Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee
Part 14
Sobald der Nebel aufkam, wandten sich Aller Blicke unwillkürlich auf das Schiff zurück. Wenn nur noch irgend etwas zu sehen gewesen wäre! Aber die weiter als drei Schritte von einander standen, waren ja schon nicht mehr für einander da und mußten sich durch Rufen zusammenfinden. Oswald ahnte noch nicht die Größe der Gefahr und konnte sich in das ängstliche Beraten der andern nicht finden, da er meinte, sie müßten bald das Ufer gewinnen, wenn sie nur darauf hielten, die gerade Richtung nicht zu verfehlen. Auch der Schluß der Beratung fiel dahin aus, vorwärts zu gehen, weil die freilich entferntere Hallig sich doch immer in diesem Nebelmeer wahrscheinlicher treffen ließ, als das nahe, aber leicht zu verfehlende Schiff. Oswald schritt keck voran und trällerte ein Liedchen. Doch als tiefere Stellen, die nicht zu durchwaten waren, umgangen werden mußten, als Rinnen kamen, an denen man in mancherlei Wendungen hinzuwandern gezwungen war, ehe eine Stelle gefunden ward, schmal genug, um hinüberzuschreiten, als bald der eine, bald der andere Gefährte im Nebel oft eine geraume Zeit verschwand, da wurde er stiller und stiller. Als er ein paarmal, entweder unbesonnen forteilend, oder zaghaft zurückbleibend, nur nach lautem Geschrei, da der Nebel den Schall hemmte, sich den Genossen wieder anschließen konnte; als er bald im Schlamme tief einsinkend, bald mit ungewissem Sprung die Weite verfehlend, alle Mühseligkeiten des Weges erfuhr, da begann ein kalter Schweiß von seiner Stirne zu perlen, und bei jedem Stillstand fühlte er das Beben der Angst in seinen Gebeinen. Solcher Stillstand ward immer öfter nötig, teils um die erschöpften Kräfte wieder zu sammeln, teils um über die rechte Richtung sich zu vergewissern. Welche Umwege aber wurden in der dichten Nebelhülle gemacht, die bei heller Witterung leicht hätten vermieden werden können! Vielleicht war der Uebergang über eine Rinne nur ein paar Fuß weiter rechts oder links, und eine halbe Stunde wurde vergeudet, um ihn aufzufinden, weil man ihn an der Seite vermutete, wo er nicht war, und wenn man sich endlich überzeugte, daß er da nicht zu finden sei, wo man ihn suchte, ging wieder eine neue halbe Stunde darüber hin, um zu dem alten Fleck zurückzukommen. Zuletzt mußten sich die vier Leidensgefährten anfassen, um nicht durch die graue Wand, die zwischen ihnen jetzt schon bei der Entfernung von auch nur einem Schritt von einander aufgetürmt war, getrennt zu werden. Bisher waren nur wenige, durch die Umstände gebotene Worte gesprochen. Jeder ging still, sich seinen trüben Gedanken überlassend, hinter dem andern her; nur Oswald unterbrach nun durch sein Stöhnen und Klagen vielfach das ängstliche Schweigen. Aber nicht lange, da tönte die Schreckensfrage von Mund zu Mund: »wohin sollen wir uns wenden?