Die große Stille: Roman

Part 3

Chapter 33,609 wordsPublic domain

Ganz so unbegreiflich und kompliziert, wie Doktor Markwaldt sich seinen Kollegen Max Perthes dachte, war er wahrhaftig nicht. Er gehörte nur zu den Naturen, die länger und mühevoller als andere nach einem Ausgleich ihrer inneren Widersprüche suchen, weil diese Widersprüche tiefer sind und ein unbändiges Temperament sie eher verschärft als mildert. Väterlicherseits aus einem endlosen Geschlecht wackerer, nüchterner Landärzte in der Pfalz stammend, mütterlicherseits der Abkömmling einer einst hochangesehenen Gelehrtenfamilie am Niederrhein, hatte er sich, früh verwaist, nach seinem Abiturium mit einem beinahe fanatischen Wirklichkeitsdurst auf die Naturwissenschaften gestürzt. Auf Chemie und Physik, auf Botanik, Zoologie und Physiologie hatte er sich wahllos neben- und nacheinander geworfen. Spielend bemächtigte sich sein beweglicher Geist des Stoffes und wußte ihn zu durchdringen. Dann trat jäh und heftig die Übersättigung ein. Es war, als trete sein Herz beiseite und lehne sich auf gegen die trockene und einseitige Arbeit des Kopfes, die es noch eben freudig zu teilen schien. Mit einem herzhaften Entschluß ging er zur Medizin über. Die Verbindung von Wissen und Praxis mußte seinen ursprünglichen und seinen ererbten Anlagen mehr entsprechen, als die bloß beschreibende Erforschung der Natur. Mit fünfundzwanzig Jahren machte er sein Examen und baute bald darauf seinen Doktor in Chirurgie. Mit der Befriedigung war es auch schon zu Ende. Dieselbe Jagd, in der ein unstetes Herz den Kopf von einem Gegenstand zum anderen riß, begann von neuem. Von der Chirurgie ging er zur inneren Medizin, von dort zur Augenheilkunde über. Die praktische Tätigkeit war so eng, so gleichförmig, so unfruchtbar. Ein kleines Vermögen, über das er unabhängig verfügen konnte, zehrte sich in diesem Hin und Wider der Neigungen langsam auf. Er fühlte den moralischen und wirtschaftlichen Zwang, sich Halt zu gebieten. In der unwiderruflichen Absicht, sich in einem Fachgebiet festzufahren, hatte er die Assistentenstelle am Bakteriologischen Institut übernommen. Hier wollte er aushalten und sich durchsetzen, eine Lebensstellung gründen um jeden Preis. Wenn er seinem Vorsatz treu blieb und seine Arbeiten nur einigermaßen von Erfolg begleitet waren, reichten seine Mittel aus, um sich zu einer Professur durchzuschlagen.

Wenn, ja wenn ... Perthes legte die langen, nervigen Hände mit den Fingern ineinander und spannte sie vor der Stirn, daß sie in den Gelenken knackten. So viel Kraft in sich zu fühlen und so wenig Herr über seinen Willen werden zu können! Seit Wochen fühlte er das Bohren und Quälen in sich, das einer neuen Krisis vorauszugehen pflegte. Mit Händen und Füßen wehrte er sich gegen diese Erkenntnis. Wo hinaus wollte er? Wo gab es noch eine geistige Aufgabe, die er an sich reißen konnte, um sie wieder von sich zu stoßen? In ihm wuchsen und wiederholten sich immer häufiger die Stimmungen, die ihn in allen Wissenschaften nichts mehr sehen ließen, als eine einzige unselige Verbildung. Er hatte schon früh in der Pflege und Ausbildung seiner körperlichen Kräfte ein Gegengewicht gegen die innere Unausgeglichenheit gesucht. Neuerdings übertrieb er, wie er alles übertrieb, diese physische Abmüdung in jenen oft wochenlangen Anfällen, in denen er für Markwaldt statt eines Strebers ein ausbündiger Faulenzer war. Auf die Dauer verfingen solche Radikalkuren immer weniger. Seine Entwicklung drängte ziemlich spät, aber unfehlbar auf eine Entscheidung, die nicht in der Wissenschaft, sondern nur im wirklichen Leben ausgefochten werden konnte. Nicht mehr darauf kam es für ihn an, ob er für seinen Kopf eine erträglich befriedigende Lösung für tausend und ein Welträtsel fand; ein unterdrücktes, vernachlässigtes und verleugnetes Gemütsleben verlangte sein Recht gegen die nüchterne, materialistische Kultur des Verstandes. Er stand, ohne sich darüber mehr als ahnungsweise klar zu sein, vor dem Kampfe, der über den vollen Menschen, seinen Charakter und sein Schicksal entschied. Es bedurfte nur eines geringen Anlasses von außen, und er mußte zum Ausbruch kommen.

