Die häßliche Herzogin: Roman

Part 13

Chapter 133,535 wordsPublic domain

So erschien Herzog Johann als Gast auf Schloß Tirol. Diesmal öffneten sich die Tore vor ihm. Trommeln, Trompeten, Ehrenbezeigungen. Johanns langes Gesicht sah immer noch knabenhaft aus. Er blinzelte aus seinen kleinen, tiefliegenden Augen Margarete ohne jede Verlegenheit an. Fand einen Ton grimmiger Schalkhaftigkeit, eine gewisse ironische Kameradschaftlichkeit, die ihr nicht übel gefiel. Sie saßen beieinander, heckten Gründe aus, drehten sie hin und her, eifrig, kneteten, schmiedeten. Kamen, befriedigt, überein. Herzog Johann habe Margarete geehelicht, trotzdem sie mit ihm im vierten Grad verwandt sei, aus Unkenntnis solcher Verwandtschaft. Wiewohl sie beide sich redlichste Mühe gegeben, die Ehe zu vollziehen, hätten sie, zweifellos infolge Verhexung Johanns, dies nicht zustande gebracht. Da nun Johann mit anderen Frauen die Ehe sehr wohl vollziehen könne und seinen erlauchten Stamm fortzusetzen wünsche, ersuche er den Papst, die Heirat mit Margarete für ungültig zu erklären. Der Papst, Freund des Hauses Luxemburg-Böhmen, werde solchem Ansuchen zweifellos willfahren.

Dies abgesprochen, frühstückte Johann noch mit Margarete. Beide waren guter Laune. »Sie sind gar nicht älter geworden, kleiner Wolf,« sagte Margarete.

»Und Sie sind, Gotts Marter! trotz allem ein Staatsweib, Herzogin Maultasch,« sagte Johann. Sie fühlten sich jeder dem andern sowohl wie der Situation überlegen; alles hatte sich reinlich gelöst; sie fanden auf dieser Basis ihre Beziehungen eigentlich ganz angenehm. Trennten sich wohlgesinnt, mit grimmiger, verständnisvoller Vertraulichkeit.

Durch den Tod jener beiden Kinder Margaretes waren die Erbverhältnisse des Landes in den Bergen wieder ähnlich geworden wie seinerzeit unter dem guten König Heinrich. Einziger Erbe des Landes war der Knabe Meinhard, dessen Gesundheit schwächlich stand und dessen Geschwister alle in jungen Jahren gestorben waren. Wieder also schauten die mächtigen deutschen Herrscher nach Tirol, streckten gierige Hände aus. Die Luxemburger rundeten ihren Besitz am Rhein und an der Moldau, waren aus dem Kampf um das südliche Land ausgeschieden. Doch Wittelsbach und Habsburg saßen auf umständlichen, begründeten Ansprüchen, äugten, lauerten.

Der Habsburger vor allem, der lahme Albrecht, säte einen weiten, folgerichtigen Plan. Er selber zwar hatte wenig Hoffnung, ihn reifen zu sehen. Aber der Lahme, durch sein Siechtum bitter und weise geworden, arbeitete längst nicht mehr für den Erfolg der nächsten Tage, sondern auf weite Sicht. Für ihn galt es, Tirol zu kriegen, den Weg nach Westen, die Brücke zu den schwäbischen Besitzungen, oder auf alle Großmachtsträume zu verzichten.

Er suchte vornächst die Herren der bischöflichen Territorien zu gewinnen. Trient und Chur hatten mit den Wittelsbachern schlechte Erfahrungen gemacht; sie waren gern geneigt, dem Habsburger anzuhangen, der sie hätschelte. Auch sonst hatte Albrecht ein mildes Gesicht und eine offene Hand für alle Herren, die in Tirol von Einfluß waren. Er übertrug den Schennas, den Vögten von Matsch, dem Frauenberger Titel, Würden, Ämter, die keine Mühe und viel Geld brachten.

