Die häßliche Herzogin: Roman

Part 18

Chapter 183,503 wordsPublic domain

»Nein, gnädige Frau,« sagte Agnes, sie war sehr aufmerksam jetzt und auf der Lauer. »Der Herr Herzog und Prinz Friedrich fragen mich zuweilen um meine Meinung. Ich halte dann nicht zurück; warum auch sollte ich? Aber es ist die Meinung einer törichten Frau und will nicht mehr sein.« Sie sprach außerordentlich verbindlich.

»Ich halte Ihre Meinung nicht immer für die rechte, Gräfin Agnes,« sagte Margarete. »Ja, ganz ehrlich, ich bin überzeugt, daß sie dem Lande zuweilen schädlich ist. Ich will Ihnen etwas vorschlagen,« sagte sie heiter, fast scherzend. »Wie wäre es, wenn Sie Ihre Meinungen auf Bayern beschränkten?«

Agnes erwiderte sehr angeregt, mit der gleichen, leichten, herzlichen Munterkeit wie Margarete. »Sie sind mein Souverain, gnädige Frau. Aber ist nicht auch Herzog Meinhard mein Souverain? Wenn er nun meine Meinung über eine tirolische Angelegenheit durchaus hören will? So freudig ich jedem Wunsch Eurer Durchlaucht folge, wenn der Fürst meine gewiß törichte Ansicht verlangt, darf ich sie ihm verweigern? Und es kostet Sie doch gewiß nur einen Hauch, und mein albernes Gerede ist weggeblasen.«

Die beiden Damen schauten sich an, beide lächelten. Der Sieg um die Lippen, in den Augen der Schönen war vielleicht um eine Spur satter geworden. Dann sprach man von anderem. Von den baulichen Veränderungen der Münchner Hofburg, von den Haarnetzen, die jetzt wieder aufkamen von Prag her. Margarete hatte ein schweres, goldenes Gewebe über ihre spröde, harte, gefärbte, kupferne Frisur gelegt. Agnes fuhr sich lässig über ihr starkes, leuchtendes Haar; sie konnte sich mit der neuen Mode nicht befreunden.

* * * * *

Kaiser Karl residierte in großem Prunk in Nürnberg. Hielt Galatafel, Turnier. Empfing die Ratsherren der Stadt. Fremde Künstler, Gelehrte. Hatte mit ihnen lange, behaglich interessierte Gespräche. Ruhte fern seiner Hauptstadt von den Geschäften aus. Nahm teil an den großen Faschingsfesten, die die reiche Stadt zu Ehren der Römischen Majestät rüstete.

Der Bart des Kaisers, ein stumpfer Keil, begann sich stark zu verfärben, die Haut des hageren Gesichts wurde grau, zerknitterte. Aber lebhaft, schlau, sehr wach blickten über der etwas platten Nase die raschen Augen, der lange, knochige Körper war schnell, sicher.

Der Kaiser war sehr vergnügt. Er hatte zugewartet, bis er ganz fest in der Macht saß. Erst dann hatte er ein Kind gezeugt. Gott hatte seine abwägende Vorsicht gesegnet: es war ein Sohn geworden, ein schwerer, gesunder Knabe, dem er das Reich vererben konnte. Der beglückte Vater hatte das Gewicht des Kindes in lauterem Golde als Weihgeschenk nach Aachen gesandt; dann war er unter seinen Reliquien gekniet und hatte den Gebeinen verkündet: »Ich, Karl der Vierte, Römischer Kaiser, habe einen Sohn und Erben. Ihr lieben, verehrten Heiligen, ihr hocherlauchten Märtyrer! Betet für Wenzel, meinen Sohn!«

Heiter jetzt saß er in Nürnberg, freute sich seiner Dichter und Architekten, vermied Politik, sprach mit seinem Kanzler, dem vielerfahrenen, weltläufigen Theologen, leicht und frei über menschliche und göttliche Dinge, vermehrte seinen Besitz an Reliquien und sonstigen Kostbarkeiten, erlustierte sich an Schlittenfahrten, Mummenschanz, Turnier.

