Part 24
Alice fand es riesig nett, sich auf eigene Faust zu amüsieren. Sie dachte nie daran, von ihren Passionen und Unterhaltungen, von all den Ansprüchen ihres verwöhnten Mädchenlebens in der Ehe auch nur das Geringste entbehren zu sollen. Im Gegenteil. Jetzt, wo sie nach der Verheiratung ihr eigener Herr war, wollte sie ihre Ungebundenheit erst recht genießen. In ihrem Elternhaus hatte es kaum einen Wunsch gegeben, den sie sich zu versagen brauchte. Davon konnte auch jetzt keine Rede sein. Was aber den Reiz gegen früher erhöhte, war, daß jetzt neue Bedürfnisse ihrem Belieben unterstellt waren. Eine Hausfrau im gewöhnlichen Sinn zu sein, dazu fehlte ihr Lust und Talent. Aber Aufträge zu geben, ins Blaue hinein zu verfügen und zu befehlen, besonders aber zu kaufen, machte ihr einen Hauptspaß. Ihre Ausstattung an Gegenständen der Einrichtung, der Wirtschaft, an Toiletten und Kleidungsstücken jeder Art war mehr als reichlich. Und doch nicht reichlich genug, um vor den unerschöpflichen Einfällen ihrer Laune zu bestehen.
Unter dem Patronat der Gräfin Hüningen vollzog sich im Kreis der modernen akademischen Gesellschaft jener stoßweise Wandel von Liebhabereien und Modetorheiten, der jedem Monat seinen neuen Heiligen gab. Mitunter handelte es sich um harmlose Dinge: man bekam für einige Wochen den musikalischen Koller, der kein Konzert vorüberließ, die Tees, die Soireen, die ganze Unterhaltung musikalisch verseuchte. Dann mußte man plötzlich Vorlesungen besuchen: es war einfach Anstandssache, Kunstgeschichte, diese Erbdomäne aller Dilettanten, zu treiben oder Literatur bei einem plötzlich zum Stern erster Ordnung erklärten jungen Professor zu hören.
Doch bei solchen geistigen Anfällen, die Alice nur aus Mode und nicht aus irgendwelchem Interesse mitmachte, blieb es nicht. Man schwärmte serienweise für bestimmte kostspielige Stoffe, für echte Spitzen, für Kopenhagener Porzellan, für eigenartige Intarsien, für Seltenheiten und Reformen jeder Art in Toilette und Haus, die die Kauflust wie ein Fieber erregten.
Perthes, den eine gute Weile seine Verliebtheit blind machte, drückte auch späterhin, solang' es irgend ging, seine Augen standhaft zu. Da Alice mit ihrer Rente den Haushalt zu einem guten Teil mitbestritt, war seine Situation heikel. Wenigstens empfand er sie so, mit der Zartheit eines vornehm denkenden Menschen. Er redete sich auch ein oder glaubte wirklich, diese Kaufwut werde sich abschwächen und von selber eindämmen. Aber als die Rechnungen sich mehrten und es sich nicht mehr um Summen handelte, die sich nebenbei begleichen ließen, ohne daß man die Posten besah, aus denen sie sich zusammensetzten, wurde er aufmerksamer und kritischer. Mit dem Schrecken des Mannes, der sich nie viel um Geld gekümmert, aber durch seine Herkunft und Erziehung, ohne sich dessen genau bewußt zu sein, gewisse solide Maßstäbe ererbt hat, gewahrte er Zahlen, die sein Verständnis überstiegen. Es war ihm unverständlich, wie ein paar Schuhe vierzig Mark, ein Hut neunzig Mark, ein spitzenbesetztes Hemd sechzig Mark sollte kosten müssen und können. Naiv, wie seine Erfahrung war, meinte er, es müßten da Mißverständnisse, Irrtümer, Beutelschneidereien mitunterlaufen, denen seine kleine Frau unschuldig zum Opfer fiel.
Er wagte bei der nächsten Gelegenheit -- es handelte sich um einen für seine Begriffe unerhört teuren Abendmantel --, Alice zu befragen.
