Die häßliche Herzogin: Roman

Part 4

Chapter 43,686 wordsPublic domain

In Brescia traf Margarete zum erstenmal den Prinzen Karl, Johanns ältesten Sohn. Der Sechzehnjährige sah sehr erwachsen aus. Er hatte in Böhmen schon Regierungsgeschäfte selbständig erledigt, war beherrscht und gemessen. Von der Mutter hatte er gelernt, sich von dem Glanz des Vaters nicht blenden zu lassen. Mit seinen kühlen braunen Augen sah er Margarete, sah, daß sie häßlich war und gescheit. Man konnte mit ihr reden. Und während Johann im Palast der Signoria mit der wunderschönen Giuditta von Castelbarco den Tanz anführte, während festliche Kerzen brannten, so schwer, daß drei Männer nur mit Mühe sie hatten heben können, sprachen die beiden Kinder, des Königs Sohn und des Königs Schwiegertochter, unter Musik, Fahnen, silbernen Rittern, huldigenden Unterworfenen, nüchtern, sachlich von der Rückwirkung der lombardischen Ereignisse auf die Souveränität des Bischofs von Trient, von der schwierigen Finanzlage.

Bis in den Juni hinein dauerte Johanns festliche Herrschaft in Italien. Margarete, trotz aller Kritik, konnte sich der theatralischen Blendung dieses Triumphzugs nicht entziehen. Dann wurden die Nachrichten aus Deutschland und Böhmen so bedrohlich, daß Johann jäh aufbrach, seinen Sohn Karl zurückließ, sich nach Böhmen warf. Hinter ihm, sofort und unvermittelt, brach sein abenteuerliches Italienisches Reich zusammen. Mit großen, erschreckten Augen sah Margarete, wie die lombardischen Herren, kaum war der König fort, aufwachten wie aus einem Rausch, sich zusammenschlossen, mit Robert von Apulien zettelten, trotz tapfern und geschickten Widerstands des Prinzen Karl die Luxemburger in wenigen Wochen aus dem Land warfen. Zersprengt, trist, schmachvoll, schwitzend flohen die silbernen Ritter aus der Lombardei, über der glühender Sommer braute. Johann verpfändete in aller Eile noch während des Zusammenbruchs, übel feilschend, an einzelne leichtgläubige deutsche Herren italienische Städte, die er längst verloren hatte. Aber er konnte mit diesen Summen nur einen ganz kleinen Teil decken von den riesigen Beträgen, die der toskanische Feldzug ihn gekostet hatte. Und nach langen Jahren noch, in Paris, in Prag, in Trier, wo er gerade residierte, erschien schattenhaft, unscheinbar, oftmals sich neigend, Messer Artese, der Florentiner, mit seinen beiden Brüdern und zeigte Verschreibungen vor, Wechsel, die einzigen Bleibsel des lombardischen Königreichs.

* * * * *

Seltsamerweise gewann Johanns italienisches Abenteuer gerade durch seinen Zusammenbruch für Margarete an Gewinn und Wirklichkeit. Nun war es vergangen und abgeschlossen, nun war es Geschichte, nun war es da. Ja, sogar die Verse des Herrn von Schenna, seine unglaubhaften Historien wurden dadurch leibhafter, wirklicher. Was König Johann in der Lombardei getan und erlebt hatte, das klang wie eine jener Fabeln. Und war doch wirklich, sie hatte es mit eigenen Augen gesehen.

