Part 21
Elli blieb der Bissen im Hals stecken. Käthe riß die braunen Augen ungläubig auf. Sie wollte schon den Mund öffnen, als ein Blick Vater Richthoffs ihr die richtige Fährte gab. Sie nickte verständnisvoll. Auch Elli begriff schnell, daß hier etwas Gutes im Werk sei. Marga selbst saß teilnahmlos dabei, als hätte sie nichts gehört und verstanden.
„Lest mal selbst!” Richthoff reichte Onkel Thieles Brief Käthe über den Kaffeetisch. Elli beugte sich voll Neugier mit darüber. Zu zweien entzifferten sie die massiven Zeilen.
„Na, mein Mädchen, wie denkst du über die Einladung?” wandte sich der Geheimrat inzwischen an Marga, seine Hand zärtlich auf die ihre legend.
Margas Augen kehrten aus der leeren Weite, in der sie erstarrt waren, langsam und fragend zurück. „Über die Einladung?” wiederholte sie. „Ach so -- ihr sprecht von Thieles in Pommern. Wen hat er denn eingeladen?”
„Aufmerksamkeit schlecht!” scherzte der alte Herr. Er erklärte ihr nochmals ausführlich, um was es sich handelte. „Ich möchte, daß ihr, du und Elli, den Thieles die Freude macht!” setzte er aufmunternd hinzu.
„Denk' mal an, Margakind! Nein, das ist zum Totschießen!” Elli lachte so laut und herzlich, wie es seit Wochen im Haus am Wenzelsberg nicht erhört war. „Die halten uns für zwei Jungens! Für zwei Vettern!”
„Ja -- den Irrtum muß ich Onkel Bernhard noch nehmen. Die Enttäuschung könnte zu groß sein,” bemerkte Vater Richthoff vergnügt.
„Aber nein! Gerade nicht! Das darfst du keinesfalls, Papa!” rief Elli. „Malt euch mal aus -- paß auf, Margakind! -- Die stehen auf ihrem Bahnhof, so ihre zehn Köpfe hoch: Onkel, Tante, acht, neun Mädels -- alle blond wie Hafer und dick und rot wie Rosenäpfel! Der Zug, so'n rechtes Bimmelbähnchen -- Blumenpflücken während der Fahrt verboten! --, braust heran. Sie recken ihre Hälse. Sie suchen die Wagen ab. Wo zum Kuckuck sind die Richthoffschen Jungens?! Und der Zug fährt wieder ab. Auf dem Bahnsteig stehen nur zwei Mädels. Marga und ich! Und empfehlen sich zur geneigten Ansicht! Denkt euch, die Gesichter!” Elli schüttelte sich vor Wonne. Auch der alte Herr schmunzelte, und Käthe lächelte über Ellis blühende Phantasie. Nur Marga rührte sich nicht. Ellis Lustigkeit reichte nicht an ihre verschollene Seele.
„Und wann sollten wir denn dorthin kommen?” fragte sie schleppend, ohne daß ihre Stimme ein näheres Interesse verriet.
„Sobald ihr wollt!” erklärte Richthoff. „Die Jahreszeit ist ja nicht die rechte. Ihr müßt euch für den norddeutschen Winter einrichten. Da oben ist's kalt. Gerade gut, um sich mal tüchtig auszulüften. Das wird dir guttun, Marga! Andere Menschen, anderes Leben. Ein bißchen Zerstreuung -- verstehst du, Kind?” Er beugte sich zu ihr vor. Nur behutsam wollte er an die Absicht rühren, die er mit dieser Reise für sie verband. Das übrige setzte die Vertraulichkeit hinzu, mit der er ihr auf den Arm klopfte. „Also ausgemacht! Ihr reist je eher, je lieber!” Er erhob sich erleichtert und ging mit seiner Zeitung nach oben. Ein Wink verständigte Käthe und Elli, Marga zuzureden und etwaige Bedenken zu zerstreuen.
