Part 11
Fürs erste aber sah er sich nach irdischen Alliierten um. Unterhandelte mit Ungarn, mit dem lahmen Albrecht. Karl hatte für sich Legitimität, Titel, Kirche, Religion, Sympathien, Ludwig die Macht. Ihre Länder grenzten aneinander; beide aber waren sie wägend und bedacht und verhüteten, daß hier Krieg losbrach. Der findige, anschlägige Karl glaubte vielmehr, die schwache Stelle des Wittelsbachers ganz woanders herausgefunden zu haben: in Tirol.
Hier hatten die Bischöfe von Trient und Chur, denen Markgraf Ludwig verhaßt war, unablässig gewühlt und gezettelt. Die Feudalbarone, knirschend gegen die Brutalität und die Rechenhaftigkeit der Wittelsbacher, warteten nur darauf, die Luxemburger zurückzurufen. Auch die großen lombardischen Stadtherren, die Carrara, Visconti, della Scala, Gonzaga, sahen die bedrohliche Nachbarschaft Kaiser Ludwigs mit tiefer Besorgnis. Der kluge, vorsichtige Tägen von Villanders vereinigte geschickt die Interessen dieser drei Oppositionsparteien. Er selber war Landeshauptmann von Tirol, der Markgraf begünstigte ihn, hielt ihn für zu gefährlich und zu einflußreich, mit ihm anzubinden. Allein der elegante Herr hatte feine Witterung; er spürte sehr gut, wie unsympathisch er dem Markgrafen war, wie der immer mehr Befugnisse seinem brutalen Freund, dem Konrad von Teck, und den anderen schwäbischen und bayrischen Herren übertrug.
Er sandte Botschaft an König Karl. Kuriere, immer dringendere. Die Truppen der Bischöfe stünden zu seiner Verfügung, die lombardischen Söldner, die Kontingente der Barone. Karl entschloß sich. Die Gelegenheit konnte nicht besser kommen. Markgraf Ludwig kämpfte hoch im Norden, in Preußen. Möge er sich Ruhm gegen die Heiden erwerben. Tirol jedenfalls hatte weder Truppen, noch seinen Herrn.
Es kam über Karl etwas von dem abenteuerlichen Geist seines Vaters. Heimlich brach er auf, von drei Vertrauten begleitet, alle vermummt, als Kaufleute reisend mit lombardischen Pässen. Reiste im schärfsten Frost, auf verschneiten Bergpfaden. Stand unerwartet in Trient. Feierliches Hochamt im Dom. Karl in kaiserlichem Ornat. Die Insignien freilich, Reichsapfel, Zepter, Schwert, leider nur Ersatz; die echten hielt der Wittelsbacher in strenger Hut. Glocken, Weihrauch. »_Gloria in excelsis_,« sang mit seiner fanatischen Stimme der finstere Bischof Nikolaus, sangen die Knaben. Karl hielt Parade ab: die Truppen des Bischofs Nikolaus, der italienischen Städte, des Bischofs von Chur, des Patriarchen von Aquileja, zahlreicher südtirolischer Barone, seines Bruders Johann, des rachgierigen. Mächtig brach er auf, nahm Bozen, nahm Meran. Lagerte dick und gewaltig vor Schloß Tirol.
Hier war Margarete allein auf sich angewiesen. Der Markgraf und Konrad von Teck waren fern in Preußen, der Landeshauptmann Tägen von Villanders ließ sich nicht auffinden. Die Unterführer zögerten, verwiesen, fragte man sie: Ist die Burg zu halten? auf Gott, wälzten alle Entscheidung stets wieder auf Margarete zurück. Immer dichter und enger schloß sich der Kreis der Belagerer.
