Die große Stille: Roman

Part 4

Chapter 43,562 wordsPublic domain

Je größer die Spannung war, mit der seine Mädels die Post erwarteten, um so weniger eilig hatte es der Geheimrat mit dem Öffnen der Briefschaften. Für Elli gab es Folteraugenblicke am Frühstückstisch. Sie hatte schon die Hoffnung aufgegeben, daß Wilkens käme. Endlich schrieb er zu. Doktor Perthes machte zwar eine korrekte sonntägliche Aufwartung, bei der er seine Karte abgab, aber zusagende Antwort schickte er erst am Abend vorher. Er entschuldigte seine Vergeßlichkeit, wollte aber gern kommen. Käthe konnte es nicht unterlassen, zu bemerken, daß Mediziner das „immer” so machten.

Marga blieb ihr eine Antwort schuldig. Es waren widersprechende Gefühle, mit denen sie an Perthes dachte. Sie verschloß das Hin und Her ihrer Empfindungen nicht nur vor anderen, sondern auch vor sich selbst. Es lag in ihrer Art, daß sie das Unklare und Unfertige von sich schob, weil es sie lähmte und schwächte. Ihre Seele brauchte in ihrer Einsamkeit ungeteilte Kraft, um gesund zu bleiben. Sie hatte ihn seit jener flüchtigen Begegnung am Fluß nicht mehr gesehen. Fast regelmäßig machte sie mit einer der Schwestern, meist mit Elli, gegen Abend einen Bummel. Früher waren sie oft die Uferstraße entlang gegangen. Marga ließ sich dann die Sonnenuntergänge bis ins einzelne schildern und genoß Farbe und Stimmung in ihrer lebendigen Phantasie. Jetzt mied sie diesen Gang. Die Zurückhaltung kostete sie mehr, als ihrem stillen Wesen anzumerken war. Es gab Augenblicke, in denen sie sich dabei überraschte, ein sicheres Bild von ihm zu gewinnen. Die Frage peinigte sie, ob er nur aus gewöhnlichem Mitleid, aus Zufall oder Laune sich ihrer erinnert hätte. Oder ob er ein gewisses Verständnis für ihr Wesen hätte, eine teilnehmende Freundschaft für sie empfände. Und derselbe Mensch sollte an einem leichtmütigen Geschöpf wie Hilde König Gefallen finden? Spielte er nur mit seinen Gefühlen? War er von Natur ernst und gehaltvoll? Oder war er oberflächlich und leer? Ihre Erfahrung gab ihr keine Auskunft. Und sie wollte keine. Sobald sie sich über unnötigen Grübeleien ertappte, dachte sie gewaltsam an anderes.

Je näher der große Abend des Gartenfestes kam, um so weniger fehlte es an Umtrieb und lustiger Geschwätzigkeit. Die Toiletten mußten zwanzigmal besprochen werden. Es wurde auf Leben und Tod genäht. Die Tischordnung gab eine Fülle von Stoff zu immer neuen Diskussionen. Bis endlich auch dieses Ereignis zur Wirklichkeit wurde.

Man hatte an kleinen Tischen im Hof gedeckt.

Das Haus mit seiner Rückwand von Reblaub und Glyzinen auf der einen, der blumenreiche, sommergrüne Weinberg auf der anderen Seite stimmten festlich zu den weißen Tafeltüchern. Den Tafelschmuck hatte Marga ausgedacht. Das war eine besondere Stärke von ihr. Sie gab ganz bestimmte Weisungen, wie sie jeden Tisch innerlich vor sich sah, und Elli führte sie unter lautem Beifall aus. Bald war es ein Gerank von Rosen, das den silbernen Aufsatz umschloß und in duftigen Ketten zwischen die Teller fiel, bald waren es zierliche Kränze von Stiefmütterchen, die die Gedecke besäumten, Sträuße von Margueriten oder blauem Akelei, die in den Servietten steckten. Leuchter mit winzigen bunten Lichtschirmen standen munter dazwischen, und Papierlaternen in gekreuzten Zügen überspannten den Hof von einer Ecke zur anderen. Der Geheimrat, der zufällig einmal während der Anordnung herunterschneite und den Kopf in den Hof streckte, brummte etwas von einer „Blumentrödelbude”, klopfte aber dabei Marga so kräftig auf den Arm, daß sie mit seiner Anerkennung zufrieden sein konnte.

