Die häßliche Herzogin: Roman

Part 2

Chapter 23,494 wordsPublic domain

Und es klangen die Hörner, dröhnten die Pauken, das Festmahl begann. In Scharlach und Gold glänzte das Zelt, in dem die Kinder Galatafel hielten. Drei strotzende Tische bogen sich unter den Schaugerichten. Die Bistümer Trient und Brixen hatten ihr kostbares Tischzeug geliehen, die Städte Bozen, Meran, Sterzing, Innsbruck, Hall ihr Prunkgeschirr. Schwer zu Häupten des Brautpaars prahlten die Standarten mit den ungefügen Wappentieren. Hoch auf ihren wuchtigen, geschmückten Streitrossen trugen die ersten Herren Böhmens, Kärntens, Tirols die Speisen herbei für die fürstlichen Kinder, unter Vortritt der Musik. Ritter reichten Wasser, Handtücher nach jedem Gang, schenkten Wein, schnitten Speisen vor. Ernsthaft unter Scharlach und Gold mit alten Gesichtern thronten die Kinder.

Der gute König Heinrich schwamm in Glück. Er ging hinüber zu seiner neuen Gemahlin, der jungen, schüchternen, bleichsüchtigen, immer fröstelnden Beatrix von Savoyen, die am Tisch der fürstlichen Damen präsidierte, tätschelte ihre Hand, trank ihr zu. Schlenderte wieder zurück zu dem Luxemburger, dem ersten Ritter, dem galantesten Weltmann der Christenheit. Es tat wohl, sich Seite an Seite mit diesem zu fühlen, eins mit ihm. Der war anders als der ernsthafte, fade Bayer, der Kaiser Ludwig, der immer nur von Politik sprach und von Militär. Der gehörte zu ihm, war von seiner Art. Er, Heinrich, lebte und liebte herum auf seinen Schlössern Zenoberg, Gries, Trient, auf den Burgen seiner Edelleute, und ihre Damen waren geehrt und erfreut, wenn sie ihrem Fürsten ihre Ergebenheit zeigen konnten. Auch auf Reisen ging er keinem Erlebnis aus dem Weg, sah es gern, wenn etwa der Magistrat einer Stadt ihn feierlich einlud, das Frauenhaus zu besuchen. Doch dieser Johann war ihm -- Sakrament und neungeschwänzter Teufel! -- noch über. Es gab keine Stadt von der spanischen Grenze bis tief ins Ungarische, von Sizilien bis ins Schwedische, wo der nicht sein Wesen getrieben hätte. Durch die Straßen, nachts, strich er, verkleidet, lüstern wie ein Kater, scharmutzierte mit den Bürgersfrauen, prügelte sich herum mit gekränkten Liebhabern. Ganz Europa war voll von seinen merkwürdigen, frechen, süßen, glänzenden Abenteuern. Selig, schon sehr stark unter Wein, rückte Heinrich ganz nahe an den Luxemburger; er war ihm ehrlich zugetan, ganz ohne Neid. Gewiß, er war etwas älter, ein wenig reifer; aber alles in allem erblickte er in diesem Johann nur sein eigenes Widerspiel, so etwas wie einen gleichgearteten jüngeren Bruder. In fröhlicher Ahnungslosigkeit glaubte er, die Welt müsse in ihm selber das gleiche sehen wie er in jenem.

Er trank stark, gluckste, stieß mit schwimmenden Augen, in kichernder Kollegialität, den Luxemburger in die Seite, lallte ihm flüsternd anstößige Geheimnisse zu. Der kluge, glänzende Johann ging freundlich auf die greisenhaft geschwätzige Vertraulichkeit des Kärntners ein, ließ durch keine leiseste Geste merken, daß er ihn für einen alten Trottel hielt. Die beiden Könige steckten die Köpfe zusammen, legten sich die Arme um die Schultern, wisperten Lebemännisches, pruschten heraus.

