Die häßliche Herzogin: Roman

Part 20

Chapter 203,673 wordsPublic domain

Wie schade, daß jene sich so einfach in ihre Hand gegeben hatte. Es wäre gut und reizvoll gewesen, sie erst mühsam herzulocken, den Teig zu kneten, ehe man den Kuchen aß. Aber so waren diese Glattlarvigen. Schön und dumm.

Margarete ging ins Freie, allein. In den verschneiten Weinterrassen stapfte sie, kletterte sie. Setzte sich in den Schnee. Tauchte ihre Hand in das Weiche, Kalte, ballte es, ließ fallen, ballte von neuem.

Sie ganz klein machen, sie zerstören, sie in Staub zerpressen, zernichten, zerdrücken, daß nichts mehr von ihr bleibt als ein lächerliches Stück Verwesung. Sich anfüllen mit ihrer Angst, ihrer Not, ihrem Elend, bis dann ihre Schönheit daliegt, stinkend wie drüben in der Kapelle ihr Sohn.

Als nach einer Weile das dürre Fräulein von Rottenburg kam, hörte sie, was sie seit Jahren nicht gehört hatte. Die Herzogin sang. Mit ihrer dunkeln, warmen, erfüllten Stimme sang sie. Im Schnee saß sie und sang, voll, hallend, aus ihrer wüsten Kehle.

* * * * *

Sie berief zunächst Schenna zu sich. Führte aus: Der Sturz, an dem Meinhard sich zu Tode gestürzt, sei fraglos verschuldet durch die Gräfin von Flavon-Taufers. Sie sei nicht gewillt, dies Verbrechen zu vertuschen. Beabsichtige vielmehr, es mit beispielhafter Strenge zu bestrafen. Schenna, tief beunruhigt, riet dringend ab. Das Volk hänge nun einmal an Agnes mit ebenso heftiger wie grundloser Sympathie. Gegen sie vorzugehen sei gefährlich. Man könne sie an Besitz, Macht, Einfluß kürzen; weiter zu gehen verbiete die Staatsklugheit.

Margarete, gereizt und nervös, erwiderte, sie wisse sehr gut, wie unpopulär sie sei. Schlimmer könne es nicht werden. Sie riskiere also nichts.

»Doch!« erwiderte mit ungewohnter Schroffheit Schenna. Alles riskiere sie. Offene, nur den Wittelsbacher fördernde Revolution riskiere sie. Sie brach aus, verströmte: Unter keinen Umständen dulde sie länger die Nebenregierung dieser Person. Lieber danke sie ab. Sie starrte hitzig, allen ruhigeren Erwägungen unerreichbar, vor sich hin. Schenna lief unbehaglich mit seinen langen, ungleichmäßigen Schritten hin und her. Wenn sie durchaus beharre, riet er nach einer Weile, das Gesicht verdrießlich und kurios verzogen, dann solle sie in Gottes Namen einen Staatsgerichtshof einberufen. Um alles in der Welt nicht möge sie gegen Agnes vorgehen ohne Spruch und richterliches Urteil.

Sie berief den Frauenberger, die einzelnen einflußreichen Feudalherren. Schneidend klar erkannte sie: Alle waren gegen sie, alle waren für Agnes. Aber mit wenigen Ausnahmen waren sie bereit, sich ihre Meinung abkaufen zu lassen. Sie nahmen Margaretes Vorgehen gegen Agnes als eine Laune. Gut, sie waren bereit, diese Laune zu decken; aber sie fanden es angemessen, daß Margarete diese Bereitschaft teuer bezahle.

Alle verlangten, alle forderten. Es preßte Margarete das Herz ab, knirschte ihr die Zähne zusammen. Sie standen vor ihr, unterwürfig, loyal, voll patriotischer Bedenken. Darunter grinste der Hohn: gibst du nicht, so kriegst du nicht.