Es war sechs Uhr geworden.

Die Zeit reichte gerade knapp hin, um sich anzuziehen, und die Mädels flogen nach ihrem Dachstock.

Fünf Minuten vor sieben standen sie fix und fertig im Salon. Marga und Elli trugen weiße Tüllkleider. Käthe als älteste prangte in leichter erdbeerfarbener Seide. Das beste war der frische, unschuldige Reiz der Jugend, der wie ein leichtes, helles Lachen von ihnen ausging, wie sie so am Flügel beieinanderstanden. Aus Ellis Augen blitzte der Schalk; in dem ungebärdigen Gewirr ihrer lichten Haare, mit ihrem schlanken, zierlichen Figürchen sah sie wie der Frühling selber aus. Käthe, ein Gewinde von Silberfiligran, ein Erbstück der Mutter, über den dunklen Flechten, gab sich etwas gemessener und selbstbewußter: sie fühlte sich halb und halb als Dame des Hauses. Zwischen beiden stand Marga: von der bezaubernden Leichtigkeit Ellis und der etwas herben Sicherheit Käthes war sie gleichweit entfernt: die weiche Lässigkeit ihrer Bewegungen und der versonnene Ernst ihrer Züge waren nicht dazu angetan, zu bestechen oder zu erobern. Sie wirkte wie ein Bild, das man übersehen zu haben glaubt, um nachher zu finden, daß es kraft eines unbestimmbaren inneren Reizes lebendiger als alle anderen im Gedächtnis haftet.

Noch immer kam Vater Richthoff nicht. Er hatte sich, natürlich zu spät, an seine Festtoilette gemacht. Dann war ihm mitten im Anziehen ein Gedanke gekommen, den er dringend für seine Kaisergeschichte notieren mußte. In einem mehr antiken als modernen Kostüm eilte er in das an sein Schlafzimmer anstoßende Arbeitszimmer und setzte sich an den Schreibtisch.

Die Klingel meldete den ersten Gast. Die Mädels im Salon waren in heller Bestürzung. Elli wagte es: sie schoß die Treppe hinauf und pochte an die Tür des alten Herrn.

„Bitte, bitte, Papa! Eil dich! Die Gäste kommen!” rief sie eindringlich und flehend.

Ein dumpfes Murren antwortete aus dem Arbeitszimmer.

„Es hat schon der erste geklingelt!” setzte Elli beschwörend hinzu.

„Wollt ihr wohl das verwünschte Gehetze lassen. Ich komme ja!” dröhnte es zürnend zurück.

Elli glitt wieder die Treppe hinunter.

Zum Glück war nur etwas für die Küche abgegeben worden.

Die Gäste ließen auf sich warten.

Als der Geheimrat einige Minuten später in den Salon trat -- im flatternden Gehrock, die lange goldene Uhrkette auf der von Käthe zu Weihnachten und Ostern gestickten Weste, die dünnen weißen Haare über dem Scheitel und an den Schläfen festgestrichen --, erklärte er ganz empört: „Wo sind denn nun eure Gäste? Natürlich komme ich eine halbe Ewigkeit zu früh!”

Die halbe Ewigkeit dauerte kurz.

Schon öffnete sich die Tür, um sich nicht so bald wieder zu schließen. Im Handumdrehen füllte sich der geräumige Salon. Begrüßungen, Vorstellungen, Freundschaftsbezeugungen schwirrten durcheinander.

Da kam Papa Wilmanns, ein kleiner, lauter, lustiger, hinkender Altphilologe, und seine Gattin, ein stilles, ewig lächelndes, über ihren Mann verwundertes Frauchen. Hinter ihnen drei Töchter, alle flachsgelb von Haar, fast gleich in der Größe, gleich in den Augen und gleich in den lila- und weißgemusterten Kleidchen. Es ging die Sage, daß sogar ihre Eltern sie bisweilen verwechselten.

