Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee
Part 15
»O Ihr fragt, ihr glaubt nicht!« klagte diese händeringend, »und unterdessen versinkt mein Gatte in den Fluten. Ihr saht ihn nicht, wie ich ihn sah. An mein Fenster klopfte sein Finger. Ich eilte freudig vor die Hausthür. Er stand da. Ich sah sein Gesicht so hell im Nebel. Ich wollte ihn umarmen und in's Haus führen. Aber da flossen seine Züge auseinander, und wie sie verschwammen, hörte ich den Seufzer: »mein armes, armes Weib!« O Godber, hab' Erbarmen und fahre hinaus. Ich will mit Dir, ich bin stark genug zum Rudern. Du weißt nicht, wie stark die Frau und Mutter ist, die für den Gatten kämpft.«
Vergebens bemühte sich Mander, die Verstörte auf die Macht der Einbildungskraft hinzuweisen, und wie natürlich es sei, daß ihre Liebe, die jede Abwesenheit des geliebten Mannes so schwer ertrüge, ihr allerlei schreckhafte Bilder vorgaukele, die ihren Grund nur in ihrer Sehnsucht nach dem Abwesenden hätten, und in dem vielleicht in der Einsamkeit zu weit verfolgten Gedanken: wie, wenn er einmal von solcher Reise nicht wiederkehrte? Vergebens sprach Godber zu ihr vom Winde, vom Wetter, von der Flut, wie durchaus keine Gefahr denkbar sei, aber eine Verzögerung notwendig hätte eintreten müssen. Die Pastorin setzte diesem Allem immer wieder die ihr gewordene Erscheinung entgegen. Sie gab genau an, was sie vorher bis zu dem Augenblick dieses Gesichtes gedacht und gethan, sie erklärte, gerade in jenem Momente nur ein heiteres Bild der Heimkehr vor der Seele gehabt zu haben, und sprach mit solcher Sicherheit der Ueberzeugung und solcher bestimmten Ausmalung der kleinsten Umstände, daß wenigstens der offene Widerspruch verstummte. Ja Godber, der mit den meisten Seeleuten die Empfänglichkeit für den Glauben an geheimnisvolle Einwirkungen und wunderbare Vorbedeutungen teilte, hatte kaum noch einen Zweifel daran, daß hier etwas dergleichen sich kund gebe. Als daher bei der Pastorin die Angst um den Gatten wie eine für kurze Zeit mühsam zurückgehaltene Flut wieder alle ihre Gedanken und Empfindungen überwogte und sie mit den herzzerreissendsten Jammertönen ihn anflehte: »Godber, rett' ihn, rett' ihn!« beeilte er sich, ihren Bitten zu willfahren. Mander und Idalia begleiteten aber die von der Sorge um ihren Gatten gequälte Frau, bei der nun, da sie ihren Zweck erreicht hatte, eine Erschöpfung aller Kräfte eintrat, und die doch nicht länger von ihrem Kinde entfernt bleiben wollte, nach Hause, während Godber mit den beiden Seeleuten, seinen früheren Schiffsgenossen, an den Strand ging und sein Boot bestieg. Glücklicherweise lag dieses, da es am nächsten Morgen zur Ueberführung einiger Kisten von der geborgenen Ladung auf ein Frachtschiff gebraucht werden sollte, auf einer Stelle, von der sie, wiewohl die Flut eben erst das Gestade benetzte, gleich fortrudern konnten; und obschon der Nebel noch wenig gesunken war, fanden sie doch das Schiff, das sie suchten, bald auf, da der Eine der Matrosen es kurz vor dem Eintritt der hohlen Ebbe hatte vor Anker gehen sehen. Als ihr lauter, mit kurzen Unterbrechungen vom ersten Gewahren des Schiffes an fortgesetzter Ruf unbeantwortet blieb; als sie auf das Verdeck, in die Kajüte hinabstiegen und keine Seele antrafen, da blieb kein Zweifel übrig, daß die Unglücklichen, die auf dem Fahrzeuge gewesen waren, irgendwo auf dem Schlick umherirrten, oder vielleicht schon dem anschwellenden Meere zur Beute geworden waren. Wo sie suchen? Nach welcher Gegend hin das Boot wenden? Godber stand eben mit diesen Fragen auf dem Verdeck, sah mit dem angestrengtesten Blick, als könnte er die dichten Dünste mit seinem Auge durchspähen, rings umher und hörte das Plätschern der Wellen um den Kiel mit einem Grausen, als stände er, selber ein ratloses Opfer, mitten in den andrängenden Fluten; da -- »Horch! was war das?