Dem Markgrafen selbst suchte er auf jede Weise Vertrauen und Freundschaft abzugewinnen. Er fiel ihm bei dem Angriff des Luxemburgers nicht in die Flanke, ja, er vermittelte zwischen ihm und diesem. Bald war es soweit, daß der lahme Albrecht eine seiner Töchter dem Sohne Ludwigs, dem kleinen, dicken, harmlosen, schwächlichen Meinhard, dem Erben Tirols, vermählen konnte. Auch zeigte Albrecht, sonst ein sehr genauer Rechner, dem finanziell immer bedrängten Markgrafen eine stets offene Hand und brachte ihn dadurch in immer größere Abhängigkeit.

Dann plötzlich, als Ludwig wieder einmal eine erhebliche Summe benötigte, erklärten die Finanzräte des Österreichers, es sei diesmal leider unmöglich. Ihre Kassen seien erschöpft; ja, sie müßten ihm sogar demnächst zu ihrem größten Bedauern früher geliehene Beträge kündigen. Der Markgraf, tief betroffen, in wütiger Verlegenheit, wollte mit Blicken, mit Worten auf sie losfahren. Bezwang sich, biß sich die Lippe, ging wortlos.

Wollte sich persönlich an Albrecht wenden. Rang es seinem Stolz nicht ab. Bei einer zweiten Zusammenkunft erklärten die habsburgischen Finanzräte den seinen sehr harmlos, sie hätten einen vortrefflichen, billigen Ausgleich gefunden. Der Markgraf solle doch als Pfand für die alte und die neu geforderte Summe Österreich auf einige Jahre die Verwaltung Oberbayerns übertragen. Durch Einsparungen infolge der gemeinsamen, verbilligten Verwaltung werde Albrecht sicherlich binnen kurzem den geschuldeten Betrag aus Oberbayern herauswirtschaften.

Der Markgraf wurde blaß, als seine Räte ihm das österreichische Anerbieten mitteilten. Überflog sie mit hartem, stechendem, blauem Blick. Nein, sie lächelten nicht. Sie hatten nüchterne, ernsthafte Beamtenmienen. Er schluckte, sagte, er werde überlegen, nickte, entließ sie.

Saß, allein, schwer nieder. Zog den massigen Nacken hoch. Das Ansinnen war eine Unverschämtheit. Allein Albrecht war klug, ihm befreundet, hatte gewiß nicht die Absicht, ihn zu beleidigen. Es war also an dem, daß offenbar auf andere Art kein Geld mehr aufzutreiben war. Die Einkünfte sollte er abtreten; die Einkünfte waren nicht das Land. Immerhin, wenn das Haupt der Wittelsbacher einem Habsburger die Verwaltung seines Stammlandes übertrug, war dies, trotz allen Sicherungen, eine Einbuße, hart, hart, kaum zu ertragen.

Als er die Angelegenheit in seinem Rat vorbrachte, saß er sachlich, ruhig, behandelte das Ganze, als wäre es ohne viel Gewicht. Äugte argwöhnisch, ob seine Herren wagen würden, ihr inneres Grinsen auf ihren Gesichtern zu zeigen. Ach, lebte sein Freund noch, Konrad von Teck! Bei dem hätte er solches Mißtrauen nicht nötig gehabt. Alles wäre leichter zu ertragen gewesen. Keine Sentimentalität! Er sagte in zwei Worten, worum es ging. Äußerte keine Meinung. Bat um ihre Ansicht.

Als erster sprach der Frauenberger. Er sah natürlich wie alle andern, daß der österreichische Vorschlag auf eine glatte Erpressung hinauslief. Es lag ihm nicht das geringste weder an Ludwig noch an Albrecht, weder an Bayern noch an Tirol noch an Österreich. Der Habsburger war der Reichere und Klügere; er wird also vermutlich recht behalten. Da er überdies ihn, den Frauenberger, durch Ehrenämter und riesige Summen erkauft hat, muß er darauf sehen, daß Ludwig auf den Vorschlag eingeht. Redet er zu, so wird Ludwig, der ihn ohnedies nicht leiden mag, argwöhnisch. Umgekehrt bleibt dem Markgrafen, rät man nun zu oder ab, nichts anderes übrig, als knirschend den demütigenden Vertrag zu unterschreiben. Er, Konrad von Frauenberg, kann sich also ruhig, ohne daß der Habsburger es am Ergebnis inne wird, die spaßhafte Geste leisten, sich als patriotischer Bayer zu gebärden, dem Fürsten von den erniedrigenden österreichischen Zumutungen abzuraten.