Der nächste war Trabner, der Flanellstorch, wie Elli der neben ihr stehenden Marga kichernd ins Ohr meldete. Er trug heute übrigens einwandfreie weiße Wäsche und einen Rock, der ihn nach oben und unten in die Unendlichkeit verlängerte. Sein pockennarbiges Vogelgesicht mit den paar Kinnstoppeln zuckte unaufhörlich, man wußte nicht, ob aus Ehrerbietung oder Nervosität. Der zwerghafte Papa Wilmanns sah staunend und beneidend an ihm hinauf. Als Trabner vor dem Geheimrat seinen jähen und tiefen Bückling machte, trat der gute Wilmanns unwillkürlich mit offenem Mund einen Schritt näher und streckte die Arme vor, als gelte es, einen Einsturz aufzuhalten.

Zwei Studenten, blauweiße Bänder um die Brust, blaue Mützen in der Hand, drängten sich nebeneinander zur Tür herein. Sie gehörten der Verbindung Corvinia an, die böse Zungen das „Betkränzchen” nannten und in Verruf brachten, Zuckerwasser statt Bier zu trinken. Elli verbarg sich hinter Margas Rücken und steckte das Taschentuch in den Mund, um nicht loszuplatzen. Inzwischen schritten die beiden in feierlich-plumpem Gleichtritt auf Vater Richthoff zu. Ihre forciert-couleurmäßige Haltung stand in so köstlichem Gegensatz zu ihrem ungehobelten Bauerntum, daß auch Käthe sich auf die Lippen biß.

Ein dicker, jovialer Burschenschafter, der mit seinem Leibfuchs, einem geckenhaften und schmächtigen Bengelchen, zufällig hinter den Corvinen ankam, zog über sein ganzes Gesicht, so rot und zerhauen, wie es war, eine Grimasse, als die Betkränzler beiseite traten. Mit freier, dröhnender Bierstimme begrüßte er Richthoff, der selber „alter Herr” bei einer Marburger Burschenschaft war.

Es trat eine kurze Pause ein. Noch waren nicht alle Geladenen zur Stelle. Aber der Zufluß zum Salon stockte einen Augenblick.

Es bildeten sich Gruppen. Der Flanellstorch verwickelte pflichtmäßig Käthe in ein Gespräch.

Elli und Marga plauderten mit den drei Wilmannstöchtern. Die zwei Burschenschafter traten kühn dazu und erzählten von ihrer nächsten Damenkneipe. Die zuckerwassersüchtigen Corvinen umstreberten Professor Wilmanns und den Geheimrat, während Frau Wilmanns sich selbstgenügsam in ein Familienalbum vertiefte, das auf dem Tisch lag.

Schon tat sich die Tür wieder auf.

Ein derber, struppiger Kopf ward sichtbar, und ein paar runde, graue Augen rollten zwischen unbändigen Büscheln gelblichweißen Haares heraus über das menschenvolle Zimmer.

„Sieh da -- Borngräber!” begrüßte Richthoff mit vergnügtem Ruf den Ankömmling.

In komischer Verzweiflung stürmte Professor Borngräber, ein alter Hausfreund, Junggeselle und Indolog, auf den Geheimrat los.

„Aber um Gottes willen! Ihr habt ja richtige Gesellschaft! Ich denke, wir sind drei, vier Personen!” rief er mit hoher, klagender Fistelstimme, während er dem alten Herrn die Hand schüttelte. „Ich bin ja gar nicht feierlich angetan!” Er wies auf seinen moosgrünen, verknitterten Bratenrock, der ihn nicht gerade Lügen strafte.

„Macht ja nichts, alter Freund! So feierlich wird die Sache gar nicht,” versicherte Richthoff beruhigend.

„Ich drücke mich! Hörst du? Ich zieh' mich um!”

„Dageblieben!” Richthoff hielt lachend seine Hand fest.

„Sie haben ja gar keine andere Toga,” schmunzelte Papa Wilmanns boshaft.

Borngräber überhörte ihn entrüstet. Er schlug die Hand vor den Kopf, beteuerte seine Unschuld und widerstrebte nicht mehr. Er kam immer so wie heute. War immer außer sich und wollte fort. Und blieb immer, wenn man ihm gut zuredete.

Jetzt reckte Elli den Kopf. Sie stellte sich auf die Zehen.

