Die großen Mächte

Part 1

Chapter 13,372 wordsPublic domain

Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net

[ Symbole für Schriftarten: ~Antiqua~ : =gesperrt= ]

Die großen Mächte

Von Leopold von Ranke

Neu herausgegeben von Friedrich Meinecke

Im Insel-Verlag zu Leipzig

Einführung

Rankes Aufsatz »Die großen Mächte«, der zu den Kleinodien unsrer Nationalliteratur gehört, erschien im Jahre 1833 und eröffnete den zweiten Band der von ihm herausgegebenen »Historisch-politischen Zeitschrift«. Er trat mit dieser Zeitschrift aus der Stille der Forschung, in der er bisher gelebt hatte, auf den Kampfesboden der politischen Parteien in Preußen und Deutschland, nicht um sich einem der beiden miteinander ringenden Heerlager anzuschließen, sondern um beiden einen höhern Punkt zu zeigen, von dem aus die beanspruchte Allgemeingültigkeit und dogmatische Sicherheit der hüben und drüben aufgestellten Parteiideale verblassen mußten und viel größere und lebendigere Erscheinungen dem Blicke aufstiegen. Hie Autorität, hie Volkssouveränität, so war nach der Julirevolution der Gegensatz der Meinungen. Alles politische Leben sollte darin aufgehen, sei es den von Gott gewollten, sei es den vom Volke gewollten Staat zu verwirklichen. Im letzten Grunde kämpften dabei die alten und die neuen Schichten der Gesellschaft um die Macht im Staate. Aber sie führten diesen realen Kampf mit einer Ideologie, die das Wesen des Staates selbst gefährdete, schon weil sie den innern sozialen Gegensätzen eine politische Schärfe und geistige Unduldsamkeit gaben, die ihr Zusammenwirken im Dienste des Ganzen unmöglich machten. »Die Extreme geben den Ton an,« schrieb Ranke in dem Plane für die neue Zeitschrift, »das eine vielstimmiger als jemals: trotzig auf die Siege, die es erfochten hat, und auf den Beifall der großen Menge; das andre zwar in heftiger, aber unleugbar schwacher und nur immer aufreizender Opposition. Es sind zwei Schulen, die sich bekämpfen: weit und breit, in mancherlei Nuancen, haben sie den Boden eingenommen. Die Scholastik der mittlern Jahrhunderte beschäftigte sich, die intellektuelle Welt ihren Distinktionen zu unterwerfen: diese neue Scholastik ist bemüht, die reale Welt nach ihren Schulmeinungen einzurichten.« Ranke war nicht gemeint, den Wahrheitsgehalt, den die damalige liberale wie die damalige konservative Staatsansicht in sich hegen mochten, zu bestreiten; nur ihrem Anspruch auf Alleinherrschaft wollte er sich widersetzen. Er wollte ihnen zeigen, daß der Staat nicht nach Schulmeinungen, sondern durch reale Kräfte geschaffen wird, daß es deswegen keinen Normalstaat gibt, sondern daß jeder Staat eine lebendige, individuelle Wesenheit für sich ist, die sich nach eigenen Gesetzen und Bedürfnissen entwickelt. Dies Programm des modernen historischen Realismus wurde damals nur von wenigen verstanden. Aber es wurde von Bismarck in die Tat umgesetzt und ist durch Ranke zur Grundlage alles echten historischen, durch Bismarck zur Grundlage alles unbefangenen politischen Denkens geworden. Neue Schulmeinungen und Ideologien sind seitdem wohl wieder aufgestiegen und haben es zurückdrängen wollen. Die neueste Ideologie dieser Art ist uns im Weltkriege entgegengetreten, wo unsre Gegner aus dem Versuche der alten fundierten Weltmächte, die neue werdende Weltmacht zu unterdrücken, einen Kreuzzug der internationalen Demokratie gegen den rückständigen autoritären Militarismus machen möchten. Aber diese neuen Ideologien sind viel dünner und dürftiger gewebt als die alten, mit denen Ranke und Bismarck sich auseinanderzusetzen hatten. An der Wahrheit der Dinge zerreißen sie. Die damaligen Ideologien waren ganz ehrlich gemeint; an die heutigen können nur die beschränktesten unter unsern Gegnern ehrlich glauben. Die Melodie der Rankeschen »großen Mächte« und ihrer Kämpfe um Existenz, Individualität, Unabhängigkeit und Ausbreitung tönt so gewaltig wie noch nie aus diesem Weltkriege.

