Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee

Part 11

Chapter 113,738 wordsPublic domain

»Wie ich vom Geiste rede,« sagte Hold; »nur immer in Rücksicht auf körperliche Dinge; von seiner Unsichtbarkeit, Unteilbarkeit und in Rücksicht auf sein Hervortreten im Glauben. Nie kann es mir einfallen, ihn davon gesondert, als einen nackten Begriff in das Wissen meiner Zuhörer einführen zu wollen. So auch mit Gott. Die Predigt nennt Ihn Schöpfer, Erhalter und Regierer; sie weiset Ihn nach in allen Seinen Zeugnissen, in der Natur, in den Fügungen des Erdengeschicks, im Glauben, im Gewissen der Menschen, in der Offenbarung; aber auf diese Weise ebnet sie Ihm nur die Wege zum Menschenherzen, will nicht selbst dieser Weg sein; ja wäre nicht Gott schon vor ihr die Straße gewandelt, dann würde ihr Ebnen und Bahnen Ihn nicht des Weges führen. Darin, meine ich, versieht es nun eben die Philosophie. Sie stellt sich hin als Weg zu Gott; sie greift dem heiligen Geist ins Amt und verwaltet es gar schlecht, weil sie Sein Werkzeug, den Glauben, entweder gar nicht, oder nur als Notbehelf benutzt, nicht als alleinige Himmelsleiter, nicht als das alleinige Bindemittel zwischen dem, was droben ist, und dem, was unten ist.«

»Spricht aber der Glaube klar und deutlich genug in Aller Herzen?« entgegnete Mander. »Muß nicht die Philosophie das Heer der Irrtümer bekämpfen, das sich in die Vorstellungen von Gott hineindrängt? Muß sie nicht fortwährend an einem Damm gegen den Aberglauben bauen, der gleich einem drängenden Meer immer von Neuem die Menschheit zu überfluten droht? Hat sie darum nicht immer die Anstrengungen der edelsten Männer beseelt?«

»Lassen Sie mich,« war Hold's Erwiderung, »auf das Letzte zuerst antworten. War in der Rede der Propheten: »Der Herr spricht!« war in dem Worte Jesu Christi: »Meine Rede ist nicht mein, sondern Deß, der mich gesandt hat!« Philosophie? Ja, ist selbst nur des Sokrates Dämon, oder ist in Platon's Mythen Philosophie? Ist nicht vielmehr in diesem Allen der Rede von Gott das Sprechen Gottes als vorausgegangen angegeben? Liegt darin nicht die Weisung für unsere Philosophen, daß Verstandeserzeugnisse keine Offenbarungen von den Tiefen der Gottheit geben, die Niemand erforscht, denn der Geist Gottes, und wem Er es offenbaren will? Was Sie aber von der Philosophie als Damm gegen den Aberglauben sagen, so hat ja Der, welcher in die Welt kam, das Licht der Welt zu sein, und dessen Lehre, Sie mögen von seiner Person denken, was Sie wollen, der mächtigste Damm wider den Aberglauben gewesen ist, mächtiger, kräftiger wehrend, als alle Schulsysteme zusammen, weder in Hörsälen gelernt und gelehrt, noch die dunkle und verschrobene Sprache der Hörsäle geredet. Er hat ja immer bezeugt, daß Er nicht aus sich selber rede, sondern nur verkünde, was Gott ihm gegeben zu verkünden. Was aber die Irrtümer betrifft, welche die Philosophie bekämpft, so müssen Sie gestehen, daß sie, wie die sich einander bekämpfenden Philosopheme schon zeigen, in ihrem Kampfe gegen diese Irrtümer selbst die Wahrheit noch nicht gefunden hat, und oft Irrtümer hervorruft, die noch schädlicher sein würden, als die bestrittenen, wenn das Gift nicht eben in der schweren Zunge der geistigen Giftmischer sein Gegengift fände. Wenigstens haben Sie selbst schon gestanden, daß die Philosophie Ihnen den Frieden zu geben nicht fähig sei und also für Sie ihren Zweck verfehle.«

