Die häßliche Herzogin: Roman

Part 3

Chapter 33,457 wordsPublic domain

Der Bischof Heinrich von Trient fand sich durch diesen Gast sehr beschwert. Wie weit durfte er ihm entgegenkommen, ohne bei dem Papst oder dem Kaiser anzustoßen? Immer war ein so verwirrendes Zwielicht um diesen Böhmenkönig. Wo er hinkam, war wildes Gehetze, Getriebe. Kuriere jagten nach ihm von allen Höfen Europas, fanden ihn nicht. Denn der König verweilte selten lang an einem Ort; es trieb ihn über die Erde rastlos wie fließendes Wasser. Man wußte nicht, wohin, wie, warum. Ach, ginge er doch zurück in sein Land, der Verfluchte! Aber natürlich, das ließ er verkommen. Das liebte er nicht, das trübe, dumpfe Land. Spaß, daß er den helleren Westen vorzog, den Rhein, seine Grafschaft Luxemburg, Paris.

Der Bischof saß, ein großer, beleibter Herr, starkes, gebräuntes, italienisches Gesicht, sorgenvoll auf seinem Schloß Bonconsil, schüttete sich aus vor seinem Freund, dem Abt von Viktring, dem betulichen, klugen. Die beiden geistlichen Herren schimpften weidlich. Der Heide, der! Der Jerobeam! Grausam brandschatzte er seine Kirchen und Klöster. Hatte selbst vor dem Grab des heiligen Albert nicht haltgemacht, es nach Schätzen durchwühlen lassen. Kirchenschänder! Herodes! »Aber einst wird erstehen aus unsern Gebeinen ein Rächer!« zitierte der gelehrte Abt einen antiken Klassiker.

Ja, dies war entschieden der gefährlichste, beschwerlichste Gast, den der Bischof seit Jahren gehabt hatte. Ein gesalbter König, aber -- der Bischof sagte es geradezu -- ein Lump und Verbrecher. Ohne seine Krone wäre er schon hundertmal gehenkt worden. Er spielte falsch; der Abt bestätigte es; jetzt erst hatte er es wieder in Innsbruck getan. Er war der wüsteste Verschwender und Schuldenmacher des Säkulums. Dazu seine anstößigen Beziehungen zu den beiden böhmischen Königinnen. Recht hatte man gehabt vor zwei Jahren in Prag. Da hatte er das große Turnier gerüstet, die umständlichsten Vorbereitungen getroffen, die Häuser auf dem Markt niederlegen lassen, um Zelte und Tribünen zu errichten. Dann kamen von zweitausend Geladenen, von Kaiser und König und Fürsten und Herren, sieben schäbige, zweifelhafte Ritter und ein Genueser Bankier.

Leider aber war es zur Zeit durchaus nicht möglich, ihn so zu behandeln. Das war ja das Verzweifelte. Sein Ruf und Name wechselte wie der Mond. War man ihm vor wenigen Wochen ausgewichen wie einem Aussätzigen, so feierte man ihn heute als den leuchtendsten Helden der Christenheit, und selbst sein kahles, ausgeplündertes Böhmen ließ sich blenden, wenn er von strahlenden Siegen zurückkam.

Dringend warnte der Abt den Bischof, er solle sich ja nicht im geringsten mit dem Luxemburger einlassen. Seine Politik sei letzten Endes sinnloses Spiel. »Kühlende Wellen locken mit Schillern und Glitzern den Wandrer; wirft er sich arglos ins Meer, ziehn sie ihn tückisch hinab,« zitierte er. Behaglich, mit literarischer Freude an der Zerlegung, sezierte er den Luxemburger und sein Gewese. Sein verfeinertes Rittertum begnüge sich nicht damit, in dickem Forst Riesen und geharnischte Männer aufzusuchen. Er liebe die viel bunteren Abenteuer der Politik. Nicht der Erfolg locke, ihn locke die gefährliche Freude an der Wirrung, am Getriebe. Wo immer in dem wirrseligen Europa ein Zwist sei, wo Kaiser und Papst sich stritten, König und Gegenkönig, Frankreich und England, lombardische Städte, Maure und Kastilier, überall müsse der Luxemburger seine gepflegte, spielerische Hand drin haben. Verträge, Bündnisse stiften, Ehen kuppeln, Fäden anknüpfen, zerreißen, Krieg führen, Frieden schließen, Schlachten schlagen, verhindern, immer im dicksten Getümmel stehen, Freunde, Feinde machen, Soldaten, Länder nehmen, geben.

