Part 21
Langsam aus allen Winkeln holte sie Fetzen von Besinnung. Hätte sie sich nicht eigentlich frei fühlen müssen, leicht, schwebend, beglückt, nun die Verderberin tot und aus dem Weg war und das Land nicht mehr gefährdet? Nichts von dem. Mehr und mehr schwoll eine dumpfe, sinnlose Wut in ihr hoch. Sie hatte die Feindin unterworfen sehen wollen. Feierlich zum Tod geführt hätte sie bekennen sollen: Besiegt bin ich, ein kleines, lächerliches, verworfenes Stück Mensch bin ich, und du bist die Fürstin, die Hohe, die Unerreichbare, von Gott Erwählte. Ihr Tod war nicht wichtig, aber dies Einbekenntnis war wichtig. Und jetzt hatte man sie höhnisch und frech um Haß, Rache, Sieg betrogen, hatte ihr die Verhaßte vor der Nase weggeflüchtet an ein Ufer, an das sie nie gelangen konnte. Jämmerlich, roh, plump beschwindelt stand sie, und jene war davon, emporgeflogen, leicht, lächelnd, unbesiegt.
Margarete tobte. Wozu jetzt hatte sie alle diese Opfer gebracht? Hingeschmissen das Land, hingeschmissen das Werk der Väter und ihr eigenes, schmählich sich geduckt der Habgier und der Frechheit der wölfischen Barone. Und jene davon, höhnisch, lächelnd.
Mit unflätigen Schimpfworten übergoß sie den Frauenberger. Der feiste Mann stand breit, gelassen, unberührt. An seinem nackten, rosigen Gesicht prallten die Flüche ab wie Wasserspritzer.
Sie berief den Ministerrat. Kaum sich zügelnd, die sonst so beherrschte Stimme heiser, ungleichmäßig, aussetzend, verlangte sie, sofort müsse Prozeß und Urteil publiziert, die Tote infam eingescharrt werden. Geschehe das nicht, werde man diesen plötzlichen Tod ihr zur Last legen. Einhellig, mit allen Kräften widersetzten sich die Minister. Die meisten glaubten wie das ganze Land, Margarete sei wirklich schuld an diesem dunkeln und unwahrscheinlichen Tod. Sie waren ehrlich empört über die frivole, gottlose Forderung der Herzogin, den Meuchelmord an der verhaßten Nebenbuhlerin jetzt als gerechte, patriotische, gottgefällige Tat hinzustellen. Ja, sie fanden die eigenen Erpressungen an der Maultasch durch dieses Verhalten hinterher moralisch in jeder Weise gerechtfertigt; es zeigte sich klar, daß man sich gegen diese maßlose und verbrecherische Frau nicht Sicherungen genug schaffen konnte. Im übrigen waren sie sehr erleichtert durch die jähe Lösung des Konflikts und nicht gewillt, die Dinge durch was immer neu verwirren zu lassen. Quäkend, unverhohlen, schneidend klar faßte der Frauenberger ihre Meinung zusammen. Was denn die Frau Herzogin wolle. Gott habe die Bestrafung des Verbrechens in seine Hand genommen. Nun sei die Verderberin tot, aus dem Weg geräumt. Mehr habe doch die Fürstin nicht gewollt, nicht wollen können. Es sei unchristlich, über den Tod hinaus zu hassen. Es sei dem Volk kaum zu verdenken, wenn es in solchem Fall losbreche. Der von Matsch führte aus: Ja, natürlich erlaube sich das Volk unehrerbietige Reden gegen die Herzogin. Es sei auch nach seinen Informationen da und dort infolge des Todes der Gräfin zu Demonstrationen gekommen. Aber da sie, die Minister, geschlossen hinter der Fürstin stünden, werde man mit solchen kleinen Revolten leicht fertig werden. Schon seien mehrere Demonstranten festgenommen, man werde sie öffentlich stäupen lassen, das werde den andern den Mund stopfen. Infamiere man aber die Tote, dann werde die Empörung so allgemein sein, daß er für nichts einstehe. Der redliche Gufidaun, der nach langem Ringen zu der Überzeugung gekommen war, die Herzogin sei nicht schuldig, brachte in mühsamer Rede seine Ansicht zutage: Die Verbrecherin sei tot. Teurer als mit dem Leben könne vor irdischen Richtern niemand seine Schuld bezahlen. Das Gedächtnis der Toten zu verunglimpfen, stehe einer so hohen und edeln Frau wie der Herzogin nicht an. Er setzte sich verlegen; er redete selten. Alle pflichteten ihm bei.
