Die große Stille: Roman

Part 7

Chapter 73,785 wordsPublic domain

Jetzt hob Marga ihren Kopf mit eigentümlicher Bestimmtheit auf. Sie antwortete nicht. Mit einem unwilligen Ruck stand Perthes auf. Beinahe hätte er den Tisch umgeworfen. Er trat an die Scheiben und blickte hinunter in den Vorgarten, wo der Regen von den Bäumen tropfte. Ungestüm strich er den krausen schwarzen Bart und blies einen pfeifenden Laut durch die Lippen. Dann brach er los. „Sie wollen wissen, warum ich Sie und Fräulein Elli nicht grüßte?” stieß er wütend hervor.

Marga fuhr emsig in ihrer Arbeit fort.

„So fragen Sie mich doch!” knirschte er gequält.

Als Marga keine Anstalt machte, ihm zu Hilfe zu kommen, ergriff er den Stuhl, auf dem er gesessen, mit beiden Händen so heftig an der Lehne, daß er in den Fugen knackte. „Ich weiß ganz genau, daß das so nicht geht. Ich war einfach dumm und feig. So ungefähr wie der Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, damit man ihn nicht sieht. Und so feig wie ein Mensch, der seine Freunde verleugnet, weil ...” Er vollendete den Satz nicht und ließ sich auf den Stuhl fallen. „Sie sind in vollem Recht, wenn Sie mir dafür den Laufpaß geben!”

Marga hielt in ihrer Häkelei inne. Ihre Züge hatten sich aufgehellt. „Da Sie so ehrlich sind, braucht es das nicht!” sagte sie einfach.

„Ehrlich! Ehrlich! Ich hätte viel früher ehrlich sein sollen! Ist das Freundschaft, wenn einer dem anderen das Wichtigste verbirgt, was mit ihm vorgeht? Ich bin in das Mädchen, mit dem ich Ihnen gestern abend begegnete, verliebt. Wußten Sie das?”

Marga nickte kaum merklich. Sie wußte es. Und doch meinte sie, es erst seit diesem Augenblick zu wissen -- so schnitt ihr sein Bekenntnis in die Seele. Sie sah voraus, daß er ihr jetzt sein ganzes Herz ausschütten würde, genau wie damals, als sie am Gartenfest auf dem Weinberg beisammensaßen und er seine Zerrissenheit vor ihr aufdeckte. Das Weib in ihr, dessen Liebe sie niedergezwungen, wehrte sich gegen die Qual dieses Mitwissens. Die Freundin, der sein Vertrauen galt, mußte geduldig zuhören. Der Faden verwirrte sich unter ihren zitternden Fingern. Sie beugte sich tiefer und tiefer über das Gewirr und schien ganz damit beschäftigt, es zu lösen.

Und Perthes, der von dem, was in ihr vorging, nichts ahnte, begann in abgerissenen Sätzen, nur von sich und seinen Gefühlen erfüllt, seine Beichte. Er schilderte, wie das hübsche Ufermädchen ihn gefangen genommen. Allmählich, ohne daß er es wußte und wollte. Fester und immer fester. Wie er sie zuerst sah, im Stadtgarten; wie sie ihm mit der Musikmappe begegnete; wie er ihr Haus am Ufer entdeckte und immer wieder dort vorbeiging; wie er sie angesprochen, sie begleitet -- alles schilderte er mit der mitleidlosen Genauigkeit eines Menschen, dem es wohltut, das, was er bisher in sich verschlossen, herausgeben zu dürfen. Leidenschaftlich zeichnete er den Eindruck von Hilde Königs äußerer Erscheinung. Ihre leichte, frische Kindlichkeit; ihre mädchenhafte Zurückhaltung neben ihrer selbstsicheren Freiheit. Erst als er von ihrem inneren Wert zu sprechen anfing, wurde er ungewisser. Seine Unklarheit über diesen Punkt, seine Zweifel verrieten sich in allgemeinen Behauptungen. „Sie ist nicht abgründig tief, nicht problematisch! Sie hat sicher nicht mehr Verstand als tausend Frauen. Oh -- Schwersinnigkeit und Schwerlebigkeit, damit kann ich selber aufwarten! Was ich brauche, was ich bei den Frauen liebe, ist das Leichte, Duftige, Sonnige! Was über die eigenen unzufriedenen Grübeleien fortträgt! Was das Leben, statt zu Ekel und Last, zum schönen Spiel macht! Es taugt nichts, wenn zwei schwere Naturen sich zusammentun: sie reiben sich wund. Ein Falter muß es sein, der zu einem Kriechtier, wie ich es bin, paßt. Glauben Sie das nicht auch, Fräulein Marga? Hab' ich nicht recht? Sie wissen, wie ich bin. Sie als Freundin -- Sie müssen mir raten! Sie kennen ja mich und meine Unrast und Verschrobenheit.”

