Part 26
In fünf Minuten hielt der Wagen vor dem Portal. Wie er war, stürmte Perthes die Treppe hinauf. Ohne Rücksicht auf das Geflüster der festlich geschmückten jungen Mädchen, die im Vorraum die Köpfe zusammensteckten, um dann, wie aus der Pistole geschossen, mit ihren Programmbüchern, Konfitüren und Losen auf ihn zuzuschießen; ohne rechts oder links einen der zahlreichen Bekannten zu begrüßen, ja ohne auch nur, trotz des hellen Rufes der Kassiererin, eine Karte zu lösen, eilte er in den Trubel des Saales und drängte sich beinahe barsch durch die lachende, schwatzende Menschenmenge. Sein blasser, schwarzbärtiger Kopf, in diesem Moment wirklich räuberhaft, überragte die meisten Besucher.
Bei einer der girlandenumwundenen Säulen, nahe der Komiteeloge mit ihren Fahnen und Blumengewinden, blieb er stehen. Er hatte den indischen Stand entdeckt. Inmitten eines Schwarmes von Käufern -- Offizieren, Studenten, Akademikern -- sah er seine Frau.
In einer glanzvollen Phantasierobe, lachend und schwatzend, verhandelte sie eben über eine bronzene Vase mit dem schlitzäugigen Prinzen von Siam, den er vom Feldberg kannte, und der gegenwärtig die byzantinisch angebetete Zierde derer um Hupfeld war ...
Der Schweiß trat ihm kalt auf die Stirn. Seine Augen schweiften, wie Halt suchend, über das Gewirr der Menschen, an den Buden längs der Wände hin. In einem Verkaufsstand glaubte er einen Augenblick neben Frau Geheimrat Achenbach Marga und Elli Richthoff zu erkennen. Es war nur eine Fiktion. Seine Zähne knirschten. Er drehte sich gewaltsam um. Er spürte, wie seine Leidenschaftlichkeit in ihm aufwallte. Seine Liebe für Alice war immer ein eigenartiges Gemisch widerstrebender Empfindungen gewesen. Heute brach die Wut, unstreitig die Wut aus ihm hervor. Er hätte auf Alice zustürzen, er hätte sie zu Boden schlagen können. Der Haß des Edeltieres Mann gegen das Ewigweibliche im Sinn des Ewigtierischen verdunkelte seinen Sinn. Mit dem letzten Aufwand seiner Energie rannte er aus dem Saal, wie er gekommen war. Er erreichte sein Haus, ohne zu wissen wie ...
Frau Perthes, die von seinem unerwarteten Auftauchen Kunde erhalten, zog es vor, bei ihren Eltern zu übernachten. Sie war überzeugt, daß sein Groll bis zum Morgen verraucht sein würde. So ein Pech! Sie hatte sich so sicher geglaubt! Wie war er, der sich um nichts dergleichen mehr gekümmert, nur auf den Einfall gekommen, in die Festhalle zu gehen! Gott -- erfahren hätte er es wohl auch so. Bestenfalls konnte er jetzt etwas länger grollen ...
Perthes ließ sich am anderen Morgen auf der Klinik „verhindert” melden. Er wartete auf Alice.
Seine heiße Wut hatte einer kälteren, bestimmteren Platz gemacht.
Vergnügt, gleichgültig, spitzbübisch, als wäre nichts geschehen, kam sie gegen Mittag heim.
Er stellte sie mit dürren Worten zur Rede. Sie blieb höchst gelassen. Du lieber Himmel, sie hatte das dumme, überspönige Versprechen von Weihnachten nicht so ernst genommen! Sie hatte ihn ja weiter gar nicht mehr belästigt. Was wollte er denn überhaupt? Die ganze Ausstattung der indischen Bude hatte sie sich von Papa schenken lassen! Damit war doch die Sache erledigt ...