Die Herzogin sah auf Schenna. Der kratzte mit seinen dürren Fingern nervös den Tisch, schwieg.
Margarete beharrte. Mit fieberischen, stammelnden, ungeordneten Worten erklärte sie immer wieder, sie gehe nicht ab, sie sei das ihrem Prestige schuldig, sie bestehe darauf.
Doch die Minister blieben fest. Sie beriefen sich auf das Abkommen, sie zeigten die Zähne, erklärten, niemals würden sie die erforderliche Zustimmung zu Maßnahmen gegen die Tote geben. Margarete geiferte von Meuterei, Empörung. Die Minister erwiderten, sie nähmen diesen Vorwurf ruhig hin. Ihr Gewissen sage ihnen, ihr Widerstand geschehe im Interesse des Landes und der Herzogin selbst; auch seien sie, wenn sie sich vor die Tote stellten, der Billigung der ganzen Christenheit gewiß.
Margarete mußte sich fügen.
Sie wütete kraftlos, versagend. Die Minister, die Lumpenkerle, die Feiglinge! Wie froh sie waren, ihren Spruch nicht vertreten zu müssen! Wie schamlos hatten sie sie übertölpelt! Sie um das Land geprellt und sich dann mit übler Sophisterei dem Pakt entzogen. Lumpen, Gauner, Erpresser! Sie dachte daran, sich an das Ausland um Hilfe zu wenden. Aber die Wittelsbacher waren geschworene Anhänger der Agnes, und der Habsburger war zu klug, um sich durch Maßnahmen gegen die Tote von vornherein unpopulär zu machen.
Sie wagte einen äußersten, hilflosen Versuch, die Tote zu besiegen. Sie setzte in letzter Stunde die Beerdigung Meinhards so an, daß sie zusammenfiel mit der Beerdigung der Agnes. Wer nach Taufers ging zu der toten Agnes, mußte der Bestattung des Landesfürsten fernbleiben. Trotzig, verzweifelnd, rief sie das Land an, zu entscheiden zwischen ihr und der Toten.
Schweigsam, vor sich hintrotzend, verwildert saß sie auf Schloß Tirol, wartete, wer zu ihr kommen werde, wer zu Agnes. Im tiefsten Innern wußte sie so gut wie alle, daß Agnes sie durch ihren Tod besiegt hatte, daß der Kampf aus war und die Tote durch keine Kraft und keine List mehr erreichbar.
Die Herren des Kabinetts verständigten sich, wer an der Bestattung des jungen Herzogs teilnehmen, wer nach Taufers gehen solle. Sie kamen überein, jedem einzelnen Entschluß und Verantwortung für sich zu überlassen. Die meisten beschlossen, zur Gräfin von Flavon zu gehen. Hatten sie nicht die Hände rein von diesem Blut? Warum sollten sie es nicht zeigen? Der Frauenberger, der Deutschordenskomtur Egon von Tübingen, der redliche, schwerfällige Gufidaun beschlossen, in Tirol zu bleiben.