„Aber Männi -- davon verstehst du nichts! Ich finde den Mantel billig!” erklärte sie achselzuckend. Sie hatte, wie sie erzählte, sich sogar einen besseren „verkniffen” und war ordentlich stolz auf diese Einschränkung.
Perthes verstummte. Er war verblüfft. Hartnäckig bewahrte er noch einige Monate den guten Glauben, daß da etwas nicht mit rechten Dingen zugehe. Er hätte sich gern bei irgendeiner Dame Aufklärung geholt, ob das so sein müsse, aber er fürchtete, sich lächerlich zu machen. Schließlich war er gezwungen, sich über die Folgen, die eine solche Lebenshaltung haben mußte, doch ernstlich zu besinnen. Er rechnete die steigenden Ausgaben gegen die Einnahmen und kam zu einem vernichtenden Resultat.
Nun blieb nichts anderes übrig: er mußte mit seiner Frau sich aussprechen.
Die Sache wurde durch einen besonderen Umstand noch schwerer, als er sie schon an sich nahm. Alice sah für den Herbst einem frohen Ereignis entgegen. Als sie ihm ziemlich spät und ziemlich beiläufig davon Kenntnis gab, hatte ihn die Nachricht ergriffen. Sie selbst war so wenig feierlich gestimmt, steckte so in ihrem täglichen Trubel, daß sie für seine gefühlvolle Auffassung nicht Zeit hatte. Gleichwohl behandelte er sie von da an mit doppelter Rücksicht. Deshalb kam ihm diese Auseinandersetzung über Geldfragen so ungelegen wie möglich. Er nahm sich vor, sie aufs schonendste einzuleiten.
Noch im Lauf des Sommers, kurz vor den großen Ferien, kam ihm die Gelegenheit entgegen.
Von der Klinik zurückkehrend, betrat er ihr Zimmer, das neben dem Speisezimmer mit allem erdenklichen Geschmack und Komfort ein kleines, von Mama Hupfeld ausgestattetes Reich für sich bildete. Er wollte Alice begrüßen, die er dort vermutete. Unter der Portiere blieb er verdutzt stehen. Es war da in dem zierlichen Raum eine wahre Ausstellung eröffnet. Die verschiedensten Handarbeiten, als da waren Knüpfteppiche, Sofakissen, Tischläufer, Decken und Deckchen mit Mustern jeden Stils und auf Stoffen jeder Art, bedeckten den Diwan, die Stühle, den Tisch. Ein halboffener Riesenpacken mit verwandtem Inhalt lag auf dem Boden. Daneben saß Alice, mit dem Aufschnüren eines zweiten, kleineren Pakets beschäftigt. Das heißt, sie suchte die Schnur aufzureißen. Als das nicht ging, probierte sie es mit den Zähnen. Und in dem Moment, als Perthes sich bemerkbar machte, hatte sie eben wohl oder übel aufstehen wollen, um die Schere zu holen.
„Du denkst wohl, ich will hier einen Kramladen aufmachen?” lachte sie belustigt.
„Es sieht beinahe so aus,” erwiderte er mit einem verwunderten Blick auf dies Warenlager.
„Ach gib mir mal die Schere.” Sie deutete nach ihrem Schreibtisch. „Alles für den Bazar im November,” erklärte sie, während er ihr die Schere reichte.
„Für welchen Bazar?”
„Na -- ich erzählte dir doch schon immerzu davon. Wir machen ein Wohltätigkeitsfest. Ich glaube für Säuglinge oder Seemänner oder so was. Eine feudale Sache jedenfalls. Ich bin mit im Komitee. Die Gräfin ist Vorsitzende. Ich habe mich entschlossen, eine Handarbeitsbude zu übernehmen. Dafür kauf' ich eben ein!”
„Aber Kind, du willst doch die Arbeiten nicht alle kaufen, wie sie hier sind?”
„So ziemlich!”
