Die große Stille: Roman

Part 25

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Sie wollte aber nicht nur feiern und sich pflegen. Unter den Cousinen Nummer sechs bis acht waren zwei gerade im rechten Alter, daß Margas Kinderfreude an ihnen sich üben und ausbilden konnte. Aus sich heraus schuf sie sich eine praktische Methode und praktische Kenntnisse, die berufsmäßig zu lernen ihr versagt war. Die Bilder, die ihr inneres Schauen mit seltenem Reichtum und frischer Anschaulichkeit ihr gab, hatte sie früher ängstlich fast nur sich vorbehalten. Jetzt im Umgang mit Stöffy und Illi Thiele überwand sie alle Scheu. Die Kinder gaben ihr wie von selbst die Fähigkeit, sich mitzuteilen, das Geschaute in eine faßliche Form hinüberzuleiten, zu erzählen und zu fabulieren. Sie mußte ein Stück ihrer inneren Schwere opfern. Aber sie empfing dafür nicht nur eine größere Beweglichkeit des Gemüts, sondern ein echtes und gerechtes Gegengeschenk. Langsam und unmerklich fast. Der Humor, der sich früher, trotz Ellis Beispiel und trotz Vater Richthoffs grimmkräftigen Anlagen dazu, bei ihr nur spärlich hatte sein Recht verschaffen können -- jetzt entwickelte er sich und streifte ab, was die früheren Mädchenjahre unter der Wirkung ihres Leidens an Überernst und zu tiefer Empfindsamkeit angesetzt hatten. Das war die Überraschung, die die neue Seele in sich trug. Und nicht nur ein Nebenbei, eine zufällige Mitgabe war das: es wurde, wenn sie es recht verstand, die beste Bedingung für ihr neues Leben. Waffe, Würze und Kraft, nicht nur wieder zu werden, was sie gewesen, sondern mehr. Marga verstand es recht. Sie ließ das Lachen aus Kindermund, bald das lautschallende, bald das leis verträumte, hinüberklingen in sich. Es war wieder die große Stille, die in ihr anhub, ihr Wesen durchdrang und durchleuchtete. Aber um einen Grundton reicher, reifer, lebenstüchtiger -- um einen hellen, leichten, lachenden Ton.

Erst um Weihnachten, später als beide gedacht, sahen sich Marga und Elli in Käthes jungem Heim wieder.

Voll weher Erinnerungen, aber auch voll froher Zuversicht ging's ins neue Jahr hinüber.

Als die beiden in ihre Universitätsstadt zurückkehrten und bei Cousine Grasvogel Gastfreundschaft annehmen mußten, fanden sie zu ihrer Freude, daß Frau Geheimrat Achenbach nicht müßig gewesen war. Sie hatte in einer Gartenstraße -- dort, wo die Altstadt in der Ebene verlief, nicht zu fern vom Mittelpunkt, aber in freier, gesunder Lage, ein nicht mehr neues, aber sauberes Häuschen ermittelt, das zur Miete ausgeschrieben war. Ein Vorgarten mit Rosensträuchern davor, ein Grasgarten mit ein paar Obstbäumen dahinter, im Erdgeschoß drei große Zimmer und die Küche, oben unterm Giebel ein luftiger Schlafraum -- alles nicht großartig, aber zweckentsprechend und freundlich. Besonders wenn erst das Frühjahr Blätter und Blüten darumrankte.

Mit dankbarer Geschwindigkeit griffen Marga und Elli zu. Der Rest ihres Kapitals sicherte ihnen für die nächsten zwei Jahre die Miete; er ermöglichte auch die nötigen Anschaffungen für die „Schulstube”, die Frau Achenbach schon ins Auge gefaßt hatte. Die Wohnräume, das Empfangs- und Wohnzimmer neben der „Klasse” und das Schlafzimmer ließen sich mit den Möbeln, die sie aus der Einrichtung des väterlichen Hauses zurückbehalten, so vollstopfen, „daß sie vor Gemütlichkeit platzten”, wie Elli sich ausdrückte.