« riefen alle drei Männer auf einmal. Es kam durch den Nebel hin wie ein pfeifender Schrei aus weiter, weiter Ferne her. Wir wissen, daß es Oswald's gellender Angstruf war, und auch jene glaubten darin einen Hülferuf der Gesuchten zu hören. Sie wurden freilich wieder zweifelhaft, als ihr vereintes Geschrei keine Antwort brachte, obwohl sie es mehrmals wiederholten. Doch da jede Richtung, die sie hätten einschlagen können, gleich ungewiß war, so zogen sie die Richtung vor, von welcher sie jenen Ton vernommen. Rasch ruderten sie vorwärts, wechselten oft, um immer mit gleicher Kraft den Lauf des Bootes zu beschleunigen, hielten nur zuweilen einige Augenblicke an, um auf eine Antwort auf ihren Ruf zu horchen. Da diese aber immer ausblieb, da die Flut schon so hoch gestiegen war, daß in der Gegend, wo sie sich befanden, es kaum noch denkbar schien, die Unglücklichen, wenn sie sich hieher verirrt hätten, am Leben zu finden, und da, obgleich der Nebel nicht mehr die Aussicht hinderte, die Fläche des Meeres, so weit sie übersehen werden konnte, nur das ununterbrochene Spiel der Wellen im Sternenlicht zeigte, so beschlossen sie, noch einmal alle Kraft zu einem gemeinsamen Ruf zu vereinen, und dann eine andere Richtung zu nehmen.
Wir kehren jetzt zu Denen zurück, die wir in der äußersten Todesgefahr verließen. Ihre Kraft, dem immer höher anschwellenden Meere zu widerstehen und sich gegen die wogende Flut aufrecht zu halten, nahm mehr und mehr ab. Wäre der Wind nicht so ganz still gewesen, dann würden sie schon längst ihren Tod gefunden haben. Die Begeisterung, welche Hold und durch seine Ansprache auch die beiden Männer von der Hallig über die Not des Augenblickes emporgetragen, war in eine schweigende, fast bewußtlose Ergebung übergegangen, während in Oswald's Brust bei völliger Erstarrung des Körpers alle Schrecken des kommenden Gerichts forttobten, und das vergebliche Ringen nach irgend einem Gnadenworte ihn bis zur wahnsinnigen Verzweiflung hinaufmarterte. Wohl hatte er in seinen früheren Lebensverhältnissen zu Denen gehört, welche sich in den Gesetzen äußerlicher Ehrbarkeit bewegen, wenn sie auch die Grenzen dieser äußerlichen Ehrbarkeit so weit stecken, daß allerlei sogenannte natürliche Schwachheitssünden mit hineinpassen; wohl hatte er in dem ihm nie versagten Titel eines liebenswürdigen, gefälligen, unterhaltenden jungen Mannes das Ziel aller Forderungen, die an ihn gemacht werden könnten, erreicht geglaubt, und dennoch -- jetzt diese schreckliche Leere und Blöße im Angesicht der Einigkeit! Warum ließ ihn denn das »gute Herz,« dessen er sich doch in allen einzelnen ernsteren Augenblicken sonst so wohl zu getrösten wußte, nun so ganz ohne Trost und Hoffen? Seine Freundlichkeit gegen Jedermann, seine Teilnahme für Anderer Wohl und Wehe, seine Bereitwilligkeit, ihr Bestes zu fördern, sein Fleiß in seinem Berufe, ja selbst seine