Margarete war stürmisch begeistert von den habsburgischen Vorschlägen. Man wird Geld in Fülle haben, wird die lastenden Verpflichtungen noch aus der Zeit des guten Königs Heinrich endlich, endlich abtragen können. Wie werden, ist dieser Druck erst fort, ihre lieben Städte aufatmen! Bayern war ihr immer nur ein Anhängsel gewesen. Sie gab es gern preis für Geld. Sie hatte von Schenna und Mendel Hirsch gelernt, was Geld ist. Was nutzte es, einen großen Leib zu haben und zu wenig Blut? Jetzt wird das Land genug Blut haben, jetzt wird es gesund werden. Ihr gutes Land! Ihre lieben, blühenden Städte!

Finster hörte der Markgraf zu. Nun erwies es sich gut, wie wenig sie ihn von je verstanden hatte. Er war Bayer, Wittelsbacher, Kaisersohn, an Weltmacht gewöhnt, gewöhnt, in Ländern zu denken. Sie war Tirolerin; wo ihre Berge endeten, hörten ihre Gedanken auf. Sie dachte bis an die Ebene, nicht weiter. Sie war die Tochter des kleinen Grafen von Tirol, eng, rechenhaft, krämerhaft. Er war der Erstgeborene des Römischen Kaisers, herrisch, weltweit, nur Gott und sich selber verantwortlich. Nein, zwischen ihm und ihr stand mehr als nur ihre Häßlichkeit.

Der feine Herr von Schenna sprach. Ludwig mochte ihn gar nicht in diesem Augenblick. Er war natürlich Margaretes Meinung, er war ja Tiroler, kein Bayer. Die Finanzen beider Länder aus eigenem großzupäppeln, sei nun leider unmöglich. Da füge es sich gut, daß man den edlen Renner Bayern dem befreundeten Habsburger auf kurze Zeit zur Dickfütterung in den Stall geben könne. Bekomme man so endlich den nötigen Hafer für das gute Pferd Tirol. Wo bleibe übrigens ein anderer Ausweg?

Ja, wo blieb sonst ein Ausweg? Das war es. Es half nichts, die Gegengründe noch so hell ins Licht zu stellen. Man mußte das Angebot des Habsburgers schlucken. Der Markgraf duckte den Kopf auf den dicken, gefährlichen Nacken. Dankte den Räten, unwirsch, kurz. Sagte, er werde ihre Meinungen in Erwägung ziehen. Alle wußten, wie er entscheiden wird.

* * * * *

In dicker Verdrossenheit ritt Ludwig von Schloß Tirol ab, mit kleinem Gefolge, nach Norden, nach München, die letzten nicht mehr wesentlichen Fragen zu regeln, ehe er das Land der Verwaltung des Habsburgers überstellte.

Ein trister Oktobertag. Feiner, fader, rieselnder Regen. Was hatte man vom Leben? Man regierte, man war ein großer Fürst. Aber das meiste, was man zu tun hatte, die meisten dieser feierlichen Zeremonien, Kundgebungen, Verschreibungen waren widerwärtig und beschwerten einem den Sinn. Die Verwaltung des Stammlandes dem Habsburger überlassen, ein freundlich Gesicht dazu machen, »Vergelt's Gott!« dazu sagen. Er knirschte. Er sah die riesigen, stumpfen blauen Augen seines Vaters auf sich. Was hätte der dazu gesagt?

Zuhause, die freuten sich. Der ekelhafte Schenna, der neunmal Kluge, der an allem seinen Spott hat, mit seinem frechen, faden, milden Lächeln. Der Frauenberger, der unverschämte Hammel, der von wittelsbachischer Würde quäkt, von der Bindung zwischen Wittelsbach und Bayern, und dabei innerlich seine höhnische Freude hat; denn der Giftpilz weiß sehr gut, er muß doch hineinbeißen. Die Maultasch, die an nichts denkt als an ihr Tirol, der sein Bayern ein Handelsobjekt ist, das sie gern hinschmeißt, kriegt sie nur die Gulden und Veroneser Mark. Die Häßliche, die ihn aller Christenheit zum Gespött macht! Wie sie ihm zuwider ist! Wie sie dasitzt und gespannt auf das Gequäk des Frauenbergers hört, des Albinos, des Mißgeschaffenen! Seine Frau! Seine Fürstin! Pfui! Die Maultasch!