Praktisch galt es, sich nicht verwirren zu lassen. Nahm man die Dinge nüchtern und klar, so war Johann an seinem Geldmangel gescheitert. Geld war nicht alles; aber es war ungeheuer wichtig. Schade, daß ihr Vater das ebensowenig einsah, wie ihr Schwiegervater. Sie sprach oft mit Johann von Viktring darüber. Da war der Heilige Vater ein anderer. Der saß, der zweiundzwanzigste Johann, zwerghaft, uralt, in seinem Palast in Avignon und häufte Geld. Schichtete es in Münzen, in Barren, in Silber und Gold, in Wechseln und Verschreibungen. Ei, wie luchste er scharfen Auges, daß auch jeder pünktlich Zehnten und Abgaben zahle. War ein Bischof im Rückstand, gleich kam der Papst mit dem Bann. Der arme Bischof Heinrich von Trient! Was nützte ihm sein eifriger Kampf für das rechtmäßige Papsttum! Weil er die sechshundertvierzig Dukaten nicht aufbringen konnte, die Avignon von ihm verlangte, flog der Bannstrahl gegen ihn. Und wie geschickt wußte der Papst die hohen Kirchenstellen zu besetzen! Jeder neue Bischof hatte die Gesamteinkünfte eines ganzen Jahres an die Kurie zu verabfolgen. Starb nun ein Bischof, so ward nicht etwa ein neuer Prälat an seine Stelle gesetzt, nein, der Papst berief den Inhaber eines andern Bistums in das erledigte, so daß mit dem Tod jedes Bischofs eine ganze Reihe päpstlicher Lehen frei ward. So war ein ewiger Wechsel in der hohen Hierarchie, ein Kommen und Gehen wie in einer Herberge, und der Heilige Stuhl bezog die fettesten Annaten. »Umsatz! Umsatz!« sagten der Papst und seine Kassiere. Ja, Papst Johann verstand es. Kein Wunder, stammte er doch aus Cahors, der Stadt der Bankiers und Börsenleute. Der größte Teil des abendländischen Goldes floß in seine Kassen. Der Papst hing an dem Geld; er brachte es nicht über sich, es weiterzuverwerten. Er hätte Rom und Italien damit wiedererobern können. Aber er liebte sein Geld zu sehr, er konnte sich nicht davon trennen. Er saß in seinem Avignon, uralt, gnomenhaft klein, über seinen Schätzen, streichelte die Wechsel und Verschreibungen, ließ das Gold rieseln durch seine dürren Zwergenfinger.

Verdarb sich der kluge, energische, rastlose Papst seine Politik durch seine Habgier, so litt die Diplomatie des Kaisers sowohl wie des Luxemburgers und des Kärntners an ihrer Leichtherzigkeit in Finanzdingen. Aufmerksam hörte Margarete zu, wenn ihr der Abt auseinandersetzte, wie klar und sicher ihr Großvater Meinhard seine Geldwirtschaft fundiert hatte. Trüb und stirnrunzelnd sah sie zu, wie ihrem gutmütigen Vater alle Einkünfte in der Hand zerrannen. Wie er, um ein Pfand vor dem Verfall zu retten, immer größere und wichtigere hingab.

Auch ihre Stiefmutter, die blasse, scheue Beatrix von Savoyen, litt sehr unter der wilden Finanzwirtschaft König Heinrichs. Sie war von ihren tüchtigen Eltern her ein sparsames Haushalten gewöhnt, und so scheu und bescheiden sie sich sonst im Schatten hielt, lag sie schließlich ihrem Gatten ständig in den Ohren wegen seiner Verschwendung. Sie war kränklich; König Heinrich sah ergeben und voll wässerigen Kummers, daß er auch von ihr keinen Erben zu erwarten habe. Sie aber gab die Hoffnung nicht auf. Sie rechnete, sie sparte, ließ sich von ihrem Mann Zölle und Gefälle verschreiben, erreichte es sogar, zäh kämpfend, daß nach Abfindung des Messer Artese von Florenz die Einkünfte des Haller Salzbergwerks ihr übertragen wurden. Sie wurde hart, habgierig, knauserig, alles für ihren Sohn, auf den niemand mehr hoffte, nur sie.

Oft beriet sie mit Margarete, wie man da und dort den übeln Finanzen aufhelfen könne. Trotzdem Margarete solches Bestreben willkommen war, sah sie säuerlich und mit Widerwillen auf ihre Stiefmutter. Wie dürftig sie war, wie unfürstlich verstaubt und trocken bei aller Jugend! Margarete gestand sich nicht ein, daß dies nicht der Hauptgrund war, aus dem sie ihre Stiefmutter nicht leiden mochte. Die war sanft und freundlich zu ihr, fühlte sich ihr schicksalhaft verwandt. Sie hatte keinen Sohn, jene, die Ärmste, war so häßlich. Beide hatte sie Gott in ihrem Weiblichsten gekränkt und verkümmert. Aber Margarete wollte nicht hinüber zu ihr, drückte ihre streichelnde Hand nicht wieder. Denn Beatrix stand zwischen ihr und der Herrschaft. Was sonst blieb ihr, der Häßlichen, als die Hoffnung auf Herrschaft? Genas aber Beatrix trotz allem eines Knaben, dann war auch dies Letzte dahin.