Dann kam der erste selige Tag hinter den eigenen Scheiben. In den Zimmern, im Vorgarten, im Grasgarten mußte man zwei dutzendmal aus- und einlaufen, bis man vor Müdigkeit fast umfiel. Hinterdrein ging das Annoncieren los und das Besuchemachen. Es gab Enttäuschungen. Und gab eine närrische Freude, als -- auf einen Tag, wie es das Glück immer macht -- drei kleine Leute auf einmal angemeldet wurden. Mit den von Frau Achenbach schon Angeworbenen halte man jetzt acht, drei Jungens, fünf Mädels, und konnte anfangen.

Das war ein Montag, als das Häuflein Grundstock angezettelt kam.

Erst ein strammer Bengel von fünf Jahren. Allein, mit einem roten Russenkittel, blauen Hosen, einer Botanisiertrommel und dem Finger in der Nase. Zwei flachsblonde Prinzeßchen, Hand in Hand, die mit ihrer Mama furchtbar tapfer die Straße daherzogen und, als besagte Mama sie in der Schulstube zurückließ, plötzlich mörderisch zu brüllen anfingen. Weiter ein winziger, fast zu junger Mann von vier Jahren, der sehr artig mit der Schwester ankam, aber nur blieb, wenn er bis auf weiteres sein Steckenpferd bei sich behalten konnte.

Marga und Elli wollte es angst und bange werden vor all den großen, fragenden Augen und den offenen Mäulchen, die bereit waren, zu lachen und zu weinen -- in ein und demselben Atemzug.

Aber es ging viel besser, als es zuerst aussah.

„Tante” Elli wußte mit ihren strahlenden Augen Spiele und Späße, daß der Mann mit dem Gäulchen sein Steckenroß vertrauensvoll beiseite legte und sich vor Vergnügen schüttelte. Sie lehrte die kleinen Mädchen Papier flechten, ganz allmählich, beinahe heimtückisch, so daß sie an kein Fortgehen mehr dachten, und die Jungens, die älter waren als der Steckenpferdmann, die Sache auch probieren wollten, selbst wenn man dabei auf der Bank sitzen bleiben mußte. Und „Tante” Marga, die so merkwürdige Augen hatte, daß es einem erst ein bißchen unheimlich wurde und man nachher sie gerade deshalb streicheln mußte -- die erzählte Geschichten mit ihrer warmen Stimme: die Augen mußte man aufreißen, als gelte es geradewegs in den Himmel zu schauen, und den Mund konnte man nicht mehr zusammenbringen, ehe sie zu Ende war. Man sang und sprang, man purzelte und tanzte Ringelreihen im Grasgarten, daß nach sechs Wochen ein junger Herr erklärte, es sei einfach verrückt, daß man nicht immer da sei, und zwei junge Damen, die erst nicht hatten bleiben wollen, in Tränen schwammen, weil sie zum Mittag fortgeholt wurden.

Der Reigen wurde größer. Die Freunde, auch außer Frau Achenbach, machten mächtige Propaganda. Professor Wilmanns war untröstlich, daß er sein Enkelbübchen -- den Jungen Heddis, die vor einem Jahr geheiratet hatte -- nicht schlankweg aus der Wochenstube zu den Richthoffs bringen konnte. Dafür bearbeitete er seine jüngeren Kollegen mit einer fanatischen Beharrlichkeit, bis sie nachgaben und ihren Nachwuchs schickten, oder, weil sie es mit der Furcht bekamen, in einem stattlichen Bogen um ihn herumgingen. Borngräber verbreitete an einem Kegelabend die verleumderische Nachricht, Papa Wilmanns hätte in einer Vorlesung über Homer, an Hektors Kinder anknüpfend, von dem Segen gesprochen, den eine Kleinkinderschule in Troja hätte stiften können. Der erboste Wilmanns rächte sich. Er brandmarkte seinen lügnerischen Kollegen, indem er ihm späte Heiratsabsichten andichtete, die auch keinen anderen Beweggrund hätten, als eine Frau unglücklich zu machen, und ihm, Wilmanns, bei seinen Schutzbefohlenen in der Bergfelderstraße mit Zwillingen den Rang streitig zu machen. Das war nun auch nicht wahr. Die Wahrheit war nur, daß der Indologe Jakobus Borngräber sich schämte, für die Mädels des guten Richthoff immer nur seinen guten Willen zu haben. Der Weg von seiner ostöstlichen Wissenschaft zu einem modernen Kindergarten war gar zu weit, und so ging er wenigstens mitunter den näheren von seinem verwunschenen Haus in der Uferstraße nach der Bergfelderstraße und schaute um eine Ecke in den Grasgarten. Wenn er nicht gerade das gesuchte Haus verwechselte, sondern sich zurechtfand, rollte er die verwunderten Augen, heuchelte, stehenbleibend, ehrliche Kinderliebe und schwenkte, wenn Elli ihn zufällig entdeckte und ihm zunickte, verlegen den Hut.

