Part 8
Liegt eine lange Weile steif. Spürt, wohlig fast, die Kälte und nichts sonst. Dann fängt die Nacht wieder an zu tanzen und zu zucken. Der Kopf zuckt in ihr hin und her. Wird endlos lang und schmal. Die mageren, bräunlichen Wangen schillern giftig, bläulichgelb, und jedes dieser schmutzigen, schwärzlichen Flaumhaare sticht nach ihr. Die toten Augen klappen auf und zu in der Nacht. Sie sind ganz ohne Ausdruck, wie von einem toten Tier. Oh, wenn es Tag wäre! Es wäre besser gewesen, die Kerze nicht totzumachen. Jetzt liegt die Nacht so schwer und plump auf ihr wie eine grobe, erstickende Decke. Man liegt in dieser Nacht wie in einem Sarg, und der tote Chretien klappt seine sinnlosen Augen auf und zu.
Er ist häßlich. Das häßlichste Lebendige ist nicht so häßlich wie ein Totes.
Nein, es ist ihm nicht gut bekommen, daß er sie hat betrügen wollen. Die Schöne hat jetzt auch nicht viel von ihm. Mit einem Mann ohne Kopf läßt sich kein Staat machen.
Er hat andere mitgerissen. Armer Albert! Lieber, gutmütiger, freundhafter Bruder! Er war so harmlos und kameradschaftlich. Sicher hat er nur mitgetan, um kein Spaßverderber zu sein. Jetzt ist er kahl und bloß und verrenkt und im Kerker. Der frische, lustige Junge, der er war.
Aber Chretien war doch anders. Das kühne, magere, bräunliche Gesicht. Sie wird keine Furcht mehr haben vor dem toten Kopf. Sie wird ihn lang und genau anschauen, und Chretien wird ihr gehören, nicht der Schönen. Tag sollte es sein, Tag, daß sie ihn sehen kann. Die dummen Gedichte des Herrn von Schenna singen immer von den Herrlichkeiten der Nacht und daß die Nacht der Liebe gehöre und verwünschen den Tag, daß er fernbleiben möge. Unsinn. Ihre Zeit ist der Tag. Herauf, Tag! Schenk' mir meinen toten Freund, der mir gehört, Tag!
Doch als der Tag heraufkroch und um den toten Kopf das erste graue Licht war, lag sie überschauert, mit geschlossenen Augen, im Fieber.
* * * * *
Nach zwei Monaten strenger Überwachung erhielt sie Erlaubnis, für einige Tage nach dem Kloster Frauenchiemsee zu reisen, zu ihrer kranken Schwester Adelheid. Sie fand das sieche, krüppelhafte Mädchen scheu und unzugänglich wie immer.
Margarete war vollkommen leer und ausgeschöpft. Sie aß, trank, ging herum. Beugte in der Klosterkirche das Knie wie die Nonnen, nahm und gab Gruß und Rede und Gegenrede. Sie war jung und alt wie die Welt. Sie war viel älter und erfahrener als die welke, milde Äbtissin, wußte viel besser als diese, daß alles eitel war und Haschen nach Wind.
Der betuliche Abt von Viktring kam zu Besuch. Er war den Luxemburgern nie sehr freund gewesen, König Johann galt ihm als Spötter und Freigeist -- darum auch hatte ihn der Herr mit Blindheit geschlagen -- und er freute sich, daß Margarete sich gegen sie erhoben hatte. Er sprach in seiner redseligen Manier viel in sie hinein; doch sie blieb wortkarg. Er häufte Zitate, führte tröstlich Anselmus an: »Schneller vergeht nicht die Stunde, als wechselt der Anblick der Dinge. Diesseits ist und für nichts alle irdische Zierde zu achten.« Aber es schien auf Margarete nicht viel Eindruck zu machen.