König Heinrich duldete die Bevormundung durch seine Gattin lächelnd und mit scherzhaft sich auflehnendem Raunzen. Nur in einem duldete er keine Einrede, und dahin wagte sich auch Beatrix niemals: seine Freigebigkeit gegen die zahlreichen Frauen, die ihm gefielen, und gegen ihre Kinder blieb ohne Grenzen.

Wie er seine natürlichen Brüder, Albrecht von Camian und Heinrich von Eschenloh, in hohen Ehren hielt und sie mit Titeln, Würden, Herrschaften reich begabte, so wuchsen auch auf allen seinen Schlössern und Gütern Kinder von ihm heran. Er war viel zu gutmütig, Beatrix einen Vorwurf zu machen. Immerhin tat es ihm wohl, sich zu sagen: es lag nicht an ihm, wenn er keinen Erben hatte; es war Pech, schlechter Stern. So ging der alte Lebemann stolz und gehoben durch das blonde, schwarze kleine Gewimmel seiner Kinder. Er tätschelte sie gerührt: »Das da hat meine Augen! Und der da meine Nase.« Von einem Großen: »Er geht gerade wie ich. Der holt sich noch viele Preise im Turnier!« Einen ganz kleinen Matz, der noch kaum aussah wie ein Mensch, hob er hoch: »Er hat ganz genau mein Gesicht.« Und er verhätschelte die Kinder, schenkte ihnen Spielzeug, Zuckerwerk, auch Wiesen, Wälder, Berge, Schlösser.

Margarete sah mit Sympathie auf ihre Halbgeschwister. Vor allem mochte sie den schon fast erwachsenen Albert gerne leiden, den König Heinrich zum Ritter geschlagen und mit dem Gericht Andrion belehnt hatte. Der blonde junge Herr hatte die ganze Gutmütigkeit seines Vaters, dazu eine starke, fröhliche Sicherheit in allem Gehabe, eine federnde, immer gleiche Heiterkeit. Er hatte nie den leisesten Spott für Margarete. Er selber war durchaus ohne Sinn für Bücher und Theorie und bewunderte ungeheuchelt ihre Gescheitheit und Wissenschaftlichkeit. Sie dankte es ihm, daß seine Achtung nicht durch ihre Häßlichkeit gemindert wurde.

Auf die Frauen, denen sie begegnete, stets neuen, wo immer ihr Vater war, schaute sie mit langen Blicken, nicht übelwollend, fremd und voll neidischer Sehnsucht. Es waren Frauen jedes Standes, jedes Temperaments, deutsche und welsche; einige raschelten durch die Gänge, andere gingen schwer und lässig, wie hohe Glocken lachten die einen, die andern sprachen tief und langsam: alle aber, wenn sie der Prinzessin begegneten, wurden scheu, befangen, verkrusteten sich in einer Art feindseligen Mitleids. Ach, wer leben dürfte wie diese, so leicht und lässig! Ihr war es nicht erlaubt, sie war häßlich und war Prinzessin. Sie mußte streng sein mit sich. Sie durfte nicht rascheln wie die Eidechsen, sie mußte ihre harte, steile Straße gehen, geradeaus und immerzu, wie ein geschmücktes Saumtier, das, mit Prunk und Schätzen schwer bepackt, einem großen Herrn Geschenke bringt.

