Die häßliche Herzogin: Roman

Part 12

Chapter 123,555 wordsPublic domain

Herr von Schenna pfiff ein italienisches Liedchen. Berchtold von Gufidaun schaute nachdenklich vor sich hin; die blauen Augen in dem männlich kühnen, bräunlichen Gesicht starrten angestrengt. Er war nicht sehr schnell im Überlegen.

An ihrem Wege, kurz vor der Stadt, zeigte eine kleine Seiltänzergesellschaft einem Häuflein Volkes ihre Kunststücke. Ein feuerfarbener Gaukler präsentierte einen großen Affen. Der hockte melancholisch und grotesk im Reifen, sprang nach dem Apfel. Dann produzierte sich ein Mädchen, tanzte, jonglierte mit Bällen. Dann kam wieder der Affe. Man hatte ihn jetzt in blaue Seide gesteckt, ihm goldenen Flitter auf den Schädel gesetzt. Er saß da, langarmig, plump, sehr häßlich, traurig, böse, fletschte gelbe Zähne in dem mächtig vorgewulsteten Maul. Das Volk starrte einen Augenblick. Dann brach es los, von allen Seiten, wiehernd, sich biegend, schenkelschlagend, Zwerchfell und alle Eingeweide schütternd, endlos, atemlos: »Die Maultasch! Das ist ja die Herzogin! Die Maultasch!«

Die Herren ritten weiter. Berchtold stieß tief verdrossen die Luft durch die Zähne. Ein Winzermädchen kam ihnen entgegen, bloßfüßig, braun, hübsch. Sie grüßte lächelnd, demütig. Berchtold sah sie nicht an, Schenna warf ihr ein paar Scherzworte zu. Doch seine Munterkeit klang nicht ganz echt. Bald versank auch er; schweigend wie Berchtold ritt er weiter, in schlechter Haltung auf seinem Pferd hockend, das lange, gescheite, welke Gesicht verzogen in etwas säuerlicher Überlegenheit.

In Ala, während die Barone Azzo und Marcabrun von Lizzana mit einem Kapitelherrn von Trient verhandelten, mitten im Satz schwankte der Ältere der Brüder, Herr Azzo; sein Gesicht wurde gelblich, lief blauschwarz an, er fiel um. In den Achselhöhlen, in den Weichen, an den Schenkeln beulte es sich schwarz, eiterig, eigroß. Er röchelte, kam nicht mehr zu Bewußtsein, starb nach wenigen Stunden. Der Tridentiner, vergraust, ritt auf gehetztem Pferd in seine Stadt zurück. Nun war sie also da, die Seuche. Nun war sie in das Land in den Bergen eingedrungen. Daß in Verona schon viere, fünfe umgefallen seien, war keine Lüge gewesen. Und jetzt war also der Schwarze Tod in den Bergen. Und jetzt gnade uns allen Gott!

Die Pest war gekommen von Osten her. Sie raste vor allem an den Küsten der See, drang dann ins Binnenland. Sie tötete in wenigen Tagen, oft in Stunden. In Neapel, in Montpellier starben zwei Drittel des Volkes. In Marseille starb der Bischof mit dem ganzen Kapitel, alle Predigermönche und Minoriten. Weite Gegenden waren ohne Menschen. Große, dreiruderige Schiffe trieben führerlos auf dem Meer, mit allen ihren Waren, die ganze Bemannung war gestorben. Gräßlich wütete die Seuche in Avignon. Die Kardinäle fielen um, der Eiter der zerdrückten Beulen besudelte ihre prunkenden Gewänder. Der Papst schloß sich in sein innerstes Gemach, ließ niemand vor, unterhielt den ganzen Tag ein großes Feuer, in dem Würzkräuter verbrannten und die Luft reinigendes Räucherwerk. In Prag in dem Schatzgewölbe seiner Burg zwischen Gold, Kuriositäten, Reliquien hockte Karl, der Deutsche König, fastete, betete.