Natürlich blieben für Marga und Elli auch jetzt die Sorgen und Enttäuschungen nicht aus. Sie mußten es sich oft rechtschaffen sauer werden lassen, und der alte Herr hatte sich wohl auch für die Zukunft seiner „Bande”, sofern er sie je genau erwogen, etwas Besseres gewünscht. Und doch: sie selbst fühlten sich zufrieden bei ihrem Beruf. Wenn sie am Abend im Wohnzimmer, das tatsächlich „vor Gemütlichkeit platzte”, ihren Tee brauten, konnte man Marga singen und Elli lachen hören. Es kam vor, daß nicht nur Elli Marga, sondern Marga Elli einen Bären aufband. Sie entwickelte aus ihrer Erinnerung an Güstow in Pommern unheimliche Geschichten von halsbrecherischen Segelfahrten, schönen polnischen Schnittern und Schnitterinnen, Jagdabenteuern, die Onkel Thiele bestanden -- ganze Romane, die Elli mit gläubiger Neugier aufnahm, bis sie mit Entrüstung hinter den Trug kam. Sie blieb bei nächster Gelegenheit mit rächendem Schabernack nicht dahinten. Der Strom von Jugend und Fröhlichkeit, der zwischen ihren Herzen und denen der Kinder kreiste, nahm immer wieder auch das Harte und Schwere mit sich oder löste es zur Harmonie. Elli schwor, wenn sie auf Wilkens warten müßte, bis sie alt und grau würde, wollte sie nicht verlernen, Feuerräder durch die Luft surren und leuchten zu lassen. Und Marga, die schwere Marga, lachte dazu und breitete am Feierabend die Arme aus, der Sonne zu, als wollte sie den Tag an sich raffen, das Licht aus der Ferne und Nähe, von oben und unten. Sie schlang die Hände beglückt über ihrem Kopf ineinander, so frei fühlte sie sich, so still, so in sich selber und im Licht geborgen.

17

Der erste „verheiratete Sommer” hatte sich für Max Perthes ziemlich einsam angelassen. Seine Schwiegereltern waren seit dem Mai fast ununterbrochen wieder auf Stift Nieburg. Auch Alice brachte dort viele Tage zu. Er selber kam nur bisweilen an einem Sonntag für ein paar Stunden hinaus.

Die Einsamkeit bekam seinen wissenschaftlichen Arbeiten sehr gut. Er fand eine eigentümliche neue Befriedigung in einer Tätigkeit, die seine praktische in der Klinik nach der geistigen Seite ergänzte. Die Sehnsucht nach Stille, die er so ganz verbannt und überwunden zu haben glaubte, suchte, ohne daß er es zugestanden hätte, einen schüchternen Ausweg und entdeckte ihn in dieser gelehrten Neigung, die er sich früher nicht zugetraut hatte. Für seine Person verzichtete er nach der Reise im Januar nicht ungern auf den Sommerurlaub. Er verständigte sich mit seinen Schwiegereltern dahin, daß Alice die Hochsommerwochen unter ihrer Obhut in St. Blasien verbringen sollte. Sie selber murrte anfangs über den notwendigen Verzicht auf die ihr so teure Bergfexerei. Zum Glück fand Perthes diesmal bei Exzellenz Hupfeld eine nachhaltige Unterstützung im Kampf gegen jede Unbesonnenheit. Exzellenz träumte von goetheschen Enkelfreuden und wollte seine „wilde Hummel” schon im Zaum halten.