»Nur kein Geld,« seufzte der Bischof.

Der Abt schloß, sich freuend an der eigenen eleganten Beredsamkeit. Dieser geniale Projektenmacher sehe alle entferntesten Möglichkeiten, strecke seine Hand über das ganze Abendland, raffe an sich, lasse fallen. Und während Böhmen innerlich immer kränker werde, schlucke er immer neue Besitzanrechte, Länder, Städte, verstreut durch alle Grenzen, blase sich gigantisch auf. Der behagliche, betuliche Abt streckte sich, sprach rednerisch wie auf der Kanzel: »Aber wenn auch dieser Herr Johann noch so hastig über die Erde hinfährt, lachend, stattlich, strahlend, elegant, modisch, immer eidbrüchig, immer ohne Geld, immer von stürmischer, sieghafter Liebenswürdigkeit -- es ist ihm ein Ziel gesetzt. Sein Gewese wird keine Frucht tragen, es ist sinnlos, es ist ohne Gott. Manchmal kommt mir der Böhme vor wie eine Puppe, wie ein Gespenst. -- Maß ist in allen Dingen, gesetzt ist ihnen die Grenze,« zitierte er einen alten Schriftsteller.

Der Bischof glaubte das auch. Aber bis dahin konnte es noch gute Weile haben. Vorläufig jedenfalls hatte Gott dem Böhmen kein Ziel gesetzt, und er, der arme Bischof, hatte ihn auf dem Hals. Der beredte Abt wußte auch nichts weiter zu sagen, und die beiden Prälaten schauten schweigend, nachdenklich hinaus auf das rötliche, üppige Land, die geschwungenen, bräunlichvioletten Berge, schwer von Frucht und Wein.

* * * * *

Nein, vorläufig war dem Böhmen kein Ziel gesetzt. Vielmehr saß dieser Herr Johann heiter und fest in dem besonnten Trient, dehnte sich, rekelte sich. Überließ sein langes Haar, den schönen, vollen Bart den wohligen Winden des südlichen Herbstes. Hofierte die deutschen und die welschen Damen Tirols. Durch die Lombardei flog es, durch die reichen, mächtigen Städte, durch die Schlösser der überstolzen Barone: Johann von Böhmen ist da, König Johann, der Sohn des siebenten Heinrich, Römischen Kaisers, Johann, der ritterlichste Mann des Abendlandes, Stern der Ghibellinen. Burgundische, böhmische, rheinische Ritter und Hauptleute zogen mit ihren Fähnlein in diesem herrlichen, gesegneten Herbst über den Brenner. Aus München der Kaiser Ludwig äugte mißtrauisch her. In Avignon der Papst, der zweiundzwanzigste Johann, ward unruhig. Wieder schaute das ganze Abendland auf den strahlenden, unberechenbaren Mann.

Die Parteiführer und Herren der Po-Ebene wetteiferten, ihn für sich zu gewinnen, schickten ihm Gesandte, Geschenke. Zwei prächtige Araberpferde kamen von Mastino della Scala und seinem Bruder, Herrn von Verona. Aber Brescia bot ihm durch seinen Vikar, Friedrich von Castelbarco, nicht nur Pferde, es bot ihm sich selbst an und lebenslängliche Herrschaft. Aldrigeto von Lizzana ließ dem Vermögensverwalter Johanns viertausend Veroneser Silbermark auszahlen, bat den König -- als Schutzherrn Toscanas und der Lombardei --, ihn mit dem brescianischen Ufer des Gardasees zu belehnen. Und plötzlich war auch Messer Artese aus Florenz da, der Bankier, grau, unscheinbar, schattenhaft, mit zwei Brüdern, die ihm sehr ähnlich sahen, und sehr viel Geld.