Eine unbeabsichtigte, nervöse Selbstironie klang durch seine mit Bildern überladene Sprache.

Marga hatte es aufgegeben, den Faden ihrer Häkelarbeit zu entwirren. Sie hatte die Arbeit auf ihren Schoß sinken lassen. Bewegungslos empfing sie das Geständnis seiner Gefühle für eine andere. Zwei bittere Falten verlängerten die Winkel ihres schmalen, zusammengepreßten Mundes. Ihre Farbe war so durchsichtig, daß man das Blut an den Schläfen auf- und niedersteigen sah.

Daß er seine Neigung für diese andere so leidenschaftlich aussprach; daß er das Mädchen mit überschwenglichen Farben malte und gerade vor ihr, Marga, die lockende, leichte Äußerlichkeit im Gegensatz zur Innerlichkeit, der sie zugehörte und als Blinde doppelt zugehörte, als sein weibliches Ideal in den Himmel hob -- das war es nicht, was sie am schwersten traf. Was ihr für den Augenblick alle Fassung rauben wollte und was über ihre Kraft ging, war die Gewißheit, daß er sich täuschte. Er täuschte sich über sich selbst, denn er war der Mann nicht, der an einem Schmetterling dauerndes Genügen fand. Er brauchte nicht eine Seele, die die seine über die Schwere der eigenen Natur und den Ernst des Daseins fortgaukelte, sondern eine, die sich mit ihm zusammen durchkämpfte und darüber emporhob. Er täuschte sich aber auch über Hilde König. Wenn Marga das nicht schon vorher gewußt hätte: seine Schilderung konnte ihr keinen Zweifel darüber lassen. Das Mädchen war nicht das unschuldige Kind, das er in ihr sah. Das Kind war vielmehr er, den seine praktische Unkenntnis weiblichen Wesens irreführte. Die Einfachheit, die er hinter ihrer schimmernden Jugendlichkeit vermutete, war Leere, und die selbstsichere Freiheit wurzelte in einem kühlen, berechnenden Herzen. Und er mußte seine Täuschung behalten. Sie, die Freundin, durfte nicht reden. Dazu hatte sie kein Recht, weder vor ihm noch vor dem Mädchen, das er liebte. Das war es, was Marga vor Schmerz und Bitterkeit erstarren machte; sie noch immer schweigen und bewegungslos dasitzen ließ, als er längst geendigt hatte.

„Sie sagen ja gar nichts! Reden Sie doch! Ich will wissen, wie Sie darüber denken!” drang Perthes vorwurfsvoll in sie. „Kennen Sie Hilde König?”

„Nein, ich kenne sie nicht,” kam es leise von Margas Lippen. Sie sagte nicht die volle Wahrheit, aber sie konnte nicht anders.

„Ich habe sie Ihnen geschildert. Sie können sich gewiß ein Bild von ihr machen, Fräulein Marga.”

„Auch das nicht!” gab sie noch leiser zurück. Sie war fest entschlossen, sich kein Urteil von ihm abzwingen zu lassen. Der Gedanke, daß sie dem Mädchen unrecht tun und die entfernteste Eifersucht ihre Meinung trüben könnte, bestärkte sie nur in ihrem Vorsatz.

„Aber raten können Sie mir doch! Sie kennen mich! Sie müssen beurteilen können, ob ein Geschöpf, wie ich es Ihnen schilderte, das ist, was ich brauche. Ob Sie glauben, daß ich auf der rechten Fährte bin und mein Glück finden kann. Sie predigen mir ja immer, ich soll mich mehr auf mein Gefühl verlassen als auf meinen Verstand!”

