Die große Stille: Roman

Part 6

Chapter 63,735 wordsPublic domain

Jenes Schweigen herrschte zwischen beiden, das zwei Menschen beschleicht, wenn der eine sich schrankenlos ausgegeben hat und der andere noch nicht weiß, was er dagegen geben soll. Ein Schweigen, das zum Anfang oder Ende des Verstehens wird.

Marga zitterte in ihrer Unschlüssigkeit.

Wenn sie ihn jetzt hätte sehen können! Einmal ihm ins Gesicht schauen, daß dies Gesicht ihr rate, was sie tun oder lassen müsse! Sie strengte alle Kräfte ihrer Seele an, um den Mangel ihrer Sinne zu ersetzen. Wie durch einen geheimen Rapport fühlte sie, daß er sich innerlich langsam von ihr entfernte. Er räusperte sich; er begann sich über seine Preisgabe zu schämen, zu erzürnen. Ihr Zaudern wich. Sie durfte nicht in seiner Schuld bleiben. Eben war er im Begriff aufzuspringen und sie zum Abstieg aufzufordern, als sie die Sprache fand. „Ich glaube doch an den Kern, den Sie sich absprechen, Doktor Perthes,” sagte sie mit leiser Bestimmtheit.

„Doch? Immer noch?” erwiderte er nach einer Weile ausdruckslos. „Da sind Sie eine beneidenswerte Optimistin.” Der spöttische Ton, den er annehmen wollte, verlor sich in einer bitteren Niedergeschlagenheit.

„All das Leidenschaftliche,” fuhr sie uneingeschüchtert fort, „was Sie vorhin sagten, sagten Sie ja nur deshalb, und deshalb nur so leidenschaftlich, weil Sie selber gern an einen solchen Kern glauben möchten und es nicht immer können.”

Perthes erwiderte nichts. Er hatte das bärtige Kinn auf die Faust gestützt und sah Marga an. Ihre sanfte, klare Stimme wirkte auf ihn wie eine Kinderweise, die sich beruhigend ins Ohr schmeichelt. Sein Verstand sträubte sich gegen die einfache Wahrheit ihrer Worte; das Herz sog sie dankbar in sich.

„Ich kann natürlich nicht wissenschaftlich mit Ihnen streiten,” hub Marga nach einer gedankenvollen Pause noch sicherer wieder an. „Ich habe in allen Dingen nur die Gewißheit meines Gefühls, und die sagt mir, daß es gar nicht zuerst auf die Meinungen ankommt, die man sich von der Welt und dem Leben und den Menschen so im allgemeinen macht, sondern auf das, was man aus sich selbst macht.”

„Meinen Sie? Aber wenn man bald so ist, bald so? Wenn man nach zwei Seiten gezerrt wird? Wenn man, um recht trivial, aber anschaulich zu reden, die bekannten ‚zwei Seelen‛ in der Brust hat?”

„Dann kommt es eben darauf an, durch welche von beiden man glücklicher, man mehr ‚man selber‛ ist!” erwiderte Marga überzeugt. „Wenn man das erst weiß, braucht man nur zu wollen.”

„Und dafür sind Sie doch ein Mann! Sagen Sie das ruhig wieder dazu! Ich kann es ganz gut noch einmal hören!” Es war keine Bitterkeit und kein Spott mehr in seiner Stimme, sondern nur eine schwermütige, dumpfe Verzagtheit. Als sein Blick aus verlorener Weite zurückkam, suchte er Marga.

Ihre Augen hatten einen warmen Glanz angenommen, der sie von innen zu erleuchten schien und ihre Blindheit vergessen ließ. Sie hatte sich höher aufgerichtet. Ihre Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß; die Haare über ihrer runden, ebenmäßigen Stirn bewegten sich sacht im Winde, der über den Berg fuhr. Von ihrem geschlossenen, in sich einigen Wesen ging eine stille, fast heitere Gewißheit aus, die Perthes mit Achtung erfüllte, einer Achtung, die er zuvor nicht empfunden hatte.

„Und wenn ich's auf eine Probe ankommen ließe, ob Sie recht haben, Fräulein Marga?” meinte Perthes zögernd. „Wollten Sie mir ein klein wenig dazu helfen?”

