Die häßliche Herzogin: Roman

Part 14

Chapter 143,655 wordsPublic domain

Sie kam an die Spinnstube. Die plumpe Tür öffnete sich ohne viel Geräusch. Die Mägde waren fertig mit der Arbeit, ein paar Knechte waren da. Alles drängte sich in einem Knäuel um eine junge, untersetzte Magd, die breit, verlegen, amüsiert grinsend dastand. Um sie herum Gekreisch, Stöße von Gelächter. Was? Sie begriff es wirklich nicht? Sie war die einzige in Tirol, die es nicht kapierte. Nochmals also. Die Pechmarie war schiech und wüst; wo sie hintrat, verdorrte alles, schrumpfte ein. Die Goldmarie strahlte himmlisch schön. Was sie anrührte, blühte, Gold klingelte unter jedem ihrer Schritte. Wer also war die Goldmarie? A-- Ag-- Endlich ging es auf, breit, leuchtend, auf dem Gesicht der Magd. Agnes von Flavon! Natürlich. Und die Pechmarie? Ah! Großes Staunen. Und nun schütterte es auch sie in stürmischem Lachen.

Unter dem Gekreisch und Gewieher hatte man die Herzogin nicht bemerkt. Still war sie mit ihrer Kerze im Schatten der halbgeöffneten Türe gestanden. Jetzt, langsam, zog sie die Türe zu. Ging. Schleppte sich über die Korridore. Zurück vor das Dokument.

Breitete die Urkunde vor sich hin. »Wir Margarete, von Gottes Gnaden Markgräfin --« Das Pergament knisterte. Sie tunkte die Feder ein, umständlich, unterschrieb.

* * * * *

Der lahme Albrecht saß in seiner Burg in Wien, in Schlafrock und Decken. Nebenan lag auf einem Tisch unter andern Papieren die Urkunde Margaretes. Sein Sohn Rudolf war da, der Bischof von Gurk, der uralte Abt Johannes von Viktring. Der betagte Herzog hatte die letzte Ölung empfangen; er wußte, daß er in wenigen Stunden verlöschen werde. Er saß in seinem Lehnstuhl, fror trotz der Decken in dem überheizten Zimmer, fühlte mit fast wohligem Schmerz, wie langsam das Leben aus ihm herausrann. Sah im übrigen wie stets klar, ruhig, mit einer gewissen heiteren Bitterkeit.

Rudolf fragte das drittemal, ob er nicht die anderen Brüder beschicken solle. Sein festes Gesicht, blond, bräunlich, nicht hohe, eckige Stirn, Hakennase, starke Unterlippe, blickte ernst, sachlich, selbstbewußt, unsentimental. Der Lahme lehnte zum drittenmal ab. Die Jungen hatten zu tun, sein Sterben sollte sie nicht stören.

Er atmete still, die ungelähmte Hand öffnete sich, schloß sich, öffnete sich. Er hatte ein gutes Leben gelebt, soweit ein menschliches Leben gut sein kann. Es war Mühe und Arbeit gewesen. Es war Erfolg gewesen. Er hatte sich gefördert und seine Länder gefördert. Er war mit sich in Frieden, er war mit den Menschen in Frieden, er war mit Gott in Frieden.

Sein Sohn Rudolf erbte ein gutes Erbe. Schön war es und eine Gnade Gottes, daß er das Dokument noch zu sehen bekam, das ihm Tirol sicherte. Jetzt war alles geschlossen, von Schwaben bis Ungarn geschlossenes habsburgisches Land. Gut und christlich regiert, in Ordnung und Fug. Seine Söhne gescheite, feste Männer. Er weiß schon, warum er sie nicht mit seinem Sterben inkommodiert.

Da fährt er also hin, der Letzte von den dreien. Der Luxemburger, der Johann, ist einen albernen Tod gestorben, einen dummen, ritterlichen Tod auf einem Schlachtfeld, das ihn nichts anging. Der Bayer, der Ludwig, ist einen unvorbereiteten, leichtfertigen Tod gestorben, auf der Jagd, mitten zwischen schwankenden, ungeordneten Geschäften, einen unentschiedenen Tod ohne Richtlinien und Gesicht, einen Tod, so halb und blöde und nichtssagend wie sein ganzes Leben. Er, Albrecht, hat sich niemals Römischer Kaiser genannt, hat nie nach der Römischen Krone gestrebt, hat sie nicht gehabt und hat sie nicht gewollt. Aber wenn man es recht erwägt -- er lächelte ein mildes, listiges Lächeln -- war immer er der Mächtigste gewesen von den dreien, der eigentliche Schiedsrichter der Christenheit, und immer war geschehen, was er gewollt hatte.

