Die große Stille: Roman

Part 28

Chapter 283,656 wordsPublic domain

Das war die Gewißheit, die er gesucht hatte. Alice hatte ihn mit Ludolf Hammann betrogen ...

Mit der Gewißheit kam für Perthes das Erwachen aus dem dämmerhaften, halbwachen Zwang, der ihn zu einer häßlichen Gewaltsamkeit fortgerissen hatte ...

Wie lange er so gesessen, wußte er nicht. Die Wahrheit, grausam, hämisch, konsequent, wie der Traum, der ihn gepeinigt -- erst tobte sie in ihm mit Gefühlen der Verachtung, des Schmerzes, des entwürdigten Stolzes, die in seinem Innern stritten und die Vorherrschaft vor seinem Verstand begehrten; dann gab sie ihm einen kalten, nüchternen Entschluß, mit dem er sich erhob.

Er nahm die Briefe an sich, ging zurück in sein Schlafzimmer und machte sich fertig.

Früh am Morgen, viel früher als sonst, schallte seine Stimme mit ungewohnter Schärfe durch das Haus. Er überschüttete die Dienstboten, das Kinderfräulein mit einer Flut von Befehlen, so daß sie in heller Bestürzung umeinander liefen.

Das dauerte etwa eine Stunde.

Dann verließ er mit seinem Jungen die Villa. Nicht einen Tag länger konnte er unter diesem Dach bleiben. Die Lüge seiner Ehe, eines trugvollen, jahrelangen Scheinlebens war zu Ende und sollte es auch äußerlich sein.

Erst wollte er sich mit seinem Kind in einem Hotel einquartieren. Doch die Besonnenheit riet ihm von diesem zu auffallenden Schritt ab. Er erinnerte sich an sein Junggesellenquartier bei Fräulein Eschborn. Dorthin schleppte er seinen verstörten, heulenden Jungen. Dort fand er -- da das Semester vorbei war und die Studenten fehlten -- ein Notquartier. Im ersten Stock: ein Arbeitszimmer und ein Schlafkabinett für ihn, eine Stube für Benno und das Kinderfräulein, das nachkommen sollte -- war alles, was er einstweilen brauchte. In weniger als einem halben Tag war der Auszug vollendet ...

* * * * *

Die Wochen des Kriegs begannen.

Es waren entsetzliche Wochen, in denen das Herz aus allen Wunden blutete und der Kopf doch Meister bleiben mußte.

Die erste kategorische Fehdeanzeige fiel nach Nieburg wie eine Bombe. Mama Hupfeld legte sich, wie immer bei aufregenden Gewittern, sofort zu Bett. Exzellenz, von der Unschuld seiner Tochter überzeugt, schäumte. Er schrieb an Perthes, den Mann, den er „gemacht” hatte, einen Brief voll hochfahrenden Zorns, in dem er seinem aufgespeicherten Groll gegen das Geschöpf seiner Gutmütigkeit ohne jede klassische Bezähmung freien Lauf ließ. Er wollte seinen Schwiegersohn demütigen und zur Räson bringen. Als Antwort schickte dieser die Abschrift der belastenden Briefkarte von Hammann. Der Geheime Rat stutzte. Er wurde vorsichtig, denn er witterte Skandal, und den mußte er um jeden Preis vermeiden. Noch hoffte er, daß die Rückkehr Alices, die stündlich bevorstand, eine andere Erklärung geben und das Beweismaterial ihres Mannes erschüttern würde. Alice kam. Sie war ein bißchen erstaunt. Ein bißchen bestürzt. Ein bißchen empört. Im Grund fand sie die erbrochene Schublade das beste, was ihr Mann nach Jahren einmal wieder geleistet hatte. Was für Exzellenz das Schlimmste war: sie tat ihm nicht den Gefallen, ihre Beziehungen zu Hammann zu beschönigen. Sie leugnete nichts. Zerknirscht war sie auch nicht. Das Abenteuer mit Hammann war eine Laune gewesen, die sie, gelangweilt von ihrem Mann und von aller Regelmäßigkeit, früher oder später kosten mußte. Skrupel empfand sie dabei nicht. Das Unangenehme, das daraus entstand, wurde durch das Neue, das es brachte, aufgewogen. Spaßhaft hätte sie es gefunden, wenn sich Perthes und Hammann um ihretwillen geschossen hätten. Darauf wartete sie auch. Vielleicht war es doch etwas Galgenhumor, was sie zur Schau trug, jedenfalls ein Galgenhumor, der diesmal sogar ihren Vater fast zu zorniger Verzweiflung brachte ...