Perthes' Gedanken nahmen jetzt ihre Richtung wieder nach dem Landhaus aus rotem Sandstein, jenseits des Flusses, das er zuvor fixiert hatte. Eigentlich hatte er die Sache vergessen wollen. Vor zehn oder vierzehn Tagen -- oder war es so lange noch nicht? -- war er am Abend, als er nicht wußte, was er tun sollte, in den Stadtgarten gegangen, um etwas Musik zu hören und Menschen zu sehen. Es war Sonntag und sommerlich warm. Zwei-, dreimal schritt er den Rundweg ab, den boshafte Menschen das „Heiratskarussell” getauft hatten. Endlos wälzte sich da im Schein der hellen Bogenlampen ein Strom von geputzten jungen Mädchen aus der Bürgerschaft und von buntbemützten Studenten im Kreise mit- und gegeneinander. Die Pärchen suchten und fanden sich in einem Kreuzfeuer von Blicken. Erst wurde die Angebetete mit feierlich-ernstem Kappenschwenken begrüßt, dann angesprochen und flirtend begleitet.

Anfangs hatte ihm das Treiben Spaß gemacht. Bald langweilte es ihn, und er setzte sich vor den Musikpavillon, wo die Stadtkapelle, ein leidlich braves Orchester, in Ouvertüren, Sinfoniesätzen und Tänzen sich und anderen gütlich tat. Während er den Tönen nachträumte und dabei gedankenverloren in das drehende Gewühl der Menschen starrte, traf sich sein Blick zufällig mit dem eines jungen Mädchens, das im Gespräch mit einem Burschenschafter, einem kecken, welterobernden Frankonenfuchs, vorüberging. Die großen vergißmeinnichtblauen Augen ruhten halb ernst, halb schelmisch eine Sekunde in den seinen. Ohne daß er sich etwas dabei dachte, wiederholte sich dies flüchtige Blickspiel ein zweites und drittes Mal. In ihrem duftigen Rosakleidchen mit dem offenen, auf die Schultern herabfallenden Blondhaar war die Kleine, halb erwachsen, halb Kind, eine Erscheinung von zartem, poetischem Reiz. Er hätte sie vergessen, wenn sie ihm nicht am Vormittag darauf, mit dem Marktkorb unter dem Arm, begegnet wäre, als er zum Institut ging. Sie trug die Haare aufgesteckt und schritt sehr gesetzt und geradeausblickend an ihm vorüber. Am Nachmittag des folgenden Tages sah er sie mit der Musikmappe in der Hauptstraße. Einer scherzhaften Anwandlung nachgebend, folgte er ihr über die Neue Brücke und entdeckte ihre Wohnung. An einem der nächsten Abende ging er -- es war dies einer seiner regelmäßigen Spaziergänge -- am jenseitigen Ufer spazieren. Sie saß handarbeitend auf dem Balkon. Perthes liebte es, die Sonne über dem Fluß untergehen zu sehen. Er hatte keinen Grund, von einer angenehmen Gewohnheit abzuweichen, und tat es jetzt nur insoweit, als er regelmäßig im Vorbeigehen hinaufsah, während sie heruntersah. Gestern war sie ihm wieder mit dem Marktkorb begegnet. Sehr würdig und ernst. Kaum daß ihn die großen, glanzvollen Augen streiften. Aber sie verlor zufällig ihren Handschuh. Perthes hob ihn auf. Er sprach sie an. Es ergab sich von selbst, daß er sie ein paar Schritte begleitete. Mit reizendem Widerstreben ließ sie es geschehen. Einige belanglose Redensarten wurden ausgetauscht. Sie sprach mit einer allerliebsten Mischung von Altklugheit und Kindlichkeit. Während der Arbeit im Institut dachte er bisweilen an sie. Wie man an eine liebenswürdige Landschaft denkt. Man ruht sich in ihrer Erinnerung aus und mochte sie wiedersehen. Heute, am frühen Morgen, als er zwischen Veranda und Zimmer unter der Tür seinen Kaffee hinunterjagte, ertappte er sich zum erstenmal dabei, wie er das bewußte Sandsteinhaus zwischen den alten und neuen Giebeln jenseits des Flusses suchte und fand. Jetzt kam er sich albern vor. Um es nicht noch mehr zu werden, beschloß er, von nun an die Sonne vom diesseitigen Ufer untergehen zu sehen.