« Ach! die sich widersprechenden Antworten zeigten nur zu gewiß, daß man sich auf keine Antwort mehr unbedingt verlassen konnte. Die Richtung, bisher noch teils durch die Aufmerksamkeit auf jede neue Wendung, teils auch durch die Kenntnis der Schiffer von dem Lauf wenigstens der größeren Rinnen, vielleicht nicht ganz verloren, ward nun Allen völlig zweifelhaft. Denn die zu machenden Wendungen und Krümmungen waren immer verschlungener, des Hin- und Hergehens, Vor- und Rücklaufens immer mehr geworden; und unheilbringendes Zeichen! die Rinnen wurden allmälig breiter, flossen zu zahlreicheren Wasserstraßen über, welche bald langsam wie heimtückische Räuber dahinschlichen, indem sie zwischen den kleinen Erhöhungen in vielfachen Krümmungen sich fortwanden, oder lauernd und auf neuen Zuschuß wartend an einer größeren Bank sich verweilten; bald aber auch wie mutige Krieger von einem erklimmten Wall auf die Ebene niederwogten und dort sich nach allen Richtungen ausbreiteten. Von diesen Bewegungen sahen die Wanderer freilich Nichts, obgleich der Nebel jetzt anfing, sich ein wenig zu verteilen. Aber sie kannten ja die Stunde, in welcher ihr Todfeind die Herrschaft wieder antrat auf den Marken, die sie mit mutwilligem Fuß zu betreten gewagt hatten. Sie merkten sich auch schon von seinen verstrickenden Netzen umschlossen, denn wohin sie sich wandten, stießen sie auf seine Gänge, wohin sie sich wandten, folgte er ihnen nach, und bald spülte er allenthalben um die Füße der gejagten Beute. Nun kroch er, sich hebend und sich senkend, langsam, aber mit sicherm Fortschritt, immer höher hinauf, steigerte in gleichem Stufengang das Bangen und die Beklemmung der Umherirrenden, deren Tritte immer heftiger, aber auch immer unsicherer wurden auf dem überschwemmten Boden, und wallte jetzt um die schlotternden Kniee mit höhnischem Rauschen, in welchem sich nur zu deutlich die grausame Freude aussprach: »Ihr entgeht mir doch nicht mehr!« Was half die erneute Beratung: »wohin sollen wir uns kehren?« Ja hätte nun auch die rechte Richtung ausgemacht werden können, wie ja wirklich die aufmerksame Beachtung der Bewegung der Flut sie ungefähr erraten ließ, hatte man nicht vor sich Rinnen, die jetzt zu undurchdringlichen Tiefen geworden waren? Durfte man, selbst dies Hindernis nicht mit erwägend, es sich verbergen, daß eine ungefähre Richtung gar keine sei, da sie an der Scholle, die im weiten Ocean aufgefunden werden sollte, eben so gut rechts oder links vorbei als darauf hin führen konnte? Doch wurde ein Versuch gemacht, vorwärts zu dringen, aber schnell wieder aufgegeben, als der Führer des Zuges plötzlich bis über die Achsel in eine Tiefe versank, aus der er nur mit Mühe herausgezogen werden konnte. Jetzt blieb nichts anderes übrig, als auf dem Platze, wo man gerade sich befand, stehen zu bleiben und sich in voller Hülflosigkeit der Macht des immer höher schwellenden Oceans zu überlassen, und dem Vater im Himmel, der allein den Wogen gebieten kann: bis hierher und nicht weiter! Leib und Leben im Gebet zu empfehlen. »Mein armes, armes Weib!« dachte Hold; und sein Geist war so ganz in diesem Gedanken aufgegangen, so ganz mit ihrem Schmerz um den Verlust des Gatten eins geworden, daß ihm die Teilnahme für die nahe Bedrängnis verloren ging in der vollen Empfindung ihres Jammers. Die beiden andern Männer standen in dumpfer Hingebung schweigend da. Oswald aber verlor in dieser gezwungenen Unthätigkeit alle Fähigkeit, seiner Todesangst irgend ein stärkeres Gefühl entgegenzusetzen, oder auch nur sie unter einer anscheinenden Ruhe zu verbergen. So lange noch Versuche zur Rettung gemacht werden konnten, war er bei jedem günstigen Anschein voll Hoffnung, und die Beschwerden