Die häßliche Herzogin: Roman

Part 17

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Der Frauenberger war zufrieden mit der Entwicklung der Herzogin. Ja, die Maultasch war ein vernünftiges Weib, hatte sich überzeugen lassen, hatte erkannt, daß seine Weltanschauung die rechte war. Er klopfte ihr anerkennend die Schulter. Übernahm die Organisation ihrer Freuden.

Seltsame Gerüchte raunten durch die Stadt Meran, durch das Passeier. Um nächtlichen Verkehr zu erleichtern, sei der Eisenkorb am Erkerfenster von Schloß Tirol so eingerichtet, daß er in den Hof niedergelassen, der Besucher in ihm emporgewunden werden könne. Im Fällturm des Schlosses faulten die Günstlinge, die der Herzogin unbequem geworden seien. Man rümpfte die Nase über die Privilegien des Passeier Tals, seine Schildhöfe, die Befreiung von Steuern, die Jagd- und Holzrechte.

Die Herzogin ging tiefer nach Süden. Ihr kleines Lusthaus strahlte ganz weiß; unten, schwärzlichblau, dunstete in mittäglicher Sonne der weite See. Verfallene Steinstufen führten hinunter, zwischen Granatapfelbäumen. Festlich auf großer, bunter, geschmückter Barke glitt die Häßliche über das schwarzblaue Wasser, vor dem Kiel sprangen flirrende Fische, gleichmäßig schäumten die Ruder. Aus dem Bauch des Schiffes, während sie auf dem Verdeck lagerte, klang Musik.

An ihrem Wege stand der kleine Aldrigeto von Caldonazzo. Der heftige, gewalttätige Junge, gelblichweißes, leidenschaftliches Gesicht, kurze Nase unter raschen, großen, dunklen Augen, siebzehnjährig, hatte sie in Verona gesehen, dann in Vicenza, wo ihr Can Grande der Jüngere, der mächtigste Herr der Lombardei, feierlichen Empfang gerüstet. Der kleine Baron Aldrigeto war in den zerfleischenden, blutrünstigen Kämpfen der Castelbarcer als einziger Träger seines stolzen, reichen Namens übriggeblieben. Er selber hatte wütig in mehreren Scharmützeln mitgefochten. Jetzt waren die meisten seiner Festungen und Güter in den Händen der Gegner; er hatte sich an den Hof des großen Veronesers geflüchtet, fast drohend Hilfe, neuen Kampf verlangt. Er war der letzte Nachfahr seines uralten Hauses. War maßlos verwöhnt, jeder Wallung bis an die äußerste Grenze nachgebend. Die Frauen liebten sein hartes, gelblichweißes Knabengesicht.

Er sah Margarete. Er sah sie an der Seite des großen della Scala die Stufen seines Palastes hinanschreiten zwischen ehrfürchtigen Gerüsteten und sich senkenden Fahnen, unter Glockengeläut, starr geschminkt, in mächtigem, stein- und goldübersätem Prunkkleid, abenteuerlich häßlich. Er spürte auf sich ihren langen, sonderbar leblosen Blick. Er hatte natürlich wie alle Welt die dumpfen, wilden Legenden gehört, die um sie gingen, wie sie, die Unersättliche, ihren ersten Mann vertrieben, ihren zweiten vergiftet, zahllose Liebhaber habe verschwinden lassen in grenzenloser Gier. Die deutsche Messalina hieß sie in Italien. Es schmeichelte ihm, daß sie ihn ansah. Ihn reizte ihre Macht, durch die er, vielleicht, seine Gegner erdrücken konnte. Ihn reizte das gefährliche Gerücht, das um sie ging. Er war jung, ein später Abkömmling eines uralten Geschlechts. Ihn reizte ihre Häßlichkeit.

Zwei Sommermonate verbrachte die Herzogin an dem weiten See mit dem Knaben Aldrigeto. Es war brütend heiß, sie waren auch die Nächte fast immer im Freien. Sie hatte Zelte aufschlagen lassen auf einer kleinen Halbinsel am südöstlichen Ufer, unter den Trümmern lateinischer Villen, zwischen uralten Oliven. Sie lagen in Hängematten, unter Moskitonetzen. Schwärzlichblau, ehern lag der See.

