Die große Stille: Roman

Part 8

Chapter 83,629 wordsPublic domain

Bis der alte Herr, der in seiner Kaisergeschichte gerade bei der Verschwörung des Parthenius und Stephanus gegen Domitian war, energisch brummte: „Keine Verschwörungen bei Tisch! Das lieb' ich nicht, Mamsell Plappertasche!”

Kaum war die Mahlzeit vorbei, so verwickelten sich Elli und Käthe über eine selbst zu schneidernde Bluse in die dringendste Unterredung, der eine weitläufige Anprobe folgen mußte.

Der alte Herr ging in den Weinberg, um die gewohnte Besichtigung auf Unkraut und Schnecken vorzunehmen, ehe die Sprechstunde begann. Eine Sprechstunde, die jetzt, mitten im Semester, meist in eine Ruhestunde überging, wovon jedoch niemand etwas wissen durfte.

Marga hatte also Zeit und Gelegenheit, in der Dachstube oben den großen Schritt zu wagen.

Eine Weile saß sie unschlüssig vor ihrem Briefbogen. Allerhand Formbedenken wollten in ihr aufsteigen. Es war doch immerhin furchtbar schwer und ungewöhnlich, daß sie an einen Herrn schreiben sollte. Dann überwand ihr natürlicher und gesunder Wille diese Kleinlichkeiten. Was hatte auch all das neben dem Ernst ihres Gefühls und der peinigenden Ungewißheit über des Freundes Zustand zu bedeuten! Sie setzte Punkt an Punkt und schrieb, wie es das Herz ihr eingab:

„Lieber Herr Perthes!

Sie kommen nicht mehr zu mir. Also komme ich mit einigen Zeilen zu Ihnen. Ihre Freundin ist in Sorge um Sie. Wenn Sie ihr noch böse sind, weil sie Ihnen neulich nicht raten wollte, so geben Sie ihr jetzt Gelegenheit, ihre Widerspenstigkeit gutzumachen und mit Ihnen zu reden. Mir ist, als könnte ich Ihnen ein ganz klein wenig helfen, wie es die Freundschaft soll und muß.

Marga Richthoff.”

Kaum war Marga fertig, so erschien Elli. Sie übernahm es, die Adresse zu schreiben.

Dann wirbelte sie wie der Wind davon und steckte mit dem Hochgefühl, bei einer Großtat mitgeholfen zu haben, den Brief an der nächsten Ecke in den Kasten.

5

Fräulein Rosa Eschborn, Doktor Perthes' Mietswirtin, war an allerhand Logiergäste gewöhnt.

In den fünfzehn oder zwanzig Jahren, in denen sie das schmale, dreistöckige Haus auf der Altstadtseite des Flusses besaß, hatte sie es längst aufgegeben, an ihre Mieter andere als sehr allgemeine Anforderungen zu stellen. Sie mußten leidlich pünktlich bezahlen. Sie durften ihre Möbel nicht kurz und klein schlagen. Sie mußten ihre Liebschaften vor der Tür lassen. Das waren die goldenen Grundregeln des langen, dürren Fräuleins mit dem wachsgelben Gesicht unter den plattgeklebten, grauschwarzen Haarsträhnen und dem Spitzenhäubchen, mit den leidenschaftslosen Augen und der ewigen, erdbeerfarbenen Matinee, von der man sich, so sauber sie war, niemals denken konnte, daß sie neu gewesen. Was über die Grundregeln ging, mochten die Herren mit sich selber ausmachen. Sie zuckte mit keiner Miene, wenn Herr Müller bis Mittag hinter seiner Tür schnarchte; wenn Herr von Maier, ein Korpsfuchs, bisweilen aus Versehen oder in alkoholischer Benommenheit auf der Treppe schlief; wenn Herr Schmidt die Beine zum Fenster hinausbaumeln ließ, die Zigarettenstummel auf den Boden warf, Kleider und Wäsche wie Kraut und Rüben im Zimmer durcheinanderstreute. All das ertrug und ordnete sie mit ergebenem Gleichmut. Ihre stille Genugtuung, ihr sittlicher Halt war das eine, daß sie nicht so, daß sie besser war. Nicht nur als ihre Mieter, sondern als die gesamte Welt. Um dessen ihren Herrgott zu versichern, war sie von einer gewissen stereotypen Frömmigkeit, die keine Predigt und keine Betstunde versäumte.

