Part 9
Er war dicht am Haus. Dort war der Vorgarten, über der Mauer, hinter der geflochtenen Eisenbalustrade. Er ging auf die andere Seite der Straße. Da saß richtig jemand unter den Kastanien. Es war Marga. Sie hatte sich eine Decke auf die Bank gelegt. Die Abendsonne hatte den Kiesboden leidlich getrocknet, und sie genoß die regenfrische Luft. Als er sie gewahrte, sank ihm erst recht der Mut. Die Scheu, nach dem, was er eben erst hinter sich hatte, unvermittelt vor sie hinzutreten, hielt ihn unschlüssig zurück. Sollte er umkehren? Bis morgen warten?
Ratlos wandte er den Blick hinter sich, die Straße hinunter.
Leicht und schnell kam ein junges Mädchen um die Ecke der nächsten Seitenstraße, in einer duftigen weißen Bluse.
Es war Elli.
Mit ein paar Schritten war Perthes bei ihr. Er grüßte: „Wollen Sie mir einen großen Gefallen tun, Fräulein Richthoff?” fragte er hastig und ohne Umschweife.
Elli sah ihn aus schalkhaften Augen verwundert, ein klein wenig spöttisch an.
„Bitte, geben Sie das Fräulein Marga!” Er reichte ihr seinen Bund von weißen und roten Rosen.
„Aber, sie sitzt ja dort!” lachte Elli. „Bringen Sie ihr's doch selbst!”
„Das geht nicht! Nein, nein --” wehrte Perthes und drängte ihr den Strauß in die Hände.
„Und was soll ich bestellen?”
„Gar nichts, oder doch --” Er überlegte. „Doch, sagen Sie -- sagen Sie, dem Freund sei geholfen! Er danke der Freundin!” Und als fürchte er irgendwelche Einwände, schwenkte er seinen Hut und machte sich schnurstracks davon.
Elli besann sich nicht lange. Das Haustor erreichen, die Stufen hinaufspringen und auf Marga zueilen, war eins.
„Da, Margakind, da!” Sie schob den duftenden Strauß der Schwester so heftig entgegen, daß diese betroffen zurückfuhr.
„Aber was ist denn nur?” stammelte Marga.
„Von Doktor Perthes!” erklärte Elli außer Atem und triumphierend. Dann wiederholte sie getreu seine Worte: Dem Freund sei geholfen. Er danke der Freundin!
Und Marga ergriff das lockere volle Gebinde mit zitternden Händen. Sie vergrub ihr Gesicht tief, tief in die roten und weißen Rosen ...
6
Es war erst Anfang Juli und noch vier Wochen bis Semesterschluß. Trotzdem hatte Vater Richthoff, unerwartet und überraschend, beschlossen, zu reisen. Er brach seine Vorlesungen und Seminarübungen ab. Als ausgemachte Sache verkündigte er seinen Mädels, daß er nach Kissingen fahre. Käthe solle ihn begleiten. Es war Mittwoch. Bis spätestens Montag müsse man fahren können.
Kein Wunder, daß dieser allerhöchste Ukas das Haus am Wenzelsberg von oben bis unten umkehrte. Die Mädels hatten, zum mindesten in der Idee, so viel zu tun, daß sie gar nicht wußten, wo anfangen. Es galt nicht nur tausend Dinge zu besorgen, sondern, was noch viel zeitraubender war, zu bereden. Nach den Gründen zu forschen, die den jähen Aufbruch des alten Herrn veranlaßten, getrauten sie sich nicht.
Diese Gründe würde der alte Herr auch keinesfalls verraten haben. Sie waren ihm selbst erst zwei Tage vor dem Entschluß einleuchtend gemacht worden. Und zwar vom Arzt. Seine „Bande” brauchte von der fatalen Vorgeschichte nichts zu wissen.
