Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee

Part 12

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Es blieb den Worten nach zweifelhaft, ob er darin _seine_ Bereitwilligkeit, ihr überall zu folgen, oder ihre Gesinnung mit ihrem eigenen Ausdruck darlegen wollte. Er glaubte in ihrer Seele zu reden, da er ja auch nur ihre Sprache gebrauchte, die ihn so oft als Bestätigung seines höchsten Wunsches entzückt hatte. Sie aber, -- ob ganz ohne Ahnung, daß es im Widerspruch mit seiner Meinung sei, wollen wir nicht entscheiden, -- nahm die Worte für die Sprache _seines_ Herzens, und noch ohne dies ganz offen auszusprechen, sagte sie:

»Unsere Liebe wird uns jeden Fleck der Erde zur angenehmen Heimat machen, so mir, wie _Dir_.« Die scharfe Betonung des: »wie Dir«, traf Godber's Herz wie ein Schmerzensstich, in seine Wangen stieg eine dunkle Röte auf, und mit einer Frage auf den Lippen haftete sein Blick lange und ernst auf Idalia. Das Wort aber blieb auf seiner Zunge und scheute sich hervorzutreten, gleichsam im bangen Vorgefühl des verletzenden Widerspruchs, den es finden würde. Sie hielt seinen Blick lächelnd aus, und eine leichte Berührung seiner Lippen mit ihrer Hand drängte seine Frage ganz zurück. Oswald dagegen ließ das Gespräch nicht so schnell fallen.

»Das klingt wie ein Schäferroman,« lachte er; »und ich habe eben Nichts dagegen, obgleich ich kein Myrtill bin und eine Daphne anbete; wenn nur nicht von einer Hallig die Rede wäre, die kaum ein liebendes Seehundspaar wohnlich finden würde.«

Mander, der bisher dem Gespräch wie einem Scherz zugehört, erinnerte seinen Sohn, daß sie gar keine Ursache hätten, von diesem Eilande verächtlich zu reden, dem sie nächst Gottes Hülfe und Godber's Mut und Geschicklichkeit ihre Rettung verdankten, wo der Friede, dem Tausende in großen Städten bis an ihr Ende vergeblich nachjagten, bei allen Bewohnern von der Wiege bis in's Grab heimisch zu sein schiene.

Godber ergriff freudig das Lob seiner Heimat. »Nicht wahr,« rief er, »ist das Leben hier nicht schön? Gerade diese mannigfachen Entbehrungen, diese Abgeschiedenheit von der Welt, dieser Mangel an äußern Reizen führen den Menschen auf sich selbst zurück und lehren ihn in seiner eigenen Brust, in seinem kleinen häuslichen Kreise sein Glück finden, das eben darum ein sicheres, dauerndes ist, weil es unabhängig von Außendingen seinen Grund und Boden, wie seine Nahrung in dem Menschen selber hat. Selbst die Gefahren, die mit diesem Aufenthalt verbunden sind, dienen nur dazu, den kindlich demütigen und gläubig ergebenen Sinn in uns zu erhalten, aus welchem Vertrauen und Zuversicht, und freudiges Aufschauen zum Vater in der Höhe hervorgehen. Hier wird der Mensch wieder Mensch und streift all' die bunten Flitter ab, die ihm doch am Ende mehr Sorge als Freude machen. Hier ist er frei von den Ketten, die ihm die große Welt da draußen schmiedet durch tausend Bedürfnisse und Gewohnheiten, von denen sein Herz nichts weiß und nichts zu wissen braucht, um glücklich zu sein; ja die er selbst nur zu oft als Hemmketten fühlte, ohne vor der Welt es wagen zu dürfen sich ihrer zu entledigen. Hier ist er, was er ist; nicht Das, wozu ihn die Sitte macht und was er um Anderer willen sein muß. Hier kann er sich freuen und weinen, thätig sein und ruhen, lieben und meiden, wann, wie und wen er will. Er hat nur sich zum Herrn, und Keiner darf ihm darein reden. Nicht um aller Schätze der Erde willen ließe ich mich wieder spannen in das Joch der verkehrten Welt, die da ruft Friede, Friede! und ist kein Friede, sondern eitel Zwietracht, Mißgunst und Haschen und Jagen nach einem Ziel, das weit hinter ihr liegt; die da rennet mit verblendetem Auge nach Lust und Freude, und nie sie findet, sondern nur Ekel, Ueberdruß, Uebersättigung ohne Genuß; die heute auf Eiern schleicht, morgen auf Leichen tritt; die mit dem süßesten Lächeln die Giftschale darreicht und zugleich sich selbst in ihrem Unverstande den Becher des Lebens vergiftet.«

