Die häßliche Herzogin: Roman

Part 9

Chapter 93,529 wordsPublic domain

Durch München ritten indes die tirolischen Herren, die die Verhandlungen führten. Es war eine prunkvolle Gesandtschaft, an ihrer Spitze die ersten Herren des Landes, Burgstall, Villanders, Schenna, Eckehard von Trostberg. Sie hatten keine Eile, waren sehr zuversichtlich, beschauten anerkennend, behaglich die helle, bunte Stadt, die unter Ludwig rasch hochkam, die neue, wohnliche Residenz, die er sich baute. Die Wittelsbacher waren umsichtige, feste Herren. Man mußte nur, damit sie einem nicht zu genau kamen, sich mit allen Mitteln sichern. Das taten die Tiroler denn auch. Ließen sich alle ihre Handfesten, Urkunden, Privilegien bestätigen. Rafften, rissen an sich. Erzwangen sich Vetorecht und Kontrolle über alle Regierungsmaßnahmen. Verärgert, verzweifelt brach der Brandenburger aus, was er denn mit einer Herrschaft solle, die überall so geengt, gepreßt, gehemmt sei. Voll und bieder schaute ihm der Kaiser in die Augen: »Hab' du den Mantel erst an! Ist er dann zu lang, kannst du ihn ja abschneiden.«

Nach Lichtmeß, in hohem Winter, unter einem leuchtenden, hellblauen Himmel, fuhr, ritt der klingelnde, prächtige Zug der Wittelsbacher durch die grellweißen Berge nach Schloß Tirol. Schnee knirschte, Rüstungen klirrten, Gehänge, Gold und Silber läuteten. Weich in der dämpfenden Schneeluft ging der riesige, bunte Zug, Pferde, Saumtiere, Sänften, Menschen. Der Kaiser, in strahlender Laune, sein Sohn Ludwig, der Markgraf, der Brandenburger, mißmutig, zögernd, aber halb schon durch die Größe und Vielgestaltigkeit des Landes gelockt, sein junger Bruder Stephan. Der Herzog Konrad von Teck, der reiche schwäbische Herr, der intimste Freund des Brandenburgers, finster, fanatisch, ein wilder Arbeiter, ein unbedingter Anhänger der Wittelsbacher. Die tirolischen Barone. Zahllose bayrische, schwäbische, flandrische, brandenburgische Edle. Die Bischöfe von Freising, Regensburg, Augsburg. Die beiden großen Theologen, die der Kaiser an seinen Hof gezogen hatte, Wilhelm von Okkam und Marsilius von Padua.

Der Kaiser hielt während der ganzen Reise vor allem diese geistlichen Herren in seiner Nähe. Die Nachricht von der beabsichtigten Vermählung des Brandenburgers mit Margarete hatte ganz Europa skandalisiert. Nicht nur, daß Margarete die Frau eines andern war, sie war auch von ihrer Großmutter Elisabeth her mit dem Brandenburger im dritten Grade verwandt. Der Papst dachte nicht daran, die Herzogin von diesem Ehehindernis zu lösen, hatte vielmehr sogleich mit Bann und Interdikt gedroht. Ängstlich hörte, tief beunruhigt, die Bevölkerung diese Drohung. Der Kaiser war aber durchaus nicht willens, vor der Kurie zurückzuweichen. Er stellte dem Papst seine Theologen entgegen. Der Kaiser selbst war ohne viel Bildung, sprach nicht einmal Latein; aber er hatte eine tiefe, abgründige Ehrfurcht vor der Gelehrsamkeit. Er bedauerte aufrichtig, daß seine Bayern so dumpf und stumpf waren, sich zum Studium so gar nicht eigneten. Ach, überall in der Welt fanden die großen Gelehrten, die er an seinen Hof gezogen, Wilhelm von Okkam und Marsilius von Padua, Widerhall, nur nicht in seinem Bayern.