Sie überlegte. Nur einen Augenblick. „Das wollte ich!” sagte sie kurz und herzlich.

Perthes stand auf, er reckte seine Arme und streckte die hohe, sehnige Gestalt. „Also auf gute Kameradschaft!” Es klang eine so ehrliche Wärme aus seinen Worten, wie er sie den ganzen Abend noch nicht gefunden hatte.

Margas Gesicht wandte sich arglos und voll Güte zu ihm. Sie bot ihm die Hand.

Er ergriff sie und, einer ungekünstelten Bewegung folgend, drückte er einen Kuß darauf.

„Jetzt ist es aber höchste Zeit, daß wir hinuntergehen!” Auch sie war aufgestanden. Ihre Stimme zitterte von innerer Seligkeit, von frohem Stolz über diesen Beweis der Achtung.

Sie wagte diesmal nicht, seinen Arm auszuschlagen, sondern ließ sich von ihm führen.

Schweigend stiegen sie den Weinberg hinunter ...

Von einer Bank im Blumengarten hörten sie lachendes Streiten. Es waren Elli und Wilkens. Sie waren also nicht die einzigen, die auf sich warten ließen. Weiter unten stießen sie auf Heddy Wilmanns und den dicken Burschenschafter. Mit diesen zusammen traten sie in den Hof, wo Jugend und Alter bei einer unerschöpflichen Erdbeerbowle durcheinandersaß. Papa Wilmanns hatte den Flanellstorch und die zwei Corvinen vorgenommen, denen er in der richtigen Bowlenlaune eine Philippika über die Streberei hielt. Sie hörten ihm mit stumpfsinniger Andacht zu, ohne sich getroffen zu fühlen. Der Geheimrat saß mit Frau Achenbach und Professor Borngräber in einer anderen Ecke und plauderte bei seiner sechsten oder achten Zigarre über Sommerferienpläne.

Marga und Perthes setzten sich zu Käthe und Bertelsdorf, die, unterstützt von den beiden älteren Wilmannstöchtern, die gesamte Universität Spießruten laufen ließen.

Es war lange nach Mitternacht, ehe das Gartenfest mit einem fröhlichen, von Papa Wilmanns inaugurierten und kommandierten Rundgesang sein Ende fand.

4

Der Alltag war wieder in seine Rechte getreten.

Der heitere Sommerabend im Haus am Wenzelsberg war für alle Beteiligten eine liebenswürdige Erinnerung geworden. Nur für Marga und Doktor Perthes spann sich ein Stück Wirklichkeit daran. Die Freundschaft, zu der sie sich zusammengefunden hatten, gewann an ungezwungener und vertrauensvoller Herzlichkeit.

Als Perthes vierzehn Tage nach dem Gartenfest am Hause vorbeigekommen war, hatte er Marga unter den Kastanien im Vorgarten sitzen sehen. Er war ohne Zaudern hinaufgegangen, um sie zu begrüßen. Sie plauderten wie zwei gute Kameraden miteinander. Ihm tat es wohl, sich auszusprechen; Einfälle, Stimmungen, Empfindungen mitzuteilen, die ihn gerade beschäftigten. Und sie verstand dankbar und still zuzuhören. Nur ab und zu warf sie ein Wort dazwischen, offen und einfach, wie sie es fühlte und dachte.

Perthes wiederholte seinen Besuch.

Bald am Vormittag, bald am Nachmittag kam er auf einen Sprung vorbei, und meist traf er Marga, die an den Ausgängen und Besuchen der Schwestern in der Stadt selten teilnahm, an ihrem Steintisch im Vorgarten, handarbeitend oder lesend.

Gleich bei einem der ersten Male fügte es der Zufall, daß der Geheimrat, von einer Fakultätssitzung heimkehrend, die beiden beisammen fand. Perthes hatte Marga ein paar Sätze diktiert, die sie punktierte, und sie waren eben bei der Korrektur der Blindenschrift; sie bemerkten den alten Herrn nicht eher, als bis er dicht hinter ihnen stand.

Unter dem breitrandigen Schlapphut hervor schoß er bedrohliche Blicke.