Die Barone verständigten sich untereinander, glichen ihre Ansprüche aus. Der Frauenberger überbrachte der Herzogin ihre gemeinsamen Forderungen. Sie waren nackt, schamlos. Margarete solle ein Kabinett aus neun Ministern bilden. Vorgesehen waren der Frauenberger, Schenna, Berchtold von Gufidaun; die beiden Herren von Matsch, der Landeshauptmann und der Vogt, der Deutschordenskomtur Egon von Tübingen; Heinrich von Kaltern-Rottenburg, Diepold Häl, Hans von Freundsberg. Diese Herren, die auch als Richter in dem Prozeß der Gräfin von Flavon fungieren würden, sollten die oberste Justiz- und Verwaltungsbehörde des Landes bilden. Margarete solle sich verpflichten, ohne ihre Zustimmung keine Regierungshandlung vorzunehmen, niemandem ein Amt zu verleihen oder zu entziehen, mit keinem auswärtigen Fürsten zu verhandeln, Bündnis, Vertrag zu schließen. Auch solle sie keinen Minister absetzen dürfen; schied ein Mitglied durch Tod oder sonstwie aus, so solle nicht die Fürstin, sondern das Kabinett den Nachfolger bestimmen.

Margarete saß über dem Dokument, allein. Sie runzelte die Stirn so stark, daß die Schminke abbröckelte. Dies unterschreiben hieß: die Städte preisgeben, das Land den frechen Baronen hinschmeißen, daß sie ihre gierigen Zähne hineinschlügen, jeder sich ein Stück herausreiße. Dies unterschreiben hieß: das Land Tirol zerfallen lassen in eine Reihe kleiner Adelsherrschaften, schimpflich zerschlagen das Werk, daran die Väter und sie hundert Jahre lang Besitz, Nerven, Leben gesetzt.

In ihren Gedanken war plötzlich das kleine, bebartete Wesen, das sie einmal gesehen in den Felsen von Schloß Maultasch. Es neigte sich viele Male, schaute sie aus ernsten, uralten Augen an, tat den Mund auf.

Mit Gewalt scheuchte sie den Zwerg fort. Hin, Land! Hin, Städte! Hinunter, Nacken! Duck' dich der Arroganz der Vasallen! Es muß sein. Es muß ausgetragen sein zwischen ihr und jener. Es wäre sinnlos, jetzt die Forderungen der Barone zu weigern und jene zu schonen. Sie würde weiter am Werk Margaretes nagen, es aushöhlen, verderben. Die Schöne war der Wurm des Landes, alles Übel kam von ihrer frechen, geilen Schönheit. Sie muß hin sein, sie muß getilgt sein, sie muß aus dem Licht, sie muß weg von der Erde. Das Land in den Bergen hat nicht Frieden, solang jene da ist.

Wenn sie sich aufriß vor Gott, sie durfte sagen: Es hatte Stunden gegeben, Tage, Wochen, wo kein kleiner, eitler Gedanke in ihr war, nur der reine, lautere Wille, sich zu beugen, zu tun, wozu man geschickt war. Wieder und wieder schlug jene Eitle, Leere mit spielender Hand entzwei, was sie mit Nöten, Demütigungen, Preisgaben geschaffen, von deren Qual und böser Artung jene nie einen Hauch zu begreifen imstande war. War das gerecht? War es gerecht, daß das Leere, Dumme, Schlechte, Gemeine, nur weil es die glatte Larve hatte, sich spreizte in der Welt, sie überdeckte, keinen Raum ließ für das Erfüllte, schmerzhaft Wissende? Das konnte Gott nicht wollen. Das mußte ausgekämpft sein. In einem wohlig schmerzhaften Krampf spürte sie, wie sie selber mit der Schönen verkettet war, wie sie selber bestimmt war, es auszutragen. Es gab kein Hinausschieben, kein Verstecken und Maskieren, keine Scheu vor dem hohen Einsatz, keinen Kompromiß. Es mußte ausgetragen sein.

Der Frauenberger kam, ihre Antwort zu holen. Ihre Hand lag plump auf dem Dokument mit den Forderungen der Barone. Sie blickte auf, schaute den Frauenberger an, sagte ruhig, ohne die Stimme zu heben: »Lumpen! Erpresser!«

Der Frauenberger erwiderte gleichmütig, jovial: »Ja, Herzogin Maultasch, billig sind wir nicht.«

Dann unterschrieb sie.