Schaurig in die Täler Tirols brach die Pestilenz. Von den Bewohnern des Wipptals blieb nur ein Drittel am Leben, von dem menschenreichen Kloster Marienberg nur Wyso der Abt, der Priester Rudolf, ein Laienbruder und der Bruder Goswin, der Chronist. Es gab Täler, in denen von sechs Leuten nur je einer die Seuche überdauerte. Da der Atem und der Dunst, Kleider und Gerät die Krankheit übertrugen, floh jeder feindselig und voll Mißtrauen den andern, Freund den Freund, Braut den Geliebten, Kinder die Eltern. Die Menschen verröchelten ohne Sakrament, in den Städten standen viele Häuser leer mit allem Hausrat, und niemand traute sich hinein; Messen wurden nicht gelesen, Prozesse nicht verhandelt. Die Ärzte brachten vielerlei vor, vermochten aber schließlich keinen andern Grund anzugeben, als daß es Gottes Wille sei. Helfen konnten sie nicht. Die Menschen, irr vor Angst, kasteiten sich, geißelten sich, Frauen taten sich zu Schwesterbünden zusammen. Flagellantenprozessionen, Schwärmer und Propheten. Andere fraßen sich toll und voll, trieben jede Völlerei, Schwelgerei, Ausschweifung. Den blutrünstigen abgezehrten Geißelbrüdern begegneten Züge besoffener, bunter Fastnachtsnarren.

Von den drei Kindern der Margarete blieb der Sohn Meinhard leben, die beiden Mädchen starben. Sie lagen scheußlich gedunsen, mit riesigen, schwarzen Geschwüren. Margarete dachte: »Nun sind sie häßlich wie ich.«

Sie hatte nicht Zeit, sich lange zu grämen, lange darüber zu sinnieren. Sie arbeitete, ging herum, furchtlos, klar, ruhevoll. In der ungeheuern Wirrnis wurden von ihren Befehlen nur wenige und schlecht befolgt; immerhin hielt sie ihr Land fester in Ordnung und Fug, als es anderen Regierungen in der allgemeinen Auflösung möglich war. Wie dann die Pest abflaute, straffte sie sogleich die Zügel, paßte die Gesamtverwaltung des Landes den neuen, durch die Entvölkerung viel weiteren und loseren Verhältnissen an. Auch baute sie der Verschleuderung der zahlreichen erledigten Güter vor, wußte übrigens bei dieser Gelegenheit auf wohlfeile, doch nicht unanständige Art viel Boden und Besitz in ihre Hand zu bringen.

Messer Artese war sehr geschäftig, es war gute Zeit für ihn. Überall in der Welt waren Häuser und Liegenschaften, Rechte und Privilegien an Erben gefallen, die nichts damit anzufangen wußten. Er erwarb, raffte. Doch in Tirol fand er Widerstand. Gesetze, die ihn hemmten, Vorkaufsrechte des Hofs, der Behörden, zähe Klauseln. In Schloß Taufers, vor Agnes, ließ er sich gehen, brach aus, schäumte. Der Jude war, der schlaue Mendel Hirsch, an allem schuld! Der hinderte ihn, den guten christlichen Finanzmann, am Geschäft. Der hatte, nur um ihm den Knüppel zwischen die Beine zu werfen, alle diese frechen, höllisch schlauen Klauseln und Erschwernisse ausgeheckt.

Agnes ließ den Florentiner sich austoben, hörte still zu, sah ihn mit ihren tiefen blauen Augen unverwandt an. Begann dann mit ihrer gleichmütigen und erregenden Stimme zu erzählen. Sie war am Rhein gewesen. Dort hatte man in zahlreichen Städten die Juden gefangen und verbrannt. Denn die Juden hatten die Pest gemacht, sie hatten Gift in die Brunnen geworfen. Sie wußte es genau. In Zofingen hatte man Gift gefunden. In Basel war sie selbst dabei gewesen, wie man die Juden auf eine Rheininsel getrieben hatte, in ein Holzhaus, und sie darin verbrannt. Sie hatten schrecklich geschrien, der Gestank war noch lange in der Luft geblieben. Recht hatte man getan. Sie, die Verfluchten, waren wirklich schuld an der Pest. Der lahme Albrecht von Österreich freilich, der Mainzer Bischof und die Maultasch schützten ihre Juden. Agnes sagte langsam, gleichmütig, immer ihre Augen auf den Florentiner: »Die Herrschaften werden wohl ihre guten Gründe haben.«

Messer Artese hörte zu, erwiderte nicht. Kehrte unverrichteter Dinge zurück nach seinem Florenz.

