Part 16
So trat er, schlank, stolz, feindselig, voll heimlicher Verachtung vor seinen Vater. Herzog Stephan liebte diesen seinen Prinzen mit tiefer, zerspalteter Liebe. Er hielt ihn für begabter und begnadeter, als er selber war, sah in ihm seine Erfüllung, liebte sogar seine Raschheit, seinen Jähzorn, seine Hoffart. Aber er konnte sich nicht halten, wenn der Junge zu frech gegen ihn aufbegehrte; es kam immer wieder zu wilden Ausbrüchen zwischen ihnen.
Stephan eröffnete dem Prinzen in kurzen Worten, soldatisch knarrend, Markgraf Ludwig sei plötzlich gestorben, er werde jetzt zur Bestattung nach München reiten und gedenke, etwa acht bis zehn Tage zu bleiben. Friedrich solle inzwischen in Landshut Siegel und Geschäfte führen, in wichtigeren Fragen ihm Kuriere nach München schicken. Friedrich überlegte. Noch nie hatte ihm der Vater soviel Verantwortung überlassen: was stak dahinter? Er maß ihn mißtrauisch. Ah, der Herzog fürchtete seinen Einfluß auf Meinhard, wollte allein nach München, Meinhard von ihm abdrängen, ihn dort ausschalten.
Er warf den Kopf zurück, glitt mit raschen, braunen Augen über den Vater, sagte hochmütig, er denke nicht daran, in so schwerer Stunde seinem Freunde Meinhard fernzubleiben, er werde selbstverständlich auch nach München reiten. Es waren noch zwei oder drei Herren im Zimmer, auch ein Knabe Kämmerling. Herzog Stephan schwoll an, fragte heiser, ob der Junge verrückt sei. Die andern standen großäugig, gestreckt von Erwartung. Friedrich sagte, er sei wohl bei Sinnen; jeder anständige Fürst und Herr müsse ihn verstehen, ihm beistimmen. Der Herzog klirrte drohend auf ihn los. Der Junge stand zunächst, dann wandte er sich, wischte hinaus. Warf sich -- niemand wagte ihn zu halten -- auf ein Pferd, jagte davon, nach Süden, nach München.
Der Herzog lachte, zuerst ärgerlich, dann wohlgefällig. Seine Herren, froh über diese Lösung, lachten mit. »Ein Teufelsjunge, der Friedrich!« sagte der Herzog. »Ein Teufelsjunge, der durchlauchtigste Prinz!« wiederholten seine Herren.
Aber dann, langsam, verfinsterte sich Stephan wieder. Den eigenen Sohn kann er nicht halten. Wie soll er das ganze bäumende Wittelsbach kleinkriegen?
Er stieg zu Pferde. Schwer mit großem Troß ritt er die Straße, die Prinz Friedrich vorangejagt war.
* * * * *
Dem jungen Meinhard machte der Oberjägermeister, Herr von Kummersbruck, Mitteilung von dem Tod seines Vaters. Er tat dies sehr vorsichtig, umwegig. Verlorene Mühe. Der Achtzehnjährige begriff durchaus nicht, so daß Herr von Kummersbruck schließlich schlicht und geradezu erklären mußte: Der Markgraf ist tot.
Meinhard schaute ihn verblüfft aus großen, runden, treuherzigen Augen an, wälzte die Nachricht in seinem gutmütigen, dicken Kopf, schwitzte. Er wußte durchaus nicht, welche Folgen dieses Ereignis haben konnte, was er mit ihm anfangen sollte. Er war nun Herzog. Das war vermutlich sehr anstrengend, brachte Arbeit, Ungelegenheiten. Er hätte sich als kleiner Landbaron viel behaglicher gefühlt. Eigentlich war es wohl traurig für das Land und für alle, daß sein Vater tot war. Denn er war tüchtig und energisch gewesen, wohingegen seine Mutter, wie sein Freund, der Prinz Friedrich, ihm auseinandergesetzt, ausschweifend und widerwärtig war. Lieber Gott! Im Grund hatte sich weder sein Vater noch die Mutter um ihn gekümmert. Dieser Tod war ihm gleichgültig, kostete ihn nur Ärger, forderte Mühe, Nachdenken.