Zu jeder anderen Zeit hätte die unerwartete Reiseaussicht in weite Ferne, die verblüffende Großmut des sonst so gestrengen und ~in pecuniis~ genauen Papa Richthoff unter der Bande wie eine Bombe eingeschlagen. Dermalen war die Freude natürlich gedämpft, die Verwunderung zurückgedrängt. Aber es war doch, als hätte man in dem verdumpften Haus irgendwo ein Fenster aufgerissen: ein frischer Luftzug, ein schräger, dünner Sonnenstrahl schlüpfte herein.
Käthe fand etwas von ihrer altklugen Weisheit wieder. Was sie über Margas von ihr vorausgesagtes Unglück empfand, eine wenn auch schmerzliche Genugtuung, hatte sie taktvoll nur ihrem Tagebuch anvertraut. Dafür erging sie sich jetzt in trefflichen Aussprüchen über die Wunder, die eine Ortsveränderung an einem beschwerten Menschenherzen immer tue, und sorgte nebenher mütterlich für die beiden Kleinen, denen sie die Reise nach Norden ehrlich gönnte.
Elli aber regte und tummelte sich in dem lang entbehrten, schmächtigen Sonnenschein wie ein Kätzchen, das sich auf gut Wetter putzt. In einem allmählichen Crescendo, das ihrem Temperament nicht ganz leicht wurde, aber Margas Zustand berücksichtigte, ließ sie ihrem Optimismus die Zügel schießen. Ihre umtriebige Natur sah sich jetzt wieder einer handgreiflichen Aufgabe gegenüber: sie konnte nun mal Marga in ihre alleinige Behandlung nehmen. Eine richtige Kur hatte sie mit ihr vor. Wie man dürres, vertrocknetes Land fürs erste tüchtig unter Wasser setzt, so wollte sie Marga unter Freude setzen. Sollte es nötig sein: sie wollte nicht nur das Rittergut Güstow mit Onkel und Tante Thiele samt den unzählbaren Cousinen, sondern ganz Preußisch-Pommern auf den Kopf stellen. Mit den Vorbereitungen zu diesen Großtaten begann sie sachte schon jetzt. Sie ließ Marga keinen Augenblick allein. Unausgesetzt umflatterte sie sie, unterhaltsam und wachsam zugleich. Ihre Plappermaschine, durch die Kümmernisse der letzten Wochen dem Verrosten nahe, kam neugeölt in neuen Gang. Außer dem Gutsleben, das ihre Phantasie mit Jagdabenteuern, Segelfahrten an der nahen Küste, Überlandpartien in Kutsche und Schlitten zu märchenhaften Tanzbällen ausschmückte, war es besonders Berlin, die Reichshauptstadt, die sie vor Marga in feenhafter Glorie aufsteigen ließ. Sie mußten nämlich in Berlin Station machen. An einem Tag war Gut Güstow nicht zu gewinnen. Papa hatte an einen befreundeten Kollegen geschrieben, wo sie einquartiert werden konnten. Aus dem einen Rasttag ließ Elli drei bis vier werden. Man konnte doch so 'ne Gelegenheit, mal was Rechtes zu sehen, nicht ungenutzt vorbeilassen. Das mußte auch Papa einsehen. Nicht schon jetzt, aber im geeigneten Moment, wenn man ihm eine entzückte Karte schrieb, die alles erklärte. Und nach Güstow depeschierte man -- Elli depeschierte in der Einbildung öfter als alle europäischen Kabinette -- und bat um Frist. Dann -- oh, es war unbeschreiblich, in welchen Strudel von Genüssen man sich dann stürzte! Stürzte mit der grausigen Andacht, die die Weltstadt dem jungen, unverdorbenen Mädchengemüt Ellis einflößte -- schon aus der Ferne. Theatervorstellungen, philharmonische Konzerte, Zoologischer Garten, Kaiser sehen, Warenhausbummel, Unter den Linden, Friedrichstraße, Potsdam, Sanssouci, Hochbahn und Untergrundbahn, das drehte sich und prasselte wie ebenso viele Feuerräder durch die Luft.