Auch die übrigen Herren belebten sich, röteten sich. Die Böhmen, die Luxemburger, die Tiroler verstanden einander nur schwer oder überhaupt nicht. Das war Anlaß mancherlei Spaßes. Immer wieder vor allem hörte man das dröhnende Gelächter der beiden natürlichen Brüder des Königs, Heinrichs von Eschenloh und Albrechts von Camian.

Das Kind Margarete schaute mit großen, klugen Augen zu ihren lustigen Oheimen hinüber. Ihre Damen, die Frau von Lodrone, das Fräulein von Rottenburg, baten verschämt, die Herren möchten ihre gefährlichen Historien vor den Kindern nicht so laut erzählen. Die beiden welkenden Hofdamen hatten von dem süßen Wein getrunken, sie hatten fleckige Backen, lächelten säuerlich, angeregt, gelockt.

An der Tafel der Damen saß auch die jüngere Schwester Margaretes, die kränkliche, verkrüppelte Adelheid. Das menschenscheue Kind wäre viel lieber im Kloster geblieben bei den Nonnen von Frauenchiemsee. Doch Margarete hatte darauf bestanden, daß die Schwester bei ihrer Hochzeit erscheine. Da saß sie denn in dem festlichen Lärm zwischen den dröhnenden Rittern unter den Bannern und Schaugerichten, die Enkelin der kraftvollen Eroberer des Landes, fahl, verwachsen, leidend, den Hofzwergen sehr ähnlich, die vor ihr herumzappelten, krampfige, grobe Späße machten. Die sanfte Beatrix von Savoyen, ihre Stiefmutter, lächelte ihr zu, streichelte ihre Hand.

Der kleine Prinz Johann, der Bräutigam, saß finster, steif, beengt auf seinem Ehrenplatz. Die Kinder hatten noch fast nichts miteinander gesprochen. Zuweilen, mit einem schrägen Blick, streifte er seine Braut, die ganz sicher und ohne Scheu dasaß. Um sich über seine Verlegenheit hinwegzuhelfen, aß er viel und hastig durcheinander, trank auch von dem gewürzten Wein. Schließlich befiel ihn Übelkeit; er machte zunächst ein grimmiges Gesicht, verbiß es, aber zuletzt konnte er es nicht mehr. Der Erzbischof von Olmütz mußte ihn hinausführen. Man lächelte ringsum, wohlwollend, freute sich, machte gutmütige Scherze. Margarete schaute kühl, verächtlich geradeaus.

Als er zurückkam, hatte er die Rüstung abgelegt, fühlte sich leichter. Düsteren, trotzigen Gesichts machte er sich über die Pistazien, Feigen, Lebkuchen, Latwerge, Bonbons her. Diese Reise, das häßliche, stolze Mädchen, seine Braut, das Fest, sein Vater, der alte, dicke Mann, der jetzt sein Schwiegervater war -- alles war ihm tief zuwider. Er hätte in dem schmutzigen böhmischen Dorf sein mögen, das zum Schloß seiner Mutter gehörte, hätte sich herumraufen mögen mit den Bauernkindern, den Wenzeslaus, Bogislaw, Prokop. Er war lang, kräftig und feig. Er pflegte seine Spielkameraden rücksichtslos zu hauen, zu beißen. Wehrten sie sich, so nahm er es zunächst hin. Drohten sie aber, ihn zu überwältigen, so kehrte er plötzlich den Königssohn heraus, schäumte, verklagte, ließ hart bestrafen. Er war bei seiner Mutter erzogen, der böhmischen Elisabeth, die dem Luxemburger das Königreich zugebracht hatte. Sie war eine hysterische Dame, grell verliebt in ihren strahlenden Gemahl, wild eifersüchtig auf seine zahllosen Frauen. Vor allem haßte sie glühend die Witwe des verstorbenen Königs Rudolf, die Gräzer Königin, deren anstößige Beziehungen zu Johann das Land in Bürgerkrieg stürzten und verelendeten. In solchen jäh wechselnden Gefühlen, ihrem Gatten bald ekstatisch anhangend, bald ihn wild hassend und verfluchend, erzog sie auch den kleinen Johann. Er konnte sich mit seinem Vater kaum verständigen; der sprach kein Böhmisch, er kein Französisch; sie mußten Deutsch miteinander reden, das sie beide nur schlecht beherrschten. Auch sah der Knabe den Vater nur selten, wenn der für eine kurze Zeit rauschender Feste in sein Königreich zurückbrauste, das er nicht leiden mochte, dem er nur Geld ausquetschte, dem er sein Luxemburg, seine schönen rheinischen Besitzungen weit vorzog. Die Mutter zwang ihn dann, dem Vater je nach ihrer Laune Haß oder Liebe vorzuheucheln. So wurde das Kind sehr früh hinterhältig, verdrückt, trotzig, scheu.