So blieb Perthes allein und verteilte sein gleichförmiges Leben zwischen der Klinik und dem behaglichen Herrenzimmer seines Landhauses, wo er oft bis Mitternacht und länger bei der Schreibtischlampe saß. Nur selten ging er spazieren. Gegen das Flußtal aufwärts von Nieburg hatte er seit dem Sommer des vergangenen Jahres eine scheue Abneigung. Weiter hinein in die Berge oder hinaus in die Ebene reichte die Zeit nicht. In die Stadt kam er, außer auf dem Weg zur Klinik, so gut wie nie; und diesen einzigen Stadtweg legte er meist in der Straßenbahn zurück.

Wie ein Fremdling kam er sich schon vor, als er eines Abends gelegentlich einen Gang durch die Hauptstraße machte. Der Postbote hatte ihm am Morgen das Honorar für einen nebenbei geschriebenen Aufsatz in der „Medizinischen Wochenschrift” gebracht. Er wollte es dazu verwenden, um in aller Stille eine der großen Rechnungen des letzten Vierteljahrs zu begleichen.

In dem Modeladen, dem sein Gang galt -- es war das erste Sport- und Toilettengeschäft der Stadt -- erfuhr er mit Befremden, daß der Betrag schon beglichen sei. Er wollte es nicht glauben und forschte weiter. Der Besitzer, ein sehr höflicher, geschniegelter Herr, ließ ihn das Kontobuch einsehen. Es stellte sich heraus, daß die Rechnung für Exzellenz überschrieben und vor ein paar Wochen bezahlt war. Perthes zuckte die Achseln und murmelte etwas von einem unverständlichen Irrtum. Kaum konnte er vor dem Inhaber, der ihn dienstfertig bis an die Tür begleitete, Beschämung und Zorn verbergen.

Der Gedanke, daß ihm Alice hinterrücks diese Demütigung zugefügt, schien ihm unfaßbar. Sein Stolz, den er einst gezwungen, sich der bewußten Streberei zu unterwerfen, hatte sich in die letzte Festung einer peinlichen pekuniären Empfindlichkeit geworfen und machte einen entrüsteten Ausfall. Er war drauf und dran, an Hupfeld einen erbitterten Brief zu schreiben, um solche Liebenswürdigkeiten ein für allemal abzulehnen, und die Summe mitzuschicken. Nur die Rücksicht auf den Zustand seiner Frau ließ ihn dann doch davon absehen. Soviel stand ihm indessen fest: es mußte hier eine reinliche, prinzipielle Klärung erfolgen. Aber er wollte warten, bis er keine Gefahr mehr lief, ihr zu schaden. In seinem ganzen Leben hatte er nicht so viel Selbstüberwindung lernen und üben müssen, als es ihn kostete, seine Entdeckung in sich hineinzuwürgen. Die Arbeit wurde ihm für mehrere Tage verdorben, und es blieb auch nachher ein Stachel zurück, der immer wieder in ihm bohrte. Er sah Alice vor sich mit ihren irrlichthaften Augen, der ewig herausfordernden Miene eines Gassenjungen, den tollen Sprüngen des tollen Mädels von einst. Hatte sie denn gar keinen Sinn für den Stolz des Mannes, der sich in ihm auflehnte gegen eine unwürdige und maßlose Abhängigkeit? Verstand sie nichts von der Erniedrigung, der sie ihn vor ihren Eltern aussetzte? Die Frage tauchte wieder auf, die er seit dem Frühjahr, seit jener Todesnachricht von Richthoff und seiner freiwillig-unfreiwilligen Beichte über Marga, mehr als einmal hatte in sich zurückdrängen müssen: was wohnte hinter den grünschimmernden, flackernden Augen, hinter diesem alles zerspottenden Mund, hinter der kühlen Stirn unter den rötlich-krausen Haarwolken? Doch das war ja Unsinn! Was suchte er denn? Das Rätsel war ja eben der Reiz des Rätsels. Die Verliebtheit, noch immer mächtig über ihn, lehnte sich auf und stritt gegen das sinnlose Fragen. Gewaltsam wie früher meinte er über seine Skrupel Herr werden zu sollen. Er vergönnte sich einen dummen Streich: über den nächsten Sonntag fuhr er nach St. Blasien.