Er fühlte sich jetzt schrecklich müde. Rief -- es verwehte heiser -- nach Rudolf. Der wandte sich schnell ihm zu. Der Lahme tastete mit der gesunden Hand nach der des Sohnes. Sie fiel herunter, ehe sie den Sohn erreichte. Auch der Kopf sank vornüber.

Rudolf stand gerafft, fest. Jetzt war er das Haupt der Habsburger, der mächtigste Mann unter den Deutschen. Der Bischof von Gurk betete. Der uralte Abt Johannes von Viktring strich mit der dürren, braunen Hand über das Pergament Margaretes. »Aufgerichtet hab' ich ein Denkmal dauernder als Erz,« zitierte er murmelnd einen antiken Klassiker. Dann schlurfte er zu Albrecht hinüber. Sah, daß er tot war. Riß sich zusammen, streckte sich, schwankte, stand. Machte seine Stimme so fest wie möglich. Setzte mehrmals an, verkündete: »_Defunctus est Albertus de Habsburg, imperator Romanus._« Der Bischof und der Fürst sahen sich an; nie hatte der Tote diese Würde gehabt, nie sie angestrebt. Der Uralte wiederholte, mit Anstrengung, schwankend, feierlich: »Gestorben ist Albrecht von Habsburg, Römischer Kaiser.« Dann sank er in sich zusammen, schlurfte zurück zu dem Tisch, bekreuzte sich, mummelte.

* * * * *

Die kleine, der Heiligen Margarete geweihte Kapelle der Münchner Hofburg ist dick voll von prunkenden Würdenträgern. Draußen ist klarer, leuchtender, hellbrauner Herbst. Drinnen reiben sich die Rüstungen der weltlichen Herren, die strotzenden Ornate der geistlichen; aneinander gepreßt stehen sie. Die Herzöge von Österreich, Rudolf, Leopold, Friedrich, ihre Kanzler und Marschälle, Johann von Platzheim, Pilgrim Strein, die bayrischen und tirolischen Herren, die Marschälle, Burggrafen, Oberjägermeister, Landeshofmeister des Markgrafen, die Schenna, Frauenberger, Konrad Kummersbrucker, Dipold Häl. Violett und lachsfarben die Ornate der geistlichen Fürsten. Die Bischöfe von Salzburg, Regensburg, Würzburg, Augsburg, Dekane, Pröpste, Domherren. Die Pfarrer zu Tirol, Teisendorf, Pyber. Fahnen, päpstliche, weltliche. Weihrauch. Draußen, von Militär zurückgehalten, Volk. In allen Fenstern, auf den besonnten herbstlichen Bäumen, auf allen Mauern, Vorsprüngen Volk.

Drinnen knieten Ludwig und Margarete vor den päpstlichen Kommissaren, dem Bischof Paul von Freising und dem Abt Peter von Sankt Lamprecht. Gestern war ihre Ehe formal geschieden und ihnen aufgegeben worden, getrennt zu leben. Jetzt verlas der Bischof feierlich das päpstliche Reinigungsdekret: Nachdem Ludwig von Bayern, Erstgeborener weiland Ludwigs von Bayern, der sich als Römischer Kaiser führte, alles erfüllt habe, was der Papst von ihm gefordert, nachdem er persönlich seine Vergehen gegen die Kirche bekannt, gäben er und der Abt Peter als päpstliche Kommissare diesem besagten Fürsten und der Fürstin Margarete Dispens wegen zu naher Verwandtschaft, erlaubten ihnen, die Ehe neu einzugehen, legitimierten den bereits geborenen Prinzen Meinhard. Lösten von Ludwig und Margarete allen Makel und Infamie, machten sie fähig, Privilegien, Lehen, Güter, Rechte zu besitzen. Nähmen sie wieder auf in den Verband der Kirche. Befreiten ihre Länder vom Interdikt.