Es geschah das Seltsame, daß der wilde, gelblichweiße Knabe die Häßliche zu lieben begann. Er war schön, schlank, gelblichweiß wie die zerbrochenen Statuen, die da und dort unter den Ölbäumen herumstanden. Sie war ein großes, mächtiges, starres, zaubervolles, häßliches Götzenbild. Was waren die jungen, schlanken, heißen Mädchen, die schwerer atmeten, wenn er in ihre Nähe kam? Gänse waren sie, leer und dumm und albern waren sie, eine wie die andere. Die Herzogin war etwas ganz Besonderes, einmalig, voll von uraltem Wissen, die Herrin des Landes in den Bergen, eingesperrt in ihrer rätselvollen, machtvollen, einsamen Besonderheit. Er hängte alle seine Träume um sie herum. Längst war es nicht mehr Ehrgeiz, Eigennutz, Neugier, was ihn an sie band. Wenn er ihr vorschwärmte von dem großen Reich, das er zusammenschweißen wollte vom Po bis zur Donau, wenn sie dann langsam ihre traurige, starre, unsäglich häßliche Fratze ihm zuwandte, geschah es, daß er mitten im Wort abbrach, versank. Etwas in diesem Gesicht ergriff ihn panisch, überschauerte ihn, band ihn geheimnisvoll, unlöslich. So waren sie zusammen in dem brütenden Mittag, die Herzogin, ein großes, tristes, altes Sagentier aus einer versunkenen Zeit, umkrustet mit den Narben zahlloser Kämpfe, träge von endlosem Erleben, und der Knabe, palmenschlank und biegsam, der letzte, späte Enkel der ungeschlachten Eroberer, mit heißen, dunkeln Augen aus dem weißen Gesicht in eine Zukunft schauend, die für jene Vergangenheit war.

Sie zerlegte einen Granatapfel. Der blutige Saft troff über ihre geschminkten Finger. Ihr weiter, wüster Mund nahm die glasklaren Kerne auf, sie zerspritzten unter ihren schrägen, großen, malmenden Zähnen. »Wie seltsam!« dachte sie. »Dieser Knabe schaut zu und ihn ekelt nicht. Es scheint fast, er hält sich nicht aus Eigennutz zu mir. Ich bin alt geworden, leer, trocken, und jetzt kommt einer und liebt mich.« Sie dachte an Chretien de Laferte, sie strich mit ihrer plumpen Hand über Aldrigetos strahlend schwarzes Haar. Mit einer jähen Bewegung warf der Knabe den Kopf herum, biß sie in die Hand. Dann lachte er, nicht bösartig. Silbern standen die Oliven, dunstig im Mittag flirrten die stillen, trägen, seligen Ufer des Sees.

In Tirol indes, während die Herzogin in Italien war, ging das Gerede um sie immer dicker und schwefliger. Sie sei eine Hexe, hieß es, sie sauge den Männern nächtlich das Blut aus, sie könne an zwei Orten zugleich sein; in Tramin hatten sie, während sie leibhaft in Verona war, ein Weib auf dunkelrotem Pferd durch die Luft reiten sehen. Immer öfter mußte die Obrigkeit Leute stäupen lassen, die unehrerbietig von der Herzogin gesprochen hatten.

Margarete lag schlaff und faul herum an den Ufern des Sees. Stunde, Tag, Monat stand still. Fuhr die Barke unter den Bäumen hin, dann war der See plötzlich tot, Schatten weckten einen unheimlich, überfrostend aus dem warmen Hindämmern. Der Knabe Aldrigeto liebte sie also. Er war schlank, schön, die Blicke der Frauen feuchteten sich verlangend, wenn sie ihn trafen, und er liebte sie; aber sie war zu leer und ausgehöhlt, sich daran zu freuen. Fernher dachte sie an den Frauenberger: Schlafen ist das Beste. Mit einem matten Verlangen wünschte sie nur eines: immer so bleiben, immer so dahindämmern in dem brütenden Sommer, schlaff, still verdunsten wie das besonnte Wasser.