Marga hätte ihm antworten können, was sie ihm kürzlich geantwortet hatte: daß es Gefühle gäbe, die unter den Gedanken, und andere, die über ihnen stünden; aber sie wollte nicht. „Wenn Sie Ihres Gefühls so sicher sind, brauchen Sie meinen Rat ja gar nicht,” sagte sie ausweichend.

„Und das heißen Sie Freundschaft? Verzeihen Sie, Fräulein Marga, aber jetzt sind wir quitt. Sie verleugnen mich innerlich genau so, wie ich es gestern äußerlich tat!” In unwillkürlicher Erregung schlug er mit dem Absatz mechanisch auf den Fußboden. Seine großen, braunen Augen schossen zornige Blitze auf ihr Antlitz, in das die verborgene Qual dieser Stunde trotz aller Beherrschung mehr und mehr ihre Zeichen grub. Wäre er weniger nur mit sich beschäftigt gewesen, so hätte ihm ihre Veränderung nicht entgehen können. So wiederholte er nur noch ingrimmiger: „Und das heißen Sie Freundschaft?!”

Marga straffte sich in ihren Stuhl zurück. Die Härte seines Vorwurfs gab ihr einen Teil ihrer Kraft wieder. Doch ehe sie antworten konnte, fuhr er aufgeregt fort: „Ich, der Freund, habe Ihnen mit einer Offenheit, wie ich sie sonst keinem Menschen zeige, gesagt, wie es um mich steht, und Sie, die Freundin --”

„Ich, die Freundin,” unterbrach ihn Marga mit bebender Stimme, „bin so offen wie Sie. Deshalb sage ich Ihnen: Was Sie von mir fordern, geht über die Freundschaft. Und wenn Sie mir dafür Ihre Freundschaft aufsagen wollen, Doktor Perthes! Was Sie von mir verlangen, kann keine Frau einem Mann erfüllen. Über Ihre Liebe müssen Sie selber mit sich einig werden. So wenig ich Ihr Leben für Sie leben kann, ebensowenig kann ich mich für diese Liebe verantwortlich machen. Aus Klugheit kann ich das nicht. Aus Selbstachtung nicht. Und aus Achtung vor Ihnen nicht!”

Perthes sah sie mit aufgerissenen Augen verwundert an. Die Gegenwehr, zu der sich ihr gemartertes Herz aufgerafft, um sich von dem Unmöglichen zu befreien, mit dem er sie peinigte, gab ihren Worten einen Ton von so leidenschaftlicher, bitterer Entschlossenheit, daß er sie kaum mehr erkannte. Eine stürmische Blutwelle hatte ihr Gesicht mit jäher Röte übergossen. Ihr Mund, ihre Stirn zuckte von schmerzlichen Falten. In ihren Augen glomm es wie ein Funke des Sehens. Dann sank sie erschöpft in ihre frühere Regungslosigkeit zurück.

Ein so schlechter Beobachter Perthes bis jetzt gewesen: für einen Moment war es ihm, als risse der Blitz eine meilenferne, ungeahnte Landschaft in sein Gesichtsfeld. Ob diese Blinde mehr für dich empfindet, als du ahnst? Ob sie dich liebt? -- Eine Sekunde nur, und die Vermutung, die ihm unsinnig dünkte, war ausgelöscht. Nur der Respekt vor ihrem unbeugsamen Willen erfüllte ihn und dämpfte seinen Ärger. Seine Verstimmung kehrte sich gegen ihn selbst.

„Lassen wir's gut sein! Ich überspanne die Pflicht der Freundschaft, wie ich alles überspanne. Ich werde ein andermal anspruchsloser sein, Fräulein Marga.” Er hatte sich erhoben und verabschiedete sich.

Der Druck seiner Hand kam Marga kühl und abwesend vor. Sie hätte ihn gern wie sonst nach der Tür begleitet. Aber ihre Kraft reichte nicht aus.

Als er längst gegangen war, saß sie noch immer reglos und ohne die Arbeit wieder aufzunehmen an dem eingelegten Ebenholztisch in der Glasveranda. Der Regen schlug dumpf gegen die Scheiben. Eine starre Gleichgültigkeit und Öde lähmte ihre Sinne und Gedanken. Mochte die Freundschaft zu Ende sein -- was lag ihr noch daran! Sie hatte nicht anders gekonnt ...