* * * * *

Agnes, als sie allein war, saß in großer Schwäche erschöpft nieder. Was denn um Gottes willen hatte sie da gemacht? Sich selber freundlich lächelnd in die Hand der Feindin gegeben. Wo hatte sie denn ihren Kopf gehabt? Der Tod Meinhards war wohl eine Einbuße und ein Schlag für die Maultasch, aber er war doch ein noch schlimmerer Schlag für sie selber. Die Maultasch hatte mit der Beseitigung Meinhards und dem kühnen, unerwarteten Verzicht auf Bayern sich zur Siegerin gemacht. Sie begriff sich nicht, wie sie in dieser Situation der Feindin ins Haus laufen konnte, ihren Triumph zu krönen.

Ganz allein und verloren saß sie da. Das Zimmer war schlecht geheizt, sie fror. War das wirklich Frost? Ein Gefühl kroch sie an, das sie all ihre Tage nicht gekannt hatte, zog sie zusammen, schnürte sie. Sie war immer keck und sicher gewesen, immer hatte sie die Lage in der Hand gehabt, hatte immer Männer hin und her geworfen nach ihrem Gutdünken. Jetzt war sie ganz hilflos, die Feindin konnte mit ihr anfangen, was sie wollte. Angst und Kälte überdeckten sie. Ihre tiefen, blauen Augen waren nicht mehr kühn, sondern stier und erloschen, ihr elastischer Rücken erschlaffte, ihre weißen Hände runzelten sich, ihr glattes Gesicht zerknitterte in kleine, steife, spröde Fältchen.

So blieb sie bis zum Abend. Dann brachte man Licht, schürte das Feuer neu, setzte Speisen auf den Tisch. Sie raffte sich zusammen, aß, wurde warm, belebte sich. Ach was! Das war ja das Ziel der andern, sie klein zu sehen, gedemütigt, winselnd, mutlos. Sicher nicht wird sie es wagen, ihr etwas Ernstliches anzutun. Steht nicht das ganze Land für sie? Weil sie häßlich ist, will sie, daß sie sich feig erweise. Sie denkt nicht daran, ihr den Gefallen zu tun. Sie straffte sich, ihre Augen schauten lässig und kühn wie immer. Sie aß mit Appetit, verlangte zum zweitenmal, scherzte mit den Dienern. Schlief gut, tief, ruhig, lange.

Als andern Tages der Frauenberger kam, fand er sie vergnügt, Bonbons lutschend, ein frivoles Couplet auf der Laute klimpernd. Sie mokierte sich über die altmodische Einrichtung des Zimmers. Er feixte, freilich, so modern und komfortabel wie sie gebe die Maultasch es nicht. Er tätschelte sie. Er blinzelte, meinte väterlich, er habe es ihr doch rechtzeitig gesagt, sie solle sich nicht einlassen mit den Lausbuben, es werde schief gehen. Sie fragte leichthin, ob er im Auftrag der Maultasch komme. Bange machen gelte nicht. Was man eigentlich vorhabe. Wie lange der Spaß noch dauern solle. Der Albino quäkte, man werde sie wohl vor ein Staatsgericht stellen. Sie erwiderte, man möge das recht bald tun, es sei so langweilig auf Schloß Tirol. Auch möge man ihr die Zofe schicken und ihre Schneiderin, daß sie vor Gericht in einem entsprechenden Kostüm erscheinen könne. Er sagte, sie brauche nur zu befehlen. Allein, lutschte sie Bonbons, klimperte.

Die Herzogin ließ es sich angelegen sein, das hohe und heimliche Gericht, das Agnes aburteilen sollte, mit feierlichem Pomp auszustatten. Drei Gemächer ringsum waren von Gewaffneten bewacht, damit die Heimlichkeit des Gerichts gewahrt sei. Die neun Herren saßen schweigsam, dunkel, Margarete selber prunkte schwer in den Insignien der Herrschaft.

Agnes trug ein schlichtes, lachsrotes Kleid, das für einen Empfang, eine kleinere Festlichkeit geeignet war. Ihr Gehabe war leicht, sicher. Sie war überzeugt, daß die Maultasch nicht wagen werde, sie anzutasten, daß der umständliche, feierliche Apparat des Gerichts nur dazu bestimmt sei, sie ängstlich zu machen. Dies alles geschah nur, damit sie, die Schöne, sich klein erweise vor der Häßlichen. Nein, sie war durchaus nicht gewillt, der Maultasch diesen Gefallen zu tun.

