Part 19
Am andern Morgen sprach der Albino nicht mehr von dem Plan, Bayern zu verlassen. Er lag mit Meinhard im Gras unter reifendem Obst. Er sang sein Lied von den sieben Freuden, kommentierte es väterlich, wohlwollend, saftig. Diese Weltanschauung ging dem jungen Fürsten sehr ein, er streichelte seinen Siebenschläfer Peter, war vergnügt. Der Frauenberger streckte sich, knackte die Gelenke, drehte sich auf die Seite, gähnte, schlief mit mächtigem Geräusch. Ja, schlafen war das Beste. Gelockt, aber doch mit dunkleren, scheuen Augen betrachtete Meinhard den unbekümmerten, fleischigen, schnarchenden Mann.
Agnes sagte zu ihm: »Sie sind sehr lange in München, Herr von Frauenberg. Sie haben doch so wichtige Ämter in Tirol. Vermißt man Sie dort nicht?«
Der Frauenberger grinste, betastete sie mit seinen rötlichen Augen, daß sie schwerer atmete, quäkte: »Ich bin natürlich nur Ihrethalb hier, Gräfin Agnes.«
Sie kamen zusammen, er lag auf ihren Polstern, es war drückender Sommer, die Luft im Raum war dumpf und furchtbar heiß. Sie streichelte seine prall fette, rosige Haut. »Nun,« lächelte sie, »hab' ich den falschen Teil erwählt? Ich hab' mich gut gesichert, scheint mir.«
Er feixte: »Werden sehen, Hühnchen, werden sehen.«
Das hieß die gut gesichert, dachte er. Gut gesichert war er. Wenn er jetzt den Buben mit nach Tirol nahm, hielt er die Mutter durch den Jungen, den Jungen durch die Mutter. Er war der eigentliche Regent von Tirol. Ei ja, wenn man noch so häßlich war, was alles aus einem werden konnte mit einem bißchen Vernunft, Sachlichkeit, Glück.
In seiner breiten, behaglichen, munteren Art hetzte er weiter an dem Jungen. Lockte, stachelte, trieb. Nahm ihn gewalttätig in seine kurzen, roten Hände. Nach Tirol! Meinhard solle endlich nach Tirol, sich seiner Grafschaft zeigen. »Also Flucht?« machte Meinhard, zaghaft. Ei was! Wer dachte an Flucht? Nur war es nicht nötig, zuviel Wesens aus dieser Reise zu machen. Man brach einfach auf, Meinhard, er, zwei, drei Knechte. Ohne große Worte. Es wurde zuviel geredet in Bayern und Tirol; das verwirrte die einfachsten Dinge. Ende der Woche reiste Prinz Friedrich nach Ingolstadt zu seinem Vater. Da wird man dann eben auch losreiten. Nach der umgekehrten Seite, nach Süden, nach Tirol. Das Murmeltier Peter soll seine Berge wiedersehen.
* * * * *
»Mein Sohn kommt, Schenna!« sagte Margarete, und ihre dunkeln Augen waren lebendig erfüllt. Sie hatte einen Kurier von dem Frauenberger, er werde Meinhard bringen.
»Wie Sie sich freuen, Frau Herzogin!« sagte der lange Herr, beugte sich vor, schaute sie aus seinen grauen, sehr alten Augen gut an. »Ich hatte nicht mehr gehofft, daß Sie sich so würden freuen können.«
Margarete hörte nicht. »Ich weiß,« sagte sie, »er ist unbegabt. Es gibt landauf, landab Tausende, die begabter sind. Aber er ist mein Sohn. Er ist aus dem Boden dieses Landes gemacht, seiner Luft, seinen Bergen. Glauben Sie mir, Schenna, der sieht die Zwerge.«
Ja, Margarete hatte die zerlöcherte, heruntergelassene Fahne ihrer Hoffnung wieder hochgezogen. All ihr Wille, all ihr Leben sammelte sich in der Erwartung ihres Sohnes. Mit plumpen, geschminkten Händen streichelte sie das Bild des sanften, dicken, dümmlichen Jungen.