Es sah allerdings danach aus, als sei es nach dieser grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der erst vor einigen Wochen geschlossenen Freundschaft tatsächlich zu Ende. Tag um Tag verging, ohne daß Perthes sich wieder im Haus am Wenzelsberg sehen ließ. Für Marga war es eine Zeit voll Sorgen und Selbstanklagen. Das quälerische Auf und Ab und Hin und Wider ihres Herzens ermüdete sie so, daß sie bisweilen am hellen Tag von einem kurzen, erquickungslosen Schlaf befallen wurde. Hundertmal wiederholte sie sich, was sie an jenem kritischen Vormittag gesprochen und wie sie sich voneinander getrennt hatten. Jedes seiner Worte, jedes der ihren wog sie ab und wandte es nach beiden Seiten. War sie zu schroff gewesen? Hatte sie nicht doch mit ihrer strengen Scheidung von mein und dein die Pflicht der Freundschaft verletzt? Sie mußte ihm lieblos und egoistisch vorgekommen sein. Er konnte die Beharrlichkeit nicht verstanden haben, mit der sie ihm ihren Rat verweigerte. Warum sagte sie nicht ehrlich: Sie irren sich über das, was Sie brauchen! Sie täuschen sich über sich selbst und über das Mädchen, das Sie zu lieben meinen. Ihre Tiefe braucht nicht Oberfläche, sondern wieder Tiefe. Sie brauchen ... Margas Gedanken stockten. Es überfiel sie wie Scham; als hätte sie gesprochen, was sie nicht durfte, das Geheimnis ihrer Liebe preisgegeben, ihm zugerufen: Mich, mich brauchst du! Ich verstehe dich besser, als du dich selbst verstehst! Ich kann dir aus meiner Stille und Klarheit die deine finden helfen -- -- Wie? Sie hätte sich angeboten? Sie, Marga, die Stolze, Verschlossene und Einsame! Schande, Schande, es nur zu denken! Nicht ein Wort durfte ihn auf den Gedanken ihrer Liebe bringen. Sie hatte schweigen müssen. Die Pflicht, die sie vor sich selbst hatte, war und blieb die höhere, und wenn sie daran verbluten sollte ...

Wenn sich Marga so immer wieder zum selben Ergebnis durchkämpfte -- die Sorge um Perthes konnte sie damit nicht verbannen. Sie wuchs mit jedem weiteren Tag, den er fernblieb. Das untrügliche Ferngefühl, das ihre Seele wie einen Ersatz für die erloschenen Augen in ihr ausgebildet hatte, war seltsam wach in ihr: die Enttäuschung über Hilde König mußte unaufhaltsam über ihn kommen. Vielleicht war sie schon da, und Perthes war unter den Trümmern seiner hochgestimmten Hoffnungen niedergebrochen. Maßlos, wie er war, mußte die Ernüchterung alles in ihm umstürzen. Wohin ihn dann seine Leidenschaftlichkeit trieb -- wer konnte es ausdenken? Marga sah sich von einer grausamen Furcht gepackt. Sie forschte nach allen Seiten, um unauffällig eine Nachricht über ihn zu erhaschen.

Es war wenig und widersprechend genug, was sie erfuhr.

Elli und Käthe lebten und webten in den Vergnügungen des Sommersemesters. Bald war es eine Damenkneipe, zu der die Erlaubnis dem alten Herrn abgelistet werden mußte, bald ein Stiftungsfest mit Ausfahrt oder ein verspäteter musikalischer Tee -- eine Neuerung im gesellschaftlichen Leben, die Vater Richthoff grimmig verabscheute. Begreiflich, daß die beiden jungen Mädchen dabei von ihren Gedanken und Empfindungen, von „ihren” Herren zu erfüllt waren, als daß sie auf Doktor Perthes, den man ja doch nirgends traf, geachtet hätten. Elli wollte ihn in einem weißen Tennisanzug gesehen haben: vielleicht gehörte er neuerdings zu dem Sportklub, in dessen Mittelpunkt Fräulein Exzellenz, Alice Hupfeld, stand. Es war dies ein Kreis, der dem Richthoffschen so fern stand, daß er ihn trotz der akademischen Beziehungen kaum berührte. Ein andermal berichtete Käthe, Perthes hätte seine Spaziergänge in der Uferstraße so gut wie ganz aufgegeben. Das hatte sie von ihrer Freundin Lizzie gehört, die ja dort wohnte. Endlich war er mit Hilde König eines Abends im Stadtgarten gesichtet worden. Lauter Nachrichten, die Marga nur hin und her rissen, zu Vermutungen brachten, die sich nicht zusammenreimen ließen, sondern sie nur noch unruhiger und trauriger machten.