Während er sich noch immer im Schaukelstuhl wiegte, schien ihm der heldenhafte Entschluß, auf eine freundliche Gewohnheit zu verzichten, noch lächerlicher als die ganze Geschichte. Das Weibliche hatte in seinem Leben stets nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Was er von Frauen kannte, verdiente kaum diesen Namen. Der beliebte medizinische Zynismus diente ihm als Schild wie gegen alle Empfindsamkeit so gegen eine seelische Überschätzung des Weibes. So wollte er es wenigstens. Warum sollte er es nicht auch, wie andere, mit einer harmlosen Spielerei versuchen, der er in jedem Augenblick ein Ende machen konnte -- morgen, übermorgen so gut wie heute? War er nicht schon schwerlebig genug? Das fehlte noch, daß er spröde mit sich tat wie eine alte Jungfer!

Mit einem entschiedenen Ruck sprang er von seinem Rohrsessel auf, setzte den Hut auf und war wieder auf der Straße.

Es war später als sonst, als er auf die Brücke kam.

Die Dampfstraßenbahn, die nach den Dörfern in der Ebene fuhr, rollte lärmend an ihm vorbei. Heimkehrende Spaziergänger, verspätete Arbeiter, Kinderwagen, eine auswärtige Knabenschulklasse, die zum Bahnhof eilte, drängten an ihm vorbei.

Perthes war froh, als er die Treppe hinuntersteigen konnte, die nach der stilleren Uferstraße führte.

Die Platanenallee, die er hinaufschritt, führte zwischen Rasenanlagen hindurch, am Bootshaus des Ruderklubs vorbei. Es war schon geschlossen. Die Wiese zwischen der Allee und dem Fluß war sonst gegen Abend der Tummelplatz eines Fußballklubs. Auch sie war heute schon verödet. Keine Menschenseele begegnete ihm. Die Villen zur Rechten schienen wie ausgestorben.

Jetzt war er dicht bei dem bewußten Hause. Zwischen den Bäumen durch konnte er auf Erker und Balkon des Landhauses sehen. Sein „Ufermädchen”, wie er sie hieß, saß nicht da, nicht dort.

Enttäuscht schlenderte er weiter, ans Ende der Allee, wo die Anlagen und die Villenstraße aufhörten und die Obstgärten anfingen. Er bog nach der Wiese hin ab und näherte sich dem Wasser.

Über blühende Schlehenbüsche weg blickte er hinaus auf den Fluß, der seine Wellen in die Ebene wälzte. Die Sonne stand, eine feurige Kugel, darüber, umglüht von violettem, purpurnem und silberweißem Gewölk.

Das Schauspiel, das er liebte, machte ihn heute melancholisch. Er fühlte eine Leere in sich und kam sich einsamer vor als sonst. Kein Zweifel: es war, weil er Hilde König, das kleine Mädel mit den losen Haaren und den lockenden blauen Augen nicht in seiner Nähe wußte. Wie läppisch das war! Und doch konnte er nicht dagegen an.

Verdrießlich trat er den Rückweg an.