Wirklich, in Christi Namen, was denn hatte man vom Leben? Konnte er nicht, auf dem Weg nach München, ehe er den sauren Trank schluckte, was tun, was weniger sauer einging? Wenn er etwa in Taufers zukehrte, sich mit eigenen Augen überzeugte, wie dort die Dinge standen? Es war nicht viel Zeit verloren; zudem, je länger er jenes hinausschob, so besser.

In Taufers war Agnes keineswegs so überrascht, als er wohl erwartet hatte. Ja, als der Pförtner ihr meldete, der Markgraf komme mit einigen Herren, da hatte sie wohl geatmet, die Arme gestreckt, ein sattes Lächeln um die sehr roten Lippen. Aber sie empfing den Fürsten mit gelassener Höflichkeit, keineswegs besonders geehrt. Auch das Mahl, das sie ihm vorsetzen ließ, die übrigen Zurüstungen waren zwar geschmackvoll und nicht unwürdig, aber weit entfernt von jenem prahlerischen Luxus, den man ihr nachsagte. Und mit dem sie auch weniger mächtige Herren, kleine italienische Barone etwa, bewirtet hatte.

Ludwig schaute sie an. Kerzen brannten, ein kleines Feuer im Kamin, wohlriechende Hölzer. Diener reichten Obst und Konfekt. Eine ziere Person, bei Gottes Marter und Tod! Kein Wunder, daß man viel über sie schwatzte. Aber leicht machte sie es einem nicht. Das Gespräch, das sie führte, war lau, ein bißchen spöttisch; sie ließ einen nicht heran. Der ernsthafte, ungewandte Markgraf machte ein paar hilflose Versuche, ihr etwas Galantes zu sagen. Sie schaute ihn ruhig und ohne Verständnis an. Nein, sie war geradezu spröde.

Um so unerwarteter kam andern Tages ihre gleichmütig vorgebrachte Bitte, sich dem Markgrafen auf der Reise nach München anschließen zu dürfen. Sie wolle ihre Schwester besuchen, habe auch sonst im Bayrischen Geschäfte.

Der Markgraf, zögernd, betreten, schwieg. Diese Bitte kam ihm ungelegen. Es wird Geschwätz geben. Er war ein ernsthafter, fester Mann, zudem nicht in den Jahren, derartige Historien zu machen; es paßte ihm durchaus nicht, daß sich Geschwätz an ihn hängte. Aber er konnte der Dame -- denn das war sie immerhin --, deren Gastfreundschaft er in Anspruch genommen hatte, unmöglich die kleine Gefälligkeit abschlagen. Leicht knurrend, schwerfällig, unwirsch sagte er, er freue sich.

Auf der Reise war sie dann sehr sittsam, zurückhaltend, unauffällig. Hielt sich die meiste Zeit in ihrer verschlossenen Sänfte. Einsam, hinter den Vorhängen der Sänfte, kaute sie, schlang sie ihren Triumph. Die andere, die Feindin, saß auf Schloß Tirol, nannte sich Markgräfin zu Brandenburg, Herzogin zu Bayern, Gräfin zu Tirol. Hatte ihren soliden, ehrenfesten Gatten. Hatte ihm Kinder geboren. Sich in ihn, ihn in sich eingelebt. Aber jetzt zog sie, Agnes von Flavon, mit diesem Markgrafen herum in dem angeerbten Land der Feindin.

Ludwig erledigte in München hochmütig und unfrei seine verdrießlichen Geschäfte. Agnes hatte sich bei der Ankunft sogleich mit höflichem, nicht übertriebenem Dank verabschiedet. Jetzt hätte er seine unmutigen Abende gern zuweilen durch ihre Gegenwart erhellt. Ein erstes Mal versagte sie sich, ein zweites Mal kam sie. Er gewöhnte sich an sie. Sie ging aufs Land zu ihrer Schwester. Er verzögerte seine Rückreise, bis sie sich anschließen konnte.