Die Rankeschen Lehren sind in Deutschland reicher aufgegangen als in andern Ländern. Man fühlt das dort wohl, aber man macht uns daraus den Vorwurf, daß wir uns einem naturalistischen Kultus der Macht ergeben und die frühere deutsche Geistigkeit eingebüßt hätten. Rankes Aufsatz beleuchtet das wahre Verhältnis der beiden großen, durch die Namen Goethe und Bismarck bezeichneten Epochen unsres modernen Nationallebens und ist ihr organisches Bindeglied. Er zeigt, daß im Völkerleben geistige Werte nicht ohne Machtwerte und dauerhafte Machtwerte nicht ohne geistige Werte erzeugt werden und, um mit ihm zu sprechen, beide »auf das genaueste zusammengehören«. Die Machtpolitik der einzelnen Staaten erscheint in dieser Skizze wie überglänzt von den geistigen Kräften der Nationen.

Ranke gibt in ihr wie überhaupt in seinen Darstellungen der auswärtigen Politik den breitesten Raum. Dabei kommen neben den politischen Momenten die literarischen stärker zum Ausdruck als die wirtschaftlichen und sozialen, die uns heute unentbehrlich scheinen zum vollen Verständnis der Staats- und Nationalentwicklungen. Aber Geschichtschreibung im höhern Sinne ist nun einmal individuelles Bedürfnis und individuelle Kunst. Ebensowenig wie es Normalstaaten gibt, gibt es eine normale Behandlung der Geschichte. Ebenso wie der wirkliche Staat, muß die Geschichtschreibung auf besondern, einheitlichen und fruchtbaren Prinzipien beruhen, muß aber auch dabei wie dieser die Gesamtheit aller Lebensgebiete vor Augen haben. Sie ist, wie der Staat, Individualität, die nach Totalität strebt, aber in den Schranken ihrer Individualität nicht anders kann, als die ihr als Dominanten des Geschehens erscheinenden Dinge herausgreifen und die übrigen Kräfte bald leiser, bald vernehmlicher mitschwingen lassen. Nur so kann die unübersehbare Fülle des Geschehens gemeistert und zu einem Kosmos geordnet werden. Und die Dominante der auswärtigen Politik, die Ranke -- sehr schon gegen den Geschmack seiner auf Verfassungsideale erpichten Zeit -- herausgriff, hat sich als fruchtbarer erwiesen als jede andre, um das Staatenleben im großen zu verstehen. Es war ein genialer Griff, auszugehen von den ersten und unabweisbarsten Bedürfnissen der Staaten, von ihren Kämpfen um Existenz und Lebensraum, denn ihre innere Struktur ist zum größern Teile Anpassung an diese Kämpfe. Die Machtbedürfnisse bestimmen wie nichts andres die besondern Verfassungsformen der Staaten.