Und dann, ohne lange Ankündigung, sachte, setzte sich Johann in Bewegung. Nur wenige tausend Reiter folgten ihm. Aber glänzend gerüstet alle, erlesenste Soldaten. Rauschend strahlte der helle Zug durch das satte, reife Bergland. Süßer, schwerer, besonnter Herbst. Dicke Trauben, strotzende Früchte. Aus den violetten, rötlichen, bräunlichen Bergen goß sich die silberne, eiserne Flut in die Lombardische Ebene. Wie eine Braut glitt sie den Kömmlingen unter die Füße. Bergamo, Pavia, Cremona in seinem Besitz ohne Schwertstreich. Fahnen, Glocken, Behörden auf Knien, die Schlüssel ihrer Städte darbietend. Die großen Barone demütig um Bestätigung ihrer Lehen flehend. Novara, Vercelli, Modena, Reggio von seinen Rittern besetzt. Feierlicher Einzug. Auf den Balkonen der herrlichen, bunten Häuser geschmückte Frauen, mit großen, gebannten Augen auf den Sieger schauend, der so gar nicht mühselig, schwitzend und bestaubt, der festlich wie im Tanz das weite, reiche Land besiegt. Der Kaiser, tief beunruhigt, schickt Sondergesandte, den Burggrafen von Nürnberg erst, den Grafen von Neiffen dann, was denn der Böhme in Italien wolle. Harmlos Johann; er plane durchaus nichts gegen Ludwig, nehme, was er erwerbe, für das Reich in Besitz; er wolle nur die Gräber seiner Eltern besuchen, des Römischen Kaisers, des siebenten Heinrich, Grab in Pisa, seiner Mutter Grab in Genua, die Leichen, wenn möglich, in die Heimat schaffen. Während zu Weihnachten in München alle Glocken unter dem päpstlichen Interdikt stumm bleiben, Kaiser Ludwig in seiner Hauskapelle vor kleinem Gefolg, das blanke Schwert hoch in der Hand, als Schirmvogt der Christenheit das Weihnachtsevangelium vorliest, hält Johann leuchtenden Einzug in Brescia. Kommt er für den Kaiser? Für den Papst? Nur für sich? Niemand weiß es. Weiß er es selber? Er schreibt sich Nachfolger des Kaisers, Friedensstifter. Die Gonzaga in Mantua, die Visconti in Mailand beugen sich ihm. Ein Königreich Lombardei rundet sich ihm, fällt ihm zu wie eine Frucht, die man sich vom Zweig langt.

An beiden Ufern des Po residiert er; nie hat ein Römischer König stolzer Hof gehalten. Er läßt sich huldigen von der Adria bis ins Ligurische. Lächelt tief, satt, fern. Stieg er mit festem Plan in die Ebene hinab? Heute ist er der mächtigste Mann der Christenheit. Hat den Rhein hinauf, hinunter, tief ins Frankreich hinein Land und Herrschaft. Hat Böhmen, Mähren, Schlesien, streckt sich weit ins Polnische. Hat Niederbayern durch seine Tochter, Kärnten, Krain, Tirol durch seinen Sohn. Hält den Wittelsbacher umklammert, liegt rings um den Habsburger. Hat jetzt das reiche, süße, oberitalienische Königreich. Reckt sich. Atmet. Hält Feste. Zieht die schönsten Frauen an seinen Hof. Manchmal auch, schattenhaft, unscheinbar, kommt mit seinen Brüdern Messer Artese aus Florenz, steht ferne, bescheiden, neigt sich viel Male.