* * * * *
Ein Knecht voran, einer hinter ihnen, ritten Meinhard und der Frauenberger in raschem Trab gegen Süden. Es regnete, die schlechte Straße führte oft durch dicken Wald, löste sich streckenweise ganz in Schlamm auf. Es war nicht leicht, in der dunkeln, nassen Nacht den rechten Weg zu halten; an Fackeln war bei dem Regen nicht zu denken.
Die Herren trugen keine Rüstungen. Man dampfte in den nassen Kleidern, von den feuchten Lederkollern und Lederkappen ging ein starker Geruch aus. Man ritt schweigsam; zuweilen, wenn man durch eine nächtige Siedlung trabte, schlug ein Hund an.
In dem Dorf Lenggries machte man halt. Nach wenigen Stunden drängte der Frauenberger weiter. Aber Meinhard fühlte sich müde und elend, mehr durch Erregung als durch den langen Ritt. Der schwierigere Teil des Weges stand bevor; denn es war ratsam, menschenreichere Orte meidend, durch die wilde Riß nach Tirol vorzustoßen. Man verzog also, dem Wunsche Meinhards folgend, in der Herberge des Dorfes Lenggries.
In dem engen, finstern Raum lagen der Frauenberger und Meinhard auf Strohsäcken. Die Kammer war niedrig, das Feuer rauchte, aber es wärmte nicht, die Luft war stinkig, Regen und Wind kam durch die Fensteröffnung. Der Frauenberger schnarchte lärmend; im Winkel nagte eine Ratte. Meinhard lag, alle Glieder taten weh vor Müdigkeit, aber er konnte nicht schlafen, die Haut juckte, die Augen brannten ihm. Er fühlte sich eng und unglücklich, er wußte plötzlich nicht, was er in Tirol sollte; er wäre am liebsten nach München zurückgekehrt. Er fürchtete sich vor der Begegnung mit seiner Mutter; sie war so dick und häßlich und gewalttätig. Er schielte nach dem Albino, der lag massig da, ruhig, schnaubte, schlief. Er hatte Angst vor ihm, aber der Frauenberger war doch der einzige, der ihm helfen konnte. Er nahm einen unsicheren Schluck aus dem klobigen Krug schalen Bieres, der neben ihm stand, schaute einer Fliege zu, die über das Gesicht des Frauenbergers kroch; den schien sie nicht zu genieren. Schließlich, leise, rief er: »Herr von Frauenberg!«
Der war sofort wach, quäkte mit seiner schleierlosen Stimme: »Was gibt's?«
»Nichts,« sagte reuevoll der Junge. »Nur, es ist so ungemütlich. Ich kann nicht schlafen.«
»Dann reiten wir weiter,« entschied der Frauenberger und war schon auf den Beinen.
»Nein, nein,« bat Meinhard. »Es ist nur, ich möchte ein bißchen mit Ihnen reden. Hernach werde ich gewiß ruhiger sein.«
»Dummer Bub!« knurrte der Frauenberger.
»Hat mein Vater eigentlich Tirol lieber gehabt oder Bayern?« fragte Meinhard.
Der Frauenberger blinzelte. »Zuerst wohl Tirol, dann Bayern,« sagte er.
»Und dann ist er gestorben?« fragte der junge Herzog.
»Ja,« antwortete der Frauenberger, »dann ist er gestorben.«
Als Meinhard nach ein paar Stunden schlechten Schlafes erwachte, war sein kleines Murmeltier Peter nicht mehr da. Der junge Herzog und die Knechte suchten, der Frauenberger knurrte über die Verzögerung. Schließlich fand sich das Tierchen tot im Stroh des Frauenbergers. Es mußte seinem Herrn entwischt sein, der schwere Mann hatte es wohl im Schlaf erdrückt. Meinhard starrte entgeistert. Eine dumpfe, träge, lähmende Traurigkeit fiel ihn an. Er schaute in stumpfem, wehrlosem Grauen zu, wie ihm der Albino das possierliche Tierchen, das er geliebt hatte, aus der Hand nahm, es an den Beinen hochhielt, die kleine Leiche pfeifend in einen Winkel warf. »Jetzt aber aufs Pferd!« quäkte er.