Perthes hatte in der Tat daran gedacht, Hammann zur Verantwortung zu ziehen. Eine Zeitlang begehrte sein Blut diese knallende Lösung. Aber dann übermannte ihn der Ekel. Sollte er sich für ein Chimäre schlagen? Die Ehre von Alice war längst nicht mehr die seine. Mochten Splitterrichter des Duellkomments, dem er für einen würdigeren Fall die Berechtigung nicht versagte, ihn verdammen. -- Den Eklat eines Prozesses scheute er nicht. Doch dagegen kämpfte der Geheime Rat mit allen Mitteln. Sogar denen einer höflichen, bittenden Überredungskunst. Diese war es nicht, die bei Perthes verfing. Aber die ruhigere Erwägung sagte ihm, daß er selbst durch einen grellen Skandal mehr verlieren als gewinnen konnte. Auch noch seine wissenschaftliche Laufbahn zu opfern -- dazu fühlte er sich nicht bemüßigt und, im Hinblick auf sein Kind, nicht berechtigt. Bis zum Herbst dauerte das Hinüber und Herüber der feindlichen Lager. Dann brachte der Vorschlag des Hupfeldschen Rechtsanwalts die Lösung, die beide Parteien -- mit Einverständnis der sehr degoutierten Gräfin Hüningen, des kleinlauten Professor Hammann und der verstörten, so gar nicht nachtragenden Edith -- annehmen konnten und mußten. Perthes, der den Ruf nach Norddeutschland endgültig angenommen hatte, würde dorthin mit Benno übersiedeln. Alice sollte sich weigern, den neuen Wohnsitz mit ihm zu teilen. Seine wiederholte Aufforderung, ihr Widerstand erzielten dann innerhalb der gesetzlichen Frist den Scheidungsgrund, der ihm das Kind ließ und vor der Öffentlichkeit den Skandal annähernd verschleierte.

Mit einer Komödie sollte symbolisch die Ehe von Max und Alice Perthes ihren Abschluß finden.

20

Es war Oktober geworden.

Ein warmer, milder Herbst lag über dem Land. Sanft bräunten und röteten sich die Laubwälder an den Hängen und auf den Kämmen der Berge. Wehmütig hängte sich die dunkelgoldene Sonne an die erstarrende Erde. Sie spielte melancholisch mit den Wellen im Fluß, die unerwärmt unter ihrem liebkosenden Schein davonliefen. Es war wieder die große, stille Zeit des Abschiednehmens gekommen, in der so viel Reife und Tiefe der Stimmung liegt. Es ist im eisknirschenden Winter, im knospensprengenden Frühling, im kornknisternden Sommer nicht so viel Musik als im Herbst: aber es ist die Musik der Heimlichen und Reifen; die Musik derer, die vom Sterben die Kraft nehmen und die Lust zum Leben; es ist die Musik der großen Stille ...

Das luftige Giebelzimmer über der Stadt und dem Fluß, in dem Perthes als Junggeselle gewohnt hatte, war frei geworden. Trotz der Gegenvorstellungen von Fräulein Eschborn, die das Quartier für ihn nicht mehr standesgemäß finden mochte, war er in den letzten Wochen aus dem ersten Stock dort hinaufgezogen. In einer Zeit, wo alles um ihn wankte und niederbrach, empfand er das hartnäckige Bedürfnis, sich an diese Giebelstube von einst zu klammern. Er hatte dabei nicht erst seine Gefühle und Erinnerungen umständlich befragt: daß er nicht stimmungsselig da oben würde, dafür sorgten die Aufregungen dieser Zeit des Kampfes, des Abschlusses seiner klinischen und akademischen Pflichten, die zahlreichen Schreibereien und Abmachungen, die die Übersiedlung an einen neuen Ort der Tätigkeit, in andere Bedingungen des Lebens notwendig machten.

