Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee
Part 10
Idalia konnte nur zum Teil erraten, was den Jüngling so tief erschüttert hatte; auch war sie oft geneigt, Alles für Phantasiespiele des Fiebers zu halten, die keinen Grund in seinen wirklichen Gefühlen hätten; doch freute sie sich innig, als in den nächsten Tagen diese Phantasien mit den Fieberanfällen wiederkehrten und Godber's volle Zärtlichkeit für sie sich auf das deutlichste aussprach, weicher, hingebender als je zuvor. Seine körperliche Schwäche milderte den Kampf in seinem Innern. Idalia's treue Pflege rührte ihn tiefer, mit seinem Wesen übereinstimmender als alle früheren Zeugnisse ihrer Liebe, wenn diese ihn auch leidenschaftlicher entzückt hatten. Er gab sich gleichsam seinem Loose hin, ohne weiter durch die Erinnerung an das Vorhergegangene zu widerstreben. Nur an ihr haftete sein matter Blick; nur wenn sie neben ihm saß, war er zufrieden; nur ihr Lächeln erheiterte auch sein bleiches Gesicht. Wie ein Kind der Mutter folgte sein Auge allen ihren Bewegungen; und mehr stumm, als wortreich, malte sich doch gerade in seinem Schweigen die tiefste, vollste Liebe. Gleich wie die Abendröte nach einem stürmischen Tage der wieder Lebensodem schöpfenden Natur die lieblichste Färbung leiht, so war über Godber's Wesen nun eine ganz eigene Milde, Zartheit und Hingebung verbreitet. Diese Wendung seiner früher mehr heftig bewegten Gefühle ging zum Teil aus wirklich jetzt innigerer Liebe zu Idalia, zum Teil aber auch aus der ihm freilich nicht klar bewußten Notwendigkeit hervor, sein Dasein nun ganz mit dem ihren zu verweben, um den Frieden seines Lebens wieder zu gewinnen.
Auf Idalia's Herz blieb diese Innigkeit Godber's nicht ohne bedeutenden Einfluß; es hatte der wahren Liebe nie so nahe gestanden, als jetzt. Diese ungewohnte, nie geahnte und ihrem Charakter fremde Weichheit, die völlige Verschmelzung aller Gedanken und Gefühle mit dem geliebten Wesen zog sie unwiderstehlich an, und sie fühlte in einzelnen Stunden Aehnliches. In einer solchen Stunde sang sie unter Begleitung der Laute, die sie mit hoher Kunstfertigkeit spielte, und deren Erhaltung im Schiffbruch sie der Sorgfalt verdankte, mit welcher sie dieselbe, als ein Mittel, mit ihrem Talent zu prunken, nach jedem Gebrauch wieder verschloß, das folgende Lied, welches sie auf Godber's Bitte ihm nun täglich wenigstens einmal vorsingen mußte:
Was ich einst gewesen, Weiß ich's denn noch mehr? Kann ich Kunde geben, Wie ich anders _wär_?
War mir Lebenswiege Nicht Dein erster Gruß? Wie mir Todessiegel Wär' Dein letzter Kuß.
Kann die Blume scheiden Sich von Licht und Tau? Kann die Welle steigen Auf in's ferne Blau?
Giebt's für Dein Gebilde Eine andre Welt, Wo Dein Schöpferwille Es nicht trägt und hält?
So nur _Deine_ Gabe Geb' ich Dir zurück, Wenn ich liebend atme Nur in Deinem Glück.
Godber sah in diesen und ähnlichen Ausdrücken die vollsten Beweise der hingebendsten Liebe, und sie dienten dazu, ihn in dem Bestreben zu bestärken, sein Verhältnis zu Maria mit dem Schleier völliger Vergessenheit zu bedecken; wie sie zugleich ihm die unbegrenzte Erwiderung solcher Liebe gleichsam als eine Pflicht auflegten, an deren Erfüllung doch auch sein Herz den größten Anteil hatte.