Sie grübelte. Sie sprach mit dem Abt von Viktring darüber. War es eine Strafe Gottes, daß sie so häßlich war? Was wollte Gott mit ihr? Der Abt zitierte Anselmus: »Schneller vergeht nicht die Stunde, als wechselt der Anblick der Dinge. Diesseits und für nichts ist irdische Zierde zu achten.« Da er sah, daß solcher Trost nicht verfing, fragte er, ob sie es vorzöge, niedrig zu sein, eine Bauerstochter und den Männern wohlgefällig. »Nein,« erwiderte sie hastig, »das nicht! Das nicht!« Aber allein brach sie aus: »Ja, ja, ja! Mistfahren lieber den langen Tag, aber wohlgeschaffen, als so im Schloß, als mit diesem Mund, mit diesen Zähnen, diesen Backen!«

Sie sprach mit der Äbtissin von Frauenchiemsee. Sie hatte ihre jüngere Schwester besucht, die kränkelnde, verkrüppelte Adelheid. Nun saß sie mit der feinen, welken, milden Äbtissin am Ufer der winzigen Insel. »Meine Mutter war nicht schön,« sagte das Kind, »doch sie war auch nicht häßlich.«

Die alte Dame legte ihr die kleine, leichte Hand auf das kupferfarbene, harte Haar. »Ich will nicht von Gott reden und vom Jenseits,« lächelte sie, »wo nicht die Gestalt gilt. Aber wie rasch verfaltet auch diesseits das glatteste Gesicht! Noch fünfzehn Jahre, noch zwanzig hättest du es. Ich bin heute sehr zufrieden,« schloß sie, »daß ich niemals schön war.«

Die beiden Frauen schauten auf den blassen, weiten See hinaus, matte Sonne schien, eine Möwe schrie.

Das Jahr darauf, unvermittelt, legte sich ihre Stiefmutter Beatrix hin und stand nicht mehr auf. Sie war immer eine schwache Frau gewesen, nun war die Enttäuschung dazugekommen, daß sie ohne Kinder blieb. Als sie schon die Sterbesakramente empfangen hatte, sagte sie noch ihrem Mann, er solle ja seinen Leibschneider stäupen lassen und mit Schimpf davonjagen. Er unterschlage gemein viel von den kostbaren Stoffen, die er für des Königs Garderobe benötige. Auch solle sich Heinrich einen neuen Lederbehälter anschaffen für seine schöne Rüstung. Dann empfahl sie ihre Seele Gott und starb.

Nun waren Johann und Margarete die unbestrittenen Erben des Landes in den Bergen; denn niemand ahnte von dem Geheimvertrag zwischen den Habsburgern und den Wittelsbachern. Selbst der Knabe Johann wurde beschwingter durch sein Erbprinzentum. Er sagte sich die Titel vor, die er haben wird: Herzog von Kärnten, Görz, Krain, Graf von Tirol, Schirmvogt der Bistümer Chur, Brixen, Trient, Gurk, Aquileja. Er malte sich die merkwürdigen alten Zeremonien der Thronübernahme in Kärnten aus, die ihm sehr gefielen. Wie da der Fürst in Bauerntracht kommt und einen freien Bauern von dem Stein vertreibt, auf dem dieser sitzt. Wie er, auf dem Stein stehend, das blanke Schwert nach allen Richtungen schwingt. Wie er aus einem Bauernhut einen Trunk frischen Wassers trinkt. Und der Knabe Johann kam sich sehr wichtig vor.

Margarete, bewegt von dem Tod ihrer Stiefmutter, gelöst durch das Gefühl, nun sichere Erbin des Landes zu sein, fand Chretien de Laferte an ihrem Weg. Sie sprach zu ihm wärmer als sonst, ein erregtes Mädchen. Sie hätte, wie gern! ein sanftes, menschliches Wort von ihm gehört. Er aber neigte sich zeremoniös, sprach zu ihr gehalten und voll Ehrfurcht als zu seiner Fürstin.

Der gute König Heinrich wurde durch den Tod seiner Gattin noch frömmer. Er aß und trank zwar noch reichlicher, hielt sich auch noch mehr Frauen. Aber er betete auch noch mehr als früher, beichtete viel, war immerfort zerknirscht und machte noch größere Stiftungen als bisher für Klöster und Kirchen.