Es mußte mit einem ihrer Mieter schon seine ganz besondere Bewandtnis haben, wenn Fräulein Eschborn sich zu wundern oder gar zu beunruhigen anfing.

Dieser Sonderfall war nun aber mit dem Herrn auf Nummer eins -- so hieß die luftige Stube im dritten Stock mit der wie ein Vogelnest unters Dach geduckten Veranda -- eingetreten. Er war nämlich seit drei Tagen nicht zurückgekehrt.

Am ersten Tag hatte das Fräulein gedacht, er schliefe. Es gab welche, die schliefen vom Abend bis zum Abend und die folgende Nacht durch. Solche Exemplare kamen vor. Wenn sie kein Frühstück und sonst nichts begehrten, so war das ihre Sache. Am zweiten Tag gegen Mittag klopfte die Eschborn an die Tür. Dreimal hintereinander. Als kein „Herein!” ertönte, überwand sie ihre jungfräuliche Scheu, klinkte, fand die Tür offen und steckte den Kopf mit dem Spitzenhäubchen schnüffelnd in die Stube. Da sie nichts wahrnahm, was sie aufklärte, drang sie gegen den Alkoven vor. Das Bett stand unberührt. Fräulein Eschborn schüttelte den Kopf. Am dritten Tag wiederholte sie dasselbe Manöver mit demselben Erfolg. Diesmal hielt sie ein kleines Selbstgespräch, öffnete ein Fenster und sah ziemlich verdutzt auf den Fluß hinunter. Ihr Gleichmut wankte. Sie ging den Schatz ihrer Erfahrungen durch, aber er ließ sie im Stich. Anno 1903 war einer gewesen, der auf zwei Tage zu Verwandten gereist war, ohne sie zu benachrichtigen. 1899 hatte einer, ein russischer Chemiker, vom Laboratorium weg plötzlich in die Klinik gemußt, um sich operieren zu lassen. Der hatte nach anderthalb Tagen nach Wäsche geschickt. Soweit sie die Lebensgewohnheiten ihres Mieters von Nummer eins überhaupt kannte, war er nicht der Regelmäßigste. Trotzdem -- das ging über alles Dagewesene -- drei Tage spurlos verschwunden! Fräulein Eschborn stellte vertiefte Betrachtungen an. Sie ging im Geist ihre Grundregeln durch. Keine war verletzt. Aber die erste vom Bezahlen schien jetzt in gewisser Gefahr. Konnte der Doktor sich französisch verabschiedet haben? Dagegen sprach, daß er sein Hab und Gut, sogar Mantel, Stock, die nötigsten Dinge, zurückgelassen hatte. Doch -- mochte es sein, wie es wollte -- sie entschloß sich, an Aufklärung zu denken.

Sie ging nach dem Bakteriologischen Institut, denn sie entsann sich, daß Perthes von dort einmal den Diener gesandt hatte.

Niemand, weder der Hauswart, noch der erste Assistent, noch Professor Hammann, wußte etwas von seinem Verbleib. Markwaldt hatte nur die tröstliche Auskunft: „Das verdrehte Huhn wird wieder mal seinen Laufkoller gekriegt haben!”

Fräulein Eschborn war nicht befriedigt. Sie ging auf dem Rückweg ins Café Wagner, wo ihr Mieter zu essen pflegte. Der Doktor war dort seit vier Tagen nicht gesehen worden.

Die Angelegenheit komplizierte sich.

Gegen ihre Gewohnheit konferierte das Fräulein mit Perthes' Zimmernachbar, einem Referendar am Amtsgericht. Der gab ihr auf Grund seiner juristischen Kenntnisse den Rat, auf die Polizei zu gehen. Diesen äußersten Schritt verschob die Eschborn auf den kommenden Morgen. Ihr zwar erschütterter, aber noch immer achtungswerter Gleichmut sträubte sich gegen solche Exzentrizitäten. Auch hielt sie die Polizei für die natürliche Feindin aller anständigen Menschen.