Von Italien dann kroch es herauf in die Täler Tirols, schleimig, immer weiter, Geraune erst, dann immer festere Gewißheit: die Juden machen die Pest. Die Pest hört nicht auf, solang man die Juden im Land läßt. Es ballte sich zusammen. Hetze, Anschläge.

Die Juden indes gingen herum, trieben ihre Geschäfte. Es gab viele Geschäfte, große Geschäfte, sie hatten es sehr wichtig. Der kleine Mendel Hirsch lief, zappelte, gluckste gaumig, seine zahlreichen Kinder liefen mandeläugig, wichtig, selbst die uralte, mummelnde Großmutter lebte auf, fragte mühsam, lallend: »Wie gehen die Geschäfte?« Sie gingen ausgezeichnet, Gott sei Dank. Die Pest war im Abflauen, unberufen. Es gab viel zu tun, zu handeln, zu kaufen, zu vermitteln, Verträge zu machen. Schon in wenigen Wochen wird man, so Gott will, in Bozen wieder den ersten großen Markt halten können. Die gnädige Frau Herzogin -- Gott schütze sie! -- brauchte Mendel an allen Ecken und Enden.

Unterdes zog es heran, gefährlich, fletschend, sinnlos, immer schwärzer. Die Juden kannten das. So war es vor zwölf Jahren gewesen bei den großen Metzeleien der Brüder Armleder. Jetzt kam es von Südwesten her. Vergebens stellte der Papst, der weise, gütige, weltkundige Klemens, sich mit seiner Person und mit Bullen entgegen, wies darauf hin, daß die Juden ebenso von der Seuche getroffen wurden wie die andern: wie also sollten sie sie fördern? Es waren nicht die vergifteten Brunnen, es war ihr bares Gut und die Verschreibungen ihrer Schuldner, daran sie verdarben. Gemordet und geplündert die Juden in Burgund, am Rhein, in Holland, in der Lombardei, in Polen. In zwölf, in zwanzig, in hundert, in zweihundert Gemeinden. Die Tiroler Juden warteten ab. Fasteten, beteten. Den Behörden hier große Geschenke zu machen, tat nicht not. Daß die Herzogin sie nach Vermögen schützen werde, war gewiß. Auch daß der Markgraf ihnen wohlwollte wie sein Vater, der Kaiser, der Städte und Handel Fördernde, der immer seine Hand über sie gehalten. Aber es hatte sich gezeigt, daß gegen rasendes, Blut und Geld witterndes Volk kein Kaiser, kein Papst und kein Büttel half. Man konnte nur warten, beten, seine Geschäfte betreiben.

Und dann, plötzlich und am gleichen Tag, brach es los. In Riva, Rovereto, Trient, Bozen. In Riva wurden die Juden im See ersäuft, in Rovereto mußten sie unter großem Gaudium und Gelärm von einem Felsen zu Tode springen, in Trient wurden sie verbrannt. In Bozen hatte man es mehr aufs Plündern abgesehen und das Totschlagen schlecht eingefädelt. Man besorgte es unmethodisch, so blieben die mummelnde Großmutter, eine Schwiegertochter und eines von den kleinen Kindern am Leben.

Der Markgraf hatte seine Juden in München nicht schützen können; in Hall und Innsbruck trat er energisch zwischen sie und den gewalttätigen Pöbel. Er war für Gerechtigkeit und Billigkeit. Nachdem er den Toten nicht mehr helfen konnte, jagte er den Verfolgern wenigstens die Beute ab. Die Mörder hatten wenig Freude. Die bayrischen und schwäbischen Herren trieben nun an Stelle der Getöteten ihre Forderungen für den Markgrafen ein und sehr viel härter, als die Juden es hätten tun können. Schließlich mischte sich auch König Karl ein. Er wollte wie von allen Behörden, deren Juden umgekommen waren, so auch von dem Markgrafen seinen Teil an dem Nachlaß der Erschlagenen. Ein hartes Feilschen begann.