der Wanderung ließen es ihn zuweilen ganz vergessen, daß sie auf dem Wege wandelten, der sie vielleicht nur immer fester als Opfer des Meeres umstrickte. Aber stille zu stehen, rings um sich die Wüste des Oceans, in jedem leisen Wellenschlag einen neuen Todesboten zu merken, mit welchem der beutesichere Feind neckisch sein Opfer grüßte, eine Marter auszuhalten, die ohne die Abwechslung des Schmerzes in immer gleicher Ruhe einen Tropfen aus dem Becher der Hoffnung nach dem andern auszählte; diesem schwerfällig aufkriechenden Tode, als würde der Körper von einer ungeheuren Schlange in immer höher schwellenden Windungen langsam umzogen, von Sekunde zu Sekunde seinen Gang nachzumessen, ihn immer näher und näher am hochschlagenden Herzen zu fühlen: das war mehr, als Oswald zu ertragen vermochte. Anfangs drang er in seine Gefährten mit dem leidenschaftlichsten Ungestüm, doch irgend ein Mittel zur Rettung zu ergründen. Als er endlich ihren vielfältigen Beteuerungen glauben mußte, daß Alles versucht sei, was versucht werden könne, und daß jetzt nur noch die Möglichkeit als letzter Hoffnungsstern übrig bleibe, wenn der Nebel sich noch mehr verteile, und das Land nahe sein sollte, durch ihr Geschrei ein Boot herbeizurufen, da schrie er, in jeder längern Zögerung den gewissen Tod sehend, so gellend auf, daß es diesem herzzerschneidenden Ruf anzumerken war, wie nur die furchtbarste Seelenangst ihm die übernatürliche Stärke gegeben. Mit diesem Ruf war aber auch alle seine Kraft dahin, seine Füße wollten ihn nicht mehr tragen, alle seine Gebeine schüttelten sich wie aus ihren Fugen heraus, seine Zähne hämmerten auf einander und sein Haar sträubte sich hoch empor; keines zusammenhängenden Wortes war er weiter mächtig. Er wäre jetzt schon umgesunken, wenn Hold ihn nicht gehalten. Es ward auch für Alle nötig, sich gegenseitig zu stützen, da die Wellen schon so hoch gestiegen waren, daß es schwer wurde, die Füße gegen ihren Andrang festzustemmen. Schweigend standen die Männer so neben einander, fest die Hände in einander geschlungen. Jeder hatte in seinem Innern die Rechnung mit dem Leben zu schließen und weder Zeit zu klagen, noch Lust zu trösten. Oswald wollte freilich auch seine Seele in Gottes Vaterhuld empfehlen und rang sich aus seinen durch einander tobenden Gedanken und wild lodernden Empfindungen zu einem Blick nach oben durch, aber der Himmel, an dem schon hin und wieder ein Stern durch den Nebelflor schimmerte, nahm seinen Blick nicht an, wenigstens sank des Jünglings Auge sogleich scheu wieder zurück, und in demselben Augenblick rauschte eine Woge, höher als die übrigen, hinter ihm auf; ein doppelter Wasserstrahl ging von seinem Nacken um den Hals her und floß über seine Brust hin. »Du bist gerichtet!« schauderte es durch seine Seele, und ein neuer Angstschrei riß sich aus seiner Brust los, dem ein dumpfes anhaltendes Stöhnen, untermischt mit abgebrochenem Aechzen, folgte. Festeren Gemütern wäre vielleicht dieses Stöhnen widerlich gewesen, auf seine Leidensgefährten wirkte es dahin, daß auch sie ohne Rückhalt seufzten und klagten.
Die Wasser aber rauschten heran, heran; eine Woge legte sich über die andere hin, und mit jeder kommenden Woge lief eine Sekunde ab von der kurzen, den Armen noch zugemessenen Lebensstunde.