Unerwartet in diese unbeschwerten Tage brach die Herzogin Maultasch. Tief erstaunt waren der Kaiser und seine Herren. Margarete hatte, seitdem Karl sie in Schloß Tirol belagert, zu ihm nur kühle, sehr förmliche Beziehungen unterhalten. Ihre Ankunft, schrieb der Kanzler seinem Freund, dem Erzbischof von Magdeburg, sei eines der fünfzehn Wunderzeichen vor dem Jüngsten Tag. Er machte sich weidlich lustig über die deutsche Messalina, diese moderne Kriemhild, die da zu Hofe fahre, nachdem sie ihr Leben hindurch um ihrer eigenen Liebe und Hasses willen Land und Leute in Kummer und Elend gestürzt. Er schilderte, wie sie beim Turnier in der Loge saß, neben der schönen Prinzessin Hohenlohe, die plumpe Frau, bewarzt wie eine Kröte, dick wie ein Bierbrauer.

Der gutgelaunte Kaiser empfing seine ehemalige Schwägerin mit Wohlwollen und Ironie. Ei ja, sie waren zusammen jung gewesen. Er hatte damals, als er das italienische Abenteuer seines Vaters liquidierte, manches gute Gespräch mit ihr geführt. Sie war eine kluge Prinzessin gewesen, aber doch wohl eben nicht maßvoll genug. Sie hatte unersättlich von allem haben wollen, so war ihr schließlich alles zerronnen. Er hatte sein Temperament klug gezügelt, er war Römischer Kaiser und hatte einen Sohn, dem er eine festgefügte Herrschaft hinterlassen konnte. Sie irrte herum in der Welt, ein schwächlicher, ungeratener Junge vergeudete ihre Länder, war Spielball in der Hand eines jeden, der ihn zu nehmen wußte. Sie hatte seinen Bruder Johann höhnisch, schmählich aus Schloß Tirol ausgesperrt; man mußte es dann vor der Kurie so drehen, als könnte aus der Ehe mit Johann kein rechter Erbe kommen. Der Kaiser konnte es sich nicht versagen, ihr den stattlichen, schmucken Sohn Johanns vorzustellen. Wer hatte nun den rechten Erben, sie oder Johann?

Alte Geschichten. Alte Geschichten. Margarete nahm Ironie und Demütigung still hin, mit einer geschäftsmäßigen Ruhe, die sie vielleicht von dem Juden Mendel Hirsch gelernt, mit einem Gleichmut, der die Einleitungsformalitäten ruhig über sich ergehen läßt, um nur ans Ziel zu kommen. Dann klagte sie. Klagte über die törichten Gewalttätigkeiten der Artusritter, die das Land ruinierten. Der Kaiser hörte zu; in ihm grinste eine jungenhafte, hämisch die Zunge weisende Schadenfreude. Er versicherte ihr sein persönliches Interesse, betonte aber, er habe sich jetzt nach so vielen Jahren einer anstrengenden Regierung für einige Wochen Ferien gemacht. Die Sache sei letzten Endes nur eine Angelegenheit des Hauses Wittelsbach. Er werde sie aber, nach Prag zurückgekehrt, trotzdem in wohlwollende Erwägung ziehen. Auch bei einem wiederholten Vorstoß erreichte Margarete nicht mehr; sie hatte sich umsonst gedemütigt. Karl war offenbar fest entschlossen, der inneren Schwächung der Wittelsbacher in schmunzelnder Neutralität zuzuschauen.

Im übrigen behandelte der alternde Kaiser die Herzogin mit einer übertriebenen, amüsierten, fast parodistischen Galanterie, die Margarete früher aufs Blut gereizt hätte. Es würzte ihm die gehobene Heiterkeit seiner Ferien- und Faschingstage, sein Glück, seine Erfolge zu unterstreichen durch die Folie dieser im Grunde gescheiterten Ehrgeizigen. Fast gutmütig scherzte er mit seinem Kanzler über die Maultasch. Sie zeigte sich ohne Scheu, im hellsten Licht, schmuckstrotzend wie ein Götzenbild, an der Seite des Kaisers. Das Volk staunte sie groß an. Sie starrte nur auf ihr Ziel: Tirol, die Städte. Agnes verjagen, das Land Agnes aus der Hand reißen. So angefüllt davon war sie, daß sie mit keiner leisesten Ahnung merkte, was sie dem Hof und der Stadt war: die groteske Krone dieses Karnevals.