Am Montag war, wie alle vierzehn Tage, Kegelabend gewesen. Da pflegten sich der Geheimrat, Wilmanns, Borngräber und einige Freunde von verschiedenen Fakultäten gemütlich in einer bejahrten Schenke am Haspelgraben zu treffen und ihrer wissenschaftlichen Übersättigung im Kegelschieben Luft zu machen. Außerdem wurde auch das Neueste vom Neuen aus akademischen Kreisen kolportiert und glossiert. Nur so nebenbei, aber mit vernichtendem Witz. Jede Fakultät hatte dafür ihren Spezialisten. Den Klatsch der philosophischen bearbeitete Papa Wilmanns; den juristischen gab Geheimrat Roller, ein Epikureer mit ehrwürdigem Faungesicht, sehr pikant zum besten. Der theologische troff süß und lieblich aus dem sanften Mund des Professors Hegewald, eines beliebten Damenpredigers von weicher, hoher Christusgestalt; den naturwissenschaftlich-mathematischen brachte Krausewetter, ein dicker, sehr cholerischer Herr, der alle Entdeckungen anderer schon lange vorher gemacht und nur, da sie ihm nebensächlich erschienen waren, verschwiegen hatte. Dem medizinischen endlich widmete sich mit trockenem, sachlichem Spott Geheimrat Geismar, in seiner nüchternen, bescheidenen Zurückhaltung der wandelnde Gegensatz seines Kollegen Hupfeld, der vielbesprochenen chirurgischen Exzellenz, die, erhaben über das kegelnde Banausentum, ihre eigene, nicht minder einflußreiche Sphäre hatte. Man tat niemand weh in der Kegelbahn am Haspelgraben. Dafür sorgten gutmütige Brummgeister wie Richthoff und naive Kindergemüter wie Jakobus Borngräber. Aber man verschonte auch niemand. Auch sich selber nicht.
Hier ereignete es sich nun, daß Vater Richthoff mitten im Spiel von einer Unpäßlichkeit befallen wurde. Professor Kreth, der liebenswürdige Direktor der Universitätsbibliothek, hatte gerade den klassischen Ausspruch eines norddeutschen Bibliothekars zitiert: Die Bibliotheken wären herrliche Institute, wenn nur das verdammte Publikum nicht wäre! Die Heiterkeit war allgemein. Richthoff trat als nächster Spieler an. Ehe er noch die Kugel abschieben konnte, wurde er von Schwindel befallen, schwankte und mußte von den besorgten Freunden geführt und niedergesetzt werden.
Geismar sprang sofort bei.
Etwas Äther, ein Glas Kognak genügte, um den alten Herrn wieder zu ermuntern. Er schlug die Augen auf. Als er sich dann von lauter verdutzten Gesichtern umgeben sah, lächelte er. „Na, mein lieber Hegewald,” scherzte er dem Theologieprofessor zu, „mit der schönen Grabrede ist es diesmal noch nichts!”
„Ein Racheakt, Kollege Richthoff!” erklärte der gleich wieder spaßende Wilmanns. „Ein ganz infamer Racheakt Ihrer römischen Kaiser, sage ich Ihnen!”
„Ohne Zweifel,” meinte Geismar ernsthafter, während er Richthoff forschend beobachtete, „Sie müssen in den letzten Wochen des Guten zuviel getan haben.”
Borngräber, der mit seinen kugelrunden Augen verwundert aus dem krausbärtigen Gesicht sah, rezitierte tiefsinnig aus dem Arabischen: „Keine Krankheit ist schlimmer als Unverstand.”
„Ach was! Diese verwünschten Prätorianer werden mich noch lange nicht kleinkriegen. Noch weniger als der brave Nerva!” Vater Richthoff stand auf, reckte sich, zog die buschigen Augenbrauen in die Höhe, zum Zeichen, daß er sich pudelwohl fühle, und kommandierte: „An die Gewehre!”
Mit voller Kraft schob er seine Kugel.
Der Zwischenfall war erledigt.
In bester Laune spielte man wie sonst, bis nach elf Uhr, und ging nach einem letzten Schoppen und einer vorletzten Zigarre angeregt heimwärts.