Margarete, sowie sie von den Gewalttaten hörte, fuhr in finsterer, erschreckter Hast nach Bozen. Kam in der Nacht an. Sah bei wanderndem Fackelschein das viehisch zerstörte Haus, die kleinen, liebevoll mit allem Möglichen vollgestopften Zimmer kahl, verwüstet, besudelt. Sah die Leichen der Söhne, Töchter, Schwiegersöhne, Schwiegertöchter, der vielen wimmelnden Kinder mit den raschen, mandelförmigen Augen, gräßlich verheert und verstümmelt die einen, die andern ohne sogleich sichtbare Wunden. Da lagen sie, die Flinken, Beweglichen, sehr still, und sehr still auch lag Mendel Hirsch. Er hatte einen Gebetmantel an und Gebetriemen am Arm und an der Stirn; man sah keine Wunde; im Fackellicht schien es, als lächle er demütig, wichtig, betulich, milde, gescheit. Margarete glaubte, jetzt müsse er gleich den Kopf schütteln, gurgeln, das sei gar nicht so schlimm, es sei ganz einfach; die Leute seien gar nicht so böse, sie seien verhetzt, dazu ein wenig langsam und schwer von Begriff; man müsse ihnen bloß gut zureden. Aber er sagte nichts, er zappelte nicht und gurgelte nicht und lag ganz still. Er hatte es gut gemeint, mit sich gewiß am meisten, aber auch mit ihr und dem Land, und er war gescheit gewesen und sehr tüchtig und hätte dem Land, ihren lieben Städten großen Nutzen gebracht. Nun hatten sie ihn erschlagen, plump, sinnlos, viehisch. Warum eigentlich? Sie packte mit harter, zufahrender Frage einen der Umstehenden. »Er hat doch die Pest gemacht!« sagte der, scheu, blöde, ein wenig trotzig.

Leise, in einem Winkel, quäkte das gerettete kleine Kind, die Frau, sonderbar aufgeputzt, suchte es mit häßlicher, gebrochener Stimme in Schlaf zu singen, die Großmutter mummelte. Margarete trat näher, hob die Hand, das Kind zu streicheln. Sie fühlte sich müde, elend. Sie sah im Fackellicht ihre Hand; sie war groß, unförmig, die Haut fahl, gelblich; sie hatte vergessen, sie zu schminken.

* * * * *

In München, in einem der weiten Räume der neuen Residenz, die sein Vater angelegt hatte und an der er eifrig weiterbaute, stand vor dem kühl blickenden Markgrafen Ludwig die Baronin von Taufers, Agnes von Flavon. Sie bat um die Erlaubnis, gewisse Bezirke ihrer Herrschaft veräußern zu dürfen. Als Käufer trat ein Einheimischer auf. Doch im Hintergrund lauerte Messer Artese. Dem Markgrafen war Agnes nicht sympathisch; er hatte über ihre lotterige Zigeunerwirtschaft viel Abfälliges gehört; sein mageres, bräunliches Gesicht mit dem kurzen, blonden Schnurrbart blieb verschlossen, seine grauen, etwas stechenden Augen schauten mißtrauisch.

Agnes spürte sehr wohl seine feindliche Abwehr; aber sie gab sich durchaus nicht gekränkt. Sie glitt auf und ab vor ihm, schaute ihn an mit ihren tiefen, starkblauen Augen, lächelte mit den schmalen, kühnen, sehr roten Lippen aus weißem Gesicht, war damenhaft, munter, gefällig, nicht übertrieben liebenswürdig. Langsam, vorsichtig, geübt lockerte sie ihn auf, ganz leicht sich über seine Bärbeißigkeit belustigend.