Und ihr Gleichmut behielt recht.

Am folgenden Morgen, als sie in der Küche die nötigen Liter Wasser mit einem Aufguß von Kaffeebohnen und reichlicher Zichorie versetzte, wurde die Tür aufgestoßen, und Doktor Perthes erschien in einem Aufzug, der mehr als abgerissen war, auf der Schwelle. Der Lodenhut saß wie ein Fetzen über den zerzausten Haaren, und das Gesicht starrte blaß und übernächtig aus dem wirren Bart. Die weißen Sportschuhe waren über und über mit einer Kruste von Schmutz bedeckt. Der weiße, leichte Tennisanzug hatte sich grau und braun meliert.

Fräulein Eschborn prallte erschrocken zurück. Sie wollte eben versichern, daß sie im Lokalwohltätigkeitsverein sei und keinen Pfennig gebe, als der Doktor rauh und herrisch nach Kaffee verlangte.

Sie faßte sich. Ohne eine Frage zu wagen, goß sie ihm eine Tasse ein.

Perthes trank sie in einem Zuge leer. Ebenso eine zweite. Mit einem barschen „Bin für nichts und niemand zu sprechen!” machte er kehrt und stieg die Treppe hinauf.

Fräulein Eschborn dachte einen Augenblick betroffen über die Erscheinung nach. Sie schüttelte auch noch ein letztes Mal den Kopf. Dann war sie froh, daß keine Grundregel mehr in Gefahr war, zog sich in ihre jungfräuliche Selbstgerechtigkeit zurück und legte den Fall zu den Akten ihrer Erfahrung.

Oben in seinem Zimmer warf sich Perthes, nachdem er die Schuhe in eine Ecke geschleudert, wie er war, auf sein Bett. Völlig erschöpft fiel er in einen bleischweren Schlaf.

Erst gegen Abend weckte ihn ein tiefer, langhallender Donnerschlag. Er richtete sich auf und rieb sich die Augen. Draußen schoß der Regen in langen, glitzrigen Fäden hernieder. Fahle Wolken schoben sich träge über und an den Bergen entlang. Ein Hauch feuchter Luft quoll erquickend durchs offene Fenster herein.

Langsam kehrte in Perthes die Erinnerung an die letzten Tage zurück. Er setzte die Geschehnisse, eines ums andere, in seinem Gedächtnis zusammen. Wie ein wunderseltener, tausendstrahliger Kristall, der mit jeder Stunde an Wert und Schönheit wuchs und sein Verlangen steigerte -- so war die Liebe zu Hilde König, der kindlichen, poetischen Ufernixe, in seiner Phantasie groß geworden. Alles außer ihr war vergessen und versunken. Seine sich übersteigernde Lust, diesen Kristall zu besitzen, trieb ihn nah und näher an das schimmernde Gebilde. Er streckte die Hände danach aus: da war es eine buntschillernde Seifenblase, die in eitel Dunst zerplatzte und zerfuhr.

Als Perthes an jenem Vormittag, an dem er Marga seine Liebe zu Hilde König anvertraut, keinen Rat erhalten hatte und ganz auf sich selbst verwiesen worden war, hatte er einen letzten Versuch gemacht, die Leidenschaft, die ihn verzehrte, von sich abzuschütteln. Er zerpflückte seine Empfindungen und wollte sich klarmachen, daß er sich in einen Wahn hineingefühlt und hineingeredet hatte. Diese Liebe existierte so wenig, noch weniger als die Freundschaft, die eben erst so jämmerlich versagt hatte.

Er ging nicht mehr am Ufer entlang, wie er sonst Abend für Abend getan. Er wich Hilde König aus, wenn er ihr begegnete.