Es ist hier nicht der Ort, die ideengeschichtliche Genesis der Rankeschen Lehren von der Individualität der Staatspersönlichkeiten und dem Primate der auswärtigen Politik zu zeigen. Man müßte dafür zurückgreifen auf die Romantik, auf Wilhelm von Humboldt und Herder. Unter den Romantikern kommt, wie ich an andrer Stelle gezeigt habe, namentlich Adam Müller als Vorläufer Rankes in Betracht. Insgesamt war diese Entwicklung und Vertiefung der Geschichtsauffassung von Herder zu Ranke hin eine der größten Leistungen des deutschen wissenschaftlichen Geistes. Sie war nicht denkbar ohne das Erwachen der Nationen, ohne die Idee der Nationalität und das neue Licht, das diese Idee auf alle individuellen Erscheinungen im geschichtlichen Leben warf. Tiefer und origineller als irgendwo ist in Deutschland die Nationalität als große =Individualität= begriffen worden. Auch die Bedeutung der Nation für den Staat hat Ranke, wie dieser Aufsatz zeigt, nicht im normalen und schematischen Sinne der Französischen Revolution, sondern ganz individuell und konkret erfaßt, ohne doch das Generelle an ihr dabei zu übersehen. Rankes Geschichts- und Staatsauffassung war aber, über das Zeitalter der Romantik und der Erhebung der Nationen hinüber, auch noch befruchtet durch die Eindrücke und Überlieferungen des Zeitalters vor 1789, der sogenannten Kabinettspolitik. Die »Großen Mächte« erinnern selber an Friedrichs des Großen Jugendschrift ~Considérations sur l'état présent du corps politique de l'Europe~ von 1738 (nicht 1736, wie Ranke noch annahm), in der auch schon, freilich für rein praktische Zwecke, die Kunst geübt wurde, die individuellen Interessen und Tendenzen der einzelnen Großmächte zu charakterisieren und sie zugleich als Glieder einer einheitlichen Staatenfamilie zu behandeln. Es gab eine ganze Literatur dieser Art im 17. und 18. Jahrhundert, die mit kühler Klugheit und Klarheit die »Interessen der Fürsten« ihrer Zeit studierte und berechnete. Ranke lernte diese Kunst vor allem aus den Relationen der venezianischen Gesandten. An realistischer Menschen- und Weltkenntnis konnte er es bald mit ihnen aufnehmen. Er überflog sie weit, weil er den philosophischen Geist hinzutun konnte, den das Deutschland seiner Jugendzeit erzeugt hatte. Die erhabenen, geheimnisvoll-durchsichtigen Schlußworte des Aufsatzes hätte auch der feinste politische Kopf des ~ancien régime~ nicht schreiben und empfinden können.

Es steckt unglaublich viel in diesem Aufsatze. Ranke schrieb ihn auf der Jugendhöhe seiner Kraft, reich an schon gewonnener universalhistorischer Anschauung, reicher noch an Ahnungen und Entwürfen für künftige Studien. Alle seine spätern großen Werke, voran die preußische, französische und englische Geschichte, in gewissem Sinne auch die Weltgeschichte, sind schon, wie man mit Recht bemerkt hat, in dieser Skizze keimhaft enthalten. Man muß sie wieder und wieder lesen und erwägen und findet doch immer wieder verborgene Einsichten und Winke, die Ausgangspunkt für ganze Reihen von Studien und Auffassungen geworden sind oder noch werden können. Auch im heutigen Weltmomente, der die Nationen ganz auseinanderzureißen droht, kann uns sein großartiger Optimismus trösten, der das »System des Rechtes« in der europäischen Ordnung der Dinge immer wieder emportauchen, nach immer neuer Vollendung streben sah. Dieser Optimismus entsprang der tiefen Kenntnis der gewaltigen Quadern und Fundamente, die das europäische Gesamtleben trotz aller untereinander geführten Kämpfe um die Macht im Grunde tragen.