»Das eben ist es, was mich so sehr verstimmt,« sagte Mander. »Ich kann nicht hinleben und mich wie ein Maulwurf in die Erde hineingraben. Ich werde von einer ruhelosen Gewalt aus diesem kleinlichen Zeittreiben, aus diesem eklen Sinnengenuß, aus dieser niedern Weltsorge herausgetrieben und muß immer wieder fragen und seufzen: was ist Wahrheit? und immer wieder ausschauen und mich sehnen nach dem Licht, das wie ein Irrlicht mich auf falsche Wege führt, nach dem Frieden, der mich lockt und mich flieht.«

»Ei, so wirf denn einmal weg, was Du weißt und nicht weißt!« rief Hold eifrig. »Hinweg mit dem alten Gewande all' Deines Forschens und Grübelns! Gieb einmal wieder hin dem Vater im Himmel ein kindlich offenes Herz, das Nichts will, als empfangen. Tauch einmal wieder empor mit freiem Geist aus den Abgründen, in die Du Dich versenkst, und schäme Dich des Flehens und der Thränen nicht, und wahrlich! auch Du wirst es erfahren, daß die Sterne Augen und Thränen haben für solch ein suchendes, sehnendes Menschenherz, daß noch immerdar Tau vom Hermon fällt auf die Berge Zions! -- Glauben Sie mir, Mander, wir sollen nur fernhalten, was hindert und wehret, sollen nur nicht das Glas über die Blume setzen und meinen, daß ihre Ausdünstung sich wieder zum erquickenden Tau für sie bilde. Nein, wir sollen die Blume hinstellen unter Gottes freien Himmel, und die Erquickung wird ihr nicht fehlen.«

Mander fühlte sich von der begeisterten Rede des Pastors getroffen, in seinem Auge zitterte eine Thräne, und die Rührung der Pastorin, die ihrem Gatten die Hand drückte und sich nach einem Blick der vollsten Liebe an dessen Brust neigte, erhöhte noch seine Gefühle. Er konnte nicht gleich antworten, und nur als die Pastorin, wie zwischen den beiden Männern vermittelnd, sagte:

»Es möchte dem Manne nicht immer so leicht sein, als es dem weicheren Frauengeschlecht ist, sich und sein Wissen zu vergessen und die Selbstthätigkeit des Geistes in die Empfänglichkeit des Herzens aufgehen zu lassen,« erwiderte er:

»Nein, glauben Sie mir, nie sind meinem Leben solche Stunden ganz fremd geworden, in denen alle Zweifel und Fragen überwältigt wurden vom religiösen Gefühl, und ich habe nie aufgehört, sie als Feierstunden meines Lebens zu lieben und zurück zu wünschen. Doch, daß sie eben nur Feierstunden in den langen Werktagen, nur Strahlen in die Nacht hinein, nicht die Morgenröte einer schönen Zukunft waren, das ist es, was mich betrübt, ja, mich mißtrauisch gegen sie macht. Wie denn auch diese dunkeln, unbestimmten Gefühle, die wir nicht leiten und ordnen können, die uns vielmehr wie eine fremde Macht fortreißen, uns unmöglich ein auch für ruhigere Betrachtung befriedigendes Gottesbewußtsein geben können.«

Hold's Antwort hierauf war:

»Warum nennen Sie auch Das, was in solchen Feierstunden Sie bewegt, Gefühl? Ich würde es viel lieber eine Pfingstpredigt nennen, die der Herr Himmels und der Erden in seinem Erbarmen über Ihren schwachen Glauben Ihnen hält. Das Wort Gefühl läßt uns schon von vornherein an Dunkelheit, Unbestimmtheit, Unverläßlichkeit denken; wir deuten es als etwas uns Eigenes, ja Sinnliches. Doch erinnern Sie sich dessen, was ich vorhin sagte von der Sprache, in der Gott seinen Kindern im Staube offenbar wird. Nehmen Sie jene religiöse Erregung, jene andächtige Feier in Ihrem Innern, als diese Sprache Gottes, wie Sie selbst ihren Eindruck mit einer fremden Macht vergleichen, und Sie werden ihr mehr Vertrauen schenken. Wenn die Brust aufwallt, wie von einem neuen, frischen Lebensodem gehoben, wenn ein Beben durch die Gebeine geht, als spürten auch sie die Geisternähe mit empfänglichem Sinn, wenn die Thräne in's Auge heraufquillt aus dem innersten Herzen, wenn die Seele von einer Fülle überströmt wird, in der sie sich so reich und so selig fühlt, wenn der Geist frei und rein aufatmet, als sei er aller Schranken und Schlacken bar, warum wollen wir es in solchen Augenblicken leugnen und nicht bekennen: Der Herr spricht! Wie soll denn der ewige Geist sich dem endlichen Geiste anders ankündigen, als durch ein solches Insichaufnehmen, das mit einer Ueberwältigung der Staubeshülle verbunden sein muß und daher ganz andere Empfindung erzeugt, als dieser sonst eigen sind. Der zweideutige Ausdruck: religiöses Gefühl, nimmt solchem Nahen und Walten des heiligen Geistes den Wert für uns und den Einfluß auf uns zur Erleuchtung, Heiligung und Beseligung.«

»Könnte nicht jene Aufregung und Erhebung der Andacht auch Täuschung sein, eine Folge unserer aus der Kindheit herübergenommenen, vielleicht falschen Vorstellungen von Gott.«

»Ist es Menschenwerk,« antwortete Hold, »unser Selbstwerk, das uns treibt in solchen Stunden, woher denn die über alle unsere sonstigen Sinne und Gefühle weit hinausgehende Erhebung? Nur uns Aehnliches können wir erzeugen, nur steigern, was wir haben, nur einen Schritt weiter uns fortbewegen auf unserm Geleise; nicht die Tiefe überspringen, nicht das Neue schaffen. Ich frage aber Sie, ich frage Jeden, dem einmal solche Andachtsfeier aufging, ob er nicht ein ganz Anderer war denn zuvor? ob der alte Mensch nicht zurücksank wie ein Gewand, und ein Neues in ihm geboren wurde, wodurch er selbst eine neue Creatur ward voll Licht und Leben, so lange, bis die vorige Finsternis wieder über ihn kam, und er sich wieder erkannte in dem alten Gewande? Wer kann aber solch Neues schaffen, als der alleinige Schöpfer?«

»Dieses Alles zugegeben,« sagte Mander: »so ist damit noch keine Frage beantwortet. Auch bei mangelhaften religiösen Vorstellungen mögen solche Momente der Weihe nicht fehlen. Sie sind vielleicht eine Offenbarung der Gottheit; aber eine Offenbarung, wodurch für das Wissen von Gott Nichts gewonnen ist.«

»Es ist wenigstens Freude, Friede, Seligkeit für Augenblicke gewonnen, und die Gewißheit, daß Gott Wege hat zum Menschenherzen, die nicht wie unsere Wege zu Ihm voll von Steinen des Anstoßes sind. Es ist das Vertrauen gewonnen, daß Er Sein Kind im Staube nicht lassen wird in Irrtum und Verblendung, sondern aus Seiner Fülle geben wird, was demselben zu wissen not ist, um der rechten Empfänglichkeit für Seinen heiligen Geist nicht zu ermangeln, um aus jenen Weihestunden die rechte Frucht mit in's Leben hineinzunehmen. Ja, Seine freie Gabe soll es sein, was wir von Ihm wissen, nicht das zweifelhafte, schwankende, trügliche Ergebnis unserer Forschungen.«

»Ist aber nicht auch die Vernunft Gottes Gabe?« bemerkte Mander. »Und wenn wir sie als das Mittel unserer Erkenntnisse von Gott annehmen, so leiten wir damit ja all' unser Wissen in den göttlichen Dingen, wenn auch nicht unmittelbar, doch am Ende nur aus einer und derselben Quelle mit den Offenbarungsgläubigen ab.«

