Die große Stille: Roman

Part 5

Chapter 53,593 wordsPublic domain

„O, Sie kennen die Philologen nicht! Die flunkern alle!” erklärte sie überzeugt. „Wenn ich denke, was nur Wilkens” -- sie warf einen vielsagenden Seitenblick auf ihren Tischherrn --, „was der mich schon angeführt hat! Schon zehnmal hat er behauptet: ‚Diesmal steig' ich ins Examen! Diesmal bau' ich bombensicher meinen Doktor!‛ Und zehnmal war's Schwindel!” Ein ganz leiser Seufzer begleitete unwillkürlich den zehnfachen Schwindel.

„Und das geht Ihnen so zu Herzen?” fragte Perthes.

„Mir? Zu Herzen? Wie kommen Sie darauf? Mir geht überhaupt nichts zu Herzen!” verteidigte sich Elli empört. „Von mir aus kann Herr Wilkens zehnmal durch sein Examen fallen. Nicht wahr, Herr Wilkens?”

Der Angeredete schmunzelte nur und drehte sich herausfordernd zu Heddy Wilmanns.

„O, und die anderen Fakultäten,” fuhr Elli zu Perthes fort, „die haben andere Fehler! Die Mediziner zum Beispiel -- die sind boshaft, wie Sie! Und schrecklich roh und materialistisch!”

„Hören Sie, wie ich beschimpft werde, Fräulein Marga?” wandte sich Perthes nach rechts, wo Marga geduldig, im Verein mit Cousine Grasvogel, noch immer Wilmanns' griechische Reise miterlebte.

„Wehren Sie sich nur tüchtig!” gab sie zurück.

„Also Sie verteidigen mich nicht einmal? Sie geben am Ende gar Ihrer Fräulein Schwester recht?”

„Um Sie zu verteidigen, müßte ich Sie erst besser kennen!” erwiderte Marga freundlich, aber bestimmt.

„Wie mißtrauisch Sie sind!”

„Mißtrauisch? Marga?” ereiferte sich Elli. „Na, Herr Doktor Perthes, da gratuliere ich Ihnen zu Ihrer Menschenkenntnis! Die ist die Offenste von uns allen! Aber sie flunkert _auch_! Die schlechte Nachbarschaft --” Sie zwinkerte nach Wilkens und zu Professor Wilmanns hinüber.

„Ich glaube, du bist beschwipst, Elli!” warf Marga vorwurfsvoll ein.

„Noch nicht! Aber wenn du sagst, Margakind, du kennst Herrn Perthes nicht, flunkerst du. Sie kennt nämlich die Menschen in- und auswendig, wenn sie noch nicht zwei Worte mit ihnen gewechselt hat!”

„Fräulein Marga! Wenn das stimmt, sind Sie mir Genugtuung schuldig. Ich möchte schon immer gern wissen, wer ich bin.” Perthes legte etwas Spöttisches in seine Rede, das ebensogut Marga als ihm selbst gelten konnte.

Marga schüttelte leise den Kopf. „Nein, nein -- Sie müssen sich selber am besten kennen.”

„_Muß_ ich das?” erwiderte er im selben Ton wie zuvor.

„Dafür sind Sie doch ein Mann,” war Margas halblaute, entschiedene Antwort. Sie zerkrümelte ihr Brot. Ihr Mund war fest geschlossen. Nur das Zittern ihrer Nasenflügel verriet etwas von innerer Erregung. Warum quälte er sie mit so merkwürdigen Fragen? Was konnte ihm daran liegen, wie sie ihn beurteilte? Warum drängte er sich hartnäckig und eigensinnig in ihr Sinnen und Empfinden, um sich und sie zu ergründen? Gewiß, er dachte sich dabei nichts. Er mochte sich in dieser spielerischen Unterhaltung gefallen. Aber sie, Marga, war sich dafür zu gut! In der Furcht, sich und ihr Innenleben unnötig auszugeben, verkroch sie sich in sich selbst, wie eine Schnecke in ihr Gehäus.