Der Pfarrer von Tirol, der als Protokollführer fungierte, verlas die Anklage. Die Gräfin von Flavon-Taufers sei von jeher bestrebt gewesen, auf Meinhard in verderblichem, dem Lande Tirol schädlichem Sinn einzuwirken. Als der junge Fürst im Begriff war, Tirol zu betreten, sich ihrem Einfluß zu entziehen, und als das Einvernehmen mit seinen getreuen und wohlmeinenden Untertanen ihre Pläne zu vereiteln drohte, habe sie sich mit Gewalt seiner zu bemächtigen versucht; über welchem Versuch der Herzog zu Tod gekommen sei.

Agnes sagte, sie wundere sich, wie weise und hochmögende Herren einfache und klare Tatbestände so schlimm mißdeuten könnten. Ja, sie sei mit dem jungen Fürsten in gutem, herzlichem Einverständnis gewesen, wie auch sein Vater sie seiner Freundschaft und seines Vertrauens gewürdigt habe. Sie habe nach ihrem geringen weiblichen Verstand zuweilen den oder jenen Ratschlag erteilt nach bestem Gewissen als gute Untertanin und Christin, dem Fürsten und seinen Ländern zu Nutz und Mehrung. Als der Herzog nach Tirol reiste, habe sie ihm, da unerwartet Herzog Stephan seine baldige Ankunft in München melden ließ, reitende Boten nachgeschickt mit einem Brief, daß unter solchen Umständen seine Rückkehr nach München ratsam sei. Leider hätten ihre Boten den Herzog nur mehr tot vorgefunden. Dies alles sei klar und unzweideutig. Sie sei eine große Sünderin, schloß sie lächelnd; aber in ihren Beziehungen zu Herzog Meinhard sei nach ihrer demütigen weiblichen Einsicht kein Wort und keine leiseste Regung gewesen, die sie nicht ungescheut vor Gott und den Menschen bekennen dürfte.

Sie gab diese Erklärung sitzend ab, leichthin, mit ihrer harten, schleierlosen Stimme. Jung, glatt, klar, vertrauensvoll saß sie in ihrem schlichten, lachsfarbenen Kleid vor den schweren, dunkeln Richtern.

Margarete sagte, sie habe, in München, die Gräfin von Flavon aufgefordert, sich nicht in die tirolischen Dinge zu mengen; die Gräfin habe das verweigert. Agnes erwiderte, die Frau Herzogin habe sie mißverstanden. Der Pfarrer von Tirol verlas eine eidliche Aussage, die Reiter der Gräfin hätten nach ihrer eigenen Bekundung Auftrag gehabt, den Herzog mit Gewalt nach München zurückzuführen. Alle schauten auf den Frauenberger, auf dem wohl dieses Zeugnis stehen mußte. Er sah unbeteiligt vor sich hin. Agnes erklärte, die Aussage der Reiter, wenn sie wirklich erfolgt sei, sei pure Verleumdung. Der Frauenberger grinste.

Die Herzogin saß da, steif, breit ausladend, schwarz stand das brokatene Kleid um sie herum, golden prunkten die Insignien der Macht. In ein Schweigen hinein, unvermutet, ohne Agnes oder irgendwen anzuschauen, tat sie den Mund auf, sprach. Mit gleichförmiger Stimme sagte sie alles heraus, mit nackten, schmucklosen Worten. Wo sie für das Land in den Bergen gewirkt habe, an der Etsch und am Inn, von den welschen Seen bis zur Isar, überall sei diese Gräfin von Flavon gewesen und habe gehindert und dagegen gewirkt. Sie sprach langsam und sie hob die Stimme nicht. Sie sprach von den Städten und von ihren Maßnahmen und wie diese Gräfin von Flavon sich dagegen gestemmt habe. Sie sprach von ihren Finanzverordnungen und wie diese Gräfin von Flavon den welschen Bankier, den Messer Artese, wieder in die Berge gerufen habe, den sie vertrieben. Sie sprach von der tirolischen Autonomie und wie diese Gräfin von Flavon dem Land immer wieder den Bayern in den Pelz gesetzt habe, den Blutsauger. Sie sprach von der Artusrunde, von Ingolstadt und Landshut. Langsam aus ihrem wüsten, breiten Mund holte sie nackte, sachliche Worte. Sie fielen gleichmäßig, monoton; wie schwerer Sand rieselten sie, unhemmbar, sie begruben die feine, leuchtende Agnes, daß sie farblos dasaß und erbärmlich und ohne Schwung. Es war ganz still, als die Herzogin zu Ende war, man hörte die Scheiter im Kamin knistern, die Herren hockten da, trist und grau und gebeugt.