Mit den Erfolgen ihrer Lustkur mußte sich Elli allerdings einstweilen sehr bescheiden. Im Anfang verhielt sich Marga vollständig gleichgültig. Wie eine blasse Wand, auf die man die buntesten Bilder der Wunderlaterne geworfen hat, war sie nachher so stumm und leblos wie vorher. Sie half, soweit es in ihren Kräften stand, beim Einpacken. Mechanisch erwiderte sie die Fragen, deren Antworten man ihr in den Mund legte. Sie war mit keinem Gefühl bei dieser Reise. Es war nicht einmal sicher, ob sie hörte, was Elli unermüdlich deklamierte. Trotzdem stellte diese mit der Zeit winzige Triumphe ihrer Methode fest. Wenn es nur ein Kopfschütteln oder Kopfnicken war, das sie erzielte, verzeichnete sie schon einen Fortschritt. Und als es ihr gar gelang, den Tag vor der Abreise durch eine bis dahin nicht dagewesene Brillantvorführung von Berliner Genüssen Marga ein Lächeln -- nicht zu entlocken, sondern schon mehr zu entreißen, lief sie erst in die Küche, wo gerade Käthe eine süße Speise bereitete, und dann stürmte sie, alles Herkommen außer acht lassend, in Vater Richthoffs Arbeitszimmer, so blitzgewaltig, daß der alte Herr entsetzt von seiner Kaisergeschichte in die Höhe fuhr.
„Marga hat gelächelt! Marga hat richtig gelächelt! Beinahe gelacht!” verkündete sie schallend.
Ehe der Geheimrat sich fassen und sie ausschelten konnte, war sie wie die Windsbraut wieder draußen. Er schüttelte verwirrt den Kopf. Das Ereignis stand in keiner Beziehung und keinem Größenverhältnis zu den Germanenkämpfen, die das römische Weltreich erschütterten. Aber bemerkenswert war es schließlich doch. Sehr sogar. Und der alte Herr lächelte hinterdrein auch.
Am Nachmittag desselben letzten Tages vor der Berlin-Güstower Novemberreise trat eine kurze Ebbe ein. Es war gepackt. Die allernötigsten Besprechungen konnten noch beim Abendbrot erfolgen. Zwischendrin mußte nach Ellis Ansicht noch etwas unternommen werden. Damit einem die Zeit nicht zu lang wurde. Sie schlug Marga einen Stadtbummel vor. So zum Abschied von dem guten, alten Nest, das einem schon jetzt furchtbar klein und provinzmäßig vorkam.
Marga war meist schwer zum Spazierengehen zu bewegen. Sie fühlte sich, wenn sie sich überhaupt wohl fühlte, zu Hause noch am besten. Diesmal willigte sie überraschenderweise sofort ein, und Elli verzeichnete den zweiten kolossalen Fortschritt des Tages.
Es war ein kühler, selten klarer Spätherbsttag. Die Sonne schien rotgolden und wehmütig aus dem halb klaren, halb federwolkigen Himmel. Der Wind pfiff scharf um die Straßenecken. Fest und schützend drückte sich Elli an Marga. Auf der Brücke blies es ganz toll aus Osten. Fast flogen die Hüte mit auf. Der Fluß schäumte ungebärdig. Eben rasselte ein Kettendampfer unter der Brücke durch. Die Pfeife schrie mürrisch in den Wind hinein, und dann legte er sein Dampfrohr nieder, um durch den Brückenbogen zu kommen. Die bewimpelten Lastkähne, mit rotem Sandstein befrachtet, schaukelten in endloser Reihe hinter ihm drein.
Die Leute blieben trotz des Windes einen Augenblick stehen und warfen einen Blick über das Geländer. Auch Elli hielt eine Sekunde an und schaute hinunter.
„Was gibt's denn?” fragte Marga. Fern wie sie war, wußte sie sich Stillstand und Geräusch nicht gleich zu erklären.
„Bloß der Kettendampfer. Komm!” Schon ging Elli weiter.
„Wo kommt er denn her?” fragte sie mit einer ungewöhnlichen Bewegung der sonst so eintönigen Stimme.