Margarete ging herum in grimmiger Ruhe. Ihr Gatte Johann, der kleine, tückische Wolf, war vor dem versperrten Tor gestanden, und sie hatte ihn nicht hereingelassen. Jetzt kam er mit Gewappneten und Geschwadern und allem Pomp des Kriegs, sich den Eingang zu erzwingen. Sie hatte aus ihrer Vernichtung die Trümmer leidlich wiederzusammengestückt, hatte sich eine Ehe aufgebaut, hatte ihr Land und ihr Leben einigermaßen wieder in Ordnung und Fug gebracht. Es war nichts Großes, Schönes, Leuchtendes. Es war ein armseliges, mitgenommenes Stück Leben, Flickwerk hier, hier Ersatz, dort Lücke und Verzicht. Aber es war wohlerworben, war gerettet aus Schlamm und Nichts, war umzäunter, gesicherter Besitz. Und nun kamen jene Erbärmlichen ein zweites Mal und wollten es ihr entreißen! Oh, sie wird es dem geduckten, hintertückischen Karl zeigen und dem Johann, dem boshaften, lauersamen Wolf.
Sie wußte, es kam darauf an, die ersten Tage auszuhalten. Sie hatte nicht viele, aber zuverlässige Truppen. Organisierte selber den Widerstand. Sie war nicht feig, trug -- alle sahen das -- keinen Augenblick Bedenken, sich zu exponieren. Ihr Wille, ihre hinreißende, umsichtige Energie ging über auf die Besatzung. Die ersten Stürme wurden sachlich und ohne große Opfer abgeschlagen; unter den Truppen des Schlosses herrschte eine gewisse grimmige Scherzhaftigkeit; die Markgräfin wurde vertraulich verehrt und bewundert. »Unsere Maultasch!« sagten die Soldaten.
Ein Bayer war unter ihren Offizieren, ein junger, häßlicher Mensch, ein Albino, Konrad von Frauenberg. Die andern mieden ihn wegen seines abstoßenden, frechen, mürrischen Geweses. Margarete fiel er gerade dadurch auf. Sie übertrug ihm das Kommando der Verteidigung, verstand sich gut mit ihm. Fand ihn kurz und energisch von Wort und Sitte, wo die andern nichts sahen als mürrische Anmaßung. Er wiederum rühmte mit dreister, karger, quäkender Anerkennung ihre Tatkraft, ihre Anordnungen.
Die Belagerer wurden von Tag zu Tag verdrossener. Es war klar: das Land konnte nur im Flug genommen werden oder gar nicht. Jetzt lag man da, vor unerwartetem Hemmnis, belagerte eine Frau, die häßliche, verachtete Herzogin, die Maultasch, kam nicht vorwärts. Unflätig schimpfte, fluchte Johann. Herr von Schenna hatte das Gerücht verbreitet, die Luxemburger wollten Tirol nur, um es an die Visconti zu verschachern, an die Mailänder; sie hätten bereits heimlichen Vertrag gemacht. Die tirolischen Hilfstruppen faßten Mißtrauen, murrten auf, hielten keine Zucht mehr, verliefen sich. Der kluge, vorsichtige Tägen von Villanders zog sich von den Luxemburgern zurück, wurde unauffindbar auch für sie. Schon stand der Markgraf, in Eilmärschen von Norden kommend, in Bayern, wo der Kaiser ihn mit vielen Regimentern verstärkte. Als er in Innsbruck eintraf, war plötzlich Herr von Villanders in seinem Lager, sagte, ja, er habe mit dem Gedanken gespielt, zu König Karl überzugehen, habe sich aber jetzt reuig eines Besseren besonnen, ehe noch ein entscheidender Schritt geschehen. Bat um Verzeihung, führte dem Markgrafen, dem hart und steif blickenden Konrad von Teck, seine Truppen zu.
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Karl schluckte an dem unvorhergesehenen Hemmnis, preßte die Lippen, würgte. Es war unbegreiflich, daß seine wohlgerüstete Armee vor diesen Mauern scheitern sollte. Woher nahm die Frau, diese im Grunde doch lächerliche Maultasch, die Kraft? Er war tief beunruhigt, betete, erforschte sein Gewissen. In Trient hatte man ihm einen Finger des heiligen Nikolaus vorgezeigt. Er hatte die kostbare Reliquie erwerben wollen -- eine Hand des Heiligen besaß er bereits --, aber man gab den Finger nicht her. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, zog kurz entschlossen sein Messer heraus, schnitt ein Glied des Fingers ab, nahm es mit sich. Vielleicht hatte das den Heiligen verdrossen, vielleicht hielt der das Glück von seinen Fahnen ab und wog es der Feindin zu. Karl schickte mit einem weitschweifigen Entschuldigungsschreiben den Knochen zurück.