Er holte das kleine Nagetier aus der Tasche, das er stets bei sich zu führen pflegte, den kleinen, langgeschwänzten Siebenschläfer, den er in geduldiger Arbeit dressiert hatte, so daß er auf den Namen Peter hörte und auf seinen Pfiff mit ihm aß, mit ihm schlief. Er betrachtete das Tier aus großen, verdrossenen, unglücklichen Augen, streichelte es.
Sehr langsam nur löste er sich aus seiner blöden, verworrenen Befangenheit, als er sah, daß man ihn jetzt ganz anders wichtig nahm als vorher. Die Gesichter waren, von den Generalen und höchsten Beamten bis hinunter zum letzten Lakai, ergebener, behutsamer, serviler. Wie er dies langsam merkte, machte es ihm Freude, es immer wieder zu erproben und zu erhärten. Er gab Befehle, vielerlei, durcheinander, sich widersprechende, schaute amüsiert zu, wie man sie beflissen ausführte, er ließ seine Leute springen, ergötzte sich, wie ihre Gesichter immer gleich unterwürfig und ohne Widerspruch blieben.
Nur _einer_ ließ sich offenbar von seiner neuen Würde durchaus nicht imponieren, der Frauenberger. Meinhard hatte, so oft er den feisten Mann sah, ein unbehagliches Gefühl gehabt; sein fettes, nacktes Gesicht mit dem Froschmaul, dem weißlichen Haar, den rötlichen Augen, war ihm immer gefährlich erschienen, auch seine joviale Art hatte ihm Angst gemacht. Jetzt kam der Frauenberger auf ihn zu, blinzelte, quäkte herablassend, väterlich: »Na, junger Herzog! Es ist nicht leicht. Aber nur nicht den Kopf verlieren! Wir werden es schon schaffen.« Er nahm mit seiner fleischigen, gefährlichen Hand die dicke, gutmütige des Jungen, blinzelte ihn an, gar nicht ehrfürchtig, gar nicht untertänig, eher mit einer scherzhaften, spöttischen Überlegenheit, drehte sich um, ging, pfiff sein Liedchen.
Da langte stürmisch, schwitzend, begeistert Prinz Friedrich an. Drang sogleich zu dem jungen Herzog. Die Vettern umarmten sich, Meinhard war erlöst in der Gegenwart des Freundes. Friedrich erzählte die Geschichte mit seinem Vater, Meinhard war enthusiasmiert. Der schwarze, schlanke Prinz, geschwellt von Tatendrang, Ehrgeiz, Jugend, Sturm, strömte aus, riß den blonden, dicken, widerstandslosen Meinhard mit, der aus seinen blauen, schlichten, runden Augen entzückt zu ihm aufschaute, sich glücklich pries, diesen herrlichen Freund zu haben. Er schloß sich ganz auf, erzählte auch von der unbehaglichen, überheblichen Art des Frauenbergers. Friedrich schäumte, stampfte. Erklärte, das werde er gleich haben. Ließ den Frauenberger rufen. Sagte ihm über die Achsel, hoffärtig, der Herzog brauche seine Anwesenheit in München nicht, beauftrage ihn, die Herzoginwitwe einzuholen, die ohne Zweifel bereits auf dem Wege nach Bayern sei. Der Frauenberger schaute die beiden jungen Herren an, langsam, lächelnd, frech, gutmütig-höhnisch, sagte, er hätte gern bei der Anordnung der Bestattungsfeier für den ihm so huldvollen verewigten Markgrafen mitgeholfen, fühle sich aber sehr geehrt, daß man ihm das Geleite der ihm ebenso huldvollen Fürstin übertrage. Er hoffe nur, fügte er väterlich besorgt hinzu, daß die jungen Herren hier in München ohne ihn zurechtkommen würden. Er blinzelte vom einen zum andern, ging.
