Die große Stille: Roman

Part 27

Chapter 273,596 wordsPublic domain

Hupfelds hohe Gestalt, mit den Jahren etwas vornübergebeugt, aber immer noch sehr repräsentativ mit dem glatten, ebenmäßigen Gesicht, den gebietenden Gebärden, dem verjüngenden blauen Jackettanzug, machte Aufsehen wie immer. Der nicht ganz so große Professor Perthes in seinem Reisehabit aus grauem Loden wirkte nicht so distinguiert und hatte nichts von der weltmännischen Liberalität der Exzellenz. Die frühere gesunde Bräune seines Teints hatte einen bleiernen Ton bekommen. Der Ausdruck der Züge hatte die einstige jugendlich-unbekümmerte Brigantenhaftigkeit verloren. Ein starrer Ernst gab ihm auf dem ersten Blick einen abweisenden, fast hochmütigen Anschein. Doch dagegen zeugte das tiefe Auge, das noch immer, wenn auch selten und mit Beherrschung, in dunklem Feuer aufleuchten konnte. Wenn er mit wiederholter, hastiger Gebärde die Mütze lüftete und sich über die dichten, schwarzen Haare fuhr, las man auf der Stirn aus starren, rissigen Falten ebenso viel rastlose geistige Arbeit wie in sich verschlossene Bitternis. Der Mund hätte die gleiche Sprache gesprochen, wäre er nicht in dem krausen Bart zurückgetreten, dem sich da und dort frühgraue Fäden eingesponnen hatten.

Es wurde zum Einsteigen abgerufen.

Hupfeld und Perthes verabschiedeten sich mit einem Händedruck, der mehr korrekt als herzlich war. Während der ~D~-Zug aus der Halle rollte, schritt der Geheime Rat den Bahnsteig zurück nach seinem Automobil. Auf der Fahrt zur letzten Fakultätssitzung des Sommersemesters saß er nachdenklich in seiner Ecke. Ohne einen Gruß zu versäumen, dachte er an seinen Schwiegersohn. Nach dem Ausdruck seiner Mienen waren es nicht ausschließlich freundliche Gedanken, die ihn beschäftigten. Diese Konsultationen nach auswärts, die durch den steigenden Ruf des Jüngeren sich mehrten, begannen ihm lästig zu werden. Seine Eitelkeit, die wahrhaftig in einem Leben voll glänzender Erfolge auf ihre Kosten gekommen war, witterte längst in Perthes den Kommenden, der ihn, den Gehenden, vielleicht abzulösen berufen war. Er hatte die Fähigkeiten des um mehr als eine Generation jüngeren Mannes „entdeckt”, wie er sich schmeichelte. Er hatte ihn „gemacht”. Vielleicht würde er gegenüber seinem Schwiegersohn Regungen der Mißgunst doch unterdrückt haben; vielleicht hätte er sich sogar mit den Jahren direkt überwinden und seinen Nachfolger selbst auf den Schild heben können. Aber die Ehe seiner Tochter -- das konnte auch ihm, dem Optimisten, längst kein Geheimnis mehr sein -- war nicht, was er sich und Alli gewünscht hatte. Der junge Mann, den er „gemacht” hatte, entwickelte einen Charakter, dem nach seiner Auffassung die Weite und Freiheit weltmännischen Denkens abging. Als ewig nachgiebiger Vater stand er durchaus auf seiten seines Kindes. Alices skrupellose Lebenslust war ein Zug seines eigenen Wesens, wenn er auch in ihm sich stilisiert hatte. Ihre spitzbübische, spottsüchtige, wechsellüsterne Art zeugte von Humor, Gesundheit des Geistes, jugendlicher Frische. Dagegen sah er bei Perthes eine Rechtschaffenheit, ja trockene Ledernheit -- besonders in wirtschaftlichen Fragen, die ihm kleinlich vorkam. Er traf sich mit Alli durchaus in einer Auffassung, die in jeder konsequenten Folgerichtigkeit und Festigkeit nur Pedanterie und Spießertum belächelte. Wie oft beklagte er in seinen Gesprächen mit der körperlich immer schwerfälligeren Mama Hupfeld das „arme Kind”. Bei dieser Klage war er auch in seinen Reflexionen angelangt, als sein Auto vor der Universität hielt. Er versäumte trotzdem nicht, dem strammen Pedellen, der mit gezogener Mütze in Front stand, huldvoll zuzunicken, während er ausstieg. Durch die Gruppen grüßender und starrender Studenten schritt er fürstlich nach dem Fakultätszimmer, wo die Korona der Kollegen das große Tier noch eben durchgehechelt hatte, nun aber mit übertriebener Ehrerbietung empfing. --