* * * * *

Agnes war sehr belebt durch die Unterredung mit Margarete. Die Herzogin hatte einen Vergleich angeboten, weiteren Kampf angesagt. Hatte, auf Umwegen, ihre Niederlage einbekannt.

Agnes wußte, daß die Artusrunde allein das Land nicht auf die Dauer halten konnte. Die Städte, der ganze Adel, soweit er nicht dem Bund angehörte, bäumten auf. An den Grenzen stand lauernd der Habsburger, drohend der Wittelsbacher. Drängte jetzt noch von Süden her die Maultasch an, dann war es Narretei, ohne Allianz das Land halten zu wollen.

Prinz Friedrich wollte das nicht wahr haben. Schlank, dunkel, trotzig stand er, deklamierte überzeugt von seinem Schwert und seinem Recht. Er gefiel Agnes sehr. Aber sie dachte an den Frauenberger, wie der wortlos mit seinem jovialen, gefährlichen Lächeln den ganzen knabenhaften Überschwang in kahle Nebel entzauberte. Sie seufzte ein kleines, träges Seufzen, strich dem Prinzen über das dunkle Haar, begann vorsichtig eine Aussöhnung anzuregen mit seinem Vater, mit dem Herzog Stephan, daß Wittelsbach geschlossen stehe gegen Habsburg, gegen die Maultasch. Wie gestochen fuhr der Prinz herum, trotzte auf, tief gekränkt, daß sie ihm das zumute. Agnes schwieg, lächelte mit ihren kühnen Lippen, fuhr fort, sein Haar zu streicheln.

Wenige Wochen später schlossen Stephan von Niederbayern und die Pfalzgrafen Ruprecht der Ältere und der Jüngere bei Rhein einen Bund mit Rat und Bürgern von München und elf anderen bayrischen Städten sowie mit zweiundzwanzig bayrischen Baronen gegen diejenigen, die sich Artusritter hießen und den Herzog Meinhard seinen Ländern und Leuten entfremdeten. Sie sprachen den Ministern, die sich Meinhards, seiner Pflegnis, seines Rates und Amtes angenommen, ihr Anerkenntnis ab, erklärten das Regierungssiegel des Artusbundes für ungültig, die Gesetze und Verordnungen, die jene erlassen hätten, für kraftlos. Sie verpflichteten sich, den jungen Herzog der Schmach zu entreißen, in welche jene ihn gestürzt, dahin zu wirken, daß er seine fürstliche Gewalt besser wahrnehme und handhabe.

Die Artusbrüder machten große, grölende Worte, nahmen ein paar Münchner Bürger als Geiseln fest, erklärten, sie würden die Meuterer an den Beinen aufhenken lassen wie räudige Hunde. Indessen wurden in einzelnen Städten im Oberland Truppen des Artusbundes entwaffnet und gefangengesetzt, Steuerbeamte, die Gelder erheben wollten, verprügelt. Die Münchner Tafelrunde hielt sich an den Geiseln schadlos, mißhandelte sie, hieß sie den Boden rein lecken, zwei wurden schmählich aufgehängt. Das verhinderte nicht, daß die Truppen der Barone von Tag zu Tag weniger wurden, während im Norden Herzog Stephan ein Heer zusammenzog. Die trotzigen Herren dachten nicht daran, ihren Bund gutwillig aufzulösen. Im großen Saal der Münchner Hofburg schworen sie, mit gekreuzten Schwertern, feierlich Einigkeit und Widerstand bis zum Untergang. Herzog Meinhard stand benommen, erhoben, dümmlich und überflüssig bei diesem Akt herum; heimlich streichelte er sein Murmeltier Peter, heftig dann schrie er im Chor mit, als die andern beteuerten, sie würden sich nicht unterwerfen, niemals, niemals, niemals!