Um die törichte Liebelei vollends ganz aus sich zu verbannen, gab er sogar dem bisher erfolglosen Drängen Markwaldts nach und ließ sich in den akademischen Tennisklub einführen. Der freie, flotte Ton, der da herrschte -- so recht modern im Gegensatz zu der mehr altmodischen Innerlichkeit und Behaglichkeit des Richthoffschen Kreises -- bestrickte ihn. Im Mittelpunkt stand Alice Hupfeld. Mit ihrer biegsamen Gestalt, ihrem kecken Gamingesicht, das herausfordernd aus einem leuchtenden Gewirr rotblonder Haare sprang, behexte sie die Herren und begeisterte die jungen Damen als Ideal eines schicken Mädels. Perthes war von ihrer launenhaften Art bald belustigt, bald geärgert. Er spielte mit Fräulein Exzellenz, wie sie mit ihm und mit aller Welt spielte. Nichts zu ernst nehmen, war ihre Devise, und diese Devise schien ihm wie gemacht für seine eigene erzwungene Stimmung ...

Dann kam plötzlich der Rückschlag.

Er hatte sich eingebildet, mit dem albernen Märchen am Flußufer fertig zu sein. Um sich dies vor sich selber zu beglaubigen, hatte er eines Abends wieder den gewohnten Gang gemacht. Hilde König war nicht auf ihrem Balkon. Sie plauderte mit einem der Herren des Ruderklubs unter der Haustür. Bei näherem Zusehen erkannte Perthes den Gymnasialprofessor, der die Boote von der Uferböschung aus mit der Schalltube zu kommandieren pflegte. Aller Vernunft zum Trotz wurde er von plötzlicher toller Eifersucht gepackt. Binnen wenigen Stunden war seine Leidenschaft heller und greller als je entfacht. Daheim, zwischen seinen vier Wänden, tobte er mit erregten Schritten auf und nieder. Er wollte ein Ende machen, eine Entscheidung herbeiführen um jeden Preis. Dies Hundeleben von Zweifeln und Kämpfen durfte nicht von vorn anfangen. Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb einen Brief von vielen Seiten. Seine nervösen, unverbundenen Buchstaben flogen über das Papier wie ein Schwarm aufgescheuchter Krähen. Sich selbst, seine Natur mit ihren Fehlern und Vorzügen, seine Lebensauffassung, seine Gedanken über die Frau und über die Ehe, seine Aussichten im Beruf legte er in einem gewichtigen Referat nieder, wie es ein Beamter in ernstester Sache an seinen Ressortchef schreibt. Seine Gefühle faßte er volltönend zusammen: es gab nur einen Menschen, der ihn ganz zu dem machen konnte, was er sein wollte -- Hilde König. Daß er sie verehrte und liebte, mußte sie längst erraten haben; daß er ihr nicht völlig gleichgültig wäre, glaubte er jenem Blick und diesem Wort entnehmen zu dürfen. In einem kurzen Schlußsatz bat er deshalb allen Rechtens um ihre Hand. Wenn sie einverstanden war, wollte er mit ihren Eltern sprechen ...

Als Perthes diesen Brief abgeschickt hatte, war er wie erlöst.

Einen halben Tag lang kannte er sich nicht vor seliger Selbstzufriedenheit. Dann kam die Qual des Wartens von Post zu Post, des Hangens und Bangens von Morgen zu Abend und von Abend zu Morgen.

Erst nach vier Tagen brachte der Briefbote ein zierliches Briefchen von lila Farbe, das Monogramm H. K. auf dem Rücken.

Er riß es ungestüm auf.

Die Antwort auf seine vielen Seiten bestand in vier oder fünf mit Kinderhand geschriebenen Zeilen: das bezaubernde kleine Ufermädchen schrieb, es sei über seinen Antrag außerordentlich betroffen und erschrocken; es hätte nie an so etwas gedacht und könne, jung wie es sei, auch heute noch nicht ernstlich daran denken ...

Perthes war starr vor Überraschung.

Er drehte die lilafarbene Briefkarte hin und her, als müßte er die eigentliche Antwort auf seinen kapitalen Brief erst noch finden. Daß er die ganze Erwiderung auf sein mit der Gründlichkeit eines Psychologen, dem Ernst eines gewissenhaften Mannes, der fieberhaften Wärme eines Liebenden geschriebenes Schriftstück in Händen halten sollte, begriff er erst im Verlauf von Stunden. Als er nicht mehr zweifeln konnte, zerriß er das Billettchen mechanisch in hundert Schnitzel und ließ sie aus dem Fenster flattern.