»Dem Licht des Tages,« entgegnete Hold, »dankt unser Auge das Vermögen zu sehen; will es aber in die Sonne schauen, dann sinkt es geblendet zurück. Es war vorzüglich unserer Zeit vorbehalten, eine Offenbarung Gottes an die Menschen außerhalb der Grenzen der Vernunft zu leugnen. Wir treffen das: Der Herr spricht! sonst in allen Religionen der Erde. Wollen Sie mir dagegen bemerken, das komme daher, weil die ungebildete Vernunft über ihren selbstgemachten Gewinn erstaunt und sich nicht selbst die Ehre zuzuschreiben wagt, oder weil die einzelnen Weisen meinten, eine göttliche Autorität erlügen zu müssen, um Leiter des blinden Volkes zu werden, so kann ich ebenso wahrscheinlich sagen: es kommt daher, weil man eben wußte, eine göttliche Offenbarung empfangen zu haben. -- Doch warum reden wir denn über diese Dinge? Ist es nicht, weil Sie die Höhen und Tiefen, die Länge, Weite und Breite des Gebiets der Vernunft durchwandert haben und nun kommen und fragen: was ist Wahrheit?«

»Wandeln aber nicht so Viele in Frieden ihren Weg und halten sich an die Vernunftreligion?«

»Nennen Sie diese unbestimmten Ideen von Gott, Freiheit des Willens und Unsterblichkeit Vernunftreligion, so vergessen Sie nicht, daß es eben noch ausgemacht werden soll, ob diese Ideen denn Gaben der Vernunft sind, und nicht vielmehr ein Raub an der Offenbarung begangen. Und woher denn der Friede dieser Vielen? Eben weil sie gar keine weitere Nahrung suchen über diese zufällig aufgerafften Brosamen hinaus, oder weil sie ihre Vernunft, die nach hellerem Lichte aus dem Halbdunkel hinausstrebt, ängstlich in Zügel halten, als wäre sie ein scheues Roß, das mit seinem Vorwärtsrennen den Reiter in einen Abgrund stürzen könnte. Wie oft hört man das Wort: >Darüber muß man nicht weiter nachdenken, sonst könnte man den Verstand verlieren.< O, du gerechter Himmel! Ueber das Band, das mich halten soll in der Gemeinschaft mit dem Ewigen, über das Licht, das mein Leben auf Erden verklären soll zu einem Wandel der Kinder Gottes, über den Pfad, der mir die Brücke bauen soll über der Zeit Vergänglichkeit und des Todes Verwesung hinweg zum ewigen, seligen Leben: darüber sollte ich mich scheuen, weiter zu denken? in diesen Dingen klar zu schauen mich fürchten? vor tieferem Aufschluß mich ängstlich zurückziehen? Wo es sich um die Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit handelt, wo mein eigentliches Sein, meine Zuversicht im Leben und im Sterben, mein Heil in Zeit und Ewigkeit in Frage steht: da sollte ich mir das Schicksal der Mücken zur Warnung dienen lassen, die ihre Flügel an den Flammen versengen?«

»Aber ist dies nicht oft das Schicksal Derer geworden, die weiter forschten?« meinte Mander. »Wenn sie es auch nicht selbst empfunden haben in der Leidenschaft für ihre glänzenden Systeme, so spricht es sich doch aus in dem schnellen Wechsel derselben, in den Widersprüchen, die darin offenbar werden, in dem geringen Einfluß ihrer Weisheit, die kaum in wenigen Jüngern fortlebt und sich in denen schon anders gestaltet, als sie aus dem Haupte des Meisters, eine scheinbar so wol gerüstete Minerva, hervorging.«

»Was bedürfen wir weiter Zeugnis?« erwiderte Hold. »Sind wir nicht zu der Notwendigkeit einer göttlichen Offenbarung gekommen?«

Vielleicht hätte das Gespräch noch bis tief in die Nacht hinein gedauert, wenn nicht Oswald gekommen wäre, um seinen Vater abzuholen, da es schon sehr spät geworden war. Die Pastorin gestand, daß sie sich freue, die Fortsetzung einer solchen Unterhaltung verschoben zu sehen, da sie nicht lassen könne, zuzuhorchen und doch merke, wie solche Untersuchungen erkältend auf ihr Herz wirkten.