Alle Kenntnis der Dinge aber steigert sich bei Ranke zu Anschauung und Mitgefühl, die das Besondre in seinen geheimsten Falten und das Allgemeine in seinen höchsten Beziehungen umfaßt. Weil beides bei ihm in jedem Augenblicke ineinanderlebt, ist auch das Besondre immer etwas von allgemeiner Bedeutung und das Allgemeine niemals eine bloße Abstraktion, sondern nur die höchste der verschiedenen ineinander verkapselten Individualitäten. Und über der höchsten Allgemeinheit der Geschichte, die sich schauen läßt, liegt immer noch ein geistiger Äther philosophisch-religiöser Ahnungen, der alles umhüllt. Keinem Historiker der Welt ist es je gelungen, zugleich so realistisch und so transzendent die Dinge zu behandeln. Man wird einwenden, daß sich die realistischen Bestandteile seiner Geschichtsauffassung als dauerhafter erweisen werden, wie die transzendent-spekulativen. Ohne Zweifel ist auch das geschichtsphilosophische Element in unserm heutigen historischen Denken schon etwas anders zusammengesetzt wie bei Ranke. Aber Rankes Geschichtsphilosophie hat nirgends seinen Realismus beeinträchtigt und war doch, so wie sie war, elastisch, behutsam und gläubig zugleich, notwendig, um einen Realismus von dieser Schärfe und Tiefe hervorzubringen.

Doch wir wollen hier nur erste Andeutungen zum Verständnis Rankes und seiner »Großen Mächte« geben. Im freundlichen Gewande der Inselbücherei, die schon so manche Perlen unsrer Literatur umschließt, werden die »Großen Mächte« hoffentlich Gemeingut aller derer werden, die es mit historisch-politischem Denken ernst nehmen und es nicht nur stofflich bereichern, sondern schulen und verfeinern wollen. Möchten sie auch den historisch-politischen Geschmack überhaupt heben, der heute bei uns nicht auf der Höhe der weltgeschichtlichen Entscheidungen unsrer Tage steht.

Einige Literaturangaben zur Kommentierung der »Großen Mächte« werden vielleicht erwünscht sein. Varrentrapp hat in der Historischen Zeitschrift Bd. 99 (1907) gelehrt und stoffreich über Rankes Historisch-politische Zeitschrift und ihr feudalkonservatives Gegenstück, das Berliner Politische Wochenblatt, gehandelt. Max Lenz in seinem Büchlein »Die großen Mächte. Ein Rückblick auf unser Jahrhundert« (1900) geht von einer eingehenden Würdigung des Rankeschen Aufsatzes aus, um dann kühn und geistvoll den Versuch Rankes, europäische Geschichte aus der Vogelperspektive zu sehen, für das 19. Jahrhundert fortzusetzen. Die Bedeutung der »Großen Mächte« und der verwandten Aufsätze Rankes für die Geschichte des Nationalstaatsgedankens habe ich in meinem Buche »Weltbürgertum und Nationalstaat« (3. Aufl. 1915) zu zeigen versucht. Wer Rankes Persönlichkeit und geistige Entwicklung kennen lernen will, muß zuerst aus seinen Briefen und autobiographischen Aufzeichnungen schöpfen, die Alfred Dove in Band 53/54 der Werke Rankes herausgegeben hat. Doves eigene Aufsätze über Ranke in seinen »Ausgewählten Schriftchen vornehmlich historischen Inhalts« (1898) sind wohl das Schönste, was über Ranke bisher gesagt worden ist.

Ein Wort von Novalis -- auch einem der Denker, die der Rankeschen Geschichtsauffassung vorgearbeitet haben -- mag diese Einführung beschließen: »Was bildet den Menschen, als seine Lebensgeschichte? Und so bildet den =großartigen= Menschen nichts, als die =Weltgeschichte=.«

Berlin, im August 1916.

=Friedrich Meinecke.=

Die großen Mächte

Mit Studien und Lektüre verhält es sich nicht anders als mit den Wahrnehmungen einer Reise, ja mit den Ereignissen des Lebens selbst. So sehr uns das einzelne anziehen und fördern mag, indem wir es genießen, so tritt es doch mit der Zeit in den Hintergrund zurück, verwischt sich, verschwindet; nur die großen Eindrücke, die wir auf einer oder der anderen Stelle empfinden, die Gesamtanschauungen, die sich uns unwillkürlich oder durch besonders aufmerksame Beobachtungen ergaben, bleiben übrig und vermehren die Summe unseres geistigen Besitzes. Die vornehmsten Momente des genossenen Daseins treten in der Erinnerung zusammen und machen ihren lebendigen Inhalt aus.