Agnes sagte, sie habe nie Einfluß gesucht. Sie habe gesprochen, wenn man sie gefragt habe, und da nur zögernd, sie habe nie jemandem einen Rat aufgedrängt. Sie merkte, daß ihre Worte zu Boden fielen und keinen überzeugten. Da erhob sie sich, sie stand da, heiter, frei, leicht, stolz, sie sah die Herren an, einen um den andern, sie sagte: Wenn sie eine Sünde begangen habe, dann nur die, daß sie auf der Welt sei. So habe Gott sie geschaffen. Solange sie sich nicht auslösche, könne sie nicht hindern, daß man den Kopf nach ihr wende, an ihr Gefallen finde.

Alle schauten sie an, selbst der rasche Federkiel des Pfarrers von Tirol hörte zu kritzeln auf. Mit seinen müden, grauen Augen schaute Schenna sie auf und ab, angestrengt starrte ihr der hagere, rechtliche Egon von Tübingen in die tiefen, blauen Augen, der biedere, gutmütige Berchtold von Gufidaun schnaufte, seufzte, aus seinen rötlichen Augen blinzelte der Frauenberger. Diese ihre Worte, das spürte Agnes, waren nicht zu Boden gefallen. Sie hatte einen Teil ihres Wesens herausgeholt, hochgehoben mit beiden Händen, den Männern hingehalten, stolz, vor der Feindin: Da! Seht her! So bin ich! Sie genoß ihre Wirkung, atmete, genoß.

Da sah sie, daß auch die Maultasch sie anschaute. Die blauen Augen der Schönen tauchten tief in die braunen der Häßlichen. Und Agnes sah, daß Margarete lächelte. Ja, ein kleines Lächeln zerschnitt das grellweiß geschminkte Gesicht der Herzogin, und es war nicht gekünstelt, es war echt. Da wußte Agnes, daß jene vorgesorgt hatte, daß ihr Triumph im vorhinein vergiftet, daß sie verloren war. Sie begann plötzlich zu zittern, sie verfahlte, ihre Glieder erschlafften, sie mußte sich setzen.

* * * * *

In das Gemach der Verurteilten trat ungemeldet, überraschend die Herzogin. Agnes hatte den Spruch sehr in Haltung hingenommen, frei, leicht. Sie hatte sich auch, als sie allein war, gesagt, die Maultasch werde nicht wagen, weiter zu gehen. Aber dann hatte sie an das leise, tiefe Lächeln Margaretes gedacht, und den Magen herauf war ihr wieder jenes peinliche, fröstelnde Gefühl gekrochen, das sie früher nie gekannt hatte. Jetzt, als die Herzogin kam, riß sie sich sogleich zusammen, erhob sich höflich, nicht zu schnell, bat sie zu sitzen.

Margarete sagte: »Sie haben angedeutet, Gräfin, daß zwischen mir und Ihnen noch ein anderes sei als die Strenge der Fürstin gegen die Untertanin, die sich auflehnt und das Land schädigt. Begreifen Sie doch, daß ich gar nichts anderes sein kann als die Fürstin; denn das beleidigte Land ist in mir, meine Regungen sind die des Landes.« Sie sagte das leicht, selbstverständlich, überzeugend, mit großer Hoheit.