Perthes schwieg. Er beobachtete Marga länger und ernsthafter als sonst. „Dafür sind Sie doch ein Mann” -- was hieß das? War das ein Zweifel an seiner Reife? Oder war es eine Anerkennung? Dieses so stille und so klare Wesen der Blinden, für die er eine flüchtige, aus Interesse des Arztes und aus mitleidsvoller Teilnahme gemischte Sympathie empfand, begann ihn zu fesseln, weil es ihn reizte. Der Widerspruch zwischen seiner eigenen Zerrissenheit und ihrer ruhigen Geschlossenheit brachte bei ihm eine zwiespältige Wirkung hervor. Das Peinliche überwog das Anziehende. Bah -- er würde sich wohl von einem jungen Mädchen imponieren lassen! Was war rätselhaft an ihr? Höchstens, was er aus seiner eigenen Phantasie hinzutat. Sie war wie andere Frauen: nur durch ihren Zustand ein wenig empfindsamer. Es erklärte sich physiologisch wie alles Weibliche.

Elli hatte es inzwischen für zeitgemäß gehalten, ihren Wilkens, der um die Wette mit den Burschenschaftern Heddy Wilmanns den Hof machte, entrüstet zur Rede zu stellen. Wilkens erklärte mit seiner heiteren Unverwüstlichkeit, da er nach ihrer wohlwollenden Ansicht schon einmal ein Flunkerer sei, sei es doch völlig gleichgültig, ob er nach rechts flunkere oder nach links. Elli schmollte eine ganze Minute lang. Dann fand sie sich mit Wilkens in einem versöhnend-heftigen Händedruck unter dem Tisch. Nach dem Friedensschluß wandte sie sich wieder zu Perthes. „Was treiben Sie denn eigentlich hier?” fragte sie in ihrer übergangslosen, zufahrenden Art, als sie bemerkte, daß das Gespräch zwischen ihm und Marga bedenklich im Stocken war.

„Wo? Wie? Hier -- wie meinen Sie das?” Perthes richtete sich zerstreut aus seinen Gedanken auf.

„Na, in Ihrem Laboratorium oder Institut oder wie das Ding heißt!” erläuterte Elli ihre unbestimmte Frage.

„Wenn Sie das interessiert, müssen Sie mich mal besuchen. Ich habe einen ganzen Stall Kaninchen und Meerschweinchen. Mitunter auch Mäuse und Ratten.”

„Wozu denn das?” forschte Elli mit gruseliger, ungläubiger Neugier.

„Ich experimentiere mit ihnen.”

„Hörst du, Marga? Er experimentiert mit Tieren! Was hab' ich gesagt! Mediziner sind entsetzlich roh und gefühllos! -- Was machen Sie denn mit den armen Tierchen?”

Für Perthes konnte in seiner gegenwärtigen Stimmung keine Frage gelegener kommen. Es war ihm eine Genugtuung, sich nüchterner und gefühlloser zu zeigen, als er war. Auf die Gefahr hin, den Geschmack zu verletzen, gab er sich als den kühlen, überlegenen Wissenschaftler und beschrieb rücksichtslos seine Versuche an lebenden Tieren: wie er ihnen die verschiedenen Gifte einimpfte, Gegengifte erprobte, die Wirkungen von Stunde zu Stunde beobachtete.

Elli war außer sich vor Mitleid und Empörung. „Sie sind ja ein gräßlicher Tierquäler! Und so was machen Sie mit ruhigem Blut? Was müssen Sie für ein Mensch sein!” Ganz erschrocken blickten ihn ihre strahlenden jungen Augen an.

„Das gehört bei uns zum Handwerk!” versicherte Perthes mit Achselzucken. „Wir können ja leider nicht mit Menschen unsere Experimente machen.”

„Leider!” Elli fuhr von ihrem Sitz in die Höhe. „Leider, sagen Sie? Aber das ist ja abscheulich! Dafür könnte ich Sie --” Sie machte eine drastische Bewegung und hielt inne. Sie mußte selbst über ihre Entrüstung lachen. „Und wir sollen Sie besuchen? Ihre Schändlichkeiten mit ansehen? Was sagst du zu dieser Einladung, Margakind?!”