„Was wird denn da getrieben?” Richthoff stützte sich mit der einen Hand auf den Krückstock, mit der andern hatte er sich in den weißen Bart gefaßt.

„Wir repetieren unser Pensum von Hemsbach, Herr Geheimrat!” Perthes erhob sich grüßend; sein Auge begegnete ruhig dem scharfen Blick des alten Herrn.

„Wenn du nichts dagegen hast, will mir Herr Doktor Perthes ein wenig meine Kenntnisse auffrischen helfen,” setzte Marga aufrichtig hinzu.

„Hm!” brummte Papa Richthoff unentschieden. Er überlegte, daß von Rechts wegen ein junger Mann und ein junges Mädchen sich keinen Unterricht tete-a-tete zu geben hätten. Aber schon im nächsten Moment sagte er sich auch, daß er Marga, die so viel entbehren müsse, nicht um eine im Grund unschuldige, bei ihr doppelt harmlose Zerstreuung bringen dürfe. „Sie hat wohl glücklich alles wieder verschwitzt, was sie konnte?” wandte er sich, dem Tisch näher tretend, an Perthes.

„O -- es geht noch ganz leidlich!” meinte der Doktor.

Der alte Herr ergriff das Blatt mit den vielen kleinen Punkten, die nach Zahl und Stellung dem Getast ihren Buchstabensinn vermitteln. Es entwickelte sich eine Unterhaltung über die Schrift, über Blindenbibliotheken und ihren Bücherschatz. Perthes, der, was er wußte, recht wußte, gab allerhand Auskünfte, die den Geheimrat interessierten.

Das Ende war, daß Vater Richthoff Marga huldvoll am Ohr zupfte. „Das bitte ich mir aber aus, daß in vierzehn Tagen der Prolog zum Faust fließend gelesen und geschrieben werden kann, hörst du!” Mit einem jovialen Kopfschütteln verabschiedete er sich und verschwand im Haus.

Seither konnten Perthes und Marga ihre Kameradschaft ungestört pflegen. Elli und Käthe neckten wohl manchmal die Schwester; aber da sie selber Perthes nicht ungern sahen, hatten sie gegen Margas unschuldige Eroberung nichts einzuwenden. Man gewöhnte sich daran, den Doktor als Freund des Hauses das eine oder andere Mal am Wenzelsberg zu begrüßen.

Über tausend Dinge unterhielten sich Marga und Perthes. Über Großes und Kleines mit derselben Wichtigkeit der Jugend. Er brachte ein buntes Allerlei von Eindrücken mit, wie sie sich ihm an Menschen, in der Natur, bei seinen Arbeiten boten, und Marga sog diese Wirklichkeiten aus einer ihr nur durch die Phantasie erreichbaren Welt eifrig und dankbar ein. Was sie von den Schwestern, aus Büchern, durch sich selbst wußte, bekam Fülle und Zusammenhang. Sein vielseitiges Wissen nährte das ihre. Daß sie nichts Fremdes und Schiefes in sich aufnahm, dafür sorgte ihre durch die Blindheit geschärfte Spürkraft, ihr klarer, gesunder Sinn, der nichts annahm, was er nicht gebrauchen konnte. Die Ruhe und innere Freiheit, die durch frühes Entsagen, durch Einsamkeit und Leiden in ihr gereift, war die Gegengabe ihrer Freundschaft. Sie erkannte seine Natur, die ein Ganzes und Einfaches werden wollte und doch immer wieder durch entgegengesetzte Neigungen auseinanderstrebte, sich selber komplizierte und zerriß. Perthes seinerseits fühlte die Überlegenheit, die in der Stille und Bestimmtheit ihrer Seele lag. Aber sein Verstand sträubte sich mit zahllosen Gründen dagegen, diesem Gefühl nachzugeben. Daß sie, zehn Jahre jünger als er, ein Weib, eine Blinde, ihm durch ihre größere Ruhe Achtung abnötigen sollte, konnte ihm oft plötzlich lächerlich erscheinen, ihn empören, seinen verbissensten Widerstand erwecken. Dann riß er irgendeine schwierige Frage herbei, eine von den großen Fragen über den Wert des Daseins, und zersetzte alle „Schwindsüchteleien”, wie er es nannte, unter vollem Aufgebot seines Wissens und seiner Klugheit. Je lauter er wurde, um so stiller wurde sie; je mehr er sich erhitzte, um so gelassener hörte sie ihm zu.

