Part 20
Am Montag, als Exzellenz Hupfeld sich zur üblichen pompösen Abfahrt aus der Klinik anschickte, trat Perthes mit vollendeter Höflichkeit an den Geheimen Rat heran. „Exzellenz hatten die außerordentliche Liebenswürdigkeit --”
„Ach ja. Ich wollte Sie gestern besuchen. Schade, daß ich Sie nicht antraf!”
„Das Bedauern ist ganz auf meiner Seite --”
„Ich wollte mit Ihnen eine Angelegenheit besprechen, die --” Hupfeld überlegte lächelnd. „Im übrigen, ich möchte das nicht aufschieben. Sie können sich mit mir ins Auto setzen. Es läßt sich da ungestört plaudern. Wollen Sie?” Die Frage wurde von einer jener herrischen Gebärden begleitet, die Hupfelds Liebenswürdigkeit eigentümlich machten.
Perthes erschrak unwillkürlich über den neuen Beweis von Wohlwollen. Die Volontärärzte auf der Treppe des Vestibüls machten lange Hälse. Doktor Brunner war diskret und höflich, aber mit ersichtlich langem Gesicht zurückgetreten.
„Sie brauchen nicht zu befürchten, daß ich Sie zu lange in Anspruch nehme,” fuhr Hupfeld, der dies Schwanken schmeichelhaft beurteilte, beruhigend fort. „Ich lasse Sie mit meinem Wagen zurückführen.”
Nun gab es keine Widerrede. Perthes faßte sich schnell. „Wenn Exzellenz einen Moment warten wollen?” Er deutete auf seinen Operationsmantel.
Der Geheime Rat nickte gütig.
Perthes lief nach dem Hause. Ein saurer Gang in der Sonne öffentlicher Gnade. Er kniff die Lippen zusammen und heftete die Augen geradeaus ins Leere, als er an den beiseitetretenden Volontären vorbeieilte. Im Nu kam er zurück, in Jackett und Hut. An den ironischen Mienen der jungen Kollegen las er ab, was sie von dieser Autounterredung hielten. Als er wieder ins Freie trat, meinte er hinter sich etwas flüstern zu hören wie: „Exzellenz Schwiegerpapa!” Die Wut trieb ihm das Blut in den Kopf. Doch schon schritt er an Brunner vorüber, der unglücklich dreinsah und an seinem militärischen Schnauzbart zu kauen schien.
Der Krankenwärter half ihm ins Automobil, in dem Exzellenz schon Platz genommen hatte. Er machte dabei einen Bückling, für den Perthes ihm ins Genick hätte hauen mögen.
Doch schon fuhren sie tutend davon.
Hupfeld zögerte nicht, seinem Fahrgast seine Absichten auseinanderzusetzen. Fürs erste freilich, solange sie noch innerhalb der Stadt fuhren, sah er sich durch häufige Grüße unterbrochen. Er pflegte alle mit ausgesuchter Höflichkeit zu erwidern, ob es sich um einen Universitätsdiener handelte oder um einen Geheimrat. Erst hinter der Brücke, am Ausgang der Neustadt, wo die Villenstraße allmählich in die Landstraße überging, kam er ~in medias res~. Nachdem er die Aussichtslosigkeit betont, die das Befinden des armen Kronheim biete -- er hatte neuerdings selbst sehr trübe Nachrichten aus Rapallo erhalten --, sprach er von der Notwendigkeit, die erste Assistentenstelle seiner Klinik einstweilen neu zu besetzen.
„Die Angelegenheit ist durch die Persönlichkeit des guten Brunner, der eigentlich der nächste Anwärter ist, kompliziert,” erklärte der Geheime Rat fortfahrend. „Um es von vornherein zu sagen: er ist nicht der Mann, den ich brauche.”
„Ich habe ihn als einen sehr gediegenen, pflichteifrigen Kollegen schätzen gelernt,” schob Perthes ein, wobei er sich selbst über die neugewonnene Fähigkeit wunderte, sich durch billige Komplimente für andere ins beste Licht zu setzen. Perfid war er also auch schon.
„Zugegeben, lieber Perthes!” stimmte Hupfeld in das wohlfeile Lob ein. „Zugegeben! Aber es fehlt ihm jeder Zug ins Große. Er kann nichts selber in die Hand nehmen, wenn ich einmal nicht zur Stelle bin. Der leitende Arzt, der mich vertreten soll, muß etwas vom Herrscher an sich haben. Weitblick, eigene Gesichtspunkte, Vielseitigkeit!” Exzellenz gab jedes dieser ihn selbst verherrlichenden Prädikate mit monumentaler Rhetorik von sich. „Und dann -- was die Hauptsache ist --, er muß das Zeug zu einem erstklassigen Operateur haben. Das hat der gute Brunner bei aller Gewissenhaftigkeit und relativen Geschicklichkeit nicht. Das haben -- ~senza complimenti~ -- Sie, mein lieber junger Kollege!”