»Auch mir würdest Du in diese verkehrte Welt nicht folgen?« fragte Idalia mit dem freundlichsten Blick, während Mander und Oswald über die grauenvolle Beschreibung ihrer Welt scherzten.

»Dir?« sagte Godber, wie erschreckt von einem plötzlichen Lichtstrahl. Sich selbst beruhigend setzte er aber sogleich hinzu: »Darum eben kettet sich ja meine Seele so fest an Dich, darum bist Du mir die köstliche Perle im Ocean, weil Dein reiner Lichtglanz keine Färbung angenommen von der früheren Umgebung; weil Du, in der dunklen Wiege eingeschlossen, dennoch den keuschen Sinn Dir empfänglich gehalten hast für das wahre Glück, von dem jene Welt Nichts weiß.«

Idalia fand nicht gleich eine Antwort auf diese Worte, und ihr Blick, in welchem sich Erstaunen und Verlegenheit malten, goß eine eisige Kälte über Godber's Begeisterung. Oswald aber sagte mit tragikomischem Pathos:

»Leb' wohl, Idalia! In tiefer Bewunderung beuge ich mich vor der künftigen Primadonna im grünen Mieder und bunten Rock; aber um Deines Ruhmes willen muß ich Dich verlassen. Ein geflügelter Bote will ich eintreten in die Theezirkel Deiner trauernden Vaterstadt, ein Verkünder Deines seligen Martertums auf diesem meerumflossenen Altar der Liebe. Dein Name soll glänzen an dem, in den letzten Zeiten etwas bleich gewordenen Sternenhimmel weltüberwindender Liebesmacht. Postfrei will ich Dir jede Woche hundert klangvolle Sonnette und fünfzig schwungreiche Oden übersenden, die von Lippen armer, unter der Last ihrer Körbe seufzender Poeten ertönen zur Feier Deines weltverachtenden Herzens. Eine feurige Kohle sollst Du jeder Jungfrau werden, die nicht Deinem Vorbilde nachfolgen will.

Eine Hütte, eine Scholle, Einen Mann und einen Hund, Eines Schafes grobe Wolle, Thee und Schwarzbrot für den Mund; Die von andern Dingen spricht, Kennt Idalia's Liebe nicht!«

Idalia bemerkte freilich, daß, wenn der Herr Bruder künftig noch einmal wieder Verse auf sie machen sollte, sie hoffe, diese würden dann an Inhalt und Form etwas zierlicher und feiner ausfallen; aber dabei lachte sie doch über Oswald's Späße, und der Schmerz Godber's über dies Lachen drängte den auflodernden Zorn zurück und erstickte die harte Rede, die auf seiner Zunge lag. Mander bemerkte die Blässe auf Godber's Gesicht und das Zittern, das dessen Glieder überflog; er sagte daher lächelnd:

»Unser Freund kann besser scherzen, als Scherz vertragen!« und setzte ernster hinzu: »Ich möchte auch nie so verächtlich reden von einem Fleck, der uns einmal so willkommen war. Es wird Godber schwer werden, seine Heimat zu verlassen; denn die Liebe zu derselben scheint ja zur andern Natur Aller zu gehören, die hier geboren sind. Er ist aber zugleich zu vernünftig, als daß er die Heimatliebe, die ihn selbst beseelt, nicht auch bei Idalia voraussetzen sollte, und daher wird er ja von ihr kein Opfer verlangen, das selbst zu bringen er sich nicht fähig hielte; besonders wenn er zugestehen muß, daß der Hallig den Vorzug vor Hamburg zu geben nur eben einem Eingeborenen dieses Eilandes möglich ist.«