Perthes war angesichts ihrer vollendeten Skrupellosigkeit, dieser moralischen Stumpfheit einer unschuldigen kleinen Wilden, eines verbildeten, unartigen Kindes sprachlos. Er wollte aufbrausen. Aber sein Zorn fiel in sich zusammen. Seine Stimme versagte. Was er da vor sich hatte: das war ja die immer gesuchte, immer wieder vertuschte und verschobene Lösung des Rätsels. Hinter den lockenden Irrlichtaugen, den Gamingrimassen, den tollen Gassensprüngen -- die Leere! die vollendete Hohlheit! Er hatte seinen Irrwisch in der Hand: es war ein kleines, schwarzes, unscheinbares Nichts, von dem niemand begriff, wie es zu seinem Leuchten kam ...
Er schickte Alice weg.
Hier war nichts mehr zu ändern. Hier gab es nur eines: handeln. Die Umgebung, vielleicht war es nur die Umgebung, die sie ruinierte. Aus ihr mußte sie heraus. Mit ihm. Mit dem Kind, ehe sie auch dieses vernachlässigte oder gar mit ihrer Oberflächlichkeit ansteckte!
Mit der Heftigkeit seines Temperaments drang er vom Entschluß zur Tat.
Am Nachmittag ging er zu Hupfelds.
Exzellenz war gerade von einer Reise zurückgekommen, von einer auswärtigen Konsultation, die ihn sehr abgespannt hatte. Eigentlich empfing er niemand. Ziemlich widerwillig machte er mit seinem Schwiegersohn eine Ausnahme.
Als Perthes eintrat, lag er auf seinem Diwan ausgestreckt. Mit überlegener, etwas nervöser Ruhe hörte er den Sachverhalt an. Er konnte die Aufregung des „lieben Jungen” verstehen. Er verstand ja alles. Er sagte ihm das, fügte aber hinzu, man müßte gerecht sein. Das „arme Kind” brauchte nun mal seine Extravaganzen. Im übrigen würde die Ehe das Ihrige tun, um sie noch mehr zu zähmen, seine Hummel. Mein Gott, das waren so die kleinen Evolutionen, die jede Ehe durchmachte! Nur sie nicht als Revolution betrachten! Dadurch machte man sie erst dazu!
Perthes hörte ehrerbietig zu. Aber er opponierte. Er glaubte aus den und den Gründen, daß die Sache ernsthaft sei. Er hatte noch immer nicht begriffen, daß „Ernst” im Hause Hupfeld nur eine höchst relative Größe war. Und er rückte geradeswegs mit seinem Wunsch heraus: Der Geheime Rat solle einwilligen, daß er mit Alice nach auswärts ginge, wenn es nur für ein paar Jahre wäre. Eine andere Assistenz oder eine Anstaltsleitung ließe sich gewiß für ihn finden.
Hupfeld sah seinen Schwiegersohn groß an. So, wie man jemand ansieht, an dessen normalem Befinden man zweifelt.
„Lieber Junge,” begann er dann herablassend und mild, „du bist überreizt. Das sind -- verzeih -- das sind Ausgeburten eben einer überreizten Phantasie. Du hast dir das auch nicht ernstlich überlegt. Erstens kann ich es als Vater nicht zulassen. Wir wollen Alli nicht entbehren. Zweitens brauch' ich meinen Assistenten. Drittens würde damit deine ganze Laufbahn in Frage gestellt. Was du selbst einsehen mußt.”
Perthes sah nichts ein. Hartnäckig blieb er bei seinem Wunsch. Er brachte ihn mit Nachdruck, beinahe heftig, von neuem vor. Er wollte und mußte weg von hier, um Alices, des Kindes und um seinetwillen.
Exzellenz richtete sich halb vom Diwan auf. In den blassen Augen schimmerte ein grüner, zorniger Blitz. Die hohe, leere Stirn faltete sich und die sonst so getragene Stimme wurde unangenehm scharf, fast bösartig.
„Niemals!” erklärte er mit der abschneidenden Gebärde des großen Mannes. „Davon wünsche ich nichts mehr zu hören! Niemals!” Und mit einer Bonhomie, die verletzender war als dieser herrische Zorn, weil sie Perthes kraß seine Stellung gegenüber dem Mann zeigte, der ihn „gemacht” hatte, setzte Exzellenz nach einer Pause hinzu: „So haben wir nicht gewettet, mein lieber Junge! Merk dir das gefälligst! Und laß mich jetzt ausruhen! Ich bin halb tot! Adieu!” Er reichte Perthes die berühmte, molluskenweiche Hand, die dieser frostig berührte.