Im Zustand öder Empfindungslosigkeit verbrachte er eine Woche oder mehr.

Dann, eines Mittags, als er bei Tisch im Café Wagner den städtischen Anzeiger durchblätterte, fiel ihm eine liebevoll umzackte, schöngesetzte Anzeige in die Augen: Hilde König und Professor Enderlein empfahlen sich als Verlobte.

Er las die Nachricht ein halbes dutzendmal. Bei der siebenten Lesung lachte er so laut und schallend, daß die Leute an den Nachbartischen ihn mißtrauisch anschielten, als hätten sie es mit einem Ausbruch plötzlicher Verrücktheit zu tun. Er hatte die Situation zu begreifen begonnen: der ernsthaftere und gediegenere Antrag des Gymnasialprofessors mit der Schalltube war geahnt worden, aber noch nicht eingetroffen, als der seine eintraf. Das kindliche Lilabriefchen verfolgte seine sehr klugen, dilatorischen Zwecke. Und als ...

Perthes zog es vor, das Café zu verlassen, um nicht noch einmal der Gegenstand bedauernd-ängstlicher Blicke zu werden.

Auf der Straße lachte er von neuem. Es klang dumpfer, härter, verbissener.

Er schwänzte am Nachmittag das Institut. Gegen fünf warf er sich in sein Tenniskostüm und schlenderte den Fluß entlang, nach den Spielplätzen. Noch war er nicht an der Brücke vorbei, als seine künstliche Haltung zusammenbrach. Ein Sturm von Ekel, Verachtung, Schmerz und Wut ergriff ihn. Eine Weltverzweiflung ohnegleichen, ein Haß gegen sich und gegen die Menschheit insgesamt, gegen das ganze jämmerliche Erdendasein drohte ihn zu ersticken. Statt nach den Tennisplätzen lief er bis zum nächsten Dorf in der Ebene. Dann wieder bergwärts. In irgendeinem Wirtshaus an der Straße nächtigte er. In einem lichten Moment vertauschte er sein Tennisrakett leihweise mit einem Knotenstock. Drei Tage trieb er sich besinnungslos in den Bergen umher. Durch maßlose Anstrengungen suchte er den Aufruhr in seinem Innern abzumüden. Sein überreizter Kopf spielte mehr als einmal mit Selbstmordgedanken. Aber die Lilabriefkarte fiel ihm ein, die schöngezackte Verlobungsanzeige. Das Lächerliche, Niedrig-Komische, das in dieser Lösung einer von ihm bis in den Himmel gesteigerten Liebelei lag, bewahrte ihn vor der äußersten Torheit. Der „Laufkoller”, wie Doktor Markwaldt jenen Trieb getauft hatte, mit dem Perthes einer seelischen Unmäßigkeit durch eine körperliche Herr zu werden strebte, tat seine Schuldigkeit. Bis auf den Tod erschöpft, apathisch, innerlich und äußerlich abgerissen, kam er in Fräulein Eschborns Mietshaus zurück ...

Jetzt hatte er seine böse Wanderschaft ausgeschlafen wie einen Rausch. Was nachkam, war auch die grenzenlose Ernüchterung des Rausches.

Perthes sprang vom Bett auf und trat ans Fenster.

Das Gewitter vergrollte in der Ferne, dort, wo der Fluß zwischen einsamen Pappeln sich in der Ebene verlor. Die Sonne rang sich mit dunkelgoldenem Glanz aus dem abziehenden Gewölk, glitzerte sanft auf den Wellen und leckte die Dächer trocken. Die abendliche Luft in ihrer wiedergewonnenen Reinheit wehte kräftig gegen ihn.