Godber fand sich tief getroffen durch diese Bemerkung. Es war ihm noch gar nicht eingefallen, daß, wie er nur in seiner Heimat sich glücklich fühlen könne, auch Idalia nur in ihrer Vaterstadt ihr Glück finden würde; daß dasselbe Recht, welches er für sich in Anspruch nahm, ein Halligbewohner bleiben zu dürfen, er ihr nicht verweigern könne, wenn sie eine Großstädterin bleiben wolle. Fühlte er, daß selbst an ihrer Seite ihn in der Fremde Heimweh verzehren würde, wie durfte er ihr denn an seiner Seite auf der Hallig Heimweh verargen? Diese Betrachtung hielt ihn stumm. Tiefe Schwermut lagerte sich wie eine bange Last über seine Seele. Er verlor sich in Gedanken, die an seine Untreue gegen Maria nahe genug hinstreiften, um eine Empfindung wie Reue zu wecken.

Oswald unterbrach die verlegene Pause, indem er das Glas erhob, um auf einen frohen Verein in Hamburg anzustoßen. Mechanisch ergriff auch Godber sein Glas und stieß mit an, aber er setzte es wieder hin ohne zu trinken.

Mit diesem Tage trat eine gewisse Spannung zwischen den Liebenden ein. Idalia ward ernster, nachdenklicher, zurückhaltender, und obwohl sie nicht zweifelte, daß Godber seine Grille fahren lassen würde, war es ihr doch unangenehm, daß er sie genährt hatte, daß er sie wenigstens nicht sogleich habe vergessen können, als er ihre Abneigung bemerkte, eine Halligfrau zu werden. Er dagegen war traurig bewegt; dabei jedoch so hingebend, so achtsam, so besorgt, immer die vollste Liebe zu zeigen, als nähre er noch eine geheime Hoffnung, sie zu dem Opfer bewegen zu können, von welchem das Glück seines Lebens abhing. Beide vermieden es, auch nur mit dem leisesten Worte jene Verschiedenheit ihrer Ansprüche an die Zukunft zu berühren.

Die verwaiste Maria war unterdessen in Hold's Familie aufgenommen und dadurch der Wohnung Godber's näher gebracht. Es konnte nicht fehlen, sie mußten sich von jetzt an öfter sehen, wenn auch nur aus der Ferne. Ja, es geschah auch wohl, daß ihre Wege neben einander vorbeiführten, so sehr sie auch jede Begegnung zu vermeiden suchten. Doch eines Tages trafen sie sich am Steg und waren, gedankenvoll hinwandelnd, sich schon zu nahe, um ohne Gruß vorübergehen zu können. Sie standen vor einander, Beide die Augen zu Boden schlagend; Maria die Hand auf die beklemmte Brust gepreßt, Godber mit bebenden Lippen, ohne eines Wortes mächtig zu sein. Endlich faßte er ihre Hand und sagte leise:

»Maria, es mußte so sein!«

Sie blickte auf, und eine Thräne zitterte in ihrem Auge.

»Der Herr hat es so gewollt!« seufzte sie. »Er mache Dich glücklich.«

»Und Dich, Marie!« antwortete er.

Sie aber schlug den Blick gen Himmel, und es brach wie ein Lichtglanz durch ihre Thränen:

»Seine Kraft ist in dem Schwachen mächtig.«

»Maria,« rief Godber, und drückte ihre Hand fester, »kannst Du mir vergeben?«

»Als ich den Ring von Deinem Finger zog,« antwortete sie, »da habe ich Dir vergeben!«

Godber ließ ihre Hand fahren und sah nach seinem Ringe. Zum ersten Mal bemerkte er, daß dieser ihm fehle. Er starrte auf die Stelle, wo er ihn getragen, konnte nicht begreifen, wann das Pfand der Treue von seiner Hand gekommen, und es war ihm, als sei nun erst seine Untreue vollendet, als sei nun erst jede Rückkehr unmöglich geworden. Er hätte in diesem Augenblick viel darum gegeben, den Ring noch zu haben; er hätte ihn in diesem Augenblick um keinen Preis fahren lassen. Der Gedanke, daß er ihn nicht mehr habe, dehnte eine Kluft vor ihm aus, die ihn auf ewig von Maria trennte. Nun erst war sie für ihn verloren, unwiederbringlich verloren, als wenn nicht schon längst sie von einander geschieden gewesen wären. Als er wieder aufsah, war Maria verschwunden.