Agnes hörte aufmerksam, höflich zu. Sie verstand nicht, was die andere meinte. Sie verstand nur: »Ah, sie will etwas von mir. Sie will sich aussprechen mit mir. Will sich rechtfertigen. Wie schwach muß ihre Position sein! Sie spürt, daß sie die Unterlegene ist. Sie will mich übertölpeln. Nur sich nicht einfangen lassen. Nein sagen. Was sie auch verspricht, nein sagen.«

Margarete sah, daß die andere sie nicht begriff. Sie versuchte es von einer neuen Seite. Müde, ein bißchen ungeduldig, doch versöhnlich sagte sie: »Sie haben Erfolge gehabt, Gräfin. Ich gönne sie Ihnen. Freuen Sie sich weiter daran. Mein Sinn und Ehrgeiz geht ganz wo andershin, suchen Sie das doch zu glauben. Ich will die Gewähr haben, daß Sie Tirol nicht weiter schaden. Nichts sonst. Bekennen Sie vor Zeugen und durch Ihre Unterschrift, daß Ihr Wirken meinem Land verderblich war. Schwören Sie auf das Evangelium, sich fernerhin jeder politischen Tätigkeit zu enthalten. Ich will dann das Todesurteil kassieren. Ihre Lehen fallen zurück an meine Verwaltung. Sie sind frei und verlassen mein Land.«

Da war sie, die Schlinge. Agnes höhnte innerlich: »Nie wird sie es wagen, mich zu töten. Und für so dumm hält sie mich, daß sie sich ihre Feigheit von mir bezahlen lassen will.«

Sie sagte: »Ein solches Dokument unterzeichnen kann ich nicht. Daß ich auf der Welt war, daß ich da war, das war wirklich meine ganze politische Tätigkeit. Sie können mich schwören lassen, was Sie wollen. Sie können es nicht verhindern, und ich kann es nicht, daß ein Mann, wenn er mich ansieht, nach meiner Ansicht handelt, nicht nach der Ihren.« Sie sah Margarete auf und ab, unverwandt; ihre blauen Augen glitten über sie, beredt, abschätzig, höhnisch. Verhöhnten den wüsten, äffisch sich vorwulstenden Mund, die herabhängenden Backen, das in vielen Falten fallende ungeheure Kinn, den plumpen, feisten Leib. Sie spähten sie aus, drangen durch die Schminke, betasteten spöttisch die spröde, warzige, bröckelnde Haut.

Die Herzogin, tiefer geschlagen als je, bezwang nur mit Mühe ihre maßlose, verwirrte Erbitterung. Sie sagte, und ihr Hohn klang nicht echt: »Lassen Sie es meine Sorge sein, Gräfin, zu beurteilen, ob es nötig ist, Sie auszulöschen. Ich glaube, Sie überschätzen sich. Mir genügt es, wenn Sie die verlangte Erklärung unterzeichnen.«

Wie matt und ohne Schlagkraft diese Erwiderung war! Sie spürte es selbst. Und hoch, triumphierend, genießend spürte es Agnes. Sie war jetzt ganz gewiß, nie wird jene wagen, den Spruch vollziehen zu lassen. Ihr etwas einbekennen! Ihr etwas zugestehen! Daß sie eine Närrin wäre! »Es tut mir aufrichtig leid, Ihren Wunsch nicht erfüllen zu können,« sagte sie, den konventionellen Ton süßen, spitzbübischen Bedauerns ganz auskostend.

Die Herzogin erhob sich. In ihr stand fest: austilgen die Person! Das Land verlangt es. Gott will es. Aus dem Licht muß sie, von der Erde weg muß sie. Die Luft war verpestet, der Boden brannte, solange sie atmete, schritt. Schwer schleifte sie sich zum Ausgang, ein krankes, getroffenes, häßliches, trauriges Tier. Leicht, höflich geleitete sie Agnes.

* * * * *

Die Minister baten Margarete dringend, sie möge die Gräfin begnadigen. Nach diesem Prozeß werde sie sich hüten, weiter gegen Tirol zu intrigieren. Unter keinen Umständen dürfe die Herzogin jetzt etwas gegen Agnes unternehmen, solange die Tiroler Dinge so wenig konsolidiert seien. Auch verhinderten die Minister, daß von der ganzen Angelegenheit, Gefangennahme, Prozeß, Verurteilung, das leiseste Gerücht ins Land drang.