Drüben unter der Tür reckte sich ein anderer Kopf ihr entgegen. Blond und kraus wie der ihre. Ein lachendes, verschmitztes Gesicht. Zwei strahlende, siegesgewisse Augen, die in die ihren tauchten. Das war Wilkens.

Kaum war diese stillschweigende Begrüßung erfolgt, so tuschelte Elli mit Marga.

„Doktor Perthes! Dein Doktor von Hemsbach!” verkündete sie, noch aufgeregt von dem Glück, Wilkens gesehen zu haben.

In der Tat zeigte sich Perthes' hochgewachsene Gestalt gleich hinter Wilkens in der Tür. Sein brauner, bärtiger Kopf ragte über die anderen hinaus. Nur der Flanellstorch konnte sich mit ihm messen. Mit dem suchenden Lächeln des Fremdlings überschaute er das Gedränge. Er hatte sich schnell orientiert. Nach Wilkens trat er auf den Geheimrat zu und begrüßte ihn mit unbefangener Höflichkeit.

Der alte Herr sah ihn einen Moment fragend an. Dann besann er sich und schüttelte Perthes die Hand. „Marga erinnert sich Ihrer. Nett, daß Sie kommen. -- Kleinchen!” Er erwischte die eben vorbeihuschende Elli an einem Zipfel ihres Ärmels, ehe sie zu dem ersehnten Wilkens durchschlüpfen konnte. „Herr Doktor Perthes -- meine Jüngste,” stellte er vor, während er ihr den Arm um die Schulter legte. „Führ' ihn mal zu Marga!” Er deutete aufgeräumt nach der Seite, wo sie stand. Dann mußte er neue Gäste begrüßen: Frau Geheimrat Achenbach, die Witwe eines Kollegen, eine stattliche alte Dame mit gütigen Augen unter schneeweißen Scheiteln, auf einen Krückstock sich stützend; weiterhin einen ehemaligen Schüler und jetzigen Privatdozenten, Bertelsdorf mit Namen, der es kaum erwarten konnte, bis er mit blinzelnder, katzbuckelnder Höflichkeit an die Reihe kam, seinen Gruß anzubringen.

Inzwischen drängelte sich Elli, gewandt wie ein Wiesel, durch die einzelnen Gruppen, Perthes mit übermütigen Gebärden hinter sich her winkend.

Marga stand an der Tür zum Wohnzimmer. Sie hatte sich dorthin zurückgezogen, weil sie sich in dem Geschwirre der Menschen überflüssig vorkam. Es fiel niemand auf, daß sie beiseite trat. Die drei Wilmannsmädchen lachten auch ohne sie über die Aufschneidereien der beiden Burschenschafter. Einsam, mit einem halben, verlorenen Lächeln lehnte sie im Rahmen der Tür.

„Da bring' ich dir Herrn Doktor Perthes, Margakind!” rief ihr Elli schon von weitem entgegen.

Marga richtete sich auf.

„Guten Abend, Fräulein Marga!” begrüßte sie Perthes kameradschaftlich. „Wir haben uns ja furchtbar lange nicht gesehen. Ich dachte immer, ich würde Ihnen mal wieder begegnen. In der Stadt, am Ufer oder sonstwo --”

„Wir sind früher oft dort gegangen,” sprudelte Elli naseweis hervor. „Aber neuerdings -- ich glaube, seit Marga Sie dort getroffen hat, will sie partout nicht mehr hin.”

„Aber Elli!” wehrte sich Marga. Doch die Missetäterin war schon lachend davongewischt, um endlich zu ihrem Wilkens zu kommen.

„So, so, Fräulein Marga -- Sie weichen mir also aus!” neckte Perthes. „Und warum denn, wenn ich fragen darf?”

„Aber das Kleinchen hat Sie ja angeschwindelt,” erklärte sie ernsthaft.

„Und ich komme Ihretwegen in eine richtige Gesellschaft. Obwohl ich mir vorgenommen hatte, hier gar nichts mitzumachen.”