Allein, es half nicht mehr, seine Reue kam zu spät. Der Markgraf war nahe. Nahm man den Kampf erst an, so war große Gefahr, daß der Rückweg nach Italien abgeschnitten würde. Karl hob sich weg von Schloß Tirol. Trat den Rückzug nach Süden an, in verbissener Wut. Es kläffte Johann, es schäumten die italienischen Barone. Karls Straße war Raub, Brand, Verwüstung. In Asche Meran, in Asche Bozen, überall im Etschland die Äcker verwüstet, die Reben abgeschnitten, die Häuser zerstört.
Klirrend unterdes ritt der Markgraf in Schloß Tirol ein. Umarmte Margarete stürmisch, ehrlich. Nie hatte man ihn so herzlich gesehen. Sie hatte, sie allein, Tirol gerettet. »Unsere Maultasch!« sagte der Markgraf zu Konrad von Teck, ihr die Schulter klopfend. »Unsere Maultasch!«
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Konrad von Teck nützte die Gelegenheit, den einheimischen Adel bis zur völligen Machtlosigkeit zu demütigen. Margarete spürte die ganze, überlegte Grausamkeit seiner Maßnahmen. Doch sie ließ ihn gewähren, hatte nie Einwände. Seitdem sie Tirol für die Wittelsbacher gerettet, fühlte sie sich ihrem Gatten herzlich und von innen her verbunden. Sie fühlte sich eins mit dem Land, ihr eigenes, leibliches Wohlbefinden verlangte, daß das Land nach wittelsbachischen Grundsätzen verwaltet werde: der Adel geduckt, Städte und Bürger gehoben. Langsam richtete sie sich auf, zusammen mit dem Land, befreit von dem Druck der Barone.
Sie saß auf ihrem Schloß Maultasch. Sie bohrte sich, wühlte sich in das Land hinein. Sie hatte nun drei Kinder, zwei Mädchen und den Knaben Meinhard. Sie besorgte sie treulich; aber sie hatte nichts mit ihnen gemein. Das Land war ihr Fleisch und Blut. Seine Flüsse, Täler, Städte, Schlösser waren Teile von ihr. Der Wind seiner Berge war ihr Atem, die Flüsse ihre Adern.
Einmal ging sie im Mittag allein spazieren, am Ufer der Passer, legte sich unter Felsen, ruhte, nickte ein. Da weckte sie eine hohle, feine Stimme. »Grüß' Gott, Frau Herzogin!« Sie fuhr auf, sah ein winziges, kleines, behaartes, bebartetes Wesen im Geklüfte stehen, sich mit raschen, zutraulichen, possierlichen Bewegungen viele Male neigen, verschwinden. Ein Zwerg! Die Zwerge waren wieder im Land! Die Zwerge, die nur kamen, wenn sie sich sicher fühlten, die nur dem wirklichen Fürsten sich zeigten, waren ihr sichtbar. Jetzt war sie in Wahrheit die Herrin des Landes in den Bergen.
König Karl verließ bald, nachdem er die Belagerung von Schloß Tirol aufgegeben hatte, das Land in den Bergen. Mit mancherlei Reliquien, aber sonst geringem Gewinn. Er verfehlte nicht, auf seinem Rückzug vor allem noch die Grafen von Görz gegen den Brandenburger aufzustacheln; auch verlieh er, dem Beispiel seines Vaters folgend, an Fürsten und Herren viele tirolische Städte und Gerichte, die er nicht besaß, so dem Wittelsbacher immer neue Feinde aufwühlend.
Nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er für die Mißerfolge in Tirol bald reichlich entschädigt durch eine unerwartete Wendung im Kampf um das Reich. Ganz plötzlich, auf einer Bärenhatz, in der Nähe seiner Hauptstadt München, starb Kaiser Ludwig, der Wittelsbacher. Ein Schlaganfall warf den vollblütigen Mann vom Pferd, eine alte Bäuerin drückte ihm die riesigen, treuherzigen, blauen Augen zu, Mönche führten die Leiche heimlich fort, sie trotz Bann und Interdikt geweiht und heilig zu bestatten.