Perthes fuhr inzwischen in seinem ~D~-Zug südwärts.

Er saß allein in seinem Abteil. Reichlich mit wissenschaftlichem Lesestoff versehen, kümmerte er sich nicht um die sommerlich-frohe Natur vor den Fenstern. Er war ja früher ein leidenschaftlicher Naturliebhaber gewesen. Wie oft hatte er auf einer Fußwanderung, wie oft rudernd und sportbeflissen sich seinen seelischen Gleichmut wieder herzustellen gesucht. Er hatte sich diese Naturschwärmerei abgewöhnt. Wie er sich im Lauf der Jahre auch die seelischen Aufregungen abgewöhnt hatte. Nicht von heute auf morgen; auch nicht mühelos und leicht. Es hatte Kämpfe gekostet. Sein explosives Temperament gab sich nach den ersten Enttäuschungen seiner Ehe nicht zufrieden: Perioden der Gleichgültigkeit wechselten mit solchen lauter, zorniger Auflehnung; Perioden blinder Verliebtheit mit anderen, in denen er Alice durch Güte, Vernunft, eiserne Strenge erziehen wollte. Vorübergehend meinte er die Quelle alles Übels in der Umgebung zu sehen, die ihn selbst zuerst bestochen hatte. In sich hatte er längst die Freude an all dem blendenden, geselligen Treiben ausgerottet. Dabei half ihm die wachsende Arbeit. Aber es kostete ihn doch mehr, als er sich je gestand. Er hatte von Natur nichts weniger als die Anlage zur Einseitigkeit. Eine gewisse Besonderheit hatte er immer geliebt. Doch sie war himmelweit entfernt von jenem Philistertum, das man mit Recht so nannte. Um Alices willen stritt er gegen dies Milieu mit seiner öden Oberflächlichkeit, seinem Taumel der Mode und Sensation, seiner erlogenen Freiheit und Götzendienerei des Geldes, der Grafenkronen, der Flottheit und Zeitgemäßheit um jeden Preis. Doch sie -- sie dachte nicht daran, sich ihrem Element abspenstig machen zu lassen. Mit ihrer Geschmeidigkeit, ihrer mehr als vorurteilslosen Bosheit, ihrem girrenden Lachen widerstand sie allen Versuchen, sie zu ändern. Sie wollte so sein, wie sie war, weil sie gar nicht anders konnte. Sie entwand sich ihm und schnitt eine Grimasse gegen seine besten Absichten. Die Erkennung, die dauernde und absolute, vollendete sich. Der Räuberhauptmann war ihr ein gräulicher Philister, ein lebensfeindlicher Grämling geworden. Hinter dem Irrlicht sah er, nüchtern und für immer, das seelenlose Nichts. Noch eine Spanne argwöhnischen Belauerns -- und eines ging kühl und fremd neben dem anderen, überließ es seiner Torheit, lebte nur noch für sich und in sich selbst.

Alice war nicht zu entwickeln und entwickelte sich nicht. Aber er, Perthes, vollzog mit sich eine langsame, qualvolle Wandlung. Die Gebundenheit, unerbittlich wie die öde ziehenden Jahre, zwang ihn zu einer strengen Beherrschung, die sich im Anfang von Stunde zu Stunde üben mußte. Er lernte mit Schmerzen den Schritt, er, dessen gegensatzvolle Natur nur immer den Sprung gekannt hatte. Ohne seinen Beruf, ohne die peinlich gepflegte, später natürliche und echte Liebe zur Wissenschaft hätte er diese aufreibende Wandlung nicht durchgehalten. Er wäre verzweifelt und verkommen. So war ihm die Umbildung gelungen. Er ging in seinem nur geistigen Dasein, seiner einseitigen Starre eines Gelehrten wie in einer Rüstung. Freilich war sie schwer; sie litt kein Rechts und Links, keine heftige Bewegung nach außen und innen. Seine Sinne hatten zu schlafen und erst recht seine Seele. Da gab es keine Vergangenheit. Da gab es keine Natur, wie die, die sonnig mit tannenschwarzen Tälern, mit bunten Wiesen, mit goldgelben Kornhängen am Fenster des Zuges vorbeiflog. Er war blind. Viel blinder als jemand, den er gekannt -- vor langer, langer Zeit ...