Das helle, bergige Land Tirol, in dem alles so klar und scharf im Licht stand, war ihm unangenehm. Er sehnte sich zurück in sein wolkiges, dunstiges Böhmen. Er blinzelte, er fühlte sich satt. Der Wein regte ihn auf, er wollte jetzt etwas tun, befehlen, quälen.

Sein Kämmerling stand hinter ihm, goß ihm aus goldenem Krug Wasser über die Hände. Johann herrschte ihn an, er solle besser achthaben, er gieße ihm das Wasser über die Ärmel. Der Kämmerling rötete sich, zuckte mit den kurzen Lippen, wollte erwidern, bezwang sich, schwieg.

Margarete wandte den Kopf, ließ ihre klugen, raschen Augen über den Kämmerling gehen. Der Knabe war drei, vier Jahre älter als Johann, schlank, kühnes, mageres, gebräuntes Gesicht mit starker Nase und kurzen, vollen Lippen; langes, unbekümmertes, kastanienfarbenes Haar.

»Wie heißt Ihr Knabe Kämmerling, Liebden?« sagte sie mit ihrer warmen, klaren Stimme.

Johann sah schräg zu ihr herüber, mißtrauisch. »Chretien de Laferte,« erwiderte er mürrisch.

Chretien war ihm seit etwa einem Jahr vom Hof seines Vaters beigegeben worden als älterer Spielgefährte und Kamerad, der ihm höfische Dienste leisten und vornehmlich französische und burgundische Sitte beibringen sollte.

»Geben Sie mir von dem Konfekt, Chretien!« sagte langsam, gleichmütig Margarete und sah ihn an.

Chretien, beflissen, reichte ihr die Schale mit Süßigkeiten. Sie brach mit großer Selbstverständlichkeit ein Stück in drei Teile, behielt den einen, reichte Johann den zweiten, den dritten dem befangenen Chretien.

Am Tisch der Herren beobachtete man den Vorgang, scherzte über die kindliche Nachahmung erwachsener Galanterie. Allmählich wurden die Scherze bösartiger. Man spöttelte über die ungewöhnliche Häßlichkeit der Braut. »Armer Junge!« sagte einer der Böhmen. »Der muß sich seine Länder sauer verdienen.« -- »Da erobere ich lieber mit dem Schwert als so,« sagte ein anderer. -- »Bis so ein Maul einem schmackhaft wird,« sagte ein dritter, »muß es dick geschmiert sein.« Die tirolischen Barone hielten sich zuerst zurück; aber schließlich, halb widerwillig, stimmten auch sie ein. Das Kind Margarete schaute herüber. Sie konnte unmöglich gehört haben; doch ihre großen, ernsthaften Augen schienen so wissend, daß die Herren fast betreten abbrachen.

Jakob von Schenna saß unter ihnen, der jüngste unter den Räten und Vertrauten König Heinrichs. Er war oft zu Gast auf den Schlössern des Königs. Das Kind Margarete sah ihn häufig. Er war der einzige, den sie mochte, dem sie vertraute. Er sprach nicht zu ihr mit jener törichten Herablassung, mit jener krampfigen Kindlichkeit, die sonst wohl Erwachsene annahmen, wenn sie mit ihr sprachen, und die sie bitter verdroß. Er nahm sie und behandelte sie wie eine Große.