Das Kind Margarete wuchs heran auf den Schlössern Zenoberg, Gries, Tirol. Lernte gern und viel. Fragte den klugen, redseligen, betulichen Abt Johannes von Viktring bei allem, was sie sah und hörte, warum, wieso. Trieb mit den Äbtissinnen der Klöster Stams und Sonnenberg Theologie. Der Prunk, die feierliche Ordnung der Liturgie zwangen ihr Bewunderung ab. Sie sprach und schrieb fließend Latein und Welsch. Interessierte sich brennend für politische und nationalökonomische Dinge. Hörte aufmerksam den historischen Vorträgen des gelehrten Abtes zu, und während die anderen seine begrifflichen politischen Theorien gelangweilt belächelten, konnte sie nicht genug davon kriegen. Gründlich unterrichtete sie sich bei den vielen fremden Gästen ihres Vaters über die Verhältnisse der andern Höfe und Länder. Verächtlich schnupperte sie, als sie hörte, Ludwig von Wittelsbach, der Bayer, erwählter Römischer Kaiser, der Vierte seines Namens, spreche nicht Latein.

Sie streifte durch das Land. Zu Wagen, in der Pferdesänfte. Die Passer hinauf, hinab, durch die Rebenterrassen, Obstgärten. Ging mit wachen, klugen Augen durch die farbigen Städte Meran, Bozen. Beschaute die Bürger, ihre steinernen Häuser, Rathaus, Markt, Mauern, Pranger, Stock, Herbergen, Badehäuser, die Leichen der Gerichteten vor den Toren. Hielt rasche, herrische Einkehr in den Höfen der Bauern, den Wachhütten der Winzer.

Der gutmütige König Heinrich kümmerte sich wenig um sie. Er ließ sie treiben, was sie wollte. Erkundigte sich zuweilen zärtlich, ob sie denn mit ihren Kleidern hinausreiche, ob sie nicht mehr Schmuck, Pferde, Dienerschaft brauche. Fragte allenfalls, was sie von dem neuen flandrischen Koch halte, oder wie der genuesische Mantel stehe, den er sich eben habe machen lassen. Er ging ganz auf in Kleidersorgen, Stiftungen für Klöster, Festlichkeiten, Gastereien, Turnieren, Frauen. Wenn sie sich mit seinem klugen Sekretär unterhielt, dem Abt von Viktring, dann schaute er wohl gerührt auf sie, sagte zu Beatrix, seiner Frau, zu seinen Gästen: »Mein gutes Kind! Wie gescheit sie ist!«

Von den Klosterfrauen lernte sie singen. Es war erstaunlich, wenn unter der platten, breiten Nase aus dem äffisch sich verwulstenden Mund die Stimme herausdrang, schön, warm, erfüllt. Während sie sonst mit ihren Kenntnissen nicht zurückhielt und ohne Scheu redete, sang sie fast nie vor Fremden. Des Abends, unter Obstbäumen, allein, sang sie ihre Lieder, kunstvolle aus Italien, aus der Provence oder auch einfache deutsche, wie sie sie rings vom Volk hörte. Manchmal, selbst wenn sie allein war, brach sie mitteninne ab. Die Zwerge konnten sie hören. Die Zwerge wohnten in allen Berghöhlen. Sie aßen und tranken, spielten und tanzten mit den Menschen. Aber unsichtbar. Nur der regierende Fürst kann sie sehen, der zu Recht das Land beherrscht, in dem sie gerade verweilen. Ihr Vater hat die Zwerge gesehen, auch der Bischof von Brixen, in dessen Gebiet sie zuweilen kamen. Jakob von Schenna hat ihr Genaues von den Zwergen erzählt. Sie schrieben Briefe, bildeten unter sich einen Staat, hatten Gesetze und einen Fürsten, bekannten den katholischen Glauben, kamen heimlich in die Wohnungen der Menschen, waren ihnen hold. Sie führten Edelsteine mit sich, mit denen sie sich unsichtbar machen konnten. Sie fragte Herrn von Schenna, warum sie sich unsichtbar machten. Herr von Schenna wich aus. Durch Zufall, von einer Magd, erfuhr sie den Grund. Weil sie sich ihrer Häßlichkeit schämten. Sie ward noch fahler als sonst. Schluckte.