Marga sagte nichts. Sie fühlte, daß Perthes sich mit Absicht schlecht machte. Er übertrieb. Er wollte sein objektives Medizinertum hervorkehren. Er tat sich und anderen mit Bewußtsein wehe. Die Erkenntnis dieser Zwiespältigkeit, dieser unfertigen Halbheit schmerzte sie mehr als seine harten Ausdrücke, seine rohen Schilderungen. Mit unwiderstehlicher Macht überkam sie das Gefühl ihrer Einsamkeit inmitten all der fremden, geräuschvollen Menschen, die in einer Welt lebten, die nicht die ihre war. Sie fror. Wie in einen schützenden Mantel hüllte sie sich in ihre schwere und doch so viel reichere Einsamkeit. Teilnahmlos lehnte sie sich in ihren Stuhl zurück und richtete die Augen in die Ferne.

Elli, die einzige, die mit schwesterlicher Liebe Margas Wesen wenn auch nicht ganz erfaßte, so doch kannte und achtete, drang nicht weiter in sie.

Auch Perthes verstummte.

„Ihr Wohl, Herr Kollege!” prostete der Burschenschafter mit tadellosem Komment und unverkennbarer Hochachtung zu ihm herüber. Er hatte mit halbem Ohr die Unterhaltung gehört und wollte als jüngeres medizinisches Semester dem älteren seine bewundernde Zustimmung zu dem Ideal fachmännischer Gesinnungstüchtigkeit ausdrücken.

Perthes dankte. Er stürzte sein Glas Wein in einem Zug hinunter. Seine Stirn hatte sich verfinstert. Er war verärgert. Er haderte mit sich, weil er sich hatte fortreißen lassen.

Es war eine Erlösung, daß jetzt gleichzeitig zwei Messer an zwei verschiedenen Tischen an die Gläser klangen.

Die beiden Redner, die sich zu Wort meldeten, erhoben sich miteinander und maßen sich mit erstaunten Blicken: es waren Professor Borngräber und Professor Wilmanns, die in einem und demselben Augenblick um die oratorische Palme rangen.

Papa Wilmanns war sonst nicht auf den Mund gefallen. Aber gerade seinen vielverleumdeten griechischen Reisefreund konnte er nicht ohne Verblüffung als Rivalen auftauchen sehen. Und seine Frau warf ihm überdies aus der Ferne einen so flehenden Blick zu.

„Dann werd' ich die Herrschaften eben nach Freund Jakobus langweilen!” murmelte er mit trockener Gutmütigkeit und setzte sich wieder.

Borngräber begann mit seiner hohen, beharrlichen Stimme. Er zitierte einen indischen Spruch über die Freuden der Häuslichkeit. Man durfte hoffen, er würde von dort aus in Kürze und ohne Fährlichkeiten auf das Haus Richthoff kommen. Aber es war anders verhängt. Jakobus Borngräber war nicht der Mann der geraden Fahrstraßen. Bei einem neuen östlichen Sprichwort, das mit dem Ziel seines Toastes schon wesentlich loser zusammenhing, fiel ihm ein, daß er über die Übersetzung gerade dieses Textes mit einem französischen Kollegen in Kontroverse geraten war. Das Unheil war da: er vergaß völlig seine ursprüngliche Absicht, entwickelte mit einer zähen Leidenschaftlichkeit, die im umgekehrten Verhältnis zu seinen Stimmitteln stand, das Für und Wider beider Auffassungen und geriet in eine Vorlesung über vergleichende Textkritik.

Die Gäste sahen sich verwundert an. Da und dort wurde nervös geräuspert. Ein unterdrücktes Lachen wurde gehört. Einzelne fingen an, sich leise, dann lauter zu unterhalten. Dies Beispiel fand jähe, fast allgemeine Nachfolge. Während der Tisch der Alten eine achtungsvolle Ruhe behauptete, hörten von der Jugend bald nur noch der Flanellstorch aus Pietät gegen alles Akademische und die beiden Corvinen aus zuckerwässeriger Wohlerzogenheit dem Redner zu. Sogar Bertelsdorf, dem Privatdozenten, der für die Ordinarien seiner Fakultät einen unbegrenzten Fonds von Ehrfurcht besaß, schien der Wein eine charaktervolle Unabhängigkeit zu geben; er plauderte ungeniert mit Käthe. Wilmanns unterhielt seinen Tisch damit, daß er unter seinen Fingern eine Menagerie aus Brot gekneteter Wundertiere hervorgehen ließ. Wilkens unterstützte den Professor mit ebenbürtigen Kunststücken: er balancierte Zahnstocher auf der Nasenspitze und ließ Brotstückchen, die er über die Fingerspitzen legte, durch einen geschickten Schlag auf seinen Unterarm in den Mund schnellen.