So bewies er gleich an einem der ersten Tage ihrer jungen Freundschaft, daß es nichts Vernünftiges gebe, als das tierische Werden und Vergehen; alle vermeintlich „höheren” Gedanken seien nichts als ebensoviele Illusionen, um über diese nüchterne Wahrheit zu täuschen. „Damit wir hübsch im Tretrad bleiben und nicht etwa herausspringen, weil uns die Sache zu albern wird!”

Marga hörte ihm aufmerksam zu. Als er geendigt hatte, bemerkte er ein leichtes, heiteres Lächeln in ihren Zügen.

„Sie -- Sie wissen das natürlich viel besser!” rief er empört.

„O, gar nicht! Wissen werden _Sie_ es schon besser. Aber ich _fühle_ es anders.”

„Fühlen! Fühlen! Mit Ihrem ewigen Fühlen! Das Gefühl ist gar nichts. Jeder Hund und jede Katze sind uns darin ebenbürtig. Gefühle sind für Kinder, sind Verschwommenheiten, Torheiten, Halbheiten, die Gedanken werden möchten und nicht können! Wollen Sie das nicht endlich einsehen?”

„Nein. Ich _will_ es eben nicht einsehen,” meinte Marga ruhig. „Es gibt Gefühle, die weniger sind als Gedanken, und es gibt Gefühle, die mehr sind --”

„Und mit welchem Recht?”

„Mit meinem Recht. Ich will, daß das Leben den Sinn hat, dessen Wahrheit ich fühle -- ob Sie sie beweisen können oder nicht.”

Perthes schüttelte den Kopf. Sein widerspenstiger Verstand war nicht überzeugt. Trotzdem beugte sich eben das Gefühl, das er so gering bewertete, vor dem ihrigen. Es war töricht, aber es war so. Und blieb so, ein Waffenstillstand bis zum nächsten Gefecht. --

Ein Thema gab es, das sie im Gespräch nie berührten: Hilde König.

Aus Äußerungen ihrer Schwestern, aus dem Klatsch, der in einer kleinen Stadt auch nur entfernt bekannte Menschen mehr oder minder verbindet, wußte Marga, daß ihr Freund seine Verehrung für die kleine Uferschöne mit den Taubenaugen und den losen blonden Haaren ganz und gar nicht aufgegeben hatte. Man sah ihn häufiger denn je die Uferstraße entlang pilgern, sei es allein, um sie auf ihrem Balkon zu sehen, oder mit ihr zusammen, wenn er ihr mehr oder minder absichtlich begegnet war und sie heimbegleitete. Auch im Stadtgarten tauchte er auf. Man sah ihn nicht selten im „Heiratskarussell”, das ihm anfangs so lächerlich vorgekommen war, an Hilde Königs Seite.

Marga hatte sich vorgenommen, von sich aus nie wieder auf diese Angelegenheit zurückzukommen, aber je vertrauter sie und Perthes miteinander verkehrten, desto schwerer wurde ihr diese Zurückhaltung. Sie kannte ihn jetzt genügend, um zu erraten, daß der augenfällige, liebliche Zauber der koketten Unschuld, die so geschickt zwischen Ernst und Kindlichkeit balancierte, seinen empfänglichen Sinn anziehen mußte. Vielleicht blieb es bei einer Spielerei. Vielleicht aber -- und das machte ihr sein leidenschaftliches Wesen wahrscheinlicher -- verfing er sich ernsthaft in diesem Spiel. So oder so: sie, Marga, durfte sich nicht einmischen. Zartgefühl und Stolz geboten ihr dies als ein Selbstverständliches. So oft ihre Gedanken und Gefühle über die ihnen gesetzte Grenze schweifen wollten, rief sie sie schroff zurück. Freilich nicht, ohne daß sie einen leisen Schmerz dabei empfand. Er kam von der Unklarheit, die zwischen ihnen beiden über dies eine bestehen bleiben mußte; von einer Sorge um ihn; einem bangen Gefühl, das in ihr keimte, ohne daß sie es noch fassen und zur Rechenschaft ziehen konnte. --

Ein recht unbedeutendes Erlebnis sollte sie über ihn und sich aufklären.