„Und dann willst du sie selber --”
„Du -- das ist ja eben der Trick! -- Ich mache an jedem ein paar Stiche. Wenigstens an manchen. Das Übrige gebe ich fort. Nachher mach' ich aller Welt weiß, jedes Stück und jeder Stich sei von mir. Die Leute werden's nicht glauben, aber sie werden sich drum reißen! Ach -- und dann, du glaubst nicht, was wir für Überraschungen vorhaben. Das wird keine so abgeleierte, gewöhnliche Wohltätigkeitsschnurrerei! Werden uns hüten!” Und nun entwickelte sie, immer auf dem Boden sitzend, den Festplan in der skizzenhaften, schnoddrigen Form, in der sie stets ihre längeren Erklärungen abgab, überall dort, wo ihr nicht gleich das Wort einfiel, sich mit „so'n Dingsda!” behelfend. Perthes hätte ein Zeichendeuter sein müssen, wenn er diese Kette von „Dingsda” sich hätte auslegen können.
Doch darauf verzichtete er von vornherein. Er nahm seine Geduld zusammen und hörte scheinbar aufmerksam zu.
„Du vergißt, Alli”, begann er dann vorsichtig, „daß dein Zustand dir vielleicht, ja wahrscheinlich gar nicht erlaubt --”
„Na, höre! Ich werde doch nicht jetzt schon anfangen, mich zu kasteien.” warf sie dazwischen.
„Das will ich nicht sagen. Aber dem Umtrieb der Vorbereitungen wirst du nachher nicht gewachsen sein. Und überdies: wer weiß, ob du im November schon wieder dabei sein kannst?”
„Das fehlte gerade!” sie sah mißmutig zu ihm auf. „Weißt du, dann pfeif' ich aber auf das ganze Kindervergnügen, wenn --” Sie vollendete den Satz nicht. Perthes hatte unwillig die Stirn gerunzelt. „Das fehlte gerade!” setzte sie nochmals wegwerfend hinzu. Sie war außer sich bei dem Gedanken, durch diese dumme Störung könnte ihr Vergnügen beeinträchtigt werden.
Perthes kannte Alice zur Genüge, um ihre Gefühle an ihren Grimassen abzusehen. Ihre Frivolität verletzte ihn. Sie bestimmte ihn, den Augenblick nicht vorbeigehen zu lassen, ohne die immer wieder verschobene Aussprache herbeizuführen. Er machte sich einen Stuhl frei und zog ihn in ihre Nähe.
„Ich möchte gern mal ein ernstes Wort mit dir sprechen, Kind!”
„Noch ernster?” Es zuckte sehr wenig ernst um ihren Mund.
„So leid es mir tut -- sei mir nicht böse und mißversteh' mich nicht -- ich muß dir das aber sagen: du solltest deine Kauflust ein klein wenig einschränken!”
„Ich -- meine Kauflust? Und wieso?”
„Wir müssen mehr haushalten, Liebling. Ich habe gerechnet und --”
„Um Gottes willen tu nur das nicht! Rechnen!” stieß sie mit einem komischen, aber ganz ehrlichen Schaudern hervor.
„Ich verlange es ja nicht von dir,” meinte er mit gutmütigem Lächeln. „Aber ich muß das wohl. Schulden machen ist nicht mein Fall. Und so, wie der Hase jetzt läuft, kann er nicht weiter.” Er bemühte sich nun, ihr so ruhig und klar wie nur möglich, so schonend, als er nur konnte, einen Begriff von den Mißverhältnissen ihrer Einnahmen und Ausgaben zu geben. Ohne alle überflüssigen Einzelheiten. Sehr sachlich und überzeugend.
Anfangs hörte sie zu. Nachher nahm sie neue Muster aus den Paketen und ließ sie durch ihre Finger gleiten. Als er fertig war, sagte sie außerordentlich gelassen, ohne auch nur aufzusehen: „Männi -- weißt du -- eigentlich brauchtest du damit doch mich nicht behelligen!”
„Aber wen denn sonst?” gab er, sich beherrschend, zurück.