Die Dämmerung hatte begonnen. Die Lichter auf den Tischen und die farbigen Lampions, die in Ketten über den Hof gespannt waren, waren schon seit geraumer Weile angezündet. Die weißen Tafeltücher, auf denen jetzt Kuchen und Früchte vorherrschten, die roten Leuchterschirmchen, die helldunklen Gesichter setzten sich warm und farbenvoll ab gegen das wachsende Dunkel im Weinberg und in den benachbarten Gärten. Darüberhin taumelten ein paar verspätete Käfer. Der Himmel strahlte in einem zarten, milchigen Blau. An dünnen Wolkenstreifen glomm noch ein später Schimmer der gesunkenen Sonne.

Endlich hielt Jakobus Borngräber plötzlich im Strom seiner Rede inne. Die immer ohrenfälligere Unaufmerksamkeit seiner Zuhörer machte ihm nun doch seine Abirrung mit jähem Schreck klar.

Die majestätische Frau Achenbach, seine Tischdame, hatte Gleichmut und Humor genug, um ihm beizuspringen. „In diesem Sinne --” soufflierte sie ihm.

„In diesem Sinne --” stotterte Borngräber und schwang sich mit einem verzweifelten Überschlag seiner Stimme aus dem Wirrsal seiner textkritischen Betrachtungen auf die dargebotene, allumfassende Redewendung: „In diesem Sinne bitte ich Sie, sich zu erheben und zu rufen: Unser verehrter lieber Richthoff und sein gastliches Haus, sie leben hoch!”

Ein schallendes dreifaches Hoch und ein allgemeines Gläserklirren verschlangen Redner und Rede. --

Nach so langer Geduldsprobe wollte sich der frühere Tafelzwang nicht wiederherstellen lassen. Der Tisch der Alten erkannte die Situation richtig, und ehe Papa Wilmanns seine unterdrückte Rede auch noch loslassen konnte, erhoben sich die Herrschaften.

„Ich wünsche gesegnete Mahlzeit!” klang die kräftige Stimme des Geheimrats über den Hof hin.

Zwanglos verteilten sich die Gruppen.

Die Jugend stieg in ihrer Mehrzahl den Weinberg hinan, dessen Wege weit hinauf mit Papierlaternen beleuchtet waren.

Die Alten zogen sich in die Zimmer zurück, bis im Hof die Tische geräumt waren. Die zwei Corvinen und der Flanellstorch hielten jetzt den Zeitpunkt für gekommen, um bei Vater Richthoffs Zigarren ihre Professoren zu poussieren.

Marga war mit im Weinberg emporgestiegen. Perthes hatte sich artig angeboten, sie zu führen. Sie dankte. Darauf gesellte er sich dem ausgelassenen Schwarm zu, den Elli und Wilkens anführten. Dazu gehörten die drei Wilmannstöchter, die Burschenschafter und auch Käthe mit Bertelsdorf.

Auf der Graswiese, wo hinter dem Blumengarten das Obstgelände begann, war es noch heller als in den tieferen Partien des Weinbergs. Elli schlug ein Spiel vor. Sie fand laute Zustimmung. „Hasch, hasch!” wurde nach kurzer Überlegung gewählt, und die Paare traten lachend in die Reihe. Perthes holte sich Heddy Wilmanns. Das Tollen begann, und leuchtend stoben die hellen, fliegenden Mädchenkleider durch die Dämmerung.

Marga stand abseits. Einen Augenblick hatte sie gedacht, es würde jemand zu ihr treten, um sie zu unterhalten. Aber niemand kam. Wie es meist ging, wurde sie und ihre Blindheit jetzt in der allgemeinen Lustigkeit vergessen. Im Grunde war es ihr recht.

Die Geselligkeit solcher Abende ermüdete sie mehr und schneller als andere. Und ihre innere Einsamkeit hatte sich nach der äußeren gesehnt.