Erst in der zweiten Woche des Oktobers trat eine kurze Pause und unfreiwillige Ruhe für ihn ein. Er hatte sich auf der Klinik verabschiedet. Der Kampf um die Scheidung von Alice, so aufreibend und nervenzehrend, war abgeebbt. Seine neue Stellung war in allen Teilen gesichert. Nur die kleinen Geschäfte, die mechanisch und nichtssagend sind, Formalitäten verschiedener Art hielten seinen Fortzug noch um einige Tage auf. In der Entspannung, die jetzt unmerklich während dieser gezwungenen Mußezeit seinen Geist und sein Herz überkam, beschlich es ihn doch manchmal eigen in seinem Junggesellenzimmer, und wenn er sich über die Brüstung des Fensters lehnte, hörte auch er vom Fluß herauf, über die sonnenglänzenden Dächer weg, herunter von den tannenbescheitelten und laubwaldumkränzten Bergen die heimliche, tiefe Musik des Herbstes. Erst vernahm er nur ihre ersterbende Wehmut: allein, mit leerem Herzen, gebrochen, ärmer als er einst eingezogen, zog er jetzt durch dieselbe Tür wieder davon. Er wehrte den Erinnerungen, aber sie gaben ihn nicht frei: seine jungenhaft-törichte Schwärmerei für Hilde König; sein unfähig-gewaltsames Ringen nach der Höhe, wo Marga gestanden und sein schwacher, schuldvoller Absturz; seine tolle, trügerische Taumel- und Leidensgeschichte mit Alice -- Erlebnisse dieser Jahre hatten leer- und totgefegt, was in ihm war. Aber dann hörte er heller, deutlicher. Hörte hinter die Töne der Wehmut: aus der traurigen Weise des Sterbens löste sich leise, aber fest eine andere. War er nicht doch reicher geworden bei all der Armut? Da war seine Liebe zur Wissenschaft, eine dauerhafte, echte Liebe, die nichts mit dem haltlosen Hin und Her früherer Neigungen gemein hatte. Da war sein Junge, Fleisch von seinem Fleisch, ein Ziel und eine Hoffnung, auch wenn er Blut von ihrem Blut hatte. Und da war er selbst, ein Mann, ein Wollender, einer der sich kannte und beherrschte, der nicht sprang, sondern schritt -- vielleicht doch empor -- nicht mehr zu der Höhe, die Marga gehörte, aber doch zu einem, zu seinem Gipfel: zu der Persönlichkeit, die er werden konnte. Er hörte etwas, auch er, von der Musik der Heimlichen und Reifen, derer, die vom Sterben die Kraft nahmen und die Lust zum Leben ...

In solchem Lauschen war er eines Morgens versunken, als das Kinderfräulein mit Benno bei ihm eintrat. Sie hatte den Kleinen vor kaum einer halben Stunde in den Kindergarten gebracht. Fragend wandte sich Perthes nach den beiden um.

Der Junge machte ein verschlossenes, eigensinnig-finsteres Gesicht und zerrte sein Fräulein am Rock, als wollte er sie hindern, zu reden. Das junge Mädchen sah verlegen und unschlüssig aus, als traute es sich nicht zu sprechen und auch nicht zu schweigen.

Perthes, der seinem Jungen mehr Aufmerksamkeit schenken konnte als sonst, musterte ihn und das Fräulein.

„Was gibt's?” fragte er mit knapper Stimme. „Die Schule ist doch noch nicht zu Ende?”

„Nein, Herr Professor, aber --”

„Laß mal das Fräulein los! Setz dich artig auf einen Stuhl! -- Nun, aber?”

„Die Damen sagten -- Fräulein Richthoff sagte -- er solle nicht wiederkommen!” stammelte das Mädchen ratlos.