Dann öffneten sich überall in Bayern und Tirol die Kirchentüren, die viele Jahrzehnte durch geschlossen waren. Die Glocken, die so lange stumm geblieben, schwangen an, tönten. Das Volk, ausgehungert nach geistlicher Erhebung, strömte in die Kirchen. Männer, Frauen, herangewachsen, ohne je Gottesdienst und Glockenklang erlebt zu haben, hörten zum erstenmal eine Messe, trieben staunend und beglückt auf den frommen Wellen der tönenden, blendenden, pomphaften Anbetung des dreieinigen Gottes.

»Ich mache kein Geschäft mehr mit den Habsburgern!« rief heftig mit seiner harten Offizierstimme Herzog Stephan von Niederbayern und warf den Metallhandschuh klirrend auf den Tisch. Er stand auf, ging hin und her. Aus dem eckigen Schädel schauten seine mißtrauischen, kalten Augen bösartig und zürnend auf den Bruder, den Markgrafen, der sitzengeblieben war, den Kopf müde zum Tisch geneigt, daß der Nacken noch massiger sich wulstete. Der große Saal in der Münchner Hofburg war trotz allen Heizens nicht recht warm geworden, draußen flockte ein widerwärtiges Gemengsel von Schnee und Regen.

»Also nicht,« sagte der Markgraf, und seine Stimme war mühsam und gedrückt. »Ich lasse Ihnen dann, Herr Bruder, das andere Dokument ausfertigen, wie wir es besprochen haben.«

Herzog Stephan preßte die Lippen zusammen unter dem strammen, dicken, schwarzbraunen Schnurrbart. Er trat näher, erklärte seine Heftigkeit. »Wir sind in den vielen unangenehmen Erbfragen leidlich auseinandergekommen. Wir haben einander nichts vorgemacht. Haben klar und sachlich jeder sein Interesse gewahrt, ohne viel Worte und Flausen, und einer dem andern nicht eingeredet. Es hat jeden von uns sechsen ins Herz gebrannt, daß wir die Länder so haben zerstücken und zerteilen müssen und Wittelsbach klein machen. Es war eben sonst kein Ausweg und Auskommen, und wir haben nicht groß darüber geredet. Aber, Herr Bruder,« und er hob die Stimme und knarrte anklägerisch, »daß Sie das tirolische Testament für Habsburg zugelassen haben, Sie, der Chef der Wittelsbacher, das zwingt mir den Mund auf. Es ist eine rein tirolische Angelegenheit, ich weiß, und geht mich nichts an; ich hab' mich auch nie in Ihre Angelegenheiten gemengt. Aber das beißt mich zu arg, es giftet mir das Blut, ich muß es Ihnen sagen.«

Der Markgraf antwortete nicht. Seine harten, stechenden blauen Augen schauten stumpf vor sich hin; er sah sehr viel älter aus als der nur um weniges jüngere Bruder. Wie er, der sonst zufuhr und keine Gegenrede schuldig blieb, auch fürder geduckt und stumpf schwieg, sagte Herzog Stephan etwas gesänftigt: »Sie können sagen, daß es Sache Ihrer Frau war, nicht Ihre; Sie können auch sagen, daß die Lösung von Kirchenbann und Interdikt eine gute Zahlung ist für das zweifelhafte Stück Papier, und Sie haben recht. Aber ich hätte es doch nicht zugelassen an Ihrer Stelle und von den andern Brüdern auch keiner und der Vater auch nicht, wenn er noch lebte.« Der Markgraf hockte müde, sonderbar verloschen. Solche Verlorenheit des sonst so harten und heftigen Mannes war dem Bruder unbehaglich. Er sagte, und es klang fast wie eine Entschuldigung: »Ich glaub's, es ist kein Leichtes, die Maultasch zum Weib zu haben und den Frauenberg zum Landeshofmeister.«

Den Markgrafen, wie er allein war, fiel ein dumpfer, lahmer, hilfloser Zorn an, wie er ihn nie gespürt. Was war denn das gewesen? Da saß er in seiner Hofburg und sein jüngerer Bruder stand vor ihm, der Stephan, der Nichtige, der Mittelmäßige, der Wicht, mit seinem armseligen Niederbayern, und schimpfte ihn zusammen wie einen Lausbuben. Und er -- ja wie in aller Welt kam denn das? -- er saß und ließ es sich gefallen. War es so weit mit ihm gekommen? War er so lahm?