Sie saß mit der Äbtissin lange Stunden am Ufer der winzigen Insel, schaute über den blassen, hellen See. Das Wasser gluckste träg im Schilf, stille, fahle Sonne war, weit draußen lag ein Fischer in seinem plumpen, altertümlichen Kahn. Die Äbtissin schaute sie aufmerksam an, streichelte ihre dicklichen, jetzt nicht geschminkten Hände. »Junge Herzogin!« sagte sie mit ihrer welken, milden, wissenden Stimme. »Junge Herzogin!«
»Jung?« fragte Margarete zurück, so müde, daß es nicht einmal bitter klang. »Jung? Sie sind zehnmal jünger als ich, hochwürdige Frau.«
Die Äbtissin sagte: »Ein Baum ist nicht tot, auch wenn er im Winter kahl steht.« Ferner sagte sie: »Es gibt nichts Schmerzhafteres, aber auch nichts Wohligeres, als wenn man, erstarrt, wieder ins Leben zurückkehrt.« Auch sagte sie: »Sie sollten mit den Nonnen singen, junge Herzogin.«
Als Margarete nach Schloß Tirol zurückkehrte, ließ ihr Ludwig der Bayer von einer prunkvollen kaiserlichen Bedeckung bis an die Grenzen seines Gebiets das Geleite geben. Die ersten Herren des Münchner Hofs führten den glänzenden Zug, die Fahne mit dem wittelsbachischen Löwen wehte ihm voran, Feudalbarone und Behörden standen feierlich an seinem Weg.
Die Herzogin dankte den Herren automatisch, nicht mit der gewohnten pomphaften Sicherheit. Sie war schlaff, gleichgültig, viel zu müde, sich Gedanken zu machen über die Gründe, die den Kaiser zu so auffallender Ehrung veranlaßten.
Ja, der Wittelsbacher hatte seine guten Gründe. Er war erst jetzt wieder peinlich daran erinnert worden, wie sehr die luxemburgische Herrschaft in Tirol ihn behinderte. Seine Absicht, gewisse lombardische Händel durch einen Kriegszug zu beendigen, hatte der Bischof von Trient vereitelt, der ihm kühl und ohne Umschweife den Durchzug durch sein Gebiet verbot. Diese Verärgerung des Kaisers hatten die Tiroler Feudalherren klug genutzt. Die Burgstall, Villanders, Schenna, die sich bei der ersten Revolution gegen die Luxemburger schlau im Hintergrund gehalten, hatten ihre Pläne keineswegs aufgegeben. Das mißglückte Unternehmen hatte sie gelehrt, daß es nötig sei, eine Großmacht als Rückendeckung zu gewinnen. Was lag näher, als sich an den Feind der Luxemburger zu wenden, den Kaiser, den Wittelsbacher? Margarete hatte in dem letzten Unternehmen keine glückliche Hand gezeigt. Es war nicht ganz klar, was der unmittelbare Grund war, über den jener Aufstand strauchelte. Aber so viel war gewiß, daß vornehmlich ihre seltsame Laune, ausgerechnet den Chretien von Taufers zu berufen, die klug gezettelten Fäden verwirrt und zerrissen hatte. Jedenfalls war es geratener, diesmal über ihren Kopf hinweg zu handeln und sie erst im letzten Augenblick beizuziehen. Die Befreiung von Herzog Johann mußte sie, wie immer sie ins Werk gesetzt wurde, so wie die Dinge jetzt lagen, als Erlösung empfinden.
Man schickte also in aller Heimlichkeit Botschaft an den Kaiser. Stellte ihm vor, wie die Erbitterung im Land gegen die Luxemburger steige; wie man bedaure, daß sein italienischer Feldzug an dem steifnackigen Widerstand des Bischofs von Trient, des Böhmen, gescheitert sei. Fragte unverbindlich an, ob er allenfalls einwilligen würde, seinen Sohn, den Markgrafen von Brandenburg, mit der Herzogin von Tirol zu vermählen. Der ländersüchtige Wittelsbacher, ungeheuer gelockt durch die Aussicht, Tirol zu gewinnen, erwiderte ebenso unverbindlich, er werde mit seinem Sohn, dem Markgrafen, den Plan durchsprechen; solange die Luxemburger noch im Land säßen, sei das Ganze ein blaues Projekt.