Schenna stellte Margarete vor, daß das Volk niemals Schlechtes von Agnes glauben werde, daß sie allen nur denkbaren fanatischen Haß gegen sich heraufbeschwören werde, taste sie Agnes an. Kein Spruch und keine Kundgebung des Ministeriums werde verhindern, daß man von Mord und Blutschuld faseln werde. Jede Wolke, jedes Gewitter, jede Viehseuche werde als Zeichen des Himmels gegen die Herzogin gedeutet werden. Dringlich mit seinen gescheiten, grauen Augen bat er sie, beschwor sie, sie möge nichts Rasches tun, alles hinausschieben bis zumindest nach der Bestattung Meinhards.

Sie sagte still: »Es geht nicht, Schenna. Der Streit muß ausgetragen sein, Schenna.«

Der Frauenberger saß allein und soff. Es war Nacht. Im Winkel lag sein Bursche, schnarchte. Er stieß ihn mit dem Fuß, hieß ihn das Feuer schüren. Gab ihm dann Wein. Pfiff, sang vor sich hin. Überlegte scharf. Logik! Logik! Behielt Margarete ihren Willen, wurde Agnes als Hochverräterin gebrandmarkt oder gar hingerichtet, dann gab es Revolution, und es war sehr fraglich, ob, wie die Dinge jetzt standen, das Regiment der Barone sich halten ließ. Tat man der Maultasch nicht den Willen, dann wird sie, zäh wie sie war, immer wieder darauf zurückkommen; man wird das Erreichte nie in Ruhe genießen können. Was also war zu tun? Logik! Logik! Er dachte nach. Soff. Dachte nach. Erhellte sich. Grinste. Gab dem Burschen zu trinken. Quäkte. Schlief.

Ging andern Tages zu Agnes. Fand sie sehr aufgeräumt, froh über sein Kommen. Sie sagte, sie könne sich jetzt nicht mehr über Langeweile beklagen. Besuch wenigstens habe sie zur Genüge. Heute ihn, gestern die Maultasch. Ja, log er -- Margarete hatte ihm natürlich nichts gesagt --, er habe gehört, die Damen hätten sich so gut verstanden. Sie schaute ihn leicht mißtrauisch an. Er blinzelte, begann sich über Margarete lustig zu machen. Er hatte süßen Schnaps mitgebracht. Sie trank. Sie lag in den Polstern, ihre weiße, feine Kehle stieg und senkte sich vor Lachen. Er machte ihr den Hof. Sie fühlte sich vergnügt, beschwingt. Der Schnaps, den er ihr mitgebracht hatte, war wirklich von besonderer Art und stieg rasch zu Kopf. Er hatte sie überlistet, der Frauenberger, ei ja, ihr den Meinhard vor der Nase wegeskamotiert. Aber sie hätte diese Niederlage nicht missen mögen. Er war ein Mann, der einzige, der ihr imponierte.

Sie lag in den Polstern, angenehm erschöpft.

Wie niedrig die Zimmer waren in Schloß Tirol. Die Decke kam herab. Immer tiefer. Stemm die Zimmerdecke hoch, Konrad! Man erstickt ja. Sie erdrückt einen ja. Sie lachte unmäßig. Oder war das ein Röcheln?

Der Frauenberger blinzelte herüber, wartete. Beobachtete sachverständig. Sah kopfnickend, wie sie sich auf die Seite wälzte, wieder auf den Rücken, wie sie lachte, schnappte, röchelte, sich verzerrte, mit den Armen um Luft ruderte, seitwärts vom Polster glitt.

Langsam dann rief er ihre Frauen. Benachrichtigte die andern Herren des Kabinetts, der Zwist mit der Herzogin um die Begnadigung der Gräfin von Flavon sei gegenstandslos, da die Gräfin, wohl infolge der Aufregung, soeben an einem Schlaganfall verschieden sei.

* * * * *

Margarete, als sie von dem Tod der Agnes hörte, spürte eine dumpfe, lähmende Leere. Sie war angefüllt gewesen mit dem Gedanken: Agnes, jetzt wich das alles aus ihr, zurück blieb eine leere Hülle.