Marga hatte es nach wie vor vermieden, sich wieder in der Abendstunde am Ufer spazieren führen zu lassen. Bis der Zufall es wollte, daß der Geheimrat eines Abends Elli mit dem Auftrag, sich ein bestimmtes Buch auszubitten, zu Professor Borngräber schickte, der in einem verwachsenen, kleinen Häuschen in der äußersten Uferstraße sein Junggesellenleben führte. Marga hatte ihre Schwester schon ein großes Stück Wegs begleitet, ehe diese mit dem Ziel ihres Ganges herausrückte. Als sie nun Einwände erhob, fiel die necklustige Elli mit all ihren Kobolden über sie her. Es blieb Marga nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Es war ein trüber, bedeckter Abend. Der Regen hatte kaum erst aufgehört. In der Allee am Fluß war es einsam. Die Sonne lag hinter dem grauen Gewölk, und der Fluß wälzte sich träg und schmutzig zwischen seinen Ufern hin.

Elli und Marga beeilten sich, Borngräbers Haus zu erreichen, und entledigten sich schnell ihres Auftrags. Der Himmel sah nach neuen Regengüssen aus, denen sie lieber entgehen wollten. Aber sie hatten die Allee noch nicht zur Hälfte hinter sich, als die Tropfen niederklatschten. Eng duckten sie sich unter den gemeinsamen Schirm.

Kurz vor dem Aufgang zur Brücke, am Ende der Allee, kam ihnen ein Paar entgegen, das sich gleichfalls in einen Schirm teilte.

Elli mit ihrem hellen, flinken Blick hatte die beiden schon erkannt. „Perthes mit Hilde König!” flüsterte sie hastig Marga zu.

„Wo denn?” Marga nahm sich zusammen, aber ihr Arm zuckte unwillkürlich in dem der Schwester.

„Gerade vor uns! Er scheint sie mit seinem Schirm heimzubringen!” tuschelte Elli.

Im gleichen Augenblick hörte Marga ihre Stimmen. Seine rauhe, hastige; ihre leichte, etwas gezierte und hüpfende. Dann verstummten beide. Sie hörte, wie die Schritte an Elli und ihr vorüberknirschten.

„Das ist aber stark! Er hat nicht einmal gegrüßt! Er tut, als kennte er uns nicht, und dabei schwöre ich, daß er uns erkannte!” Elli war ganz erregt. Sie ereiferte sich, ohne auf Marga zu achten. So ein Drückeberger! Einfach beiseitezusehen! Und seine Bekannten zu verleugnen wegen diesem dummen, aufgeputzten Gör! Das sollte er von ihr zu hören bekommen!

„Meinst du, daß er uns wirklich nicht sehen wollte?” forschte Marga nach einer Weile zögernd. Sie mußte alle Kraft aufbieten, um einer Erregung, die sie selbst bestürzt machte, Herr zu bleiben.

„Schwören will ich darauf!” beteuerte Elli, und sie schilderte sein Benehmen mit erneuter Lebendigkeit.

„Ich werde ihn fragen, warum er das tat,” erklärte Marga gepreßt.

Der Regen floß jetzt in solchen Strömen, daß sie in der nächsten besten Haustür Schutz suchen mußten. Elli, die nie zu lange beim gleichen Thema blieb, erzählte vom bevorstehenden akademischen Ausflug. Marga hörte ihr krampfhaft zu, auch auf dem weiteren Nachhauseweg. Sie wollte, was sie bewegte, überdenken, wenn sie erst wieder allein mit sich war ...

Da Vater Richthoff heute seinen Kegelabend hatte, wurde schneller als sonst Abendbrot gegessen.

Nachher übten Käthe und Elli am Flügel im Wohnzimmer ein Duett.

Marga konnte unbemerkt in ihr Zimmer im Dachstock hinaufsteigen.