Friedrich war mit einem heftigen politischen Programm gekommen und bemühte sich, ehe andere, sein Vater, die Maultasch, der Habsburger dazwischentreten könnten, den Vetter darauf festzulegen. Er war durchaus nicht einverstanden mit der traditionellen wittelsbachischen Regierungsmethode, die den Bürger ausspielte gegen den Adligen, die Städte bevorzugte auf Kosten der Burgen. Diese zögernde, vorsichtige Händler- und Krämerpolitik, die den Nichtritter für einen vollen Menschen nahm und achtete, war ihm in tiefster Seele zuwider. Die Welt stand -- dies galt ihm für ausgemacht -- auf dem christlichen Ritter, auf dem Fürsten, der keine andere Schranke kannte als die selbstgewählten Gesetze der Ritterlichkeit. Aber die heutigen Fürsten waren ohne Stolz, machten Konzessionen hier, Kompromisse dort, waren Minderer statt Mehrer ihrer Macht. Den Adel stark machen, was darunter ist, ducken, daß es nur mehr der Schemel ist für den Fuß des Fürsten. Was Geld! Was Handel! Was Städte! Die alten, lichten Gesetze der Ritterlichkeit wieder blank putzen, Land und Reich auf sie stellen.
Der junge Meinhard hörte schwärmerisch den überschwänglichen Ausführungen des andern zu. Der kam jetzt mit praktischen Vorschlägen. Meinhard solle diese Grundsätze in seinen Ländern verwirklichen. Noch gebe es in Bayern Barone der alten Art, die das Bürgergeschmeiß zeitlebens mit geziemender Verachtung traktiert hätten. Meinhard solle mit ihm und einer Anzahl dieser Aristokraten eine Jagd- und Turniergesellschaft aufbauen auf den strengen Statuten früherer Rittergesellschaften wie der Artusrunde und ähnlicher hochadeliger Klubs. Aber dieser Bund solle keineswegs nur sportlichen Spielen dienen, es solle von ihm eine Erneuerung der ganzen Nation ausgehen. Vor allem auch solle an Stelle eines Kabinetts alter, vertrockneter Theologen und Beamten dieser Bund die eigentliche Regierung führen.
Meinhard war mit ganzer Seele dabei. Er hatte Angst gehabt vor dem Regieren; jetzt war er befreit und glücklich, daß sich das so angenehm anließ, daß man es erledigen konnte in Gesellschaft sportfreudiger Kavaliere und Kameraden, unter Führung des genialen, herzlichen, freundhaften Friedrich.
Sie setzten sich zusammen, machten die Liste der Barone, die in den Bund aufgenommen werden sollten. Ulrich von Abensberg, Ulrich von Laber, Hippolt vom Stein zuerst. Dann der Höhenrain, Freiberg, Pinzenau, der Trautsam von Frauenhoffen, Hanns von Gumppenberg, Otto von Maxlrain. Mancher Name klang nicht ganz unbedenklich, erforderte, daß man ein Langes und Breites erwog. Der junge Herzog hatte sein Murmeltierchen aus der Tasche genommen; es saß auf dem Tisch, äugte aus dickem Kopf auf die Schreibenden, wischte mit dem Schwanz hin und her. Die beiden Jungen arbeiteten, daß ihnen die Schädel rauchten.
Als am Abend Herzog Stephan eintraf, war die Regierung Bayerns so gut wie vergeben. Friedrich hatte den Vetter dringlich gewarnt, sich vor Herzog Stephan bis ins Letzte vorzusehen. So fand der den Neffen scheu, störrisch. Er wollte Unterschriften von ihm unter gewisse prinzipielle Fragen, Grenzangelegenheiten, Zollsachen. Meinhard wich aus, sagte, auf Rat Friedrichs, er wolle zunächst warten, bis sein Vater unter der Erde sei. Herzog Stephan wußte sehr wohl, daß Friedrich hinter diesem Widerstand stak. Wütete, freute sich.
Dann kam Margarete und am gleichen Tag, sehr prunkvoll, Herzog Rudolf von Österreich. Mit ungeheurem Gepräng wurde der Markgraf bestattet. Wieder sah Agnes von Flavon, daß Schwarz sie am besten kleidete. Von dem Katafalk des Toten weg, von der Markgräfinwitwe weg, von den Pfalzgrafen bei Rhein, den Herzogen beider Bayern, Österreichs weg gingen alle Augen immer wieder zu ihr.