Geismar, der in der Neustadt wohnte, schloß sich auf dem Nachhauseweg Richthoff an und begleitete ihn bis vors Haus. Um sich noch auszulüften, wie er vorgab. „Haben Sie schon öfter mal solche kleinen Klapse gehabt, Kollege?” forschte er beiläufig vor dem Abschied.
„Nicht daß ich wüßte!” erwiderte der alte Herr. „Hat ja wohl auch nichts Großes zu bedeuten?” warf er nach einer Weile im Ton der Frage hin.
„Glaube kaum,” meinte Geismar. „Aber für alle Fälle, lieber Richthoff, machen Sie mir mal morgen das Vergnügen und kommen Sie zu mir.”
„Womöglich gleich in die Klinik?” scherzte Richthoff abwehrend.
„Nur in die Privatwohnung. Zwischen vier und fünf Uhr. Auf einen Sprung.”
Der alte Herr wollte nichts davon wissen.
Aber Geismar redete ihm mit so freundschaftlicher Bestimmtheit zu, daß er, der vorgerückten Stunde wegen, versprach, die Sache in wohlwollende Erwägung zu ziehen.
Der alte Herr dachte ursprünglich durchaus nicht daran, Geismars Einladung nachzukommen. Aber er schlief schlecht, und gegen Morgen stellten sich erneute Beklemmungen ein. Da sagte ihm seine Vernunft, bei seinen Jahren und angesichts der großen Arbeit, die noch vor ihm lag, möchte es doch ratsam sein, mit sich hauszuhalten. Er stellte sich also am Nachmittag bei Geismar ein. Was dieser schon bei dem gestrigen Anfall vermutet hatte, ergab auch die Untersuchung: eine ziemlich vorgeschrittene Arterienverkalkung. Doch sagte er davon Richthoff nichts, sondern empfahl ihm nur für die Zukunft ein bißchen Diät: weniger rauchen, wenig Alkohol und dergleichen. Vor allem aber und sofort eine mehrwöchige Ausspannung. Womöglich mit einer leichten Kur in Kissingen. Später Schweiz oder Bayern. Ohne Bergsteigen natürlich!
Vater Richthoff gehörte zu den Naturen, die sich unangenehme Aufklärungen, wenn sie ihnen nicht gerade aufgezwungen werden, gern ersparen. Deshalb interessierte es ihn nicht weiter, auf was Geismar diagnostiziert hatte. Er gab sich damit zufrieden, daß er, wie alle älteren Leute, sein Herz nicht zu sehr strapazieren dürfte. Der erste Halbband der Kaisergeschichte war druckfertig. Er fühlte sich auch geistig etwas erfrischungsbedürftig, zumal da er die ersehnte Italienreise in diesem Frühjahr sich immer noch nicht vergönnt hatte. Trotzdem wetterte er über die Ratschläge seines ärztlichen Kollegen. Doch der war Menschenkenner genug, um hinter den Ausfällen des alten Herrn eine halbe Bereitwilligkeit zu entdecken und sie durch kluges Zureden in eine ganze zu verwandeln.
Der Erfolg blieb nicht aus.
Am Mittwoch früh, nachdem der Geheimrat die Sache noch einmal beschlafen, erfolgte der bekannte Frühstückserlaß: „Will am Montag mit Käthe für ein paar Wochen nach Kissingen. Später vielleicht Schweiz. Das Erforderliche vorbereiten!” --
Käthe war erfüllt von der Auszeichnung, die ihr zuteil wurde. Der alte Herr pflegte sonst seine Reisen meist allein zu machen. Es waren vorzugsweise Studienreisen gewesen, aber auch wenn er auf Erholung reiste, legte er nachdrücklichen Wert darauf, die „Weiberwirtschaft” los zu sein. Wohl einer Anregung des Arztes folgend, hatte er diesmal anders entschieden, und Käthe kam denn auch ihrer Aufgabe, „das Erforderliche vorzubereiten”, mit all dem peinlichen Eifer und der geschäftigen Wichtigkeit nach, die einen wesentlichen Zug ihres Charakters ausmachten.