Er schaute sie an. Man hat ihr doch wohl Unrecht getan. Seine Freunde verlangten von jeder Frau, daß sie Tag und Nacht im Haushalt stecke, hinter den Dienstboten herlaufe, Herd und Leinenkammer beaufsichtige. Ein feines Stück Weib war sie, unleugbar. Zart und zier und gepflegt jede Faser und doch sehnig und voll Kraft. Er verabschiedete sie höflicher, als er sie empfangen hatte. Beschied sie für ein zweites Mal zu sich.

Sah ihr lange nach. Seufzte. Dachte an Margarete. Die war jetzt wieder schwanger. Ja, schön war sie nicht. Wenn man die andere danebenhielt und dann an sie dachte -- ein Grausen konnte einem ankommen. Klug war sie, unsere Maultasch. Die Leute hatten Respekt vor ihr. Aber sie mochten sie nicht. Wenn die andere kam, schrien sie Hoch.

Jetzt waren die beiden Mädchen gestorben. Im Volk sagten sie: Die Strafe Gottes. Er war schuld, natürlich! Weil der Papst lieber Tirol im Besitz seines verhätschelten Karl gesehen hätte, war seine Ehe Sakramentsschändung, waren seine Kinder Bastarde. Die Glocken läuteten nicht, und an Feuer, Überschwemmung, Heuschrecken, Seuche war er schuld.

Die Narren die! Die pergamentnen Esel! Die Stumpfsinnigen! War es ein so großes Vergnügen, der Mann der Maultasch zu sein? Lange hatte er keinen Blick mehr dafür gehabt, wie sie ausschaute. Heute fiel es ihn an. Das Gespött Europas war er mit einer so wüsten Frau. Da war man ein großer Fürst und Herr, der mächtigste Mann in Deutschland. Städte blühten auf und fruchtbares Gelände, wo man streichelte; fielen in Schutt, trat man zornig auf. Man hat es sich nicht leicht gemacht. Hat gearbeitet, Tag und Nacht, nach bestem Gewissen. Keine Furcht gekannt außer der Gottes. Hat seine Pflicht getan, hart und schwer, all die Tage. Was hatte man nun davon? Das Gespött Europas.

Drunten stieg Agnes in ihre Sänfte. Volk stand herum, barhaupt, bewundernd. Wäre die an Stelle der Maultasch, sie würden nicht sagen: Strafe Gottes, auch nicht bei Heuschrecken und Pestilenz.

Sah sie nicht herauf? Rasch wandte er, ein ertappter Schuljunge, sich ab.

* * * * *

Margarete genas wenige Wochen später eines toten Kindes. Der Markgraf verfinsterte sich, wurde kälter zu ihr. Nein, seine Ehe war nicht gesegnet. Nun war alle seine Hoffnung auf den einzigen Sohn gestellt, Meinhard, einen harmlosen, fetten Burschen, unbegabt, gutmütig, schwächlich, der gar nicht dem Großvater Ludwig, vielmehr dem mütterlichen Großvater, dem guten König Heinrich, nachzuarten schien.

Margarete ging schon nach einer Woche wieder an ihre Geschäfte. Sie arbeitete mit der gleichen Emsigkeit und Gewissenhaftigkeit wie früher. Doch die Lust war weg, die Städte waren nicht mehr ihr Geliebter. Der kleine, betuliche Jude, der so geschickt Leben zugeleitet hatte von überallher, war erschlagen, die Kinder, die sie geboren, waren tot. Wohin sie trat, ging alles entzwei. Nichts fügte sich, nichts blühte. Der Markgraf? Ein pflichtbewußter, kahler Herr. Ihr Sohn? Ein dicklicher, dümmlicher Alltagsjunge. Was blieb ihr?