Perthes wollte mit einer Schmeichelei für die Ganzgroßen abwehren. Aber dazu reichte seine Gewandtheit noch nicht. Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er mußte sie durch Gebärden ersetzen.
„Doch, doch!” versicherte huldvoll der Geheimrat, der ihn auch so verstand. „Machen wir uns nichts vor. In so einschneidenden Fragen pflege ich mit rücksichtsloser Objektivität vorzugehen. Bleiben wir also bei sicheren Tatsachen. Die kurze Zeit, in der Sie bei mir arbeiten, hat mich von Ihrer außerordentlichen Befähigung überzeugt. Sie wären mein Mann! Sie werden es sein --”
„Aber, Exzellenz, ich bitte --”
„Hören Sie mir ruhig zu, lieber Freund!” Hupfeld legte die überweiche, berühmte Hand auf Perthes' Arm. „Ich habe alles erwogen. Sie sind sehr jung. Brunner darf nicht vor den Kopf gestoßen werden. Es heißt diplomatisch zu Werke gehen.” Ein schlaues, geistreiches Lächeln kräuselte seinen vieldeutigen, glatten Mund. Er entwickelte mit rednerischer Selbstgefälligkeit sein Projekt. Er wollte es übernehmen, Brunner von seinen guten Absichten zu überzeugen. Erstlich sollte dieser als der ältere durch seine Fürsprache im Ministerium -- es genügte da ein Wink nach der Residenz -- schon in den nächsten Wochen den Professorentitel erhalten. Ferner wollte ihm Hupfeld die bestimmte Aussicht machen, daß er binnen Jahresfrist einen Ruf als Außerordentlicher oder Leiter eines städtischen Krankenhauses nach auswärts erhielte. Dafür konnte Hupfeld bei seinen Verbindungen garantieren. Demgegenüber mußte Brunner einsehen, daß Exzellenz sich den jüngeren Perthes für die Stellung eines ersten Assistenten ganz speziell heranbilden wollte, und mußte ihm schon jetzt die nominelle Vertretung dieses Postens überlassen.
So weit war der Geheime Rat in seinen Ausführungen gekommen, als das Automobil sein sausendes Tempo verlangsamte und zum Stift hinauffuhr.
Die Unterredung konnte an dem Punkt, an dem sie angelangt war, nicht abgebrochen werden. Es blieb Perthes nichts anderes übrig, als die Einladung anzunehmen, mit Hupfeld zu frühstücken. Er griff sich an den Kopf, als er die Räume wieder betrat, die er vor einigen Wochen mit so großem Widerwillen kennen gelernt hatte. Die erste Viertelstunde, während er neben seinem Chef in dem weiträumigen Saal mit den gewaltigen Schränken, den seriösen Ahnenbildern, der neu angelegten, kostbar-bunten Porzellansammlung saß, meinte er einen schweren Traum zu wiederholen. Dann zwang er sein bedrücktes Herz mit eisiger Schroffheit zur Ruhe. Es ging vortrefflich. Bei einer Flasche Mosel und ausgesucht zarten Zwergbeefsteaks stellte Hupfeld die Bedingungen auf, unter denen er seinen künftigen ersten Assistenten verpflichten wollte. Perthes sollte sich innerhalb der nächsten vier Jahre nicht habilitieren dürfen, um ganz zu seiner, Hupfelds, Verfügung zu sein; sich auch dann noch ohne seine Zustimmung weder nach außerhalb bewerben noch einen etwaigen Ruf annehmen dürfen. Die Anstellung sollte erst nach einiger Zeit definitiv werden. Wann und mit welchem Gehalt, blieb späterer Bestimmung vorbehalten. Der Geheime Rat verschwieg, daß er bei dieser Gelegenheit einige dem Minister genehme, ihm zum Lob gereichende Ersparnisse zu machen gedachte. Dagegen ließ er Perthes nicht im Zweifel, daß er ihm die zukünftige Karriere innerhalb der hiesigen Universität gewährleisten wollte.
Perthes sah durch diese glänzenden Anerbietungen jede Erwartung weit übertroffen. Gleichwohl zwang er sich dazu, seiner Befriedigung keinen allzu begeisterten Ausdruck zu geben. Der Dämon, von dem er sich in seiner Selbstverachtung beherrschen ließ, riet ihm, sich zu sparen und seine streberischen Pläne womöglich als Ganzes zur Reife zu bringen. Es lockte ihn, seine Fähigkeit, emporzukommen, gleich durch ein Meisterstück zu erproben.
„Exzellenz sehen mich gegenüber solchen Beweisen des Vertrauens verwirrt --”
„Es sollte mich freuen,” versicherte Hupfeld mit großartiger Loyalität, „wenn es mir mit meinen Vorschlägen gelungen wäre, Ihre Wünsche mit den meinen in Einklang zu bringen.”