Man ritt weiter den Fluß hinauf. Das Tal wurde enger, verwinkelter; die elende, schmale Straße folgte in endlosen Biegungen dem reißenden, weißgrünen Fluß. Dicker Wald, triefende Bäume. Unten, gischtig, gläsern grün, von vielen Kiesinseln zerspalten, das lärmende, rasche Wasser, durch die Tannenwipfel ein trister, schmutziggrauer Himmel. Die Felswände traten oft so nahe in die Straße, daß die Pferde scheuten, nur mit Mühe weiterzubringen waren.
Dann gabelte sich der Weg, man tauchte in dicken, endlosen Forst. Den immer dünneren, tosenden Fluß entlang ritt man, der hell und fröhlich laut durch den dunkeln Wald seine Straße brach. Die Gegend lag schweigend, ungeheuer einsam. Regen rann, gleichmäßig, hoffnungslos, selbst das Pfeifen des Frauenbergers verlor seine Frische in der nassen, grauen Traurigkeit ringsum, lahmte, starb.
Endlich sperrte ein hoher Gebirgsstock das Flußtal, dem man bisher gefolgt war. Man war in einem zirkusartigen Halbrund riesenhafter, grausig kahler, weißlichbrauner Felswände. Dahinter lag Tirol. In diesem Hochtal nächtigte man. Der Frauenberger und die Knechte richteten sich im Freien ein, so gut es ging. Eine winzig kleine, verfallene Hütte war da, die ließ man als Unterschlupf vor dem Regen dem Herzog.
Da hockte nun, halb kauernd, halb liegend, in der Hütte der Knabe Meinhard, Herzog von Bayern, Markgraf von Brandenburg, Pfalzgraf bei Rhein, Graf von Tirol. Er äugte, lauschte, ob die andern ihn sehen könnten, schon schliefen. Als er sich allein glaubte, hielt er sich nicht mehr. Er hatte Angst, fühlte sich zerschlagen, unsäglich elend. Langsame Tränen kollerten aus seinen blanken, runden Augen über seine dicken, dummen Wangen. Er weinte, weil der Frauenberger sein Murmeltier Peter erdrückt hatte, er weinte, weil die Felswände so hoch waren, die er morgen übersteigen mußte.
* * * * *
Agnes war verblüfft über die meisterhafte Schlichtheit, wie der Frauenberger den Herzog so frech und geradezu entführt hatte. Er imponierte ihr, er war ein Kerl, daran war nicht zu rütteln. Mit Unlust, ohne Schwung und Glauben an Erfolg traf sie Gegenmaßnahmen. Am liebsten hätte sie alles dem Prinzen Friedrich überlassen; doch der war in Ingolstadt. Sie mußte allein die Verfolgung organisieren.
Sie schickte Kuriere an die Grenzen, kleine Streifen Bewaffneter. Man mußte sacht vorgehen, durfte kein Aufsehen erregen; es ging nicht an, den Fürsten mit sichtbarer Gewalt am Betreten seiner Grafschaft Tirol zu hindern.
Der Frauenberger glaubte sich, nachdem er das kleine Jagdhaus im Karwendel hinter sich hatte, schon ungefährdet. Doch wenige Stunden, bevor sie den bequemen Paß zum Achensee erreichten, begegnete ihnen der Transport eines Holzhändlers, der in diesen Gegenden gearbeitet hatte, und den früher einmal, nachdem er gewisse etwas zu gewalttätige Transaktionen nicht ruhig hingenommen hatte, der Albino hatte stäupen lassen. Der Frauenberger dachte zunächst daran, den Holzhändler anzufallen und beiseite zu schaffen; doch da hätte einer von den sechs Knechten des Transportes sich durchschlagen können, und dann war der Herzog noch mehr gefährdet. Der Frauenberger beschloß also, den Holzhändler laufen zu lassen und, trotz der Bedenken der wegekundigen Knechte, statt des leichten Übergangs über das Plumser Joch den schwierigen, ungewöhnlichen Weg über das Lamsenjoch nach Schwaz oder Freundsberg zu versuchen.