Die dritte Woche war angebrochen.

Perthes kam so wenig wie in den beiden vorigen.

Nun fiel sein Ausbleiben auch den Schwestern auf. Käthe bemerkte gelegentlich zu Marga, die Mediziner wären eben doch „immer” unzuverlässig. Elli, die aus ihrer Neigung für Wilkens heraus etwas von Margas Kummer witterte, erklärte, von der altklugen Weisheit Käthes angesteckt, ein Mann, der sie wegen eines anderen Mädchens nicht grüßte, wäre ihr so viel wert: sie blies höchst geringschätzig über ihren Handrücken. Dann schloß sie unvermittelt Marga in die Arme, küßte sie und versicherte: „Ich, Margakind, ich bin eben doch dein einziger, getreuester Liebhaber! Das merk dir und verrate mich nicht für solche Bazillengucker!” Der Spaß war harmlos und ehrlich gemeint. Daß er dabei so herzhaft weh tat, ahnte Elli nicht von ferne.

Und zu guter Letzt ließ sich bei einem Mittagessen sogar der Geheimrat vernehmen: „Was macht denn dein -- dein -- na, wie heißt er denn? Der Sparafantel aus Hemsbach, der dich unterrichten wollte?”

Marga zuckte die Achseln. Ehe sie antworten mußte, fiel dem alten Herrn glücklicherweise eine Briefschuld an Schlutius in Bonn aufs Herz. Darüber vergaß er völlig, seine Frage zu erneuern. --

Gegen den ihr sonst so lieben Platz im Vorgarten hatte Marga eine merkwürdige Abneigung bekommen. Als Tag um Tag verstrich, ohne daß Perthes mit seinem eiligen Schritt die Treppe heraufkam, um sich neben sie unter die Kastanien zu setzen, wurde ihr der Ort, der Zeuge freundlicher Stunden gewesen war und jetzt ihre Erwartung immer aufs neue trog, unerträglich. Sie zog es vor, die Zeit, in der sie sich selbst überlassen blieb, in der Geißblattlaube zuzubringen, am Ende des Blumengartens, dort, wo die ersten Stufen zu den Obstbäumen führten.

Es war ein besonders warmer, fast schwüler Vormittag, als sie dort, wie gewöhnlich, saß. Sie hatte eins ihrer Blindenbücher mitgenommen, von denen sie eine kleine Bibliothek besaß, die zu Weihnachten oder zum Geburtstag ihre stetige Ergänzung erfuhr. Der große, beleibte Band -- Storms „Schimmelreiter” -- nahm aufgeschlagen beinahe die Hälfte des Tisches ein. Ihre Finger tasteten von Punkt zu Punkt, und ihre Lippen lasen leise mit.

Im Schatten der dichtgewachsenen Blätter, die das Sonnenlicht zu einer goldgrünen Dämmerung dämpften, saß es sich gut. Die schwermütige Versonnenheit der Erzählung wirkte beruhigend auf Margas wunde Seele. Sie war so in ihr Lesen vertieft, daß sie überhörte, wie jemand vom Hof heraufkam. Elli kehrte von der Stadt zurück. Den rosenumrankten Strohhut, der schief und keck über dem krausen blonden Haar saß, hatte sie in den Nacken zurückgeschoben, und das erhitzte Gesicht fächelte sie mit dem Taschentuch.

„Uff! ich sag' dir, Margakind, das ist eine Hitze --”

Marga sah auf und schob ihr Buch zurück.

„Unausstehlich!” fuhr Elli fort, während sie sich neben sie auf die Bank setzte. „Du hast's gut hier im Schatten.”

„Wo warst du denn?” fragte Marga.