Oswald sagte lachend: »Gewiß läßt mein Vater sich noch von Ihnen bekehren, Herr Pastor. Aber ehe ich vor Bileams Esel meine Kniee beuge, müßte mein Haar so grau werden, wie die Haut des Esels vermutlich war.«

Sein Vater warf ihm einen unwilligen Blick zu und hätte ihm mit hartem Wort seinen unziemlichen Spott verwiesen, wenn nicht Hold rasch das Wort genommen:

»Halten Sie Ihrem Sohn ein wenig Derbheit zu Gute. Er giebt nur auf seine Art wieder, was er in meiner Art davon bei unserer letzten Unterredung hat erfahren müssen. Uebrigens möchte ich,« fuhr er, zu dem über diese Anspielung lächelnden, aber doch errötenden Oswald gewendet, fort, »daß Ihr Haar recht bald so grau würde, wie Sie es haben wollen, um Ihr Knie zu beugen, wenn auch nicht vor Bileams Esel, doch vor Dem, den ein gleiches Tier trug, als Er einzog in Jerusalem, keinen gezwungenen, sondern einen freiwilligen Segen zu bringen, nicht einem Volke, sondern allem Volke.«

»Verzeihen Sie, Herr Pastor,« erwiderte Oswald, »wenn ich mich zu hart ausdrückte. Aber es ist mir immer unbegreiflich gewesen, wie vernünftige Menschen keinen Anstoß an solchen Erzählungen im sogenannten Worte Gottes finden.«

Hold antwortete: »Halten Sie den Spruch: >Du sollst lieben den Herrn, Deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte;< oder den andern: >Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich, was wollautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob: dem denket nach,< für gute und reine Lehre?«

»Ja, gewiß.«

»Nun, dann thun Sie, was diese Sprüche sagen. -- Wie würden Sie einen Menschen nennen, der an einer mit köstlichen Speisen reichbesetzten Tafel deswegen vorüberginge, weil er ein Gericht bemerkt, an dem er keinen Geschmack finden kann?«

»Ich werde mich wol hüten,« lachte Oswald, diesen Menschen einen Narren zu heißen; sonst schickten Sie mich mit der Extrapost meines eigenen Wortes in's Tollhaus. Aber Sie werden doch auch zugeben, daß Ihre verfängliche Frage eben nur ein Ausweichen und kein Antworten ist.«

»Lassen Sie mich bei dem Bilde bleiben,« entgegnete Hold. »Der Gast, der sich an die für ihn bereitete Tafel setzt und seinen Hunger und Durst an den Speisen, die er loben muß, stillet, der mag wol fragen, was es mit der einen Speise bedeute, die ihm geschmacklos vorkommt. Wer aber um ihretwillen alle andern auch verschmäht, der hat kein Recht zur Frage.«

»Abgeführt!« rief Oswald, drehte sich auf dem Absatz herum und entfernte sich mit seinem Vater.

XIII.

Um zu nehmen, mußt Du geben. Siehst Du auf Dich selbst zurück, Flieht Dich das gehoffte Glück. Nur für Opfer zahlt das Leben.

Kindlein in des Meeres Wiege, Eiland an der Wellen Brust! Scholle Du im Weltgebiete, Meine Heimat, meine Lust!

Keine Waldung Dich verhüllet, Dich kein Felsengürtel hält, Rings umher die Wasserfülle, Ueber Dir des Himmels Zelt:

Legst Du offen Dein Gelände Hin vor Gottes Angesicht, Kennst im Kampf der Elemente Andre Wehr und Waffe nicht.

Friede wohnt in Deinen Hütten, Deine Armut ist Dein Glück; Treu blieb hier der Väter Sitte In der Enkel Kreis zurück.

Frömmigkeit und Tugend heimen Gern an Deinem stillen Herd, Wo kein Gut, das Andre neiden, Wo kein Herz, das Mehr begehrt.