Da stand nun Karl von Böhmen, und sein Feind, der die weiten Länder unter sich hatte und dem die Städte anhingen, war tot. Die Heiligen hatten geholfen. Er, Karl, stand jetzt, da das Jahrhundert sich scheitelte, als unbestrittener Deutscher König ohne Nebenbuhler.
Er war des Streites mit den Wittelsbachern müde, sie des Streites mit ihm. Der lahme Albrecht vermittelte. Karl verzichtete gleichwie sein Bruder Johann auf Tirol und Kärnten, belehnte den Markgrafen mit diesen Ländern, versprach, die Kurie mit ihm auszusöhnen. Die Wittelsbacher dagegen erkannten ihn als Deutschen König an, leisteten ihm Huldigung, lieferten ihm die Reichskleinode aus.
Die Reichskleinode! Karl hatte sich schmerzhaft danach gesehnt. Er besaß so viele teure Reliquien, nicht diese kostbarsten Zeichen der Macht, die ihm gehörte. Er hatte sich und seine Würde nackt und bloß gefühlt, solange er sie nicht besaß und sich mit nachgemachtem Zeug begnügen mußte. Jetzt führte er die süßen, werten Dinge in feierlichem Zug nach Prag in seine Schatzkammer. Die heilige Lanze war darunter, auch ein Nagel von der Kreuzigung, sowie ein Arm der heiligen Anna. Vor allem aber das altertümliche Zepter, der Reichsapfel von hellem, blassem Gold, die zackige Krone, das Schwert, das Karl dem Großen durch einen Engel gegen die Heiden geschickt worden war. Im Dom von Prag ließ der König die Kleinode weihen. Dann brachte er sie selbst in das Schatzgewölbe. Da lagen sie nun unter den bleichen Knochen der Märtyrer, unter Juwelen, unter kostbaren Büchern und Bildern, unter Akten und Verträgen, unter heiligen Spießen, Dornen von Christi Krone, Splittern von Christi Kreuz. Der hagere König stand davor, lächelte mit schmalen Lippen, streichelte mit der mageren, knochigen, bräunlichen Hand die Zinken der Krone, die merkwürdigen Kanten des unregelmäßigen, keineswegs runden Reichsapfels, das stumpfe, rostige Schwert des großen Karl, des Ersten seines Namens.
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Agnes von Taufers-Flavon kam selten auf ihre tirolischen Güter. Auch ihre jüngere Schwester hatte sich mittlerweile vermählt, mit einem Herrn von Castelbarco, der politisch sehr zweideutig war, zwischen dem Bischof von Trient, gewissen italienischen Stadtherren und dem tirolischen Hof hin und her pendelte, im übrigen außerordentlich reiche Pflegen und Privilegien besaß. Agnes reiste viel, lebte häufig bei ihrer älteren Schwester in Bayern, bei ihrer jüngeren in Italien. Man hatte sie nach der Austreibung Herzog Johanns nicht weiter behelligt; in allen Fragen, die zwischen ihr und der markgräflichen Verwaltung strittig sein konnten, gaben auf ihre kluge Weisung ihre Amtsleute nach, ehe es zu Streitigkeiten kam. Sie ging zu Hofe nicht öfter, als es der Anstand erforderte, vermied es peinlich, aufdringlich zu erscheinen.
Sie war jetzt von erregender, bewußter, fast beängstigender Schönheit. In Italien legte man ihr Städte und Fürstentümer zu Füßen, schlug sich tot für sie. Selbst die plumpen Bayern schnalzten mit der Zunge, klatschten sich die Schenkel, erklärten: ah, da lege man sich nieder, begingen Dummheiten für sie. Sie schritt liebenswürdig mit kleinem, vieldeutigem Lächeln durch die Huldigungen, Kämpfe, Selbstmorde.