Tastend orientierte sie sich an den Johannisbeersträuchern längs des Weges. Dann stieg sie sicher bergan.

Hinter dem Obstplan kam eine Mauer, die das steile Erdreich stützte. Eine Treppe aus Steinen führte an ihr empor. Darüber standen die Weinstöcke, die Sorgenkinder des alten Herrn. Jahr für Jahr gaben sie hartnäckig nur wenige Pfund saurer Trauben, aber es blieb trotzdem ausgemacht, daß hier ~anno Domini~ der großartigste Wein in der ganzen Umgegend wachsen mußte. Ein zweites Mauerwerk schloß nach oben ab. Auf seiner Höhe lief eine langgestreckte Laube über die ganze Breite des Richthoffschen Besitzes. Der Laubengang hieß der Philosophenweg; er lag schon hoch über der Stadt in der freien, ziehenden Abendluft.

Dort schritt Marga, die Hände auf dem Rücken, langsam auf und ab.

Das Lärmen und Lachen der Spielenden klang nur gedämpft zu ihr herauf. In vollen Zügen trank sie die Ruhe des späten Abends. Nichts Weichmütiges durfte in ihr aufkommen. Sie ordnete ihre Gedanken und ihre Gefühle zu dem mutigen Gleichklang, in dem sie daheim war. Ihrem festen Willen zum Trotz drängte sich immer noch ein herber Ton vor. Konnte sie es nicht lassen, auf andere Menschen zu bauen, statt nur auf sich? Es war ja doch stets dasselbe: ein Suchen, das müde machte, und ein Finden, das die Enttäuschung war. Zwiespältig und halb und haltlos waren alle, bei denen sie sich die Mühe machte, in sie hineinzulauschen. So wie Perthes. Wie die Mücken tanzten sie um die Sonne, zu schwach, um in sie hineinzufliegen, zu schwach, um sie zu entbehren. Vertraute sie, Marga, denn nicht genug auf sich allein? Was horchte sie überhaupt noch nach Gefährten? Ihre Schwingen reichten aus. Auch wenn sie nur ein Weib war. Sie -- sie wollte und konnte in die Sonne des inneren Erlebnisses fliegen, wo die Schönheit war, das Unbedingte und das Unendliche ...

Zwischen den zuhöchst gelegenen Pappeln, wo Margas Lieblingsplatz war, und dem Philosophenweg lag ein Wiesenhang unter alten Kirschbäumen.

Dort streckte sie sich aus.

Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Augen geschlossen, überließ sie sich ihrem Schauen. Aus dem Schoß ihrer immerwährenden Nacht quoll ihr Bild auf Bild entgegen. Nicht verschwommene, sondern scharfe und klare Gesichte, die ihre Phantasie sich schuf, und in denen ihre reiche Seele sich auslebte und ausruhte. Da war ein fernes, schimmerndes Tal, über und über von rotblühenden jungen Pfirsichbäumen voll. Ein tausendfältiger Schwarm von weißen, samtflügeligen Faltern gaukelte darüber: ein flatterndes Gewölk, das wie eitel Silber gegen den tiefblauen Himmel stand. -- Ein verschlafener See blitzte auf, inmitten dunkel wuchtender Tannenberge. Das fahle, magische Licht drang aus gelben Wolkenstreifen über die Landschaft. Der Wind hob leise die Wellen, daß die Seerosen schwankten, und ein schwarzer Schwan zog sanft am Schilf entlang. -- Die Berge rückten auseinander. Der See verschwand. Lachende, unabsehbar weite Blumenwiesen taten sich auf: gelbe Königskerzen und weiße Schafgarben und blauer Rittersporn wirrten sich leuchtend durcheinander, so weit der Blick reichte. Darüber, am Horizont, erhoben sich kristallene Sommerwolken, überirdische Berge, himmlische Paläste, in denen die Sonne selbst zu wohnen schien. --

Marga war so entrückt, so selig im Schauen versunken, daß sie nicht hörte, wie ein behender Schritt die Stufen nach dem Laubengang heraufkam. Erst als ihr Name gerufen wurde, zuckte sie auf und richtete sich aus dem Gras empor.

„Fräulein Richthoff!” ertönte es von neuem.