„Sprich doch einfach mit Papa. Der ist für so was da. Der soll seinen großen Beutel 'n bißchen weiter aufmachen. ~Voilà tout!~” Sie sagte das so kühl und sicher, als gäbe es keine selbstverständlichere Sache.
Perthes war von seinem Stuhl aufgesprungen. Er fühlte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg. Um ruhig zu bleiben, machte er ein paar Schritte. Beim Fenster drehte er sich um.
„Davon kann keine Rede sein. Eben das will ich um jeden Preis vermeiden. Nicht einen Pfennig weiter nehme ich von deinem Vater an!” Seine Worte lauteten sehr bestimmt. Es klang eine unbeabsichtigte Schärfe durch. Um sie gut zu machen, meinte er: „Das mußt du übrigens selbst einsehen!”
Alice schwieg eine Weile. Sie legte ihre Muster langsam beiseite. Dann schob sie ihre feinen, schmalen Hände im Schoß ineinander und blickte ihn von unten nach oben, mit dem malitiösen Blick ihrer Mädchentage an.
„Das versteh' ich nicht. Verzeih -- aber das wäre ja unglaublich philiströs gedacht!”
„Philiströs, beste Alli,” -- er reckte sich nervös -- „philiströs ist ein Wort, mit dem eine gewisse junge Dame etwas vorsichtiger sein sollte! Es ist sehr bequem, all das philiströs zu nennen, was einem nicht in den Kram paßt!”
„Oho, Männi!”
„Mein Standpunkt ist ehrenhaft, weiter nichts. Ich erwarte, daß du ihn würdigst. Und ich bitte dich --” er suchte von neuem seinen schroffen Ton, der sich ihm ungewollt gab, zu mildern und steckte die Hände, die zu lebhaften Bewegungen ausgeholt hatten, krampfhaft in die Taschen seines Jacketts. „Ich bitte dich, dich danach einzurichten. Ich verlange von dir nichts Außergewöhnliches. Nur ein bißchen Mäßigung und Beschränkung. Du wirst das mir zu lieb tun!”
Sie antwortete nichts. Sie legte den Kopf im Nacken zurück und tätschelte ihre krausen, rotblonden Haare. Dann verschlang sie die Hände hinter sich und dehnte sich. Sie unterdrückte ein Gähnen.
Perthes war empört über ihr Gebahren. Er fühlte, wie die Kraft, sich zu beherrschen, ihn verließ. Um nicht loszubrechen, ging er aus dem Zimmer.
Alice sah ihm verwundert nach. Sie pfiff leise vor sich hin, während sie in der Auswahl ihres Musterlagers fortfuhr. Die Geschichte an sich imponierte ihr gar nicht. Sie hatte sie auch schon wieder halb vergessen. Aber sie glaubte heute eine leidige Entdeckung erneuert zu haben: der Philister in ihm -- den sie als Mädchen schon gewittert, aber nun gebannt glaubte -- dieser Philister hatte hinter ihm hervorgelugt! Das war häßlich! Das degoutierte sie! Dafür würde sie sich bedanken!
Und ihre spitze, feine Zunge züngelte ganz zufällig zwischen den Lippen hervor und streckte sich einen Augenblick wegwerfend in einer nicht zu mißdeutenden Richtung ...
16
Die Katastrophe, die zweite, die innerhalb weniger Wochen das Haus am Wenzelsberg überfallen hatte, war so plötzlich hereingebrochen, so ohne alles Vorwissen und Vorbereitetsein, daß das Leid der Schwestern mit jedem Tag, da sie sich seiner Größe und seines Umfanges bewußter wurden, immer weiter zu wachsen schien. Wie ein Orkan war der Tod mit seinem Gefolge von Anstrengungen und Aufregungen über sie hingefahren und hatte sie betäubt; jetzt meinten sie, die Wucht der Erkenntnis müsse sie mit der doppelten Wucht des Schmerzes ganz zerbrechen.