„Was heißt das?” Perthes runzelte die Stirn. „Ich versteh' das nicht. Ist etwas vorgefallen? Reden Sie doch!” Er näherte sich dem Fräulein und warf gleichzeitig einen besorgten Blick auf den Kleinen, der zwischen Trotz und Tränen auf seinem Stuhl schwankte. Er hatte seinerzeit erst nachträglich von Alice erfahren, daß sie den Jungen in den Richthoffschen Kindergarten gebracht. Es war ihm peinlich gewesen, aber er hatte es nicht mehr ändern können. Wenn Benno von dort erzählte, beschränkte er sich meist auf das Zuhören und lenkte ihn bald ab. Auch das jetzige Thema kam ihm ungelegen, und er hätte es gern so schnell wie möglich abgetan.

Das Kinderfräulein rückte schüchtern mit vielen Wenn und Aber heraus. Benno wäre gestern unartig gewesen; er hätte die Damen erzürnt; die Jüngere hätte heute entschieden erklärt, er dürfe nicht mehr kommen.

Perthes horchte betreten auf.

Er schickte das Fräulein aus dem Zimmer. Dann nahm er seinen Jungen vor. Eine harte Arbeit. Der kleine, schwarzköpfige Wicht mit seinen brennenden Augen war verstockt. Aus dem dunklen Blick leuchtete die Heftigkeit des Vaters, und um den kindlichen, tiefroten Mund spielte etwas von Alices launischer Selbstwilligkeit. Erst gab es ein verlegen-hartnäckiges Schweigen. Dann ein lautes, zorniges Geheul. Endlich ein aufgelöstes, schluchzendes Gestammel, dem Perthes nur allmählich Sinn abgewinnen konnte. Zwei Namen wechselten in der jammervollen Beichte am deutlichsten ab. Tante Elli und Tante Marga. Der kleine Bursche wußte nicht, wie hart und unselig gerade diese beiden von ihm endlos wiederholten Namen in die Ohren seines Vaters klangen. Und was nachkam, traf Perthes noch schlimmer. Aus all dem Gestammel und Geschrei wickelte sich heraus, daß er, offenbar in einem Anfall von Jähzorn, die eine Tante geschlagen hatte -- Marga. „Ein ganz klein wenig nur,” wie er mit erneutem Aufschluchzen versicherte. Er erwartete offenbar von diesem Schluß- und Hauptstück seines Geständnisses das äußerste, denn er duckte sich in sich zusammen und würgte noch zweimal „ein ganz klein wenig nur” hervor. Aber er mußte mit Staunen die Wahrnehmung machen, daß sein Vater ganz still und stumm blieb. Er sah schüchtern zu ihm hin. Aus Perthes' Gesicht war alles Blut gewichen. Eine erschreckende Verzweiflung und Traurigkeit, wie sie der Missetäter im Matrosenkittelchen noch nie an einem Menschen gesehen, malte sich in seinem Antlitz. Bewegungslos, mit herabhängenden Armen und geschlossenen Augen saß er vor dem Kleinen, und dem wurde dies Starren und Schweigen unheimlich, viel unheimlicher als das heftigste Schelten. Er brach von neuem in Tränen aus.

Perthes stand auf.

Er rief das Kinderfräulein und ließ den Jungen, ohne ein Wort an ihn zu richten, in die andere Stube führen.

Als er allein war, setzte er sich vor seinen Schreibtisch. Er nahm seinen Kopf zwischen seine beiden Hände und preßte ihn, als wollte er ihn zerdrücken ...