Erschien sie selten am tirolischen Hof, so zeigte sie, wo immer sie war, das brennendste Interesse für die tirolischen Dinge. Gierig hörte sie, mit halbgeöffneten Lippen, von Margaretes Tätigkeit. Ihre Maßnahmen gegen den Adel, für die Städte, für die Juden, ihre Verteidigung gegen die Luxemburger, jeden kleinsten Zug aus Margaretes Leben ließ sie sich berichten, wieder und wieder erzählen. Niemals indes griff sie mit einem Wort oder gar mit einer Tat ein. Forderte man ein Urteil von ihr, so bog sie aus, sagte Belangloses, lächelte.
Sehr gern zeigte sie sich dem Volk. Sie war hochmütig, sie erwiderte keinen Gruß. Niemals stiftete sie Geld für die wohltätigen Anstalten der Dörfer und Städte; auch die Bauern ihrer Güter wurden schlecht behandelt. Dennoch sah das Volk sie gern. Man stand an ihrer Straße, wenn sie kam, bewunderte sie, schrie hoch, liebte sie.
Häufig erhielt sie den Besuch des Messer Artese aus Florenz. Agnes lebte sehr verschwenderisch, sie brauchte immer von neuem die Hilfe des unscheinbaren, oft sich neigenden Florentiner Bankiers, der Pfandrecht bereits auf alle Güter hatte. Messer Artese erzählte ihr viel vom Tiroler Hof. Er war gar nicht gut auf den Markgrafen und die Maultasche zu sprechen. Wohl war Ludwig immer in finanziellen Nöten; denn seine Kriege verschlangen gewaltige Summen. Aber er lieh sich von seinen bayrischen und schwäbischen Herren, vermied ängstlich die Hilfe des guten, dienstbereiten Messer Artese; ja, er löste sogar mit Opfern die Pfänder aus, die dieser noch in Händen hatte. Auch die gewalttätige Art, mit der des Markgrafen Statthalter Konrad von Teck Geld und Gut an sich zu bringen pflegte, diese Konfiskationen und Hinrichtungen gingen dem stillen, höflichen Florentiner sehr wider den Strich. Geld verdienen, gewiß; Geld, wenn es nicht gestohlen ist, kommt von Gott. Säumige Schuldner nicht schonen, verfallene Pfänder eintreiben, selbstverständlich. Aber alles mit Manier, höflich, in guten Formen. Gefängnis, Kopf ab -- pfui, das tut man nicht, das schickt sich nicht.
Am meisten aber war Messer Artese erbittert über die Bevorzugung des Juden Mendel Hirsch. Was? Ihm, dem stillen, bescheidenen, gebildeten lateinischen Herrn und guten Christen zog man den stinkenden, zappelnden, gurgelnden, frechen, aufdringlichen Juden vor, den widerwärtigen Höllenbraten? War es nicht genug, daß dieses pestilenzialische, gottverfluchte Volk, das unsern lieben Herrn und Heiland gemartert und gekreuzigt hat, die deutschen und die italienischen Städte verseuchte? Mußte ihnen die unselige Maultasch auch noch das Land in den Bergen hinwerfen, daß sie hineinkrochen wie Würmer, alles anfraßen, nicht mehr wegzubringen waren? Da saßen sie nun, das ekle Geziefer, waren überall zur Stelle, drängten jedermann ungerufen ihr Geld auf und erdreisteten sich, das elende, erbärmliche Gesindel, niedrigere Zinsen zu verlangen als er, der hochangesehene, ehrsame, bei allen Fürsten und Herren wohlgelittene Florentiner Bürger! Das Gesicht des sonst so sanften, gesitteten, beherrschten Mannes verzog sich zu einer Fratze maßlosen Wütens.
Agnes hörte ihm still zu. Sie hörte alles, schrieb es in ihr Gedächtnis, bewahrte es wohl auf, war außerordentlich liebenswürdig zu Messer Artese. Der fing sich wieder ein, entschuldigte sich viele Male, glitt ins Dunkle.