„Im Bad. Köstlich! Ich schwimme jetzt wie ein Fisch. Am liebsten hätt' ich gleich den ganzen Fluß ausgetrunken.”

„Und dann hast du dich so heiß gerannt? Das ist aber töricht, Kleinchen!” meinte Marga, während sie Ellis Wangen berührte. „Du glühst ja wie ein Backofen!”

„Ach was, dafür bring' ich dir auch eine Neuigkeit mit! Rate mal, was!”

Marga konnte nichts erraten.

„Es hat sich jemand verlobt,” half Elli. „Schon vor drei Tagen hat es in der Zeitung gestanden, und wir haben's übersehen. Rate, wer!”

Marga schüttelte den Kopf. „Kenn' ich den ‚Jemand‛ überhaupt?”

„O -- ich glaube wohl!”

„Ist es eine von deinen oder von Käthes Freundinnen?”

„Nein, durchaus nicht. Auch keine von deinen.”

„Wo wohnt sie denn?”

„Am Fluß. In der Uferstraße. Jetzt mußt du doch dahinterkommen!”

Marga schrak unwillkürlich zusammen und erbleichte. „Hilde König?” fragte sie tonlos.

„Erraten!” rief Elli. „Aber mit wem? Das errätst du noch viel weniger. Das --” Elli hielt in ihrem lustigen Bericht inne.

Marga hatte alle Farbe verloren. Ihre Hände zitterten, und ihr Kopf bog sich zurück, bis er an der Wand der Laube, zwischen den Blättern einen Halt fand. Die Augen waren geschlossen, und die Lippen rangen nach Luft.

Elli war aufgesprungen. Bestürzt schob sie ihr die Arme um die Schultern.

„Aber Margakind! Was hast du denn? Was machst du denn? So sei doch verständig!”

Plötzlich schoß ihr die Erklärung durch den Sinn. Sie erriet, welchen Namen Marga zu hören fürchtete, und begriff das ganze, ängstlich behütete, schwere Geheimnis der Schwester.

„Aber nein! nein! nein!” rief Elli und umschlang sie noch fester. „Nicht mit dem! Nicht mit Doktor Perthes! Ganz gewiß nicht! Mit einem Gymnasiallehrer, den du gar nicht kennst! Du kannst mir's glauben, Margakind! Ich wollte nur einen Scherz machen! Ich hatte ja keine Ahnung, daß --” Sie bedeckte sie mit Küssen. Sie war unglücklich, den Tränen nahe, empört über sich und ihre Plumpheit und verwirrt durch das Neue, Unerwartete, das ihr die Erschütterung der Schwester zu verstehen gab.

Marga schlug langsam die Augen wieder auf. Sie zitterte noch immer. Aber sie versuchte zu lächeln. „Wie dumm ich bin!” flüsterte sie. „So -- schwach zu sein!” Sie richtete sich auf und löste sanft Ellis Arme von ihrem Nacken. Eine rührende Mischung von Verlegenheit und Hilflosigkeit malte sich in ihrem Gesicht.

Elli zog sie aus der Laube. „Komm! Komm! Im Hof ist's jetzt wundervoll kühl. Da gehen wir auf und ab!” Sie nahm Margas Arm und legte ihn sich um die Hüfte. Ihr ganzes überströmendes Herz war erwacht. Sie drängte sich, zutraulich wie ein kleiner Vogel, an Marga und suchte ihr teilnehmendes Verstehen durch verdoppelte Zärtlichkeit auszudrücken. Obwohl ihr tausend Fragen auf den Lippen schwebten, die zu unterdrücken für ihre Quecksilbernatur kein leichtes war, wartete sie eine gute Weile und schritt, Seite an Seite mit Marga, schweigend im schattigen Hof auf und ab. Dann drückte sie ihr den Arm. „Ich versteh' dich ganz, Marga! Du brauchst mir, wenn du nicht willst, kein Wort zu sagen. Ich versteh' dich und achte dich. Und was wir da in der Laube sagten und fühlten, gehört nur uns beiden allein! Ich denke mir nichts und erinnere dich nie daran. Husch -- ist es fort. Ich weiß nichts mehr davon!”