„Das ist immer noch etwas anderes, als wenn ich Ihretwegen an den Fluß käme,” erwiderte Marga. Ihr Ton war abweisender, als sie wollte. Sie fand sich nicht in eine tändelnde Unterhaltung. Aller Scherz nahm nur schwer den Weg zu ihrer Seele; er machte sie eher scheu und verschlossen als zutraulich. Sie hatte sich wieder an den Türpfosten gelehnt und blickte zu Boden. Ihre ruhige Stirn kräuselte sich einen Moment: ihr offenes Gesicht war nicht darin geübt, ihre Gedanken zu verbergen.

„Was dachten Sie jetzt eben?” forschte Perthes. „Sicherlich nichts Gutes über mich.”

„Sie sind aber eingebildet, Herr Doktor!”

„Ich -- wieso?”

„Als ob es nichts anderes zu denken gäbe als --” Marga vollendete den Satz nicht; sie erschrak über ihre eigenen Worte. Sie kamen ungerufen aus ihr hervor. Warum war sie so unfreundlich zu ihm? War sie denn kleinlich? Er hatte von diesem Ufergang gesprochen, von dem sie wußte, daß er einer anderen galt. Es waren nur liebenswürdige Redensarten, wenn er _sie_ damit in Verbindung brachte. Weshalb seine Spielerei? Und doch -- als er nun schwieg -- tat ihr ihre Äußerung leid. Ohne ihn zu sehen, fühlte sie, daß er sich von ihr weggewandt hatte.

Er schaute in der Tat abgekehrt, mit gekreuzten Armen, auf die vielen schwatzenden Menschen im Salon.

„Sie sind mir doch nicht böse, Doktor Perthes?” fragte Marga mit veränderter, bittender Stimme.

„Warum denn? Ich wundere mich nur, daß Sie heute gar nicht nett zu mir sind.”

„Bin ich das wirklich nicht?”

„Wirklich nicht!” wiederholte er überzeugt.

„Wenn ich Ihnen gesagt hätte, was ich dachte, würden Sie noch unzufriedener mit mir gewesen sein.”

„Oho! Also war's doch was Schlechtes.” Lachend wandte sich Perthes wieder zu ihr.

Margas Züge drückten Unruhe und Verwirrung aus. Die erloschenen Augen mit ihrem sanften blauen Glanz schienen gewaltsam das Dunkel durchdringen zu wollen, um den Ausweg aus diesem unglücklichen Gespräch leichter zu finden. Dann nahm sie die Zuflucht zu ihrer natürlichen Offenheit. „Ich dachte, daß Sie in der Uferstraße jemand anders suchten als mich. Das war alles,” sagte sie kurz und einfach.

Perthes sah sie erstaunt an. Sie wußte also auch bereits, was Markwaldt und alle seine Bekannten wußten -- daß er Hilde König nachstieg. Und er durfte ihr nicht einmal böse sein, daß sie es ihm sagte. Er hatte ihr ja ihre Gedanken abgezwungen. Wie peinlich und unbequem diese Mitwisserschaft war! Gerade _hier_. Er griff sich mit der gebräunten, sehnigen Hand heftig in den Bart. Die Falten auf der Stirn zuckten nervös zwischen den dichten Brauen.

Zum Glück gab jetzt der Geheimrat das Zeichen zu Tisch, indem er Frau Wilmanns den Arm bot.

„Darf ich Sie zu Tisch führen?” fragte Perthes Marga mit einer kurzen Verbeugung.

Sie nickte. Schweigend legte sie ihren Arm in den seinen. Sie wußte nicht, sollte sie sich freuen, daß er sie führte, oder nicht. Sie bereute, daß sie sich hatte verleiten lassen, die Wahrheit zu sagen. Warum hatte er sie gezwungen, und sie sich zwingen lassen?

Plaudernd bewegte sich der Zug der Paare durch das Wohnzimmer und die Eßstube.

An Richthoff und Frau Wilmanns schlossen sich Professor Borngräber und Frau Achenbach, ein sehr ungleiches Paar: sie majestätisch und gemessen, er voll Unbeholfenheit immer einen Schritt voraus oder zurück. Als langjährige Bekannte waren sie trotzdem beide sehr zufrieden miteinander.