In Konstanz hatte Perthes noch am Abend die Konsultation, zu der man ihn gerufen.

Am anderen Morgen rettete er dank seiner richtigen Diagnose und der Kraft seiner Hand das Leben eines zwanzigjährigen jungen Menschen. Mit dem gutmütigen Lächeln, das seine starken weißen Zähne unter dem Bart vorblinken ließ, diesem Lächeln, das er so selten und nur noch im Beruf, in einem Moment selbstvergessener Zufriedenheit fand, konnte er dem geängstigten Vater im Vestibül der Klinik die nach menschlichem Ermessen geglückte Rettung mitteilen.

Er entzog sich den lebhaften Danksagungen. Aber sie klangen mit der Freude über die gelungene Operation doch noch in ihm nach, als er später durch die alten, ehrwürdigen Straßen von Konstanz schlenderte. Er mußte einen Abendzug abwarten. Was er sich sonst kaum vergönnen wollte und konnte, ein paar müßige Stunden, sie wurden ihm hier aufgedrängt. Er hatte es seit langem aufgegeben, seinen Stimmungen nachzuhängen. Aber auf der Terrasse des Inselhotels und nachher am Hafen, beim Blick auf die sanfte, klare Wasserfläche, überraschte ihn, den Entwöhnten, ein weiches, versöhnliches Gefühl. Einer jener Augenblicke, in denen ein Hauch der Ewigkeit alle Bitterkeit von Menschen und Verhältnissen wegzuspülen scheint. Er überließ sich halb schmerzlichen, halb süßen Träumereien. Gab es keine, auch nicht eine Möglichkeit des Glücks, in der er und die Frau, die er nun einmal zur Gefährtin seines Lebens gemacht, sich zusammen finden konnten? Es fiel ihm ein -- woran er bis jetzt nicht gedacht --, daß Alice nach ihren letzten Nachrichten vielleicht kaum einige Stunden entfernt war. Sie wollte, wie sie geschrieben, acht Tage einer Einladung der Gräfin Hüningen folgen, die auf der Schweizerseite des Bodensees ein Landhaus besaß. Er rechnete die Tage nach. Seine Frau, die in Straßburg bei dem Bruder ihres Vaters, dem Obersten Hupfeld und Cousine Hilla zu Besuch war, mußte jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach drüben, jenseits des Sees, bei den Hüningens sein.

Eine fiebrige Unruhe gesellte sich zu seiner Stimmung.

Wenn er, so wie jetzt mit sich, mit ihr spräche? Wenn sie beide es doch noch einmal, in Ruhe und Vernünftigkeit, wie zwei Leute, die sich kennen und keine Illusionen mehr haben, versuchten, zu einer erträglichen Einigung zu kommen? Zu einem kühlen, sachlichen Frieden, aber doch zu einem Frieden! Schon um des Jungen willen. Für den er keine Zeit hatte, und den er doch zärtlich liebte. Der zwischen ihnen verkümmern und verderben mußte ...

Seiner aufwallenden Stimmung folgend, saß Perthes eine Stunde später auf dem Verdeck eines Dampfers. Er wußte, daß er nicht „klug” handelte, sondern sich nur von einer jähen, unklaren Regung bestimmen ließ. Vielleicht würde er Alice gar nicht treffen; oder sie würde seinen Besuch, seine Vorschläge mit Achselzucken als Sentimentalitäten beiseite schieben, gar in seinem Überfall eine mißtrauische Absicht sehen. Aber die abendliche Fahrt auf dem sanftbewegten, blauen See mit dem Blick auf ferne Alpengipfel hielt einen Schimmer jugendlicher Vertrauensseligkeit in ihm wach.