So gingen beinahe vierzehn Tage hin, und bis auf die nach einer solchen körperlichen und geistigen Aufregung sehr natürliche Mattigkeit war Godber's Krankheit fast ganz vorüber, und durch sie der Bund der Liebenden fester als je geknüpft. Zugleich gab die Weise, wie Mander jetzt über diesen Bund sprach, der Neigung, die bisher dem freundlichen Traum der Gegenwart als einer flüchtigen Gunst des Geschicks ohne weitere Erwägung sich hingegeben, die bestimmte Richtung auf die Zukunft, gab ihr den bräutlichen Charakter in seiner Entschiedenheit des Bewußtseins.
Idalia betrachtete, obwol sie es sich gestehen mußte, daß auch in ihrer Brust durch die Liebe zu Godber manche neue Saite angeschlagen sei, doch diesen gegen die Worte ihres Liedes als _ihr_ Gebilde. Hatte sie ihn nicht aus einer Beschränkung des Daseins erhoben, in der er sich früher wolgefallen? Hatte sie ihm nicht eine neue Welt geöffnet, an deren Pforte kaum sein kühnster Traum ihn ohne sie geführt hätte? Mußte er nicht in ihr das Gestirn erkennen, das ihm in eine schönere, genußreichere Zukunft hineinleuchtete, als wozu ihm seine Geburt und sein bisheriges Leben bestimmt zu haben schien? Daß sie dies klar denken und darnach, seltene Momente der Vergessenheit ausgenommen, ihre ganze Stellung gegen den Jüngling beurteilen und ihr Benehmen regeln konnte, zeigt, wie wenig ihre Brust der echten, weiblichen Liebe zugänglich war.
Vielleicht mochte ein Vorfall am neunten Tage der Krankheit Godber's noch mehr dazu beitragen, Idalia zu einer scharfen, übersichtlichen Würdigung ihrer Verhältnisse zurückzuführen.
Es war ein heiterer Nachmittag. Die milde Herbstsonne blickte so freundlich und warm in die kleine, aber in ihrer lebhaften Färbung und zierlichen Ordnung recht gemütlich ansprechende Stube hinein. Während verschiedene Geschäfte alle übrigen Bewohner vom Hause entfernt hielten, saß Idalia allein an Godber's Lager und bewachte seinen ruhigen Schlummer. Sein bleiches Gesicht, von dem alle Spuren des rauhen Seelebens verschwunden waren, während die beginnende Genesung schon ihre erste leise Röte auf die Wangen gehaucht hatte, erschien, halbbeleuchtet von einem schrägen Sonnenstrahl, in einem Lichte, das die männlich schöne Form desselben auf das Anmutigste hervorhob. Sie hatte ihn noch nie so anziehend gefunden und konnte sich nicht enthalten, mit einem leichten Kuß seine Lippen zu berühren. Erwachte er auch nicht davon, so mußte er diese Berührung doch gefühlt haben, denn sie schien, wie das stille Lächeln um seinen Mund bezeugte, sich mit einem angenehmen Traum vermählt oder diesen erst hervorgerufen zu haben. Idalia lehnte sich auf ihren Sitz zurück und ihre Augen mit behaglicher, verschwimmender Ruhe auf den Schlafenden richtend, fiel sie selbst auch bald in jenen Halbschlummer, der zwischen Wachen und Träumen die Mitte hält, und in welchem wir liebliche Erscheinungen der Phantasie bald mit halbgeöffneten, bald wieder mit geschlossenen Augen anlächeln; gleichwie das Kind, welches der Mutter freundlich Antlitz über der Wiege weiß, oft in seinen leisen Träumen durch die kaum gehobenen Wimpern den Blick durchschimmern läßt zu der Mutter auf.