Um diese Zeit kam Konrad von Frauenberg ihr immer näher. Der häßliche Mann mit den roten Augen und dem weißblonden Haar war der fünfte von den sechs Söhnen des Trautsam von Frauenberg, eines nicht sehr ansehnlichen bayrischen Ritters, der sich aber in einer frühen Schlacht um den Kaiser Ludwig verdient gemacht hatte. So kam der junge Konrad als Knabe Kämmerling an den bayrischen Hof, dann im Gefolge des Markgrafen nach Tirol, wo er als niederer Offizier lange Zeit im Hintergrund blieb. Seine Häßlichkeit und seine rohe, mürrische, bittere Art sonderten ihn ab; er hatte keine Aussicht, je was Besseres als ein untergeordneter Soldat zu werden, bis seine dreiste, kühne Vordringlichkeit bei der Belagerung des Schlosses Tirol ihn ins Licht hob.

Alles, was in Margarete noch an Phantasie war, an Sehnsucht nach Farbe, Buntheit, Abenteuer, alle Reste von dem, was Herr von Schenna die frühere Zeit nannte, hängte sie an den harten, häßlichen Frauenberger. Der Albino mit dem breiten Froschmaul, der knarrenden Stimme, den kurzen, groben Händen kam ihr wie eine Art verwunschener Prinz vor. Es war wie bei ihr; sicherlich war in dem plumpen Außen ein feines, zartes Innen. Man mußte ja rauh und grob werden, stak man in solcher Haut. Der Arme, Einsame, Unverstandene! Sie war besonders freundhaft zu ihm und mütterlich.

Der Frauenberger hatte sich in seiner harten, herumgestoßenen Jugend kalte, harte Verschlagenheit angeeignet. Er wußte um seine Häßlichkeit; er hielt es für ganz in der Ordnung, daß alle ihn stießen. Er hätte, wäre er nur weiter oben, auch die anderen getreten. Er glaubte an nichts auf der Welt. Geld, Macht, Besitz, Lust war das Ziel aller Menschen, Geldgier, Machtgier, Geilheit ihre Motive. Es gab nicht Lohn, nicht Strafe, nicht Gerechtigkeit, nicht Tugend. Das ganze Getriebe war ohne Sinn. Es gab Geschickte und Tölpel, im übrigen Glück oder Unglück. Er hielt es mit jenem Lied, das sachlich und überzeugt sieben Dinge als erstrebens- und besingenswert preist. Fressen ist das erste, saufen das zweite, sich entleeren des Gefressenen das dritte, des Gesoffenen das vierte, bei einer Frau liegen ist das fünfte, baden das sechste, aber das siebente und schönste ist schlafen.

Als die Herzogin ihm offenkundig ihr Interesse zeigte, zweifelte er keinen Augenblick, daß dieses Interesse nichts sei als sinnlicher Kitzel. Es war im übrigen nicht weiter verwunderlich, daß die Häßliche gerade auf ihn, den Häßlichen, verfiel. Er hatte sich beschieden; er war nüchtern, sachlich. Er hatte sich gesagt, als fünfter Sohn und mit solchem Gesicht könne man unmöglich vorwärtskommen. Er hatte aber nie aufgehört, schlau, hart, sprungbereit, scharfäugig auf der Lauer zu liegen. Jetzt lohnte sich das prächtig. Es war ein Mordsglück, daß die häßliche Vettel an ihm Feuer fing. Er wird es nutzen.

Vor seinem Burschen ließ er sich gehen, jubelte wüst, unter unflätigen Lobpreisungen der Maultasch und ihrer Gier. Er schenkte, so geizig er sonst war, dem Jungen einen Sonderkrug Weines, soff mit ihm. Bei einer Kerze, einsam mit dem Jungen, soff er die ganze Nacht. Gröhlte sein Lied von den sieben erstrebenswerten Dingen. Quäkte, aus dieser Maultasch werde er sich zu bedienen wissen. Streckte sich dann wohlig zum Schlafen. Ja, dies war das Schönste, was es gab. Er spürte seine vor Übermüdung schmerzhaften Glieder. Knackte mit den Gelenken. Sperrte das breite Maul auf. Wälzte sich, gähnte wollüstig. Schlief.