In Rorschach stieg er aus.

Zu Fuß ging er, nach den nötigen Erkundigungen, aus der Stadt am Strand entlang.

Als er die Villa des Grafen Hüningen gefunden, zögerte er beim Anblick der herabgelassenen Jalousien, die dem Haus hinter dem hübschen, herrschaftlichen Garten ein verlassenes Aussehen gaben.

Er zog an der Torklingel.

Der Gärtner öffnete. Er berichtete, die Herrschaften wären gestern abgereist.

Perthes war niedergeschlagen und ernüchtert. Er nannte seinen Namen und erkundigte sich, ob seine Frau dagewesen sei. Die Frau des Gärtners, die dazukam, wußte Bescheid. Die Dame, die bei den gräflichen Herrschaften zu Besuch gewesen, war einen Tag früher als die Herrschaften selbst abgereist. Wohin wußte sie nicht. Aber richtig! Daß sie das nicht vergaß! Das traf sich ja gut: eine Depesche wäre für die Dame heute morgen noch abgegeben worden. Da sie keine Adresse gehabt, hätte sie sie einstweilen liegen lassen müssen. Die Gärtnersfrau holte sie. Perthes nahm sie gleichgültig an sich, grüßte und ging mechanisch zurück nach der Stadt.

Die Stimmung, die ihn hergebracht, war mit der Enttäuschung verflogen. Wahrscheinlich war Alice wieder nach Straßburg zurückgekehrt. Doch er wußte nichts Genaueres über ihre Pläne. Er öffnete die Depesche, die ihm vielleicht darüber Aufschluß gab. Sie lautete in lakonischer Kürze: „Bin morgen Baden-Baden. Ballonfahrt Dienstag.” Der Ort der Aufgabe hatte französischen Klang. Die Nachricht kam wohl aus der Westschweiz. Eine Unterschrift fehlte.

Wenn das Wort Ballonfahrt nicht gewesen wäre, hätte Perthes das Telegramm so gleichgültig wieder zu sich gesteckt, wie er es mitgenommen und gelesen. So öffnete, las und schloß er es zu wiederholten Malen. Er kümmerte sich so gut wie nicht mehr um das, was Alice tat oder ließ. Aber zwei Dinge hatte er ihr, als sich danach ihre Gelüste regten, ein für allemal verboten. Rennen und Ballonfahrten. Er hatte erfahren, daß sie im Frühjahr in Iffezheim am Totalisator gespielt hatte. Wie er sie kannte, gab es für sie keine gefährlichere Verlockung als das Spiel, und da die Ausgaben das einzige waren, über das er wachte, verbot er ihr den Besuch von Pferderennen aufs entschiedenste. Ebenso wußte er, daß sie sich längst sehnlich wünschte, an einer Ballonfahrt teilzunehmen. Diesen Wunsch verweigerte er ihr, nicht nur weil der Ballonsport ihm zu kostspielig war, sondern weil er die Mutter seines Kindes nicht leichtsinnig der Gefahr ausgesetzt wissen wollte. Die Depesche, die ihm jetzt in die Hände geraten war, verriet ihm, daß sie hinter seinem Rücken nicht daran dachte, seinen Willen zu respektieren.