Es begann nun für den Herzog ein wildes Wanderleben, dessen Sinn er nur sehr teilweise begriff. Er wurde herumgeschleppt auf den Burgen der Artusritter, von einer zur andern. War auf Schloß Laber, Pinzenau, Maxlrain, Abensberg. Man jagte, soff. Berannte ab und zu die Burg eines aufständischen Barons. Eroberte Schloß Wörth, zwei Burgen des Oberjägermeisters von Kummersbruck, des Vertrauten des alten Markgrafen. Die Maßnahmen, zu denen der Herzog seine Unterschrift gab, wurden immer wilder und sinnloser. Ein Marktflecken, dessen Steuerertrag hinter den Erwartungen zurückgeblieben war, wurde dem Erdboden gleichgemacht, der Kummersbrucker, der sich neutral erklärt hatte, ohne Gerichtsverfahren enthauptet. Diese Hinrichtung trieb den ganzen neutralen Adel ins Lager der Gegner.

Der nicht sehr robuste Meinhard war den abenteuerlichen, gehetzten Fahrten kaum gewachsen. Trist und apathisch saß er, während die andern zechten, schlief zuweilen im Sitzen ein. Mehr und mehr glichen seine Reisen einer Flucht. Im ganzen Süden besaßen die Artusritter keine Stadt, keine Burg mehr. Sie wurden immer mehr zur Donau abgedrängt, wo ihre festesten Burgen lagen. Noch immer erließen sie hochfahrende Edikte, bedrohten Meuterer mit den grausamsten Strafen. Sie flohen nach Neuburg, dann in das Gebiet des Bischofs von Eichstätt, der ihnen ergeben war. Die Truppen Herzog Stephans besetzten ganz Oberbayern, belagerten schließlich Meinhard mit den letzten seiner Anhänger in Schloß Feuchtwangen im Altmühltal. Der Bischof von Eichstätt suchte sich mit Herzog Meinhard verkleidet durchzuschlagen. Der junge Herzog ging eifrig darauf ein; er hatte viel Spaß an der Kostümierung und keine Ahnung, worum es eigentlich ging. Allein schon in Voburg wurden sie von Bauern erkannt, festgehalten, dem Herzog Stephan nach Ingolstadt ausgeliefert.

Feuchtwangen fiel. Prinz Friedrich und die Letzten der Artusritter wurden gefangen.

In der Hofburg von Ingolstadt standen sich der Herzog und Prinz Friedrich gegenüber. In Gegenwart der Agnes von Flavon-Taufers. Der Herzog in Rüstung, schäumend. Städte und Dörfer kaputt, Menschen hin, Geld vergeudet. Alles wegen des dummen Jungen. Soldatisch knarrte er unter dem dicken Schnurrbart aus ehernem Gesicht. Der Junge stand schlank, mit verfinsterten, verwilderten Augen, den Arm verwundet, im Verband, grau das Gesicht. »Du wirst Abbitte tun, in der Kirche, vor allem Volk, dich unterwerfen!« kommandierte der Vater. Der Junge lachte nur, höhnisch. »Ich lass' dich verfaulen in meinem stinkigsten Gefängnis!« tobte der Herzog.

Agnes glitt von einem zum andern. »Der Verband muß erneuert werden,« sagte sie besorgt, nestelte daran herum.

»Diese Ärzte!« schimpfte der Herzog. »Lauter Pfuscher!« Er lief selbst nach Arzt und Verbandzeug. »Der Teufelsjunge!« fluchte er.

Langsam, hart feilschend, während Agnes vermittelte, kamen sie überein. Um jeden einzelnen der Artusritter, Begnadigung, Höhe der Bestrafung, gab es erbitterten Kampf, Ausbrüche, Schäumen, Toben. Zweimal wies Herzog Stephan den Henker an, sich bereit zu halten. Endlich fügten sie sich zu leidlichem Frieden. Meinhard wurde München als ständige Residenz zugewiesen; Prinz Friedrich führte weiter sein Siegel, doch bedurften seine Verordnungen der Gegenzeichnung eines niederbayrischen oder eines rheinpfälzischen Rates. Zwischen München und Landshut-Ingolstadt vermittelte Agnes.