Befremdet, aber noch ungewiß, ob sie wache oder träume, erhob Idalia sich aus diesem Schlummer, als sie eine dunkle Gestalt am Ende des Bettes stehen sah, die mit unverwandtem Blick sie und Godber betrachtete und bei Idalia's Aufschauen den Finger auf den Mund legte, mit einer leisen Neigung gegen Godber, seinetwillen um Schweigen bittend. Es hätte vielleicht dieser Weisung kaum bedurft, da die unerwartete Erscheinung Maria's, denn diese war es, wie lähmend auf ihre Nebenbuhlerin wirkte; wozu noch das von Nachtwachen und Seelenschmerz in eine Totenblässe verwandelte Gesicht der Verlassenen nicht wenig beitrug, sowie die ganze auf tiefe Trauer deutende Kleidung derselben. Besonders aber gab das schwarze Tuch, welches um den Kopf geschlungen, Stirn und Kinn fast ganz verhüllte, und die bleichen Wangen und den matten Glanz der Augen noch mehr hervortreten ließ, dieser Erscheinung etwas Schauerliches. Maria hatte den einfachen Goldreif, den Godber noch immer von ihr trug, mit vorsichtiger Berührung von seinem Finger abgestreift und barg ihn in die Falten ihres Busentuchs. Dann zog sie den Verlobungsring an ihrer Hand langsam ab und neigte sich gegen Idalia hin, als wollte sie denselben ihr geben. Dabei bewegten sich ihre Lippen in dem Versuch, einige Worte zu lispeln; aber die Zunge versagte den Dienst, nur ein hörbarer Seufzer drängte sich aus ihrer Brust, eine heiße Zähre fiel auf Idalia's Hand und der Ring in deren Schooß. Maria aber wandte sich rasch, warf aber an der Thür noch einen langen, schmerzlichen Blick auf Godber hin, sah dann mit einem vertrauensvoll bittenden Lächeln Idalia an, als wolle sie ihr damit Godber's Glück an's Herz legen und -- war verschwunden.
Idalia saß noch lange auf derselben Stelle, ehe eine klare Vorstellung über das Geschehene sich aus ihren irren Gedanken und wechselnden Gefühlen losrang. Daß sie das Herz eines liebenden Mädchens gebrochen, war ihr nun zur vollen Gewißheit und ihr Mitleid im höchsten Grade rege geworden. Zugleich fühlte sie sich unangenehm in der freien Leitung ihres eigenen Herzens auf gewisse Weise dadurch beschränkt, daß es ihr eine notwendige Pflicht geworden war, eine solche Liebe, wie Maria kund gab, dem Jüngling zu ersetzen, welchen sie jener entzogen. Stimmte auch diese Pflicht mit ihren Neigungen überein, so war sie doch nun eine Fessel und darum für diese Neigung nach ihrem Charakter weniger zu einem Sporn, als zu einem Rückhalt geeignet. Auch verbarg sie vor Godber den empfangenen Ring und verschwieg ihm sorgfältig das Erscheinen Maria's an seinem Lager. So brachte sie die Unbehaglichkeit einer Verheimlichung in ihr Verhältnis zu ihm. Sie mochte heimlich fühlen, daß _ihre_ Liebe nicht jeder Prüfung gewachsen sei; wie konnte sie das rechte, volle Vertrauen zu _seiner_ Liebe haben?
Maria wäre wohl kaum je dahingekommen, auf die obenerzählte Weise Idalia an sich zu erinnern, wenn nicht der Tod ihrer Mutter alle ihre Gefühle noch höher aufgeregt, als sie es schon durch die Untreue des Verlobten waren, und ihr eine Spannung gegeben hätte, die sie aus dem einfachen Geleise ihres sonstigen Ganges hinaustrieb.