An dem jungen Meinhard zerrten Margarete von Tirol, Herzog Stephan von Niederbayern, Herzog Rudolf von Österreich, wollten Regelungen, Verträge, Anerkenntnisse, Unterschriften. Der gutmütige, leicht lenkbare Junge, unter dem Einfluß Friedrichs, blieb fest. Am dritten Tag nach der Bestattung des Markgrafen wurde der Artusbund bayrischer Ritterschaft gegründet. Meister waren Meinhard und Friedrich, Obersten die Herren von Abensberg, von Laber, vom Stein. Mitglieder zweiundfünfzig ober- und niederbayrische Barone. Seiner Mutter, den Herzogen, die an ihm zerrten, erwiderte Meinhard, er sei durch Rittereid gebunden, nichts Endgültiges zu sagen und zu tun, ohne seine Freunde und Vertrauten, die Herren vom Artusbund, zu befragen. Verblüfft standen Stephan, Margarete, Rudolf. Wer war diese Adelssippschaft, die die Hand auf den Jungen gelegt hatte? Mißtrauisch beschnüffelte einer den andern. Nur Stephan witterte sogleich das Rechte. »Der Teufelsjunge!« wütete er, vergnügt.
Ulrich von Abensberg war verheiratet mit der älteren Schwester der Agnes von Flavon-Taufers. Durch ihn lernte Friedrich Agnes kennen. Schwärmte. Agnes sah wohlgefällig auf den jungen, schlanken, trotzigen, ungebärdigen Prinzen. Sie übernahm das Patronat des Artusbunds. War zugegen, als die Fahne des Bundes geweiht wurde, die ihre Farben trug. Sie sagte zu Friedrich: »Ihre Politik, Prinz Friedrich, kann man mit dem Herzen mitmachen.« Er sprach die Formel vor, aus dem Innersten, als sich die Fahne vor ihr senkte: »_Pour toi mon âme, pour toi ma vie._« Sie ging unter den klirrenden Herren herum, hatte liebenswürdige Worte, für jeden einzelnen persönlich zugeschnitten. Ihre länglichen, blauen Augen waren oft und einverständnisvoll auf dem schlanken, schwarzen Friedrich, ihre schmalen, kühnen Lippen lächelten dem Abensberger zu, mit den langen, weißen Händen streichelte sie das Murmeltier Herzog Meinhards. Alle waren begeistert und beglückt.
»Darf ich Eurer Durchlaucht Bericht erstatten,« sagte der Frauenberger zu Margarete, »wie der Markgraf starb?«
Margarete war sehr dick geworden. Schlaff hing, in wüsten Falten, von dem äffisch sich wulstenden Maul die Haut herunter; weiter oben war sie voll von Rissen und Warzen, die die Schminke nicht mehr verdecken konnte.
»Ja,« sagte der Frauenberger und feixte, »der Markgraf war vergnügt wie selten, als wir aufbrachen. Wir hatten getrunken, er und ich. Ich hielt mich immer bei ihm. Er fiel vom Pferd zur Seite. Er war nicht sehr entstellt. Es ist sonderbar, daß ihn in der Nähe Münchens der Schlag rührte. Ganz wie den Papa.«
Margarete erwiderte nichts. Ihre sonst so erfüllten Augen blickten starr und leer. »Na, na, Herzogin Maultasch,« quäkte Konrad, »wir werden es mit dem Meinhard nicht schwer haben. Ein bißchen scheu, aber ein guter Kerl. Der Niederbayer hetzt ihn auf, der Friedrich, der Schwarze, der dumme Junge. Abwarten! Nicht bange werden. Einen Kuß hab' ich wohl verdient,« grinste er. Aber wie der Atem seines breiten Mundes ihr näher kam, zuckte sie zurück, überschauert. »Na, dann nicht,« sagte er gemütlich.