Jakob von Schenna saß spät abends noch wach. Aber er las nicht in dem Buch, das er sich aufgerollt hatte. Er ging auf und ab mit seinem steifen, ungleichmäßigen Schritt. Er hatte erst vorgehabt, krank zu sein und weder nach Tirol, noch nach Taufers zu gehen. Das Politische war ihm gleichgültig. Die Meinungen und Wallungen des Pöbels kümmerten ihn nicht, und er hatte für seine Person viel zu wenig Ehrgeiz, um sie in Rechnung zu stellen. Der Streit zwischen den Frauen aber hatte ihn von je erregt; er rührte ihn noch tiefer auf, seitdem er zwischen der Toten und der Lebenden ging. Margarete hatte Hilfe von ihm verlangt; er hatte sie ihr, zum erstenmal, versagt. Er wollte sich nicht hineinziehen lassen in diesen Kampf, er wollte nicht Partei nehmen. Er wollte nicht.
Wiederum vielleicht fast als einziger durchschaute er die Zusammenhänge. Margarete, die Fürstin, hatte recht. Agnes war die Verderberin gewesen, es war ein Segen für Tirol, daß sie weg war. Aber hatte Margarete die Fürstin den Schlag geführt oder Margarete die Frau? Hatte Agnes sterben müssen, weil sie das Land schädigte, oder weil sie schön war? Er wagte nicht, zu entscheiden. Dies eine war gewiß: Agnes war die schönste Frau gewesen vom Po bis zur Donau. Er war ein alternder Herr. Wagte er vielleicht nur deshalb nicht zu entscheiden?
Er wollte nicht bequem sein, er wollte nicht alt sein. Es war nicht recht gewesen von der Maultasche. Er hatte ihren wüsten Mund hingenommen, ihre Hängebacken, ihre ganze, arme Häßlichkeit. Ihren Haß gegen die Tote nahm er nicht hin. Ein simples, gerades Gefühl stellte sich gegen sie. Man mußte Zeugnis ablegen für die Schönheit. Er wird nach Taufers gehen.
* * * * *
Vom Pustertal her über Bruneck goß es sich in das Tal von Taufers. Niemals hatten diese Berge soviel Menschen gesehen. Durch den hohen Schnee mühselig stapfte es heran, bald war eine Straße getreten. Unter dem freien, bestirnten Himmel nächtigte es in der scharfen, klaren Kälte. Eine Stadt von Zelten breitete sich. Tausende und immer neue Tausende schoben sich heran, Weiber, Kinder, die Mühsal und Gefahr des Winters nicht scheuend. Durch die Schneeluft klangen die Verwünschungen der Margarete, der Hexe, der Gezeichneten. Ruchlos, meuchlings hatte die wüste Teufelin die sanfte, süße Agnes ermordet. Nun lag sie aufgebahrt in der Kapelle von Taufers, ein Engel Gottes, wächsern, eine bunte, schöne Heilige. In endlosem Zuge wallte es an ihr vorbei, sehr verschieden von Stand, Alter, Aussehen, Barone, Bauern, Bürger, aber alle andächtig, ergriffen, mitleidig, alle voll wilder, fluchender Empörung gegen die Herzogin.
Vereinsamt indes in der Kapelle von Schloß Tirol lag der tote Meinhard, letzter Graf von Tirol. Nur die Hofbeamten und Offiziere waren geblieben, die unter allen Umständen bleiben mußten.
Wortkarg, eisig verschlossen ging Margarete durch ihre tuschelnde Umgebung, übersah die Lücken unter den Gästen, traf, umkrustet, die letzten Anordnungen der Trauerfeier. War Herr von Schenna nicht da? Nein, bis jetzt war er nicht gekommen. Am Nachmittag: immer noch nicht? Nein, Herr von Schenna war nicht da. Sie schickte einen Kurier nach Burg Schenna. Herr von Schenna war verreist. Nach Taufers.
Auch Schenna.
Der starke Verwesungsgeruch, der von der Leiche Meinhards ausging, drang durch alle Essenzen und Gewürze. Er benahm den Leuten in der Kapelle den Atem, die wachehaltenden Offiziere mußten von Stunde zu Stunde gewechselt werden.