Gern hätte sich Perthes auf der Rückfahrt mit dem Dampfer nach Friedrichshafen, und von da mit dem Nachtschnellzug heimwärts, wieder nichts sehend und nichts hörend, in seine gelehrte Fühllosigkeit, seinen dichten, schweren Panzer gehüllt. Doch immer wieder tauchte diese Depesche vor ihm auf. So gewiß, als sie unbekümmert um sein Verbot, sich zu einer Ballonfahrt verabredete, würde sie auch sicherlich an den Rennen teilnehmen und spielen, so oft sie wollte. Wenn er erst dahinter kam, daß ihre Ausgaben wieder ins Ungemessene gingen, gab es Mittel und Wege, ihr seinen Willen deutlich zu machen. Möglich auch, daß sie sich nach wie vor von ihren Eltern manches bestreiten ließ: er hatte die beschämende Kontrolle darüber längst aufgegeben. Nur mit seinem Willen durfte das nicht sein. Es war auch vollends einerlei, ob sie Ballon fuhr oder nicht! Und doch -- jetzt -- wo er sie durch einen Zufall ertappte, gerade bei einem Sport, den er ihr streng versagt hatte -- schaffte die törichte Nachricht in ihm. Wenn Alice alles tat, was sie wollte, warum er nicht? Noch vor einigen Tagen hatte er den Brief einer auswärtigen medizinischen Fakultät erhalten, der ihn -- einstweilen als Extraordinarius, aber mit der sicheren Aussicht auf das Ordinariat -- an eine norddeutsche Universität berief. Er hatte sich die Angelegenheit noch kaum überlegt. Wollte sie auch nicht weiter überlegen, denn er mußte, wollte er nicht mit seinem Schwiegervater, mit Alice einen Sturm bestehen, doch ablehnen. Aber mußte er denn wirklich? Wenn seine Frau handelte, wie es ihr beliebte -- brauchte er sich seinen Weg durch Rücksichten verlegen zu lassen? In dem brausenden, hämmernden Nachtzug, im Gedanken an diese malitiöse Depesche, erwachte doch noch einmal sein Widerstand gegen die ewige Unfreiheit, der er verschrieben sein sollte. Er hatte heute nachmittag, in einer schwächlichen Stimmung, von einem kleinstmöglichen Glück geträumt. Mit Träumen war da nichts ausgerichtet! Wenn er handelte?! Wenn er, allen Widerständen zum Trotz, seine Frau nun doch noch aus ihrer unseligen Umgebung herausriß und verpflanzte? Wenn nicht mehr zu seinem und ihrem Heil, so zu dem des Jungen! Darüber brütete er ...

Daheim, nach einigen Stunden Schlafs, wurde sein Entschluß fest. Er wollte die Gärung, die mit der Unterbrechung seines mechanischen Arbeits- und Lebensganges in ihm erregt worden war, benutzen. Er knüpfte Verhandlungen mit der auswärtigen Fakultät an, die ihn rief. Als er den nötigen Brief abgesandt, ging er elastischer als sonst in seine Klinik.

Merkwürdig -- die belanglose Depesche, die er vom Bodensee mitgebracht, verfolgte ihn weiter. Schließlich konnte es ihm gleichgültig sein, mit wem sich Alice in Baden-Baden traf. Mit den Hupfelds aus Straßburg, mit ihrem Bruder oder mit anderen Bekannten. Nichtsdestoweniger beschäftigte ihn die Frage.

Auf dem Nachhauseweg traf er gegen Abend den Grafen Hüningen. Er sprach fast nie mit dem wappennärrischen Gardeüberrest, der so geschäftig und gelehrt tat. Heute fragte er ihn höflich nach dem Befinden der Gräfin. Sie war wohlbehalten mit Edith Hammann zurückgekehrt. Der Graf selber war den Seinigen entgegengefahren und hatte sie in Friedrichshafen abgeholt. Er sprach auch von dem Besuch Alices in Rorschach. Perthes schämte sich fast zu fragen, wohin seine Frau gereist sei. Er murmelte eine unverständliche Ausrede und tat es doch. Alice hatte auf Nachrichten aus Freiburg gewartet, wie der Graf sich entsann. Als sie nicht eintrafen, war sie aufs Geratewohl zu ihrem Bruder gereist.

Nun wußte Perthes, daß sie sich höchstwahrscheinlich mit dem Leutnant nach Baden-Baden verabredet hatte. Von ihm mochte die Depesche sein.

Zu seiner Verwunderung erhielt er noch am selben Abend eine Ansichtskarte von seinem Schwager Moritz aus dem Engadin, von einer Hochgebirgstour. Also konnte der es doch nicht sein, mit dem sie zusammentreffen wollte. War sie gar nicht nach Freiburg gereist? Sondern direkt nach Baden-Baden gefahren oder ... Er sträubte sich gegen seine alberne Grübelei. Aber so töricht er sich vorkam, er hatte keine Ruhe.