Rührung in, früher wenigstens, nicht so ganz seltenen Momenten beim Aufblick zum Sternenhimmel, beim Lesen schöner Stellen in Dichterwerken, wodurch er sein weiches, empfängliches Gemüt bekundet, konnte ihm solcher Ruhm jetzt nicht helfen in der Nähe des Todes? Warum wich dies Alles so scheu nun aus seinem Gedächtnis hinweg, daß er es herzerren mußte in seine Erinnerung, und es dennoch, wenn er darauf haften wollte, gleich einem flüchtigen Schatten wieder entschwunden merkte? Warum lag trotz diesem Allen sein Leben vor ihm wie eine nackte, dürre Haide, auf der kein Blümchen sich pflücken ließ für die Ernte, die jetzt nach seiner Aussaat fragte? Waren doch Tausende noch lange nicht wert, ihm gleichgestellt zu werden, und Tausende so tief versunken in Sünde und Schande, daß er gegen sie noch ein Heiliger genannt werden konnte; und doch -- warum wendete der Herzenskündiger, den ja die Frommen als den Gott der Liebe und der Gnade bezeichnen, nicht das Flammenschwert des Gerichtes von ihm ab, das ihm die Seele durchschnitt und das innerste Mark seiner Kraft verzehrte? Warum rollte, ein immer näher kommender Donner, vor seinem Ohr das furchtbare: Verloren! Verloren!?
Könnten auch Dir vielleicht, lieber Leser, wenn Gott ähnliche Schreckensstunden über Dich verhängte, gleiche Fragen den letzten Kampf schwer machen?
Dieser Kampf schien für die von den Fluten fast Bedeckten gekommen.
»Herr, in Deine Hände!« rief Hold, und glaubte das letzte Wort für sich und seine Gefährten gesprochen zu haben; da -- da scholl ein mächtiger Ruf über die Wasser hin und zuckte durch die Seelen Derer, die schon jede Lebenshoffnung aufgegeben, wie ein Auferstehungsgruß. Aber eine lange Minute voll Entzücken und voll Angst ging darüber hin, ehe sie zu antworten vermochten. Die ersten Laute waren kaum mehr, als ein bloßes Aufatmen aus den Tiefen der Brust und dienten nur dazu, die Furcht zu wecken, daß ihre Stimme gar nicht hörbar werden würde. Zugleich war jene schwer errungene Ergebung in Gottes Willen plötzlich mit jenem Ruf von ihnen gewichen, und das volle Gefühl ihrer schrecklichen Lage, das Gedächtnis der Lieben, die ihr Tod in Gram und Herzeleid versenken würde, wieder in seiner ganzen Stärke zurückgekehrt. Endlich riß sich mit der furchtbarsten Anstrengung aus jeder Brust ein Schrei los, der weithin gellte, und der, da das Band der Zunge einmal gelöst war, fast ununterbrochen fortdauerte, ja immer stärker wurde, je näher die Antworten tönten. Und nun hob es sich dort wie eine schwarze Woge und rauschte heran ein Boot, getrieben von starken Ruderschlägen, welche die im Sternenlicht blitzenden Wassertropfen wie ein Feuerregen von sich sprühten. Ein wirres Jauchzen klang herüber, hinüber. Schauer des höchsten Entzückens rieselten durch die Gebeine der dem Leben Wiedergegebenen. In sehnsüchtiger Erwartung streckten sie schon von fern ihre Arme dem Nachen entgegen, der, von der begeisterten Kraft seiner Ruderer getrieben, je näher dem Ziel mit desto rascherem Fluge durch die Wellen schäumte. Jetzt war er bei ihnen. Der Freudenruf der Retter verschmolz mit dem Jubel der Geretteten, und bald trug das eben im letzten Augenblick Erlösung bringende Boot froh die dem Meere entrissenen Opfer dem heimatlichen Heerde zu.
XVIII.
Nur Spiegel ist das Leben, Das Herz ist die Gestalt; Das Wort, das _Du_ gegeben, Tönt her nur aus dem Wald.