Man ließ die Pferde zurück, bog kurz vor der Felswand in ein Seitental. Der Bach, der dieses Tal gebildet, hatte kein starkes Gefälle, oft verlor er sich ganz, floß unterirdisch. Der pfadkundige Knecht führte. Man stieß auf Weidengehölz, Moorboden. Es regnete noch immer. Dann, überraschend, weitete sich das Tal. Fremdartig war plötzlich ein Ahornbaum da. Mehrere. Ein ganzer Hain. Die alten Bäume standen groß und still im Regen. Nur undeutlich erkannte man durch sie und hinter Regenschleiern die riesigen, weißen Bergwände, die weit und unwiderruflich ringsum das Tal schlossen, und sie waren so hoch, daß man durch die Bäume ihre Gipfel nicht sah. Kein Wind ging, man hörte still und gleichmäßig den Regen triefen von den Blättern der alten, ernsten, fahlfarbenen Bäume.
Meinhard konnte nicht weiter. Man rastete in dem ständig rieselnden Regen, machte sich an die mitgebrachten Speisen. Meinhard konnte nicht essen. Es ängstete ihn, daß man die Gipfel der Felswände nicht sehen konnte. Nie wird er da hinauf- und hinüberkommen; man stand eingesperrt in diesem Tal unter den unheimlichen, leichenhaften Bäumen wie am Ende der Welt.
Sie begannen den Aufstieg. Er war fürs erste nicht schwer. Man stieg sachte, in kleinen Windungen einen Gießbach entlang. Die Knechte voraus, den bequemsten Pfad suchend. Meinhard hatte schon schwierigere Wege gemacht; aber es war wie eine Lähmung über ihm. Die Beine waren ihm wie Klötze, er schwitzte vor Mattigkeit, atmete mit Mühe. Er glitschte auf dem nassen Stein, der Frauenberger stützte ihn, er zuckte bei jeder Berührung. Je weiter man emporklomm, so höher, höhnischer, unüberwindlicher starrte ihm die Felswand.
Abgeblühte Alpenrosen, Kriechgehölz, Schnee. Die Knechte stapften gleichmäßigen Schrittes voran. Unsicher, gleitend, schnaufend, aussetzend folgte der Herzog. Plötzlich blieb einer der Knechte stehen, horchte, sah den Frauenberger an. Der hatte schon gehört, erlaubte seinem nackten Gesicht kein Zucken. Der Holzhändler hatte also doch wohl Alarm geschlagen. »Menschen oder weidendes Vieh,« sagte er gleichmütig. Drängte weiter. Auch die Knechte nahmen rascheren Schritt.
Meinhard hatte auf Rast gehofft. Es erbitterte ihn, daß man dazu keine Anstalt machte. Dann fiel er in trübe Lethargie, ließ sich schlaff von dem feisten Mann weiterzerren. Sowie man einen Augenblick ausschnaufte, brannte einen die scharfe Kälte. Der Schnee wurde tiefer, der junge Herzog brach bei jedem Schritt ungeschickt ein.
Der Frauenberger überlegte schneidend klar. Ohne den Schnee hätte man ihn wohl hinüberbringen können. So war es nicht möglich, mit dem Jammerlappen über das Joch zu kommen. Zudem schien es, als ob Meinhard jetzt störrisch würde. Er machte sich schwerer, träger.
Die Knechte waren ein gutes Stück voraus. Der Frauenberger blieb stehen. »Na, junger Herzog«? quäkte er. »Müde?« Meinhard sank erschöpft in den Schnee, atmete hastig. Der Frauenberger pfiff sein Liedchen. Dachte scharf nach. Dies also war schief gegangen. Er hatte sich schon abgefunden. Wie weiter? Meinhard in die Hand der Wittelsbacher zurückfallen lassen? Die würden nach der mißglückten Flucht den Jungen doppelt fest haben. Es wäre gut gewesen, Meinhard gegen die Maultasch ausspielen zu können. Das ging nicht. Dann besser mit der Maultasche allein, und der lästigen Kontrolle der Wittelsbacher ein für allemal der Vorwand entzogen.
Er pfiff noch immer. Trank Wein aus seiner Flasche. Reichte auch Meinhard zu trinken. »Wir müssen weiter, junger Herzog,« sagte er. Gab ihm die Hand, ihm beim Aufstehen zu helfen.