Auf dieser Rückreise durch strahlenden Spätherbst verschloß sich Agnes nicht mehr in der Sänfte. Schimmernd ritt sie auf geschmücktem Pferd an der Seite des Markgrafen, den Kopf hochmütig geradeaus.

* * * * *

Geld floß ins Land. Die riesigen Summen für die Verpfändung Bayerns. Die Industrie holte Atem. Die Bergwerke, die Salzwerke. Die Straßen wurden ausgebaut, der Handelsverkehr erleichtert, geregelt. Die Städte streckten sich, weiteten sich. Die Bürger stolzierten breit, gravitätisch. Ihre Häuser wurden höher, füllten sich mit edeln Möbeln, Kunstwerken, Gerät. Mauern, Türme, Rathaus, Kirchen wuchsen. Geflügel, Würzwein kam auch am Werktag auf den mit gutem Geschirr gedeckten Tisch des Bürgers. Prächtiger als die Frau des kleinen Adeligen schritt in Seide, stolzen Bändern, riesiger Haube, Schleppe, Schmuck die Frau der Städte.

Seit wann war diese glückliche Veränderung? Seitdem der Markgraf mit der schönen Agnes von Flavon zusammen war. Agnes von Flavon, die Schöne, Gesegnete. Sicher war sie es, die den glücklichen Plan gehabt hat, Bayern abzustoßen, alle Kraft und alles Geld nach Tirol zu leiten. Alle Gnade Gottes auf unsere schöne Agnes von Flavon! Man sah ja, wie sie auserlesen war. Sichtbarlich von ihrem himmlisch schönen Antlitz strahlte aller Segen der lieben Mutter Gottes. Die andere dagegen, die Maultasch, war gezeichnet. Der Zorn des Himmels war auf ihr. Verflucht war, was sie tat. Ihre Kinder starben. Seuchen fielen ein, Brand, Wasser, Geziefer, wo sie die Hand anlegte. Alles, was sie rät, was sie tut, ist verflucht. Hat sie nicht die Verbindung herbeigeführt mit Bayern, den Keim alles Verderbens? Hat sie nicht die harten, habgierigen bayrischen Herren herbeigerufen, die das Land aussogen? Hängt sie nicht an dem Frauenberger, der scheußlichen Mißgeburt? Hat sie ihn nicht zum Landeshofmeister gemacht? Ein Glück, daß sich der Fürst von ihr abgewandt hat. Jetzt endlich hat er erkannt, wo das Rechte lag. Jetzt ist gute Zeit. Gott segne unsere liebe, schöne Agnes von Flavon!

Agnes sah das Volk an ihrer Straße, wie sie Bäume und Häuser sah, brauchte seinen Zuruf, wie sie Schmuck brauchte. Lächelte. Schritt durch die Gaffenden, sie Bewundernden, sah nicht rechts, nicht links, den Kopf geradeaus, mit schmalen, kühnen, hochmütigen Lippen. Und das Volk jubelte.

Margarete, sehr weit weg von ihrem Gatten, sehr weit weg von ihrem Sohn Meinhard, ging herum, schwer, in sich versponnen. Wußte nichts als das einzige: von Agnes und ihren Siegen. Sah Schenna, sah den Frauenberger. Sah die Städte aufatmen, sich recken, sich weiten. Ihre Saat, ihr Werk. Sie war ausgehöhlt, sie war leer und arm. Was einer jeden gegönnt war, ihr war es versagt. Doch dies wenigstens war getan. Dies wenigstens, es war ihr Einziges, blieb.

Um so deutlicher sah Schenna. Sah, wie das Volk alles Gute, was die Häßliche gewirkt, der Schönen zuschrieb. Dies Erkennen wollte er ihr, dieses schmerzhafte Aufwachen, ersparen. Auch sah er, wie Ludwig immer mehr in Taufers sich verstrickte. Noch wehrte sich erstaunt und schwer atmend der dumpfe, hilflose Mann, der solche Wirrnis das erstemal erlebte. Noch war es Abenteuer, vorübergehend, begrenzt. Aber bald wird es, in wenigen Wochen vielleicht schon, zu spät sein, bald wird er willentlich und unlösbar verknüpft sein.