* * * * *

Die Münchner Adelsgesellschaft, die bayrische Artusrunde, hatte sich mittlerweile konstituiert. Mit großem Zeremoniell vollzog sich Gründungsfeier, Aufnahme und Ritterschlag der einzelnen Mitglieder, Fahnenweihe, Krönung der Agnes von Flavon zur Königin des Bundes. Dann ein großes Turnier, Galatafeln, ausgedehnte Treibjagden.

Den jungen und gewalttätigen Herren des Bundes behagten die Grundsätze des Prinzen Friedrich außerordentlich. Sie waren da, sie waren jung, sie waren die Welt. Sie waren erfüllt von einem unbändigen Herrentum, randvoll von dem Bedürfnis, um sich zu schlagen, zu schreien, zu toben, einen endlosen, lustigen Lärm zu machen. Die Welt anzufüllen mit ihrer Jugend, die nicht wußte wohinaus, ihrer ziellosen, zwecklosen Kraft, ihrem Durst, irgend etwas anzustellen, zu tun. Nun hatte Prinz Friedrich diesem vagen, gewalttätigen Drang einen schönen, klingenden Namen gegeben, etwas, das aussah wie Sinn, Idee, Ideal. Die jungen, übermütigen, rauflustigen Barone fühlten sich plötzlich als Träger einer Mission, sie hatten Gott, Recht, Macht für sich, waren glücklich.

Wo soff und fraß man so gewaltig wie am Münchner Hof? Wo gab es größere Jagd? Wo gab es soviel Tote bei Turnieren, soviel festliches Gelärm? Die Brocken für die Narren und Zwerge, die zwischen den Beinen der Gäste herumkrochen, waren reicher als die Herrentafel manches kleinen Fürsten. Die jungen Barone waren so geschwellt von Rauflust, daß sie Wildfremde anfielen: »Gibt es eine edlere Frau als Agnes von Flavon?« und wenn der Gefragte erwiderte, er kenne die Dame nicht, ihn zu Tode fochten. Sie brannten nach ihren Jagden Bauernhäuser, ganze Forsten nieder zur festlichen Beleuchtung ihrer nächtlichen Gelage im Freien.

Die höfischen Tänze waren zu fein und zu umständlich. Die Sackpfeife quäkte an Stelle der Flöte, an Stelle der Harfe knurrte der Fotzhobel. Man tanzte grobe Bauernreigen, den Ridewanz, den Hoppeldei, andere plumpe, ungeschlachte Tänze, sang dazu, sich die Schenkel klatschend, unflätige Verse. Fuhr herum wie die wilden Bären, hob die Frauen hoch, daß die Röcke über den Kopf flogen, streckte sie unter maßlosem Gelächter auf wenig ehrbare Weise zu Boden. Man spielte Würfel, sinnlos, erhitzt, verspielte Höfe, Burgen, Herrschaften, schenkte sie vielleicht zurück, schlug gelegentlich den Partner tot. Dazwischen torkelten Besoffene, konnten den Wein nicht bei sich halten. Man sang grobe, schmutzige Lieder, durch die nächtlichen Gassen Münchens grinste, kreischte in gröhlendem Rundgesang das Lied des Frauenbergers von den sieben Freuden.

Der junge Herzog Meinhard ging dick, gutmütig, dümmlich und vergnügt in dem tosenden Getriebe herum, fühlte sich stolz als der Mittelpunkt dieses festlichen und berühmten Geweses, das in seinem Namen veranstaltet wurde. Lächelte jeden wohlwollend an, sagte, heute sei alles wieder besonders gut geglückt. Blickte schwärmerisch zu dem schlanken, dunkeln Prinzen Friedrich auf. Streichelte seinen kleinen Siebenschläfer Peter, erzählte dem aufmerksam blickenden Tierchen, daß er sich sehr wohl fühle, daß das Regieren eine leichte, einfache Sache sei, viel angenehmer als er erwartet habe.