Den tirolischen Herren genügte solche Antwort vollauf. Sie wußten, es ging nicht an, daß der vorsichtige Wittelsbacher sich mehr exponiere. Seine Antwort war verklausuliert, doch ihr Kern ein deutliches Ja. Die prunkvolle Bedeckung, die er jetzt ihrer Herzogin stellte, wäre Bescheid genug gewesen. Die Zerstörung der Rottenburgischen Festen, die Folterung Alberts, des Sohnes des guten Königs Heinrich, die Hinrichtung des Herrn von Taufers hatten die Luxemburger der letzten Sympathien beraubt. Die Barone schürten weiter, hetzten. Immer ohne Margarete zu verständigen.
* * * * *
Agnes von Flavon stand vereist, als sie von dem Niederbruch der Revolution erfuhr. Sie durchschaute sofort die Zusammenhänge. So schreckbar wuchtig also hatte die Häßliche zurückgeschlagen. Sie stand vergraust, kroch in tierischer Angst für ihr Leben in sich zusammen, dachte an Flucht.
Als sie sah, daß gegen sie nichts unternommen wurde, tauchte sie dann langsam aus ihrem Schrecken hoch, äugte um sich. Sah die strengen Maßnahmen gegen Margarete, verwirrte sich. War jene so ungeschickt, daß sich das Unternehmen zuletzt gegen sie kehrte? Sicher nicht. Dazu war sie viel zu klug. Es mußte mit ihrem Willen so gekommen sein. Agnes begriff die Feindin nicht mehr. Ihr Haß wuchs mit ihrer Angst. Sicher plante sie einen noch ärgeren Schlag, sich an ihrer Vernichtung zu weiden.
Es geschah nichts. Man kümmerte sich nicht um sie. Es war verständlich, daß man sich von ihr, der Frau des schmählich Hingerichteten, fernhielt. Aber warum beschlagnahmte man ihre Güter nicht? Sie ertrug nicht die Stille und Gleichgültigkeit um sich herum. Dazu die Angst, dies alles sei nur Vorbereitung tieferer Vernichtung. Sie beschloß, nach Schloß Tirol zu reisen.
Auf dem Stadttor von Meran sah sie auf eine Stange gesteckt den Kopf ihres Mannes Chretien von Taufers. Er glotzte auf sie her, bläulichgelb; in verfilzten Strähnen wehte sein langes, unbekümmertes, kastanienfarbenes Haar in dem lauen Wind. Sie zuckte zurück. Dann schaukelte, von den Pferden getragen, ihre Sänfte unter dem Kopf des Gerichteten in die Stadt Meran. War es eine schlechte Vorbedeutung? Sie hatte keine Zeit für Sentimentalitäten. Sie mußte sich sammeln für die Unterredung mit Herzog Johann. Die war nicht leicht diesmal. Sie war schon einmal in schwarzer Trauerkleidung vor ihm auf der Erde gelegen. Wiederholungen wirken matt. Und diesmal ist die Situation gegen sie.
Johann empfing sie denn auch gereizt, bösartig, höhnisch. Fragte giftig, ob sie auch keine Waffen bei sich habe. Er tue wohl gut daran, sich vorzusehen. Mit großen, traurigen, ob solcher Kränkung vorwurfsvollen Augen sah sie ihn an. Weinte sehr, daß der großmütige, junge Herzog, der ihr huldvoll entgegengekommen, nun Ursach' habe zu solchem Mißtrauen. Beteuerte, wie sie von den Plänen ihres hochverräterischen Mannes keine Ahnung gehabt. Sagte, es sei gut, daß er tot sei; denn wer so hinterlistig seinen Fürsten verrate, trage gewiß nicht lange Bedenken, auch sein Weib zu verraten. Gestand mit unschuldiger Verruchtheit, sie habe Chretien nie geliebt; ihn nur geheiratet, um Taufers behalten und in der Nähe des Fürsten bleiben zu können. Johann hörte zu, mißtrauisch und geschmeichelt. Sie trat näher an ihn, daß er ihr Fleisch atmete. Er knurrte, er glaube ihr kein Wort, aber er kämpfe nicht gegen Weiber, vorläufig könne sie Taufers behalten. Dann klatschte er ihr, die sich geduldig und lauernd duckte, verächtlich, derb und lüstern den Nacken, kehrte sich grob ab, warf ihr hin, er werde nächstens nach Taufers kommen, nachschauen, ob man dort Rebellion treibe; aber allein, er habe keine Angst. Damit lachte er laut und eindeutig auf, ließ sie stehen, ging auf die Jagd.