„Wer? Ach so, der Dampfer! Vom Tal herunter.”
Sie gingen weiter. Margas Schritt war schleppend geworden.
Elli schaute ihr ins Gesicht. Mit Staunen sah sie, wie in ihren Zügen eine außerordentliche Erregung arbeitete. Der kleine, unbedeutende Vorgang -- der alltäglichste fast, der sich denken ließ -- schien ein Zittern in ihre erstorbene Seele zu bringen. Eine Erinnerung schaffte in ihr. Auf der Sägemühle hatten sie so manchmal vom Garten aus den Lastschiffen zugeschaut. Vielmehr Marga hatte hinausgehorcht auf das Rasseln und Plätschern, und Elli mußte ihr die Kähne zählen.
Elli erriet nur unklar, was sie beschäftigte. Instinktiv lenkte sie jedoch das Gespräch ab. Sie erzählte ihr von neuen Villen in der Vorstadt. Zu ihrer Beruhigung war die Erregung in Margas Antlitz bald wieder geschwunden.
Drüben über der Brücke -- sie wollten gerade noch ein paar Schritte die Neustädter Hauptstraße hinaufschlendern -- liefen die Schwestern durch einen Zufall Cousine Grasvogel in die Hände. Natürlich wußte sie schon von der Reise der lieben Kinder. Es gab einen unausweichlichen Schwatz, einen Regen von Fragen, die Elli beantworten mußte. Die Grasvogels waren nämlich mit den Thieles auf Güstow, und zwar doppelt, verwandt. Die Richthoffs und die Thieles, der Geheimrat und der Gutsbesitzer waren die gesellschaftlichen Leuchten, in deren Glanz sich Cousine Grasvogels armes Altjungfernherz vor der Mitwelt und sich selber sonnte. Es gab da Grüße und Gott weiß was zu bestellen.
„Wie habt ihr's gut, daß ihr noch einmal in die Nachsommerfrische dürft!” meinte sie begeistert.
Nachsommerfrische war eine Wendung, die Elli um Margas willen unliebsam drohend fand. „Ja, Papa ist sehr gut. Entschuldige übrigens! Wir haben noch schrecklich viel zu tun und zu besorgen!” Mit geschäftiger Hast suchte sie sich von Fräulein Grasvogel loszuringen.
Doch die witterte mit dem sicheren Sinn der gereiften Weiblichkeit schon länger zwischen Sommerfrische und Nachsommerfrische interessante Zwischenfälle oder Übergänge. Ellis Hand ließ sie los, aber dafür hielt sie die Margas um so fester. „Die Sägemühle ist euch aber auch gut bekommen, nicht wahr, Marga?” flötete sie weiter.
Elli gewahrte mit Sorge, daß das Wort Sägemühle, das daheim verpönt war, in Margas Mienen dieselbe Unruhe hervorbrachte wie zuvor auf der Brücke der harmlose Kettendampfer.
„Ausgezeichnet!” antwortete sie, lauter als nötig, an Margas Stelle. „Entschuldige nur, wir müssen --”
„Natürlich, ihr habt's eilig!” versicherte Cousine Grasvogel durchaus verständnisvoll, aber ohne locker zu lassen. „Was mir gerade einfällt -- ihr werdet gewiß verwundert --”
„Gar nicht! Gar nicht!” rief Elli. Sie wußte nicht warum, aber sie ahnte, daß die gute Cousine noch mehr Unheil anrichten wollte, und strebte, Marga am Arm zerrend, entschieden davon.
„Ach -- ihr wißt's am Ende schon lange! Nicht? Ich meine, daß der liebenswürdige, nette Doktor -- wie heißt er doch? -- Doktor Perthes -- er war doch mal bei euch auf der Sägemühle, nicht? oder öfter -- und auf dem reizenden Gartenfest im Juni, nicht? -- daß er sich mit Alice Hupfeld verlobt hat? Vorgestern erfuhr ich's von --”
Elli hatte Marga mit Gewalt fortreißen wollen. Aber seit der Name Perthes gefallen war, stand sie steif, schwer, unbeweglich. Und als die für beide niederschmetternde Neuigkeit heraus war, stand auch Elli einen Moment, wie vom Schlag gerührt, kreidebleich.