Er wollte ihn zurückhaben zu Margarete. Er wollte das Volk zurückhaben zu Margarete. Das Volk war dumm, instinktlos. Es war an sich gleichgültig, was es dachte. Jedes Tier war klüger und hatte mehr Instinkt. Aber es sollte nicht sein, daß Margarete auch dies Letzte von sich fortgleiten sah.

Er mußte vor allem dahin wirken, daß endlich diese alberne kirchliche Verfemung von ihr genommen wurde. Der Makel der kirchlich Ausgestoßenen scheuchte das Volk von ihr, scheuchte den Gatten von ihr. Denn war auch ihre Ehe mit Johann in aller Form gelöst, so daß sie der Kirche nicht mehr als Ehebrecherin galt, so war gleichwohl ihr Zusammenleben mit Ludwig vom Papste noch keineswegs sanktioniert. Die Kirche betrachtete ihre Ehe als Konkubinat, ihren Sohn und Kronprinzen Meinhard als Bastard. Belegte nach wie vor sie und ihren Mann mit dem Bann, ihr Land mit dem Interdikt. Wohl hatte der Markgraf Gesandte nach Avignon geschickt, jede Genugtuung angeboten, die der Heilige Vater fordern konnte; allein der Papst, von Kaiser Karl gehetzt, weigerte sich.

Jetzt war Klemens tot, sein Nachfolger, der sechste Innozenz, stand stark unter dem Einfluß des Habsburgers. Der lahme Albrecht mußte selber alles Interesse haben, daß seine Tochter nicht mit einem Bastard, sondern mit dem von der Kirche anerkannten Erben Tirols vermählt sei. Schenna arbeitete mit einer an ihm ungewohnten Rastlosigkeit. Fuhr von Ludwig zu Albrecht, von Albrecht zu Margarete. Von München nach Wien, von Wien nach Tirol.

Albrecht stellte Bedingungen. Er säte, er säte für die Zukunft. Seine Tochter wird durch die Vermählung mit Meinhard Anspruch haben auf das Land in den Bergen. Aber der junge Meinhard war ein Wittelsbacher. Auch die Wittelsbacher werden, in gewissen Fällen, Ansprüche machen. Es hatte sich gezeigt, daß das schwierige Land am Schluß immer dem verblieb, dem das Volk als seinem rechtmäßigen Herrscher anhing. Die Maultasch war nicht beliebt, aber als der einzige legitime Nachfahr der alten Grafen von Tirol vom Volk mit religiöser Selbstverständlichkeit als rechtmäßige Eignerin des Landes angesehen. Sie hatte darüber zu verfügen; wem sie es übermachte, der hatte das Volk auf seiner Seite. Albrecht verlangte nichts von Ludwig, dem Wittelsbacher; aber er forderte ein bindendes Testament von Margarete. Für den Fall, daß sie, ihr Gemahl Ludwig, ihr Sohn Meinhard ohne Leibeserben abgingen, solle das Land an die Herzöge von Österreich fallen. Eine Formsache. Eine reine Formsache, betonte er dem Herrn von Schenna. Dazu noch für einen höchst unwahrscheinlichen und unerwünschten Fall. Aber er war nun einmal ein Pedant; er verlangte diese, Margaretes, Unterschrift. Dafür verbürgte er sich, vom Papst für Ludwig und Margarete Lossprechung von Bann und Interdikt zu erwirken.

Schenna hielt diesen Vorschlag für sehr vorteilhaft. Ihm waren die heiteren, umgänglichen Österreicher von jeher lieber als die dumpfen, gewalttätigen Bayern.

* * * * *

Margarete saß über dem Schriftstück, allein; es war später Abend. Also den Habsburgern soll sie das Land übermachen. Nun ja, sie hat es dem Luxemburger zugebracht, dann dem Wittelsbacher; warum nicht dem Habsburger? Der lahme Albrecht war zweifellos der Klügste und Tüchtigste unter den deutschen Fürsten. Und sein Sohn, der Rudolf, kühn, entschlossen, gescheit. Tüchtige Leute, die Habsburger. Sie werden sicher auch Tirol sehr tüchtig regieren. Sie hatten Österreich, Kärnten, Krain, die schwäbischen Vorlande, Görz, verwalteten Oberbayern. Sie werden Tirol nicht schlechter verwalten.