Er sah, wie sie prunkvoll feierlich dasaß, er sah den kleinen, rohen, bösen böhmischen Prinzen, von dem kein Weg zu ihr führte, er sah, wie sie mit dem Kämmerling Chretien anzuknüpfen versuchte. Er hörte die schlimmen, verständnislosen Witzeleien über ihren armen Körper. Da stand er auf, schlenderte hinüber, stand vor ihr in seiner schlechten, nachlässigen Haltung, schaute sie höflich an aus seinen grauen, wohlwollenden, sehr alten Augen, machte gelassene, ernsthafte Konversation mit ihr. Wie ihr Herr Schwiegervater, die böhmische Majestät, glänzend aussehe, und wie man ihm die vielen Strapazen so gar nicht anmerke. Und daß der geplante Aufenthalt des Königs in Südtirol ihr selber, Margarete, wohl auch viele Mühe machen werde; denn der König werde wohl alle ihre Schlösser mit Gefolge und Mannschaft belegen. Und wieviel Geld ein allenfallsiger lombardischer Feldzug kosten werde. Der kleine Johann schielte herüber, verblüfft, wie gescheit Margarete redete.

Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben. Margarete führte noch ein kleines, formvolles Abschiedsgespräch mit ihrem Gemahl, bevor sie sich zurückzog. Sie fragte ihn nach den Eindrücken, die er von Tirol, von dem Hof ihres Vaters habe; ob er sich auf das bevorstehende Turnier freue; wünschte ihm, er möge sich bald heimisch fühlen. Ungeschickt, blöde erwiderte der Knabe, Widerwillen und eine gewisse trotzige Stumpfheit auf seinem nicht unschönen Gesicht. Als sie ging, stand der Kämmerling Chretien an ihrem Wege, riß die Zeltvorhänge auf vor ihr. Sie dankte gemessen, kühl, fremd, fürstlich.

Dann ließ sie sich in ihr Zelt tragen; sie war nun doch herzlich müde. Ihre Frauen kleideten sie aus, viel schwatzend, kichernd, einzelne Teilnehmer, einzelne Begebenheiten des Festmahls breitkauend. Sie lag bereits in ihrem Bett, die Frauen schwatzten noch immer. Endlich gingen sie. Sie streckte sich, die Glieder erlöst aus dem schweren, engen Prunk. Nun wird sie aber gut schlafen. Sie hat es sich verdient. Sie war mit sich zufrieden. Sie hat sich gut gehalten, durchaus als Erwachsene, sehr fürstlich, hat sich vor den luxemburgischen und böhmischen Herren keine Blöße gegeben. Mit dem Johann freilich war nicht viel Staat zu machen.

»Mit euerm Prinzen ist aber auch nicht viel Staat zu machen,« bemerkte draußen mit grober, kichernder, mühsam gedämpfter Stimme die zusammenräumende Magd.

»Gegen eure Prinzessin,« höhnte der böhmische Knecht zurück, der ihr half und mit ihr sponsierte, »ist er immer noch ein lichter Engel. So was! Das Maul! Die Zähne! Bei uns würde man so was gleich nach der Geburt ersäufen wie eine Katze.«

Der König Heinrich unterdes bezahlte die Zeche der Hochzeit. Es war eine sehr schöne Hochzeit. Es war begreiflich, daß sie viel kostete; er war kein Knauser. Bereitwillig streckten seine Herren ihm die großen Summen vor, bereitwillig, in fröhlichster Gebelaune, entlohnte er diese Gefälligkeit mit der Verpfändung von reichen Dörfern, Pflegen, Herrschaften, Zöllen und Gefällen. Warum sollte er seinem lieben Burggrafen Volkmar nicht Visiaun und Möltern überlassen? Er gab ihm noch Rattenberg dazu. Und es war nicht mehr als billig, daß der Abt von Wilten, der so lange für die schöne, leinene Hochzeitsstadt hatte sorgen müssen, den See zwischen Igls und Vill erhielt. Dann aber mußte man auch dem Kloster Viktring etwas geben. Denn wenn nur Wilten was erhielt, war sein guter Sekretär Johannes mit Recht gekränkt. Also bekam auch Viktring etliche Höfe und Gülten. »Keine schönere Freude als guten Freunden zu spenden,« zitierte dankend der beredte Abt einen antiken Klassiker.