Auf der Hallig war die Absendung des Bootes und die Ursache dieser ungewöhnlichen Maßregel schnell bekannt geworden. Daher fanden die Ankommenden die ganze Gemeinde am Strande versammelt. Schon von weitem sah man, daß Niemand fehle, und die ängstliche Besorgnis der Pastorin wurde als Zeugnis ihrer Liebe zu dem Gatten gutmütig entschuldigt. Als aber nun kund ward, in welcher Gefahr die vier Männer geschwebt hatten, als deren völlige Erschöpfung diese Gefahr auf das Deutlichste bezeugte, da wandten sich Aller Augen auf die Frau, deren lebendige Ahnung sie nun als das Werkzeug des barmherzigen Gottes erscheinen ließ. Sie aber hing sprachlos im Arm des geliebten Mannes und teilte ihre seliglächelnden Blicke zwischen ihm und dem Sternenhimmel. Dahin deutete sie auch, als eine der Frauen, deren Gatte mit Hold gewesen war, ihr laut dessen Rettung zuschrieb. In ihren Häusern angekommen, fühlten die Geretteten erst ganz die körperlichen Folgen der überstandenen Gefahr. In dem Maße, wie die natürliche Aufregung des Geistes sich in der Ruhe sänftigte, nahm die leibliche Schwäche bis zur völligen Ohnmacht zu und weckte neue Besorgnisse in der Brust der Lieben. Der nächste Tag ging ihnen in einem Halbtraum hin, von dem sie kaum auf wenige Augenblicke erwachten, um die ihnen dargebotenen stärkenden Mittel zu sich zu nehmen. Hold, der dem Ansehen nach am wenigsten kraftvolle, war doch der erste, der geistig und körperlich Alles überwunden hatte. Vielleicht deswegen, weil sein Gemüt eher als die Andern die wohlthuende Richtung nach Oben nahm und in freudigem Dank gegen Gott sich ergoß. Oswald lag mehrere Tage in einem unruhigen, durch krampfhafte Erschütterungen und ängstliche Träume unterbrochenen Schlummer und bedurfte sorgfältiger ärztlicher Pflege. Erst am fünften Morgen erwachte er neugestärkt nach einem mehrstündigen, tiefen Schlaf, aber es gingen noch einige Tage hin, ehe er zum ersten Male auf längere Zeit das Bett verlassen konnte. An seines Vaters Arm wandelte er in der Stube auf und nieder und suchte im Gespräch mit demselben über das Vorgefallene schon wieder seine alten leichtsinnigen Redensarten hervor, freilich jetzt mit einem ihn oft übermannenden inneren Widerstreben. Der alte Mander aber war ernst und feierlich, und sagte endlich:
»Oswald, laß uns nicht widerstreben Gottes Fügungen. Ja, er hat uns auf dies Eiland geführt, daß wir erkennen sollen das Eine, was not thut. Er will uns retten! Auch mich hat er auf's Neue ergriffen mit Dem, was Er über Dich verhängt in jenen schrecklichen Stunden Deines Lebens. Ich kann Ihm nicht länger widerstehen. Ich muß Ihn loben und Ihm danken, daß Seine Gnade größer gewesen ist, als meine Verblendung und meine Schuld. Ich will fortan Ihm, nur Ihm allein dienen, und möchte sagen können: ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen! Wie furchtbar hat Er sich Dir offenbart in Seinem Gericht, und doch zugleich auch in Seiner Gnade, die nicht will, daß Einer verloren gehe, sondern Jedermann sich zu Ihm kehre und Buße thue. Wie die Hausmutter einen Brand aus dem Feuer reißt, daß er nicht ganz verzehret werde, so reißt auch der Herr Deine Seele zu sich. Oswald, mein Sohn, widerstrebe Ihm nicht länger!«
»Aber, Vater,« erwiderte Oswald, ebenso verlegen, als bewegt bei Mander's sichtbarer Rührung, »soll ich denn meine Jugend einem finstern, freudenlosen Ernst opfern?«
»Nein, nicht opfern,« rief Mander, »heiligen, verklären sollst Du sie und Dein ganzes Leben bis an's Ende mit einer Freude, die mehr ist und reicher giebt, als Alles, was Du bisher an Lust und Genuß gekannt hast. Eine innere sichere Freudigkeit sollst Du gewinnen, die selbst Stunden der Angst, wie die, welche Dich für immer gezeichnet haben, überwinden lehrt.«
Oswald hatte, in Verwunderung über die Worte: »welche Dich für immer gezeichnet haben,« einen Blick in den Spiegel geworfen, und blieb voll starren Entsetzens vor demselben stehen. »Im grauen Haar,« hatte er spottend zu Hold gesagt, »wolle auch er an seine Bekehrung denken,« und siehe! nun hatte die eine schreckliche Nacht sein Haar grau gefärbt; er war ein Greis geworden in der Blüte der Jugend. Lange blieb er bebend an allen Gliedern, mit der Blässe des Todes übergossen, lautlos in seiner Stellung, dann sank er mit dem Ausruf: »Gott, ich erkenne Dich!« seinem Vater ohnmächtig in die Arme.