Cousine Grasvogel, die es nicht bös meinte, stockte in ihrem Redefluß, selber bestürzt und sprachlos über die Wirkung ihrer Mitteilung.
In der nächsten Minute riß Elli Marga mit einem halb wütenden, halb schmerzlichen Aufschrei herum und lief mit ihr, so schnell sie konnte, heimwärts davon.
Marga selbst folgte willig und wortlos. Der Zufall wollte, daß sie fast an derselben Stelle, wo ihr einst Käthe über Perthes' Liebelei mit Hilde König eine erste Andeutung gemacht, diesen tiefen, über alles Verstehen schmerzhaften Streich empfing. Das dumpfe, erregte Arbeiten in ihren Zügen war in ein fast konvulsivisches Zucken übergegangen. Ihre erstorbene Seele erwachte aus der bleiernen Erstarrung von Wochen. Das Blut stieg und fiel in ihren Wangen mit heißen, beklemmenden Wellen.
„Ich glaube, wir sollten besser mit der Elektrischen fahren!” stieß sie, nach Atem ringend, plötzlich hervor.
„Natürlich, Margakind!” Elli hatte die nächste Haltestelle erspäht. Sie half Marga in den Wagen und schmiegte sich drinnen dicht an sie. Sprechen konnte sie nicht.
Von der Station hinter dem Bahnhof erreichten sie schnell das Haus am Wenzelsberg. Noch zu rechter Zeit.
Ein furchtbarer, herzbrechender, den Körper schüttelnder Weinkrampf kam über Marga. Wehrlos mußte sie sich dem Schmerz überlassen, und ihr lautes Schluchzen erfüllte vom Flur das Haus. Therese, Käthe, der alte Herr stürzten herbei.
Noch nicht eine halbe Stunde später lag Marga mit hohem Fieber zu Bett.
In der Nacht wurde sie bewußtlos und redete irre. Alice, Perthes, die Sägemühle, der rasselnde Schleppdampfer zermarterten in wirrer, grauser Jagd ihr Hirn.
Geismar wurde gerufen. Er konnte noch kein bündiges Urteil geben, äußerte sich aber sehr besorgt.
Am Morgen konstatierte er ein Nervenfieber.
Marga reiste statt zu Thieles auf Güstow weiter, viel weiter. Bis an die Grenze zwischen Leben und Tod ...
13
Als Doktor Markwaldt, der ehemalige Kollege am Bakteriologischen Institut, die Kunde von Perthes' Verlobung mit Fräulein Exzellenz erhielt, da meinte er zu dem Überbringer, einem der Volontärärzte der Chirurgischen Klinik: „Da haben wir's ja! Genau, wie ich's voraussah!” Im Grunde seines Herzens aber war er verblüfft. Noch verblüffter aber war er, als er statt einer gedruckten Anzeige folgende Zeilen erhielt:
Lieber Markwaldt!
Sie haben, wie Sie mir gelegentlich gestanden, immer geschwankt, ob ich ein Faulpelz oder ein Streber sei. Ich habe mich mit Fräulein Alice Hupfeld verlobt. Ich denke, das wird Ihrem Schwanken ein Ende machen.
Gruß Ihr Perthes.
Zum mindesten eine originelle Art, sich selber zu denunzieren, dachte Markwaldt kopfschüttelnd. Als er seinerzeit am Klinikerabend, auf dunkle Gerüchte hin, Perthes aufgezogen und sich eine so erregte Abfuhr geholt hatte, war er nur aggressiv gewesen, um dem „Unergründlichen” einmal auf den Zahn zu fühlen. Er wußte, daß Perthes zum Richthoffschen Hause in naher Beziehung stand, und glaubte nicht im Ernst an eine Verbindung mit Hupfelds. Jetzt, wo sie doch plötzlich Wahrheit geworden war, schien ihm die Sache nicht ganz behaglich, und er räsonierte, menschenfreundlich wie er war: „Wenn sich der Junge nur nicht in die Nesseln gesetzt hat! Er bleibt ein verdrehtes Huhn!” Aber er bewunderte doch den Tiefblick Professor Hammanns, seines Chefs. Der hatte zuerst über Perthes das ahnungsvolle Wort „Heiratspolitiker” fallen lassen. Nur so ~en passant~ und als Vermutung. In Markwaldts Augen war er durch diese Probe weltmännischer Menschenkenntnis hoch in der Achtung gestiegen, und der Assistent benutzte die nächste Gelegenheit, vor ihm seine Bewunderung auszudrücken.