Mit peinlichster Sorge pflegte sie ihren Körper. Sie nahm täglich ein Dampfbad, wusch sich mit Kleienwasser, französischer Seife. Sie wickelte das Zahnpulver in frisch geschorene Wolle, ehe sie ihre großen, schräg vorstehenden Zähne reinigte. Sie pflegte ihre Haut mit Weinsteinöl, gebrauchte rote Schminke aus Brasilholz, weiße aus gepulverten Zyklamenknollen. Des Nachts legte sie eine Wachsmaske auf, ihren unreinen Teint zu bessern. Sorglich, mit Opfern, gehorchte sie jeder neuen Modevorschrift.

Mußte sie dann sehen, wie gleichwohl jeder drallen, ungewaschenen Bäuerin mehr wohlgefällige Männerblicke folgten als ihr, dann wandte sie mit einem Ruck ihre Gedanken von diesen Dingen, stürzte sich mit hitziger Energie in Studium und Politik. Wog zum hundertstenmal Macht, Möglichkeiten, Einflußkreise der Habsburger, Wittelsbacher, Luxemburger gegeneinander ab. Habsburg, Luxemburg, Wittelsbach, das waren keine kahlen, politischen Begriffe für sie. Die Menschen, die diese Namen trugen, ihre Farben, ihre Länder, die Tiere ihrer Wappen, ihre Berge, Flüsse, Kirchen mischten sich ihr zu geheimnisvollen Einheiten. Albrecht von Habsburg etwa war verteufelt klug, energisch, bitter, aber er lahmte. Mit ihm lahmten seine Länder, die Donau, die Stadt Wien, die Pranke seines Wappenlöwen. König Johann, der Luxemburger, das war nicht nur ein weltläufiger, galanter Herr. Seine Füße waren Toskana und die Lombardei, Rhein und Elbe seine Adern, das helle Luxemburg sein Herz. Und Bayern konnte sie sich nicht vorstellen ohne die lange, bedächtige Nase Kaiser Ludwigs und ohne seine riesigen, sonderbar toten blauen Augen. Wenn die drei Fürsten sich belauerten, sich umschlichen, sich vertrugen, sich bekriegten, bekriegte und verhöhnte sich die Welt in ihnen, und in den Wolken führten die Tiere ihrer Banner einen mystisch gewaltigen Kampf.

Ihren Gemahl, den Prinzen Johann, sah sie nicht sehr oft. Trotz seiner Länge und Aufgeschossenheit wirkte er hinter seinen Jahren zurückgeblieben. Sein mageres Gesicht, an sich nicht unschön, schien immer roher, stumpfer und, durch die kleinen, versteckten Augen, bösartiger. Er haßte die Bücher, lernte nur notdürftig schreiben. Gern trieb er körperliche Übungen. Schlug sich mit den Jungen herum, mit denen der Bedienten lieber als mit seinen adeligen Kameraden, jagte, ritt. Betätigte sich als Vogelsteller, trieb, nicht ohne Geschick, Falkenbeize, fing Wild in Schlingen. Quälte Tiere. Spielte den Bauern üble Streiche. Ein Bauernbursch, der ihn nicht kannte, verprügelte ihn. Wurde gefangen, in den Stock gesetzt, gepeitscht. Der Prinz schaute gierig zu, hetzte die Büttel.

Margarete lachte er aus wegen ihrer blöden, pfäffischen Gelehrsamkeit, riß ihr gelegentlich ihre Schriften weg, zerraufte ihre Frisur. Sie trug es. Es war notwendig, daß ihr Mann ein Luxemburger war. Seine Roheit mußte hingenommen werden. Aber schweigend stapelte sie Wut und Verachtung. Auch Chretien de Laferte, des Prinzen Adjutant und Kämmerling, verwünschte seinen jungen Herrn in die tiefste Hölle. Margarete sah den schlanken jungen Menschen sehr selten. Beachtete ihn wenig. Der betuliche, skeptische, redselige Abt von Viktring, der alle Dinge bereden mußte, neckte sie gelegentlich wegen des Jungen. Sie schlug, gegen ihre Gewohnheit heftig, zurück.