* * * * *
Mittlerweile war die Verschwörung des Adels reif geworden. Schloß Tirol sollte in Abwesenheit Johanns besetzt werden. Man konnte nicht länger umhin, Margarete zu verständigen. Auch mußte man ihre Einwilligung in eine eheliche Verbindung mit dem Wittelsbacher einholen. Herr von Schenna übernahm es.
Er saß vor ihr, dürr, in lässiger, uneleganter Haltung, sprach ihr mit seiner welken, brüchigen Stimme von allerlei Kleinzeug. Glitt mit seinen alten, klugen, skeptischen Augen auf und ab an ihr. Er als einziger ahnte die Zusammenhänge. Behutsam, beiläufig warf er ihr hin, sie möge nicht erschrecken, wenn nächster Tage einmal andere Besatzung das Schloß beziehe, verstärkte Besatzung. Sie möge, auch wenn geschrien, rumort, mit Waffen geklirrt werde, sich nur ja in ihrem Zimmer halten, für sie sei keine Gefahr. Er hielt ein, wartete. Sie reagierte nicht. Nach einer Weile, sacht, holte er aus, ob sie denn nicht frage, warum das alles. Nein, sie fragte nicht.
Er wechselte. Sprach von Agnes. Jeder neue Trauerfall bekomme ihr besser. Jetzt wieder, als sie hier im Schloß war, habe jeder sehen müssen, Schwarz stehe ihr am besten. Margarete horchte auf, der kluge Schenna sah: jetzt war ihre Gleichgültigkeit Maske. Er lenkte ab, kehrte dann wieder zurück. Ja, nun werde Agnes wohl bald auf längere Zeit als Gast hier einziehen; in diesem Stück sei Herzog Johann dem guten König Heinrich ähnlich. Margarete schnellte hoch. Schenna habe sich bisher immer als ihr Freund gezeigt. Ob dies wahr sei? Sie als Gefangene und die andere als Herrin: hier, in den gleichen Wänden, in der gleichen Luft -- unausdenkbar sei das. Und er solle jetzt um Christi willen die Wahrheit sagen.
Schenna erwiderte schlicht: Ja, Johann habe Agnes von Flavon eingeladen; und wie er die Dame kenne, werde sie wohl annehmen. Da Margarete die Augen schloß, das Gesicht verzerrte: Es gebe ja noch Mittel, tröstete er, fing an von seinen Plänen. Sie winkte ab, wollte nicht hören.
Bat Herzog Johann dringlich zu sich. Ob das wahr sei? Ob er das wirklich tun wolle? Sie flammte. Das Schloß hier zu einer Hurenherberge machen? Er: Ja er werde machen. Er werde sich erlauben. Er sah, daß er endlich, auf solche Art sie treffen, ihre Starrheit durchstoßen, sie anbohren, wund machen konnte. Er beschaute sie mit seinen kleinen, hassenden, gierigen Wolfsaugen, schwoll an. Was sie sich erfreche? Ob sie ihm das Weib verbieten wolle? Sie ihm? Sie, so wie sie ausschaue? Margarete schluckte, sagte beherrscht: Sie bitte ihn nicht, zu bedenken, was man im Volk, was an andern Höfen sagen werde, wenn er hier, im Schloß ihres Vaters, das sie ihm zugebracht, sie im Kerker und die andere in Glanz halten wolle. Aber daran müsse sie ihn erinnern, daß der Mann seiner Mätresse die Revolutionäre geführt habe, daß jene mit im Komplott, vielleicht die Anstifterin gewesen sei, daß es undenkbar sei, jene habe den schmählichen Tod ihres Mannes so schnell vergessen. Er solle sich hüten vor ihr! Er lachte hämisch: Mit solchen Faxen solle sie ihm nicht kommen. Sie sei eine eifersüchtige Gans. Prahlerisch fügte er hinzu: Wie, wenn etwa gar Agnes ihn gewarnt, ihre Intrigen vereitelt hätte?