Um die dritte Stunde nach Mitternacht ging Margarete in die Kapelle. Stumm hockte sie neben ihrem verwesenden Sohn, der Geruch der Verwesung scheuchte sie nicht fort. Die Wachen wurden gewechselt, das zweitemal, das drittemal, sie hockte neben dem Toten, rührte sich nicht.
Auch Schenna.
Sie rief die Feindin herbei, die Tote, sie rief herrisch. Jene kam. Sie rechtete mit ihr. Jene lächelte, sprach nicht. Sie hielt ihr vor, was alles sie verbrochen hatte, sinnlos, eitel, frech spielerisch in ihrer glatten, nichtigen, schamlos genießerischen Schönheit. Hier in der Kapelle, wo die toten Grafen von Tirol lagen, die das starke, reiche, berühmte Land in den Bergen gefügt hatten und zusammengeknetet, hielt sie der toten Feindin vor, was sie zerstört hatte, verdorben, verhunzt. Jene glitt auf und ab, leicht, unerreichbar, die Verwesung zerteilte sich rings um sie, sie lächelte, glitt, sprach nicht.
Auch Schenna.
Jene hatte gesiegt. Margarete hatte recht, und jene hatte gesiegt. Margarete hatte vernichtet, und jene hatte gesiegt. War vernichtet, war tot und hatte gesiegt. Alle kamen zu ihr. Auch Schenna.
Dann, andern Tages, wölkte der Weihrauch, sangen die Trauerchöre, sank der Sarg, schlossen die Steinplatten, schwer niedergleitend, die Gruft. Aber die Feier blieb ohne inneren Hall. Die Chöre blühten nicht in die Herzen, die feierlichen Gesten blieben kahl, die spärlichen Teilnehmer standen steif, unbehaglich, fröstelnd.
In der Zeltstadt um Taufers hatte ein großes Trauergelage angehoben. An riesigen, offenen Feuern wärmte man sich, briet und sott man. Die scharfen Grenzen der Stände verwischten sich. Wildbret und Fisch, dem Bauern sonst durch strenges Gesetz versagt, genoß er statt Rüben und Sauerkraut. Der Stadtbürger steuerte Wurst bei und Schweinebraten. In der fröhlichen Kälte hob ein großes, gerührtes, trauerndes, maßloses Fressen und Saufen an. In seliger Trunkenheit gedachte man in überschwenglichen Reden der engelhaften Schönheit, Milde, Güte der toten Gräfin von Flavon; wilde Flüche gellten gegen die Maultasche, die Teufelsbuhle und Mordbübin. Noch die tote Agnes blieb dem Volk verklärt von einer festlichen Wolke nie mehr zu erreichenden, duftenden, gebratenen Fleisches und flutenden Weines.
Einsam in Schloß Tirol hielt Margarete das prunkende Totenmahl. Steif saß sie, geschminkt, allein, unter Fahnen, Feldzeichen, Standarten, an der von Schaugerichten, Gold und Steinen strotzenden Tafel. Der Frauenberger, leicht grinsend, Gufidaun, der Deutschordenskomtur nahmen den Kämmerlingen, Vorschneidern die Speisen ab, trugen sie zeremoniös zu Tische. Margarete saß steif, starr. Die Speisen kamen, in ungeheurer Fülle, wurden unberührt wieder weggetragen. So hielt sie Totenmahl, drei Stunden lang.
* * * * *
Der Sekretär des Frauenbergers, der stille, demütige Kleriker, bekam zu tun. Die Minister nützten mit nackter Schamlosigkeit den Vertrag aus, den sie der Herzogin abgepreßt hatten, teilten das Land unter sich auf. Es flogen die Schenkungsurkunden, Gaben, Gnaden, Privilegien, Verschreibungen. Das Regiment der bayrischen Artusritter war bescheiden gewesen, verglich man es mit der großzügigen Plünderung Tirols durch dieses Kabinett der Maultasch.