Für Elli und Marga, die sie rechtschaffen herumkommandierte, war es gar nicht so leicht, diese schwesterliche, etwas herbe Überlegenheit zu ertragen. Marga, glücklich in dem wiedergewonnenen Besitz ihrer Freundschaft mit Perthes, der wie in früheren Tagen ungezwungen im Hause aus und ein ging, fügte sich geduldig. Aber zwischen Elli und Käthe kam es ein paarmal zu harten Auseinandersetzungen und hochroten Köpfen.
Das Ergebnis solcher kleinen Reibungen war, daß die beiden Jüngeren, die durch Margas Geheimnis noch besonders verbunden waren, sich um so enger zusammenschlossen. Sie bauten ihre eigenen, hoffnungsfrohen Sommerpläne, denn etwas mußte ihnen Papa doch auch zugestehen! Wenn Käthe eine so „erwachsene” Reise mit ihm machen durfte, erst ins Bad und dann womöglich noch in die Schweiz, so durften sie nicht ganz leer ausgehen. Das sah der alte Herr auch ein. Sie sollten ihre Sommerfrische haben. Sie mußte aber möglichst nahe sein, denn Haus und Garten mußten überwacht werden können. Und sie sollte so bescheiden und billig sein, als sie sich nur finden ließ. Das verstand sich von selbst.
Nach längeren parlamentarischen Verhandlungen wurde das von Marga und Elli ausgearbeitete und höchsten Orts vorgelegte Projekt genehmigt: die beiden sollten Mitte des Monats für einige Wochen in der „Sägemühle” Quartier nehmen. So hieß ein bekanntes kleines Gasthaus, eine Stunde flußaufwärts von der Stadt -- „an Wald und Wasser lieblich gelegen”, wie es in den Prospekten hieß. Daß sie, vertrauensvoll sich selber überlassen, keine Dummheiten machen durften, das wollte Vater Richthoff sich ausgebeten haben! Dafür waren sie seine Töchter und alt genug, um zu wissen, was sie tun und lassen mußten. Im übrigen wurden für alle Fälle die Eltern Wilmanns mit einer feierlichen Vizevormundschaft betraut.
Bis Sonntag hatte Käthe mit Hilfe der Schwestern alle Vorbereitungen getroffen.
Die kleinen Zänkereien waren vergessen, die drei Mädchen befanden sich in einer friedfertigen, durch den Abschied und die lockenden Sommerpläne teils wehmütig, teils heiter erregten Stimmung: sie gingen Arm in Arm durchs Haus oder auf den Weinberg. Es war ein warmer, sonnenheller Tag, und der Feierklang der Kirchenglocken flutete vom Tal die grünen Berghänge hinauf. Nachmittags -- die Koffer waren gepackt, und nur im Arbeitszimmer des Geheimrats stand noch eine Riesenhandtasche, die jederzeit in ihren offenen Schlund wahllos die unglaublichsten Zettel und Broschüren von dringendster Unentbehrlichkeit aufnehmen konnte -- nachmittags gab es noch einen lustigen Familienkaffee, den Vater Richthoff mit seiner Anwesenheit auszeichnete. Er war so aufgekratzt wie selten, voll kindlicher Freude auf die bevorstehende Reise. Sogar ein Bocciaspiel im Hof schlug er ganz von sich aus vor und beteiligte sich mit jugendlicher Munterkeit am Werfen und Treffen der bunten Holzkugeln, die er vor Jahren aus Italien mitgebracht hatte. Elli und Marga ließen sich von seiner Fröhlichkeit anstecken. Zumal wenn Marga, die ja mehr oder minder aufs Geratewohl die Kugeln schleudern mußte, einen Treffer machte, gab es ein lautes Hallo des Beifalls.
Käthe spielte mit zerstreutem Ernst. Sie wälzte in ihrem gründlichen Köpfchen, unter der dunkelbeschatteten, herrisch-aufrechten Stirn seit einigen Stunden eine Aufgabe, die sie auf den letzten Tag verschoben hatte, weil sie immer nicht recht Zeit oder Mut oder Stimmung gefunden hatte, sie auszuführen.