Das Schwerste und Trübste, was in seiner Seele geschlummert, woran er auch in seinen wehmütigsten Abschiedsgedanken nur aus ängstlicher Ferne vorbeigestreift war, wie an einem kranken, schmerzhaften Glied -- das hatte sein eigener Junge mit seiner kindlichen Untat grell und rücksichtslos aus ihm heraufgezerrt. Die kleine Hand, die sich da im Jähzorn erhoben, was hatte sie im Grund anderes verübt, als was er, der Vater, vor einigen Jahren so viel brutaler, härter, grausamer getan: Marga geschlagen! -- Wie das traf! Wie es schmerzte! Wie es von der verstecktesten Wunde seines Lebens, der größten, mitleidslos den Notverband riß und das Blut quellen und quellen ließ. Die Erinnerung an Marga, Stunde um Stunde fast des Vergangenen, umtoste ihn. Aus gespenstiger Weite, aus der Verbannung von Jahren war ihr Bild nahe gerückt, so nahe, daß es ihn mit seiner Deutlichkeit betäubte. Es war ihm wie gestern, daß er sie verloren, verlassen und preisgegeben hatte! An jener Wegscheide, zwischen Stift Nieburg und der Sägemühle im Tal, war er fehlgegangen. Weit und weiter in die Irre ...

Doch das war ja nur der Schrei _seiner_ Seele, auf den er horchte. Ein Schwelgen in nutzloser Sehnsucht nach Verscherztem und Verlorenem. O -- er hatte immer nur an sich gedacht! Was Marga gelitten, hatte er es je in seinem vollem Umfang ausgemessen? Hatte er seine Schuld -- ja, einen Teil davon hatte er abgetragen! In sich selbst! Aber vor ihr und an ihr war er so schuldig wie damals. Er hatte ja gewartet, bis die Hand seines Jungen sich kindisch an ihr verging, als sollte sich das Wehetun vererben vom Vater auf den Sohn. Wie schmerzhaft er geschlagen, davon wußte der Kleine nichts. Dafür trug sein Vater die Verantwortung.

Ruhelos gefoltert, die Stunden vergessend, schritt Perthes in seinem Zimmer auf und nieder.

Genugtuung konnte er Marga keine geben. Für das, was geschehen war zwischen ihr und ihm, gab es keine Genugtuung. Konnte er trotzdem nichts, gar nichts tun?

Natürlich mußte er für den Jungen um Entschuldigung bitten. Er warf ein paar Zeilen aufs Papier. Am Nachmittag legte er sie beiseite und schrieb einen Brief, der mehr, der ein Bekenntnis seines ganzen Lebens wurde. Daraus machte er von neuem -- jedes Pathos und jede Floskel verachtend -- ein knappes Billet, das nichts besagte. So ging es nicht! Er zerriß alles, was er geschrieben. Wenn er etwas tun wollte, mußte es etwas anderes sein.

War er denn feig? Zu feig um das zu versuchen, was einfach anständig war?

Er, er selbst mußte gehen, er mußte seinen Jungen zu ihr führen.

Als ob er das nicht längst gewußt hätte?! Nicht immer wieder fortgeschoben und umgangen hätte?!

Vielleicht ließ sie ihn abweisen, vielleicht -- doch das war es nicht, was ihn bestimmen durfte. Es gab nur diesen Weg. Keinen sonst. Den mußte er gehen. Als Mann von Ehre und Gewissen. --

Am nächsten Morgen war er mit sich fertig.

Mit seinem Kleinen hatte er nicht wieder gesprochen. Nicht einmal „Gute Nacht” hatte er ihm gesagt. Jetzt teilte er ihm in kurzen Worten mit, was geschehen sollte. Sie beide würden um elf, ehe die Schule zu Ende war, zu Tante Marga gehen. Und Benno würde vor den Kindern sie laut und deutlich um Verzeihung bitten. Jedes Sträuben war ausgeschlossen.

Der Junge machte ein langes Gesicht. Fast eine Grimasse wie seine Mutter. Aber er war zu zerknirscht. Er hatte zu viel geweint und fürchtete die traurig-entschlossenen Augen seines Vaters zu sehr, um ein Wort des Widerwillens oder auch nur eine Gebärde dagegen zu finden.

Dann gingen sie zur festgesetzten Stunde in die Stadt.

Perthes hatte sich den Weg beschreiben lassen. Trotzdem ging er in unbekannten Straßen fehl. Auf den Jungen war kein Verlaß. Er war ebenso stumpf und ängstlich, wie sein Vater erregt war.

Sie irrten an dem Haus am Wenzelsberg vorbei, das frisch gestrichen, fremd und abweisend in der Straße stand.