Herzog Meinhard lächelte sanft und dankbar. War froh, daß er nach den wilden Wochen ausruhen durfte. Streichelte sein Murmeltier.

Margarete hielt Rat mit ihren Ministern. Anwesend waren der Vogt Ulrich von Matsch, der Pfarrer Heinrich von Tirol, Graf Egon von Tübingen, Landeskomtur des Deutschen Ordens in Bozen, Jakob von Schenna, Berchtold von Gufidaun, Konrad von Frauenberg.

Was war, nachdem Herzog Stephan Macht und Einfluß in Oberbayern an sich gerissen, zu tun?

Man konnte sich mit dem Wittelsbacher vertragen. Sich damit abfinden, daß nicht Bayern von Tirol aus, sondern Tirol von Bayern aus regiert wurde. Dadurch, daß der eigentliche Regent, Herzog Stephan, nicht in München saß, sondern in Ingolstadt oder in Landshut, war sein Zentrum nicht gar so nahe an Tirol, die Zentralisierung und Unitarisierung erschwert, dem Land in den Bergen eine gewisse Autonomie gewährleistet.

Man konnte aber auch den Habsburger anrufen gegen Herzog Stephan. Er wartete nur darauf. Abhängigkeit in irgendeiner Form wird sich freilich auch da nicht vermeiden lassen. Aber ein kräftiges, stetiges Regiment war verbürgt.

Zäh, träge schleppten sich die Argumente hin und her. In dumpfer Verdrossenheit hörte Margarete zu. Kam denn niemand auf den Gedanken, der am nächsten lag. Hatte sie sich so schlecht bewährt? Sie schaute auf Schenna, auf Gufidaun. Die starrten mit mühevollen, leeren Gesichtern vor sich hin.

Seltsamerweise war es der Frauenberger, der den Plan vorschlug, den sie erwartete. Breit grinsend, vergnügt führte er aus: Wenn der junge Herzog wirklich so anlehnungsbedürftig sei und Führung brauche, warum diese Führung nicht dem gegebenen Vormund anvertrauen, der Mutter, der Herzogin, die sich in viel schwierigeren Lagen so fürstlich bewährt habe? Wozu erst lange mit Wittelsbach paktieren? Man bringe Meinhard nach Tirol. Hätten ihn die bayrischen Herren in ihre scheußlichen, verlorenen Winkelnester schleppen können, so werde man es mit Gottes oder Teufels Hilfe noch fertigbringen, ihn nach Tirol zu kriegen, wo er hingehöre. Habe man ihn erst im Land, dann werde man von hier aus nach Bayern regieren. Herzog Stephan werde es sich reiflich überlegen, ehe er von der Donau aus ein kriegerisches Abenteuer in das Land im Gebirg wage. Und sogar dann habe man immer noch den Rückhalt an dem Habsburger als natürlichem Bundesgenossen. Im schlimmsten Fall werde man eben förmlich auf Oberbayern verzichten, gegen Entschädigung, und sich auf ein großes, autonomes Tirol beschränken.

Ja, ein autonomes Tirol. Das war auch Margaretes Plan. Bayern als Anhängsel; oder im äußersten Fall überhaupt nicht. Aber Tirol den Tirolern.

Es handelte sich zunächst darum, Meinhard dem Einfluß Herzog Stephans zu entziehen, ihn von München weg nach Tirol zu kriegen. Der junge Herzog hatte seit Antritt seiner Regierung das Land in den Bergen noch nicht betreten. Es war nur billig, daß das Volk ihn endlich zu sehen verlangte.