Als er wieder zu sich selbst kam, verlangte er nach einem Spiegel, den er aber nach dem ersten Blick in denselben sogleich wieder schaudernd und stöhnend von sich wies. Auf alles Zureden, sich zu beruhigen, antwortete er nur mit abgebrochenen Lauten, welche bald die von allen Schrecken der Verzweiflung gemarterte Seele, bald das nach dem Trost aus der Höhe lechzende Herz verkündeten.
»Laßt ihn allein!« sagte Hold, an den Mander sich gewandt hatte. »Es ist genug, wenn er still beobachtet wird; merken muß er es nicht. Der Herr hat ihn ergriffen und will einen Kampf mit ihm ausringen, in welchem jede menschliche Hülfe eine unnütze, ja gefährliche Zuthat ist. Oswald muß noch Stunden erfahren und durchleben, furchtbarer als die in der See, und es ist nicht gut, wenn ihm das rettende Boot zu früh entgegengeführt wird. Er möchte es dann bald wieder verlassen.«
Und der besorgte Vater sah und hörte, wie Oswald sich vom Lager aufriß, mit hastigen Schritten trotz seiner früheren Mattigkeit in der Stube auf- und abeilte, jetzt mit beiden Händen die Augen bedeckte und am Rande seines Bettes das Gesicht in die Kissen begrub, wie er nun zu beten versuchte, nun sich alle Hoffnung auf Gott absprach, bald wieder mehr wie ein unruhig Träumender, als wie ein Schlafender lautlos dalag. Erst gegen Abend hörte man ihn auf seinem Bette still schluchzen und weinen, und in diesem Zustande nahm er schwach und willenlos die leibliche Erquickung an, die sein Vater ihm darbot. Auf dessen Frage aber nach seinem Befinden, ergriff er die Hände desselben, benetzte sie mit heißen Thränen und flehte:
»Vater, Vater, vergieb mir!«
»Laß uns Beide Gott bitten, uns zu vergeben, mein Kind,« erwiderte Mander weich, und seine Thränen mischten sich mit denen seines Sohnes.
Doch der Gedanke an die Notwendigkeit der göttlichen Vergebung regte alle Schrecken der letzten Stunden wieder auf in Oswald's Brust, und Mander hatte eine Nacht am Lager seines Sohnes, von der er nachher selbst gestand, daß sie eine Schule der strengsten, aber zugleich heilsamsten Zucht auch für ihn gewesen sei.