Der Arzt, der um Godber's willen die Hallig besuchte, hatte auf Hold's Bitte auch nach der kranken Witwe gesehen, obwohl ihre Unpäßlichkeit für wenig gefährlich gehalten wurde. Wie erschrack Hold, als der Arzt ihm erklärte, daß hier alle Hülfe zu spät komme, und die Alte ihrer Auflösung rasch entgegengehe. So sollte denn Maria ganz verwaist in ihrem Schmerze dastehen? Ihr schwererkämpftes Vertrauen zu der väterlichen Führung Gottes sollte durch einen neuen Schlag erschüttert werden? Hold suchte sie auf den ihr drohenden Verlust so schonend als möglich vorzubereiten. Sie nahm zu seiner Verwunderung die allmälige Mitteilung des ärztlichen Ausspruches mit Gelassenheit auf. Konnte ihr, nach dem Schmerze, den sie überwunden, noch Etwas zu schwer zu tragen sein? Sie schien gleichsam dem Himmel trotzen zu wollen, sie noch härter zu treffen. Nur als Hold sie darauf aufmerksam machte, wie wenig eine solche Ergebung diesen Namen verdiene, wie sehr sie sich darin versündige, den Schmerz nicht fühlen zu wollen, den ihr der himmlische Vater auf's Neue bereite; als er mit scharfem Worte diese Gelassenheit eine unchristliche, heidnische nannte, da brach sie in Thränen aus und fragte wehmütig: »Was wollen Sie denn von mir?«
»Ich will,« antwortete Hold, »ein offenes Gemüt, wo der warme Sonnenstrahl der göttlichen Barmherzigkeit, die sich auch im Leiden offenbaret, eine fruchtbare Stätte findet; keine eisige, verschlossene Brust, an welcher die Stürme vorüberwehen, ohne sie zu berühren. Ich will kindlichen Gehorsam und nicht eigensinnigen Trotz. Ich will Leben und nicht Tod. Der Herr soll Deine Thränen sehen und Deine Seufzer hören, daß sich darin kund gebe Deine Demut und Dein Getroffensein von Seinen Schlägen. In Seinen Himmel hinauf soll Dein Gebet und Flehen dringen um Kraft und Stärke. Du sollst nicht schweigen vor Ihm, als hättest Du schon, was du bedarfst. Du sollst lernen von dem Anfänger und Vollender des Glaubens, dem es ein Geringes gewesen wäre, sich jenen kalten, harten Gleichmut anzueignen, mit dem Du tragen und dulden willst, der aber weinte und betete: »Vater ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!« Siehe Maria, es ist ein Geist über Dich gekommen, der nicht der rechte ist, so sehr er sich auch rühmen mag seiner Geduld und Stille. Laß uns, die wir einen Vater im Himmel haben, auch zu diesem Vater kommen in der Traurigkeit, wie in der Freude. Wir wollen traulich mit Ihm reden, mit der Kinder Offenheit und Herzlichkeit; wollen Ihn fragen, und Er soll sich verantworten und uns offenbaren, warum Er das gethan! Und gewiß, wir werden eine Antwort erhalten, wie der Heiland sie erhielt, als er rief am Kreuze zum Himmel auf: »Gott, mein Gott! warum hast Du mich verlassen?« und die Antwort hatte, als Er im Verscheiden betete: »Vater in Deine Hände befehle ich meinen Geist!« Geh' in Dein Kämmerlein und weine Dich aus vor dem Vater in der Höhe, daß Deine Thränen nicht mehr wie brennende Tropfen auf eine dürre Stätte fallen, sondern zum himmlischen Tau werden, der die Wunden Deines Herzens kühlt.«