Auf Betreiben Schennas und Gufidauns wurde eine große Tagung nach Bozen einberufen. Es kamen blonde, stämmige Männer mit kurzen, breiten Nasen und trägen, schlauen Augen und hagere, schwarzbärtige, gebräunte mit kühnen, gebogenen Nasen und scharfen, raschen Augen. Es kamen die drei Hauptleute des Landes im Gebirg, der zu Tirol, der an der Etsch und der am Inn, es kamen die Hofmeister und Vögte und Burggrafen. Es kamen die Barone, die großen und die kleinen, die Vertreter der Städte, Pflegen und Gerichte. Es waren ihrer hundertunddreiundfünfzig Herren und Männer. Sie traten zusammen auf dem bunten, fröhlichen Marktplatz von Bozen an zwei strahlend dunkelblauen Spätsommertagen. Sie überlegten, sie berieten langsam, schwer, vorsichtig, mit harten, krachenden, gurgelnden Kehllauten. Sie schauten einander schlau und bieder in die Augen, sie hatten umständliche, eckige, treuherzige Bewegungen, sie wischten sich mit den schweren Rockschößen den Schweiß von den Gesichtern. Die Berge standen rotbraun und violett, ganz oben weiß.

Sie entschlossen sich, dem jungen Herzog einen Brief zu schicken. Diesen Brief unterzeichneten von den Baronen sieben, der ältere Ulrich von Matsch, Schenna, der Trostburger, Heinrich von Kaltern-Rottenburg, Gufidaun, der Frauenberger, der Botsch von Bozen, und es siegelten von den Städten vier, Bozen, Meran, Hall, Innsbruck, im Namen aller übrigen.

Das Schreiben lautete so: »Lieber gnädiger Herr! Wir tun Euer Gnaden zu wissen, daß wir zu Bozen beieinander gewesen und übereingekommen sind, Sie zu bitten, daß Sie zu Ihrer wie des Landes Ehre und Nutzen hereinkommen möchten zu uns, weil wir Sie schon lange gern gesehen hätten, wie ganz billig ist; denn Sie sind ja unser lieber, rechtmäßiger Herr. Auch werden Sie bei uns besser gerichtet und gewürdiget werden und unverdorbener bleiben, als draußen in Bayern, wie man uns sagt, geschehen ist, und auch Ihr Land und Leute da herinnen werden dann von den Drangsalen, welche draußen sind, frei bleiben. Bei uns hier in dem Gebirge steht durch Gottes Segen alles richtig und freundlich, so gut als es je bei Ihres Vaters seligen Zeiten gestanden hat; auch herrscht Friede im Land und an der Grenze. Gnädiger Herr! Wir bitten, auf uns zu vertrauen, wir meinen es gut mit Ihnen. Trauen Sie es uns zu, wir opfern Gut und Blut für Sie, vertrauen Sie sich sonst niemandem.«

Der Frauenberger brachte das Schreiben nach München. Er kam mit stattlichem Gefolg, übergab das Schriftstück in feierlicher Audienz. Versprach sich im übrigen nicht den geringsten Erfolg, sondern war gewiß, daß man andere Mittel werde brauchen müssen.

Bei Tafel erzählte Prinz Friedrich, sein lieber Herzog und Vetter Meinhard habe aus seiner Provinz Tirol ein sehr kurioses Dokument bekommen, das er den edeln Herren doch nicht vorenthalten wolle. Der Brief wurde verlesen. Erst schmunzelte man, dann pruschte man heraus. Gelächter, immer lauter, stürmischer, schütterte alle. Es lächelte Agnes, es lachten die Damen, es dröhnten, bogen sich die Herren, es lachten scheppernd die Lakaien, es pfiff Meinhards Murmeltier Peter, es quiekten die Kämmerlinge.

»Diese Tiroler!« sagte man, atemlos von der Erschütterung.

»Ja, unsere Tiroler!« sagte der Frauenberger, behaglich, rosig, fett, und blinzelte aus den rötlichen Augen.

»Finden Sie auch den Brief Ihres Landes in den Bergen so komisch, Herr Herzog?« fragte der Frauenberger. Er war, trotzdem eigentlich sein Geschäft mit der Übergabe des Briefes zu Ende war, in München geblieben und hielt sich viel in der Nähe Meinhards.