Agnes ließ sich lässig und mit Wohlgefallen in der Verehrung und dem Überschwang dieser vielen Jugend treiben. Ganz leise merkte sie hier und dort eine sprödere Stelle der Haut oder eine schlaffere, ein winziges, trockenes Fältchen in der Lippe, am Aug', ein gebleichtes Haar, spürte, wie ihre Bewegungen um ein kleines mühsamer, träger, fetter wurden. Sie brauchte die tosende Verehrung dieser vielen jungen Menschen als Bestätigung ihrer Wirkung, sie brauchte ihre geräuschvolle Anhimmelung, sie schwamm darin, sie ließ sich von der hemmungslosen Anbetung des Prinzen Friedrich wohlig überspülen.

Der Prinz von Bayern-Landshut vergaß über dem Getümmel nicht seine politischen Pläne. Er sah nicht Lärm und Roheit, er sah Macht; er sah nicht Völlerei und Schlemmerei, er sah Herrentum und Glanz. Mit den Führern der Artusrunde, dem Abensberg, Laber, Hippolt vom Stein riß er die Leitung der ganzen Geschäfte an sich. Der junge Herzog vertraute ihnen an, was immer sie wollten: Pflegnis, Rat, Amt, Siegel. Bei Tafel, auf der Jagd wurde regiert. Hochmütig, zwischen zwei Bechern Weins, wurden Städten ihre Privilegien abgesprochen, Bauern sinnlos harte Fron auferlegt. Die alte Vorschrift, die Wildbret und Fisch dem Tisch des Bauern versagte, dem Herrn vorbehielt, wurde streng erneuert. Die Hofhaltung Meinhards, die Vergnügungen der Tafelrunde waren außerordentlich kostspielig. Die Domänen wurden vergeudet, die Zölle, Gefälle, Gelder der Städte den öffentlichen Bedürfnissen entzogen, für die Zwecke der Artusrunde verbraucht. Die Steuern wurden erhöht. Der Wildschaden stieg ins Ungemessene, der Bauer, der sich selbst zu helfen suchte, wurde grausam zu Tode gehetzt. Einzelne Herren der Artusrunde überfielen wohl auch die Transporte der Kaufleute, erst war es Scherz, später willkommene Bereicherung. Handel und Gewerbe stockten durch die Unsicherheit der Straßen.

Die Städte murrten, die Bauern stöhnten. Die Tiroler Herren standen an den Grenzen, Herzog Stephan, der Habsburger, untätig noch, aber mit drohenden Augenbrauen. Zuweilen erschien der Frauenberger in der Artusrunde, als Gast; zur Mitgliedschaft wurde er nicht aufgefordert. Er war indes keineswegs gekränkt, machte Späße, stachelte an; es war nicht zu leugnen, er verstand gut, die Herren zu animieren. Herzog Stephan schickte scharfe Botschaft an seinen Sohn, er werde seiner Erbschaft Niederbayern verlustig gehen, kehre er nicht nach Landshut zurück. Prinz Friedrich antwortete nicht, warf den Gesandten in Fesseln.

Auch der Habsburger, wiewohl er klüger und leiser sondierte, fuhr in München nicht gut. Herzog Rudolf hatte ein Bündnis mit dem König von Ungarn gegen Kaiser Karl geschlossen. In einem vertraulichen Schreiben forderte er Meinhard auf, in dieses Bündnis einzutreten, den Kaiser für den natürlichen Feind des Wittelsbachers ansehend. Allein Prinz Friedrich, im Verfolg maßlos dünkelhafter Prestigepolitik, erachtete keinen Reichsfürsten, sondern nur den Römischen Kaiser für Wittelsbach gleichbürtig, alliierte sich nicht mit einem gewöhnlichen Territorialherrn, schon gar nicht mit dem anmaßlichen Habsburger. Nein, Wittelsbach stand, und mochten auch politische und ökonomische Gründe dagegensprechen, aus idealen Motiven stolz und adelig zu dem einzigen ihm ebenbürtigen Deutschen, zum Römischen Kaiser.