Der Frauenberger steckte grinsend, breit, selbstverständlich die Hinterlassenschaft der Agnes ein, dazu Burg und Pflege Pergine und Schloß Penede östlich von Riva, Heinrich von Kaltern-Rottenburg die Feste Cagno auf dem Nonsberg, dazu das Dorf gleichen Namens, Hans von Freundsberg Festung und Pflege Straßberg bei Sterzing. Ganz aus dem Vollen scheffelten die Herren von Matsch. Sie ließen sich Nauders zusprechen, Stadt und Gericht Glurns, die Probstei Eyers, Schloß Jufal am Eingang ins Schnalser Tal.
Berchtold von Gufidaun und der Deutschordenskomtur Egon von Tübingen schauten mißbilligend zu, hielten sich, belächelt von den andern um ihre Naivität, die Hände rein.
Schenna schüttelte betrübt den Kopf über die Habgier der Kollegen. Sagte sich schließlich: Besser ich als ein anderer. Eignete sich traurig und sachkundig Pflege und Gericht Sarnthein an, steckte auch Burg und Pflege Reineck ein, dazu Festung und Gericht Eppan, schließlich, ganz trübsinnig über soviel Schwäche und Hemmungslosigkeit, Lugano oberhalb Cavalese.
Margarete, starr und schweigsam, unterschrieb, was man ihr vorlegte. Im Verlauf von dreizehn Tagen hatte sie das halbe Land verpfändet und verschenkt.
* * * * *
Über den Krimler Tauern durch den wilden Januar arbeiteten sich fünf Männer. Sie sanken in Schneemulden, kämpften sich heraus, zerschrundeten sich Hände und Gesicht an Eis und Stein. Aus Schluchten, trügerischen Schneehalden, hundertfältig, lautlos, wehte einen Tod an. Zwei Bären folgten ihnen von Ferne, flohen, schnupperten sich wieder heran. Drei Tage so arbeiteten die Männer sich vor, bis sie bei dem Dorfe Prettau wieder eine menschliche Siedlung erreichten.
Es waren Rudolf, Herzog von Österreich, Herr von Rappach, sein Hofmeister, Herr von Laßberg, sein Kämmerer, und zwei Knechte.
Der Habsburger hatte in der Steiermark, in Judenburg, durch Eilkurier eine Depesche seines Kanzlers erhalten, der sich in den schwäbischen Vorlanden an der tirolischen Grenze aufhielt. Bischof Johann von Gurk meldete ihm die tirolischen Wirren, die im Anschluß an Meinhards Tod entstanden waren, und forderte ihn ebenso dringlich wie untertänig auf, so schnell wie möglich in das Land in den Bergen zu kommen.
Rudolf überlegte kurz: Die Wittelsbacher rauften jetzt wohl unter sich um Meinhards bayrisches Erbe, hatten keine Zeit für Tirol. Ja, der Kanzler hatte recht, es war das wichtigste, daß er jetzt auf kürzestem Weg, überraschend, Bayern meidend, bei Margarete erschien. Zurück nach Wien? Militär? Nein, geradeswegs von Judenburg nach Radstadt ritt er, in den Pinzgau, hörte nicht auf die Beschwörungen, jetzt im Winter von der Überquerung der Tauern abzustehen, drang zäh, ums Leben kämpfend, über den Paß, gelangte nach Prettau, nach Ahrental. Geriet in Taufers unerkannt in den Strom der abziehenden Trauergäste. Hörte von dem neuen Ministerium, seinen unerhörten Vollmachten, seinen Plünderungen. Kam nach Bruneck. War am zwanzigsten Januar, am vierzehnten Tag der Alleinherrschaft der Margarete, in Bozen.