Die Audienz war beendet.
Als Perthes wieder auf der Straße war, war er versucht, seine Arme zu heben, zu schütteln. Mußte man nicht die Ketten klirren hören, die er sich selber geschmiedet? In denen er sich selber gefangen? Er -- der Streber mit Willen! Gefangen, zusammengekettet mit einem leuchtenden Nichts! Er mit seinem verwundeten, niedergetretenen Stolz! Mit seiner Seele, die er sich abgeschafft und die sich doch nicht abschaffen ließ, sondern klagte, forderte, rief und schrie! ... Seine Leidenschaftlichkeit half ihm nichts mehr. Die dämonische Lust half nicht mehr. Es gab kein Springen mehr. Er mußte schreiten. Was er sein ganzes Leben nicht gekonnt: jetzt mußte er es können! Und er lernte es. Jahraus, jahrein besser -- und für ein ganzes Leben, wenn es sein sollte.
Noch im Spätherbst, nach der Habilitation, verschaffte ihm sein Schwiegervater ein Douceur. Für die rauhe Weigerung gewissermaßen ein liebenswürdiges Heilpflaster. Er erhielt den Titel außerordentlicher Professor. Schon anderthalb Jahre später wurde er etatmäßig.
Doktor Max Perthes, etatmäßiger außerordentlicher Professor an der Universität ..., erster Assistent an der Chirurgischen Klinik und stellvertretender Leiter. Wie hübsch das klang! Er hatte Karriere gemacht ...
18
Der Kindergarten in der Bergfelderstraße gedieh.
Im ersten Jahr mußte man noch vom Kapital zusetzen. Im zweiten verdiente man und hätte mehr verdient, wenn nicht eine Scharlachepidemie die Kleinen ferngehalten hätte. Im dritten hatten, einer ernsthaften Konkurrenz zum Trotz, Marga und Elli Richthoff „den” Kindergarten für die Herrchen und Dämchen der besseren Gesellschaft. Das bescheidene, aber für sie so wichtige Werk war gelungen.
Nicht zuletzt war es nach wie vor der feste und treue Rückhalt an den Freunden des einstigen Hauses am Wenzelsberg, der den Schwestern ihre Stellung auch äußerlich erleichterte. Sie bewegten sich frei und gleichberechtigt im alten gesellschaftlichen Kreis, und die Achtung, die sie dort genossen, wirkte auch bei Fernerstehenden nach. Jene kleinen, oft schmerzhaften Schikanen und Zurücksetzungen, mit denen die Gesellschaft noch manchmal die Frauen bedenkt, die sich mutig auf ihre eigenen Füße stellen, blieben ihnen so gut wie ganz erspart. Die Jahre gaben ihnen in dem Häuschen an der Bergfelderstraße ein richtiges, behagliches Heimgefühl, und sie konnten sich ihr Leben ohne die erfrischende Tätigkeit, ohne die Freiheit innen und außen kaum mehr denken.