Er war fromm, er hatte Gewissen, er verehrte die weisen Herren von Herzen, glaubte an sie, war überzeugt von ihrem Wissen um Gott. Er hatte also an seine Theologen, sie aus seinen riesigen blauen Augen anstarrend, die Frage gerichtet, ob die Einwände des Papstes zu Recht bestünden. Marsilius und Wilhelm hatten ein Gutachten ausgearbeitet, die Ehe Margaretes mit Johann dem Luxemburger sei infolge Untauglichkeit des Gatten nie _de facto_ vollzogen worden, sie bestehe also nicht, sei ungültig. Daraufhin hatte sich, vom Kaiser dringlich gebeten, der Bischof von Freising, Ludwig von Chamstein, bereit erklärt, die Ehescheidung zwischen Margarete und Johann auszusprechen. Aus diesem Grund also zogen die bayrischen Bischöfe mit über die Alpen. Ihre Mission kam ihnen sehr gefährlich, sie selber sich sehr kühn und wichtig vor. Sie hatten gespannte Gesichter, schwitzten.

Der Brandenburger ritt neben Konrad von Teck. Mehr und mehr interessierte ihn das Land, das Technische der Verwaltung. Leidenschaftlicher Nationalökonom, der er war, hatte er keinen Blick für die Gegend, die Sonderart der Menschen, sprach mit seiner harten, hellen Stimme nur von Ackerbauflächen, Siedlungsmöglichkeiten, Handelsstraßen, Bezirkseinteilung, Steuermethoden. Ob Brandenburg, ob Tirol -- ihm war das Land nichts anderes als Verwaltungsgegenstand. Hier war überall Verrottung, Schlamperei. Er wird mit harter, tüchtiger, wohlmeinender Hand zupacken.

Herr von Schenna ritt neben Wilhelm von Okkam. Der kluge, weltkundige, gelehrte Theologe fesselte ihn. Er hatte an der Universität Paris doziert, war kein blasser Theoretiker, sah die Zusammenhänge von Westen nach Osten. Vor ihnen -- die Straße stieg sacht an -- hob sich hoch der wuchtige Rücken, der starke Nacken des Kaisers. Die beiden Herren sprachen über ihn. Der Theolog, nicht ohne eine gewisse Leidenschaftlichkeit, rühmte die ideellen Neigungen des Kaisers, seine Ehrfurcht vor der Bildung, den heiteren Ausbau der Stadt München, die Stiftung des Ritterordens von Ettal nach dem Muster des Wolframschen Parzival. Der schärfere Herr von Schenna aber wollte das nicht gelten lassen, er sah in dem Wittelsbacher einen viel moderneren Typ. Der Kaiser liebte die Städte mehr als die Burgen, den Kaufmann mehr als den Kriegsmann, Verträge mehr als Schlachten, sah auf Nutzen mehr als auf Ritterlichkeit. Gewiß hatte er noch romantische Anwandlungen; aber die waren Tradition, nicht Ausdruck seines wahren Wesens. König Johann, der Luxemburger, der war bei aller Wandelbarkeit viel konservativer, war ein Ritter alten Schlages, ein Abenteurer. Der Kaiser hingegen glich vielmehr den Stadtbürgern, war ein Mann von heut, ein Rechner. Darum auch werde der Luxemburger zwar mehr packen, aber weniger festhalten können, und auf die Dauer werde der Kaiser triumphieren; denn er sei ein Kind seiner Zeit. Der Theolog hörte den klugen, richtigen und literarischen Ausführungen nachdenklich und widerstrebend zu. Sie sahen den breiten, wuchtigen Rücken des Wittelsbachers vor sich. Sie dachten beide, was keiner sprach: er wird immer nach seinem Nutzen handeln und nur nach ihm, wird immer bieder und aus großen Augen sich, die andern, die Welt betrachten, wird immer, ehrlich und überzeugt, Gerechtigkeit, Moral, Gottes Willen gleichsetzen mit seinem Nutzen.