Der Stephan hatte recht, das war es. Die Habsburger regierten zusammen, überließen dem klugen Rudolf die Führung. Er war ihr Haupt, sie waren ein Ganzes, ihre ganze, große Ländermasse einheitlich gesteuert. Wittelsbach war zersplittert und zerstückt, in sechs Fetzen zerrissen. Er hatte es geschehen lassen, er, der Älteste. Und nicht nur das. Er hatte den Habsburgern Vorschub getan. Mit dem Judenschlag war es angegangen. Das war der erste Fehler gewesen. Hätte er seine Juden geschützt wie der lahme Albrecht, niemals wäre sein Beutel so leer und zerlöchert worden. Niemals hätte er sein Bayern den österreichischen Finanzräten ausliefern müssen. Jetzt saßen sie dick und zahlreich im Land, kontrollierten, schalteten nach Belieben. Überall, unter, neben, über dem wittelsbachischen der rote Löwe Habsburgs. Er fühlte die riesigen, starren Augen des Vaters auf sich. Er schnaufte. Der Bruder hatte recht.

Nicht darüber grübeln. Der Fehler war gemacht. Die Juden waren tot; die am Leben geblieben waren, ließen sich durch keine Versprechungen mehr zurücklocken. Das Land war kahl und ohne Geld, und der Habsburger verwaltete es.

Unsinn! Darum ging es ja gar nicht. Niemand hatte ihm das vorgeworfen. Um das Testament ging es. Um das Testament, das sein Weib gemacht hat, die Häßliche, die Maultasch. Daran mußte man sich klammern, das war festzuhalten. Er war froh, vor sich selber alle Schuld ihr zuzuschieben. Wie hatte der Bruder gesagt? Es ist kein Leichtes, die Maultasch zum Weib zu haben. Nein, daß dich Gottes Marter schände, es ist kein Leichtes! Er trieb sich hinein in eine dumpfe Wut gegen das Weib. Sie war an allem schuld, auch an dem Verwaltungsvertrag mit den Habsburgern. Da saß sie, die Häßliche, die Maultasch, mit ihrem lächerlichen Liebhaber, dem Frauenberger, dem Mißgeschaffenen, Quäkenden. Da saßen sie und machten ihm sein Bayern kaputt. Das Gespött Europas. Oh, er hatte schon das rechte Gefühl gehabt damals, als sein Vater ihn auf und ab schleifte und er sich weigerte, das Weib zu heiraten. Er starrte vor sich hin. Schnaufte, knurrte, stöhnte.

Ging zu Agnes. Die lag auf einem Ruhebett, der Falkenierer stand vor ihr. Sie hatte den Handschuh an, spielte mit dem neuerworbenen Vogel. Sie sah sogleich, der Markgraf brannte darauf, mit ihr zu sprechen. Aber sie ließ ihn warten. Beschäftigte sich mit ihrem Falken, führte ihn vor, dachte gar nicht daran, den Falkenierer wegzuschicken.

Ludwig drückte heraus, er habe heute wenig übrig für Falkenbeize und Sport. Oh, der Herr Markgraf sei verstimmt? Habe Ärger gehabt? Das tue ihr leid. Mit dem Herzog Stephan? Sieh da! Der Herr Herzog sei doch ein ganz umgänglicher Herr. Er habe vom Testament der Markgräfin gesprochen? Und von dem bayrisch-habsburgischen Verwaltungsvertrag? Davon nicht? Doch, auch, freilich nur nebenher.

Wenn sie doch endlich den Kerl mit dem Falken wegschicken wollte! Aber sie dachte gar nicht daran. Bedeutete es ihr so gar nichts, daß Stephan das gewagt hatte? Und war es ihr so nebensächlich, daß er sogleich von seinem Bruder weg zu ihr kam? Der Vogel öffnete die Flügel, schloß sie. Sie streichelte ihn, gab ihm Hätschelnamen. Ein großer heimlicher Triumph war in ihr. War es endlich an dem? Brach es endlich los? Stürzte das Haus der Feindin, das mühsam errichtete, endlich zusammen?