Marga war jetzt längst stark und klar genug, um auch die Erinnerung an die Vergangenheit nicht mehr zu scheuen. Sie gedachte ihrer Liebe und ihres Leids ohne Bitterkeit. Elli hatte es lange vermieden, von sich aus an jene Geschehnisse zu rühren. Als ihr dann zufällig einmal ein Wort entschlüpfte, das auf den Sommer in der Mühle Bezug hatte, wollte sie darüber forteilen. Aber Marga knüpfte selbst an ihre Bemerkung an, und seither sprachen sie mehr als einmal darüber, und je mehr die Zeit sie davon entfernte, um so geklärter und gelassener. Nicht nur ihre eigenen Gefühle, sondern auch den Mann, der sie ihr gegeben und genommen, sah sie in gerechtem und versöhnendem Licht. Sie hatte begriffen, daß jene Liebe -- die Wonne, die sie ihr geschenkt, und das Weh, das sie ihr bereitet -- für sie ein Stück notwendiger Entwicklung hatte sein sollen: sie wollte keines von beiden missen. Mußte es für ihn nicht dasselbe gewesen sein? Wenn Elli Perthes' Charakterlosigkeit, seinen treulosen Verrat, seine Unaufrichtigkeit und unverantwortliche Schuld mit den ihr eigenen Kraftausdrücken belegte, ließ es Marga nicht gelten. Ihr gereiftes Urteil verstand gerade das Herbste, das, was Elli am entschiedensten verdammte: seine jähe Wendung von ihr zu einer so anders gearteten Frau, einer der Richthoffschen so unähnlichen und entgegengesetzten Welt. Sie verstand sie aus den tiefen Gegensätzen seiner damals nur scheinbar, nur mit Gewaltsamkeit ausgeglichenen Natur. Sie ahnte, was er schon in seinem Abschiedsbrief angedeutet: Perthes hatte Seite an Seite mit ihr zu einem höheren, innerlicheren Menschentum emporgestrebt. Aber er hatte sich über seine Kraft getäuscht, als er den Zwiespalt in sich niederhalten wollte. Er konnte sein Naturell nicht zum Gleichschritt mit ihr, und darum auch überhaupt nicht in ihre Bahn zwingen. Als er das eingesehen, war er mit einem verzweifelten Entschluß in ein anderes Geleise gesprungen, das ihn nach der entgegengesetzten Seite führte.
Ob Perthes dort gedieh? Ob er die ihm angemessene Bahn gefunden? Ob ihn diese Bahn abwärts mitnahm oder auf einem schweren Umweg auch zu einer Höhe, zu seiner Höhe führte? Vor solchen Fragen machte Marga halt. Sie wollte nur das Notwendige auch für ihn als Notwendiges anerkennen und achten. Weiter durfte sie nicht denken. Das verbot ihr ihr Stolz.
Sie forschte nie nach ihm. Das Äußerliche seines Lebens trug ihr ab und zu ein Gespräch oder eine Bemerkung anderer zu. Dafür war die Stadt zu klein, die akademische Gesellschaft, trotz ihrer verschiedenen, sich gegeneinander abschließenden Sphären zu eng, als daß es hätte anders sein können. Daß er verheiratet war, daß er ein oder zwei Kinder hatte, das er sich habilitiert hatte und jetzt Professor war, das waren Dinge, die sie hörte wie eine Fremde von einem Fremden. Gleichgültige Dinge, die nicht bis in ihre große Stille drangen. --
Bei einem kleinen Zwischenfall sollte Marga nach Jahren beweisen, daß ihr inneres Gleichgewicht kein gemachtes, sondern ein echtes und dauerndes war.
Es war an einem Vormittag im späten Frühling. Die Kleinen waren eben aus ihrer fröhlichen Schule abgezogen. Elli und Marga saßen in behaglichen Liegestühlen im Grasgarten unter den Bäumen, die ihre letzten Blüten auf die dichten Grasbüschel streuten, und plauderten. Da meldete das Dienstmädchen, das sie sich jetzt zur ständigen Hilfe leisten konnten, eine Dame mit ihrem Jungen.
Elli, die die Anmeldungsgeschäfte gewöhnlich erledigte, stand auf und ging nach vorn.
Das Zimmer zwischen Wohnzimmer und Schulstube diente zum Empfang. Dort erwartete die Dame sie und erhob sich bei ihrem Eintritt vom Sofa, während ein Junge, ein kräftiges Bürschchen mit großen schwarzen Augen, einer kecken Stupsnase und zottigen, schwarzen Haaren, sehr resolut auf seinem Stuhl sitzen blieb. Elli glaubte sie nicht zu kennen.
„Frau Alice Perthes!” stellte sie sich mit leichtem Nicken vor. „Ich komme, um Ihnen meinen Jungen vorzuführen,” fuhr sie in kühlem, etwas herablassendem Ton fort. „Der kleine Kerl soll etwas Räson lernen -- er wird meinem Mann und mir zu wild.” Das „meinem Mann” erfand sie. Denn Perthes wußte nichts von diesem Schritt seiner Frau. Sie folgte da nur ihrer Laune und dem Bedürfnis, durch das Kind nicht belästigt zu sein.