Der Nebel sank endlich völlig und begrub seine feuchten Dünste in die Flut. Am Himmel blinkten nur einzelne Sterne, und auf dem Meere war für Die, denen das Wasser schon bis an die Brust stand, nichts zu sehen, als bald hier, bald da auf dem kräuselnden Kamm einer Welle der Wiederschein eines Sternenlichts. Die Dunkelheit verbarg das Schiff. Doch da, da, und wieder da! Das sind Lichter der Heimat! -- Schließt Eure Rechnung schneller, Unglückliche, die Lichter der Heimat werden zu Lampen für die Toten hingestellt. Wie seid Ihr irre gegangen! Jene Lichter zeigen Euch, daß Ihr wenigstens drei Mal weiter von der Heimat entfernt seid, als Ihr es waret, da Ihr das Schiff verließet. Kein Ruf dringt hinüber zu der fernen Küste; ja, könnte ein Ruf hinüberdringen, kein Boot, und würde es auch noch so rüstig getrieben, vermag Euch zu erreichen, ehe noch das Meer mit Euren Leichen spielt. Da sitzen Eure Lieben und warten auf Euch! »Nun muß er bald kommen!« sprechen Vater und Mutter, Weib und Kind, Bruder und Schwester, und Euer Platz wird leer gelassen in ihrer Mitte, bis Ihr kommt. Für Euren freundlichen Empfang, für Eure Erquickung nach der Reise sind Alle geschäftig; wohnlich und gastlich soll Euch Alles anlächeln; traulich und herzlich das Willkommen sein, das Euch begrüßt. Erzählen sollt Ihr den horchenden Lieben, was Ihr gesehen, und die gemütliche Heimat von Neuem loben. -- Euer Platz wird leer bleiben in der Mitte der Lieben, denn die Wasser rauschen heran, heran; eine Woge legt sich über die andere hin, und mit jeder kommenden Woge läuft eine Sekunde ab von der kurzen, Euch noch zugemessenen halben Stunde.
»Mein armes Weib! mein Kind! mein Kind!« rief Hold laut zum Himmel auf. Neben ihm seufzten die Männer, und Oswald's Gestöhn klang verzweiflungsvoll dazwischen. Aber der trübe Geist, der Hold's Seele niederdrückte, und der dadurch so lähmend auf den sonst so glaubensfreudigen Mann wirkte, weil dieser besonders durch eine Regung von Eitelkeit verleitet war, sich der Wanderung über den Schlick nicht zu widersetzen, zu der er lieber zustimmen, als für furchtsam gehalten werden wollte, dieser trübe Geist war mit jenem Ausruf auf die höchste Spitze gelangt, wo ihn nun wie ein Wetterstrahl aus der Höhe das Wort traf: »Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Zucht!« Da war es, als träte Hold mit vollem Siegesjubel heraus aus dem Schatten der Finsternis und den Banden des Todes, die ihn so lange gehalten, und er hub an zu predigen in den Wellen mit lauter und fester Stimme; freilich mehr in abgebrochenen Sätzen, wie es die Lage der Dinge natürlich machte, als in dem Zusammenhange, welchen unsere Aufzeichnung seinen Worten gegeben hat.
»Gelobet sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und der Gott alles Trostes! Der uns tröstet in aller unserer Trübsal, daß wir auch trösten können, die da sind in allerlei Trübsal, mit dem Troste, damit wir selber getröstet werden von Gott. -- Lobet den Herrn in allen Seinen Werken, denn alle Seine Werke sind unsträflich! Auf Sein Gebot kommen und gehen die Wasser. Er wehet das Meer an mit dem Hauche Seines Mundes, und es weichet scheu vor Ihm zurück. Er wehet das Meer an mit dem Hauche Seines Mundes, und es schwellet und wallet heran folgsam Seinem Ruf; und was Er gebeut, das geschieht zur rechten Stunde. So ist es denn auch Seine Stunde, in die wir gekommen sind. Es ist Sein Rat, der uns dies Grab bereitet; und darum leitet auch Seine Hand uns hinüber in Sein Reich. -- Freuet Euch! Er hat in diesen Stunden der Angst uns gereiniget von unsern Sünden. Er hat uns hingegeben in unsere Ohnmacht, daß die letzten Trümmer unseres Dünkels niederbrächen unter Seinem Wort: »Seid stille und erkennet, daß ich der Herr bin!