Also von dem bayrisch-habsburgischen Vertrag habe Herzog Stephan gesprochen? Nun, sie verstehe ja nichts von Politik. Aber, ganz ehrlich, gewundert habe sie sich immer. Ein so großer, weiser Fürst -- und läßt die Verwaltung seines Landes einem andern! Ganz beiläufig warf sie es hin, dem Falken die Haube abziehend, wieder aufsetzend. Stritt sogleich wieder mit dem Falkenierer, wie lange man jetzt den Vogel hungern lassen solle. Still jubelte sie: Allen Saft herausquetschen aus Tirol, ihn fortleiten, nach Bayern, irgendwohin. Verdorren machen das Werk der Feindin.

Ludwig saß gepreßt in großer Bitternis. Ein Narr war er gewesen. Selbst die Kinder sahen klarer, worauf es ankam. Niemals hätte er die Verwaltung Bayerns weggeben dürfen. Und hätte er alle seine Städte und Einkünfte dem Messer Artese verschreiben müssen. Das Testament Margaretes, da war nun nichts zu machen. Aber den Verwaltungsvertrag, der lief ab in wenigen Monaten: er wird ihn kündigen. Komme, was will!

Agnes lag auf dem Ruhebett, kümmerte sich kaum um ihn. Der Falkenierer war noch immer da. Wäre sie allein gewesen, er hätte sich auf sie gestürzt, sie geschüttelt: »Höre, lach' nicht über mich! Ich sag' den Vertrag auf! Ich schmeiß' die habsburgischen Beamten heraus! Lach' nicht über mich, Luder!« Und er hätte sie gepackt, daß ihr das Lachen und die Gedanken an den Falken vergangen wären. Aber der Falkenierer stand da mit seinem dummen, respektvollen Gesicht, und Agnes sah gar nicht auf zu ihm.

* * * * *

Konrad von Frauenberg verhandelte mit Räten des Bischofs von Brixen. Das Bistum war ganz in Abhängigkeit des Markgrafen geraten, Konrad gab das den Herren deutlich zu spüren. Vergnügt saß der quäkende Mann, beschaute aus kleinen rötlichen Augen die schwitzenden Herren, schikanierte sie breit, behaglich. Warf ihnen schließlich, den armen Schluckern, mit verächtlicher, grausamer Jovialität ein paar Brocken hin. Sein Sekretär, ein unscheinbarer Kleriker, protokollierte still, mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit.

Als die Herren gegangen waren, gab der Frauenberger dem Sekretär Weisung für etliche Briefe an Amtleute seiner eigenen Besitzungen. Immer wieder mußte man diesen Herren das gleiche vorkauen. Sie sollen doch -- daß der dreigeschwänzte Satan sie hole! -- nicht so schlapp sein. Nicht immer Steuer nachlassen. Nicht immer die Termine für Fronleistungen und Robot prolongieren. Und diese alberne Gefühlsduselei in der Verhängung von Strafen. Einen Dieb nur mit Pranger und Gefängnis zu züchtigen, weil er aus Not handelte. Blödsinn! Jeder handelt aus Not. Dem Schuft wird die Hand abgehauen wie bisher. Einen Wilderer schonen, weil er Familie hat! Sein Wild hat auch Familie; hat jener es geschont? Der Kerl wird zu Tod gehetzt. Das ist guter alter Brauch. Mit der modernen Humanität wird auf seinen Gütern nicht erst angefangen. Der Frauenberger quäkte, der stille Sekretär schrieb.

Allein dann, strich sich der häßliche Mensch das farblose Haar zurück, dehnte sich, legte sich auf Polster, knackte mit den Gliedern, gähnte, faul und vergnügt. Es war eine wohleingerichtete Welt, und er verstand sich darauf. Er hat es, Gotts Marter, weit gebracht. Der Markgraf ist fast immer auf Reisen, bei seiner Agnes, sonstwo. Warum auch nicht? Warum soll er nicht der Maultasch die schöne Agnes vorziehen? Er, der Frauenberger, hat freilich viel Arbeit, wenn der Markgraf außer Landes ist: die Maultasch und Tirol. Viel Arbeit, wüste Arbeit. Aber profitlich, das ist nicht zu leugnen. Auch könnte es ihm Ludwig nicht leichter machen, mit ihm auszukommen. So spart ihm der Fürst die Mühe, sich mit ihm auseinanderzusetzen.