Sie mußte nämlich noch mit Marga reden. Aus einem ganz bestimmten Grund. Es galt, der Schwester gegenüber eine Pflicht zu erfüllen, die ihr auf dem Gewissen lastete. Sie war ja sozusagen das Gewissen des Hauses. Sie fühlte sich für alles und jeden verantwortlich. Und für Marga noch im besonderen.
Eine Aussprache -- Käthe war eine Meisterin in „Aussprachen” -- war unvermeidlich. Sie faßte sich indessen erst nach dem Abendbrot ein Herz.
Während Elli für Vater Richthoff dies und das, was ihm jetzt erst als Neuestes und Wichtigstes einfiel, herbeiholte, nahm sie Margas Arm und lud sie zu einem Gang auf den Weinberg ein.
Einträchtig stiegen sie aufwärts, da und dort an den Stachelbeerbüschen und Johannisbeersträuchern im Vorbeigehen naschend.
Käthe schmiegte sich mit einer Zärtlichkeit an Marga, wie sie ihrer herberen Art sonst nicht eigen war.
Marga ahnte nichts. In ihrer Seele war, zumal jetzt, wo die Trennung ihre Empfindungen mit einer zarten Melancholie begleitete, kein Platz für Argwohn oder Mißtrauen. Noch nie war sie so sicher im Gefühl ihrer inneren Unendlichkeit und ihrer äußeren Begrenztheit gewesen wie in diesen Tagen, die ihr die Freundschaft mit Perthes vertieft und bereichert wiedergeschenkt hatten. Noch nie hatte aber auch ein Mensch, geschweige ein Mann, sie so in ihrem eigensten Wesen geachtet, wie er es jetzt tat und in jedem Wort, jeder Handlung ausdrückte. Das gab ihr eine zufriedene Heiterkeit, die sie wärmte und von innen nach außen verklärte.
Sie waren jetzt auf dem Philosophenweg angelangt. Atemholend nach der Steigung, schritten sie langsam in dem Laubengang von einem Ende zum anderen. Die Sonne lugte noch golden durchs wilde Reblaub. Von weiter unten im Garten, wo es unmerklich dämmerte, hörte man vorlaute Grillen zirpen und wieder verstummen.
Käthe fand den Moment gekommen, um ihr Anliegen vorzubringen. Die Überlegung hatte ihr feinliniges Gesicht etwas verschärft, die Erregung es leicht gerötet. Sie strich sich über die Stirn und das wohlgeordnete dunkle Haar. Dann legte sie die freie Hand in die Hüfte, als wollte sie sich auch äußerlich einen gewissen feierlichen Halt geben.
„Setzen wir uns ein wenig, Margakind.” Sie brauchte diesen Schmeichelnamen, der von Elli stammte, fast nie; heute drängte er sich ihr unwillkürlich auf die Lippen. „Ich möchte noch etwas mit dir reden. Etwas sehr Ernstes, Zartes, was außer uns niemand hören darf.” Sie führte Marga zu der Bank, die am nächsten Ende des Ganges stand.
Dort ließen sie sich nieder, und Käthe nahm Margas rechte Hand in die ihrige.
Marga wußte nicht, was diese Vorbereitungen bedeuten sollten. Sie gab sich geduldig darein und horchte mit einem halb neugierigen, halb verwunderten Lächeln.
„Du darfst mir aber ja nicht böse sein, hörst du?” hob Käthe lebhafter wieder an. „Ich meine es nur gut mit dir, und wenn ich mich irgendwie täusche, so nimm's nicht übel. Es geschieht nur aus Liebe!”
„Aber was gibt's denn nur, Käthe?” fragte Marga mit zunehmendem Staunen. „So sprich doch geradezu! Was willst du mir sagen?”
„Weißt du, Margakind, so einfach, wie du dir's denkst, ist das nicht. Ich hab' mir's lange überlegt. Oftmals dacht' ich, ich wollte mich gar nicht hineinmischen. Aber schließlich sagte ich mir immer wieder: Ich bin die Ältere! Elli, der du vielleicht mehr Vertrauen schenkst als mir, ist so jung, manchmal so toll und unvernünftig. Sie meint es gewiß immer sehr gut. Aber raten, besonnen und fest raten kann dir doch das Kleinchen nicht!”