Idalia hatte diesen Auftritt von weitem angesehen, und ohne ein Wort darüber zu verlieren, ward sie nur immer kälter und fremder gegen Godber. Er aber hing sich mit seiner Liebe ihr desto fester und fester an. Sie war gleichsam das Anker, das ihn halten sollte im Sturm der widersprechenden Gefühle, in dem Kampf der sich unter einander verklagenden Gedanken. Er fühlte, daß wenn sie ihn aufgebe, die Kraft seines Lebens gebrochen wäre, daß ihm dann das Bewußtsein ausginge, warum denn Alles so gekommen sei, daß er dann in der Wüste des Meeres umhertaumele, wie ein Leichnam, der von der felsigen Küste ringsum immer wieder in die Wogen zurückgeworfen wird.

XIV.

Gabe ist, was Licht und Leben, Gnade ist, was Frieden gab! Sollen Engel niederschweben, Du kannst nicht die Leiter heben, Engel senken sie herab.

Mander würde vielleicht die Liebenden aufmerksamer beobachtet und so bald die Pflicht des Vaters erkannt haben, ein Verhältnis, das bei dem gänzlichen Mangel an Uebereinstimmung in den Wünschen und Hoffnungen für's Leben unmöglich glücklich enden konnte, bei Zeiten zu lösen, wenn er nicht zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen wäre. Er mochte keinen Versuch mehr wagen, aus sich selbst heraus die Himmelsleiter zu erbauen, und doch scheute sein Geist vor dem Gedanken zurück, daß Gott sie in seiner Barmherzigkeit und Liebe längst herabgelassen habe.

»Wie mögen Sie doch nur annehmen,« sagte er in seinen Unterredungen mit dem Pastor über die Offenbarung, »daß Gott, der mehr Welten regiert, als das Alter der Erde Sekunden zählt, als der Ocean Tropfen, als die Wüste Staubkörner hat, daß dieser Gott so große Dinge thun sollte, um dieses winzigen Menschengeschlechts willen, dessen mächtigste Geister, von bloßen Gewalthabern gar nicht einmal zu reden, wie Mücken sind, die im Sonnenstrahl spielen?«

»Und dessen große und kleine Geister doch meinen,« sprach Hold, »sich den Gott, den sie anzubeten berufen sind, auf das weiße Blatt ihres Weltsystems hinsetzen zu können wie einen Tintenfleck, den man mit dem Löschpapier auftrocknet, um darüber hinzuschreiben!«

»Lassen wir Das!« fiel ihm Mander in die Rede. »Ich merke wohl, hier auf dieser flachen Scholle, den Himmel so weit über sich, das Meer so weit um sich, fast ohne einen Gegenstand, der an kleinliche Menschenarbeit erinnert, weitet sich das Herz, und die Gedanken wollen sich nicht mehr zügeln und gängeln lassen in Begriffen und Schlüssen, sondern schweifen frei in die Unendlichkeit aus, als wären sie einem Kerker entflohen. Als ich gestern Abend auf dem Taufstein am alten Kirchhof saß und nur Meer und Sternenhimmel sah, da kam ich mir vor, als schwimme auch ich im Weltocean, selbst eine kleine Welt, bewegt von Gottes Odem, getragen von Gottes Macht, verklärt von Gottes Geist, friedlich und selig, wie die andern Sterne, feiernd wie sie den Schöpfer, Erhalter und Regierer. Und es ist mir noch jetzt, als könnte ich, seit ich einmal so reich war, nie wieder in der Zukunft so arm werden an Glauben und Glaubensfreudigkeit, wie ich früher es gewesen.«