Es gab eine lustige Überraschung, als er bei Hupfelds im Kurhotel einbrach. Zwei Tage glücklicher Trunkenheit folgten: er war Alices alter Räuberhauptmann und sie sein entzückender Irrwisch.

Nachher, zu Hause, fand er, daß er trotzdem mit dem Streit in sich so fertig nicht war, wie er gehofft. Die Erinnerung an die zwei Taumeltage schwand. Die Erinnerung an seine Demütigung blieb. Er mußte ein Kompromiß schließen, um den Streit loszuwerden. Das Kind war es fortan -- aber natürlich war es so -- nur das Kind, das Alice ganz zu dem machen sollte und mußte, was sie noch nicht war. Er verlangte ja gar nicht viel. Nur ein Gran Verständigkeit, ein halbes Lot Ernst. Der mußte kommen! Die Mutter mußte in ihr erwachen und sie auf die natürlichste Weise dazu führen, seinen Stolz zu verstehen, mit ihm über diese wirtschaftlichen Dinge einer Meinung und damit häuslicher zu werden!

Perthes baute eine völlig wolkenlose Zukunft auf das Kind ihrer Liebe ...

Der Herbst war da. Alice flog ihm wieder in die Arme. So frisch und ungebärdig und fast so schlank wie immer. Perthes selbst war mit seinem Schwager, Leutnant Moritz, doch noch acht Tage in den Vogesen gewandert. Auch er fühlte sich gestärkt und von Grillen befreit, voll Zuversicht und Arbeitslust.

Mit Semesteranfang begann das alte gesellschaftliche Treiben.

Die Gräfin Hüningen hatte aus Berlin, wo sie auf der Hin- und Rückfahrt nach Borkum einen Monat haltgemacht, neue Pläne, neue Kaprizen mitgebracht. Aber wie Perthes vorausgesehen, mußte Alice sich einige Zurückhaltung auferlegen. Ihre Beweglichkeit wurde eingeschränkt, ob sie wollte oder nicht. Bei sich triumphierte er, es würde alles so werden, wie er voraussah. Wenn sie bisweilen über die Stränge schlug, wenn sie aufbrauste, weil er sie im Zügel hielt, und ihn offen einen „ekligen, ollen Philister” schalt und die dumme Plackerei ihres Zustandes verwünschte, so war er von einer unerschütterlichen Geduld und Rücksichtnahme. Er sagte sich, daß das ganz in der Ordnung war. Bei ihr wie bei allen Frauen; nur eben ihrer Eigenart entsprechend. Und er übte sich in einer Zartheit, einer Beherrschung seines Temperaments, die ihm niemand, am wenigsten er selbst sich zugetraut hätte.

Gleich nach Mitte Oktober kam der große Tag.

Exzellenz Hupfelds Automobil hielt fast vom Morgen bis zum Abend vor der Villa. Perthes hatte sich frei gemacht. Der Ordinarius für Gynäkologie, ein Freund des Geheimen Rats, war zugegen. Mama Hupfeld erhielt durch ihren Diener halbstündigen Wetterbericht, denn ihre furchtsame Erregbarkeit war für Wochenstuben nicht gemacht.

Um sechs Uhr abends erblickte ein schreihälsiger junger Perthes das Licht der Welt.

Hupfeld, der Großvater, und Perthes, der Vater, schüttelten sich mit gerührter Freude die Hände. Alice war schwach, aber außer jeder Gefahr. Als Perthes bei ihr eintrat, mit Blumen und lachend besorgter Miene, betrachtete sie eben verwundert das kleine Menschenbündel, das ihr die Wärterin hinhielt. Sie lächelte bei seinem Kommen.

Er setzte sich neben sie und ergriff ihre rechte Hand, um sie zu küssen.

Nach einer Weile murmelte sie ein paar Worte.

„Wie meinst du, Liebling?” Er beugte sich vor, denn er hatte nicht verstanden. „Hast du einen Wunsch?”

