalia. Er sah ihre peinliche Frage voraus, sah die Stunde der Entscheidung immer näher kommen, und wich doch ängstlich jeder Hindeutung auf dieselbe aus.

[Fußnote 2: Durch obige Worte veranlaßt, haben einige edle Frauen in Kopenhagen einen Versuch gemacht, die Lage der Halligprediger zu verbessern. So wenig nun auch das Resultat ihren Wünschen entsprach, so wollte ich doch nicht ihre Bemühungen mit Stillschweigen übergehen. Die Zinsen des zusammengebrachten Kapitals werden wenigstens dazu dienen, in der Zukunft einer etwaigen Witwe eines Halligpredigers einen kleinen Zuschuß zu dem dürftigen Witwengehalt zu geben, und so wird auch diesem Scherflein der Dank nicht fehlen. Auch ich, dem von einer dänischen Insel her das einzige Zeugnis ward, daß mein Wort für die Halligprediger nicht ganz ohne Anklang geblieben sei, nehme meinen Gruß an diese Insel, freilich in Erwartung eines reicheren Ausfalls damals dargebracht, nicht zurück und setze den letzten Vers dieses Grußes noch mit ebenso warmem Herzen hierher, wie ich ihn zuerst niederschrieb:

Hilfer hoit, i Gaedestoner, Den, hvor i Kamp og Raad Borgerdyd hver Tinding kroner; Taarer fandt jeg der og -- Daad.]

An einem heitern Novembertage stand er am Ufer des Meeres und blickte auf das Spiel der Wellen zu seinen Füßen. Eine wehmütige Rührung breitete ihren weichen Schleier immer weiter über seine Gedanken und Gefühle und sänftigte sie, wie die Mutter das unruhige Kind, wenn sie es in ihr Gewand hüllt und an die warme Liebesbrust drückt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft flossen ihm wie in eine Thräne zusammen, in welcher all' sein Träumen und Sehnen sich zu dem lieblichen Bilde eines friedlichen Stilllebens ausmalte; aber ob vom aufgehenden Morgenstrahl oder vom scheidenden Abendrot dies Bild beleuchtet werde, das wußte er nicht; nur daß es ein Bild nicht der Wirklichkeit, sondern nur der Sehnsucht sei, erinnerte ihn die feuchte Perle, die über seine Wangen niederrollte. Lange stand er so da, in dem Vergessen, das doch wieder kein Vergessen ist, indem um die Schwinge des schönsten Traumes immer noch der Flor der Trauer weht, und das Herz zu keiner stolzen Höhe voll Licht und Seligkeit zu erheben vermag. In solcher Stimmung erschien ihm seine Hallig als der einzige Fleck der Erde, der ihm zusagen konnte, als die Stätte, auf der allein die Wunden seiner Brust Heilung finden würden; es war ihm unmöglich sich in den Verkehr der Welt hineinzudenken, und er schauderte vor der furchtbaren Einsamkeit und Verlassenheit unter den Menschen, die sich in dem lauten Treiben des Lebens bewegten.