« -- Er hat uns hienieden schon gerichtet, und unter Seiner Heimsuchung ist unsere Schuld und Missethat über unser Haupt gewachsen, wie das Meer über unser Haupt wächst; also daß wir weit von uns geworfen haben das eitle Gewand eigner Gerechtigkeit und unsere Seele gekleidet in das hochzeitliche Kleid der Gerechtigkeit in Christo, die vor Gott gilt. -- Hallelujah dem Gott der Stärke, dem Vater der Liebe! In Seiner Kraft überwinden wir die Welt, und Seine Gnade erfüllet die verzagten Herzen mit Freude und Friede. Und die da weinen um uns, -- Herr, unser Gott, durch die Wolken hindurch dringt unser Gebet aus der Tiefe, und Du erhörest, erhörest uns, die wir ausschütten unser Herz vor Dir. Ja, wir bitten und zweifeln nicht: Du bist ein Helfer und Vater der Witwen und Waisen, unter dem Schatten Deiner Flügel ruhen sie. Du richtest sie auf, wo sie meinen vergehen zu müssen. Du weisest ihnen Wege, wo sie keine Wege sehen. Vater tröste sie, stärke sie, führe sie um unserer Bitte willen, wie Du verheißen: »Bittet, so wird Euch gegeben.« -- Nicht für uns bitten wir. Wir haben nur Dank, daß Du uns hast hören lassen Dein Wort zu uns mit wahrhaftigem Sinn und völligem Glauben. Wir haben allenthalben Trübsal, aber wir ängstigen uns nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Denn Du hast einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, und unser Glaube ist schon hienieden zum Schauen geworden, also daß Dein Licht uns umleuchtet in der Finsternis, daß unsere Seelen auffahren mit Flügeln, wie Adler, aus der Tiefe, daß wir Dich loben und preisen im Sterben. -- Hallelujah! Ehre und Preis unserm Gott, der uns den Sieg gegeben hat über den Tod! Hallelujah! Dem Herrn sei Dank und Preis in Einigkeit! Amen.«
Auf die beiden Männer der Hallig machten diese begeisterten Worte ihres Pastors den entschiedensten Eindruck. Sie hatten eben noch seine Seufzer und Klagen gehört, ihn die Schwäche und Trostlosigkeit seiner Leidensgenossen teilen sehen, und nun erhob er sich auf einmal zu solcher Höhe des Glaubens und der Todesfreudigkeit, daß sie seinen Zuspruch, obwohl dieser sich ganz in den Grenzen ihres geistigen Gebiets hielt, aufnahmen als eine Stimme von Oben, als die Sprache eines weltüberwindenden Geistes, der wie im Sturm den Geist der Furcht und des Zagens ausgetrieben, und dessen Stätte eingenommen in der Brust ihres vorher mit ihnen verzagten Seelsorgers. Daß fast jedes Wort seiner Tröstung an einen Bibelspruch erinnerte, gab ihr für Diejenigen, welche von Kindheit an die heilige Schrift als Gotteswort geehrt hatten, den vollen Stempel der Untrüglichkeit und daher noch gewisseren Einfluß auf die Gemüter. Für Oswald jedoch war jede Tröstung verloren. Während Jene lobten und dankten, als sei die Todesstunde ein Fest geworden, klang ihm dies Zeugnis der Glaubensfreudigkeit wie ein Hohn über die Oede seines Herzens. Oft versuchte er es, ein Wort des Glaubens und der Hoffnung seinen Gefährten nachzusprechen; aber er wußte nicht einmal, ob es über seine Zunge ging, wenigstens kam es ganz leer zu ihm zurück und fand in seiner von Todesängsten gemarterten Brust keine Stätte, um auch nur einen Augenblick zu haften. Er glaubte zu jammern und zu schreien, um so irgend eine Macht zum Mitleid zu bewegen, aber dies Jammern und Schreien war nur in ihm, seine Lippen fieberten nur, ohne daß ein Laut über dieselben kam; er glaubte mit aller Macht zu kämpfen wider die umdrängende Flut, aber seine Nerven zuckten nur krampfhaft, alle Muskelkraft war aus den erschlafften Gliedern entschwunden. So bot er das vollendete Bild eines Menschen dar, der an seinem Unglauben und seiner Gottvergessenheit zum Märtyrer geworden ist.