Gewiß tut man wohl, nach der Lektüre eines bedeutenden Werkes sich die Resultate desselben, soweit man es vermag, abgesondert vorzulegen, die wichtigeren Stellen noch einmal zu übersehen; es ist ratsam, zuweilen die Summe eines mehrere umfassenden Studiums zu ziehen; ich gehe weiter und lade den Leser ein, sich die Ergebnisse einer langen historischen Periode, die nur durch mannigfaltige Bemühungen kennen zu lernen ist -- der letzten anderthalb Jahrhunderte --, einmal im Zusammenhange zu vergegenwärtigen.

Ohne Zweifel hat in der Historie auch die Anschauung des einzelnen Momentes in seiner Wahrheit, der besonderen Entwickelung an und für sich einen unschätzbaren Wert; das Besondere trägt ein Allgemeines in sich. Allein niemals läßt sich doch die Forderung abweisen, vom freien Standpunkte aus das Ganze zu überschauen; auch strebt jedermann auf eine oder die andere Weise dahin; aus der Mannigfaltigkeit der einzelnen Wahrnehmungen erhebt sich uns unwillkürlich eine Ansicht ihrer Einheit.

Nur ist es schwer, eine solche auf wenigen Blättern mit gehöriger Rechtfertigung und einiger Hoffnung auf Beistimmung mitzuteilen. Ich will mich jedoch einmal daran wagen.

Denn womit könnte ich einen neuen Band dieser Zeitschrift[1] besser einleiten, als wenn ich einige Irrtümer über den Bildungsgang der modernen Zeiten, die sich fast allgemein verbreitet haben, zu erschüttern vermöchte, wenn es mir einigermaßen gelänge, den Weltmoment, in dem wir uns befinden, deutlicher und unzweifelhafter, als es gewöhnlich geschehen mag, zur Anschauung zu bringen?

Wage ich mich nun an diesen Versuch, so darf ich nicht zu weit zurückgreifen, es wäre sonst notwendig eine Weltgeschichte zu schreiben; auch halte ich mich absichtlich an die großen Begebenheiten, an den Fortgang der auswärtigen Verhältnisse der verschiedenen Staaten; der Aufschluß für die inneren, mit denen jene in der mannigfaltigsten Wirkung und Rückwirkung stehen, wird darin großenteils enthalten sein.

Die Zeit Ludwigs XIV.

Gehen wir davon aus, daß man in dem sechzehnten Jahrhundert die Freiheit von Europa in dem Gegensatz und dem Gleichgewichte zwischen Spanien und Frankreich sah. Von dem einen überwältigt, fand man eine Zuflucht bei dem andern. Daß Frankreich eine Zeitlang durch innere Kriege geschwächt und zerrüttet war, erschien als ein allgemeines Unglück; wenn man dann Heinrich IV. so lebhaft begrüßte, so geschah dies nicht allein, weil er der Anarchie in Frankreich ein Ende machte, sondern hauptsächlich weil er eben dadurch der Wiederhersteller einer gesicherten europäischen Ordnung der Dinge wurde.

Es ereignete sich aber, daß Frankreich, indem es dem Nebenbuhler allenthalben, in den Niederlanden, in Italien, auf der Halbinsel, die gefährlichsten Schläge beibrachte und die Verbündeten desselben in Deutschland besiegte, hierdurch selber ein Übergewicht an sich riß, größer als jener es in dem Höhepunkte seiner Macht besessen hatte.

Man vergegenwärtige sich den Zustand von Europa, wie er um das Jahr 1680 war.