Man nächtigte in Sterzing, klomm andern Tages in klarer, schneidender, fröhlicher Kälte den Jaufenpaß hinan. Man hatte schon die Höhe hinter sich, stieg ins Passeier. Da strauchelte das Pferd des Bischofs von Freising, scheute, warf den Reiter vornüber ab. Der Bischof flog sehr unglücklich gegen einen Felsen, brach den Hals. Da lag er, der kleine, bewegliche Mann, auf dem gefrorenen Schnee unter dem fröhlichen, hellen Himmel. Er hatte gegen den Kandidaten des Papstes den Bischofsstuhl von Freising besetzt, er hatte gegen den Willen des Papstes das heilige Sakrament der Ehe brechen wollen; jetzt lag er gelb und steif und tot. Der bunte, laute, klingende Zug stockte. »Gottesgericht!« raunte es; übergraust standen die Herren um die Leiche. Man schlug den Toten in Decken, führte ihn auf einer Bahre mit nach Meran. Sehr still gelangte der kleine, wichtige Herr in die Stadt, wo er die kühne, gefährliche Tat seines Lebens hatte tun wollen. Die erschreckten Bischöfe von Augsburg und Regensburg weigerten sich den Bitten des Kaisers, daß nun sie Margaretes erste Ehe lösen sollten.

Gleichwohl brach des Kaisers gute Laune wieder durch, als er in das Schloß Tirol einzog. Avignon war weit, mochte Benedikt ohnmächtige Flüche gegen ihn schicken. Das waren Worte: er hatte das Land. Wo war ein Fürst der Christenheit mächtig wie er? Er hatte beide Bayern vereinigt, er hatte Brandenburg, hatte sichere Anwartschaft auf Holland, Friesland, Seeland, Hennegau. Jetzt das Land in den Bergen dazu, das schöne, alte, reiche, berühmte Land. Dahinter lag Italien, zerrissen, machtlos. Er hatte es, nun er die Höhen der Alpen beherrschte, fest in der Hand. Schönes Schloß Tirol! Gutes, festes Schloß Tirol!

Erstaunt hörten die Herren im Vorzimmer, wie der Kaiser innen mit heller, lauter Stimme sang. »Er singt Lieder wie König David vor der Bundeslade!« sagte der Bischof von Augsburg. Der Kaiser aber, in seinem Gemach, allein, schaute in das weiße, helle Land, schlug sich auf die Schenkel, sang kleine, lustige, derbe Trutzlieder, wie man sie in den Kneipen seiner bayrischen Dörfer sang.

* * * * *

Zwei Tage später vollzog der Kaiser selber die Vermählung des Markgrafen Ludwig mit der Herzogin Margarete. Zum großen Ärgernis des Landes und ganz Europas. Wieder den Tag darauf belehnte er in der Stadt Meran die Neuvermählten mit Kärnten und Tirol. Er war angetan mit dem kaiserlichen Ornat. Konrad von Teck hielt das Reichsschwert, Arnold von Maßenhausen das Zepter, Herr von Krauß den Reichsapfel. Margarete strotzte von Prunk, steif, übersät mit Edelsteinen standen die schweren Kleider um sie herum, sie sah starr und reglos geradeaus.

* * * * *

Im Wiener Schloß saßen Albrecht der Lahme und Johann von Böhmen in langer Unterredung. Der Griff des Wittelsbachers nach Tirol hatte den Luxemburger und den Habsburger wieder ganz zusammengetrieben. Der Kaiser, dieser Schamlose, hatte nicht nur Tirol gestohlen, er hatte seinen Sohn auch mit Kärnten belehnt, in dem der Habsburger festsaß, das der Kaiser selber ihm hatte erobern helfen. Weniger über die Frechheit, als über solche Torheit des Wittelsbachers waren die Fürsten erstaunt und empört.

Albrecht hatte alle Vorsorge getroffen, sein Kärnten gut zu verteidigen. Der gelähmte Fürst hatte noch einmal, nun auch er, die umständlichen, ihm doppelt beschwerlichen Zeremonien der Kärntner Thronübernahme auf sich genommen; es lag ihm daran, nur ja seine Volkstümlichkeit zu sichern.