»_Ich_ habe dich doch gewarnt!« rief sie. »Ich! Ich!«
Ihm, für einen Augenblick, stieg ein unbehagliches Gefühl auf: er sah sie wieder wie damals, als sie vor ihm lag wie eine satte Schlange, er fühlte sich gedemütigt durch seine widerlegte Prahlerei. Aber sogleich war er wieder oben. Dies war ja eine offensichtliche, schlaue, freche Lüge, durch die sie ihn verblüffen wollte.
»In einer so plumpen Schlinge kannst du vielleicht deine Tiroler Bauern fangen, nicht mich!« sagte er mit gespielter, verächtlicher Trockenheit. Und, sich weiter hineinsteigernd: »Also das endlich spürt man? Das geht an die Nieren? Die Schöne soll aus dem Haus? Das stachelt, daß sie da ist? Just erst recht kommt sie! Just erst recht bleibt sie! Ausreit' ich mit ihr! Auf die Jagd reit' ich mit ihr! Nach Meran, Bozen, Trient reit' ich mit ihr! Dir zeig' ich es, Kröte! Häßliche! Giftige! Schmutzige!«
Sie hockte starr entschlossen, als er fort war. So schlicht und ehrlich hatte sie gesprochen, ihm noch einmal breit den Weg aufgetan zu ihr. Wer nicht taub und verworfen war, mußte hören. Er selber hatte entschieden.
Andern Tages kam wieder Herr von Schenna. Unterbreitete ihr einen kurzen Brief an den Kaiser, dessen Schutz sie sich empfahl, die Abmachung ihrer Barone billigend. Ohne Zögern unterschrieb sie. Schenna eröffnete ihr ferner knapp, sachlich, andern Tags, wenn Johann auf der Jagd sei, werde das Schloß von den Truppen der Barone besetzt, Johann der Eintritt verweigert werden. Sie selber könne ihm das, begehre er bei seiner Rückkehr Einlaß, mitteilen. Man werde sich hüten, sich ins Unrecht zu setzen, Hand an ihn zu legen. Man werde ihm nur in der Grafschaft jede Herberge versagen. Verlasse daraufhin Johann das Land, schloß Schenna lächelnd, werde niemand ihn hindern. Im übrigen, fügte er freundlich und sehr ergeben hinzu, sei diesmal vorgesorgt. Selbst wenn der Herzog gewarnt werde, könne nichts mehr mißglücken. Er nahm den unterzeichneten Brief an sich, neigte sich, ging mit seinen unbehilflichen, ungleichmäßigen, schlendernden Schritten.
* * * * *
Am andern Tag, einem Freitag, zog Johann mit kleinem Gefolge auf die Jagd. Das Wetter -- es war Anfang November -- hatte sich klar und blau angelassen, bald aber war Nebel eingefallen und feuchter, widriger Wind. Der Herzog war verdrießlich; was ihm Margarete über Agnes gesagt hatte, war doch nicht so leicht zu verdauen. Auch hatte sich sein Lieblingsfalke, ein schöner, grauweißer, norwegischer Gerfalke, verscheucht von einem größeren Raubvogel, verflogen. Jetzt zankte der Herzog mit dem Falkner herum, keifte, schrie.
So brach er frühzeitig die Jagd ab, kehrte gegen Abend nach Hause. Fand die Zugbrücke aufgezogen, das Tor versperrt. Stand verwundert, dann verärgert, fluchend. Stieß ins Horn. Der Turmwächter erschien, sagte, er habe keinen Auftrag, den Herrn einzulassen. Der Herzog lief rot an, bellte dem Mann unflätige Schimpfworte zu. In der Zinne des einen Torturms war auf einmal Margarete, rief mit ihrer warmen, dunkeln Stimme, der Prinz von Luxemburg möge nicht weiterschreien, hier sei kein Platz für ihn, er möge sich andere Herberge suchen. Vielleicht in Taufers. Johann legte an auf sie. Sie war fort vor seinem Pfeil.