Oben holte sie ihre Geige hervor. Sie hatte lange nicht gespielt. Sie war keine Künstlerin. Ihr Spiel war technisch nicht weit über das hinausgekommen, was sie, noch ein halbes Kind, vor ihrer Erblindung gelernt hatte. Aber es war Musik in ihr, und diese brachte sie gerade durch die einfachen Mittel zu ergreifendem Ausdruck.

Mit einer Hast, die ihr sonst fremd war, griff sie heute nach ihrem Instrument und stimmte es. Eine scheue Hast war es: sie wollte ihr übervolles Gemüt in Tönen erlösen und hatte doch zugleich eine Scheu vor dem Unbekannten, das die Töne ihr aus der Seele locken wollten.

Ihr blonder, blasser Kopf war tief über die Saiten gebeugt, und die Hand führte zagend den Bogen. Die Augen hatte sie geschlossen, den Mund zusammengepreßt. Rauhe, gebrochene Klänge holte sie aus der Tiefe herauf. Sie verbanden sich zu einer ungefügen, schluchzenden Weise, gegen die sich nur langsam aus der Höhe die Töne eines weichen, unendlichen Verlangens hervorwagten. Aus der Tiefe war es der Schmerz ihres Lebens, das so tapfer niedergehaltene Weh, jung zu sein und entsagen zu müssen; aus der Höhe war es die Sehnsucht, die laut und lauter mit ihrer hellen Stimme nach Ziel und Erfüllung rief. Und je lauter dieser Ruf ward, je ungestümer er sich vordrängte und die Entsagung überbot, um so mehr erbebte und erschrak Margas Seele. Das Unbekannte, das sie gefürchtet hatte -- da war es! Da brach es hervor, nicht mehr zu unterdrücken, nicht mehr zu verkennen und zu mißdeuten: sie liebte! ... Wie ein Schauer, jubelnd und entsetzt zugleich, wogte es über die Saiten. Einen Augenblick verlor sie sich dabei. Ein zartes, fast heiteres Entzücken wollte sich regen. Dann riß sie mit einem grellen Strich über alle Saiten ihr Spiel ab. Sie ließ die Geige hart auf den Tisch fallen und warf den Bogen daneben. Sie drückte sich in die Ecke des Sofas: das Gesicht mit den Händen verdeckend, duckte sie sich und zog sich zusammen, als wollte sie sich in sich selber verbergen.

Nach einer Weile warf sie die Hände hinter sich und spannte sie um die Lehne des Sofas. Als sähe sie die Gewißheit ihrer Empfindung außer sich, richtete sie mit allem Mut, den sie in sich fand, die Augen voll und fest auf einen fernen, brennenden Punkt. Und dieser Punkt dehnte sich aus, gewann Form und Ausdruck und Leben: es waren Max Perthes' Züge, die sie nie gesehen, die sie nur aus flüchtiger Beschreibung kannte, und die doch ihr inneres Gesicht so bestimmt gestaltete. Sie schaute und schaute. Die Augen gingen ihr über vor dem offenen, klaren Ja, das da _außer_ ihr stand. Aber sie ließ nicht nach und rang nach neuer Kraft: ebenso klar und unerbittlich mußte das Nein _in_ ihr werden. Sie klammerte sich an ihren Stolz. Perthes liebte sie nicht. Er fühlte sich von einem Mädchen gefesselt, das in allen Stücken ihr Gegenbild war; für das er sie verleugnete. Und sie sollte ihre heiligsten Empfindungen wecken, ihre tiefste Seele, ihr Bestes wegwerfen, nachwerfen? Niemals! Und hätte ihr Stolz es ihr erlaubt, so hätte die Vernunft es verboten. Für sie gab es keine Liebe. Sie, die Blinde, durfte von keinem Manne, auch wenn er es wirklich ihr geboten, das Opfer seines Lebens annehmen. Die Entsagung hatte recht, nicht die Sehnsucht. Wollte sie sich lächerlich und verächtlich machen? Wollte sie gewissenlos sein?

Marga preßte ihre Hände ineinander und rang sie in ihrem Schoß.