Kindlein in des Meeres Wiege, Eiland an der Wellen Brust! Menschen schiffen kalt vorüber; Doch der Engel weilt mit Lust!

Diese Verse fand Godber auf einem losen Zettel, der als Merkzeichen in einem der Bücher diente, welche Mander von Hold geliehen. Es mußte ihn dieses einfache Lied mächtig ergreifen, weil der Inhalt so ganz aus seinem Herzen genommen war. Er las es fast nie ohne Thränen, und hätte gern gegen den Pastor, der es allein verfaßt haben konnte, seinen innigsten Dank für dasselbe ausgesprochen, wenn ihm nicht dieser bei jedem zufälligen Zusammentreffen eine Scheu eingeflößt, wie die des Schuldbewußten vor seinem Verkläger. Den Schluß der Verse: »Doch der Engel weilt mit Lust!« wandte er auf Idalia an, und sie ließ sich auch dies gefallen, weil seine Liebe ihr die Tage wirklich recht angenehm machte, und sie ja wußte, daß die Zeit ihres Aufenthalts auf der Hallig nicht mehr so lange dauern würde. Sie konnte daher auch auf seine Darstellungen von dem künftigen Zusammenleben auf seinem heimatlichen Eilande auf eine Weise eingehen, die es ihm lange verbarg, wie sie nur Träume in diesen Gemälden eines so genügsamen und weltverachtenden Glückes sah. Hätte sie es im Geringsten nur für möglich halten können, daß Godber bei der Wahl zwischen ihrem Besitz und dem Verlust der Heimat im Ernst schwanken würde, dann würde sie sich stolz, ja verächtlich, wenn auch mit wundem Herzen, von ihm zurückgezogen haben. Fühlte sie sich auch auf dieser öden Flur glücklicher, als je früher im Glanz der Welt, so dankte sie dieses Glück ja doch keineswegs dieser ärmlichen Scholle, sondern der hingebenden Liebe des Jünglings, von dem sie annahm, daß ihm außer ihr Alles gleichgültig sei. Gefiel sie sich auch in der Lebensweise, die sie jetzt führte, so war es doch nur der augenblickliche Reiz des Ungewohnten, des von ihren sonstigen Verhältnissen gänzlich Abstechenden und das Anziehende der hausfräulichen Sorge. Für die Unterhaltung weniger Wochen war dies Leben gut genug, mochte immerhin als eine neue Art von Badereisen gelten; aber für immer auf diesem Fleck zu bleiben, der Entbehrung und Entsagung aller Lebensgenüsse von seinen Bewohnern fordert, wo das Leben selbst immer auf der Spitze der Gefahr schwebt: das war ein Gedanke, der ihr zu fern stand, als daß sie ihn in der Seele eines Andern vermuten konnte, dem ein Tausch möglich war, und noch dazu ein Tausch, der alles Glück, das Liebe, Reichtum, Weltverkehr geben konnte, in die Wagschale legte.

Wenn wir aber Godber mit dem Gedanken hätten vertraut werden lassen, für jenes Glück seine Heimat aufzugeben, dann würde in ihm kein echter Halligbewohner gezeichnet sein.