Der blinde Luxemburger hatte mehr Phantasie und weiterschauende Pläne. Dieses Tirol, die schönste Frucht, die der dreiste, plumpe Wittelsbacher sich gepflückt, trug den Wurm in sich. Der lahme, in Kleidung und Frisur etwas verwahrloste Albrecht sah mit Interesse, mit einer leisen, widerstrebenden Bewunderung auf den blinden König, der straff, elegant und sehr gepflegt vor ihm saß und leicht und behutsam seine blauen, kühnen Pläne andeutete. Nein, der Kaiser wird an seinem neuen Land nicht viel Freude haben. Er, Johann, ist im Grund verträglich. Er trat bisher Ludwig entgegen, wenn er mußte, wenn es sein Nutzen verlangte, aber ohne Haß und Leidenschaft. Von nun an wird es anders sein. Er ist randvoll von Ekel und Zorn über diesen letzten plumpen, schoflen Streich, über solche dumm anmaßliche, vor sich und andern heuchelnde Habgier und Frechheit. Der Grimm des Ritters und Abenteurers gegen den Kleinbürger brannte auf.

Der neue Papst, der sechste Klemens, kein Theoretiker wie der verstorbene Benedikt, nein, ein weltkundiger, glänzender Fürst und Herr und Politiker, ist ihm und seinem Sohn Karl eng befreundet, der Lehrer und nächste Vertraute seines Karl. Die Vermählung des Brandenburgers hat dem Kaiser überall Unwillen erregt. Wenn jetzt der neue Papst von allen Kanzeln Bann und Interdikt gegen den Kaiser verkünden läßt, wird solche Verfluchung nicht als Politik aufgefaßt werden, sondern bei aller Christenheit Billigung und herzlichen Beifall finden. Kurfürsten, Städte, Volk werden dem Wittelsbacher sich weigern, haben ihm schon ihre Gefolgschaft aufgesagt. Wenn dann mit Unterstützung Avignons sein Sohn Karl zum Römischen König erwählt wird, kann er, Johann, ihm eine unüberwindliche Liga gegen Ludwig schaffen.

Albrecht rieb sich mechanisch das schlechtrasierte Gesicht, hörte besonnen den Ausführungen des andern zu. Dies waren Pläne, die solider gegründet waren als gewöhnlich die Pläne des Luxemburgers; aber sie bedeuteten Angriff, unvermeidlichen Kampf. Er, Albrecht, war nicht willens, sich hineinzumengen. Er war nicht mehr jung, war gewitzt, zog das Schwert nur im äußersten Fall.

So saßen sie beisammen, die beiden mächtigen Fürsten, die mehr als die Hälfte Mitteleuropas regierten; der Blinde zerrte an dem Lahmen, aber er konnte ihm nur ein Defensivbündnis abringen.

Dann, als die Unterhandlung zu Ende war, reckte sich Johann, erhob sich, um zu gehen, tastete sich, der Blinde, an der Wand entlang, fand aber die Türe nicht. Albrecht konnte ihm zwar sagen, wo sie sei, vermochte aber, der Lahme, dem Tappenden nicht zu Hilfe zu kommen. Da lachten sie beide lang und herzhaft, bis endlich einer aus dem Gefolge draußen die Tür öffnete.

* * * * *

Schlimmes Unglück brach über das Land in den Bergen herein, die Strafe Gottes, weil die Herzogin das Sakrament der Ehe so grob verletzt hatte. »Die Plagen Ägyptens!« schrien die Anhänger des Papstes durch ganz Europa. »Die Plagen Ägyptens!« erblaßte das Volk, seufzte, schlug sich die Brust, fastete.

Zuerst taten zu erneuter Bestrafung der Sünden der Menschen die Schleusen des Himmels sich auf, eine zweite Sintflut.

»Wehe! Der Wassermann ergießt deukalionischen Regen,« zitierte der Abt Johannes von Viktring einen alten Lateiner. Als hätten sämtliche Flüsse Europas sich über das Land ergossen, wurden Bäume, Wiesen, Dörfer, Menschen von Grund auf weggerissen, der Inn führte Brücken, Türme, Häuser mit sich, das untere Etschland glich einem See, von Neumarkt fuhr man zu Schiff nach den unter Tramin gelegenen Gütern.

Im gleichen Jahr rasch nacheinander vernichteten wilde Feuersbrünste die Städte Meran, Innsbruck, Neumarkt.