Der Morgen kam, und mit ihm kam für Oswald das schöpferische Werde mit seinem Siegesruf: »das Alte ist vergangen, und siehe! Alles ist neu geworden!« Der Sturm des Aufruhrs in seiner Brust schwieg, das Meer lag still und eben, und Gottes Sterne spiegelten sich in seinen friedvollen Tiefen. Dieser Uebergang aus der qualvollsten Unruhe zur seligsten Ruhe glich nicht dem langsamen Sinken der Wellen, wenn der Flügelschlag der Windsbraut immer matter und matter wird, sondern jener wunderbaren Wandlung, als der Herr hörte die Bitte Seiner Jünger: »Herr, hilf uns! wir verderben!« und stand auf und bedräuete Wind und Meer. Da ward es ganz stille. Auf gleiche Weise hatte auch hier das angstvolle: »Herr, hilf uns! wir verderben!« die rechte Zeit und Stunde gefunden, und aus der tobendsten Wetternacht trat plötzlich die Sonne siegstrahlend und friedebringend hervor. So hat oft die Stunde der geistigen Wiedergeburt in der Stunde der leiblichen Geburt ihr Gleichnis. Wie dort die schwersten Wehen mit einem Augenblick in die Seligkeit aufgehen, daß das Kindlein geboren ist, so fühlt hier sich die Seele auf einmal aller Zweifel und Schrecken, aller Banden und Kämpfe entlastet und ruht gläubig selig am Vaterherzen. Und haben nicht alle Stunden der Andacht, wenn sie nicht ein bloses Anklopfen bleiben sollen ohne Eingang zum Vater, solche Momente, in denen das Gefühl der Gottesnähe und die Freude der Gemeinschaft mit ihm das Herz überwallen ohne allmälige Entwicklung, ohne spätere Steigerung?« -- Oswald war wie ein Kind, das aus dem ängstlichen Traum erwacht und -- den hellen Glanz der Weihnachtsfreuden vor sich ausgebreitet sieht. Kein Gedanke an die Schrecken, die noch eben seine Seele durchschauerten, störte das Hosianna des neuen Lebens.
Mander's Empfindungen waren mehr nur ein Nachklang der Gefühle Oswald's und seine Freude darüber, daß dieser den Frieden gefunden, ließ es bei ihm nicht gleich zur vollen Anerkennung dessen kommen, was er selbst in dieser Nacht gewonnen.
Hold fand ihn in der Frühe dieses Tages auf den Knieen am Lager des Sohnes. Beider Hände waren in einander geschlungen zum gemeinschaftlichen. Gebet. Beider Augen, in denen noch die letzten Thränen schwammen, verloren im Aufschauen zu Dem, der ihnen Seine heilsame Gnade hatte widerfahren lassen.
Das Werk des heiligen Geistes war vollbracht. Daher sprach Hold nur wenig. Sein Wort berührte keine Vergangenheit, gab keine Mahnung für die Zukunft, sondern war mehr nur der Segen zum Schlusse, das letzte nachtönende Hallelujah der Friedensfeier.
Erst am zweiten und dritten Tage ließ Hold sich auf eine längere Unterredung ein und fand den jungen Mander so empfänglich für alle Segnungen und Verheißungen des Evangeliums, so bereit und willig, in alle Tiefen des Glaubens zu folgen, ja nach der ersten Hinleitung und Anweisung so klar und entschieden in seinem Verständnis der Offenbarungen Gottes, daß er voll Verwunderung ausrief:
»Seit wann haben Sie das Alles gelernt?«
»Gelernt?