Papa Wilmanns bat sich ein für allemal, wohin er kam, ein junges Mädchen zu Tisch aus. Heute, wo man, um der Gemütlichkeit keine Vorschriften zu machen, von einer festgesetzten Tischordnung abgesehen hatte, waren die Jungen schneller gewesen als er und hatten sich schon alle zusammengefunden. Er sah sich verurteilt, Fräulein Grasvogel, eine dürre, etwas spinöse Cousine des Richthoffschen Hauses, die man aus Gutmütigkeit bei keiner Einladung überging, für sich zu erobern. Der kleine lustige Mann, der außerhalb seines Lehramts stets voller Schnurrpfeifereien steckte, schritt mit weltschmerzlicher Biedermannsmiene am Arm der Cousine. In dem beweglichen Gesicht, das sonst so behaglich mit der Hakennase, den Augen einer listigen Spitzmaus und den rosigen Wangen zwischen dem fröhlichen Backenbart saß, lag eine so vorwurfsvolle Anklage, daß Elli, die mit Wilkens hinter ihm kam, nur mühsam ihren Ernst behaupten konnte. Sie nahm sich nur zusammen, weil Käthe mit dem überhöflichen Privatdozenten Doktor Bertelsdorf zur Rechten und dem Flanellstorch zur Linken ihr auf dem Fuße folgte. Käthe war schon durch die in letzter Minute erfolgte Absage Lizzies, ihrer Musikfreundin, betrübt. Elli wollte sie nicht noch durch eine Neckerei erzürnen, die sie auf das seltsame Doppelgestirn ihrer Tischherren beziehen konnte. Der Privatdozent hatte nämlich Käthe dem Flanellstorch vor der Nase weg engagiert; darüber war dieser so fassungslos, daß er sich, kurz entschlossen, rechts von ihr postierte und mit seinem Partner über Käthes Kopf hinweg einen Disput vom Zaun brach -- über eine neue Textausgabe von Dio Cassius!

Marga mit Doktor Perthes, die Schwestern Wilmanns mit den Burschenschaftern und Corvinen, einige damen- und couleurlose Philologen im ersten und zweiten Semester beschlossen die Reihe.

Es war noch taghell im Hof, und man hatte deshalb die Kerzen noch nicht angebrannt.

Die Heiterkeit der blumengedeckten Tische steckte an. Man stürmte die Plätze.

Die älteren Herrschaften, die in ihrer engen Auslese als nächste Hausfreunde der Jugend nur zur Folie dienen sollten, hatten ihren Tisch für sich gewählt. Eine Ausnahme machte nur Papa Wilmanns, der die Cousine Grasvogel mitten unter die Jungen hineinschleppte.

Elli mit Wilkens winkte Marga und Doktor Perthes zu sich heran, denen sie an ihrem Tisch heldenhaft zwei Stühle verteidigte. Perthes hatte Marga auf der einen, Elli auf der anderen Seite. Außer Wilkens saßen noch der dicke Burschenschafter mit Heddy, der jüngsten der drei Wilmannstöchter, und Wilmanns selbst mit Fräulein Grasvogel am gleichen Tisch.

Käthe und ihr Privatdozent machten einen entschlossenen Versuch, den Flanellstorch loszuwerden. Sie gerieten dafür mit den Corvinen an eine Tafel.

Es dauerte eine gute Weile, bis die ganze Gesellschaft ihre Plätze innehatte.

Endlich war es so weit, daß der Lohndiener unter Beistand einer Aufwartefrau mit dem Servieren der Speisen beginnen konnte.

Die Wildsuppe, auf der Vater Richthoff so ehern bestanden hatte, dämpfte mit ihrer grausamen Würze für einen Augenblick die allgemeine Fröhlichkeit. Jedermann würgte sie zwar tapfer hinunter, aber man sah doch unterschiedliche Spuren einer gewaltsamen Selbstüberwindung. Nur der Flanellstorch, der aller Vorsehung zum Trotz einen Stuhl neben Käthe gezwängt hatte, erklärte mit der Stimme eines Domküsters, flüsternd und doch allhörbar, er habe nie so etwas Köstliches gegessen.

„Finden Sie das auch?” fragte Elli blinzelnd ihren Nachbar Wilkens. „Papa hat sie befohlen!”