Mit Herzog Rudolf von Österreich war auch der uralte Abt Johannes von Viktring nach München gekommen. Er war nun ganz wackelig geworden, ausgehöhlt, zitterig, hielt die meiste Zeit die Augen geschlossen, mummelte gelegentlich Unverständliches vor sich hin. Er streichelte Margarete, seine Haut war noch trockener als die ihre, er nannte sie: »Mein gutes Mädchen.«
Später ließ sie ihn zu sich bitten. Erzählte ihm von dem mattfarbenen Fläschchen, ihr Gespräch mit dem Frauenberger, Wort um Wort. Es war keine Beichte und mehr als eine Beichte. Er hockte da, verschrumpft, erloschen, sie wußte nicht, ob er verstand. Dies war auch gleichgültig; wichtig war nur, vor lebendigen Ohren zu reden. Doch als sie geendet, zitierte er einen antiken Klassiker: »Viel Furchtbares ist in der Welt, doch nichts furchtbarer als das menschliche Herz.«
Agnes wich dem Frauenberger aus, war kalt zu ihm, spöttisch. Er sagte behaglich: »Sie sind schlechter Laune, Gräfin? Mein Gesicht gefällt Ihnen nicht mehr?« Dann klopfte er sie auf die Schulter, grinste, quäkte: »Bist doch eine Gans, Agnes. Hältst dich an die Jungen, die Gecken. Glaubst, das alte Schiff ist leck. Bist eine gute, dumme Gans, Agnes.« Er tätschelte sie, tastete sie ab. Da sie sich ihm entzog, lachte er gemütlich, streckte sich aufs Polster, drehte sich um, gähnte lärmvoll.
* * * * *
Herzog Rudolf, der Habsburger, griff gierig nach den Dokumenten, die ihm sein Kanzler, der kluge Bischof von Gurk, bedeutsam feierlich überreichte. Er vertiefte sich in sie, las wiederholt, fieberisch glühte der sonst so ruhige, beherrschte Mann. Er streichelte die Papiere. Hörte auf die Erklärungen, die ihm der Kanzler, der juristisch ungewöhnlich gebildete Bischof, vortrug. Von wie ungeheuern staatsrechtlichen Folgen die Auffindung dieser Dokumente sei. Er las nochmals. Küßte feierlich fromm die Pergamente, kniete nieder, betete. Drückte dem Bischof, der gesammelt dastand und sich kein kleinstes Lächeln gestattete, voll heftigen, erregten Dankes die Hände.
Herzog Rudolf hatte von seinem Vater den harten Tatsachensinn geerbt, den klaren Blick für Realitäten, Möglichkeiten. Er wußte, daß Habsburg noch nicht stark genug war, die Verpflichtungen der Kaiserwürde zu tragen, ohne im Innersten Schaden zu nehmen. Die Wahrung des kaiserlichen Ansehens zwang zu Zersplitterung, sog am Mark. Wittelsbach und Luxemburg hatten es spüren müssen. Es gab nur eines: vorläufig auf diesen äußeren höchsten Glanz klug verzichten, sich aber im Innern so festigen, daß die Kaiserkrone schließlich wie von selbst Habsburg als dem Stärksten zufallen mußte. Dies war die Politik, die Albrecht mit so großem Erfolg vorgelebt hatte.
Rudolf sah klar und nüchtern, daß es für ihn einen andern Weg nicht gab. Eisern zwang er sich, dieses Maß zu halten. Aber er besaß nicht den ruhevollen Sinn seines Vaters, des Lahmen, der am Bewußtsein der realen Macht sein Genüge hatte. Ihn brannte es, daß ein anderer da war, der vor ihm saß, der sein Lehensherr war, der sich, und mit Recht, Römischer Kaiser nannte. Wer war denn dieser Karl, der Duckmäuser, der hagere, hohlwangige, mit seinem krausen, schmutzigen Vollbart? Er besaß Land wie jener, hatte wie jener Universitäten gegründet, Kathedralen, Paläste, die Universität Wien, den großen Dom. Jener hatte rechtzeitig die glückliche Gelegenheit gepackt, sich die Krone zu sichern; jetzt wäre es Unsinn gewesen, Kraft und Macht um dieses äußere Zeichen zu verzetteln. Aber alle Vernunftgründe hinderten nicht, daß es Rudolf kratzte, nagte, brannte, schnitt, den andern über sich zu wissen.
Er war zu stolz, seinen Kanzler solche Gedanken merken zu lassen. Aber der kluge Bischof erriet sie, erwog, wälzte in sich, wie er dem Fieber seines Herrn die kühlende Salbe schaffen könnte.