Frankreich, so sehr dazu geeignet, so lange schon gewohnt, Europa in Gärung zu erhalten, -- unter einem Könige, der es vollkommen verstand, der Fürst dieses Landes zu sein, dem sein Adel, nach langer Widerspenstigkeit endlich unterworfen, mit gleichem Eifer am Hof und in der Armee diente, mit dem sich seine Geistlichkeit wider den Papst verbündet hatte, -- einmütiger, mächtiger als jemals vorher.

Um das Machtverhältnis einigermaßen zu überblicken, braucht man sich nur zu erinnern, daß zu der nämlichen Zeit, als der Kaiser seine beiden ersten stehenden Regimenter, Infanterie und Kürassiere, errichtete, Ludwig XIV. im Frieden bereits 100000 Mann in seinen Garnisonen und 14000 Mann Garde hielt; daß, während die englische Kriegsmarine in den letzten Jahren Karls II. immer mehr verfiel (sie hatte im Jahre 1678 83 Schiffe gezählt), die französische im Jahre 1681 auf 96 Linienschiffe vom ersten und zweiten Range, 42 Fregatten, 36 Feluken und ebensoviele Brander gebracht ward. Die Truppen Ludwigs XIV. waren die geübtesten, krieggewohntesten, die man kannte, seine Schiffe sehr wohl gebaut; kein anderer Fürst besaß zum Angriff wie zur Verteidigung so wohlbefestigte Grenzen.

Nicht allein aber durch die militärische Macht, sondern noch mehr durch Politik und Bündnisse war es den Franzosen gelungen, die Spanier zu überwältigen. Die Verhältnisse, in welche sie dadurch gelangt waren, bildeten sie zu einer Art von Oberherrschaft aus.

Betrachten wir zuerst den Norden und Osten. Im Jahre 1674 unternahm Schweden einen gefährlichen Krieg, ohne Vorbereitung, ohne Geld, ohne rechten Anlaß, nur auf das Wort von Frankreich und im Vertrauen auf dessen Subsidien. Die Erhebung Johann Sobieskis zur polnischen Krone ward in einem offiziellen Blatte als ein Triumph Ludwigs XIV. angekündigt; König und Königin waren lange im französischen Interesse. Von Polen aus unterstützte man, wenn es über Wien nicht mehr möglich war, die ungarischen Mißvergnügten; die Franzosen vermittelten die Verbindung derselben mit den Türken; denn auf den Diwan übten sie ihren alten, durch die gewöhnlichen Mittel erhaltenen Einfluß ohne Störung. Es war alles =ein= System. Eine vorzügliche Rücksicht der französischen Politik bestand darin, den Frieden zwischen Polen und Türken zu erhalten; dazu wurde selbst der Tatarkhan angegangen. Eine andere war, Schweden von den Russen nicht mit Krieg überziehen zu lassen. Kaum machten, sagt Contarini 1681, die Moskowiter Miene, Schweden anzugreifen, das mit Frankreich verbündet ist, so drohten die Türken, mit Heeresmacht in das Land des Zaren einzufallen. Genug, Krieg und Friede dieser entfernten Gegenden hingen von Frankreich ab.

Man weiß, wie unmittelbar, hauptsächlich durch Schweden, das nämliche System Deutschland berührte. Aber auch ohne dies war unser Vaterland entzweit und geschwächt. Bayern und Pfalz waren durch Heiratsverbindungen an den französischen Hof geknüpft, und fast alle übrigen Fürsten nahmen zu einer oder der anderen Zeit Subsidien; der Kurfürst von Köln überlieferte vermöge eines förmlichen Traktates, den er durch verschiedene Scheinverträge verheimlichte, seine Festung Neuß an eine französische Besatzung.