»Ich kann nicht,« klagte Meinhard, als er mühsam stand. »Ich mag auch nicht,« fügte er störrisch hinzu.
»So«? feixte der Frauenberger. »Na, dann nicht, Bub,« sagte er. Er quäkte es gemütlich wie stets; aber etwas in seiner Stimme zwang Meinhard aufzublicken. Der Albino blinzelte durchaus nicht mehr, er schaute hart, aufmerksam, erst nach den Knechten, die weit voran waren, dann auf ihn. Meinhards blanke, runde Augen wurden ganz starr vor Grausen, seine Kehle gab nicht mehr her als einen kleinen, heiseren Laut. Er krampfte seine kurzen, dicken Kinderhände in das Holzgezweig der Alpenrose, bohrte seine Füße in den Boden. Der Frauenberger, ruhig grinsend, sagte: »Na komm, junger Herzog!«, löste langsam mit seinen roten, fleischigen Händen die steifen, klammernden Finger des Jungen von dem Felsen, hob ihn hoch, hielt ihn über den Abgrund, quäkte: »Adieu, Bub!«, ließ ihn fallen. Der Körper schlug mehrmals auf, fiel nicht tief, blieb liegen.
Der Frauenberger rief mit einem harten, gellen Pfiff die Knechte zurück, deutete wortlos hinunter. Sie stiegen hinab, die Leiche war arg zerschrundet, der dicke, sanfte Schädel klaffte an zwei Stellen. Sie warteten auf die Verfolger. Es waren zwei Offiziere mit mehreren Knechten. Der Frauenberger sagte, er habe mit dem jungen Herzog Murmeltiere fangen wollen, da sei der Herzog gestürzt. Fleischig stand er in seinem nassen, stark riechenden Lederkoller, blinzelte mit den rötlichen Augen. Flockiges Gemengsel von Schnee und Regen rieselte auf die Leiche. Ein leichter, kalter Wind hatte sich aufgemacht. Alle hatten Helme und Kappen abgenommen, standen stumm im Schnee um den zerschrundeten Toten.
Durch die Säle und Gänge von Schloß Tirol torkelte ein Weib, lallte, heulte, fiel hin, stand wieder auf, torkelte weiter. Der übergroße, unförmige Unterkiefer fiel herunter, das Haar zottelte, teils in stumpfem, widerwärtigem Kupfer, teils gelblichweiß entfärbt. Ein Laken, eine Art Nachtgewand, flatterte um den untersetzten, aufgequollenen Leib, um die schlaffen, großen Brüste, schleifte am Boden nach. Die Dienerschaft hielt die Heulende, Torkelnde, Lallende für eine Betrunkene, erkannte erst allmählich die Herzogin.
Der Kurier mit der Todesnachricht war in aller Frühe gekommen, Margarete hatte die Meldung im Bett erhalten. Sie war aufgestanden, nicht übermäßig rasch, aufheulend, an den ratlosen, scheuen Zofen, Kämmerlingen vorbei, stier, blind, das Laken hinterherschleifend.
Schenna führte sie zurück. Nun hockte sie in ihrem Schlafzimmer, stierte vor sich hin, dachte Fetzen von Gedanken.
Gesäumt mit Toten ihre Straße. Der Kopf des Chretien de Laferte, das Pulver geruchlos, geschmacklos, daran der Markgraf gestorben war, ihre Mädchen, mit den großen, schwarzen, aufgebrochenen Pestbeulen, der Jude Mendel Hirsch, im Gebetmantel, lächelnd, der Knabe Aldrigeto, Meinhard. Es war, weil sie so häßlich war, darum ging der Tod hinter ihr her, darum stierten sie aus allen Winkeln leere, beinerne Schädel an.
Sie hockte und regte sich nicht. Mittag kam, Abend kam. Ihr dürres Fräulein von Rottenburg fragte, ob sie nicht essen, sich nicht ankleiden wolle. Sie regte sich nicht. Ihr Weg gesäumt mit Toten. Es war, weil sie so häßlich war.
Unterdes geleitete der Frauenberger die Leiche Meinhards über Mittenwald nach Tirol. Er feixte: er bekam es allmählich in den Griff, seinen toten Souverän zu geleiten.