Seltsamerweise nahm Professor Hammann dieses Kompliment mit mehr als oberflächlichem Dank auf. Der gutmütig-klatschsüchtige Markwaldt, der sich selber so findig vorkam und doch immer an der rechten Fährte vorbeilief, konnte nicht wissen, daß er seinem Chef mit seiner Anerkennung nur eine gemischte Freude bereitete.
Denn Ludolf Hammann, um es vorweg zu sagen, trug sich seit einiger Zeit selbst mit heiratspolitischen Absichten. Daß er, der freiheitliebende Junggeselle, dessen Herz für den Sport, dann für sich und erst in letzter Linie für die Frauen schlug, dabei mehr der Not als der Neigung gehorchte, lag nahe. Für Alice Hupfeld hatte er vor Jahren mal so etwas wie eine Neigung zu empfinden geglaubt. Bei näherer Bekanntschaft mit ihren gegenseitigen Charakteren mußten sie sich beide „für den Ernst der Ehe ungeeignet” finden. Sie lachten sich also auseinander und blieben gute Freunde. Wenn der patente, wissenschaftliche Amateur und Zufallsgelehrte, der er war, jetzt ernstlich daran dachte, seine Unabhängigkeit dranzugeben, so mußte sie von anderer Seite bedroht sein. Seine Vermögensverhältnisse hatten denn auch -- was außer ihm niemand wußte -- in aller Stille einen schweren Stoß erlitten. Das Kapital, das ihn unabhängig machte, steckte zum größten Teil in der Bank eines für unbedingt sicher geltenden Onkels in den Rheinlanden. Diese Bank kämpfte mit der Liquidation. Hammann sah sich mit einem Schlag vor sehr beträchtlichen Verlusten und damit vor der Gefahr, seine wohlige Lebensweise in unerhörtem Maß einschränken zu müssen. Kein Wunder, daß er auf einen Ausweg sann, der das geringere Übel bedeutete, und -- ~horribile dictu~ -- sich nach einer reichen Partie umsah.
Die akademischen Kreise der kleinen Universitätsstadt zerfielen, von Hammann aus gesehen, in der Hauptsache in ein modernes und ein rückständiges Lager.
Das rückständige Lager kam für ihn nicht in Betracht. Rückständig waren die Professoren, denen die Gelehrsamkeit wie in alten Tagen ein vornehmer Selbstzweck blieb. Es waren die Leute, die er meist nicht einmal mit ihrem richtigen Namen kannte, alte Herren wie Vater Richthoff, Wilmanns und Borngräber. Jedoch nicht nur Philosophen, sondern auch vereinzelte Juristen, Mediziner, wie Geheimrat Geismar, und Theologen, von denen gar nicht zu reden war. Daß unter allerhand Schrullen in dieser, wie es schien, aussterbenden Kategorie von Hochschullehrern der beste Kern von Gediegenheit und berechtigtem Gelehrtenstolz steckte, war für Hammann uninteressant und nebensächlich.