Am liebsten war sie mit Jakob von Schenna zusammen. Der junge, hagere, schlecht sich haltende Herr mit dem feinen, alten Gesicht freute sich immer, wenn er sie sah. Sie war nun vierzehn, er an die dreißig. Aber es ging eine willkommene Bindung von ihm zu ihr. Was er sprach und tat, klang, als wäre es in ihr gewachsen. Sie fühlte sich wohl in seiner Welt. Zwischen ihr und den andern Menschen war Kälte. Sie lachten sie aus, sahen sie mit Widerwillen an, bestenfalls mit Mitleid, weil sie häßlich war. Weil sie Prinzessin war, zeigten sie das nicht im Licht. Aber sie sah weit ins Dunkle hinein, oh, sie hatte scharfe Augen, sie wußte, wie man mit ihr stand. Doch von Schenna zu ihr ging es warm und freundlich herüber. Seine großen, weichen Hände, seine grauen, gescheiten, wohlwollenden Augen waren voll Achtung für sie, voll Herzlichkeit und Kameradschaft.

Jakob von Schenna war reicher und mächtiger als seine Brüder Estlein und Petermann. Er hatte sieben feste Schlösser, neun Gerichte und Pflegen, weiten Besitz an Weingütern, Gerechtsamen, Zöllen, Geld. Er pflegte von diesem Besitz wegwerfend und mit einer gewissen Ironie zu sprechen. Aber er hing daran, streichelte liebkosend das Laub seiner Reben, den besonnten Stein seiner Schlösser. Dies waren _seine_ Reben, _seine_ Burgen. Zwar war Besitz und Geltung an sich verächtlich; aber leider machten einem die Menschen das Leben zu unbequem, hatte man die beiden nicht. Oft sprach er dem Kind davon, wie übel der tirolische und kärntnische Adel den guten König Heinrich ausbeute. Leider mußte er mittun, sonst hätte eben seinen Teil ein anderer, weniger Würdiger an sich gerafft. So beutete denn auch er aus, skeptisch, mit gelassenem Bedauern und voll von Mitleid mit der gerupften Majestät.

Seine Schlösser waren die schönsten und gepflegtesten des Landes in den Bergen. Die Schlösser der andern waren nur auf Sicherheit und Festigkeit gebaut; innen waren sie ungemütlich, ihre Gelasse klein, feucht, dunkel, ohne Luft, kellerig, überall stand der Stank der Ställe. Seine Burgen, vor allem seine Lieblingssitze Schenna und Runkelstein, waren hell und voll Sonne. Italienische Architekten hatten sie gebaut; sie waren angefüllt mit schönen Dingen, Teppichen und Zierat. Während die Mauern der andern notdürftig geweißt waren und höchstens die Wände der Kapelle Heiligenbilder trugen, hatte er seine Säle von deutschen und italienischen Meistern mit Fresken ausmalen lassen. Ja selbst die äußere Südwand seiner Lieblingsschlösser trug solche Malerei. Bunt und hell schritt der Ritter mit dem Löwen, Tristan fuhr auf seinem Schiff, Garel vom blühenden Tal erlebte seine Abenteuer.

Herr von Schenna liebte sehr die Verse, die diese Geschichten erzählten. Margarete wußte nichts damit anzufangen. Sie begriff die lateinischen Verse, die der redselige Abt von Viktring so gern zitierte, verstand Horaz, die Äneis. Das war Sinn, Gesetz, Würde, strenge Bindung. Aber diese deutschen Verse schienen ihr Tollheit, nicht besser als die wüsten Einfälle ihrer Hofnarren und Hofzwerge. War es eines ernsthaften Menschen würdig, Dinge, die niemals waren und nie sein werden, in verrenkten Worten zu erzählen? Herr von Schenna suchte ihr begreiflich zu machen, daß diese Menschen, die Tristan und Parzival und Kriemhild, lebten und wirklich waren, so oft einer sie las und spürte. Aber dies wollte sie nicht wahr haben. Seine Geschichten blieben für sie bunte, widerwärtige Lügen; sie begriff nicht, daß der gescheite, ernsthafte Mann an solchen Windbeuteleien Freude haben konnte.