Im Bistum Chur war ein gewisser Peter von Flavon begütert, Lehensmann des Bischofs von Chur. Herr von Flavon fiel in einem der italienischen Feldzüge König Heinrichs in jungen Jahren. Er hinterließ eine Witwe, die anfangs der Dreißig war, und drei Töchter. Es war strittig, ob die hinterlassenen Besitzungen nur in männlicher Linie vererbten, oder ob sie Weiberlehen waren. Bischof Johannes von Chur und sein Kapitel gingen daran, die Güter einzuziehen. Frau von Flavon kam hilfesuchend mit ihren drei unmündigen Kindern zu König Heinrich. Kniete vor ihm, weinte. Ihr guter, junger, tapferer Mann! Und in Diensten König Heinrichs war er gefallen. Und nun wollte sie der gewalttätige Bischof von Chur ihres Wittums berauben und sie und die armen Waisen in Not und Elend stoßen. Die drei hübschen, rundlichen, kleinen Töchter, rosig und appetitlich in ihren schwarzen Kleidern, knieten neben ihr, flennten. Der gute König Heinrich war sehr gerührt.

Schrieb dem Bischof von Chur. Trat heftig für Frau von Flavon ein. Der Bischof schrieb kurz und gekränkt zurück. Gab kein Zipfelchen seines Anspruchs auf. Die Witwe, die inzwischen mit ihren Töchtern gastlich auf Schloß Zenoberg aufgenommen war, gefiel dem König Heinrich von Tag zu Tag besser. Es kam zu bösen Streitigkeiten mit dem Bischof, ja zu Fehden und Gewalttaten. Schließlich erreichte der König für Frau von Flavon einen mageren Vergleich.

Inzwischen war die Dame seine erklärte Freundin geworden. Es ging nicht an, sie mit kärglichen Bissen abzuspeisen. Sollten die armen Würmer, deren Vater für ihn gestorben war, als kleine Landedelfräulein heranwachsen? Nein, so knauserig war König Heinrich nicht. Er verlieh ihnen die Herrschaften Taufers und Velturns. Darüber geriet er zwar in Händel mit dem Bischof von Brixen, der diese erledigten Lehen für sich in Anspruch nahm. Aber König Heinrich hielt zäh fest. Zahlte schließlich dem Bischof Geld heraus; aber die Dame blieb im Besitz der beiden Gerichte.

Sie machte mit ihren drei Töchtern viel Gewese von sich. Sie fühlte sich sicher im Schutz des Königs. Sie war eine hübsche Frau, sehr weiß von Haut, sehr blond von Haar, fest und rundlich. Sie lachte gern und viel, fehlte bei keinem Tanz und Turnier. Auf ihren Schlössern hörte das festliche Gelärm nicht auf. Sie mußte immer zu tun haben, mengte sich in alles, erzählte wichtig belanglose Nebenumstände, warf alles durcheinander. Plötzlich kam sie auf den Einfall, ihren Gatten in der Kapelle ihrer Burg Taufers beizusetzen. Durch Jahre betrieb sie diese Angelegenheit, reiste schließlich in die Lombardei. Der dort formlos bestattete Tote wurde ausgegraben, die Leiche, wie üblich in siedendes Wasser geworfen, daß das Fleisch sich von den Knochen löse, die Gebeine nach Taufers gebracht, feierlich unter großem Lamento der Damen von Flavon beigesetzt. Es war aber keineswegs gewiß, ob es auch die Reste des Herrn von Flavon waren.

Die drei Mädchen wuchsen ohne viel Erziehung heran, wild und sehr verwöhnt. Stets balgten sie sich untereinander, wegen jeder Kleinigkeit gab es, häufig bösartigen, Zank. So oft der gute König kam, mußte er schlichten, besänftigen. Auch lehnten sie sich gegen die Mutter auf, standen oft zusammen gegen sie. Die Mutter klagte dem König über die Töchter vor, die über die Mutter. Ebenso sinnlos waren sie dann alle wieder versöhnt, betonten lärmend ihr trauliches Familienleben. Die Kinder tollten in ihren weiten Besitzungen herum, störten die Amtleute, quälten die Bauern, plackten Mensch und Tier.