Da stand er nun. Das Land, sein Land, für dessen Besitz er und sein Vater durch Jahrzehnte gewirkt hatten, war in der Hand der gewalttätigen Barone, wurde jämmerlicher zerstückt von Tag zu Tag. Er war ganz allein; sein Heer bestand aus zwei Offizieren und zwei Mann. Wohl hatte er in Österreich Order hinterlassen, Truppen an der tirolischen Grenze zusammenzuziehen. Aber bis solche Maßnahmen wirksam wurden, konnte das Land in den Bergen aufgeteilt sein. Er erkannte sehr gut, wie voll Gefahr seine Situation war. Es war möglich, daß die entzügelten, verwilderten Barone vor seiner geheiligten Person nicht zurückscheuten, sich, wenn auch solches Vorgehen nur sehr kurzfristigen Erfolg haben konnte, seiner bemächtigten, ihm Bestätigungen, Zugeständnisse abzupressen. Aber wie immer, er konnte nicht warten. Er war randvoll vom Willen zu seiner Sendung, vom Glauben an sich selbst. Alles hing ab von seinem persönlichen Auftreten.
Der Frauenberger ließ sich melden. Kam als Vertreter des Ministeriums. Stand vor dem Herzog, lauersam, abwartend. Der war sehr kühl, verschlossen. Der Frauenberger tastete sich vor. Blinzelte Rudolf vertraulich an, sagte jovial: Das Kabinett sei allenfalls bereit, jenes Testament Margaretes zu Habsburgs Gunsten anzuerkennen, vorausgesetzt, daß Rudolf den Ministern garantiere, daß ihre Privilegien und Verfügungen für mindestens zwölf Jahre in Geltung blieben.
Rudolf schaute den breiten, massigen Menschen an, der feist und widerwärtig vor ihm stand. Der blinzelte ihm spitzbübisch zu, einverständnisvoll wie bei einem guten, unsaubern Handel ein Schelm und Krämer dem andern. Hochmütig sagte der Habsburger: Das seien merkwürdige Sitten, die in Tirol eingerissen seien, und sonderbare Begriffe. In Habsburgischen Landen wage keiner, dem sein Hals lieb sei, solche Vorschläge an seinen Fürsten. Soviel ihm bekannt, sei ein deutscher Fürst Gott verantwortlich und allenfalls dem Kaiser, und ein Habsburger nach den Hausprivilegien nicht einmal dem. Der Frauenberger schaute gleichmütig, wartete, ob nach dieser allgemeinen, theoretischen Einleitung ein Besonderes, Praktisches komme. Der Herzog schloß kalt, er sei bereit, zu prüfen, wie weit die Privilegien der Barone zu Recht bestünden. Der Albino tat sein Froschmaul auf, quäkte frech, behaglich, vergnügt: Auf solcher Basis werde man sich wohl einigen. Er rechne damit, die Prüfung des Herzogs werde weitherzig ausfallen. Sei man doch auch in Tirol immer weitherzig genug gewesen, niemals die so spät und unter so merkwürdigen Umständen aufgefundenen habsburgischen Hausprivilegien anzuzweifeln.
Da geschah etwas Seltsames. Langsam, ruhig hob der junge Herzog die schmale, feste, knochige Hand. Mit dem bräunlichen Handrücken schlug er in das fette, nackte, rosige Gesicht des andern, zweimal, rechts, links.
Der Frauenberger hielt ganz still. Sein geschlagenes Gesicht schien durchaus nicht weiter gekränkt, nur maßlos verblüfft. Die rötlichen, lidlosen Augen starrten auf den Fürsten, sahen die niedere, eckige, entschlossene Stirn, die Hakennase, die hängende Unterlippe über dem starken Kinn. Der Albino blinzelte, blinzelte stärker, wiegte den Kopf, hob wie entschuldigend die Achseln, verneigte sich, ging.
Rudolf, allein, atmete, breitete die Arme, lächelte, lachte.
Der Frauenberger sagte sich: »Man könnte ihn beiseite schaffen. Aber es wird nicht so glatt gehen wie bei den andern. Auch hat er sich gewiß vorgesehen, und es stehen viele hinter ihm. Es ist klüger, sich nicht mit ihm einzulassen. Es ist schade um die schöne Regiererei. Aber ein Kerl mit solchem Nacken und solchem Kinn. Na, ich hab' auch so genug beisammen. Wer hätte mir eine solche Karriere zugetraut? Man muß schauen, soviel wie möglich zusammenzuhalten. Wozu die ewige Habgier? Ich bin kein Esel. Ich bescheide mich, wenn das Risiko zu groß wird. Immerhin, schade. Aber bei solcher Hakennase.«
Er pfiff sein Lied, streckte sich, gähnte geräuschvoll, knackte mit den Gelenken, schlief.