Sie wiederholte ihre Worte. Er meinte sich zu verhören, und ließ sie sich zum drittenmal, noch näher ihrem Mund, wiederholen.

„Nu hab' ich mir aber meinen Basar verdient! Ehrlich!” kam es klar und überzeugt hervor.

Perthes gab keine Antwort. Er legte ihre Hand zurück auf die Decke. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Er hatte mit ihr ein dankbares Wort über den tüchtigen Burschen reden wollen, den sie ihm geschenkt. Es blieb ihm in der Kehle stecken. Er lächelte ihr noch einmal zu und ging auf den Fußspitzen aus der Stube.

Während Exzellenz nach ihr sah, stand er lange im Speisezimmer am Fenster, ohne hinauszusehen in das Herbstdunkel mit den trägen Bergmassen, dem düsteren Fluß, dem gestirnten Himmel.

Das war also alles, was Alice empfand!

Sie hatte ihre Arbeit geleistet und erwartete ihre Belohnung. Kein Wort für das Kind, kein Wort für ihn.

Eine grausame Erbitterung stieg in ihm auf. Sie wurde von einer Traurigkeit abgelöst, wie er sie lange nicht gefühlt. Wie aus dem Nichts, ungerufen, aber voll und deutlich tauchte Marga vor ihm empor. Marga als Mutter -- eine Welt von Innerlichkeit, von Gemüt, von Schönheit und Liebe. Er preßte die Fäuste gegen die Schläfen; seine ganze Energie spannte er an, um diese tödliche Vision abzuhalten, fortzudrängen, zu vernichten. Es gelang ihm. Aber eine unerklärliche, zornige Angst und Beklemmung blieb in ihm zurück. Es waren wieder Alices Schalksaugen vor ihm, hinter die er zu dringen suchte. Und er bebte vor dem, was er zu ergründen meinte. Er wies die Ahnung zurück. Mit dem Rest seines dämonischen Nichtwollens warf er seine erwachende Seele nieder ...

Alice genas schnell und normal. Auch der Junge machte die besten Fortschritte. Sie behandelte ihn sehr unterschiedlich: bisweilen überhäufte sie ihn mit Zärtlichkeiten; ein andermal vergaß sie ihn völlig. Beharrlich war sie dagegen in dem Wunsch, keinesfalls dem Basar fernbleiben zu müssen. Die „Handarbeitsbude” hatte sie wieder aufgegeben, die Musterauswahl zurückgeschickt, bald nach jener Aussprache mit ihrem Mann: nicht etwa, weil er sie überzeugt hatte, sondern weil sich ihr die Sache als zu mühselig erwies und nicht den rechten Spaß machte. Ihre neuen Pläne hielt sie geheim: sie hatte nur, schon während ihres Wochenbettes, regelmäßige Konferenzen mit Edith Hammann. Gesundheitlich war gegen ihre Teilnahme kaum etwas einzuwenden. Sie gedieh vorzüglich in ihrer koketten Krankenstube. Die Taufe wurde für Anfang Januar festgesetzt. Der Junge sollte nach seinem berühmten Großvater den Vornamen Benno erhalten.

Seltsamerweise waren auch Perthes' Gedanken mehr bei dem unnützen Basar als bei seinem Kind. Sie kristallisierten sich auf diesen Punkt mit der Hartnäckigkeit einer fixen Idee. Mit dem verzweifelten Eigensinn eines Mannes, der in seinem Glauben erschüttert ist, aber sich nichts davon eingestehen möchte, beschloß er, Alices Liebe eine Kraftprobe aufzuerlegen. Das Wohltätigkeitsfest war, unvorhergesehener Schwierigkeiten halber, auf die zweite Hälfte des Januar verschoben worden. Unter dem Weihnachtsbaum -- er hatte Alice überreich und zartsinnig beschenkt -- erbat sich Perthes ihren Verzicht auf diese kostspielige Veranstaltung, geradezu als Beweis der Liebe. Sie wollte nichts davon hören, aber allmählich trug seine Beredsamkeit, die so feurig sein konnte, den Sieg davon. In einem Wirbel von Liebkosungen erstickte ihr Widerstand. Sie versprach, den Basar aufzugeben.