Auf seinen Kolben bei Tafel steckte ein buntscheckiger, buckliger Hofnarr den vertraulichen Brief des Habsburgers, des Ersten, Obersten, Treuesten Fürsten des Reichs. Von Gast zu Gast lief der vielgefleckte Zwerg, mit zahlreichen, tiefen Verneigungen, wies auf seinem Kolben das geheime, bösartig den Kaiser verunglimpfende Schreiben des Österreichers. Dann schickte Friedrich im Auftrag Meinhards den durchlöcherten, besudelten Brief mit einem hochtrabenden Begleitschreiben als Gleicher dem Gleichen dem Kaiser nach Prag.

Auf einer Barke kam zur Halbinsel im Südosten des Sees der uralte Johannes von Viktring. Er war begleitet von zwei Klosterbrüdern und führte mit sich in verschlossener Truhe seine Chronik, »Das Buch gewisser Geschichten,« das er nun endgültig abgeschlossen hatte.

Der Uralte war jetzt ganz ausgetrocknet und sehr weise. Er hatte so vieles gesehen, alle Menschen und Ereignisse mit schönen Versen begleitet, alle Dinge gewogen und in seinem Buch aufgezeichnet. Was noch geschah, das konnten immer nur Variationen von dem sein, was er geschildert. Zudem hatte er erfahren, daß ein Italiener, ein gewisser Giovanni Villani aus Florenz, an einer ebenso weit und gründlich angelegten Chronik arbeitete wie er selber. So hoch er jetzt über Wallungen und eitlen Erregungen des Gemüts stand, so hatte es ihn doch verdrossen, als er das Werk des Italieners von klugen und urteilsfähigen Männern sehr rühmen hörte. Der ehrsüchtige welsche Literat machte es sich leicht; er arbeitete mit sensationell aufgeputzten, auf starken Effekt hinzielenden Schilderungen, während er, der verantwortungsvolle Gelehrte, feilte, rundete, Daten, Fakten solid fundierte, immer das Werk als Ganzes im Auge haltend. Jetzt also hatte er sich entschlossen, den großen Punkt zu setzen. Er diktierte seinem Bruder Sekretär mit einem wissenden Grinsen unterstrichen falscher Bescheidenheit: »Ich aber überlasse es späteren, die zukünftigen Ereignisse besser zu berichten, und beende hier meine Aufzeichnungen, und zwar, wie ich wenigstens selbst gern möchte, in guter und der Geschichte würdiger Weise.« Er mummelte ein Weniges, kicherte, legte dem Bruder Sekretär die dürre Hand auf die Schulter, diktierte voll falscher, gespielter Demut den letzten Satz: »Sollte es aber weniger gut geraten sein, so möge es mir verziehen werden als unternommen zum Ruhm der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit, welcher sei Ehre, Lob, Preis und Erhabenheit in alle Ewigkeit. Amen.«

Und jetzt also saß der Uralte unter Oliven und tausendjährigem Gemäuer und überreichte der Herzogin das Werk, bei seiner aufmerksamen Schülerin Verständnis erhoffend. Margarete lag in der Hängematte, schüttete gekühlten Orangensaft in ihren großen Mund; faul, schlank, weiß dehnte sich der Knabe Aldrigeto, träg sich moquierend über den zahnlosen Greis.

Als der Abend kam und es kühler wurde, ließ sie sich von dem Bruder Sekretär vorlesen. Die geübte, dunkle, gleichmäßige Stimme des Klerikers rezitierte Widmung und Vorrede des Abtes. Unter Anführung vieler Zitate sprach er davon, wie Leben und Wirklichkeit Geschichte wird, wie nichts bleibt vom Leben und Sein als Geschichte, und wie Geschichte der letzte Zweck alles Tuns ist und seine beste Basis. Was bleibt von großen Männern als ihr Gedächtnis, das gleich ist dem Duft, den mit Äpfeln beladene Schiffe auf unserm Ufer zurücklassen, wenn die Schiffe schon weit am jenseitigen Ufer sind? In diesem Sinne begann er aufzurollen das Bild der letzten hundertundzwanzig Jahre, ein Bild von der Kürze des menschlichen Lebens, der Vergänglichkeit der Natur, der Unbeständigkeit des Glücks, dem schnellen und flüchtigen Wechsel irdischen Ruhmes.