Da stand er nun, schäumend und lächerlich, in seinem Jagdanzug vor dem versperrten Tor. Seine Begleiter tuschelten. Kalter Wind blies, es regnete. Ein paar seiner böhmischen Leute aus der Burg machten sich heran, erzählten kleinlaut, betreten, wie eine riesige Anzahl gutbewaffneter Tiroler das Schloß besetzt, sie hinausgeworfen habe.
Der Herzog hielt noch eine Weile, kotig schimpfend auf die Feigheit seiner Leute, vor der hochgezogenen Zugbrücke. Aus der Burg kam Gelächter, Spottverse:
»Wer steht vorm Tor? Wer schlottert im Wind? Ein Bettler? Ein Jud'? Etwer vom Gesind? Es ist bloß der Graf von Tirol.«
Fluchend zog Johann schließlich ab, nach Zenoberg. Das gleiche. Nach Greifenstein. Das gleiche. Es ging schon auf Mitternacht. Er war todmüde, heiser vom Schreien und Toben, zerschlagen. Fröstelnd, jämmerlich, nächtigte er im Freien.
Morgen fahlte herauf. Der Herzog stieg auf sein Pferd, schmutzig, überwacht, die Glieder schmerzten ihn, der Magen war ihm hohl von Hunger. Er hatte nur mehr sechs von seinen Leuten um sich, die andern hatten sich sacht verlaufen.
Es regnete unaufhörlich. Seine Begleiter sagten ihm, das Volk sei sehr einverstanden mit dem Geschehenen, lache, juble, feiere, höhne. Jene Verse brummten, lästige Insekten, um seine Ohren: »Ein Bettler? Ein Jud'? Etwer vom Gesind? Es ist bloß der Graf von Tirol.« Auf Nebenpfaden schlich er sich in die Burgen etlicher Adeliger, die er sich besonders verpflichtet hatte. Die Herren waren nicht da, die Kastellane hatten keine Weisung, verschlossene Tore. Es waren nur mehr vier von seinen Leuten bei ihm.
Er irrte ziellos durch Weinberge, Forst. Regen, Regen. Er glaubte sich verfolgt, umstellt. Er kannte keine Furcht in der Schlacht; jetzt kroch es ihm ekel herauf. Er wollte nicht gehetzt und geschlagen sein wie ein toller Hund von einem Bauern, einem stinkenden Bürger. Er schlug sich höher in die Berge. Kam endlich zu einer abgelegenen Burg des Tägen von Villanders. Der kluge, vorsichtige Baron, er wollte sich, wenn möglich, auch mit den Luxemburgern verhalten, nahm ihn auf. Allein er wagte nur, ihm sehr heimliche, auf ganz kurze Zeit befristete Unterkunft zu geben. Johann lebte die wenigen Tage als ein unbekannter Ritter Ekkehard, ließ sich nicht sehen. Da klatschten ihm auch hier Fetzen jenes Liedes um die Ohren: »Etwer vom Gesind? Es ist bloß der Graf von Tirol.« Er machte sich fort, des Nachts, schlotterig, nur mehr zwei Knechte folgten ihm. Er war noch immer im Jagdkleid. Schmutzig, verschwitzt, stinkend, auf abgetriebenem, versagendem Roß, das auf den versumpften Nebenpfaden nicht mehr weiterkam, schlich er sich die Kreuz und die Quer durch sein Land. Wenn nur wenigstens dieser verfluchte Regen aufhörte! Er verkaufte den Schmuck, den er bei sich trug, Waffen, Jagdhorn, zuletzt auch das Pferd.
Fiebernd, erschöpft, ganz allein erreichte er das Gebiet des Patriarchen von Aquileja. Kam nach Friaul. In den Palast des Patriarchen. Die Knechte grölten, wieherten, als der lausige, verlumpte Mensch behauptete, er sei der Herzog von Kärnten, Graf von Tirol, Enkel der Römischen Majestät. Der Patriarch, Feind der tirolischen Feudalherren, von Luxemburg allezeit sehr gefördert, nahm ihn ehrerbietig auf, schloß ihn in seine Arme. Langsam kam, nach Tagen, der erschöpfte, verstörte Fürst wieder zu sich. Knirschte, wob bösartige Pläne, sott Gift, spie Flüche und Drohungen in das Land, aus dem ihn seine Frau vertrieben.