In einem Vorgarten wurde mit Wasser gesprengt. Die Luft war voll von dem frischen Geruch des genetzten Grases. Die Stadt, die jetzt rechts vor ihm lag, schmiegte sich im matten, rötlichen Licht der versagenden Sonnenstrahlen mit ihren zackigen Dächern und steilen Türmen friedlich gegen die verschwimmenden Berge. Von einer der Kirchen klang die Abendglocke herüber.

Der Balkon, nach dem Perthes von neuem spähte, blieb leer.

In der Ferne sah er jetzt zwei jugendliche Gestalten die Allee herunterkommen. Sie gingen Arm in Arm. Er meinte in der einen von ihnen Hilde König zu erkennen. Es war eine Täuschung. Unweit von ihm, bei einer Bank, trennten sie sich. Das größere der beiden Mädchen eilte mit lebhaftem Schritt nach dem nächstgelegenen Landhaus; das zurückbleibende setzte sich, offenbar um zu warten, auf die Bank. Sie trug unter dem leichten, offenen Mantel eine beigefarbene Bluse zum dunklen Rock und über dem hellen Haar einen einfachen englischen Strohhut mit schwarzem Band.

Gleichgültig ging Perthes vorüber. Kaum mit einem flüchtigen Blick streifte er das Gesicht der Wartenden.

Ein paar Schritte weiter blieb er stehen. Es durchzuckte ihn plötzlich, als wäre er diesen zarten und doch festen, ausdrucksvollen Zügen schon irgendwo und irgendwann begegnet. Wie zufällig wandte er sich um. Das junge Mädchen hatte jetzt einen Arm mit dem Ellbogen aufs Knie und den vorgeneigten Kopf mit dem Kinn auf den Handrücken gestützt. Die Augen, erst zur Erde gesenkt, sahen auf, als hätte sie gehört, daß sein Schritt innehielt, und suchten die Stelle, wo er stand. Das unsichere Irren des Blickes verriet ihm ihre Blindheit. Er erkannte jetzt das mattfarbene Gesicht mit den etwas knochigen Wangen, die runde, ebenmäßige Stirn, über die das Haar, unter dem Hut vorquellend, mit einer aschblonden Welle niederfiel. Er konnte sich nicht täuschen, es mußte Marga Richthoff sein.

Sie schien zu fühlen, daß sie beobachtet wurde. Unruhig wandte sie den Kopf weg und zurück, in der Richtung des Hauses, in dem ihre Begleiterin verschwunden war.

Perthes folgte einer impulsiven Regung und ging gerade auf sie zu.

Sie fuhr unwillkürlich etwas zurück.

„Erschrecken Sie nicht, Fräulein Richthoff --”

„Ich weiß ja gar nicht, wer Sie sind,” kam es zurückhaltend, aber furchtlos von ihren Lippen.

„Doktor Perthes,” sagte er einfach. „Ich habe Ihrem Herrn Vater dieser Tage meine Aufwartung gemacht. Als alter Bekannter von Hemsbach her kann ich nicht so grußlos an Ihnen vorübergehen.”

Marga, obwohl zuerst verdutzt, fand sich schnell zurecht. „Das ist nett von Ihnen,” erklärte sie offen. Eine sichtliche Freude belebte ihr Gesicht. Wie einem alten Kameraden bot sie ihm die Hand. „Papa hat von Ihrem Besuch erzählt. Ich war ganz erstaunt, daß Sie Ihr Versprechen nicht vergessen hatten.”

„Sie scheinen ja meinem Gedächtnis wenig Gutes zuzutrauen.” Perthes fühlte sich fast beschämt. Daß er sich an die Empfehlung, die ihm sein Onkel Schlutius, der Germanist in Bonn, für Richthoff mitgegeben, erinnert hatte, war ein Zufall und die Ausführung des Besuchs eine Laune gewesen.

„Es wäre noch nichts Böses gewesen, wenn Sie den dummen, eigensinnigen Backfisch von damals aus dem Gedächtnis verloren hätten,” meinte Marga.

„Na, na -- so schlimm war die Sache mit Ihnen nicht.”