Marga schüttelte den Kopf. „Nein, nein, Elli!” meinte sie ernsthaft. „Wenn ich mich schon verraten mußte, war's bei dir am besten. Denn zu dir hab' ich das meiste Vertrauen.” Es war ihr eine Erleichterung, zu reden. Die Qual der letzten Wochen, die ihr Inneres um und um gewühlt hatte, verlangte danach, sich auszuströmen. Erst scheu und zaudernd, dann tapfer und rückhaltlos enthüllte sie das Geheimnis ihrer Liebe; wie sie sie entdeckt und niedergekämpft hatte; wie sie sie für immer in sich verbergen und niederhalten wollte und mußte. Ihr Stolz und ihre Besonnenheit kräftigten sich wieder, während sie erzählte.

Elli hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Sie war glücklich darüber, Margas Vertraute zu werden. Ihre Liebe zu Wilkens, die ja doch auch, freilich mit einem größeren Recht auf Wirklichkeit, in eine noch recht ferne Zukunft baute, wollte die hoffnungslose Entsagung für niemanden gelten lassen. Wenn man bisher stillschweigend immer nur angenommen hatte, Marga müsse ihren Weg durchs Leben allein gehen, so war das schließlich noch kein unumstößlicher Beweis, daß das Leben es doch nicht anders wollte. Und als Marga ihr Geständnis beendigt hatte, da ließ Elli ihrem fröhlichen Optimismus voll die Zügel schießen: nicht nur aus Mitgefühl, sondern in der ehrlichen Überzeugung und in dem heißen Wunsch, auch die Schwester, gerade sie in ihrer Dunkelheit, könne und müsse lieben dürfen und geliebt werden. Ihre jugendliche Phantasie ersann einen ganzen Roman, den sie glaubte und glauben machen wollte. Und Marga, auch wenn sie ungläubig blieb, hielt sich doch mit geheimem Entzücken an diesen Zuspruch. Ist ja doch kein Menschenherz, und zumal kein junges, so untröstlich düster, daß es nicht in seinem verborgensten Winkel mit einem Stäubchen Hoffnung spielte! Mehr und mehr erschloß sie sich dem Vertrauen, das sich ihr bot. Auch ihre Angst um Perthes, ihre Sorge, er möchte sich, wenn er nun die Verlobung Hilde Königs erfuhr, in seiner Verzweiflung verlieren, teilte sie mit Elli.

Und das Kleinchen riet kühn und praktisch, was Marga selbst sich nicht zu raten wagte. „Weißt du was? Du mußt ihm einfach schreiben!” platzte sie siegesgewiß heraus.

„Aber das geht ja nicht!” wandte Marga zaghaft ein.

„Das geht nicht? Warum? Ich -- ich, ja weißt du, ich schreibe natürlich nie an Wilkens.” Elli wurde ein bißchen rot, weil ihr einfiel, daß sie doch schon geschrieben. „Aber das ist ja ganz was anderes! Unsereiner soll nun mal nicht an Herren schreiben. Dafür sehen und sprechen wir uns öfter. Und du -- bei dir ist das überhaupt ein Ausnahmefall! Du bist ein ganz anderer Mensch als wir. Du kannst dir ruhig das Recht nehmen. Auch als Freundin! Er kann's sogar beinahe von dir erwarten. Du mußt schreiben, Margakind! Glaub mir, du mußt!”

Vom Eßzimmer klang Händeklatschen. Käthe erschien in der Tür. „Aber wo steckt ihr denn? Es ist ja Essenszeit! Schnell! Schnell!”

Und Papa Richthoffs Stimme schallte paschahaft-unwirsch hinterdrein: „Was ist das für 'ne Wirtschaft! Ich soll wohl die Damen zu Tisch bitten?”

Marga und Elli eilten, was sie konnten, ins Haus und zu Tisch.

Während des Essens hatte Marga Zeit, sich Ellis Rat zu überlegen. Sie sah auch den Ausweg, zu schreiben, als den besten an. Die Bedenken, die ihr Gewissen nicht wegräumen konnte, beschwichtigte Ellis überzeugende Rabulistik. Überdies streichelte und zupfte das Kleinchen sie heimlich mehr als einmal unter dem Tisch und tuschelte ihr zu: „Es bleibt dabei. Du mußt! Gleich nachher!”