Zweites Buch
In München der Kaiser Ludwig hatte seinen Sohn, den Markgrafen, den Brandenburger, um die Schulter gefaßt. Ging auf und ab mit ihm. Redete gütlich auf den Finsteren, Verdrießlichen ein. Der Brandenburger sah, trotzdem er erst fünfundzwanzig Jahre war, sehr männlich aus. Blonder, kleiner Schnurrbart, harte, graublaue, etwas stechende Augen in gebräuntem, magerem Gesicht. Er hatte den massigen Nacken der Wittelsbacher, war groß, sehnig. Aber der wuchtige, ungeschlachte Kaiser überragte ihn doch um ein beträchtliches. Durch die gemalten Scheiben kam das helle, fahle Licht des Schneetags. Wie sie so auf und nieder gingen, der Kaiser den Arm um die Schulter des Sohnes, schien es, als schleifte er den Zögernden, sich Sperrenden.
Nein, nein! Er konnte es nicht und konnte es nicht. Er brachte es einfach nicht über sich, die Herzogin Margarete zu heiraten. Er hatte jetzt eine fünfjährige Ehe hinter sich mit Elisabeth, der dänischen Prinzessin. Sie war ein bescheidenes Geschöpf gewesen, etwas dürr, ja. Nun war sie tot, Gott gebe ihr die ewige Ruh'. Jetzt will er drei, vier Jahre ohne Frau sein. In Brandenburg seine Staatsgeschäfte betreiben, Ackerbau, Städtewesen hinaufbringen, die Wenden kleinkriegen. Die tirolische Margarete heiraten, die ihren Mann auf so sonderbare Weise davongejagt hat? Die extravagante Person? Nein, danke! Sein kaiserlicher Vater werde ihn stets dienstwillig finden. Aber die Margarete heiraten, nein!
Der Kaiser richtete die riesigen, starren, blauen Augen auf den Sohn. Sein Widerspruch überraschte ihn nicht, erregte ihn nicht. Es war kein Vergnügen, die Tirolerin zu heiraten. Er an seiner Stelle hätte sich auch gesträubt. Aber er wußte, sein Ludwig war ein guter Sohn, ein einsichtiger Fürst, der begriff, daß Heirat das wichtigste politische Mittel war. Eine Gelegenheit wie diese kam nicht wieder. Hatte Wittelsbach Tirol, so war die Ländermasse geschlossen, so regierte Wittelsbach vom Nordmeer bis zur Adria. Er verstand durchaus, daß Ludwig es vorgezogen hätte, auszuschnaufen, etliche Jahre Witwer zu bleiben. Aber dafür war er Fürst und Wittelsbacher. Er konnte sich solche Bequemlichkeit nicht gönnen.
Der mürrische Markgraf häufte weiter seine verdrossenen Einwände. Abgesehen davon, daß ihm diese Margarete und alles um sie tief zu innerst gegen den Strich gehe, sei es gewiß, daß der Papst die Ehe der Tirolerin mit dem Luxemburger nicht lösen werde. Die ganze Christenheit werde wie ein Mann Skandal schreien, wenn er sich jetzt mit der Frau eines andern vermähle. Der Kaiser erwiderte gelassen, er habe sein Leben lang Bann und Interdikt tragen müssen; er könne es seinem Sohn nicht sparen. Ein Wittelsbacher komme leider anders nicht voran.
Der Markgraf entzog sich seinem Vater, lehnte sich an den Tisch in unbehaglichster Laune, strich sich mechanisch den kleinen Schnurrbart. Die dänische Elisabeth sei keine Helena gewesen, ein Fürst könne nicht nach Schönheit der Gestalt freien, das wisse er. Aber die Margarete! Die plumpe Taille! »Kärnten!« sagte der Kaiser. Das überworfene Maul! »Tirol!« sagte der Kaiser. Die Hängebacken! Die schrägen, vorstehenden Zähne! »Trient! Brixen!« sagte der Kaiser.