Sie waren alle drei sehr hübsch, weiß, glatt, rosig, fleischig, blond. Die schönste war die mittlere, Agnes von Flavon. Größer als die Schwestern, die Haare dunkler, leuchtender, das Gesicht länger, nicht so rund, auch die Nase nicht so puppig klein und die Lippen kühner. Alle drei waren die Schwestern sehr eitel. Agnes, so jung sie war, gute zwei Jahre älter als die Prinzessin Margarete, galt unbestritten als die schönste Dame zwischen Etsch und Inn. Bei allen Turnieren ritt man für sie; sie erteilte die Preise. Rühmte man die welschen Damen, so riefen die deutschen Herren wie aus einem Mund: Agnes von Flavon, und die Italiener verstummten. In Trient, als ihre Mutter sie in einer Lehensangelegenheit mit an den Hof des Bischofs nahm, stand das Volk vor dem Palast, wartete, rief begeistert: »Ein Engel ist herabgestiegen! Segne uns, schöner Engel!«

Agnes war sich ihrer Schönheit sehr bewußt. Es war ihr selbstverständlich, daß der König, die Ritter, das Volk ihr jeden Wunsch erfüllten. Sie betrachtete sich als die Herrin von Tirol.

König Heinrich, in einer Art gutmütigen Taktes, vermied es, die schönen Schwestern mit seiner Tochter Margarete zusammenzubringen. Manchmal freilich ließ es sich nicht umgehen. Agnes behandelte Margarete bei aller äußeren Wahrung der Form mit einer gewissen spöttischen Herablassung, die die Prinzessin bis aufs Blut reizte. Einmal, als die beiden Mädchen allein waren und nur Chretien de Laferte bei ihnen, und als fast eine halbe Stunde lang Stichelreden zwischen den beiden Mädchen hin und her gegangen waren, bat Agnes, sich verabschiedend: »Begleiten Sie mich, Herr Chretien!«

»Herr Chretien bleibt!« sagte Margarete, die Stimme ungewohnt trocken und hart. Dann aber, als Agnes achselzuckend mit einem bösartigen, spöttischen Lächeln gegangen war: »Gehen Sie, Chretien! Gehen Sie!« Ratlos, bestürzt, folgte der junge Mensch dem Fräulein von Flavon. Die Prinzessin, allein, verzerrt, atmete, fauchte.

Mit Herrn von Schenna saß sie über einer bebilderten Vershandschrift. Blanscheflur sah aus wie Agnes. Herr von Schenna und die Prinzessin schauten auf das bunte Bild. »Ja,« sagte Herr von Schenna nach einer Weile, »sie sieht aus wie Agnes.«

»Sie ist wunderschön,« sagte Margarete mit einer gepreßten, seltsam erloschenen Stimme.

»Aber Fräulein von Flavon hat viel dümmere Augen,« sagte Herr von Schenna.

»Lesen wir weiter!« sagte Margarete, und ihre Stimme klang dunkel, voll und warm wie vorher.

* * * * *

König Heinrich alterte sehr früh, verfiel zusehends. Seine Hände zitterten, oft verlor er die Sprache, lallte. Wilde, atemlose Furcht vor Strafe im Jenseits befiel ihn. Er hatte so oft an Kirchenportalen, auf Gemälden das Jüngste Gericht dargestellt gesehen, den Höllenrachen, scheußliche Teufel aus dem Schwefelpfuhl grinsend. Dies alles rückte ihm jetzt in schreckhafte Nähe. Er verdoppelte seine frommen Schenkungen, bedachte Marienberg, Stams, Rotenbuch, Benediktbeuern mit reichen Stiftungen. Aber dies vermochte ihn so wenig zu beruhigen wie die tröstlichen Versicherungen des Abtes von Viktring. Um sich zu kasteien, ließ er in der Kapelle von Zenoberg eine Bahre aufstellen und legte sich eine ganze lange Winternacht hinein. Da kamen die Menschen, die er hatte berauben lassen, foltern, umbringen; er war ein gutmütiger Herr, aber es waren doch sehr viele. Da kamen Frauen, mit denen er Unzucht getrieben hatte; sie wiesen ihm lächelnde Gesichter, aber drehten sie sich um, so war ihr Rücken tief in die Eingeweide hinein zerfressen von ekelm, eitrigem Gewürm. Die ganze Kapelle war voll von scheußlichen Teufeln, die nach ihm krallten, ihn hetzten. Er schrie. Aber er hatte die Kapelle versperren lassen und befohlen, daß niemand in ihrer Nähe sei, auf daß er müsse bis zur Frühmesse allein bleiben mit seinen Sünden und seiner Reue. Schließlich ertrug er es nicht mehr. Er kletterte -- die Angst machte ihn geschickt -- die Wand hinauf, sprang durch das Fenster. Verkroch sich zähneklappernd, kalt schwitzend in sein Bett.