»Nun,« sprach Hold wie segnend, »so möge denn Ihnen immerdar leuchten der Morgenstern, der aufgegangen ist in Ihrem Herzen. Muß es denn nicht ein liebevoller Gott sein, der solche Stunden dem Menschen giebt? Sollten wir leugnen, daß in solcher Feier Gottes Sprache ist, dies leugnen, weil unsere Sprache keine Worte hat, sie nachzustammeln? Aber sie fragten, wie Gott für das winzige Menschengeschlecht so große Dinge thun sollte, sich ihm zu offenbaren in Seiner Herrlichkeit, und ihm Licht zu bringen in der Finsterniß, Frieden in der Zwietracht, auf eine solche Weise, wie das Evangelium von Christo aussagt. Ich gehe noch weiter. Nicht allein ein winziges, schwaches, ohnmächtiges, vergängliches Geschlecht nenne ich die Menschen, sondern auch ein durch Selbstverschuldung verblendetes und sündiges. Es ist Keiner, auch nicht Einer, der vor Gott gerecht erfunden wäre. Es ist der Spiegel unseres Herzens befleckt mit unheiligem Wesen, und unser Wandel Trägheit zu allem Guten und Ungehorsam gegen Gottes Gesetz. Jeder Gedanke an Gott, den heiligen und gerechten Richter der Lebendigen und der Toten, muß eine Beichte sein und ein Flehen um Gnade, wodurch auch der leiseste Vorbehalt von eigenem Verdienst und eigener Gerechtigkeit hinweggenommen wird, wie Gottes Sonnenstrahl den Regentropfen wegnimmt, der auf einem Grabstein liegt. Doch nicht um dies winzige Geschlecht allein auf einem Staubkorn Seiner Welt, auch um dies durch eigne Schuld verderbte und täglich neue Schuld häufende Geschlecht hat Gott so große Dinge gethan; denn das ist Seine Liebe. Und wäre auf diesem Erdboden auch nur eine Seele unter allen Millionen gewesen, empfänglich für Seine Segnungen und Verheißungen, für diese eine Seele würde Er Himmel und Erde bewegt haben in ihren Axen, diese Eine an Sein Vaterherz zu ziehen; denn das ist Seine Liebe! Und wäre diese eine Seele siebenmal siebzigmal wieder zurückgefallen in ihre Finsternis und ihr Verderben, Er würde siebenmal siebzigmal Himmel und Erde bewegt haben in ihren Axen, diese Eine wieder heimzuführen in das Reich der Gerechtigkeit, der Freude und des Friedens; denn das ist Seine Liebe! Wir reden von Seiner Allmacht und Weisheit, die die Unermeßlichkeit füllen mit ihren Zeugnissen; wir sehen den kleinsten Wurm im Staube so fein und künstlich gebildet und sein gedacht, wie des Seraphs, dessen Hallelujah durch die Himmel rauschet; und Gottes Liebe sollte nicht eben so vollkommen sein, wie alle Seine andern Eigenschaften? Sie sollte eine Begrenzung, Beschränkung, einen Rückhalt kennen, wovon Seine Allmacht und Seine Weisheit nichts weiß? Es kann und darf nie gefragt werden, sollte Gott je so gnädig und barmherzig sein wollen, wie das Evangelium Ihn verkündet in der Lehre vom Versöhner? Denn das ist eine Frage, die ihm eine Vollkommenheit abspricht; eine Vollkommenheit gerade im Herrlichsten, was Himmel und Erde kennen, in der Liebe. Es ist nur eine Frage: thut es dem Menschen not zu seiner rechten Heiligung im Geiste des Gemüts, zu seinem Frieden im Leben und im Sterben, daß sich Gott ihm offenbare als Weg, Wahrheit und Leben, als Heiland, Versöhner, Erlöser, Friedensfürst? Muß sich der Mensch diese Frage mit >Ja< beantworten, wenn er aufrichtig prüfet sein Wissen, sein Wesen und seinen Wandel, wenn er es gelernt hat, Halbheit und Lauheit im Denken, Wollen und Thun zu verschmähen und zu verachten, dann kann er mit kühner Hand in die Wolken greifen, dann kann er freudig miteinstimmen: »also hat Gott die Welt geliebt!« Dann darf er nicht weiter fragen: wie mag solches zugehen? Denn wie alles Wesen über des Menschen Wissen und Verstehen ist, wie sollte denn nicht auch die Liebe Gottes über sein Wissen und Verstehen sein?«

»Sie haben einen Glauben, der im Stande wäre, Berge zu versetzen!« sagte Mander tief bewegt.