Es verging keine Stunde, ohne daß der alte Herr, so gut in seinem Grimm, so männlich in seiner rauhen Selbstwehr eines feinempfindenden Herzens, so humorvoll in seiner gestrengen Paschawürde, für jeden und jedes fehlte. Wie hatte sich's unter der Hut seines geraden, freien Geistes so sicher gelebt! Wie hatte seine Bedeutung als hervorragender Gelehrter auch durch die kleinen Schrullen des Alltags unter scheinbaren Schwächen und Willkürlichkeiten durchgeschimmert. Seine Allgegenwart hatte das Haus erfüllt und gewärmt, auch wenn er abseits im zettelreichen, bücherverbauten Schreibtischwinkel saß und nur für seine römischen Kaiser zu sprechen war. Was hätte Elli darum gegeben, wenn er sie zur Antwort auf eine vorwitzige Frage, mit der sie bei ihm eindrang, aus seiner Stube hätte werfen können! Wie gern hätte Marga sich hart anfassen lassen, wenn er meinte, ihr Gemüt stählen zu müssen -- er, der der Gütigste und Besorgteste war, so oft das Leben sie hart anfaßte! Und Käthe, wie willkommen wäre es ihr gewesen, ein plötzliches „Blaustrumpf!” an den Kopf zu bekommen! All das -- und sein Schneckenmordgang im Weinberg, die Sprechstundenwacht auf der obersten Treppe, der gefährliche Kaffeeturnus am Nachmittag, all das und tausend anderes war vorbei. Vorbei mit jenem „nie wieder!” dahinter, das so grausam und unerbittlich nur der Tod sprechen kann.
Elli, die sonst so schnell ihre Tränen weglachen konnte, war die Verzweifeltste. Die Härte des Lebens war diesmal zu nah und unmittelbar an ihre frohe Kindlichkeit herangetreten. Auch Käthe, die besonnene Käthe, erholte sich nur mühsam. Marga und Bertelsdorf, die die Not zu einer seltsamen und nicht sehr innerlichen Trostgenossenschaft zusammenführte, mußten im Verein mit dem unermüdlichen Wilmanns alles aufbieten, um die beiden aufzurütteln und aufzurichten.
Die Wirklichkeit, wie sie nun einmal war, verlangte nur zu bald ein lebenstüchtiges Wollen und Entschließen.
Vater Richthoff war ein trefflicher Mensch und Forscher, aber kein großer Haushalter gewesen. Ein Vermögen hatte er nicht hinterlassen können. Das Haus war mit Hypotheken belastet. Eine kleine Lebensversicherung gab höchstens die Mittel für die nächste Zeit.
Schonend legte Wilmanns nach Ordnung des geschäftlichen Nachlasses den Geschwistern ihre Lage dar. Für Käthe war gesorgt. Bertelsdorf war wohlhabend. Obwohl er seine Verbindung mit Käthe nicht zuletzt auch nach akademischen Vorteilen berechnet hatte, war er doch zu anständig, um nicht seinen Mann zu stellen: die Hochzeit sollte, sobald es irgend anging, in aller Stille erfolgen.
Aber Marga und Elli?
Wilkens, der sich auch in diesen schweren Tagen brav wie immer benahm, stand tatsächlich vor seinem Staatsexamen. Den Doktor hatte er glücklich hinter sich. Aber auf Jahre hinaus konnte er noch nicht daran denken, ein Heim zu gründen. Für Marga stand fest, daß Elli und sie sich, womöglich Seite an Seite, eine wenn auch noch so bescheidene Existenz schaffen müßten. Sie, die Blinde, deren Zukunft den Freunden am trübsten und aussichtslosesten vor den sorgenden Augen gestanden, war von vornherein fest entschlossen, niemand im Weg zu sein, sondern mit der alten Tapferkeit und Klarheit das Leben anzugreifen und ihm ein Stückchen Unabhängigkeit abzugewinnen. An ihrem Mut rankte sich auch Elli empor.