Plötzlich, eines Abends, hellte es sich ihm. Der Abt Johannes von Viktring, mit dem er gern zusammensaß, hatte ihm eben gute Nacht gesagt. Der Abt schloß sich wie jeden Abend ein, um an der Weltchronik zu arbeiten, an der er seit ewigen Zeiten schrieb. Er nahm es ungeheuer genau, hielt das Manuskript versperrt, geheim. In letzter Zeit, da er nicht mehr schreiben konnte, hatte der Uralte einen Bruder seines Klosters beigezogen, dem diktierte er. Der hatte einen heiligen Eid schwören müssen, nie einen Buchstaben zu verraten. Gab es einen Meinungsstreit, so fragte man den Abt. Was in seiner Chronik stand, galt als letzte Wahrheit wie das Evangelium.
Wie jetzt der Abt sich zurückgezogen hatte, sagte sich der Kanzler: »Was der Abt schreibt, gilt als Geschichte, ist Geschichte. Und ist doch nur Papier. Alles Gewordene, Rechte, Privilegien sind Papier. Und werden anerkannt, man kann darauf bauen. Nimmt man es genau, so steht die Welt auf Papier. Der Böhme Karl hat kluge, gelehrte Theologen, die haben um seine Krone einen Wall von papierenen Privilegien gemacht. Sind wir in Wien weniger klug und gelehrt als die in Prag?«
Er setzte sich zusammen mit dem Abt. Er erinnerte ihn an den Tod Herzog Albrechts. Wie da der Abt verkündet hatte: _Defunctus est Albertus de Habsburg, imperator Romanus._ Dieses Wort, sagte der Kanzler, brenne in Herzog Rudolf weiter; wie das ewige Licht in den Kapellen brenne es, Tag und Nacht brenne es. Der Uralte hörte zu mit erloschenen Augen. Der Kanzler sprach fort in halben, andeutenden Worten, der Uralte mummelte.
Auf einmal waren jene Dokumente da. Der gelehrte Abt hatte sie bei seinen Forschungen im Archiv der Hofburg aufgestöbert. Verstaubt waren sie, vergessen im Winkel hatten sie gelegen, die köstlichen Pergamente. Unbegreiflich.
Waren sie doch, wie jetzt der Kanzler dem Herzog auseinandersetzte, weit mehr als bloß historische Spielereien. Von ungeheuerm, lebendigem Belang waren sie, geeignet, Habsburg auf einen neuen, hohen, mächtigen Sockel zu stellen, unmittelbar neben den Römischen Kaiser.
Fieberisch erregt prüfte Rudolf die Papiere. Es waren fünf Urkunden. Sie waren ausgestellt von Römischen Kaisern, von dem Ersten Friedrich, dem Vierten Heinrich, gingen zurück bis auf Cäsar und Nero. Sie bestimmten, daß Haus Habsburg ausgezeichnet sein solle vor den andern deutschen Fürstengeschlechtern, befreiten es von lästigen Pflichten, begabten es mit besonderen Rechten, machten den Habsburger zu des Reiches erstem, oberstem und treuestem Fürsten.
Rudolf sah langsam, besinnlich auf, sah den Kanzler an. Ernst, feierlich, gelassen, treuherzig schaute der auf ihn zurück. Da hob Rudolf die Papiere vom Tisch, drückte sie an seine Brust, sagte fest, er sei gewillt, die Würden und Verantwortungen, die Gott durch diese Papiere ihm auferlege, auf sich zu nehmen.
Mit gewaltigem Schwung verkündete er aller Christenheit die Auffindung dieser Hausprivilegien. Große Gesandtschaften an Papst, Kaiser, sämtliche Höfe. Feierliche Messen in allen Kirchen der Habsburgischen Lande. Rudolf, ungeheuer geschwellt, ließ das Zimmer, in dem er geboren war, er, der Chef der Habsburger, den Gott begnadet hatte, diese Urkunden wieder ans Licht zu ziehen, in eine Kapelle verwandeln.