»Ich wollte, ich hätte ihn,« erwiderte Hold, »dann würden wir bald eines Glaubens sein.«

»Ich möchte fragen, was muß ich thun, daß ich das ewige Leben erbe?« sprach Mander mehr in sich hinein, als zu Hold gewandt.

»Fragen Sie die Schrift, die von Christo zeuget. Lassen Sie vor Allem erst Ihr Nachdenken weilen beim Gesetze. Prüfen Sie all' Ihr Wesen und Thun mit unerbittlicher Strenge an den Geboten Gottes und an dem Vorbilde des Herrn. Machen Sie keine Sünde zur Schwachheit, keine Unlauterkeit zur Natur des Staubes, keine Versuchung zu einer unüberwindlichen Macht, keine Vergleichung mit Andern zur Entschuldigung für sich. Malen Sie sich keine Liebe Gottes aus, die nachsichtig, begütigend, vergeßlich ist, wie die kränkelnde Liebe der Menschen, sondern eine Liebe die mit der strengsten Gerechtigkeit Hand in Hand gehet; auf daß der Wetterstrahl des Gerichtes Sie durchleuchte und durchflamme, auf daß Sie hingeschmettert werden in den Staub und Ihre vermeinte Tugend und Ehrbarkeit, wie Splitter und Spreu, von Ihnen fliege; auf daß Sie zittern und zagen lernen vor Dem, der Rechenschaft fordert auch von jeglichem unnützen Worte, das aus unserm Mund gegangen ist; und Ihre Seele, so wenig sie auch noch jetzt glauben mag, daß es dahin mit ihr kommen könne, zu kommen brauche, in Reu und Leid zage unter dem Licht und Gericht des göttlichen Gesetzes. Nur durch Traurigkeit zur Freude! Nur durch's Gericht zur Gnade! Nur durch Zwietracht zum Frieden! Nur durch Tod zum Leben! Nur die Niedrigen werden erhöht und die Demütigen angenommen! So lange wir uns vor Gott noch dünken, Etwas zu sein, sind wir Nichts. Hineinpredigen aber läßt sich solche schmerzensreiche Buße nicht. Die muß von Oben kommen, als Liebesgabe und göttliche Gnade. Nur raten kann mein Wort dazu; nur an dem Bollwerk rütteln, das hindert; nur leise rütteln an des Herzens Thoren, daß ihre Angeln leichter sich umwenden, wenn der Herr kommt zum Gericht! Gehen Sie in eine einsame Stunde und treten Sie Ihren Dornenpfad an.«

»Sind Sie auf demselben Dornenpfade zur Glaubensfreudigkeit gekommen?« fragte Mander leise.

»Ich gehe diesen Weg noch täglich und bin doch froh und selig im Herrn!« erwiderte Hold.

»Das ist wunderbar!«

»Nicht so wunderbar wie der Bund der göttlichen, versöhnenden Liebe und der strengrichterlichen Gerechtigkeit mit einander. Nicht so wunderbar, wie Christi Zagen vor dem Kreuze und doch Hingebung an's Kreuz. Darüber aber gebe ich Ihnen keine Erklärung, bis Sie in die Stunde gekommen sind, die ich zuerst von Ihnen fordern muß, die Gott von Ihnen fordert, weil Er Sie derselben so nahe gebracht hat; wenn Sie dann noch nach einer Erklärung fragen sollten.«

Es war aber keineswegs so leicht, Mander auf den Dornenweg zu bringen, wo seine Selbstzufriedenheit bluten sollte. Mancher Abend ging noch in lebhaften Unterredungen hin, in welchen Hold vorzüglich Mander's erwachende Neigung bekämpfte, sich eine Art von philosophischem Christentum zu construiren.

»Sind aber nicht alle Materialien dazu gegeben, in der Schrift, wie in den sonstigen Zeugnissen Gottes?« verteidigte sich Mander.