Margarete dachte: »Das alles weiß ich, und es trifft mich nicht mehr. Mein Programm liegt hinter mir.« Aber mählich, wie die dunkle, gleichmäßige Stimme des Klerikers weiterkam in den vielfältigen Begebnissen, wie die bunten, einfältigen, schlauen, frechen, milden, großen, kleinen Historien einander ablösten, alle abgekühlt, gut gebettet, jede so da und so vorbei wie die vorhergehende und wie die folgende, mählich da riß es sie mit, sie glitt hinein in den gemalten Strom der Zeit. Meinhard, der große Graf von Tirol, der starke, schlaue, unbedenkliche: sie war ein Teil von ihm. Diese Gebiete, die da so lange getrennt gewesen waren: sie hatte das ihre getan, sie in der rechten Art zusammenzukneten. Diese Städte, die als kleine, lächerliche Siedlungen begonnen: sie hatte das ihre getan, sie groß und blühend zu machen.

Und jetzt war sie aus dem breiten, fließenden Strom ausgeschieden, abgespaltet, brackiges, schlaffes, totes Wasser. Ihr Leben auf der kleinen Halbinsel kam ihr plötzlich unsäglich albern vor. Die Ölbäume, das alte Gemäuer, der Orangenhain, was war das anders als eine leere, dumme, protzige Dekoration? Wie war es möglich, sich zu verstecken in dem toten, brütenden, einsamen Sommer, während draußen heftige, wilde, zerstörerische Dinge geschahen, in ihrem Land, während die deutschen Fürsten sich balgten um ihren armen, lächelnden, blöden Sohn? Was hatte sie statt dessen? Den Knaben Aldrigeto, einen hübschen, kleinen Jungen.

Den ganzen andern Tag las sie in dem »Buch gewisser Geschichten«. Der Uralte strahlte, trank gegen seine Gewohnheit Wein, die größere Hälfte mit zitternder Hand verschüttend, wackelte mit dem Kopfe. Dann schickte sie einen Eilkurier nach Vicenza zu Can Grande, sie habe ihn dringend zu sprechen.

Nahm mit einem tiefen, gütigen Lächeln leichten Abschied von dem Knaben, strich über sein strahlend schwarzes Haar, streichelte sein gelblichweißes, heftiges Antlitz. Sagte, sie werde in drei Tagen zurück sein. Der Knabe ließ sich ihre Zärtlichkeiten faul gefallen, preßte plötzlich mit kräftigen Fingern schmerzhaft scherzend ihr Gelenk, ließ sie lächelnd fahren.

In Vicenza hatte sie mit dem Herrn della Scala eine kurze Unterredung. Der kluge, mächtige, energische Herr mochte die Herzogin gut leiden, man konnte mit ihr rasch und sachlich verhandeln. Sie sagte, die Episode mit dem kleinen Aldrigeto sei nun zu Ende; sie habe den Knaben in guter, freundlicher Erinnerung. Da sie ihn in solcher Erinnerung behalten wolle, möge Herr della Scala ihr die Gefälligkeit erweisen, dafür zu sorgen, daß jener verschwinde. Can Grande schaute sie mit klaren, braunen, gewölbten Augen aus dem starken, fleischigen Gesicht aufmerksam und verständnisvoll an, neigte sich höflich.

* * * * *

Aus brütender, sommerlicher Versunkenheit tauchte Margarete empor in die frischere Luft der heimatlichen Berge. Man begrüßte sie ohne Schwung. Das Land litt. Die Münchner Regierung der Artusrunde, von den Launen der Agnes abenteuerlich hin und her gerissen, preßte experimentierend hier und dort an Tirol herum, machte das Land krank. Die Städte verfielen, der Bauer, zusammenbrechend, knurrte. »Die Maultasch macht uns kaputt,« hieß es. »Sie saugt uns das Blut aus. Jetzt, wo der Markgraf tot ist, erweist es sich klar, daß alles Gute von ihm kam, alles Schlechte von ihr.«

Margarete, mit kräftiger Hand, riß die Zügel an. Rottete die schlimmsten Übelstände aus. Milderte den Vollzug der Vorschriften, die von München kamen. Das Volk atmete auf: »Ah, nun hat, endlich, Agnes von Flavon eingegriffen! Die schöne, gesegnete Agnes! Unser Engel, unsere Retterin.«

In der Loggia von Schloß Schenna saß mit dem Schloßherrn Margarete. An den Wänden schritten die bunten Ritter, Garel vom Blühenden Tal, der Löwenritter. »Wie gut, daß Sie aufgewacht sind!« sagte Herr von Schenna. Hell und freundlich lagen die Berge, sich drängend, gewellt. Frischer Wind ging, Obst und Wein lag fast gereift, besonnt.