Der junge Herzog hatte in der Gegenwart des breiten, fleischigen Mannes mit dem Froschmaul in dem nackten, rosigen Gesicht stets ein unbehagliches Gefühl, seine joviale Art machte ihm angst. Aber er konnte doch nicht recht fort, wenn er kam; der massige, lachende, quäkende Mensch imponierte ihm; er sprach so ganz anders als alle andern, respektlos, selbstverständlich, nackt. Man fühlte sich auf eine nicht unangenehme Art hilflos vor ihm, von ihm hingenommen. Voll immer neuer, mit Grauen untermischter Neugier ging der sanfte, dickliche, dümmliche Herzog um den Albino herum.

Der Brief seiner Tiroler war Meinhard im Grund durchaus nicht lächerlich vorgekommen, im Gegenteil, er hatte ihm lieb und lieblich in die Ohren geklungen; nur weil die andern so schrecklich gelacht und das Schreiben so albern und anmaßend gefunden hatten, hatte er mitlachen müssen. Daß jetzt der Frauenberger, der große, gescheite Mann, die Kundgebung der Tiroler so ernsthaft zu nehmen schien, war dem gehetzten, umstellten Fürsten tröstlich und sehr angenehm. Aus dem zutraulichen Brief hatte ihn etwas Einfaches, Ruhevolles angesprochen; es war ihm für ein paar Minuten gewesen, als gebe es kein München und kein schwieriges Ritterzeremoniell und keinen Artusbund und keine Wittelsbacher. Es mußte schön sein, auf einer Bergwiese zu liegen zwischen großen Kühen, nichts zu hören als leisen Wind und das sanfte, blasende Geräusch, mit dem die Tiere das Gras abrauften.

Der Frauenberger stand vor ihm, blinzelte. Meinhard mußte näher an ihn heran. »Wie es mich freut,« sagte er und schaute aus seinen blanken, runden Augen zu ihm auf, »daß Sie den Brief meiner Tiroler nicht dumm finden.«

»Nicht dumm!« quäkte eifrig der Frauenberger. »Jedes Wort sitzt an der rechten Stelle! Jeder Buchstab trifft! Die über ihn gelacht haben, sind die Dummen! Sonst hätte ich ihn doch nicht unterschrieben. Heut und jederzeit unterschreib' ich ihn wieder, mit beiden Händen!«

Meinhard trat noch einen tastenden Schritt näher an den fetten Mann. »Ich bin so müd und gehetzt,« klagte er. »Der Friedrich schaut mich auch nicht mehr so freundhaft an wie früher. Erst hab' ich gedacht, regieren ist leicht. Jetzt zerrt einer hierhin und eine dahin, und alle reißen an mir.«

Der Albino legte ihm die fleischige, gefährliche Hand auf die Schulter, quäkte: »Bub! Laß dich nicht klein kriegen, Bub!«

Meinhard zitterte unter der Hand des feisten Mannes, wollte ihr entgleiten, schmiegte sich in sie.

»Sie haben Freunde, junger Herzog,« quäkte der Frauenberger, blinzelte bieder, feixte behäbig.

Den Tag darauf sagte er: »Warum bleiben Sie eigentlich hier, junger Herzog? Wenn Ihnen der Brief Ihrer Tiroler nicht mißfällt, warum folgen Sie ihm nicht?« Sie ritten spazieren, es war früh am Morgen, unten rauschte grün und frisch zwischen vielen Inseln von Kies die Isar, ein großes Floß unter Lärm und Geräusch der Schiffer steuerte vorsichtig. Der Gang des Pferdes verlangsamte sich. Meinhard hockte schlaff, dick, betreten auf seinem Falben.

»Das geht doch nicht,« sagte er. »Das kann ich doch nicht.«

»Warum können Sie nicht?« beharrte der Frauenberger. Er ritt ganz dicht an ihn heran, hob ihm wie einem Kind das Kinn. »Wer ist hier der Herr,« sagte er, »Herzog Stephan oder Sie?«

»Ja,« sagte Meinhard, »wer ist hier der Herr?« Aber es klang gar nicht trotzig, sondern trüb grüblerisch. Sein ganzes Zutrauen zu dem Albino war weg, es war trist, wie unten die Isar sich zwängte, er hatte Scheu vor dem Frauenberger, hätte nachmittags beinahe den Prinzen Friedrich gebeten, ihn wegzuschicken.