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Nach dem Abkommen mit König Karl bestritt niemand mehr Margarete und dem Markgrafen den sicheren Besitz von Tirol. Durch den Tod seines Vaters, des Kaisers, war Ludwig in mannigfache, schwierige Erbstreitigkeiten mit seinen Brüdern gekommen. Schließlich einigte er sich dahin, daß er aus diesem Erbe Oberbayern tatsächlich, von der Markgrafschaft Brandenburg aber nur den Titel und die Kurwürde behielt. Der Sorge um Brandenburg ledig, regierte er in seinem gesicherten Tirol; seine Macht reichte von Görz bis ins Burgundische, von der Lombardei bis an die Donau. Er nannte sich Markgraf zu Brandenburg und zu Lausitz, des Heiligen Römischen Reichs Oberster Kämmerer, Pfalzgraf bei Rhein, Herzog in Bayern und in Kärnten, Graf zu Tirol und zu Görz, Vogt der Gotteshäuser Agley, Trient und Brixen.
Margarete war zu ihm von herzlichem, fast mütterlichem Einverständnis. Es war ihr Gewißheit geworden, Gott hatte ihr alle fraulichen Reize genommen, daß sie all ihre Fraulichkeit in ihre Regentschaft senken müsse. Solche Erkenntnis hatte sie befriedet. Sie lag ganz in Ruhe wie windstilles Wasser. In ihren Entscheidungen war eine große, gerade Selbstverständlichkeit. Die Frau und die Regentin war eines. Was sie riet, was sie tat, war nie erklügelt, umwegig. Es war von einer geraden, gewachsenen, warmen Mütterlichkeit, die oft nicht dem Buchstaben, der Regel entsprach, aber stets ihren inneren, wohltätigen Sinn hatte.
Es war ein schwieriges, steiniges Regiment, das sie zu führen hatte. Immer wieder Krieg: mit dem Luxemburger, den Bischöfen, den lombardischen Städten, den aufsässigen Baronen. Immer wieder das sorglich Aufgebaute niedergerissen, verheert. Dazu Erdbeben, Überschwemmungen, Feuersbrünste, Seuchen, die Heuschreckenplage. Die Finanzen durch die ständigen militärischen Ausgaben übel zerrüttet. Es war nicht leicht, unter diesen Widernissen das Land blühen zu machen. Aber ihre starke, Vertrauen atmende und gebende Fraulichkeit strömte ein in das Land, hielt es hoch, gab ihm immer neuen Schuß und Saft. Sie schuf Ausgleich, befreite Städte, die durch Krieg und Brand gelitten hatten, von den Abgaben, zwang trotz ihrem Murren die störrischen Barone, wenigstens einen Teil ihrer Steuern zu zahlen. Dies alles geschah mit einer gewissen natürlichen Gesetzmäßigkeit, ohne Geschrei und Gewalt.
Hatte sie schwierigere Finanzfragen zu regeln, so zog sie den Juden Mendel Hirsch zu Rate. Flink erschien er in seinem braunen Rock, dick, zappelnd, betulich, hörte Margarete zu, wiegte den Kopf, lächelte, sagte, das sei ganz einfach, gurgelte in vielen umwegigen Worten eine überraschende Lösung. Der kleine, umgetriebene, über die Erde gehetzte Mann war der Herzogin sehr dankbar für ihr Wohlwollen, das ihm eine einigermaßen sichere Ruhestätte und ein Dach über dem Kopf gönnte. Er liebte sie, er spürte sich ein in sie, er strengte alle seine Findigkeit an für sie.
Denn es war schwer, sich in der ökonomischen Wirrnis der tirolischen Verwaltung oben zu halten. Zwar hatte man die Willkür der einheimischen Feudalherren gedämmt, auch den unheilvollen Messer Artese ausgeschaltet. Aber der Markgraf trug kein Bedenken, die großen Gelder, die er brauchte, von seinen schwäbischen und bayerischen Herren zu entleihen. Die ließen sich als Entgelt skrupellos Verpfändungen und Verschreibungen geben, rafften immer mehr an sich, so daß schließlich nichts gewonnen war. Im Gegenteil: hatten früher wenigstens Einheimische das Land ausgesogen, so mästeten sich jetzt Fremde, Bayern und Schwaben. Sie saßen in allen wichtigen Landesämtern, der habgierige, gewalttätige Konrad von Teck hatte ungeheuern Besitz an sich gerissen, Hadmar von Dürrenberg die Salzrechte von Hall, etliche Münchner, Jakob Freimann, Grimoald Drexler und andere Bürger, die Bergwerke im Gericht Landeck. Auch sonst die wichtigsten Zölle und Gefälle waren an Bayern, Schwaben, Österreicher verpachtet. Der Markgraf ließ sich hier nichts einreden. Er vertraute seinen Bayern und Schwaben, die nutzten das aus. Immerhin gelang es Mendel Hirsch, der sich vorsichtig, gedeckt von Margarete, im Hintergrund hielt, in die Verträge mit diesen Herren Klauseln einzuflechten, die den Fürsten nicht ganz wehrlos ihrer Willkür auslieferten.