Das Land in den Bergen empfing betreten seinen Fürsten. Es hatte ihn in feierlicher Tagung gebeten, zu kommen. Nun kam er, so. Sie standen an den Straßen, als der Zug vorbeischwankte, in Regen und Schnee. Glocken läuteten, die Geistlichen im Ornat, die Feudalherren, Richter, Pfleger barhaupt. An ihnen vorbei der Sarg, den Zirler Berg hinauf, hinunter, Innsbruck, den Brenner hinauf, hinunter, den Jaufen, Passeier. Das Volk, während es, sich bekreuzigend, dem Zuge nachsah, hatte langsame, schwere, unbehagliche Gedanken. Dies war der letzte Graf von Tirol. Es war nicht gut gegangen mit der Maultasch. Ihr erster Mann verjagt, der zweite so seltsam gestorben, ihr Sohn tot, ehe er sein Land gesehen. Dazu Krieg, Revolution, Wasser, Feuer, Pestilenz. Nein, Tirol hatte keine gute Zeit gehabt unter der Maultasch.
Starr, am Tor des Schlosses, erwartete die Herzogin den Zug. Grell hob sich von dem schwarzen Gewand die weiße Schminke. So schritt sie über die Höfe des Schlosses neben der Bahre, allein. Es schneite. Hinter der Bahre, massig, in Rüstung, wuchtete der Frauenberger.
* * * * *
In München war man sehr betreten, als die Nachricht eintraf von Meinhards Tod. Hier glaubte kein Mensch an einen Unglücksfall, man zweifelte höchstens, ob der Frauenberger auf eigene Faust gehandelt oder im Auftrag der Maultasch; doch wagte niemand, dieser Überzeugung Laut zu geben. Nur der sensationslüsterne Florentiner Giovanni Villani, der Chronist, der sich zur Zeit zum Zweck gewisser archivalischer Feststellungen in München aufhielt, der Nebenbuhler des wackeren Johannes von Viktring, behauptete die gewaltsame Beseitigung des jungen Herzogs als Tatsache. Er zählte sorglich disponiert und sich steigernd alle Gründe her, die zu solcher Tat führen konnten und mußten, er schrieb darüber ein elegantes, beredtes Kapitel in seiner Chronik und las es jedem vor, der es irgend hören wollte.
Stephan, Friedrich, Agnes standen benommen von Wut und Bestürzung. An eine Lösung von so schlichter, zynischer Brutalität hatte niemand gedacht. Zum erstenmal seitdem sie sich kannten, sprangen Agnes und Friedrich einander an. Er hätte den Frauenberger wegschicken müssen, hätte München nicht verlassen dürfen, solange jener da war, sagte sie. Er sagte, sie hätte Meinhard besser müssen überwachen lassen; kaum sei man einen Tag fort, gehe schon alles drunter und drüber, auf niemanden sei Verlaß. Herzog Stephan stand ziemlich unglücklich zwischen ihnen. Er hatte es ja gewußt, das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm, es war ihm nicht vergönnt, Wittelsbach wieder groß zu machen in der Christenheit. Als sie sich müde gestritten hatten, kamen sie überein, vorläufig das Hauptaugenmerk auf die Erhaltung von Bayern zu richten; die Grenzen zu entblößen und nach Tirol vorzustoßen, fühlten sie sich militärisch nicht stark genug. Hingegen wollte Agnes nach Tirol reisen, dort vorfühlen.