„O ja!” versetzte sie ernsthaft. „Ich dachte gerade in diesen Tagen daran, wie trotzig und unleidlich ich damals war. Wissen Sie noch -- der Direktor hatte mich schon halb und halb aufgegeben, nur Sie ließen sich nicht abschrecken und ruhten nicht, bis ich die Buchstaben doch noch tasten lernte. -- Ich war damals zu unglücklich, um vernünftiger und gelehriger zu sein,” setzte sie nachdrücklich hinzu.

„Und jetzt? Wie steht's mit dem Lesen und Punktieren?” forschte Perthes.

„Ganz ordentlich. Wenn Sie einmal zu uns kommen --” Marga stockte einen Moment. Es fiel ihr ein, sie möchte zu vertraulich sein. Ihrer Natur nach gab sie sich harmlos oder gar nicht. Aber sie wurde oft von den Schwestern und sogar von Papa deshalb getadelt.

„Natürlich komme ich einmal. Wenn man mich haben will,” meinte er munter. „Und dann halte ich eine Prüfung ab. Vollschrift, Kurzschrift! Lesen und Schreiben!”

„O weh! Da muß ich mich ja vorher richtig vorbereiten. Sonst blamiere ich mich unbarmherzig,” erwiderte Marga mit leisem Lachen.

„Wir werden ja sehen.” Er hörte Schritte jenseits der Allee. „Ihre Freundin kommt zurück.”

„Meine Schwester.”

„Also -- auf Wiedersehen!” Er ergriff Margas Hand und schüttelte sie herzhaft.

Ehe sie seinen Gruß erwidern konnte, setzte Perthes, freundlich den Hut schwenkend, seinen Weg fort. Die unerwartete, so ungezwungen freundschaftliche Begegnung hatte ihm wohlgetan. Seine Verstimmung war gewichen. Mit großen Schritten ging er nach der Brücke und heimwärts. Er dachte sogar daran, nach dem Abendessen an den Klinikertisch zu gehen. --

Ganz aufgeregt kam Käthe auf Marga zu. „Wer war denn das?” fragte sie neugierig und vorwurfsvoll zugleich, während sie dem Davonschreitenden erstaunt nachblickte.

„Doktor Perthes hat mich begrüßt,” erklärte Marga freimütig. Mit anschmiegender Zärtlichkeit, in der ihre innere Erregung nachklang, hängte sie sich an den Arm der Schwester. „Er war reizend. Ganz der alte.”

„Hat er dich so mir nichts, dir nichts einfach angesprochen?”

„Natürlich! Warum auch nicht?”

Sie gingen langsam die Allee hinunter.

„Aber das tut man doch nicht,” fuhr Käthe kopfschüttelnd fort. „Eine Dame -- auf offener Straße --”

„Ich hätte es viel unnatürlicher gefunden, wenn er stocksteif vorbeigegangen wäre,” versicherte Marga überzeugt. Sie war beglückt von ihrem bescheidenen Erlebnis und wollte sich nicht auf solche gesellschaftliche Haarspaltereien einlassen, die ihr ein unverständlicher Greuel waren.

Käthe schwieg. Das war ein Zeichen, daß ihr gesittetes Gewissen Margas leichtere Auffassung nicht guthieß.

Als sie auf der Brücke anlangten, begann es leise zu dämmern. Die roten Wolken über dem Fluß verblaßten, und der Ostwind blies aus den Bergen nach der Ebene. Wenn sie nicht zu spät zum Abendbrot kommen wollten, mußten sie ihre Schritte beschleunigen.

Marga war es zufrieden und fröhlich ums Herz. Mit ihren leichten, glücklichen Schritten konnte Käthe fast nicht mitkommen. Sie fühlte sich unwillkürlich und unbewußt gereizt. Ob sie wollte oder nicht: sie mußte ein wenig Wasser in Margas fröhlichen Wein gießen. „Weißt du,” begann sie bedächtig, „Lizzie hat mir erzählt,” -- Lizzie war die Freundin, bei der sie in der Uferstraße für eine Minute eingeschaut hatte, um Noten zurückzubringen -- „daß dein Doktor Perthes Abend für Abend dort herumspaziert.”