Marga wurde mit jedem Wort betroffener. Ein kaltes, enges Gefühl beschlich sie. Diese Andeutungen drückten sie. Sie spürte, daß jemand die Tür zum Allerheiligsten ihres Herzens aufmachen wollte, und sperrte sich dagegen. Unwillkürlich hatte sie ihre Hand der Schwester entzogen und steckte sie hinter ihren Rücken. „Was willst du mir denn raten?” fragte sie mit einem eigentümlich dunklen, schweren Ton.
„Du sollst nicht meinen, Marga, daß ich mich in dein Vertrauen eindrängen will,” versicherte Käthe.
Aber du tust es ja doch! schwebte es Marga auf der Zunge. Doch hielt sie die Worte zurück.
„Ich tue nur, was ich für meine Pflicht halte. Und ich erwarte ja auch gar nicht, daß du mir dankbar dafür bist. Das kannst du jetzt noch nicht. Später wirst du mir's einmal danken, das weiß ich!” Käthe hatte ganz ihre altkluge, mütterliche Würde gefunden, wie sie sie brauchte. Die anfänglich erregte Hast ging mehr und mehr in eine gutgemeinte, aber etwas lehrhafte Nüchternheit über. „Warum so viel Umschweife machen? Du hast recht. Ich möchte einmal frei und ehrlich mit dir über deine Freundschaft mit Doktor Perthes reden, Marga. Glaub' mir, ich hab' viel darüber nachgedacht. Über die Freundschaft von Mann und Frau überhaupt. Du darfst mir schon ein Urteil zutrauen. Ich kann im Leben draußen so viel mehr sehen und erfahren als du. Ich glaube nicht, daß es diese Freundschaft gibt. Und wenn sie's gibt, ist sie immer nur ein Übergang. Und der, der zuerst hinübergeht zu etwas anderem -- verstehst du mich, Margakind? -- der kann sehr, sehr unglücklich werden, wenn der andere nicht nachfolgt. -- Jetzt ist's heraus. Das wollte ich dir sagen!”
Käthe umschlang die Schwester, als wollte sie sie tröstend an sich ziehen.
Marga erwiderte die Umarmung nicht.
Schlaff ließ sie ihre Hände niederhängen und bog ihren Kopf zurück, um sich Käthes Liebkosung zu entziehen. Das Herz war ihr wie zugefroren bei diesen besonnenen Worten, und die Kälte teilte sich ihrem Körper, ihrem Antlitz mit. Und doch stieg es sommerwarm auf vom Gras und von den Blumen. Der Wind fächelte mild von der Ebene nach den Bergen herüber, und die Grillen zirpten ringsum in der wachsenden Dämmerung.
Käthe in ihrem Eifer nahm Margas Schweigen für ein Bekenntnis. Sie wurde noch beredter und eindringlicher. Vielleicht, ja gewiß wußte Marga selber nicht, was in ihr sich vorbereitete. Sie sollte sich nicht täuschen lassen durch Perthes' Liebenswürdigkeit. Die Männer, und zumal solche Männer, die sie, Käthe, durch und durch kannte, dachten sich nichts bei einem temperamentvollen Wort, einem Handkuß, einem Strauß Rosen, den sie in einer Laune ihren Freundinnen in den Schoß legten. Sie wollte ja Marga nur warnen. Gerade jetzt, wo sie und Elli allein blieben. Sie sollte sich bewachen; lieber zu schroff als zu entgegenkommend sein; sich doch ja kein Gefühl einreden, das nicht Wahrheit werden konnte. Käthe gab sich ganz nach; sie ließ sich fortreißen von jener liebevollen Lieblosigkeit, der nur Frauen, und die nur untereinander fähig sind, jenem Gemisch von Güte, Neid, Hingebung, falscher Mütterlichkeit -- der ganzen Weiblichkeit, wie sie natürlichste Natur ist -- schön und häßlich in einem. Ihre Redeflut, die selbstgewiß und selbstgefällig in den weichen Sommerabend hinausfloß, endigte in einem Appell an Margas Charakter: sie war stark genug, um zu entsagen. Wozu brauchte sie die Liebe eines Mannes, die ihr nun einmal vorenthalten sein mußte? Sie hatte ja Kraft und Liebe genug in sich und um sich. „Glaub' mir, Margakind, und wenn du's heute nicht glauben kannst, glaubst du's morgen. Goethe hat recht, wenn er sagt ...”