Maria's Thränen flossen stärker, und sie sagte endlich: »Ich verstehe es nun an mir selber, was es heißt: Herr, ich glaube! hilf meinem Unglauben!«
»Ja, so ist es,« erwiderte Hold. »Das Verständnis der Schrift geht uns immer erst allmälig auf. Sie würde uns stets ein Buch mit sieben Siegeln bleiben, wenn die Erfahrungen unseres Lebens nicht hinzukämen und uns offenbarten die Offenbarungen Gottes in ihrer Fülle, als Worte der Wahrheit und des Heils. Wir leben uns in die Schrift hinein, und dadurch wird sie uns wieder zu Licht und Leben. Das bloße Hineinlesen läßt uns vielfach in der Dunkelheit selbst da, wo wir meinen, klar zu sehen. So klopfe auch Du nur mit Deinen Erfahrungen, und mit Allem, was Dir noch bevorstehen mag, an diese heilige Pforte an und sie wird Dir aufgethan werden. Ein reicher Schatz des Trostes wird Dir offen liegen, und eine Ergebung in den Willen des himmlischen Vaters wird Dein werden, die da traurig ist und doch fröhlich, die da zaget und doch überwindet, die da schmerzlich fühlt, was genommen, und doch selig ruhet in Gott, der es genommen.«
Maria's Mutter starb, wie sie gelebt, still und fromm. Sie empfing das heilige Mahl, nicht zu einem bis auf die Todesstunde vorbehaltenen Ruhekissen des wunden Gewissens, sondern als letzte Versiegelung eines Glaubens, in welchem sie treu beharret bis ans Ende. Ihr Alter machte sie unfähig, die Tiefe der Wunde zu beurtheilen, an welcher ihre Tochter blutete. Weil am Rande des Grabes ihre Gedanken abgelenkt waren von den irdischen Dingen, und die Eitelkeit unserer zeitlichen Wünsche und Hoffnungen in solcher Nähe der ewigen Heimat ihr klarer vorstand, vermochte sie sich nicht mehr in die Gefühle eines jugendlichen Herzens hineinzuversetzen, das seine Ansprüche auf das Glück dieser Welt nicht so leicht aufgiebt. Daher fürchtete sie auch nichts für ihre Tochter, um so mehr, da sie in dem religiösen Sinn derselben eine sichere Gewähr sah, daß ihr der Trost aus der Höhe nicht fehlen werde, Alles zu überwinden. Ihr letztes Wort an Maria war die Ermahnung: »Bleibe fromm und halte Dich recht, denn solchen wird es zuletzt wohlgehen!« und sie verschied mit dem Ausruf: »Herr Jesu, nimm meinen Geist auf!«
So endete eine Frau, die manches Herbe in ihrem Leben erfahren, aber ihren festen Glauben und innern Frieden nie verloren. Sie schied aus einer Welt, in der sie nur gar Wenige gekannt hatten, und in der sie fast allein von ihrer Tochter vermißt wurde; und doch möchte Mancher, dessen Leben Millionen bewunderten und dessen Nachruhm Millionen feiern, diese an Geist und Gut arme und in ihrem kleinen Kreise bald vergessene Witwe um ihren Platz am Throne Gottes beneiden. Wen sein Beruf oft an Sterbelager führte, und wem da Gelegenheit ward, ein einfach christliches Gemüt in der Abschiedsstunde von einem ebenso einfach stillen Leben zu beobachten, dem ist jeder Prunk irdischer Größe widerlich, selbst da, wo er wahres Verdienst zur Folie hat, und wo dies Verdienst fehlt, kostet es ihm Mühe, sein Mitleid nicht in Verachtung übergehen zu lassen.
XII.
Ach! du gleißest, ohne je zu laben! Oede Weisheit einen Augenblick Gieb mir nur den Glaubenstraum des Knaben, Gieb mein Herz, mein kindlich Herz zurück!