Tirol! Ihr Tirol! Gerade erst hat sie es von Bayern losgeeist. Jetzt dann soll es zu sechs Ländern ein siebentes sein. Ein Verwaltungsobjekt für fremde Fürsten. Ihr Tirol!

Nicht hitzig. Das alles zielt sehr ins Weite. Vorläufig ist ihr Sohn noch da. Er ist nicht so gescheit und kühn wie Rudolf, wie Albrechts Söhne. Er ist, zugegeben, ein etwas belangloser junger Mensch. Aber er ist ihr Sohn. Der Urenkel des Grafen Meinhard. Was geht eigentlich jene anderen Tirol an? Und wenn ihr Sohn vollkommen verblödet wäre; er ist Tirol.

Sachte, sachte. Es will ihm ja niemand an. Für den Fall, daß er ohne Nachkommen -- Er zielt sehr ins Weite, der kluge Albrecht, der lahme, bittere. Eigentlich seltsam, daß man gerade von ihr die Unterschrift will. Ihr Mann, der Markgraf, der Kaisersohn, der Wittelsbacher: aber der kluge Albrecht will ihre Unterschrift, nicht seine.

Was Ludwig wohl darüber denkt? Tüchtig ist er auch. Er versteht sich gut mit dem Habsburger. Seltsam, daß man ihn nicht darüber befragt hat. Weiß der kluge Albrecht schon so genau, wie weit er von ihr weg ist? Früher hätte er sich mit ihr darüber ausgesprochen. Jetzt ist er fort. In Bayern. Mit Agnes. Sie schaut vor sich hin, ihr breiter, wüster Mund verzieht sich, trüb, nicht sehr bitter. Warum soll Ludwig nicht an Agnes von Flavon sein Pläsier haben? Sie ist sehr schön. Er ist nicht mehr der Jüngste. Hat sich abgerackert. Jetzt ist er Bayern los. Kann ein wenig ausschnaufen. Sie ist sehr schön. Warum soll er nicht sein Pläsier haben?

Sie erhob sich, schwer, ein wenig ächzend. Überlas noch einmal die Urkunde. Sie war lang und umständlich. »Wir Margarete, von Gottes Gnaden Markgräfin zu Brandenburg, Herzogin zu Bayern und Gräfin zu Tirol, allen Christenmenschen ewiglich, die diesen Brief je sehen, lesen oder hören jetzt und später, Unsern Gruß und die Kenntnis nachgeschriebener Dinge. Wenn es geschieht, was Gott in seiner Gnade nicht verhänge, daß Wir und der durchlauchtige Fürst, Unser herzenslieber Gemahl, Markgraf Ludwig von Brandenburg, abgehen ohne Leibeserben, die wir miteinander gewinnen, und auch wenn Unser lieber Sohn, Herzog Meinhard, abginge, was Gott nicht wolle, ohne Leibeserben, daß dann Unsere obgenannten Fürstentümer und Grafschaften, Länder und Herrschaften mit der Burg zu Tirol und mit allen andern Burgen, Klausen, Festen, Städten, Märkten, Dörfern, Leuten und Gerichten soll fallen gänzlich zu rechtem Erb und Vermächtnis den vorgenannten Unsern lieben Oheimen, den Herzögen von Österreich --«

Sie ließ das Schriftstück zurückgleiten, unbehaglich, daß es sich knisternd auf dem Tisch zusammenrollte. Sie verließ das Zimmer. Machte mit ihren schweren, schleppenden Schritten den Rundgang, den sie jede Nacht vor dem Schlafengehen zu tun gewohnt war. Einsam schleppte sich, in ihrem prunkvollen Gewand, das sonderbar leblos an ihr niederfiel, die häßliche Frau durch die Säle, Stuben, Korridore, der ungeschlachte Schatten der Kerze ihr voraus.