Aber das Grauenvollste und Seltsamste, was das Volk erstarren ließ, waren die riesigen Heuschreckenschwärme, die in diesem Sommer das Land verheerten. Sie kamen von Osten.

Nachdem sie Ungarn, Polen, Böhmen, Mähren, Österreich, Bayern, die Lombardei kahl gefressen hatten, lagerten sie sich über dem blühenden Tirol. Man sah die Sonne nicht, so dicht flogen sie. Sie flogen bei Tag und bei Nacht, und doch brauchten sie siebenundzwanzig Tage die Etschufer hinab.

Das erschreckte Volk schleppte in Prozessionen die Heiligenbilder, betete, streckte die Hände zum Himmel. Der Pfarrer von Kaltern ließ das Geziefer durch ein förmliches Rechtserkenntnis von Geschworenen verurteilen, bannte es von der Kanzel herab. Es waren riesige Tiere, sie hatten Zähne wie leuchtende, edle Steine, so daß die Frauen ihre Gewänder damit besetzten. Die Schwärme, die die Inngegenden verheerten, waren zwiefach merkwürdig. Die Führer flogen mit wenigen anderen dem Heer um eine Tagesreise voraus, suchten die Orte, die der Masse des Schwarmes geeignet waren. In Geschwadern brachen sie wieder auf, mit militärischer Disziplin. Sie fraßen Busch und Baum, sie fraßen alles Grün, sie fraßen den Halm, das Korn, die Hirse, Stumpf und Stiel. Die Erde war schwarz und grau und wie ausgedorrt, wenn sie endlich fortzogen.

Die Herzogin Margarete fuhr über den Arlberg. In Sankt Anton stand unter dem gaffenden Volk ein Mädchen von elf, zwölf Jahren mit seiner Mutter. Wie der Zug vorbeikam, rief eifrig, wichtig das Kind: »Mutter! Mutter! Welche ist die gnädige Frau Herzogin? Die Lange, Dürre oder die andere, die Maultasch?«

Die Mutter, eine derbe, wackere, behagliche, junge Frau, grinste, wurde rot, schlug nach dem Kind: »Wirst du den Brotladen halten, Saufratz!«

Die Leute ringsum lachten, das Kind plärrte, das Wort wurde aufgenommen. Es flog durch das Land, flog weiter, bald nannte alle Christenheit die häßliche Herzogin nur mehr die Maultasche. Margarete hörte davon, trug den Beinamen mit einer gewissen stillen, bitteren Absichtlichkeit. Wie sollte ihr neues Schloß heißen? Bruneck? Neugrafenburg? Sie nannte es Schloß Maultasch.

* * * * *

Markgraf Ludwig saß zusammen mit seinem Freund, dem Herzog Konrad von Teck, über Rechnungen und Belegen. Der junge, straffe Markgraf stellte nüchtern, klar Ziffern und Tatsachen zusammen; der massige, soldatische, etwas ältere Herzog von Teck hörte aufmerksam zu. Er war in Rüstung, unbeweglich, während der Markgraf bei aller Sachlichkeit sich nicht enthalten konnte, auf den Tisch zu schlagen, auf die raschelnden Papiere.

Sein festes, mageres Gesicht, harte, glanzlose, blaue Augen, bräunliche, verwitterte Haut, etwas spärliches, blondes Haar, gegen die Mode kurzer, blonder Schnurrbart, war böse und sehr erregt. Er hatte die Tiroler Barone immer für tückische, betrügerische Raffer gehalten. Doch daß sie auch unter seinem Regiment so frechen, offenkundigen Unterschleif wagen würden, daß sie bieder und traulich nicht etwa die Hälfte, sondern neun Zehntel seiner Einkünfte in ihre Tasche steckten und sich in ihren Schlußrechnungen kaum bemühten, das zu verschleiern, das war denn doch ein Gipfel frecher Habsucht, den er nicht erwartet.