Er beschaute seine dicken, roten, fleischigen Hände. Er hat seine Männlichkeit offenbar unterschätzt. Man muß nur selber daran glauben, dann glauben auch die Weiber daran. Heute wird ihm jede kirr, die er mag. Er rekelt sich, pfeift, grinst. Steht faul auf. Holt sich Tusche, Pinsel, Pergament. Zeitvertreib für freie Stunden, wenn man nicht schläft. Heute hat er Lust, ja. Der Schenna hält ihn für stumpf. Glaubt, er habe kein Aug' für das, was schön ist. Der Schenna ist kein Esel; aber wenn er meint, er habe allein den Sinn gepachtet für das, was schmeckt und rund ist und sich glatt und wohlig anfaßt, dann irrt er sich, der Geck, der Zierbold! Er legt sich das Pergament zurecht. Ho! Er weiß sehr genau, worauf es ankommt bei der Schönheit. Er grinst, pfeift sein Lieblingslied vor sich hin, das von den sieben Freuden des Lebens, beginnt zu arbeiten. Sein breites Maul zieht sich wohlgefällig auseinander, er schnalzt, schmatzt, gurgelt, quäkt, rülpst. Strichelt, pinselt. Bunt, säuberlich. Frauenkleider, Brüste, Gesicht. Vertieft sich in die Arbeit.

Sieht auf. Margarete steht hinter ihm. Ihr wüstes Antlitz ist sonderbar lächerlich verzerrt. Sie hat offenbar gesehen; es hat durchaus keinen Sinn, zu verstecken, zu leugnen. Er schaut sie frech an, verzieht den breiten Mund, quäkt, nachlässig: »Ein Amulett.«

»Ein Amulett? Das? Das saubere, liebevolle Bild der Person?« Er, naiv, dreist: Ja, natürlich. Er habe Grenzstreitigkeiten mit ihr, sie wisse doch. Dazu ihr unheilvoller politischer Einfluß auf den Markgrafen.

Sie schaut ihn finster an mit ihren starken, erfüllten Augen. Er hält stand, kalt, gleichmütig. Er solle ihr das Bild geben, sagt sie schließlich.

»Warum nicht?« quäkte er. Es sei ein nicht gerade frommes Amulett. Man könne seinen Willen, seine Wünsche hineinhexen. Ihre Wünsche für jene seien vermutlich ebenso unangenehm wie seine eigenen. Er grinst, reicht ihr mit einer tiefen, übertriebenen Verbeugung das Bild.

Allein, beschaut sie es lange, prüft es. Die Haare sind gold, die Augen starren, zwei blaue, dumme Flecke, aus der unbeholfenen Malerei. Margarete zieht mit ihren geschminkten Fingern die Nadel aus ihrem Haar. Langsam, sorgfältig zielend, stößt sie durch die blauen Flecke. Das Pergament hält fest, sie bohrt, bohrt stärker, bohrt langsam durch. Das Pergament knirscht. Dann sind zwei kleine, ausgefranste Löcher an Stelle der Augen.

* * * * *

Der Markgraf erhob sich, die Besprechung hatte kaum zehn Minuten gedauert. Es war nur Geschäftliches besprochen worden, Rede und Antwort waren von eisiger Sachlichkeit gewesen.

»Es bleibt noch die Angelegenheit mit Taufers,« sagte Margarete.

»Auf später,« sagte Ludwig ablehnend.

»Es ist jetzt schon fast ein Jahr, daß die Sache hinausgezögert wird,« sagte Margarete. »Sie muß endlich erledigt sein.«

»Was also wollen Sie?« sagte feindselig der Markgraf.