Es war nicht leicht, ja es schien beinahe unmöglich, etwas zu entdecken, das den beiden eine auskömmliche Zuflucht bot.
Hundert Pläne wurden ausgedacht und wieder verworfen. Immer scheiterte die Möglichkeit der Ausführung an einem neuen Hindernis: sei es, daß die Ausbildung zu einem bestimmten Beruf unumgänglich nötig war, daß andere materielle Vorbedingungen sich nicht erfüllen ließen oder daß wohl die eine, aber nicht die andere Schwester ihre Unterkunft finden konnte.
Eines Abends vor dem Schlafengehen -- es waren schon Wochen vergangen, Käthes Hochzeit und die Trennung von ihr standen dicht bevor, das Haus war zum Verkauf ausgeschrieben -- erklärte Elli mit einem komischen Stoßseufzer, der die Rückkehr ihres Frohsinns ankündigte: „Nächstens werden wir für uns eine ‚Kleinkinderbewahranstalt‛ suchen müssen!”
„Warum für uns?” meinte Marga ernsthaft. „Wir könnten ja --” sie stockte und überlegte.
„Was könnten wir?” forschte Elli.
„Nun, ich dachte -- aber es wird auch nicht gehen -- wenn wir einen Kindergarten gründeten!” Sie mußte selber über diese Idee lachen, und Elli stimmte ein. Sie spannen das Unmögliche weiter, und es sah auf einmal gar nicht so unmöglich aus. Elli fing Feuer. Noch vor Mitternacht hatte ihr Optimismus ein fertiges Projekt. Vielleicht war ihm kein besseres Los beschieden als vielen anderen. Wahrscheinlich würde es im Frühlicht des nächsten Tages schon nichtig erscheinen. Aber für jetzt konnte man neuen Mut daraus schöpfen. Und es schlief sich so gut darüber ein ...
Es stellte sich heraus, daß das Kindergartenprojekt sich bei Tag immer noch sehen lassen konnte. Wenn auch von der Idee zur Wirklichkeit der Weg weit war, Marga und Elli beschlossen doch, diesen ihnen vom Zufall geschenkten Plan weiter zu verfolgen. Da ergab es sich freilich schnell, daß sie allein nicht zum Ziel kommen konnten. Obwohl einfach und häuslich erzogen oder besser durch gesunde Anlagen geworden, waren sie doch als zwei Geheimratstöchter nicht vorbereitet, sich mit unmittelbaren und harten Notwendigkeiten praktisch auseinanderzusetzen. Zum Glück war unter den Freunden des Vaters eine Dame, die nicht nur mit dem guten Ton der Gesellschaft, sondern auch mit sozialen Verhältnissen Bescheid wußte. Nicht aus Sport, wie die Gräfin Hüningen, aber aus dem Bedürfnis eines liebevollen Herzens und eines geraden Sinnes. Auch nicht aus irgendeiner wohlfeilen sozialen Theorie heraus, sondern weil für sie das Soziale sich ebenso von selbst verstand, wie es das Moralische soll. Es war dies die majestätische Frau Geheimrat Achenbach mit ihren silberweißen Scheiteln und dem Krückstock, die besondere Freundin Borngräbers. Professor Wilmanns erzählte ihr gelegentlich ziemlich skeptisch von dem Gedanken seiner Schützlinge. Sie lud Marga und Elli zu sich ein. Zuerst nahm sie den beiden alle Illusionen und machte sie rechtschaffen kleinmütig. Weil man nun einmal, wie sie überzeugt war, ein Haus nicht von oben herunter aus der Idee, sondern von unten herauf aus der Praxis bauen mußte. Dann aber, als die Schwestern dachten, sie würden also auch auf diesen Plan verzichten müssen, weil keine die nötigen Vorkenntnisse, die Ausbildung, keine die Erfahrung und Umsicht besaß, deren es bedurfte, versprach Frau Achenbach, sich der Sache anzunehmen.
Und sie hielt Wort.
Freilich sollte es fast ein Jahr dauern, ehe man zum Plan die feste Gestalt sah.