Elli war zuerst betreten. Sie erinnerte sich jetzt sofort dieses beweglichen Gesichts mit seinen glimmenden Augen, der gestülpten Nase, dem spottsüchtigen Mund, das ihr ja vom Sehen bekannt war. Es war für sie eine ausgemachte Sache, daß sie diese Frau Perthes mit ihrem Sprößling abwimmeln würde. Mit der Sicherheit, mit der Frauen, besonders solche, die keinen Grund haben, sich wohlgesinnt zu sein, einander durchschauen, erriet sie, daß von Alices Seite auch eine frivole Neugierde mit im Spiel war. Sie wollte sich bei der Gelegenheit so ~en passant~ mal diese Richthoffs, von denen die eine ihres Mannes Flamme gewesen, etwas näher ansehen. Das prickelte in den umherschweifenden Augen ...
„Sie kommen leider zu keiner ganz glücklichen Zeit, gnädige Frau,” erklärte Elli korrekt, aber rund heraus, nachdem sie ihr gegenüber Platz genommen.
„Wieso?” fragte Alice.
„Wir haben für das laufende Halbjahr schon so viele Kinder angenommen, daß es beim besten Willen nicht gehen wird.”
„Sie werden mich doch nicht abweisen wollen, Fräulein?” Alice lächelte und sah Elli malitiös und ungläubig an. Sie hatte heraus, daß es sich um eine Ausrede handelte und war jetzt erst recht entschlossen, beharrlich zu sein. Sie versuchte sich noch entschiedener in der gönnerhaften Selbstgewißheit der großen Dame. Man hatte ihr den Richthoffschen Kindergarten empfohlen. Sie ließ die Namen von Exzellenz Papa, den gräflichen Herrschaften von Hüningen beiläufig einfließen und wollte Elli offenbar klar machen, daß die beiden Fräuleins sich nur geschmeichelt fühlen dürften, wenn sie ihren Jungen brächte. Sie stellte die Protektion gewisser erster Kreise in verlockende Aussicht.
Das hieß bei Elli gerade Öl ins Feuer gießen. Sie wäre am liebsten grob geworden. Die hochtrabende Manier, die Alice sich gegen die Töchter eines Kollegen ihres Vaters herausnahm, reizte sie. Doch sie besann sich. Sie ließ Alice ausreden. Der Schalk in ihr siegte über den Unmut, den sie empfand.
„Aber das hilft ja alles nichts,” sagte sie dann vergnügt. „Und wenn Sie uns einen leibhaftigen Prinzen brächten, gnädige Frau, wir haben uns mal vorgenommen, mehr Kinder einstweilen nicht aufzunehmen. Es wird nicht gehen!” Sie wechselte mit Frau Perthes einen Blick, der diese nicht im Zweifel lassen konnte, daß ihr die Exzellenzen und Grafen ganz und gar nicht imponierten.
Der Junge, der aufmerksam zugehört hatte, kletterte von seinem Stuhl herunter. Ihm schien die Sache jetzt reif für seine persönliche Einmischung. Er erklärte auf eigene Faust, sehr flott und selbstbewußt: „Denn nicht! Komm, Mama! Ich will fort!”
Das „Denn nicht” hatte er jedenfalls von seiner Mama gelernt. Alice selbst, die über die Entscheidung ihres Jungen boshaft lächelte, hätte am liebsten auch mit einem geringschätzigen „Denn nicht” das Feld geräumt. Aber ihre ursprüngliche Absicht, den Jungen, der im Haus lästig wurde, los zu werden, war ihr nun doch zu wichtig. Gewandt wie sie war, unterdrückte sie ihren Ärger. Sie gab dem Kleinen einen leichten Klaps für seine Ungezogenheit und verlegte sich aufs Bitten. Sie wurde beinahe zutraulich. Allerhand Reisen standen ihr bevor. Sie war gesellschaftlich sehr in Anspruch genommen. Sein Vater hatte wenig oder gar keine Zeit für den Jungen. Das Kinderfräulein würde nicht immer mit ihm fertig. Kurz: sie wünschte, daß er einige Stunden am Tag unter guter Aufsicht war und etwas Sitzleder bekam.