Wichtiger, allein wichtig war für ihn die zweite Gruppe, die neben der ersten allmählich als neue und moderne akademische Gesellschaft herangewachsen war. Zuerst und vornehmlich rekrutierte sich diese aus den Fakultäten, die wie die naturwissenschaftliche und medizinische dem praktischen Leben der Gegenwart näher standen als ihre selbstloseren Kollegen. Den Akademikern dieses Schlages war ein großzügiger Hang zum Kapitalismus eigen. Sie hielten die Legende vom Selbstzweck der Wissenschaft um des guten Scheines willen aufrecht, aber verstanden sie zeitgemäßer, also kaufmännischer. Der typische Repräsentant der neuen Gattung war Exzellenz Hupfeld. Leute wie Hammann, zahlreiche Kollegen aus den übrigen Fakultäten stellten den Chorus. Man wollte nicht mehr nur forschen und lehren, sondern im weitesten Sinne des Wortes auch leben. Alte Häuser, wie das am Wenzelsberg, mit steilen Weinbergen und Schnecken darin, verwunschene Butiken wie Borngräbers efeuumranktes Landhäuschen paßten nicht zu solchen Anschauungen. Gelehrsamkeit war etwas sehr Schönes, aber eine pompöse Villa im Villenviertel, ein altes Damenstift im Tal, kostspielige Liebhabereien, ein Automobil, Dienerschaft -- kurzum, Luxus war mindestens ebenso schön. Mit so vorgeschrittener Auffassung war aber auch die Exklusivität des Akademikers, die ihn bisher nicht nur aus Dünkel, sondern aus geistigem Unabhängigkeits- und Selbsterhaltungstrieb von anderen Ständen sonderte, im alten Sinne nicht aufrechtzuerhalten. Die moderne Hochschulgesellschaft erschloß sich denn auch naturgemäß Elementen, die man früher hatte abseits stehen lassen. Um sich nichts zu vergeben, erweiterte man die Grenze nicht nach unten, sondern nach oben. Nach oben freilich im wirtschaftlichen und altständischen Sinne, nicht im geistigen, wo ein soziales Oben und Unten nicht zu finden war.
Auf dieser Verschiebung der gesellschaftlichen Grenze nach oben beruhte seit einiger Zeit im Kreise derer um Hupfeld der Einfluß des Grafen oder besser der Gräfin Hüningen.
Der Graf, in sehr naher, aber nicht ganz legitimer Beziehung zu einem regierenden Hause stehend, hatte sein Domizil seit etwa anderthalb Jahren in einem kleinen Palais der Altstadt, wo im Anfang des vorigen Jahrhunderts eine Prinzessin ihre Witwenjahre vertrauert hatte. Nach reichlich bewegtem Leben als Gardeoffizier und späterer Attaché in Konstantinopel und anderwärts waren jetzt seine Interessen in einer ausschließlichen Liebe für Wappenkunst nahezu erstarrt. Man sah ihn fast nie, und dann nur mit der gewichtigen Miene eines von der Arbeit gebeugten Forschers, dem das Monokel und der Schleppschritt als Überbleibsel vergangener Tage seltsam unharmonisch anhafteten. Die Gräfin dagegen, aus der steinreichen Familie eines ostdeutschen Großindustriellen stammend, von mütterlicher Seite Amerikanerin, war trotz ihrer fünfundvierzig oder mehr Jahre noch immer eine beinahe jugendliche Erscheinung. Stattlich, sehr gewählt in ihrem Geschmack, gewandt und geistreich in ihrem Auftreten, hatte sie sich überraschend schnell in der vorgeschrittenen akademischen Gesellschaft zu einer tonangebenden Stellung emporgeschwungen, die ihr allerdings die „Rückständigen” nicht eingeräumt hätten. Mehr und mehr bildete sie mit Exzellenz eine Doppelsonne, und Hupfeld, dessen Frau zur Repräsentation wenig geschaffen war, ließ sich die Teilung seiner Gewalt gefallen, da die Gräfin es verstand, dem großen Manne zu schmeicheln. In ihrem Geleit, man konnte auch sagen, in ihrem Schatten, trat ihre Tochter Edith in die Gesellschaft. Sie hatte von der Mutter ein sehr hübsches Gesicht, vom Vater eine Indolenz und geistige Armut geerbt, die der Beweglichkeit der Mutter als Folie diente. In sachlicher Würdigung aller Umstände widmete sich Professor Hammann als ziemlich einziger Verehrer der gutmütig-beschränkten Komtesse Edith.