Mit Ungeduld entledigte er sich der beschmutzten Kleider. Als gelte es, mit dem körperlichen Menschen auch den seelischen reinzuscheuern, überschwemmte er sich und die halbe Stube mit Wasser. Erst als er sich von Kopf bis zu Fuß umgezogen hatte, gab er Ruhe und setzte sich in den rohrgeflochtenen Schaukelstuhl. Mit seltener, kühler Klarheit hielt er Kritik über sich und sein Dasein in den letzten Jahren. Wenn er alles Drum und Dran an aufgeputzten Gedanken und verstiegenen Gefühlen abtat, erschien er sich wie ein großer, unreifer Junge, der mit den Gliedern seines Leibes so wenig anzufangen wußte wie mit den Fähigkeiten seines Geistes und darum beide mißbrauchte. Er war kein Mann. Mochte er sich vormachen, was er wollte: dem bißchen Leben, das da auf ihn zugekommen war, um ihn zu prüfen -- dieser Verliebtheit und ihrer Enttäuschung hatte er seinen Mann nicht gestellt. Wie ein Junge -- jawohl, wie ein Junge hatte er in ohnmächtiger Wut den Boden gestampft, geschrien, geheult und war ausgerissen! Nicht mehr Zorn und Verzweiflung erfaßte ihn jetzt, sondern eine tiefe Traurigkeit, eine zerknirschte Beschämung, ein hoffnungsloses Gefühl des Verlassenseins. Er wie kein anderer gehörte zu den Männern, deren Schicksal sich an den Frauen entscheidet. Sein Charakter konnte nur in der Liebe Klärung, Halt, sich selber finden. All sein Suchen von Wissenschaft zu Wissenschaft galt doch nur der Leibhaftigkeit des Lebens und nicht dem Wissen. Er konnte nicht allein sein, weil er allein nicht mit sich fertig wurde. An einen Menschen außer sich mußte er sich klammern können, um seiner eigenen Kraft teilhaftig zu werden. Er mußte weiter suchen und würde doch nur immer irren. Sein zufassendes Temperament, das stets zuerst das Ziel begehrte, ermattete vor der trostlosen Ziellosigkeit einer ewigen Irrfahrt. Die Erschlaffung des Herzens löste die des Körpers ab. So allein wie er war niemand. So zur Einsamkeit verdammt und zur Zweisamkeit geschaffen. Diese Erkenntnis hatte er gewonnen, und im gleichen Augenblick, wo sie sich ihm gab, drückte sie ihn zu Boden.

Es hatte an die Tür seines Zimmers gepocht, ohne daß er darauf geachtet.

Das Klopfen wurde wiederholt, und Perthes rührte sich nicht. Er hatte ja gesagt, daß er nicht gestört sein wollte. Vergeblich drückte der Einlaßbegehrende die Klinke nieder. Die Tür war verschlossen. Ein unwilliges Brummen ließ sich von draußen hören. Dann erfolgte ein Rascheln auf der Schwelle, und durch die Spalte unter der Tür schob sich ein Brief.

Der Briefbote stapfte laut die Treppe wieder hinunter.

Bei dem raschelnden Geräusch hatte Perthes unwillkürlich den Kopf nach der Tür gewandt. Er sah den eingeklemmten Brief.

Der konnte warten.

Schließlich erhob er sich doch und nahm ihn auf.

Die Adresse war in einer kecken, schnörkellustigen Damenhandschrift hingeworfen, die er nicht kannte. Nachlässig öffnete er das Kuvert. Ein Bogen mit Blindenschrift fiel ihm entgegen.

Marga Richthoff stand mit Bleistift, schief, aber in sicheren Zügen unter den Punkten.

Halb neugierig, halb mißtrauisch las er die Zeilen.

Er legte das Blatt auf den Tisch, stützte die Arme auf und beugte sich, den Kopf zwischen die Hände fassend, darüber.

Da gab es also doch jemand, der sich um ihn kümmerte.

Seltsam!

Seine Mundwinkel zuckten bitter. Er überlegte. In den letzten Wochen hatte er blutwenig an Marga gedacht. Wenn sie einmal vor ihm auftauchte, drängte er sie in dem Mißbehagen über die unerfreuliche letzte Begegnung beiseite. Vollends in den Tagen seines unsinnigen Umhertreibens war sie für ihn wie ausgelöscht gewesen.