« antwortete Oswald. »Weiß ich's doch selbst nicht, wann und wie? Jene qualvollen Stunden in der See kommen mir vor wie Hammerschläge, die nur das Golderz an das Tageslicht bringen, das lange harrte der Erlösung von den Schlacken. Wie schrecklich mir auch jene und die nachfolgenden Stunden waren, jetzt ist es mir, als hätte ich Nichts erduldet für den Frieden der nun mein Teil ist; als müßte ich einen noch viel herberen Kelch trinken, um nur einigermaßen den Gnadenreichtum aufzuwiegen, der seine Fülle über mich ausgeschüttet. O, wie ist Gott so voll Liebe, Güte und Barmherzigkeit, weit, weit über unser Wissen und Verstehen! Und ich konnte Ihn so lange verkennen! Wie vielfach hat Er mich geladen. Ich sehe Ihn nun so sorgsam um meine Seele bemüht von Anfang an; verstehe nun jede Stimme an mein Herz, die früher mir unbeachtet verhallte. Ja, mein ganzes vergangenes Leben liegt vor mir als eine ununterbrochene Kette von Ansprüchen an mein Herz, von Mahnungen für mein Gewissen, von Hinweisungen auf den rechten Weg, von Erinnerungen an Sein Gericht. Wie konnte ich doch nur so taub und verblendet sein?«
»Wir taufen die Kinder mit Wasser,« sagte Hold für sich; »aber Gott wählet Seine Stunde, sie mit Geist zu taufen. Und sollen wir denn die Gnade richten, wenn wir meinen, unsere Bereitung zu dieser Taufe sei länger und schmerzlicher gewesen, und die Taufe selber doch nicht gabenreicher, als die des andern Kindes, das Gott bestimmt hat zu einem Zeugnis Seiner wunderbaren Liebesmacht?«
War dies Selbstgespräch Hold's, der erst nach schweren Kämpfen und auf weiten Umwegen durchgedrungen war zu der Glaubenshöhe, auf der er stand, eine Anwandlung von Neid, oder ein kluges Mißtrauen in die Wiedergeburt des früher so gottentfremdeten Jünglings? Vielleicht kam das Erstere zum Letzteren mit hinzu, ohne daß Hold selbst das Eine von dem Andern in seinen Gedanken klar unterschied.
Am folgenden Morgen gab Oswald seinen Entschluß zu erkennen, sich zum Missionar vorzubereiten.
»Ich muß,« rief er, »hinaus unter die Heiden! Ich möchte meine Arme ausstrecken nach Allen, die noch wandeln in der Finsternis, und ihnen zurufen; Gehet ein zu Eures Herrn Friede! Es wird die Liebe, die ich erfahren, mir zur Last und Bürde, wenn ich Nichts dafür thun und leiden kann. Sie wird zu einer Flamme, die mich verzehrt, wenn ich nicht Andern von ihrer Glut mittheilen soll.«
Hold bekämpfte diesen Entschluß; anfangs damit, daß er den Rat gab, nicht bei der ersten Aufwallung der Begeisterung auf die Beharrlichkeit zu rechnen, die dem Apostel nötig sei. Als aber Oswald die gänzliche Umwandlung seines Wesens und Charakters versicherte, als er es für seinen künftigen Frieden durchaus notwendig erklärte, für das Evangelium in Not und Tod zu gehen, da erinnerte Hold mit einer Strenge, die in seinen vorhin angedeuteten Gedanken über Oswald's Umwandlung ihre Erklärung findet:
»Wie schwer lernen wir es, wahrhaft demütigen Herzens zu sein! Wie sehr sträuben wir uns noch immer gegen das Empfangen und wollen nehmen, wollen uns selber geben, wenigstens nach Möglichkeit abverdienen, was wir dem Herrn verdanken. So wollen auch Sie jetzt kämpfen, tragen und dulden, um sich doch am Ende noch ein wenig eigen Verdienst zurechnen zu können bei der reinen Gnadenthat des Vaters im Himmel.«
»O, gewiß nicht!« rief Oswald. »Ich fühl' es so ganz, daß Nichts mein ist, daß Alles Sein ist, daß nur Sein warmer Frühlingsodem die kalte Winternacht weggehaucht hat von der Wüste meines Lebens. Mir ist so wunderbar neu zu Mute, wie die Erde, wenn sie eine Seele hätte, fühlen müßte in den Tagen des Lenzes, vor dessen Blick die lange erstarrten Ströme niederschmelzen und alle Quellen wieder rieseln, auf dessen Gang die Keime wieder erwachen zum Leben und zu Blüten und Düften aufschwellen im Sonnenlicht. Ich will ja weiter Nichts, als dies Blühen und Duften hinaustragen in die Wüste, wo noch der Winter lagert. Ich will ja nur eine Seele suchen, die mit mir erwacht zum Leben, mit mir den Vater preist, der so Großes an uns gethan.«