Der Luxemburger war dabei, als König Heinrich sorglos, formlos, gnädig, fröhlich und stark unter Wein, diese riesigen Schenkungen und Verpfändungen unterzeichnete. Auch er war freigebig; aber so bieder unverschämt hätten ihm seine Barone nicht kommen dürfen. Es wird gut sein, wenn man da dem alten, fröhlichen Herrn ein bißchen den Riegel vorschiebt. Sonst verschenkt er das ganze Land, sagt noch merci, wenn man es annimmt, und zum Schluß hat sein kleiner Sohn nur die Prinzessinbraut und kann Sonntag davon machen! Auch die blasse, sanfte Beatrix, König Heinrichs junge Frau, sah erschreckt und verängstigt zu, wie ihr Gatte mit den reichen Besitzungen um sich warf. Sie war von Haus aus an enges, ängstliches Wirtschaften gewöhnt; auf die Art Heinrichs, fürchtete sie, würden bald selbst die Hemden ihrer Mägde verpfändet sein. Sie beschloß, die Finanzen selber in die Hand zu nehmen; ihr blasses, scheues Gesicht bekam auf einmal etwas Verbissenes.

Für die nächsten Tage war Turnier angesagt. Bei diesem Anlaß sollten mehrere junge Herren zu Rittern geschlagen werden. Margarete ersuchte unvermittelt ihren kleinen Gemahl, er solle dabei auch seinen Kämmerling Chretien de Laferte zum Ritter machen lassen. Die Augen Johanns wurden noch kleiner, trotziger; er knurrte irgend was. Margarete wiederholte ihren Wunsch herrischer, dringlicher. Prinz Johann sagte verdrückt, bissig, er wolle nicht. Er knuffte den Kämmerling in die Seite mit aller Kraft seiner kleinen, knochigen Faust. »Da hat er seinen Ritterschlag!« höhnte er, verzog hämisch sein langes Gesicht.

»Ich danke Euer Hoheit tausendmal für die Gnade,« sagte Chretien blutrot zu der Prinzessin; »aber wenn er doch nicht will.«

»_Ich_ will, _ich_ will!« sagte Margarete heftig mit ihrer vollen, dunklen Stimme. Sie lief zu ihrem Vater, zu dem König Johann. Lachend sagte man ihr zu. Chretien dankte der Prinzessin, hin und her gerissen. Schon hatten ihn die Kameraden derb gehänselt wegen seines ziervollen Liebchens.

Am vorgesehenen Tag fand dann das glänzende Turnier statt, auf das ganz Tirol sich schon seit Jahren freute. Es war eine große Lustbarkeit. Vier Ritter wurden erstochen, sieben tödlich verletzt. Alle Welt fand, es sei das bestgeglückte Vergnügen seit langer Zeit.

Auch König Johann nahm an dem Stechen teil. Da er aber hatte erfahren müssen, daß man häufig aus Furcht, ihn, den König, zu besiegen, nur zum Schein mit ihm focht, ritt er unter dem Wappen eines gewissen Schilthart von Rechberg. Es hatte nun zwischen den Alpenländlern und den Fremden schon mancherlei Eifersüchteleien gegeben; auch fürchteten die tirolischen und kärntnischen Herren, der Einfluß der Luxemburger könnte ihre finanzielle Stellung bei dem guten König Heinrich gefährden. Unter dem fröhlichen Spiel stak also eine sehr ernsthafte, grimmige Eifersucht, und man sah es durchaus nicht ungern, brach von den Gegnern der eine oder andere die Rippen. Sei es nun Zufall, sei es, daß man sein Deckwappen verraten hatte -- jedenfalls sah sich Johann bald im Kampf mit dem wuchtigsten und gefährlichsten aller tirolischen Ritter, dem ungeschlachten Burggrafen Volkmar. Sie rannten sich wild und rücksichtslos an, schließlich fiel der König, der eine bewegte Nacht hinter sich hatte, vom Pferd, wurde im Kot herumgewälzt, übel getreten und arg zerschunden aus dem Haufen herausgezogen. Er mußte sein Pferd um sechzig Mark Veroneser Silbers von dem Burggrafen lösen. Er verbiß den Ärger, daß gerade dieser plumpe, habgierige, widerwärtige Mann ihn abgestochen hatte, trug lachend, lässig, mit Haltung Lahmheit und Verdruß, rühmte mit vielen liebenswürdigen, sachkundigen Worten, wie gut vorbereitet und in jeder Hinsicht geglückt diese Tiroler sportlichen Spiele seien.