Auch in dem mittleren und dem südlichen Europa war es nicht viel anders. Die Schweizer dienten zuweilen, über 20000 Mann stark, in den französischen Heeren, und von der Unabhängigkeit ihrer Tagsatzungen war bei so starkem öffentlichen, noch stärkerem geheimen Einfluß nicht mehr viel zu rühmen. Um sich Italien offen zu erhalten, hatte Richelieu Pinarolo genommen; noch wichtiger ist Casale, durch welches Mailand und Genua unmittelbar bedroht werden. Jedermann sah, welche Gefahr es wäre, wenn auch dieser Platz in französische Hände komme; jedoch wagte kein Mensch, sich der Unterhandlung, die Ludwig XIV. mit dem Herzoge von Mantua darüber pflog, obwohl sie lange genug dauerte, ernstlich zu widersetzen, und endlich rückte eine französische Besatzung daselbst ein. Wie der Herzog von Mantua waren auch die übrigen italienischen Fürsten großenteils in der Pflicht von Frankreich. Die Herzogin von Savoyen und, jenseit der Pyrenäen, die Königin von Portugal waren Französinnen. Der Kardinal d'Etrées hatte über die eine wie die andere eine so unzweifelhafte Gewalt, daß man gesagt hat, er beherrsche sie despotisch, durch sie die Länder.

Sollte man aber glauben, daß Frankreich indes selbst auf seine Gegner vom Hause Österreich, im Kampf mit denen es eben seine vorherrschende Gewalt erworben hatte, einen entschiedenen Einfluß erwarb? Es verstand, die spanische und die deutsche Linie zu trennen. Der junge König von Spanien vermählte sich mit einer französischen Prinzessin, und gar bald zeigte sich dann die Wirksamkeit des Botschafters von Frankreich auch in den inneren Angelegenheiten von Spanien. Der bedeutendste Mann, den dies Land damals hatte, der zweite Don Juan d'Austria, ward, soviel ich finde, durch die Franzosen in den Mißkredit gebracht, in welchem er starb. Aber auch zu Wien, selbst mitten im Kriege, wußten sie, wiewohl bloß insgeheim, Fuß zu fassen. Nur unter einer solchen Voraussetzung wenigstens glaubte man die Schwankungen des dortigen Kabinetts begreifen zu können. Die Anordnungen des Hofkriegsrates waren, wie Montecuculi klagte, früher zu Versailles bekannt als in dem eigenen Hauptquartier.

Bei diesem Zustande der Dinge hätte wohl vor allen europäischen Staaten England den Beruf gehabt, wie es auch eigentlich allein die Kraft dazu besaß, sich den Franzosen zu widersetzen. Aber man weiß, durch welche sonderbare Vereinigung der mannigfaltigsten Beweggründe der Politik und der Liebe, des Luxus und der Religion, des Interesses und der Intrige Karl II. an Ludwig XIV. gebunden war. Für den König von Frankreich waren diese Bande jedoch noch nicht fest genug. In dem nämlichen Augenblicke ließ er sich angelegen sein, auch die wichtigsten Mitglieder des Parlaments an sich zu ziehen. So independent, so republikanisch gesinnt sie waren, so brauchte er doch nur die nämlichen Mittel anzuwenden. Die Gründe, sagt der französische Gesandte Barrillon von einem derselben, die Gründe, die ich ihm anführte, überzeugten ihn nicht; aber das Geld, das ich ihm gab, das machte ihn sicher. Hierdurch erst bekam Ludwig XIV. England in seine Gewalt. Hätte der König sich von ihm entfernt, so würde derselbe Widerstand im Parlament gefunden haben; sobald das Parlament dem nationalen Widerwillen gegen die Franzosen Raum gab, stellte sich der König entgegen. Ludwigs Politik war, und Barrillon sagt ausdrücklich, es liege demselben am Herzen, eine Vereinigung der Engländer, eine Aussöhnung zwischen König und Parlament zu verhindern. Nur allzuwohl gelang es ihm; die englische Macht ward hierdurch völlig neutralisiert.