Und jetzt ging von ihren paar Zeilen, die so einfach und gerade waren, ein eigentümlich beruhigendes, warmes Gefühl auf ihn über. Er verglich diese Zeilen im Geist mit dem nichtssagenden Billett von Hilde König, das seine Krisis eingeleitet hatte, und Margas Gesicht tauchte vor ihm auf: das weiche, verlittene und doch von einer inneren Sonne verklärte Gesicht der Blinden, ihre ruhigen Bewegungen, ihre sanfte Bestimmtheit in Wort und Ton. Er meinte die blicklosen, tiefen Augen mit ihrem anspruchslosen zarten Blau dringend und bittend sich zugewandt zu sehen. Wie mit einer geheimen Fernkraft, die in dem Stückchen Papier, den paar Punkten und den paar Buchstaben des Namenszuges ihre Leitung gefunden, wirkte ihr Wesen auf ihn. Noch nie war ihm die große, reife Stille dieses Wesens so lebendig nahegetreten. Warum hatte er sie nicht früher so klar erkannt wie jetzt? Warum hatte er ihr nicht fester vertraut? Warum hatte er sich so schnell abkühlen lassen und war nicht zu ihr gegangen, statt sich närrisch und kindisch auszutoben? „Ihre Freundin ist in Sorge um Sie” -- das waren die Worte, die er sich wiederholte und immer wiederholte. Sie wollte ihm helfen; sie hatte nicht wissen können, wie schwach er war, als sie ihn auf sich selber verwies. Jetzt, durch ihre Zeilen hatte sie ihm geholfen! Ein Hauch des Friedens, nach dem er sich sehnte, streifte ihn. Er war nicht ganz allein. Der Druck der Einsamkeit wich, und dafür wuchs eine leise Freude in ihm auf. Eine Dankbarkeit, die durch das Bewußtsein, Marga unrecht getan, sie verkannt, sie noch nie in ihrem vollen Wert geschätzt zu haben, zu einer Schuld wurde, die er abtragen wollte. Er mußte ihr etwas Gutes erweisen. Ihr seine Achtung, seine Verehrung, seinen Dank bezeugen. Und wie er nun einmal war, mußte er es gleich tun, gleich -- es duldete keinen Aufschub! Er hatte sie lange genug vernachlässigt!

Eine Minute später stürmte Perthes die Treppe hinunter, die er am Morgen erschöpft heraufgekrochen war. Im Hausflur hätte er um ein Haar Fräulein Eschborn umgestoßen, die ihren Augen nicht traute, als der Doktor mit freundlichem Kopfnicken, vergnügt und tadellos gekleidet, an ihr vorbeischoß. Kein Zweifel -- der Mieter von Nummer eins gehörte einer Spezies zu, die ihr doch noch nicht vorgekommen war.

Perthes lief, nur seiner Eingebung folgend, dem nächsten besten Blumengärtner in den Laden. Er wollte Rosen haben. Rote? Nein. Rote paßten nicht. Weiße? Die hatten etwas Trauriges. Rote und Weiße, so ungefähr einen Armvoll.

Mit dieser Bürde eilte er nach der Straße am Wenzelsberg.

Er sah weder rechts noch links. Er bemerkte deshalb nicht, daß unterschiedliche Spaziergänger, die ihm begegneten, über sein blindes Rennen und über seinen Arm voll Rosen die Köpfe schüttelten. Er sah auch Alice Hupfeld nicht, die, vom Sportplatz zurückkehrend, wo man der Nässe wegen doch nicht hatte spielen können, mit Markwaldt an einer Ecke plauderte und bei Perthes' Anblick eine vieldeutige Grimasse schnitt. Erst in der Nähe des Richthoffschen Hauses verlangsamte er seinen Lauf.

Er sah auf die Uhr. Es war gleich halb acht. Soviel er sich entsinnen konnte, also die Zeit, wo bei Richthoffs Abendbrot gegessen wurde. Dann blickte er auf seine Rosen. Eigentlich -- genau genommen -- das, was er wollte, hatte seine Bedenken. Wenn ihm der alte Herr entgegenkam? Wenn -- und wenn ... Ein Wenn ums andere verzögerte seinen Schritt.