Der junge Fürst liebte sachliches, rasches, sauberes Arbeiten. So hatte er sich in Brandenburg bewährt; es war dem Land gut bekommen. Hier in Tirol fand er überall Schlamperei, die ganze Verwaltung war ein Ungefähr, alle Grenzen und Befugnisse verwischt, Betrug und Unterschleif üppig in Schuß und Wucher. Dabei hatten die Barone gut vorgesorgt. Amnestie für ihre Verwaltungssünden war ihnen zugesichert, auch konnten sie fürderhin nur durch Einheimische kontrolliert werden, und da sie alle versippt waren, blieb solche Kontrolle Formsache.

Der massige, bartlose, soldatische Konrad von Teck ließ den Markgrafen zu Ende reden. Dann sagte er: »Durchgreifen! Verträge, Amnestie: einen Schmarren! Pack' einen von ihnen am Kopf! Laß die andern reklamieren, protestieren! Wenn sie sehen, es nützt nichts, werden sie rasch kirre.«

Mit einem halben Lächeln schob der Markgraf dem Freund ein Schriftstück hin: einen Haftbefehl für Volkmar von Burgstall. Aber er war nicht unterzeichnet. »Mein Vater täte es bestimmt nicht,« sagte er. »Es kann verteufelt schief gehen. Ich hab' keine Rückendeckung.«

Konrad von Teck schaute ihn aus seinen stumpfen, braunen Augen an, sagte knarrend: »Schaff' dir Rückendeckung.«

Ludwig gab den Blick zurück, schellte, befahl: »Die Frau Herzogin.«

Bis Margarete kam, schwiegen die beiden Männer. Ludwig hatte keine Heimlichkeit vor dem Freund; so wußte der genau, wie es zwischen ihm und Margarete stand. Es stand aber so, daß aus Mißtrauen und Abneigung langsam eine kühle, geschäftsmäßige, wohlwollende Kameradschaftlichkeit gewachsen war. Margarete war ruhig, klug, nicht zudringlich, gab und verlangte keine Sentimentalität. Dies war dem Wittelsbacher sehr recht; seine saubere, straffe, nüchterne Art war die einzige an einem Manne, die Margarete in diesen Jahren nicht reizte. An ihre seltsame Erstarrung und Verkrustung gewöhnte er sich langsam ebenso wie an ihre Häßlichkeit, und es geschah ohne jeden verächtlichen Unterton, wenn er etwa im Gespräch mit Konrad ebenso wie das ganze Land Margarete die Maultasche nannte.

Es dauerte eine ziemliche Weile, bis sie kam. Denn nie erschien sie anders als in herzoglichem Prunk. Sie trug ein Kleid aus schwerem, braunem Stoff, mit vielem Gold besetzt, das Gesicht maskenhaft steif von Schminke und Puder, auch die Hände geschminkt. Der Markgraf legte ihr die Dokumente vor, wies in kurzen Worten darauf hin, wie lückenlos vor allem das Material gegen Volkmar von Burgstall sei. Margarete sah vor sich den dumpfen, dröhnenden, wuchtigen Volkmar, die nackte, brutale Gier seines Gesichts. Er hatte mit seiner plumpen, grausamen Hand zugeschlagen, wo er konnte, er hatte im Kampf gegen die Luxemburger den jungen Rottenburg, den lustigen, harmlosen Albert vorgeschickt und sich selber feig, schwer, tückisch in den kellerigen, widerwärtigen Winkeln seiner Burg versteckt. Ihr Gesicht unter der Schminke blieb steif und ohne Ausdruck. »Verhaften Sie ihn!« sagte sie.

Selbst der starre Konrad von Teck sah überrascht auf. »Sie sind eine tapfere Dame, Frau Herzogin!« sagte er.

»Nachdem das Ihr Rat ist, Margarete,« sagte der Brandenburger, »werden sich Ihre Landsleute wohl beruhigen müssen, wenn ich ihn befolge.« Er bat, auch sie möge den Verhaftsbefehl unterzeichnen. Sie tat es.