In den Kanzleien der deutschen Fürsten gab es verblüffte Gesichter. Die Juristen des Böhmen, des Brandenburgers, des Pfälzers schrieben sich, kamen persönlich zusammen, berieten mit halben, vorsichtigen Reden, schauten sich an, allen lag ein Wort auf der Zunge, keiner wagte es auszusprechen. Endlich kam von Italien her das Wort, der Chronist Villani brachte es, der um sein Gutachten angegangene Petrarca hatte es geprägt, klar, unzweideutig: Die österreichischen Hausprivilegien sind Schwindel, lahme Fälschungen. Allein man traute sich nicht, das Gutachten des Welschen zu verwerten.
Tief mißvergnügt schaute Kaiser Karl dem Treiben des Habsburgers zu. Fast verleidete es ihm seine Reliquien, daß nun auch der Nebenbuhler solche Dokumente innehatte. Er bezweifelte sehr die Echtheit der Schriftstücke, vor allem die Urkunden Cäsars und Neros schienen ihm trotz ihrer einwandfreien Latinität bedenklich. Aber gleichwohl, sogar nach dem Urteil Petrarcas, schwankte er und wagte auch vor sich selber nicht, die Pergamente schlechthin für Fälschungen zu halten.
Herzog Rudolf saß über seinen köstlichen Dokumenten, las sie wieder und wieder, vertiefte sich, prägte jeden Schnörkel, jede Faserung des Papiers in sein Herz. Der Kanzler, der Abt Johannes schauten zu. Einverständnisvoll, befriedigt sahen sie, wie tief und immer tiefer der Herzog die Privilegien in sein Credo einschloß.
* * * * *
Margarete blieb, nach Tirol zurückgekehrt, in ihrer leeren, befremdenden Erstarrung. Sie kümmerte sich nicht um die Regierungsgeschäfte. Die Dekrete mußten durch Kuriere dem jungen Herzog nach München geschickt werden zur Unterschrift; sie blieben wochenlang, monatelang liegen. Die Räte regierten auf eigene Faust, zögernd, mit halben Maßnahmen; denn man wußte nicht: wer wird nun endgültig die Herrschaft an sich reißen, Wittelsbach, Habsburg, die Maultasch, die Münchner Artusrunde? Die wichtigsten Dinge wurden unerledigt hingeschleppt.
Margarete war ausgeschöpft bis ins letzte. Sie hatte sich mit so unerhörter Anstrengung hochgehoben, war in den Dreck geschleudert worden, hatte sich wieder hochgerafft. Es hatte sich alles als Gerede erwiesen, es war alles dumm, verlogen, frech; Reinheit, Tugend, Kraft, Ordnung, Sinn und Zweck waren ebenso alberne Phrasen wie Herrentum und Ritterlichkeit. Der Frauenberger hatte schon recht: es gab die sieben Freuden, von denen sein unflätiges Lied grinste, und sonst nichts auf der Welt.
Mit einer fast pedantischen Gier stellte die alternde, häßliche Frau ihr Leben darauf ein. Ihre Tafeln bogen sich von Leckerbissen, sie saß viele Stunden bei Tisch, in ihren Küchen wetteiferten burgundische, sizilianische, böhmische Köche. Aus großen Bechern trank sie schwere, hitzige Weine. Von allem wollte sie haben, alles mußte sie kosten. Seltene Fische, Vögel, Wildbret, Muscheln, in immer neuer Zubereitung, gesotten, gebraten, gebacken, in Mandelmilch, in Würzwein. Unersättlich verlangte sie, daß man immer anderes herbeischleppe, gierig, voll Angst, sie könne etwas übersehen, etwas versäumen. Sie ging früh zu Bett, stand spät auf, schlief auch lange Stunden des Tages. Denn schlafen war das beste. Von dem Frauenberger hatte sie sich angewöhnt, sich zu strecken, lärmvoll zu gähnen, mit den Gelenken zu knacken. So lag die dicke, alternde Frau, grauenvoll häßlich, schnarchend. Ihr hartes, kupferfarbenes Haar zottelte in spröden Strähnen. Über dem Gesicht trug sie eine Maske aus Teig, mit Eselsmilch und einem Pulver aus Zyklamenwurzeln geknetet; denn dies erhielt die Haut jünger.