Sie erkannte Perthes' Stimme und gab keine Antwort. Noch war sie nur halb aus ihrer Traumwelt erwacht, und kein Fremder sollte sie stören. Sie duckte sich wieder tiefer ins Gras.

Aber seine Augen hatten ihr helles Kleid in der dunklen Wiese erspäht. „Wo in aller Welt stecken Sie denn? Sie haben sich ja richtig versteckt!”

„Bei mir selber,” gab sie einsilbig zurück.

„Drunten wird eine Bowle gebraut! Ich soll Sie holen.” Perthes war vollends zu ihr heraufgeklettert. „Darf ich mich einen Augenblick neben Sie setzen?” Ohne ihre Zustimmung abzuwarten, streckte er sich neben ihr im Gras aus.

Marga strich die Haare aus dem Gesicht und setzte sich, ihren Haarknoten zurechtsteckend, aufrecht.

Vom tieferen Garten und vom Hof herauf kam der matte Widerschein der Papierlaternen und gab im Verein mit dem sternklaren Himmel gerade Licht genug, um Perthes ihre stillen verschlossenen Züge sehen zu lassen. Nach dem ausgelassenen Spiel mit seiner lauten, übermütigen Lustigkeit, die er eben verlassen, berührte ihn ihre ruhevolle Erscheinung hier oben im Garten seltsam.

„Warum sind Sie denn so mir nichts dir nichts ausgerückt, Fräulein Marga?” fragte er nach einer Weile.

„Was hätte ich denn sonst machen sollen?” entgegnete sie ohne Vorwurf.

Er schwieg. Seine Frage war unbedacht und töricht. Wie konnte sie in dem abschüssigen Garten „Hasch, hasch!” und derlei Dummheiten spielen! Er hatte sie ja überdies mit einer gewissen Absichtlichkeit sich selbst überlassen.

„Sie haben nicht viel versäumt,” fuhr er fort. „Ich alter Esel habe mich wie ein alberner Junge herumhetzen lassen.” Er trocknete sein Gesicht mit dem Taschentuch; er ärgerte sich wirklich, daß er sich wie der krasseste Fuchs in solche Kindereien gestürzt hatte. „Hier oben ist's schöner!” Er schaute hinaus in die Ebene, die nächtlich verschattet sich dehnte.

Marga antwortete nicht. Sie legte ihren Rock zurecht und glättete ihre zerknitterten Ärmel.

„Ich darf ja nicht mehr fragen, was Sie denken,” begann er von neuem, „sonst würde ich's schon wieder tun, weil Sie ja doch von sich aus mir nichts erzählen.”

„Ich denke, warum Sie bei Tisch all die häßlichen Dinge sagten.”

Perthes besann sich. „Ach -- Sie meinen über meine Tätigkeit? Die Geschichte mit den Tierexperimenten, und daß man leider nicht mit Menschen experimentieren könne? Aber das ist ja wahr!”

„Vor Ihrem Verstande vielleicht, ja, aber nicht nach Ihrem Gefühl.”

„Und woher wollen Sie das wissen? Du lieber Gott! In der Medizin hört man auf, ein Gemütsmensch zu sein -- woher wollen Sie wissen, daß das nicht meine volle Meinung ist?”

„Das will ich Ihnen ehrlich sagen: weil Sie vor uns dummen, gefühlsduseligen Mädels renommieren wollten. Sie hatten ein Bedürfnis, sich schlechter zu machen, als Sie sind.”

Perthes horchte verwundert auf. Er hatte sich auf den Boden gelegt und den Kopf auf die Hände gestützt. Marga saß links hinter ihm. Er sah forschend zu ihr hinüber. „Sie beurteilen mich sehr schmeichelhaft, Fräulein Marga.” Er lachte gezwungen. „Ich glaube, Sie irren.”

„Wenn ich irre, um so schlimmer für Sie!” erklärte Marga mit jener Ruhe und Geradheit, in der sie sich selbst wiederfand. „Dann müssen Sie sich selber sehr niedrig einschätzen und Ihre Mitmenschen auch. -- Und besonders uns Frauen!” setzte sie nach einer Weile gedankenvoll hinzu.

„Warum gerade die Frauen?”

„Weil Sie meinen, ihnen im Ernst mit so rohen Dingen zu imponieren.”