»Warum haben Sie mich nicht früher geweckt?« sagte Margarete.

»Sie mußten durch diesen Sommer allein hindurch, Herzogin Margarete,« sagte Schenna.

Der Frauenberger quäkte: »Wie schade, daß Sie schon Schluß gemacht haben, Herzogin Maultasch! Er war ein hübscher Junge, gelblichweiß, südlich. Und Ihnen so hemmungslos ergeben. Das findet sich nicht alle Tage. Was haben Sie hier? Arbeit, Dreck, Mist. Hätten Sie die Münchner Lausbuben ihren Fasching ruhig zu Ende hetzen lassen. Die wären schon von allein an ihrer Tollheit erstickt.«

Die Herzogin fuhr beschwerlich in schneereichem Januar nach München, sich das Gewese der bayrischen Artusrunde an Ort und Stelle zu beschauen. Mit Mißtrauen, Zurückhaltung, starrer Höflichkeit wurde sie in der Hauptstadt empfangen. Meinhard, als sie fester zupacken, klare Auskunft von ihm haben wollte, drückte herum, blöde lächelnd, sagte, er regiere zusammen mit seinen ritterlichen Kameraden, stammelte etwas von Weiberregiment, warf sich schließlich in die Brust, ein paar Worte des Prinzen Friedrich von den aristokratischen Grundsätzen deklamierend, die an Stelle des jämmerlichen, krämerhaften, modernen Pöbelregimes gesetzt werden müßten. Sie hatte eine Unterredung mit dem Landshuter Prinzen. Der erklärte ihr schlank, kühl, höflich, hochmütig, seines Wissens sei Herzog Meinhard mündig. Es stehe bei ihm, wem er sein Siegel anvertrauen wolle. Ihr mütterlicher Rat werde stets gehört werden. Weiter kam sie nicht.

Überall stieß sie auf Agnes. Ihre Farben, ihre Sitten, ihre Launen, Moden, Neigungen gaben dem Hof sein Gesicht, bestimmten die Regierung des Landes.

Agnes machte der Herzogin den Besuch, den die Etikette verlangte. Schlank, schlicht saß sie vor der häßlichen, plumpen, geschminkten, prunkenden Margarete. Ihre tiefen blauen Augen lächelten höflich in selbstverständlichem Triumph in die erfüllten, dringlichen, drohenden der andern. Im Kamin brannte ein starkes Feuer, der Duft des verbrennenden Sandelholzes füllte den großen, dunkeln Raum.

»Sie leben jetzt immer in Bayern, Gräfin Agnes?« fragte Margarete.

»Durchaus nicht, Frau Herzogin,« erwiderte Agnes, und ihre etwas scharfe Stimme stach grell ab von der warmen, dunkeln Margaretes. »Ich beabsichtige schon in den nächsten Wochen nach Taufers zu gehen. Nötig freilich ist meine Gegenwart nicht. Ich habe tüchtige Beamte; auch hat Herr von Frauenberg die Liebenswürdigkeit, sich der Verwaltung meiner Güter anzunehmen.«

Die Herzogin betrachtete Agnes still und aufmerksam. Sie war ein klein wenig voller geworden; aber ihre Haut war ganz glatt. Sie saß leicht und elastisch; der Hals stieg zart und ohne Falte aus dem dunkeln Kleid. Die Verehrung all dieser Jugend war ihr offenbar ein feiner Jungbrunnen, besser als Bad und Schminke. So sicher und voll Sieg saß sie, daß kaum mehr Hohn um ihre schmalen Lippen war.

»Sie beschäftigen sich neuerdings viel mit Politik?« fragte Margarete.