Den Kaiser hatten die raschen Fortschritte Johanns in Italien tief beunruhigt. Auch der führende Habsburger, der lahme, kluge, verbitterte Albrecht, sah mit wachsendem, knirschendem Ingrimm das leuchtende Lombardische Reich Johanns aus dem Nichts sich heben. Wie, sollte durch eine freche Wendung der leichtsinnige, unernste Luxemburger sie, die Ernsthaften, Gewichtigen, von der Macht drängen, sich über sie hinausheben? Sie blinzelten einander zu, der schwerfällige, langsame Bayer, der zähe, bittere Habsburger. Sie hatten sich immer gehaßt. Aber sowie der Dritte sie überflügeln wollte, einte sie das gegen ihn. Sie schlichen zusammen, Ludwig, der große, langnäsige Wittelsbacher mit dem massigen Nacken und den riesigen blauen Augen, Albrecht der Lahme mit den verkniffenen Lippen. Sie berochen sich, nickten sich zu, schlossen Übereinkunft.

Legten fest, das südliche Reich müsse den Luxemburgern entrissen werden. Sterbe König Heinrich, so solle Kärnten an die Habsburger, Tirol an die Wittelsbacher fallen. Kaiser Ludwig sicherte ebenso feierlich wie ein Jahr zuvor den Luxemburgern jetzt den Habsburgern die Erbfolge in Kärnten zu. Was die Lombardei betraf, so verbanden sie sich mit anderen, gemeinsam herzufallen über den Luxemburger. Der Kaiser berief seine pfälzischen Vettern, Johann am Rhein zu beunruhigen, seinen Eidam von Meißen, seine Söhne Ludwig den Brandenburger, Stephan. Der Herzog von Österreich mit den Königen von Ungarn und Polen sollte in Mähren einfallen.

Der Luxemburger unterdes regierte königlich im toskanischen Frühling. Er ließ seine Söhne kommen, den älteren, Karl, den jüngeren, Johann. Der hatte keine Lust. Margarete erbot sich, ihn zu vertreten.

Sie fuhr mit kleinem Gefolge -- Chretien de Laferte führte es -- in den lombardischen März hinein. Am Ufer satt leuchtender Seen, Oliven silbern die Hänge hinauf, dunkle Haine von Zitronen und Orangen. Narzissenfelder. Rosige, helle Mandelblüten. Bunte, lärmende Städte, Paläste, rasche, laute Menschen. Vor der Stadt des Bischofs von Aquileja, dessen Schirmvogt ihr Vater war, das Meer, die schaukelnden, kühnen Schiffe, die Ferne, endlos, abenteuerlich.

Der strahlende Triumph Johanns. Seine Feste, unter dem hellen Himmel doppelt freudig und sinnvoll. Die prunkenden, blühenden, überstolzen Frauen. Sie kam sich sehr allein und elend vor, hielt sich fern von den jungen Frauen, zeigte sich nur in der Gesellschaft alter, reizloser. Doch auch von diesen fühlte sie sich verachtet, bestenfalls bemitleidet. Sie waren nun welk und dürr; aber sie hatten doch einmal geblüht. Sie war in ihrer Blüte kahl und ohne Reiz. Unter diesem Himmel galt es noch weniger, daß sie klug war und von edelstem Blut und wissend. Unter diesem Himmel sah man nur das eine, immer nur dies: daß sie häßlich war.

Sie war nicht feig, verkroch sich nicht, schluckte die ganze Bitterkeit solcher Erfahrung. Erschien bei Tafel, in der Loge beim Turnier, beim Tanz. Sah, wie beim Anblick des jungen adeligen Chretien, der hinter ihr schritt, die Lippen der Frauen sich öffneten, ihre Blicke voller wurden, verlangender, gewährender; wie sie dann abschätzig, höhnisch über sie selber glitten, den äffisch sich vorwulstenden Mund, die fahle, widerwärtige Haut. Sie wandte den Blick nicht ab vor solchem Hohn; kühl und so wissend begegneten ihre Augen den Höhnischen, daß die, fast beschämt manchmal, abließen.