Wir haben die Hallig, welche der Schauplatz unserer Erzählung ist, in einer Zeit gesehen, als die eine Hälfte der Wohnungen von den Fluten in Trümmerhaufen an den Deichen des festen Landes aufgedämmt und die andere Hälfte, nur noch bloße Pfahlgerippe darstellend, allein an dem Dache als gewesene Wohnungen kenntlich war; als ein einziges Haus auf der durchlöcherten Werfte kaum noch so weit stand, daß es zu einer Zuflucht der dem Wellentode Entronnenen dienen konnte; als die Aussicht auf die nächste Hallig nur einen kahlen Fleck zeigte, von dem Werfte, Häuser, Herden und Menschen in einer Nacht hinweggespült waren, ohne eine Spur ihres Daseins zu lassen. Wir haben Die, denen das nackte Leben kaum eine dankenswerte Gabe heißen konnte, mitten in der grausen Zerstörung, worin sie Alles eingebüßt, in der vollen Lebendigkeit der Schreckenserinnerung an die furchtbare Nacht, mit dem Eindruck, den Frost, Hunger, Nässe auf den Körper und durch ihn auf die Seele machen; wir haben sie in diesem Zustande gesprochen, wir haben es ihnen vorgehalten, wie die nächste Nacht die Verwüstung in dem Untergange Aller vollenden könne, und konnten nur zwei hochbejahrte Leute, die allein standen und zu schwach waren, sich ein Bretterdach aufzuschlagen, dazu überreden, ein sicheres Asyl anzunehmen. Alle andern blieben, und bauten, als später die wahrhaft christliche Mildthätigkeit der Hohen und Niedrigen, der Reichen und Armen im Lande es erlaubte, sich auf der geliebten Scholle wieder an. Sie hätten Wohnungen haben können, wo sie es wünschten, so reichlich flossen die Unterstützungen; aber sie fühlten wol, daß Heimweh ihnen den Tod bringen würde auch auf den gesegnetsten Fluren. Sie sprachen sogar den Wunsch aus, daß wir für immer bei ihnen bleiben möchten, und in ihrer Vorliebe für ihre Heimat meinten sie nicht, damit ein Opfer zu verlangen, wogegen sich unsere Ansprüche an das Leben sträuben könnten; denn für sie war eine Hallig, selbst nach den neuesten Erfahrungen, doch eine Stätte, die alle Wünsche befriedige.

Dies mußten wir hier einschalten, um es dem Leser begreiflich werden zu lassen, wie Godber dem Gedanken so fern stand, die Hallig wieder zu verlassen, und wie er sich schmeicheln konnte, Idalia werde diese Heimat gern mit ihm teilen. Lange konnte freilich diese Täuschung nicht währen, und Oswald war der erste, der dem Träumer die Augen öffnete.

»Wenn man hier nur eine alte Mähre herüberbringen könnte!« äußerte Jener einmal bei Tische. »Es geht gar zu langsam mit dem Transport der Güter. Sollen wir ebenso langsam in die Frachtschiffe einschleppen, wie wir aus dem Wrack herausgeschleppt haben, so kann der Winter kommen und uns mit diesem »Kindlein in des Meeres Wiege« in Eis und Schnee einwindeln bis zum Frühling. Auch wäre es gut, wenn mein künftiger Herr Schwager sich ein bißchen in der Reitkunst üben könnte.«

»Hier bedarf es keiner Reitkunst, und hier werd' ich künftig an der Seite meiner Idalia leben, hier sterben,« erwiderte Godber.

Oswald sah erstaunt bald auf ihn, bald auf Idalia, die auch in dem Tone, mit welchem Godber sprach, nicht den Scherz finden konnte, der doch notwendig in seinen Worten liegen mußte.

»Idalia hier!« rief Oswald aus, als er wieder Worte fand für seine Verwunderung. »Hier, auf dieser einsam treibenden Rübe im weiten Kessel des Oceans! Hier auf dieser Amphibie, von der man nicht weiß, ob sie ein Landtier oder ein Seebutt ist! Hier in dieser Stube voll Himmelblau und Purpurrot! Hier bei dem ewigen Theetopf und seinen treuen Gevattern: Schafskäse und Schwarzbrot! Hier Idalia die Königin der Bälle! die Herrscherin im Herzgebiete der Männerwelt! die Entzückung und Verzweiflung von hundert Anbetern! die unbestrittene Siegerin im Kreise der Modedamen! Das war ein köstlicher Gedanke von Dir, Godber, über den ich in acht Tagen mich nicht ausgelacht habe.«

Godber wandte sich vor Unwillen errötend von ihm, und zuversichtlich Idalia's Hand ergreifend wiederholte er ihr mit dem zärtlichsten Ausdruck ihres eigenen Liedes:

»Giebt's für _Dein_ Gebilde Eine andre Welt, Wo Dein Schöpferwille Es nicht trägt und hält?«