Die Sache mit Taufers war so, daß Grenzstreitigkeiten entstanden waren zwischen Agnes von Taufers und dem Frauenberger. Agnes versteckte sich hinter dem Bistum Brixen, das sie belehnt hatte, nicht den Frauenberger. Sachlich war dieser, formal sie im Recht. Der Markgraf brauchte nur zu wollen, so ließ Brixen seine Einwände fallen, Agnes verlor die Güter. Die Räte des Bischofs nahmen an, dies sei nicht in der Absicht Ludwigs; so wagten sie, dem Frauenberger in diesem Punkt zäh zu opponieren.

Margarete, in feindseliger Laune, brachte die Gründe vor, die gegen das Bistum sprachen. Der Markgraf, ebenso verdrossen und vertrotzt wie sie, zählte die politischen Motive her, aus denen er jetzt den Bischof nicht verärgern wollte. Sie maßen sich, finster, entschlossen. Nie hätten sie sich, wäre es um eigenen Besitz gegangen, mit solcher Erbitterung widersprochen.

Es war bisher, trotz zunehmender Entfremdung, noch nie zu ernsthaftem Streit gekommen. Mit keinem Wort je hatte der Markgraf Margaretes Testament erwähnt, mit keinem Wort ihre Beziehungen zu dem Frauenberger. Sie hatte den Namen der Agnes in seiner Gegenwart niemals genannt. Jetzt erhitzten sie sich, bekämpften sie sich, drohend, trotzig, viel heftiger, als der geringfügigen Sache angemessen war. Sie standen sich gegenüber, wütend. Das ruhige, männliche Gesicht des Markgrafen verwilderte, verzerrte sich. Sie erwiderte mit erzwungener Ruhe, bösartig, stachelig, höhnisch.

Bis er schließlich nicht mehr an sich halten konnte und ihr hinwarf in hellem, spöttischem Zorn: »Das ist ja alles nur für deinen Affen, den Frauenberger.«

Sie wurde ganz grau, schnappte, sah ihn haßerfüllt an. Sagte schließlich, heiser: »Ja, ja, ja! Ich leid' es nicht, daß das Recht kaputt geht für deine Hur'.«

Er krampfte die Hand, sie nicht zu schlagen. Es war nicht seine Art, zu schimpfen. Jetzt fiel er unflätig über sie her: »Hexe! Scheußliche! Stinkende! Hockst du zusammen mit deinem Affen und spintisierst das aus? Ist es nicht Schande genug, daß ich ein Weib haben muß, von Gott gezeichnet wie dich? Willst du noch meinen Namen verschimpfieren? Bist auf Männer aus, so wie du aussiehst? Paßt ja gut zusammen, die Maultasch und der Aff'!« Er schlug plötzlich um, ging mit dicken Adern und so verwildertem Gesicht auf sie los, daß sie hinter den Tisch zurückwich. »Ich duld' es nicht!« schrie er. »Ich schlag' ihn tot! Ich lass' mich nicht lächerlich machen!«

Unterdes saß der Frauenberger auf Schloß Taufers. Aus seinen rötlichen Augen blinzelte er Agnes an. »Wir werden uns schon einigen,« quäkte er. »Sie sind reich, ich bin nicht arm. Liegt Ihnen so viel an den Höfen? Mir nicht. Mir sind sie ein Vorwand, Sie zu sehen.« Mit seiner roten, kurzen Hand tätschelte er ihre weiße, lange. Agnes lächelte. Der war ein Mann, der hatte Kraft, Willen, das nackte Geradezu.

»Die Welt ist dumm,« quäkte er. »Immer noch dümmer, als man denkt.« Er saß da, weites Maul in dem nackten, roten Gesicht, breit, fest, frech, häßlich. »Mir ist, ringsherum sind wir die einzigen Vernünftigen.« Und seine harten, kurzen, zupackenden Finger langten ihren Arm weiter hinauf.

Er dachte übrigens nicht daran, ihr in der strittigen Frage auch nur ein Tipfelchen entgegenzukommen.

* * * * *

Agnes ging herum, ein leises, tänzerisches Lächeln um die Lippen. Sog ihren Triumph über Margarete, schlürfte ihn, ließ ihn auf der Zunge zergehen. Knüpfte den Markgrafen immer enger an sich, gleichmütig, unmerklich. Höhlte ihn aus, glitt in ihn hinein, nahm Besitz von ihm.