„Ich denke, Sie werden ihn trotz der Überfüllung nehmen!” schloß sie, bedeutend liebenswürdiger und zuvorkommender, als sie begonnen.
Elli blieb gleichwohl fest. Sie wollte nicht.
Für sich und noch mehr für Marga sträubte sich ihr Gefühl gegen die Aufnahme gerade dieses Perthesschen Jungen, die überdies nur dem eigensüchtigsten Wunsch der Mutter dienen sollte. Sie machte kein Hehl daraus, daß ihre Schule den Kindern nicht das Heim ersetzen könne noch wolle. Zudem schien ihr der Junge -- so aufgeweckt und kräftig er war, mochte er noch nicht vier Jahre zählen -- entschieden zu jung. Sie nahmen grundsätzlich keine zu kleinen Kinder mehr. Und dann führte sie noch einen ganzen Wall von anderen Gründen auf, um nur unter keinen Umständen nachgeben zu müssen.
Alice Perthes war im Begriff, mit einer unartigen Wendung nun doch die Verhandlung abzubrechen und ihrerseits zu danken, als sie nebenan, in der Klasse, zu der die Tür angelehnt war, Schritte hörte.
„Elli,” ertönte es von dort mit gedämpfter, fragender Stimme.
Es war Marga, die sich das lange Ausbleiben Ellis nicht erklären konnte und sie an einen Besuch bei Wilmanns, den sie beide vor Tisch noch zu machen hatten, erinnern wollte.
Elli und Alice erhoben sich gleichzeitig.
Elli hatte keinen anderen Gedanken, als dies Zusammentreffen zu verhindern.
Aber Alice war die Besonnenere und Entschlossenere.
„Ihre Fräulein Schwester wird vielleicht nicht ganz so hartnäckig sein!” meinte sie lächelnd.
Auf die Gefahr hin, unfreundlich zu werden, wollte Elli dazwischen treten. Aber Frau Perthes hatte schon die angelehnte Tür geöffnet. Und da stand Marga, ihr gegenüber, nichts ahnend, ruhig, nur nach dem Geräusch der Stimmen und Bewegungen in ihr Dunkel lauschend.
Wie um sie zu schirmen, flog Elli an dem verhaßten Eindringling vorbei auf die Schwester zu. Sie war bleich vor ohnmächtiger Wut.
„Marga, ich sagte der Dame schon, daß wir unmöglich, so leid es uns tut, noch ein Kind annehmen können,” stieß sie erregt hervor. Sie hatte ihren Arm von rückwärts auf Margas Schulter gelegt und suchte ihr durch den Druck ihrer Hand irgend ein Zeichen zu geben.
Der kleine Junge, der erst neugierig vorgetreten war, zog sich vor den fremden, blicklosen Augen Margas mit der allen Kindern eigenen Scheu vor dem Ungewohnten hinter seine Mutter zurück.
Alice, die die Blinde mit einem Gemisch von Interesse und Befriedigung durch ihren bekannten Blick von unten nach oben gemessen, ließ sich durch nichts beirren.
„Sie vergessen Ihrer Fräulein Schwester zu sagen, wer ich bin,” bemerkte sie halb höflich, halb spöttisch zu Elli. Sie war nicht bösartig. Aber in diesem Moment verfiel sie dem kleinen, niederträchtigen Weibsteufel, dem Frauen unter sich und zumal unter ähnlichen Umständen kaum wehren können. „Alice Perthes”, sagte sie mit eigentümlich klangvoller Betonung, die sonst ihrer hastigen, schnoddrigen Redeweise durchaus fremd war.
Das Geschoß war abgeschnellt.
Elli ließ trostlos, empört die Arme sinken. Sie hatte es nicht hindern können. Unruhig und ängstlich wanderten ihre Blicke zwischen Alice und der Schwester hin und her.