Es schlug elf Uhr, ehe sie sich zurechtgefunden hatten.

Der lachende und schwatzende Kinderschwarm quoll aus der Tür des Vorgartens, bevor sie das kleine Haus in der Bergfelderstraße erreichten.

Perthes stand unschlüssig vor dem Zaun, hinter dem die buntblütigen Astern in freundlichen Beeten leuchteten.

Sollte er umkehren? Sollte er den Gang auf den Nachmittag verschieben?

Das widerstrebte ihm. Er trat ein.

Das Dienstmädchen, das ihm die Glastür öffnete, sah ihn und den Kleinen verdutzt an.

Sie wies ihn ins Schulzimmer und wollte die Damen rufen.

Inmitten der kleinen Bänke blieb er harrend stehen. Er atmete schwer und hielt den Jungen mit einem harten Griff an seiner Seite. Es hämmerte in seinen Schläfen und zuckte vor seinen Augen, so daß er nichts um sich sah.

Nach geraumer Weile öffnete sich die Tür. Es war Elli.

Das Mädchen, das den kleinen Perthes kannte, hatte sie benachrichtigt. Perthes hatte versäumt, sich mit Namen zu nennen, aber sie war keinen Augenblick im Zweifel, daß er selbst es war. Mit klopfendem Herzen, nicht wissend, was sie tun oder lassen sollte, war sie herbeigeeilt. Ohne Marga zu verständigen, die im Garten auf und ab ging. Nun stand Elli sprachlos dem Mann gegenüber, der ihr vor Jahren ein vertrauter Bekannter gewesen. Ihre sonst so frische, nicht leicht einzuschüchternde Art versagte bei diesem unerwartetem Wiedersehen. Sie konnte ihn nur durch eine Bewegung bitten, seine Wünsche zu äußern.

Auch Perthes war einen Moment betroffen und stumm dagestanden. Jetzt erklärte er sich mit fester Stimme.

„Fräulein Richthoff, mein Junge und ich sind gekommen, um Ihr Fräulein Schwester um Verzeihung zu bitten. Ich hörte mit Entrüstung, was für eine große Unart sich der Kleine geleistet hat!”

„Meine Schwester -- Sie wollen meine Schwester selbst -- sprechen?” stammelte Elli.

„Ich bitte darum,” erwiderte er mit einem leisen Vibrieren des Tones.

„Ich fürchte, daß --” Elli suchte nach einer Ausrede, um Marga dies Wiedersehen zu ersparen, aber Perthes hatte seinen Blick mit einer so zwingenden Bitte auf sie gerichtet, daß sie verstummte. Ein hastiges, bebendes „Ich will nachsehen!” und sie huschte aus dem Zimmer.

Es dauerte wieder eine geraume Zeit.

Perthes dünkten die Minuten Ewigkeiten zu werden. Er ließ den Kleinen los und lehnte sich gegen das Kreuz des nächsten Fensters.

Er hörte im Flur Schritte, die sich näherten. Auf seine Sinne legte es sich wie Nebel. Die Dinge rückten vor seinen Augen in eine dunstige Ferne. Das Kind trat mechanisch von einem Fuß auf den andern. Weit ab sah er jetzt eine Tür sich öffnen. Er erkannte eine Gestalt, nur in Umrissen, während eine zweite sich abseits, an einem Schrank zu schaffen machte. Die erste, die stillstand, mußte Marga sein. Er löste sich von dem Fensterkreuz und trat einige Schritte vor. Seine Stimme klang ihm fremd wie die eines anderen.

„Sie wissen schon, weshalb wir hier sind. Ich danke Ihnen, daß Sie uns hören wollen. Eigentlich wollte ich, daß der Junge vor seinen Kameraden ihnen Abbitte tun sollte. Er hat sich abscheulich vergangen!” Perthes stockte. Die stoßweise vorgebrachten Sätze preßten seinen Atem. „Benno, tu wie ich dich geheißen!” Er tappte neben sich nach der Schulter des Kleinen und schob ihn vorwärts. „Geh, und bitte Fräulein Richthoff um Verzeihung!”