„Es wird ihm dort gefallen. Er wird sich an den Sonnenuntergängen über dem Wasser freuen,” meinte Marga lebhaft.

„Er soll nicht bloß deshalb kommen, sondern --”

„Sondern?” fragte Marga harmlos neugierig.

„Er macht Hilde König den Hof,” entfuhr es Käthe. „Er soll sie öfters mal ans Haus begleitet haben. Das spricht nicht gerade für seinen Geschmack. Denn das unschuldige Kind läßt sich ja von jedem jüngsten Studenten die Cour schneiden.” Es war, ohne daß sie es wollte, ein Ton von selbstgerechter Schärfe in ihre Worte gekommen.

Marga verlangsamte ihre Schritte. Wenn Käthe sie in diesem Moment angesehen hätte, hätte sie bemerkt, daß ihre Wangen und ihre Lippen sich leise verfärbten. Der kleine, mehr weibliche als schwesterliche Pfeil traf mitten in Margas unschuldige Heiterkeit. Sie schüttelte betroffen den Kopf. Sie konnte das nicht glauben. Gerade dieses oberflächliche kleine Mädel, das alle Welt für sein weites Herz kannte, das sollte ...

„Das ist seine Sache,” sagte sie nach einer Weile ruhig und mit möglichster Gelassenheit. Sie hatte ihren Arm in dem der Schwester gelockert, als könnte das Pochen ihres Herzens Käthe verraten, daß ihr diese Nachricht wehe tat. Aber warum auch? Sie schämte sich schon der törichten Anwandlung und hakte wieder fester unter. Fast im Laufschritt ging es jetzt über den Bahndamm weg, die Straße am Wenzelsberg hinauf und dem väterlichen Hause zu.

3

Anfangs hatte sich der Geheimrat mächtig gesträubt. In diesem Sommer wollte er von einer größeren Einladung bestimmt nichts hören. Einmal drängte es nicht, dann war es überhaupt ganz überflüssig.

Käthe, die es wagte, Anfang Juni direkt in die Höhle des Löwen zu gehen und ihm ein Gartenfest vorzuschlagen, wurde beinahe hinausgeworfen. Elli, die mitunter Andeutungen in die Unterhaltung warf -- über das unerwartet schöne Wetter, über die wundervollen warmen Abende, über die Vorzüge, die es hätte, gerade jetzt, wo noch nicht alle Welt einem zuvorgekommen, gewisse Verpflichtungen zu erfüllen --, fand taube Ohren und bekam schließlich eine grimmige Bemerkung über die Vergnügungssucht junger Mädchen von heute an den Kopf. Marga dachte wohl manchmal daran, daß sie gern mit Doktor Perthes plaudern möchte. Aber sie schwieg. Es wäre zu ungewöhnlich gewesen, wenn sie, die stets widerstrebend an den häuslichen Gesellschaften teilgenommen, die Schwestern plötzlich unterstützt hätte.

Mitte Juni erklärte Vater Richthoff eines Morgens beim Frühstück, es sei doch merkwürdig, daß er an alles denken müsse. Warum man denn heuer die üblichen Einladungen nicht ergehen lasse? Da man ja doch in den sauren Apfel beißen müßte, wäre es das Netteste, die Jugend mal in den Garten einzuladen. Seine Mädels wären Schlafmützen.

Die Gescholtenen horchten hoch auf. Natürlich wagte niemand auch nur mit einer Silbe daran zu erinnern, daß man je selber an so was gedacht habe.

Elli, der das Herz im Leibe lachte, wandte ein Übermaß von Selbstbeherrschung auf, um nicht vom Stuhl aufzufahren. Es war nicht verwunderlich, daß sie Margas halbvolle Tasse umstieß. Käthe, praktisch wie sie war, wußte, daß eine solche Gelegenheit väterlicher Herablassung nicht wiederkehrte, und holte ihre Liste. Sie hub an, die Namen zu verlesen, und über die Morgenzeitung weg brummte der alte Herr zu den Vorgeschlagenen seine Zustimmung. Jetzt nannte sie Erich Wilkens.