Der kleine Benno stand jetzt mit seinen großen, schwarzen Augen mutig neben seiner Mutter, fuchtelte mit seinem Spazierstöckchen und setzte dann eigenmächtig den breitrandigen Strohhut auf, den er vorher in der Hand gehalten.
Marga hatte die Farbe gewechselt. Ihre Augen hatten sich auf den Boden geheftet. Sie fühlte auf sich den herausfordernden Blick dieser Frau, die sie nicht kannte und die ihr das Glück ihres Lebens zerstört hatte. Alte Gefühle des Schmerzes und der Bitterkeit drangen in einer heißen Welle zu ihrem Herzen und zerkrampften es, als wollten sie ihren Mut, ihre Haltung vernichten. Aber die Welle brach sich an ihrem Willen.
Einige Sekunden hatte das unbehagliche Schweigen gedauert.
„Ich glaube, wir könnten den kleinen Mann doch noch aufnehmen, Elli,” sagte Marga dann gelassen und fest. Nur ihr bewegterer Atem ließ eine vorausgegangene Erschütterung erraten. „Meine Schwester hat wohl vergessen, daß heute morgen ein Mädchen abgemeldet wurde. Es wird gehen, nicht wahr, Elli? Wenn Sie uns den Jungen anvertrauen wollen, bitte ich darum, gnädige Frau!” Sie sprach jetzt so klar und korrekt, als gelte es eine abgemachte, rein geschäftliche Sache höflich zu beendigen.
Alice war nicht leicht zu verblüffen. Aber diese Ruhe und sanfte Bestimmtheit, wo sie eine pikante, demütigende Verwirrung erwartet hatte, war so sehr der Gegensatz ihres eigenen zerfahrenen Wesens, daß sie eine gewisse Verlegenheit nicht unterdrücken konnte.
Mit einem höflichen „Ich danke Ihnen, ich werde meinen Jungen morgen schicken,” verbeugte sie sich und nahm den Kleinen bei der Hand.
Vor der Tür drehte sie sich noch einmal um.
„Um wieviel Uhr doch gleich?” fragte sie mit einer halben Wendung des Gesichts, mit dem wiedergewonnenen Ausdruck ihrer unzerstörbaren Nonchalance, der zeigte, daß ihre Gedanken über dies Intermezzo schon hinwegeilten.
„Im Sommer um neun Uhr,” gab Marga zurück.
Als sich die Tür hinter Alice Perthes geschlossen, stürzte Elli außer sich an Margas Hals.
„Aber Margakind! Was hast du da gemacht?! Wie konntest du diese abscheuliche Person, die ich glücklich abgewimmelt hatte, diesen verzogenen, ungebärdigen Bengel von einem Jungen -- ich versteh' dich nicht! Ich mache nicht mit! Ich will nicht! Wie konntest du nur?” Sie zitterte vor Aufregung und Empörung.
Marga zog sie mit einem verlorenen Lächeln noch enger an sich.
„Verstehst du das wirklich nicht, Kleinchen?” fragte sie leis.
Und Elli sah zu ihr auf, in ihre Augen, die mit der Sicherheit eines Sehenden eine weite unendliche Ferne faßten, mit der ihre Stille eins war.
Und sie verstand Marga ...
Am anderen Morgen kam der kleine Perthes mit seinem Kinderfräulein.
Er war wild, jähzornig, eigenwillig. Aber er war nicht der erste seiner Art und nicht der letzte. Zwei, drei Wochen konnte das vielleicht dauern. Dann saß er da und lauschte, sprang und sang, jubelte und spielte, ein harmloses Kind wie die anderen. Was bedeutete da noch sein Name?
19
Der Geheime Rat hatte seinen Schwiegersohn im Automobil an die Bahn gebracht.
Perthes war zu einer Konsultation nach Konstanz berufen worden. Da Hupfeld in diesen Tagen seinen Sommerurlaub antreten und zunächst auf Nieburg, späterhin irgendwo in der Schweiz oder Tirol möglichst ungeschoren sein wollte, gab es zwischen beiden noch allerhand zu besprechen.
Seite an Seite schritten sie auf dem Bahndamm auf und ab, ganz in ein berufliches Gespräch vertieft.