König Heinrich saß des Abends müde in seinem Zelt. Die Freude über das schöne Fest wurde geschwärzt; Rechnungen kamen, Rechnungen über Rechnungen. Die Fleischhauer von Bozen wollten Geld, die Bürger von Innsbruck präsentierten große Forderungen, der gute, gelehrte Abt von Marienberg wußte sich nicht mehr zu helfen vor seinen Gläubigern, die er mühelos hätte befriedigen können, zahlte ihm der König nur einen Teil dessen zurück, was er ihm geliehen. Heinrich hätte, wie gern, gezahlt und gezahlt; aber seine Kassen waren leer. Der König Johann schuldete ihm freilich die vierzigtausend Mark Veroneser Silbers Heiratsgut; mit der ungeheueren Summe hätte er alle seine Verpflichtungen decken können. Aber es ging doch nicht an, den König zu mahnen. Heute schon gar nicht. Spürte er doch am eigenen Leib, wie peinlich ein Fest durch so etwas gestört wurde.

So saß er denn in dicker Verlegenheit. Da stellten seine Herren vor ihn drei schmächtige, schattenhafte Männer. Sie waren sehr still, sehr demütig, sehr unscheinbar. Hatten rasche Augen, die aber sehr ergeben blicken konnten. Schauten einander sehr ähnlich. Der König erinnerte sich, sie gesehen zu haben, wußte aber nicht mehr, wo er sie hintun sollte. Das war natürlich. Sie waren ja so klein, so gering. Sie verneigten sich viele Male, sprachen mit leiser Stimme.

Es waren Messer Artese aus Florenz, der Pächter der Münze von Meran, und seine beiden Brüder. Die Herren waren auch diesmal gern bereit, einem so gütigen christlichen König mit ihrem bißchen Kapital beispringen zu dürfen. Sie hatten eine einzige kleine Bedingnis: die Majestät solle ihnen die Einkünfte des Salzwerks von Hall überlassen. Das nette, kleine Salzbergwerk.

König Heinrich schrak zurück. Das Salzamt von Hall! Die erste Einnahmequelle des Landes! Das war ein teures Hochzeitsfest, das er da seiner Tochter gerüstet hatte. Selbst seine leichtherzigen Räte machten, als sie von dieser Bedingung hörten, bedenkliche Gesichter. Schickten schließlich seine junge Frau vor, die erwirkte, daß das Bergwerk wenigstens nur für zwei Jahre verpachtet wurde. Die Florentiner verneigten sich viele Male. Zahlten das Geld, nahmen die Dokumente an sich. Glitten fort, schattenhaft, grau, unscheinbar, einer dem andern sehr ähnlich.

Zu Herrn von Schenna sagte Margarete: »Glauben Sie, daß Chretien de Laferte Schlechtes von mir spricht? Sagen Sie ehrlich, Herr von Schenna, glauben Sie, daß er mit den andern lacht, weil ich häßlich bin?«

Jakob von Schenna hatte mit eigenen Ohren gehört, wie der junge Chretien, von den andern gehänselt als Ritter der häßlichsten Dame der Christenheit, erst an sich hielt, dann die Kameraden überbot an übeln Schmähungen Margaretes. Jakob von Schenna sah die großen, erfüllten Augen des Kindes in dringlichem, angstvollem Fragen auf sich. »Ich weiß es nicht, Prinzessin Margarete,« erwiderte er. »Ich kenne den jungen Chretien zu wenig. Aber ich halte es für unwahrscheinlich, daß er übel von Ihnen redet.« Und er legte ihr seine große, dünne, kraftlose Hand auf den Kopf wie einem Kind, und sie litt es gern, daß er diesmal zu ihr war wie zu einem Kind.