Da gab es zunächst für Ellis Ungestüm eine harte Probe. Durch Vermittlung von Frau Achenbach fand sich für sie in einer benachbarten kleinen Stadt ein Unterschlupf als Volontärin in einem großen Erziehungsheim, dem ein Kindergarten angegliedert war. Zu ihrem und Margas Schmerz mußten sie sich für eine bis dahin unerhörte Zeit trennen. Was sollte so lange aus Marga werden?
Das Haus, das alte Haus am Wenzelsberg, war verkauft worden. Ein kleiner Überschuß, zusammen mit der mageren Versicherungssumme, auf deren eines Drittel Käthe zugunsten der Schwestern verzichtete, konnte für zwei bis drei Jahre zum Unterhalt ausreichen. Bertelsdorf hatte das Glück, einen Ruf als Extraordinarius an eine technische Hochschule in Mitteldeutschland zu erhalten. Er zog mit seiner Frau -- die stille Hochzeit wurde im Juni gefeiert -- nach herzlichem Abschied noch im Lauf des Sommers davon. Elli sollte ihre Volontärstelle als Kindergärtnerin demnächst antreten. Marga mußte für sich einen Ausweg finden und fand ihn: Onkel Thiele auf Güstow in Pommern hatte zwar nicht zur Beerdigung seines Stiefbruders kommen können, aber brieflich jede Hilfe angeboten, zu der sein Herz und sein Geldbeutel, die in ihrer Weite zueinander im umgekehrten Verhältnis standen, fähig wäre. Marga nahm die Hilfe für sich an. Elli brachte sie nach Pommern.
Die Reise wurde zwar ganz anders, als sie einst vor Ellis blühender Phantasie gestanden hatte. Aber schön war sie doch. Unterwegs begrüßte man Wilkens, der in einem sächsischen Nest eine erste Hilfslehrerstelle gefunden und angenommen hatte. Schwermütig war er noch immer nicht geworden. Dagegen gab ihm der Stolz, sein Examen gemacht zu haben, eine gewisse breite Manneswürde. In Berlin gab es zwar keinen ungemessenen Vergnügungstaumel, wie Ellis Feuerwerk ihn einst vorgezaubert. Aber bei dem schon früher in Anspruch genommenen Kollegen Richthoffs war man einige Tage gut aufgehoben und sah von der „Weltstadt” genug, um die schaudernde Andacht nicht nur nicht enttäuscht, sondern erhöht zu sehen. Und der Empfang in Güstow war einfach urgemütlich: die sechs bis acht haferblonden, quicken Cousinen, die brave, beleibte Mama Thiele, der Onkel mit seinem verwitterten, jovialen, rostbraunen Landmannsgesicht unter dem grünen Hut mit der Spielhahnfeder, alle waren an der Bimmelbahn, freuten sich „doll” und führten Elli und Marga im besten Wagen nach Gut Güstow. Sie taten dort, was in ihren Kräften stand, um die beiden schnell bei sich heimisch zu machen. Als Elli sich nach zehn Tagen verabschiedete, war es mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Ganz ernst konnte man von Thieles nicht fortfahren, sogar wenn es Marga zu verlassen galt.
Und Margas mutiger, klarer Sinn fand sich in der neuen Umgebung bald zurecht. Die schlichten Menschen in dem altväterischen Herrenhaus mit ihrer unverwüstlichen Jugend, ihrer unermüdlichen Lust an der Arbeit und am harmlosesten Vergnügen, der Gutshof mit seinem mannigfaltigen Wirtschaftsbetrieb, die weiten, kornduftenden Felder, der schattige Garten und der einsame Kiefernwald -- das war eine in sich ruhende, natürliche Welt, die ihr wohltuend entgegenkam. Ihre Seele tat das ihre, um sie, wo und wie es nur immer ihr Zustand erlaubte, in sich aufzunehmen. Neue Eindrücke und neue Empfindungen legten sich schützend und klärend zwischen sie und ihr früheres Leben im Haus am Wenzelsberg.