Marga hörte nicht, wie recht Goethe hatte. Sie hörte überhaupt längst nicht mehr, was Käthe sprach. Sie fühlte nur, daß ein Unberufener nun doch mitleidslos sich eingedrängt hatte in das zarte Geheimnis ihres Herzens. Sie hätte aufschreien mögen: Hände weg von meiner Seele! -- aber dann war es schon zu spät. Diese Hände tappten und tasteten, suchten und fanden, und legten sich grausam auf die Wunde, die sie ängstlich behütet, fürsorglich verbunden und verborgen hatte. Nun brach sie auf und blutete. Es weinte in Marga vor Schmerz. Und gleichzeitig empörte es sich in ihr gegen die Entweihung. Wer war die, die es wagen durfte, so mit ihr zu reden? Woher nahm sie das Recht, ihr Vorschriften zu machen? Ihr, die längst all das in sich beraten und durchgekämpft? Die sich nichts, aber auch gar nichts von dem erlassen und geschenkt hatte, was ihr jetzt mit fast übermütiger Selbstzufriedenheit vorgehalten wurde? Was kaum je bei ihr geschah: sie verlor ihre Beherrschung. Ihre Besinnung wurde übertäubt von dem einen leidenschaftlichen Wunsche: Fort! Nichts mehr hören! Nichts antworten! Laufen -- weit, weit! Bis ans Ende der Welt, um allein zu sein, allein mit sich, seinem Leid, seiner Bürde, seinem Geheimnis hoffnungsloser Liebe!
Mit einem jähen, heftigen Ruck, der Käthes Hände unsanft von ihr löste, war sie aufgestanden. „Ich danke dir, Käthe!” rang es sich fremd aus ihrem Mund. „Überlaß das nur mir. Ich bin immer allein mit mir fertig geworden. Ich brauche niemandes Hilfe, um zu wissen, was ich vom Leben erwarten und annehmen darf, was nicht!”
Verdutzt blickte Käthe an ihr empor. So hatte sie Marga, die Sanfte, Verträgliche, Geduldige, noch nicht sprechen hören. „Aber Marga, du --”
„Wenn ich einsam sein soll, so achte auch du meine Einsamkeit. Mehr kann ich dir nicht antworten.”
Käthe schwieg. Wie Marga jetzt vor ihr stand, im Schatten der Dämmerung gegen den verblassenden Abendhimmel sich hoch und stolz abzeichnend, die Lippen aufeinandergepreßt, die Augen streng und abweisend in die Ferne gerichtet, fühlte sie, die Ältere, die Erfahrenere und Sehende, sich einen Augenblick klein, unbedeutend mit all ihrer Altklugheit -- gegen die Blinde, die so sicher und stark auf ihren Weg hinaussah.
Nur einen Augenblick.
Dann erhob sie sich aus dieser verstohlenen Demütigung doppelt gekränkt, verkannt und erbittert.
Aber ehe sie dafür den rechten Ausdruck fand, hatte sich Marga am Geländer der Laube entlang getastet. Sie eilte die Steinstufen hinab und lief den Zickzackweg hinunter -- ohne Hilfe, behend wie ein Sehender, sicher geleitet von jenem fast übernatürlichen Instinkt, den die Erregung noch schärfte.
Käthe wollte ihr nach. Sie rief ihren Namen. Es war Marga verboten, allein die steile Gartensteige abwärts zu gehen.
Doch sie stieß ja jede Hilfe von sich! Mochte sie auf eigene Gefahr sich zurechtfinden!