»Materialien für Sie übergenug,« entgegnete Hold; »aber der Mörtel fehlt noch, das Herzblut, das die Reue erpreßte, und die Thränenflut, welche die Sehnsucht nach einem Frieden, wie ihn die Welt und die Weltweisheit nicht geben kann, aufquellen ließ. Sie sind in Gefahr, in der Halbheit zu bleiben, weil Sie anfangen, die Baustücke an einander zu passen, ehe das Gebäude in seiner Höhe und Tiefe, in seiner Länge und Breite vor Ihrer Seele steht.«

»Es möchte aber der Weg zum Glauben nicht für Alle derselbe sein,« meinte Mander.

»Ohne die Demut kommt Keiner in diesen Weg hinein; und ohne die tiefe, durchdringende, ja zermalmende Erkenntnis der Sündhaftigkeit vor Gott, ohne das laute, aufrichtige, in Reu' und Leid ringende Bekenntnis derselben ist keine Rückkehr für den, der, wie Sie, in den Irrpfaden der geistigen Selbstanbetung sich erging. Daß Sie jetzt schon Baumeister sein wollen, ehe Sie selbst wahrhaft erbauet sind, oder jedenfalls noch in der ersten Frühlingslust der beseligenden Erbauung leben sollten, scheint mir anzudeuten, daß Sie noch unter der Knechtschaft Ihres eigenen Geistes gefangen und nicht durchgedrungen sind zur Freiheit der Kinder Gottes, deren Glaube keine dorische oder korinthische Säulenordnung, sondern eine kühn aufstrebende Säule ist, deren fester Fuß in den Tiefen des Herzens steht und deren Spitze der Regenbogen der Verheißung kränzt.«

»Eine sichere Begründung,« warf Mander ein, »kann dem Glauben nicht schaden, ja ihn allein der Vernunft annehmbar machen, daß sie mitstimme mit dem Herzen, das seiner bedarf.«

»>Der Glaube ist eine gewisse Zuversicht des, was man hoffet, und nicht zweifelt an dem, was man nicht siehet<, sagt schon der Apostel,« war Hold's Antwort. »Unter diesem >was man nicht siehet< ist doch auch wohl das Nichtsehen der Vernunft durch Begriffe und Schlüsse mitverstanden; denn was sie so sich zusammenkettet, Glied an Glied, das _sieht_ sie, das hört auf Gegenstand der Hoffnung und des Glaubens zu sein; es wird Gegenstand des Wissens und bleibt Stückwerk, wie all' unser Wissen Stückwerk ist. Der Glaube aber ist ein Ganzes, Volles, Vollkommenes, ein Tag ohne Wolken, ein Kleinod, des wir uns freuen ohne Diebe und Räuber zu fürchten. Er ist kein Raub, sondern eine Gabe. Wir schaffen ihn nicht, sondern er schafft uns. Er ist nicht unser, sondern wir sind sein. Wir kommen nicht zu ihm dadurch, daß wir ihn in unser Gebiet hereinziehen, sondern dadurch, daß wir aus unserm Gebiet heraustreten und in sein Gebiet eingehen. Darum bauen Sie vergeblich an einem Fachwerk; es bleibt ein Gerüst, durch dessen Sparren jeglicher Wind weht, und worin der Geist Gottes nie heimatlich wird.«

»Thun denn aber die gelehrten Theologen etwas Anderes, als was ich versuche?«

»Leider thun sie oft nichts Anderes. Aber da geht es denn auch Vielen ihrer Zuhörer, wie es mir ging,« erwiderte Hold, und nahm vom Bücherbord ein Heft aus seiner Studentenzeit, auf dessen letzter Seite sich folgender »Epilog zur Dogmatik« fand:

So hat denn alle Wissenschaft gelogen! Vom blinden Wahne sollt' der Geist gesunden; Und nun ist jeder lichte Blick verschwunden, Und um den Frieden ist das Herz betrogen.

Ich seh' mich auf ein Meer hinausgezogen, Wo keine Nadel mag den Pfad erkunden, Wo nie ein Blei den Ankergrund gefunden, Wo alle Winde weh'n auf irren Wogen.

_Der_ Lootse winkt zur Rechten, der zur Linken: »Sieh, wie Dir dort der Heimat Sterne blinken!« »Nein, folge mir, da dräut ein Felsenriff!«