* * * * *
Jung, fest, gerafft, doch nicht unehrerbietig, trat Rudolf vor die Herzogin. Er begrüßte die Starre, Verschlossene, drückte ihr auch mündlich sein Beileid aus. Ging dann sogleich mit höflichen, bestimmten Worten auf sein Ziel los. Sie sei bekannt an allen Höfen als Fürstin von Klugheit und Kraft. Um so erstaunlicher, daß jetzt die kurzen Tage ihrer Alleinherrschaft dem Lande so schlecht bekommen seien. Es sei wohl so, daß der Schmerz über den Verlust ihres Sohnes so rasch nach dem Verlust ihres Gemahls sie verwirrt habe und unfähig mache, ihre großen Gaben zu nutzen. Nun brauche aber das Land in den Bergen jetzt mehr als je eine feste Hand. An den Grenzen drohe Bayern, auch die lombardischen Herren würden bei einem wittelsbachischen Angriff nicht still bleiben, im Innern regiere die nackte Habsucht der Barone. Er gebe zu erwägen, ob Margarete das Vertrauen, das sie ihrem Testament zufolge dem Haus Österreich schenke, nicht jetzt schon erweisen, ihm die Verwesung des Landes abtreten wolle.
Reglos saß die alte, plumpe Frau vor dem jungen Fürsten. Der breite, wüste Mund zuckte nicht, die massigen, geschmückten Hände lagen tot auf dem schweren, schwarzen Damast des Kleides.
Die harten, klaren, grauen Augen richtete Rudolf auf sie, wartete, setzte wieder an: Er wolle sie nicht mit vagen Versprechungen locken. Das Regiment der Habsburger habe sich bis jetzt gerecht, stark, kräftig gezeigt. Tirol werde keinen Vorzug haben vor den andern habsburgischen Besitzungen. Aber dafür stehe er ihr ein, der Fürst der Fürstin, es werde regiert sein wie diese: stark, gerecht, tüchtig. Was sie persönlich angehe, so werde für ihre Bedürfnisse bestimmt reicher und herrenhafter gesorgt werden als unter der Verwaltung der Barone.
Margarete schwieg noch immer, schaute mit leeren, gehetzten Augen vor sich hin. Rudolf schloß: Er dringe nicht in sie. Sie habe das mit ihrem Gott und sich selbst abzumachen. Er ersuche, Vertrauen zu ihm zu haben und seine Worte ohne Voreingenommenheit zu überlegen.
Margarete sagte mit rostiger Stimme: »Es bedarf weiter keiner Überlegung. Ich habe Vertrauen zu Ihnen. Ich erkenne durchaus, wie folgerichtig Ihre Gedanken sind.«
Sie stand auf, drehte mit ruhiger, seltsam lebloser Bewegung die geschminkten Hände nach außen, ließ sie sinken. Ließ gleiten, ließ fallen. Da fiel es von ihr, Tirol, die Städte, ihr Werk, das Werk ihrer Väter, Alberts, Meinhards, des Starken, Gewalttätigen, Heinrichs, das Ihre. Nun war sie ganz arm und kahl.
Rudolf war durchaus nicht geneigt zu sentimentalen oder gar pathetischen Gesten; aber es rührte ihn tief und sonderbar an, wie die Häßliche vor ihm stand, entblößt, demütig, müde von Hoheit und Schicksal. Er ging auf ein Knie nieder, sagte, er betrachte das Land als Lehen aus ihren Händen; er werde sich bewußt bleiben, nichts zu sein als ihr Gouverneur.
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