Der Burggraf Volkmar wurde verhaftet, prozessiert. Solches Vorgehen gegen den ersten Aristokraten des Landes machte ungeheures Aufsehen. Die Barone, zitternd jeder für sich selbst, schlossen sich zusammen; vom Süden her wühlte Bischof Nikolaus von Trient, von Westen der Bischof von Chur. Konrad von Teck, dem der Gefangene unterstellt war, wich keinen Schritt. Anklage, Vermögenskonfiskation, Verhör, Tortur. Zum Urteil kam es nicht. Der Burggraf starb vorher, im Kerker, unversehens. Das Land raunte, übergraust, wollte sich empören, wagte es nicht, duckte sich, schwieg.

Margarete saß am Putztisch, als sie die Nachricht von dem plötzlichen Tod Volkmars erhielt. Das Fräulein von Rottenburg, das ihr Haar kämmte, schnaufte, zitterte, ließ den Kamm fallen. »Mach' doch weiter!« sagte Margarete, und ihre volle, dunkle Stimme war gleichmütig und ohne Schwanken.

* * * * *

Die Herzogin schaute von der Loggia der Burg Schenna aus in das besonnte Land. Jakob von Schenna saß ihr gegenüber. Zu ihren Häupten an den Wänden schritten die bunten Ritter.

Es tat wohl, die müde, gescheite Stimme Schennas zu hören. Seine hellen, klugen, reinlichen, phrasenlosen Sätze waren wie ein laues Bad. Der Markgraf hatte ihn in seine Dienste ziehen wollen. Doch Herr von Schenna hatte die diplomatischen Würden, die goldenen Ehrenketten seinen Brüdern Petermann und Estlein überlassen, er selber war wohl bereit zu raten; doch ein Amt nahm er nicht an.

Er sprach vom Markgrafen, wie häufig. »Nein,« sagte er, auf die gemalten Ritter weisend, »von diesen hat er nichts. Wenn er einen Wald sieht, denkt er nicht an ein Ungeheuer, das darin sein könnte, auch nicht an eine Dame, die ein Riese hütet und die zu befreien wäre. Er überlegt, wie groß der Holzwert des Waldes ist, ob es lohnt, das Holz in die nächste Stadt zu schaffen, dort den Wohnungsbau zu fördern. Die Zwerge hat der Markgraf nie gesehen; sie werden auch nicht zurückkehren, solange er regiert. Auch wird er mit König Johann nie konkurrieren. Es wird ihm nichts daran liegen, achtzehn oder zwanzig Turniersiege im Jahr zu behaupten, die modischste Rüstung zu haben, möglichst oft in Paris zu sein. Aber darauf sehen wird er, daß sein Name selten in der Korrespondenz des Messer Artese aus Florenz vorkommt, daß die Kaufleute ihre Transporte in Sicherheit führen können, daß in den Städten feste, redliche Behörden sitzen.«

Margarete schwieg. Ähnliches hatte Schenna schon oft geäußert. Es fiel ihr auf, daß früher die gleichen Dinge in seinem Munde ironisch geklungen hatten, ablehnend, während er jetzt fast mit Anerkennung von diesen bürgerlichen Eigenschaften des Fürsten sprach.

Herr von Schenna blieb bei seinem Lieblingsthema. Die alte Zeit war vorbei. Rittertum und Rittersitte war wohlfeil geworden und Attrappe. Man konnte nicht mehr so einfach und geradezu in die Welt hinausziehen und darauflosschlagen; gleich kam die Polizei. Mit Abenteuern war jetzt, in dieser farbloseren Zeit, weder Ehre noch Besitz zu holen. Es war vielleicht schöner gewesen früher, bunter, ehrlicher. Aber die Welt war verwickelter geworden. An Stelle der Burg trat die Stadt, an Stelle des kräftigen Einzelnen die Organisation. Wenn der fahrende Ritter Herberge verlangte, Speis' und Trank, forderte man von ihm -- Gotts Marter! -- Bezahlung. Nicht ihm gehörte die Zukunft, sondern dem Bürger, nicht der Waffe, sondern der Ware, dem Geld. Mochten Herren wie König Johann noch so herrlich herfahren über die Erde; was sie taten, blieb ohne Bestand. Bestand hatte das kleine, langsame, sorgfältige, rechenhafte Gewerk der Städte; sie bauten winzig, sie bauten ängstlich, aber sie bauten Zelle an Zelle, schichteten Stein um Stein, unablässig.