Die Wasser aber rauschen heran, heran; eine Woge legt sich über die andere hin und mit jeder kommenden Woge läuft eine Sekunde ab von der kurzen, den Opfern des Meeres noch zugemessenen Viertelstunde.
XVII.
Alles wollen sie begreifen, Alles wollen sie verstehn; Alles schneiden sie in Streifen, Um -- zusammen sie zu nähn; Und was wider ihre Lehren Ist wahrhaftiglich geschehn, Soll das offne Ohr nicht hören, Nicht das offne Auge sehn.
Nicht allein mit den obenstehenden Versen möchten wir die zunächst folgende Erzählung einer bis zur Erscheinung gesteigerten Einwirkung der Seele auf die Seele einleiten. Mit der bloßen Behauptung oder Verwerfung einer Ansicht oder Erfahrung, die von der gewöhnlichen Meinung, von dem alltäglichen Gange der Dinge abweichen, ist Nichts gewonnen. Auch von den Gründen, welche unsere Erfahrung einer solchen Einwirkung in eine leere Täuschung aufzulösen streben, müssen wir bekennen, daß sie ihre Kraft bisher noch nicht an uns bewiesen haben, so zweifelnd-prüfend wir uns auch auf diesem dunkeln Felde der höheren Seelenkunde bewegen. Hold's Versuch, sich eine nicht abzuleugnende Thatsache für seinen Glauben annehmlicher zu machen, teilt die gewöhnliche Eigenschaft solcher Versuche, er ist Grau in Grau gemalt, erklärt das Wunderbare durch das Wunderbare. Doch benutzen wir ihn gern, wenn auch nur zu einer bescheidenen Einleitung in dieses Kapitel.
»Ist nicht so Vieles in unserm Geiste,« sagte er, »das über die gewöhnlichen Gesetze des Denkens und Empfindens hinaus ist? Oeffnet die Andacht nicht Tiefen in unserer Brust, die wir ohne sie ganz übersehen? und sind die Perlen und Edelsteine, die sie aus diesen Tiefen zieht, nicht von einer Art, daß unser Wissen und Verstehen jede Schätzung aufgeben muß? Die Andacht aber ist in ihrer höchsten Blüte Einswerden mit Gott, ein Verschmelzen unseres Geistes mit Seinem Geiste, also, daß wir absterben unserm früheren selbsteigenen Geistesleben, und in Gott leben, weben und sind, wodurch wir fähig werden, zu denken, zu fühlen und zu handeln über unsere sonstige Kraft weit hinaus, weil die Kraft Gottes in dem Schwachen mächtig ist. Wie nun die Liebe zu Gott solches Wandeln auf Höhen, zu denen unsere gewöhnlichen Gaben nicht hinaufreichen, möglich macht, so auch öffnet die irdische Liebe uns Wege vom Herzen zum Herzen, auf die kein uns ohne diese Liebe bekanntes Seelenvermögen hinweist. Es gibt auch hier eine Sprache und Mitteilung, die eben wie die Andacht nur in einzelnen Momenten ihre Hieroglyphe in das Buch unseres Lebens hineinschreibt. In Augenblicken, in welchen wir uns selbst ganz vergessen, und all' unser Denken und Empfinden in die Seele des geliebten Gegenstandes hineinversenken, wird die Ferne zur Nähe und die Trennung zur Gemeinschaft; und unsere Bitten, Warnungen, Seufzer und Grüße werden Gedanken und Empfindungen der geliebten Seele, und damit sie nicht als eigene Träume unbeachtet bleiben, kleiden sie sich auch wohl in das Gewand sichtbarer Gestalten, hörbarer Worte, die aber nur eine Abspiegelung der auf solche Art geweckten Vorstellungen sind, daher nicht in die Sinne der diesen fremden Personen fallen. Es sind Erkennungen, denen ähnlich, mit welchen wir uns droben in den ewigen Hütten wiedererkennen, wenn die Seele mit dem neuen Leibe überkleidet wird, von dem unsere irdische Hülle nur der gröbere Schatten ist. Doch werden diese Wechselwirkungen der Seelen auf einander wohl nur da möglich sein, wo eine Liebe ist, nicht allein der vollsten Hingebung fähig, sondern auch in derselben durch langes Erkennen und innige Verschmelzung der Gedanken und Empfindungen erprobt und bewährt.«
Nun zu unserer Erzählung.