Der Junge setzte sich zögernd in Gang.

Marga stand blaß und ernst bei der Tür. Sie mußte hinter sich, am Türrahmen, Halt suchen. Ihr Kopf hatte sich auf die Brust geneigt, ihre Augen sich geschlossen. Sie wollte dem Kleinen entgegengehen, um die peinliche Szene so schnell wie möglich zu beendigen. Aber sie konnte nicht.

Der Junge blieb auf halbem Weg wie angewurzelt stehen. Trotz und Angst ließen ihn schwanken.

„Benno!” mahnte Perthes mit Anstrengung.

Das Kind rührte sich nicht. Die Hände auf dem Rücken verschlungen haltend, wich es nicht von der Stelle.

Perthes griff sich an den Kopf. Dann ging er mit schleppenden Schritten, ohne den Boden unter sich zu fühlen, vorwärts, dorthin, wo die in Nebel verlorene Gestalt stand.

„Also werde ich für dich um Verzeihung bitten!” Er nahm alle Energie zusammen. „Der Junge ist verwildert. Seine Mutter -- kurz er hat keine Mutter mehr. Und ich kann mich zu wenig um ihn kümmern. Ich bitte Sie, ihm zu verzeihen!”

Perthes stand jetzt kaum zwei Schritte von Marga entfernt. Er wollte sagen, daß das Kind selbstverständlich nicht mehr in die Richthoffsche Schule kommen dürfe; er wollte in einer kurzen, verbindlichen Form all das vorbringen, was er sich zurecht gelegt. Aber die Worte blieben ihm aus. Er hatte seine Kraft überschätzt und konnte nicht weiter. Er stand so steif und unbeweglich wie sein Kind.

„Ich verzeihe ihm gern,” kam es leise von Margas Lippen. Die ganze, weiche Fülle ihres Wesens klang zitternd mit. Es war der alte, warme, stille, einfache Ton, der über Jahre hinweg an Perthes Ohr drang. Der Dunst vor seinen Augen zerstob. Er sah sie. Nahe wie sie ihm war. Die blauen, tastenden Augen, das erblaßte, schlichte Gesicht mit seinen sanften, weichen Zügen unter dem fahlen, gescheitelten Haar.

Und mit einem Mal schüttelte es seinen großen, starken Körper wie ein Sturm. Seine Hände öffneten und schlossen sich wie im Krampf. Er schwankte zur Seite, ergriff eine der kleinen Kinderbänke, die da standen und ließ sich mit einem dumpfen Laut niederfallen.

Der Junge, von Angst und Schreck erfaßt, lief strauchelnd auf Marga zu: „Verzeihen! Verzeihen!” würgte er unter einer Flut von Tränen hervor, während er sich an sie drängte, die Hände emporstreckend, Schutz und Hilfe suchend vor einem Unbegreiflichen, das um ihn vorging, und das sein Herz und sein Verstand nicht faßten.

Marga beugte sich über ihn und streichelte das dichte, zottige Haar.

Elli war an ihrer Seite und hob ihn empor. Instinktiv trug sie ihn in das anstoßende Zimmer ...

Perthes und Marga blieben allein in der großen, fröhlichen Stube, die die gedämpfte Herbstsonne mehr und mehr in ihr sattes Mittagslicht tauchte.

Eine Weile war nichts hörbar als der schwere, keuchende Atem des Mannes, der mit verzweifelter, schamvoller Kraft gegen die Gefühle rang, die ihn überwältigen wollten. Und dann erlag er doch, dem unsagbaren und grausamen Leid seiner Seele. Das ganze Weh seines Lebens, die mit unnatürlicher Anspannung zurückgehaltenen Schmerzen der letzten Monate, Bitterkeit, Reue und Verzweiflung befreiten sich in jenem harten, dumpfen Schluchzen, das den Zusammenbruch des Mannes grausam, erschreckend und erschütternd macht, wie ein Ereignis der Natur ...

Leise, wie ein Schatten, löste sich Marga von der Wand, an der sie noch immer stand.