Wilkens drehte statt der Antwort die Augen gen Himmel und legte die Hand auf den Magen.

Papa Wilmanns dagegen konnte die lose Zunge nicht im Zaum halten. So vernehmlich wie der Flanellstorch und mit einer Überzeugungskraft, die fürs erste alle täuschte, durchschnitt er die schweigende Beklommenheit. „Kollege Richthoff, ich denke, Sie werden meiner Frau das Rezept für diese klassische Suppe nicht vorenthalten. Sie kann nur von der Blutsuppe der Spartaner übertroffen werden!”

Die Verdutztheit auf allen Gesichtern löste sich in einem, von unterdrücktem Kichern zu lautem und lauterem Gelächter anschwellenden Heiterkeitsausbruch, dem sich niemand, selbst nicht das entsetzte Fräulein Grasvogel, entziehen konnte.

„Aber Rudolf!” erklang tadelnd die Stimme von Frau Wilmanns über den Hof zu ihrem Gatten, der sich, als wüßte er von nichts, in seine Vatermörder zurückgeduckt hatte.

Geheimrat Richthoff beruhigte seine Tischnachbarin mit einer gravitätischen Gebärde, erhob sich, strich den weißen Bart, tippte hell ans Glas und verschaffte sich Gehör.

„Verehrte Gäste und Freunde!” hub er mit grollendem Ton an. „Der gehässige Vorstoß, den mein Kollege Wilmanns soeben gegen meine Suppe unternommen hat, zwingt mich zu einer wissenschaftlichen Entgegnung. Mein Freund Wilmanns” -- er fixierte den Professor durchbohrend -- „ist, wie Sie alle wissen, der Mann der lateinischen und griechischen Syntax, also der grauesten, leblosesten Grammatik. Daraus entschuldigt sich seine völlige Unberührtheit in Dingen der Geschichte und des feineren Lebensgenusses. Nur ihm konnte es passieren, meine feurige südländische Wildsuppe mit der Blutsuppe der Spartaner in einem Atem zu nennen. Seine Spartanersuppe ist, wie jetzt männiglich außer ihm weiß, erstens eine Legende und zweitens eine geschmacklose Wurzel- und Kräutersuppe. Also genau das Gegenteil von meiner Suppe. Doch diese historische und kulinarische Zurechtweisung nur nebenher. Überzeugender als der Angriff des Kollegen Wilmanns ist das Urteil, das ich Ihnen allen, meine Herrschaften, von den Zügen ablese: es bedeutet rückhaltlose Anerkennung meiner Suppe! Es schlägt auch den frevelhaften Widerspruch meiner Töchter zu Boden, die, ihres Vaters kochkünstlerische Autorität verkennend, die Wahl jeder und erst recht dieser Suppe verhindern wollten. Um so dankbarer bin ich meinen Gästen für ihre gerechte und sachliche Würdigung. Stoßen Sie mit mir an auf das Wohl meiner Gäste!”

Lachender Beifallsruf und lautes Gläserklingen antwortete dem alten Herrn von allen Tischen. Sein grollender Humor, seine behagliche Selbstironie hatten die gute Stimmung nicht nur wiederhergestellt, sondern erhöht. Die Unterhaltung an allen Tischen kam in lauten, fröhlichen Gang.

Ellis frische Laune war unerschöpflich. Sie und Papa Wilmanns, der sich über Richthoffs Suppenrede königlich gefreut hatte, waren an ihrem Tisch abwechselnd die Wortführer. Wilmanns gab ergötzliche Abenteuer von seiner letzten griechischen Reise zum besten. Er und Borngräber waren zusammen gereist. Sie lagen sich alle Tage morgens über eine Fachfrage in den Haaren und abends bei begeisterndem Hellenenwein in den Armen. Als Wilmanns gerade erzählte, wie sein Gefährte beinahe von einem griechischen Schergen festgenommen worden wäre, weil er durchaus auf der Akropolis eine Nacht zubringen wollte, flüsterte Elli Doktor Perthes zu: „Ich glaube, die ganze griechische Reise hat er nur auf der Landkarte gemacht.”

„Das wollen wir nicht hoffen!” meinte Perthes lächelnd.