Schlau und vorsichtig ging er, aber nie zu bedenklich, seine Straße. Der Markgraf, das spürte er, mochte ihn nicht. Er blieb ihm aus dem Weg. Drängte sich auch sonst nicht vor. War nur immer da und packte im gegebenen Augenblick, wenn Margarete allein war, mit frecher Vertraulichkeit zu. So sackte er Schlösser, Herrschaften, Pflegen, Gerichte ein, wurde schließlich Landeshofmeister. Nie hätte ihm jemand, er sich selber nicht, einen solchen Aufstieg vorausgesagt. Er steckte, dreist grinsend und gefräßig, alles ein. Blieb als Landeshofmeister, was er als kleiner Offizier gewesen war. Hatte vor nichts und niemand Respekt, glaubte an nichts als an Macht, Geld, Lust.

Margarete hängte nach wie vor alle ihre Träume an den Albino. Sein scheuseliges Aussehen machte ihn zum Gezeichneten, machte ihn ihr verwandt. Es mußte, mußte in diesem breiten, fleischigen, widerwärtigen Kloß eine Seele stecken. Es kam nichts von ihm zu ihr; alle Bindung war höchstens einmal ein arges, freches, gemeines Grinsen übler Vertraulichkeit. Sie sah diese Ödnis nicht, oder sie deutete seine Leere um in bittre Resignation, in gewollte Stummheit, die ihr Zartes, Edles schamhaft versteckte und verschwieg.

Mit Besorgnis schaute Herr von Schenna zu, wie eigentlich ohne tiefere Ursache, mehr durch ein Geschehenlassen, Margarete immer weiter von dem Markgrafen wegglitt und halb gegen ihren Willen zu dem Frauenberger getrieben wurde. Der war ihm tief zuwider. Es kränkte ihn, störte ihn zumindest, daß die wählerische Margarete sich neben ihm gerade diesen Vertrauten auslas. Hatte er denn etwas gemein mit jenem? War es möglich, daß sie seine feine, kultivierte, empfindsame Skepsis zusammenwarf mit der rohen, niedrigen Leerheit und Glaubenslosigkeit des Bayern? Es kratzte seine Eitelkeit, daß Margarete ihm diesen Genossen ihres Vertrauens gab.

Sonst ging es Herrn von Schenna jetzt sehr gut. Die Seuche war nicht an ihn herangekommen. Er hatte geerbt, hatte auch sonst die Zeit nach der Pest genutzt, seine herrlichen Besitzungen auszubauen und abzurunden. Auf seinen Schlössern lebte er fein und behaglich, zwischen Bildern, Büchern, Schmuck und Pfauen, lehnte nach wie vor jedes Amt ab, schaute fröhlich und besinnlich über seine weiten Obstgärten, Äcker, Weinberge, wurde täglich milder, weiser, ruhte ganz in sich wie eine gepflegte, reifende Frucht. Der Abt Johannes von Viktring, der jetzt Sekretär des Herzogs Albrecht war und übrigens nachgerade recht alt und wackelig wurde, konnte beinahe den ganzen Horaz auf ihn zitieren.

Er hätte, aus seiner Ruhe und Befriedigung heraus, Margarete gern geholfen. Er versuchte, die Bindung zwischen ihr und dem Markgrafen wieder fester zu ziehen. Solchen Versuchen war sehr förderlich, daß der Druck leichter wurde, den der Kirchenbann auf Margaretes Ehe legte.

Herzog Johann nämlich, der Luxemburger, war es längst müde, in Wahrheit ledig, vor der Kirche aber ein verheirateter Mann zu sein. Seine Stellung hatte sich durch die kluge Politik seines Bruders, des Königs Karl, sehr gebessert; er gedachte sie durch eine neue geschickte Heirat vollends zu festigen. Vorerst aber mußte er zu diesem Zweck legitim und in aller Form von Margarete geschieden sein. Er bat sie um eine Zusammenkunft. Er wolle gemeinsam mit ihr eine Formel finden, die, beiden genehm, weder ihn noch sie demütige. Ihre Interessen seien die gleichen. Dies lag auf der Hand, und Margarete war bereit, ihn zu empfangen.