Es möchte vielen Menschen, denen das stille Kämmerlein im Hause fehlt, und auch den Meisten, welchen es nicht fehlt, recht gut sein, wenn sie Gelegenheit hätten, auf längere oder kürzere Zeit einmal ganz aus dem Kreise ihrer bisherigen Umgebung und Thätigkeit herauszutreten, und sie in einem mußereichen Stillleben sich allein auf sich selbst zurückgewiesen sähen. Da wird Manches laut, was in dem Gewirre des täglichen Verkehrs übertäubt wurde, Manches kommt ans Licht, was im Dunkel des Herzens verborgen schlief, manche Blume keimt hervor, der es früher an dem ihr willkommenen Boden, an der ihr zusagenden Luft mangelte, wie zugleich auch in mancher glänzenden Frucht der Wurm offenbar wird. Wir sind mehr oder minder auch geistig Sklaven unseres Erdenberufs und des Kreises, in dem wir leben. In den Ketten und Banden, mit welchen unsere Stellung in der Welt uns umschlingt, verlieren wir gar leicht Sinn und Kraft für ein freies Um- und Aufschauen aus dem uns von ihr angewiesenen Gesichtskreise hinaus. Die Anforderungen und die Genüsse, ja die Vorurtheile des Standes, dem wir angehören, und des Verhältnisses, in welchem wir zu Andern stehen, üben eine unmerkliche Herrschaft über unsere Gedanken und Empfindungen und sind eben so viel Hemmketten für eine reinmenschliche Auffassung unseres Standes in der Schöpfung und im Reiche Gottes.
Das erkannte Mander auf der Hallig. Es war ihm, als habe er das Kleid ausgezogen, das er beständig getragen, und wollte er es nun auch wieder fest um sich wickeln, so blieb doch immer eine Oeffnung, durch welche ein Geist ihn anwehte, der das alte Gewand nicht duldete. Seither hatte er geglaubt, er werde endlich einmal in der Philosophie, welcher er alle seine Nebenstunden widmete, das reine Sonnenbad finden, das ihn zu dem vollen, freien, übersichtlichen Blick über Göttliches und Menschliches, Bleibendes und Vergängliches befähige, obwohl er sich gestehen mußte, daß er es zu dieser Stunde noch nicht weiter gebracht, als bis zu den Flügelschlägen des seinem Neste noch nicht entwachsenen Vogels, und daß zwischen dem Suchen nach dem Altarlicht, von dem alle Erleuchtung ausgeht, und der Verklärung durch dasselbe und in demselben eine weite Kluft befestigt sei. Jetzt drängte sich ihm nun gar die Frage auf, ob es der Philosophie überhaupt möglich sei, den Staub der niedern Welt, über welcher sie richtend thronen wolle, je ganz von sich abzuschütteln? ob nicht auch auf den scharfsinnigsten Denker seine Zeit, sein Volk, seine Lebensverhältnisse, seine ererbten Gewohnheiten, die Irrtümer seiner Vorgänger einen nie völlig zu beseitigenden Einfluß üben mußten? Die Erfahrung schien diese Frage bejahend zu beantworten. Denn die vermeintlich höchste Stufe war ja immer nur der Anfang einer höheren gewesen, und die Philosophie mit ihren wechselnden Systemen glich einer ewig sich häutenden Schlange. So glänzend auch die neue Haut anfangs erscheinen mochte, konnte sie doch nicht dem Geschick entgehen, bald als dunkle abgestreifte Hülle einer andern zur bloßen Folie zur dienen.
Diese Betrachtungen führten Mander zu manchen ernsten Unterredungen mit dem Pastor, in welchen, wenn Oswald nicht dabei gegenwärtig war, er jenen allmälig einen offenen Blick in sein in religiöser Hinsicht unbefriedigtes Herz thun ließ.