Auf Schloß Zenoberg verhandelte König Johann mit den tirolischen Baronen. Er verlangte jetzt schon, als Vormund seines kleinen Sohnes, Huldigung für den Fall von Heinrichs Tod. Die Herren waren grundsätzlich bereit, forderten aber Sicherstellung ihrer Privilegien, Bürgschaften, daß ihnen der Luxemburger keine Landfremden in die maßgebenden Ämter setze. Außerdem verlangte jeder für sich, verblümt oder geradezu, Geld, Verschreibungen, Landbesitz, Handelsmonopole, Zölle.

Mit den Versprechungen und Bürgschaften war Johann sehr freigebig. Er unterzeichnete und ließ siegeln, was man wollte. Er hatte in Böhmen Erfahrungen gemacht; er wußte, das war letzten Endes eine Machtfrage. Konnte er Geld und Soldaten auftreiben, dann setzte er diesen frechen Gebirglern Franzosen, Burgunder, Rheinländer als Statthalter in den Pelz nach seinem Belieben. Brachte er kein Kapital und keine Armee auf, dann wird er in Gottes Namen seine Versprechungen halten. Vorläufig schrieben seine Notare sich die Finger wund: »Wir, Johannes, von Gottes Gnaden König von Böhmen und Polen, Markgraf von Mähren, Graf von Luxemburg, erklären hiemit und tun kund und zu wissen und verpflichten Uns mit Brief und Siegel.« Mit Geld war Johann etwas vorsichtiger. Er ließ zumindest die habgierigen, unersättlich feilschenden Herren merken, daß er sie durchschaue. Schließlich schmiß er ihnen dann das Verlangte ritterlich und verächtlich hin. Bargeld freilich nicht, das hatte er nicht, sondern langfristige Wechsel.

Auch der gute König Heinrich mußte betrübt erkennen, daß er seine vierzigtausend Veroneser Silbermark nicht so bald bekommen werde. Flott, gemütlich, vertraulich faßte ihn der Luxemburger um die Schulter, verpfändete ihm beiläufig die Gerichte Kufstein und Kitzbühel -- die hatte er von seinem Schwiegersohn, dem Herzog von Niederbayern, dem er anderes dafür verpfändet --, vertröstete ihn auf das Frühjahr, rühmte seine langen, modischen Schuhe, die hübsche, dralle Frau, mit der er getanzt hatte. Heinrich brachte es nicht mehr über sich, wieder von den Finanzen anzufangen.

Des Abends spielte König Johann Würfel mit den Kärntner und den Tiroler Herren. Er setzte ungeheure Summen. Schließlich hielt ihm niemand mehr Widerpart als der brutale, stiernackige Burggraf Volkmar. Der Luxemburger haßte den wuchtigen, rohen Mann, der ihn schon im Turnier besiegt hatte. Er steigerte seine Einsätze so, daß selbst König Heinrich den Atem anhielt. Verlor. Erklärte zum Schluß leichthin, über die Achsel, er bleibe die verlorenen Summen schuldig. Der Burggraf knurrte, wurde gefährlich; mit geschmeidiger Schärfe funkelte Johann ihn nieder.

* * * * *

Merkwürdigerweise kehrte Johann, trotzdem Unruhen ausgebrochen waren, nicht nach Böhmen zurück. Sein Land atmete auf. Es erschrak, wenn er kam. Sein Aufenthalt dauerte immer nur kurz, diente ihm nur, Geld auszuquetschen. Gut, daß er wegblieb.

Ja, er blieb in Tirol. Ging in das Gebiet des Bischofs von Trient. Saß, der strahlende Herr, der erste Ritter der Christenheit, untätig lauernd, zwielichtig schillernd; kein Mensch wußte, was er plante.