Sehr gegen seine Gewohnheit ging er am nächsten Nachmittag mit seinem Jungen um die Teestunde nach Stift Nieburg. Man nahm ihn freundlich auf. Besonders der Kleine war stets willkommen und wurde stets mit Kuchen vollgestopft. Wo Alice gerade war, wußten Hupfelds nicht. Sie hatten zuletzt eine Karte vom Bodensee gehabt. Die Gräfin Hüningen kam zum Tee. Sie brachte Grüße von Alice und erzählte Wunder von ihrem famosen Aussehen.

Dann sprach man von unzähligen Dingen, die Perthes nicht interessierten, die er aber aus Artigkeit mit anhörte.

Der Geheime Rat fragte die Gräfin beiläufig nach Professor Hammann, ihrem Schwiegersohn. Sie wußte nicht viel von ihm. „Überarbeitet” wie er gewesen, hatte er einige Wochen vor Semesterschluß seine Vorlesungen und Studien abgebrochen und Touren in der französischen Schweiz gemacht. Auf dem Genfer See hatte ihn eine Regatta gelockt. Der Sport war nun einmal sein Steckenpferd. Und auf der Rückreise wollte er, so viel sie wußte, noch ein oder zwei Ballonfahrten in Baden-Baden mitmachen. -- Edith, seine Frau, war, da sie einem freudigen Ereignis entgegensah, mit den Hüningen am Bodensee gewesen und jetzt daheim -- indolent und schön wie immer, wie die Gräfin selbst lachend hinzusetzte.

Es war an sich nichts Besonderes, was Perthes auf Nieburg hörte. Und doch versetzte es ihn in gesteigerte Unruhe. Daß die Depesche an Alice aus der französischen Schweiz kam, konnte der reine Zufall sein. Daß sie und Hammann sich eventuell mit dritten Bekannten in Baden-Baden zu einer Ballonfahrt trafen, war möglich, aber für ihn jedenfalls uninteressant.

Und doch konnte er es auf dem ganzen Heimweg von Stift Nieburg nicht unterlassen, seine einmal entfesselte Spürkraft weiter zu üben. Er spottete über sich und seinen spielerischen Eigensinn und kam gleichwohl nicht davon ab.

Der kleine Benno, den er an der Hand hatte, war sehr ungehalten, daß sein Papa ihm oft gar keine oder ganz unzureichende Antworten auf seine zahlreichen, höchst wichtigen Fragen gab. Er rief gebieterisch. Wenn Perthes dann aufschrak aus seinem Sinnen, war er wütend über den Jungen und über sich. Was ging denn mit ihm vor? Wollte er sich zum Detektiv ausbilden? Wollte er einen neuen Giftstoff in seine ohnehin vergifteten Beziehungen zu Alice hineinpraktizieren? Entdeckte er in sich ein Talent zur Eifersucht? Jetzt noch, wo ... Verächtlich biß er sich auf die Lippen. Es fiel ihm die Geschichte ein, die ihm seine Frau seinerzeit als Tauschobjekt für seine mißlungene und abscheuliche Beichte über sich und Marga Richthoff angeboten und später auch wirklich erzählt hatte. Wahrscheinlich kam er darauf, weil Benno, jetzt schon zum dritten Mal eine ihm sehr bedeutend scheinende, Perthes sehr ungelegene Erzählung aus dem Richthoffschen Kindergarten mit wachsender Bestimmtheit vortrug. Er hörte daneben deutlich das saloppe Tauschgeständnis, das Alice damals abgelegt: wie sie mit diesem kleinen, patenten Hammann, dem gut gepflegten Sportsmann und Auchbakteriologen, geflirtet hatte; wie sie sich beide ganz nett hätten leiden können, aber eines Tages bei dem Gedanken an Verlobung und Heirat „auseinandergelacht” hätten. Ob es für Alice ein größeres Vergnügen hätte geben können, als zu wissen, daß er sich in solchem Zusammenhang an ihre Geschichte erinnerte? Daß er sich nun auch noch auf die abgegriffene Spezialität der Eifersüchtelei verlegen wollte? Das Vergnügen wollte er ihr denn doch nicht gönnen! --

Daheim ließ Perthes den Jungen zu Bett bringen und warf sich entschlossen auf seine Arbeit.