»Wie oft,« sagte Mander, »habe ich mich auf ein neu angekündigtes System der Weltweisheit, wie ein Kind auf die Weihnachtsgabe, gefreut, und wenn ich durch die schwere Sprache mich zum Verständnis durchgearbeitet, fand ich nur neue Fragen ohne Antwort, neue Rätsel ohne Auflösung; wohl tiefe Blicke ins Herz, aber keine Nahrung für das Herz; wohl geistreiche Untersuchungen, aber keinen lohnenden Fund. Die Philosophen kamen mir vor wie Schatzgräber, die nach einem Schatz graben, dessen hohler Klang sie zu immer neuen Anstrengungen reizt, während neckische Geister ihn immer tiefer vor ihnen versenken.«
»Lassen Sie uns,« erwiderte Hold, »bei einem scheinbaren Nebenumstande stehen bleiben, bei der schweren Sprache der Philosophen. Im Worte liegt eine wunderbare Macht. Indem der Mensch einem Dinge einen Namen gibt, macht er sich dadurch gleichsam zum Herrscher desselben. Es ist nun kein unbestimmtes Etwas mehr, das seine Gedanken verwirrt und sich denselben jeden Augenblick frei entziehen kann; nein, es ist gebunden unter dem Gehorsam seines geistigen Anschauens und muß ihm Rede stehen, sobald er es bei seinem Namen ruft. Es liegt ein tiefer Sinn darin, wenn nach der biblischen Schöpfungsgeschichte Gott dem Menschen die Tiere vorführt und ihn sie nennen läßt. Damit war diesem eine feste Herrschaft über sie gegeben, weil nun mit dem Worte sogleich ihre Gestalt, ihre Eigenschaften, ihre Triebe in einem Gesammteindrucke vor die Seele traten, und er nun ihre Aehnlichkeit und Unähnlichkeit, ihre Nützlichkeit oder Schädlichkeit mit einem Blicke übersehen konnte. So sind wir auch dann erst einer Vorstellung wirklich mächtig geworden, wenn wir für sie das entsprechende Wort gefunden. Unser Denken ist Sprechen, sei es nun allein ein Sprechen in uns, oder auch zugleich für unser Ohr. Um nun Gottes mächtig zu werden, wie die Philosophie es will, welche die göttlichen Dinge in den Bereich des menschlichen Wissens herunterzieht, müßten wir auch eine Sprache haben, die Seiner mächtig wäre. Fehlt aber diese Sprache uns, und ich meine die hohle, geschraubte, die gleich einem lebendig Begrabenen unter dem Leichensteine sich windende Sprache der bisherigen Philosophie gibt uns sattsam Kunde, daß sie uns fehle, so dürfen wir auch von dieser Philosophie keine Aufschlüsse über die göttlichen Dinge erwarten.« -- »Und dürfen gar keine erwarten!« seufzte Mander; »denn jeder Aufschluß muß uns doch durch eine Sprache zukommen?«
»Mit keiner Menschensprache,« entgegnete Hold, »wohl aber mit der Gottessprache, mit dem Glauben.«
Mander schüttelte schweigend den Kopf.
»Halten Sie es für so wunderbar,« fuhr Hold fort, »daß Gott, der Unsichtbare und Unendliche, einen andern Weg nimmt, sich uns zu offenbaren, als auf welchem die sichtbaren und endlichen Dinge zu unserer Vorstellung kommen? Diese können wir besprechen, dies Wort zugleich im Sinne des Schlangenbeschwörers genommen, wir können sie ergreifen, umfassen, uns ihrer bemächtigen mit dem Vermögen des Geistes, das seinen Ausgang und die Spitze seiner Kraft im Worte hat. Sollte dies Vermögen, dessen Entwickelung und Vollendung von der Sprache bedingt wird, auch darum hinreichen, Gott eine Stätte in unserm Staube zu bereiten, daß wir ihn betrachten, haben und halten, als einen mit der Meßrute unserer Vorstellungen zu messenden, in den Banden unserer Begriffe zu fesselnden, als einen zu besprechenden Gegenstand? Dürfen wir nicht vielmehr schon im Voraus erwarten, daß wenn Er von uns erkannt sein und unser werden will, Er auf einem andern Wege erkannt und unser wird? Der Glaube ist nun die Art und Weise, wie Gott zu uns kommt und wir zu Ihm kommen; er ist die Sprache, in der sich Himmel und Erde allein verstehen, und wir heben dies Verständnis zwischen Beiden auf, und verlernen, uns selbst und Andern verständlich zu reden, wenn wir in der Sprache, mit welcher wir uns das Irdische gleichsam zur Anschauung bringen, ein Mittel zur Anschauung Gottes zu haben glauben.«
»Reden Sie aber auch nicht als Prediger von Seinem Wesen, Seinen Eigenschaften, Seinem Walten?«