Sie zwang mit dem Nein ihres Willens das Ja ihrer Liebe. Es war, als müßte sie es erwürgen, und weil es ein Lebendiges war, sträubte es sich gegen den Tod und klagte und schrie, und ihre Hände taten ihrem Herzen weh, über alles Sagen und Denken weh.

Unaufhaltsam, wider ihren Willen, löste sich Träne auf Träne aus ihren Augen.

Dann war es mit einem Mal vorbei.

Sie liebte ihn nicht. Es gab keine Liebe für sie, und es gab keine Liebe ohne Gegenliebe. Vielleicht gab es nicht einmal mehr Freundschaft zwischen ihr und ihm. Nachdem er sich so benommen wie heute am Abend.

Marga stand auf und griff wieder nach ihrer Geige.

Aber spielen, sich vollends freispielen -- das konnte sie noch nicht. Sie schloß die Geige in den Kasten und stellte sie beiseite. Dann ging sie zu den Schwestern hinunter, die jetzt zu singen aufgehört hatten und bei der Handarbeit im Wohnzimmer saßen. Sie plauderte mit, so gut es ging. Und es ging besser, als sie dachte ...

Schon am nächsten Vormittag kam Perthes vorbei.

Es war noch immer regnerisch. Er fand Marga nicht im Vorgarten. Als er im Haus nach ihr fragte, wies ihn Therese in den Salon.

Er mußte eine gute Weile warten, ehe sie kam. Wie sonst wollte er ihr die Hand schütteln, doch sie reichte sie ihm nicht zum Gruß. Sie war durchaus nicht steif und unfreundlich, aber von einer Gemessenheit, die Zurückhaltung auferlegte.

Perthes hatte ihre äußere Erscheinung meist nur obenhin betrachtet. Heute fiel ihm die besondere Weiblichkeit ihres Wesens auf, die Züge und Gebärden beherrschte: eine natürliche, anmutige Würde, die durch einen Schatten von Trauer noch gehoben wurde.

Sie hatte ihn mit ein paar Worten in die Glasveranda gebeten, die dem Salon vorgebaut war.

Auf einem Rundtisch von schwarzem Ebenholz mit bunt eingelegter Platte lag ihre feine Häkelarbeit. Sie setzte sich und ließ ihn gegenüber Platz nehmen.

Ein Scherz über den feierlichen Empfang schwebte Perthes auf der Zunge. Er brachte ihn nicht hervor. Ihre schweigsame Ruhe war ihm unbehaglich.

„Warum erzählen Sie mir nichts?” fragte Marga, nachdem sie einige Zeit gearbeitet hatte.

„Ich dachte, _Sie_ würden mir erzählen. Mein Kopf ist heute schon ganz dumm vom Mikroskopieren. Ich wollte eine bestimmte Geschichte herausbekommen -- die Struktur eines Muskelgewebes, in dem -- doch das kann Sie nicht interessieren! Ich habe mich herumgequält und nichts gefunden. Um mir wieder guten Mut zu holen, bin ich zu Ihnen gekommen. Was haben Sie in den letzten Tagen getrieben?” Er sprach hastig und zerstreut. Seine Finger spielten nervös auf der Tischkante.

„Da werden Sie nichts Interessantes zu hören bekommen! Vorgestern sind die Schwestern und ich über die Berge gegangen. Das Wetter war zu schön. Man konnte nicht denken, daß es so wie heute kommen würde. Wir waren auf dem Schweikhartshof, hin und zurück zu Fuß. Gestern” -- sie stockte -- „gestern war ein Tag wie alle.”

„Das tut nichts! Erzählen Sie doch! Vom Morgen bis zum Abend! Gerade, wie Sie so einen Alltag verbringen, will ich wissen!” Es klang etwas Herrisches in seinen Worten, das Marga aufblicken machte. „Das möchte ich gern wissen,” verbesserte er sich.

Sie gehorchte. Langsam berichtete sie die Tagesereignisse. „Und gegen Abend --” Hier stockte sie wieder.

„Was war gegen Abend?”

„Gegen Abend gingen Elli und ich spazieren. Das heißt, Papa schickte uns zu einem Kollegen, und wir kamen tüchtig in den Regen.”

„Wo denn?” forschte er hartnäckig.