Keine Minute länger durfte diesem müßigen und kläglichen Spintisieren gehören.

Er arbeitete bis tief in die Nacht. Erfüllt von wissenschaftlichen Ideen, völlig abgezogen von den Torheiten der letzten Tage, legte er sich zu Bett.

Er schlief sofort ein, mit der bleiernen Schwere, die der erschöpfte Kopf gab ...

Nach wenigen Stunden fuhr er beklommen in die Höhe. Ein Traum, ein hämischer, raffinierter Traum hatte ihn aufgeschreckt. Alle Klügeleien, seine eingestandenen und verborgenen Verdächtigungen hatte dieser Traum mit folgerichtiger Teufelei zu einem höhnischen Bild vereinigt, das ihn mit seiner alpdrückenden Gewißheit aufjagte. Er rang nach Atem, nach Beruhigung. Er suchte seine Beklemmung abzuschütteln. Aber sie wich nicht. Seine Phantasie arbeitete fort, ob er wollte oder nicht. Er wußte gar nicht, ob er überhaupt wach geworden war, oder ob er weiterträumte. Bestimmte Einzelheiten, Äußerungen, die er vergessen, mit halbem Ohr gehört, Szenen des Zusammenseins mit den Hammanns bei seinen Schwiegereltern, bei jenen selbst, hier im eigenen Haus -- sie standen in einem neuen, verfänglichen Licht vor ihm. Besonders war es ein Wort Alices, das sie bei einer Schmauserei mit ihrem göttlichen Leichtsinn in die Unterhaltung geworfen und das jetzt mit beinahe physischer Leuchtkraft vor ihm brannte. „Edith, wie wär's, wenn wir uns heute mal so richtig übers Kreuz amüsierten, du mit meinem, ich mit deinem Kreuzritter?!” Hatte es dabei nicht boshafter und tückischer denn je in ihren Augen geflackert? Und sie hatten alle vier darüber gelacht. Er sah und hörte dies Lachen. Er lachte aus Höflichkeit, Edith Hammann belustigt in ihrer stumpfen, so gar nicht abenteuerlustigen Art, Alice kurz und aufreizend, wie sie es gern tat, und Hammann mit verlegener Lautheit ...

Perthes war aufgesprungen.

Mit behender Hast, immer unter dem Zwang dieser Wahnvorstellungen, halb träumend, halb wach, warf er sich in seine Kleider. Es dämmerte noch kaum, und er zündete ein Licht an. Er war sich keiner bestimmten Absicht bewußt und handelte doch von Sekunde zu Sekunde mit der exakten Konsequenz eines Nachtwandlers.

Er stieg die Treppe hinunter.

Dann betrat er das Zimmer seiner Frau neben dem Speisezimmer. Vor ihrem Schreibtisch machte er halt und setzte seine Kerze nieder.

Für einen Augenblick lichtete sich sein Bewußtsein. Wollte er eine Schlechtigkeit tun? War er wahnsinnig geworden? Wo war er? Was trieb er?

Doch schon faßte ihn wieder der Zwang. Gewißheit um jeden Preis mußte er haben!

Er riß an der verschlossenen Schublade des Schreibtisches. Der Widerstand entfachte nur seine Wut. Mit seiner ganzen, in der Anspannung gewaltigen Körperkraft erbrach er sie. Alice hätte in diesem Moment erfahren können, daß der Räuberhauptmann in ihm noch nicht vom Philister völlig verschlungen war!

Er wühlte in dem wahllosen Durcheinander von Rechnungen, Briefpapier, Einladungen.

Schließlich, ganz zu hinterst, aber gar nicht etwa versteckt, fand er Briefe mit Hammanns unpersönlicher Schrift. Einen, zwei, die nichts von Belang, nichts Überzeugendes enthielten. Dann eine Briefkarte, mit Bleistift geschrieben -- sechs, acht Zeilen -- die ihn auf den Stuhl vor dem Schreibtisch taumeln ließen.