Wieder trat eine Pause zwischen beiden ein.

Vom Hof herauf drangen einzelne abgerissene Worte, denen lustiges Gelächter antwortete. Papa Wilmanns hielt bei der Bowle seine aufgeschobene Rede auf die Damen.

„Ich glaube, wir müssen hinunter,” bemerkte Marga kurz.

Perthes rührte sich nicht. Er trommelte mit der rechten Faust erst langsam, dann immer leidenschaftlicher auf den Grasboden.

„Was machen Sie denn?” fragte Marga aufhorchend.

„Ich ärgere mich!” gab er knurrend zurück, ohne in seinem Trommeln aufzuhören.

„Worüber?”

„Über Sie --”

„Über mich?”

„Und noch mehr über mich!”

„Und warum denn?”

„Weil -- weil --” Er führte einen letzten grimmigen Hieb gegen den unschuldigen Boden. „Weil Sie verwünscht recht haben!” stieß er knirschend hervor.

Marga mußte unwillkürlich lächeln über das unerwartete, heftige Bekenntnis, das sich so widerwillig von ihm losrang.

Perthes bemerkte es nicht. Ihm war zumute, als wäre jählings etwas geborsten, ein Hemmnis, ein Stauwehr, das den Strom seiner Gedanken und Gefühle aufgehalten. Die offene, stillkräftige Art Margas lockte aus ihm hervor, was er nie einem anderen mitgeteilt hätte. Der Widerspruch seines Herzens, das bald in Sehnsucht nach vertiefter Empfindung, nach einer überlegenen Weltbetrachtung voll Gleichklang und Schönheit sich verzehrte, bald in Verachtung jeder seelischen Regung zur Oberfläche trieb, wo es nichts gab, als die nackte Wirklichkeit, und alles Unbegreifliche unterging in der tristen Biologie des Tiermenschen, wo nur der Genuß des Alltags Sinn und Berechtigung hatte -- dieser Widerspruch tat sich in einer Flut von Selbstanklagen auf, die er rückhaltlos in die dunkle, friedvolle Nacht hinausschleuderte. Heute war er weich, mitfühlend, empfindsam und wehleidig wie ein Kind; morgen hart, schroff, roh wie ein zynischer Zweifler, der sich in Kraßheiten überbot. Sein unseliger Hang zum Extremen -- war er nicht sogar jetzt lebendig, in dieser Beichte, die er ohne Grund vortrug? die so schamlos war wie die ganze Komödie, die er mit sich und aller Welt aufführte? Er war zur Halbheit, zur Maßlosigkeit, zum Unfrieden verdammt. Wertlos war der ganze Kerl. „Sie irren, Fräulein Marga -- Sie irren, sage ich Ihnen! Der bessere Kern, den Sie da in mir vermuten, Gemüt oder Seele oder was es derart geben könnte, der ist bei mir nicht vorhanden! Schale, nichts als Schale -- im Rechten und im Schlechten!”

Marga war längst ernst geworden. Sie erschrak über die so wilde, alle Schranken vergessende Entladung, die mit Unreife und Mißklang in ihre eben noch so köstliche Einsamkeit und Harmonie einbrach. Seine Bekenntniswut verletzte sie und tat ihr wohl in einem Atem. Nie hatte ein Mensch, nie zumal ein Mann ihr so sein Innerstes gezeigt. Sollte sie stolz auf dies Vertrauen sein? War sie nur der zufällige Anlaß, die zufällige Zeugin dieser selbstvernichtenden Offenheit? Durfte sie auf ihr Herz hören, das trösten und helfen wollte? Auf ihr Gefühl, das beinahe mütterlich in ihr aufwallte: Gib von deiner Klarheit seiner Unklarheit! Schenke von deiner Kraft! Schenke, schenke mit vollen Händen! -- Lohnte es sich denn? Verlangte er überhaupt danach? Verschwende dich nicht! warnte es in ihr. Verschwende dich nicht!

Perthes war verstummt. Er warf sich herum und starrte, von ihr abgewandt, hinaus in die Ebene, aus der schüchtern der Fluß im Licht des gestirnten Himmels aufleuchtete.

Marga fand noch immer kein Wort.