Mit ganz kleiner Begleitung traf sie auf Schloß Tirol ein. Am gleichen Tage noch wurde sie von Margarete empfangen. Rosig, glatt, jung, blond saß sie da; in einem sehr einfachen schwarzen Kleid; grellweiß geschminkt, die Hände, den unförmigen Hals schwer von leuchtenden Steinen, prunkte in Atlas und Brokat die Herzogin. Es sei sehr liebenswert von Agnes, sagte sie mit etwas steifer, zeremoniöser Stimme, daß sie die beschwerliche Reise im Winter nicht gescheut habe, ihrem Sohn das letzte Geleit zu geben. Agnes sagte und sah sie süß und unbefangen an, dies sei eine selbstverständliche Pflicht gewesen nach dem vielen Guten, das sie von Haus Tirol empfangen. Zudem sei sie ja dem Toten besonders nahegestanden. Sie könne der Herzogin nicht schildern, wie furchtbar es sie getroffen habe, als sie die grauenvolle Meldung erhielt. Margarete starrte sie mit ihrem weißen, breiten, mächtigen, geschminkten, maskenhaften Gesicht unverwandt an, fragte, ob sie den Herzog sehen wolle. Agnes, ein wenig zögernd, denn sie sah Tote nicht gern, bejahte. Die beiden Frauen schritten zu der Kapelle, schwer schleifte sich die Brokatene, die andere ging leicht und hoch. Prunkend aufgebahrt lag der junge Herzog, dick wölkte der Weihrauch, silberne Gewappnete hielten Totenwacht. Die Herzogin winkte, der mächtige Sargdeckel wurde hochgeschlagen, da lag der junge Fürst, gräßlich zerschrundet und entstellt stierte aus der Rüstung sein friedfertiges, dickes Gesicht. Die Leiche war stark verwest, trotz Balsam und Gewürz stieg ein übler Geruch aus dem leuchtenden Metall. Agnes schwankte, verfärbte sich. Margarete führte sie zurück.
Als die beiden Damen wieder am Kamin saßen, sagte Margarete leichthin: »Nun ist unsere letzte Unterredung gegenstandslos geworden, Gräfin Agnes. Mein Sohn ist wieder bei mir, nicht in München.«
Agnes, durch die Leichtigkeit ihres Tons unsicher, nicht wissend, wohinaus sie wolle, erwiderte nichts, äugte, wartete ab.
Die Herzogin, immer in dem gleichen, erschreckend leichten, konversationellen Ton, fuhr fort: »Sie haben Chretien de Laferte geheiratet, dann starb er. Sie haben mir meine lieben Städte von Bayern abhängig gemacht, sie sind fast kaputt gegangen. Sie haben sich mit dem Markgrafen liiert, dann starb er. Sie haben sich zur Vertrauten meines Sohnes gemacht, jetzt ist er tot. War es nach alledem nicht ein bißchen kühn, daß Sie zu mir nach Tirol gekommen sind?« Sie sagte das alles ganz obenhin, sie lächelte mit ihrem wüsten, äffisch sich vorwulstenden Mund, ihr leichenhaft geschminktes Gesicht verzog sich in gemachter Liebenswürdigkeit, ja sie beugte sich vor, legte, was noch nie geschehen war, die Hand mit grauenhafter Vertraulichkeit auf den Arm der Agnes. Die saß da, starr, blaß. »Ich weiß nicht, was Sie wollen,« stammelte sie.
»Es ist nett von Ihnen,« fuhr Margarete fort, »daß Sie von selbst gekommen sind. Ich hätte Sie sonst einladen müssen; glauben Sie mir, ich hätte Sie auf solche Art eingeladen, daß Sie gekommen wären.«
»Ich verstehe Sie durchaus nicht,« sagte, mit fahlen Lippen, Agnes.
»Ja,« brach Margarete plötzlich ab und stand auf, »Sie bleiben also mein Gast, bis der Herzog bestattet ist. Es kann noch eine Weile dauern, die Vorbereitungen sind umständlich.«
»Ich hatte eigentlich vor, die Zwischenzeit in Taufers zu bleiben,« sagte Agnes; sie war klein und ängstlich geworden, ihre Stimme flatterte.
»Nichts da, nichts da!« sagte eifrig die Herzogin. »Sie bleiben. Waren Sie und die Ihren nicht schon oft Gäste in Tirol?«
»Denken Sie nicht ans Fortgehen,« schloß sie, während sie Agnes zur Tür geleitete. »Die Reise würde sehr ungemütlich werden.« Ein Diener brachte die schwankende Agnes in ihre Zimmer. Gewappnete standen davor, präsentierten die Lanzen, während sie die Schwelle überschritt.
* * * * *
Margarete, allein, ging auf und ab, ihr Gang war sonderbar beschwingt, ein plumper Tanz.