Von da an siechte er hin. Er sprach oft für sich allein, hustete hohl und hilflos. Margarete war viel um ihn, doch ohne große Teilnahme. Nun wird er also sterben. Er kann nicht klagen, er hat sein Leben weidlich genützt.

Sehr gerne hatte er seine Kinder um sich, besonders die ganz kleinen. Er schlurfte herum zwischen dem winzigen, lallenden, auf krummen Beinchen trippelnden, purzelnden Volk, schneuzte dort eine kleine Rotznase, sänftigte hier einen sinn- und atemlos schreienden, rutschenden, dicken, rosigen Balg. Er hob die Kinder hoch, setzte sich ganz nahe zu ihnen, erzählte den ernsthaft und verständnislos Lauschenden mit vielem Seufzen von Geld, von Kirchenbuße, von hoher Politik.

April kam. Das Land stäubte unter einem azurnen Himmel von Mandel- und Pfirsichblüten. Da spürte er, daß es aus war. Er ließ sich in die Kapelle des heiligen Pankratius bringen. Eine milde, blaue Maria lächelte ihm zu. Das bunte, bemalte Kirchenfenster leuchtete freundlich in der starken Sonne. Kleine Kinder standen großäugig um ihn herum und der sanfte, betuliche Abt von Viktring. So ereilte ihn ein letzter Blutsturz, erstickte ihn.

Der Leichnam wurde ausgeweidet, einbalsamiert, Herz und Eingeweide sollten auf Schloß Tirol, die übrigen Reste sollten später unter größten Feierlichkeiten in der Fürstengruft des Klosters Sankt Johannis zu Stams bestattet werden.

Der Bischof von Brixen, der auf die Nachricht vom Ableben König Heinrichs sich sofort nach Schloß Tirol aufmachte, noch bei Nacht reitend, hörte auf der Straße das Getrappel von vielen kleinen Schritten. Er fragte seine Leute, ob sie nichts sähen. Die hörten wohl auch das Geräusch, aber sie gewahrten nichts. Wie nun der Bischof schärfer durch die Nacht blickte, sah er, daß es die Zwerge waren, die eilig in dickem Zug nach Norden wanderten. Sie hatten aber ihre Edelsteine an den Fingern, so daß nur er sie sehen konnte. Er hielt einen an und fragte. Der erwiderte, nun der gute König Heinrich tot sei, fühlten sie sich nicht mehr sicher und müßten das Land verlassen.

* * * * *

Noch am gleichen Tag ritten die Kuriere, die die Todesnachricht ins Land trugen. Einer über die Berge in die welsche Ebene nach Verona. Da freuten sich die Brüder della Scala. Nun wird es Verwirrung geben in den Bergen. Nun wird man wieder die Hand ausstrecken können nach Norden, sich ein Stück Land erraffen. Einer ritt nach Wien. Da saß der lahme Herzog Albrecht, immer fröstelnd, am Kamin, schlecht rasiert, mager, kränkelnd. Er horchte hoch auf, beschickte seinen Bruder, berief Sekretäre, diktierte, vergaß zu essen über Plänen und Arbeit. Einer ritt nach München zum Kaiser Ludwig. Der schaute ihn an aus seinen großen, treuherzigen, blauen Augen über der langen Nase, und während er in umständlichen, biederen Worten seine Trauer bekundete über den Hingang des vielgeliebten Oheims, bedachte er schwerfällig die Vorwände, unter denen er am bequemsten seine kleine Kusine um ihre Länder bringen könnte.