Margarete blieb den bayrischen Freunden ihres Gatten gegenüber stets sehr zurückhaltend. Nur mit einem wurde sie vertrauter, mit jenem Offizier, durch dessen Hilfe sie damals Schloß Tirol gegen die Luxemburger gehalten hatte, mit dem Weißblonden, Häßlichen, Gedrungenen, Rotäugigen, mit Konrad von Frauenberg. Er war so häßlich, so unbeliebt, so einsam. Sie spürte Verwandtschaft zwischen sich und ihm, sie sprach vertraulicher zu ihm als zu den andern, zeichnete ihn aus. Der quäkende, unwirsche Mann kam rasch vorwärts, bekam Pflegen und Herrschaften. Ja, sie setzte es durch, daß er die Landeshofmeisterstelle erhielt.
Auch ein anderes erreichte sie: den Erlaß einer Landesordnung. Tarife wurden festgesetzt, Willkür und Gerichtsbarkeit der Feudalherren weiter eingeschränkt, die Zentralgewalt gestärkt, Bürger, Handel, Handwerk gefördert. Aufblühten da die bunten, farbigen Städte, dehnten sich, wurden breit, üppig. Nicht mehr die Burgen der Barone machten das Schicksal des Landes; die Magistrate entschieden, die stolzen Messen der Städte. Selbst die Kleinen regten sich: Bruneck, Glurns, Klausen, Arco, Ala, Rattenberg, Kitzbühel, Lienz. Von den großen Börsen und Märkten, von Trient, Bozen, Riva, Brixen zweigten Straßen und Geschäft über alle Welt. Was Mendel Hirsch gesät hatte, ging reich und blühend auf.
Die Herzogin liebte die bunten, lauten, lärmvollen Städte; die schönen, lebendigen, sinnvollen Siedlungen waren recht eigentlich ihr Werk. Was Männer! Was Liebe! Konnte man reicher leben, strömen, blühen, sich zweigen als so? War dieses Auf und Nieder, dieses lebendige, zweckvolle Fluten nicht ein Teil von ihr? Sie gab sich ganz hin, wuchs hinein. Mußte das Land das nicht spüren, so viel Liebe zurückgeben, sie in sich hineinwachsen lassen? Ja! Ja! Ja! Die Häuser der Städte schauten mit lebendigen, verständnisvollen Augen auf sie, die Straßen klangen anders, vertrauter unter den Hufen ihrer Pferde. Ihre Verkrustung löste sich, sie gab sich hin, verströmte im andern, war befriedet, glücklich.
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Herr von Schenna und Berchtold von Gufidaun ritten gemächlich im lauen Abend den gepflegten Pfad nach Burg Schenna. Sie kamen von Meran, wo die Herzogin in prunkender Zeremonie dem Großen Rat einen Kleinen beigegeben, die Rechte der Bürgerschaft wirksam erweitert hatte. Dies war ein Geschenk von großem Wert, für die Herzogin verbunden mit Opfern an Geld und Einfluß. Das Volk hatte geziemend und ehrerbietig gedankt, hatte hoch gerufen, respektvoll »Unsere Maultasch!« gesagt.
Die Herren mußten absteigen, Platz machen vor einem kleinen, eleganten Zug. Sie grüßten sehr höflich. Agnes von Flavon saß in der Sänfte. Volk drängte zu: »Wie schön sie ist! Ein Engel vom Himmel!« Man schrie hoch, es klang sehr anders als vorher bei der Zeremonie, hingerissen, begeistert.