Perthes war selig. Sein Glück schien ihm noch einmal bis in die Wolken zu reichen ...

Bennos Taufe wurde von den Schwiegereltern zu einem prunkenden Familienfest ausgestaltet, das die niedliche Villa Perthes von oben bis unten mit Gästen füllte. Außer den Eltern Hupfeld waren Leutnant Moritz und Cousine Hilla da, Graf und Gräfin Hüningen, Professor Hammann und Frau und viele andere. --

Perthes' Habilitationsschrift war vor Weihnachten fertig geworden und eingereicht. Er arbeitete jetzt an seiner Antrittsvorlesung, die wohl Anfang Februar folgen konnte. Er mußte sich tüchtig dranhalten, um fertig zu werden. Alice, die die „schreckliche Paukerei” sehr abgeschmackt fand, war wohlauf und verbrachte wieder, wie zuvor, die meisten Stunden des Tages außer dem Hause. Perthes war seit ihrem Weihnachtsversprechen völlig beruhigt und nachsichtiger denn je. Sie waren beide zärtlich und einträchtig miteinander, so oft eine halbe Stunde sie zusammenführte. Fragte er zufällig einmal, was sie triebe, so lautete die regelmäßige Auskunft, daß sie mit Bubi bei den Großeltern gewesen sei. Er fand das riesig nett für sie und die alten Herrschaften und bedauerte nur, daß er selber seinen Jungen höchstens einmal zwischen Tag und Dunkel in den Armen halten konnte.

An einem der letzten Januarabende, als er mit einer Zigarre von der Klinik die Allee am Fluß entlangschritt -- gemütlicher als sonst, denn die Ausarbeitung seiner Antrittsvorlesung war in diesen Tagen fertig geworden --, begegnete ihm Doktor Markwaldt. Er hatte den ehemaligen Arbeitsgenossen vom Bakteriologischen Institut seit langem nicht gesehen, denn in der klinischen Gesellschaft zeigte er sich, seit er verheiratet war und an seinen wissenschaftlichen Nebenarbeiten übergenug zu tun hatte, so gut wie gar nicht mehr. Die Begrüßung war von Perthes' Seite sehr freundlich, von seiten Markwaldts noch überdies sehr respektvoll, mit einer kleinen Dosis nicht schlecht gemeinten, sondern eher bewundernden Spottes für den famosen Streber, der seine klatschbeflissene Nußknackerei so lange zum Narren gehalten hatte. Sie unterhielten sich eine Strecke Wegs. Vor der neuen Brücke, wo sie sich, wie in alten Tagen, trennten, fühlte sich Markwaldt noch zu einem Kompliment gedrungen.

„Im übrigen, Herr Kollege, der indische Verkaufsstand Ihrer Frau Gemahlin auf dem Basar -- einfach tadellos!” Er schnalzte voll Anerkennung mit der Zunge.

Perthes, der schon Markwaldts gepolsterte kleine Hand losgelassen, blieb erstaunt stehen.

„Sie wollen mir wohl zum Abschied eine Ihrer berüchtigten Neuigkeiten aufschwatzen?” erklärte er ruhig und lachend. „Meine Frau ist ja gar nicht dort.”

„Na, da hört sich aber die totale Weltgeschichte auf! Wenn jemand flunkert, sind -- verzeihen Sie mir -- Sie das! Vor noch nicht zwei Stunden war ich in der Festhalle, um mir den Klimbim mal anzusehen und habe von Ihrer Frau Gemahlin einen mächtigen indischen Topfscherben -- vermutlich aus Berlin ~SO~ -- für unglaubliches Geld erstanden. Von der Gräfin Hüningen --”

Perthes war erdfahl geworden.

Markwaldt, nichts ahnend, hielt inne und sah ihn dumm-verdutzt an.

Doch schon im nächsten Moment hatte Perthes eine vorbeifahrende Droschke angerufen. Mit einem hastigen „Entschuldigen Sie!” verabschiedete er sich von dem fassungslosen Bakteriologen und saß im Wagen.

„Nach der Festhalle!” befahl er dem Kutscher.