„Hört in diesem Semester nicht bei mir,” erklärte ablehnend der Geheimrat.

„Aber er hat Besuch gemacht, Papa! Vorigen Sonntag!” fuhr es Elli heraus.

„Hat er?” gab der alte Herr gutmütig-spöttisch zurück und traf Elli mit einem scharfen Blick über die Brillengläser weg.

Elli ward rot bis über die Ohren. Sie mußte ihr Schuhband festknüpfen, um Verlegenheit und Enttäuschung zu verbergen. Marga strich leise beruhigend ihren Arm.

„Also nicht?” fragte Käthe mitleidig zögernd.

„Meinetwegen,” lautete der erlösende Bescheid.

Elli mußte vor Freude Margas Hand so überkräftig drücken, daß diese um ein Haar aufgeschrien hätte.

Doktor Perthes kam als letzter. Der Geheimrat hatte keine Ahnung mehr. Marga zuckte nicht mit den Wimpern, als Käthe ihm den Hemsbacher Arzt ins Gedächtnis brachte. „Ach der!” meinte er gedehnt. „Na ja -- wenn Marga es nicht anders tut.”

„Du hast ja selbst gesagt, er soll auf die Liste kommen,” erklärte Elli kühn, um der Schwester zu Hilfe zu kommen.

Marga rührte sich nicht. Sie schien die Fransen an der Kaffeedecke zu zählen.

„Aber dann Schluß! Die Mädels dazu wählt gefälligst selber aus. Und mich laßt mit allem Drum und Dran aus dem Spiel. Kosten darf die Sache nichts, und stören darf sie mich auch nicht.”

Der Geheimrat erhob sich. Er war jetzt wieder ganz der gestrenge und unwirsche Herr und Gebieter, der sich nicht länger um solche Läppereien kümmerte. Fast schien ihm die Sache wieder leid zu tun.

„Nur noch den Tag, Papa!” bat Käthe. „Wir müssen doch wissen, wann dir's am besten paßt.”

Der Geheimrat war schon aus der Tür und stieg in sein Zimmer hinauf. Er hatte gestern in seiner Kaisergeschichte den segensvollen Titus porträtiert. Jetzt kam er zu dem unsympathischen und grausamen Domitian. Mit der Gnade und Milde war es zu Ende.

Doch zum Glück für das Haus ergaben Richthoffs erneute Forschungen, daß der böse Flavier unter seiner Großmannssucht und rohen Härte die besseren Anlagen seines Hauses wenigstens in seinen Anfängen nicht ganz verleugnete. So wurde es möglich, daß man dem Geheimrat doch auch noch den Termin für das geplante Gartenfest ablocken konnte.

Was gab es dann aber auch alles am Wenzelsberg zu tun! Die Einladungen mußten geschrieben werden. Es galt, den Lohndiener und die Kochfrau zu bestellen. Dann kam das Menü. Das las der alte Herr zwei Tage lang nicht, obwohl Käthe es ihm mit aller Liebe und Sorgfalt bei jeder Mahlzeit neben die Serviette legte. Am dritten Tage steckte er es in die Tasche und schickte es am fünften als völlig unbrauchbar zurück. Nur mit List konnte er schließlich gezwungen werden, Gegenvorschläge zu machen. Mit der Bemerkung, daß die Weibsleute nicht einmal von der Küche etwas verständen, ergriff er selbst das Kochbuch und verlangte die unmöglichsten Gerichte. Das Ungeheuerlichste war, daß er allen Einwendungen zum Trotz auf einer Suppe bestand, einer für eine Abend- und Gartengesellschaft allem Herkommen hohnsprechenden Ouvertüre. Er wollte in Italien eine Wildsuppe gegessen haben, die unbedingt ausprobiert werden mußte, ein unheimliches, höchst apartes Gemächte, von dem er sich für sich und seine Gäste Wunder versprach. Käthe konnte nicht mehr erreichen als ein Kompromiß: dafür, daß er die übrigen Gänge genehmigte, mußte ihm die abenteuerliche Suppe zugestanden werden.

Langsam kamen die Zu- und Absagen.