Godber und Idalia saßen in der Abenddämmerung dieses Tages, der für die Hallig ein Tag der schmerzensreichsten Trauer zu werden drohte, neben einander in der Stube ihrer Wohnung. Das Gespräch zwischen ihnen stockte oft, eben weil Beide sich Mühe gaben, es zu unterhalten.
So geschieht es immer, wenn zwei Menschen zusammen sind, die Etwas auf dem Herzen haben, worüber eine gegenseitige Erklärung notwendig ist, diese Notwendigkeit auch erkannt, aber die offene Erklärung vermieden wird, weil man von ihr ein Resultat fürchtet, das noch unangenehmer die Seele berührt, als die drückende Empfindung der Ungewißheit und Unentschiedenheit es thut.
Idalia verbarg ihre Verstimmung nur wenig, während Godber sich ernstlich anstrengte, alle mögliche Weichheit und Zärtlichkeit in seine Worte und sein Benehmen zu legen. Getrennt waren die Herzen schon. Erloschen war fast ganz das Feuer der Liebe; nur daß Beide sich noch nicht überwinden konnten, dies einander oder auch sich selbst nur recht zu gestehen; Idalia nicht, weil ein gewisses Mitleid mit dem Jüngling, der sein Leben für sie gewagt und ihr die Verlobte geopfert, noch in ihrer Brust sich regte, und dies Gefühl dem schwachen Rest ihrer Neigung ein Gewicht lieh, das er eben nur durch diese fremdartige Zugabe noch hatte. Godber wagte nicht, über seine Empfindung klar zu denken, weil er das Kleinod, für welches er so viel gegeben, nicht fahren lassen wollte, obgleich er eingesehen, daß es ihn nicht glücklich mache, und weil ihm graute vor der Leere eines Herzens, das zwischen der weggeworfenen und der zur Täuschung gewordenen Lebenshoffnung in der Mitte stände.
Als eben wieder eine lange Pause eingetreten war, öffnete sich plötzlich die Thüre, und die Pastorin, eine ganz unerwartete Erscheinung in diesem Hause, stand bleich und bebend vor den Erstaunten.
»Godber,« sagte sie hastig, »Godber! ich beschwöre Dich, nimm Dein Boot und fahre dem Schiff entgegen. Sie sind in Gefahr, mein Gatte ist in Gefahr. Um eines armen unglücklichen Weibes willen, erbarme Dich, Godber, und fahre hinaus.«
Dabei hatte sie seine Hand ergriffen mit dem flehendsten Ausdruck der furchtbarsten Angst, und war im Begriff, vor ihm niederzusinken, als Godber aufsprang und die halb ohnmächtige Frau auf seinen Stuhl sich setzen ließ.
»Beruhigen Sie sich, Frau Pastorin!« rief er. »Ich will Alles thun, was Sie wünschen. Ist irgend eine Nachricht da?«
Auch Mander, der jetzt aus dem Nebenzimmer trat, in welchem er bei den Büchern, die ihm Licht geben sollten in der Dämmerung seines Glaubens, geweilt hatte, fragte erschreckt über die Angst der Pastorin, woher sie von der Gefahr des Schiffes wisse?