„Meine Wünsche wagten sich so hoch nicht, Exzellenz. Gleichwohl werden Sie es billigen, wenn ich mir angesichts so weitausschauender Pläne einige Tage erbitte, um sie durchzudenken.”
Hupfeld sah den Doktor ziemlich erstaunt, beinahe mißtrauisch an. Diesmal war ihm ein Zaudern unverständlich. „Nun ja --” meinte er gedehnt. „Ich gebe Ihnen natürlich Bedenkzeit. Nur --”
„Exzellenz dürfen überzeugt sein, daß ich dies Zugeständnis nicht mißbrauche. In wenigen Tagen, vielleicht schon morgen --”
„Bringen Sie mir eine zustimmende Antwort,” vollendete der Geheime Rat mit leichter Schärfe. Er hatte sich erhoben und bot Perthes verbindlich die Hand zum Abschied. Als er allein war, schüttelte er den Kopf: „Bei alledem -- ein merkwürdiger junger Mann!”
Er sollte diese Merkwürdigkeit bald besser verstehen, als er ahnte. --
Nach milden, sonnigen Tagen brachte der November seine gewohnten brausenden, kühlenden Stürme, die im Wirbel das rote und braune Laub aus den Baumkronen rissen.
Gerade das unstete, tosende Wetter lockte die Abenteuerlust von Fräulein Exzellenz. Sie schlug für einen der nächsten Nachmittage den Teilnehmern der Reitquadrille einen Fernritt, und zwar einen tüchtigen Fernritt vor. Bei trügerischem Sonnenschein brach man auf. Perthes hatte sich mit Mühe freigemacht. Er sprengte mit Alice voran. Sie sah im langen, schwarzen Reitkleid gut aus. Es ließ ihre biegsamen Formen zu herausfordernder Geltung kommen. Der flache, ebenrandige Hut saß keck über den rotblonden Haaren. Professor Hammann und Cousine Hilla folgten in mäßigem Tempo und unter bedenklichen Protesten. Man hatte auch noch kaum die Sägemühle hinter sich, als der Wind grimmig einsetzte, den Himmel voller Wolken fegte und den Reitern brausenden Widerpart hielt. Als Perthes und seine Begleiterin bei einer Wegbiegung, am Eingang in ein leidlich windstilles Gehölz, sich umblickten, war von Hammann und Fräulein Hilla keine Spur mehr zu sehen.
„Wollen wir auch das Hasenpanier ergreifen?” fragte Alice mit einem spöttischen Blitzen der grünlich schimmernden Augen, während sie die losgerissenen Haarsträhnen aus den Wangen strich.
Statt der Antwort gab Perthes seinem Pferd die Sporen.
Mit klingendem Lachen jagte Alice ihm nach, bis sie wieder an seiner Seite war. Sie versetzte ihm zur Strafe einen leichten Hieb mit der Gerte auf die Hand, die die Zügel führte.
Hinter dem Wald ging es mit aufeinandergepreßten Lippen und zugekniffenen Augen gegen den Sturm. Kurz vor dem ersten Dorf schnob ein feiner, dichter Regenschauer aus den Wolken und durchnäßte Reiter und Roß.
Nun mußte man doch wohl oder übel im Wirtshaus haltmachen.
Alice fand es apart und reizend, in dem sauberen Herrschaftszimmerchen, in dem ein Ofenfeuer grüßend leuchtete, Tete-a-tete zu „mahlzeiten”. Man sah durchs Fenster hinaus auf den windgepeitschten Fluß, die regenwolkenverhangenen Berge. Fast wie auf der Sägemühle, dachte Perthes, als er zufällig hinausblickte. Um so besser, setzte er höhnisch hinzu. Er überließ sich dem willkommenen Reiz der Situation. Die nassen Kleider erfüllten unter der behaglichen Wärme die Stube mit ihrem Dunst. Es war ziemlich dunkel. Aus der Ofenecke, wo Alice sich eingerichtet hatte, sah man nur ihre Augen mit seltsamer Intensität aufglänzen.
Nachher, am Tisch, gab sie sich allerliebst. Sie war etwas aufgeregt und suchte diesen Zustand, der ihr kleinlich schien, durch die ausgelassene Freiheit ihres Benehmens zu verdecken. Sie gab sich die Rolle der Demimondaine, die sie augenwerfend und trällernd trefflich zu mimen verstand. Perthes sollte dazu den Galantuomo spielen.
Er ging bereitwillig darauf ein. Aber in einem Moment leidenschaftlich vorgetragener Liebeserklärungen, die sie mit koketter Kälte über sich ergehen ließ, vergaß er das Spiel. Er riß Alice in seine Arme und bedeckte sie mit Küssen.
Als er sie wieder freigab, war sie ernüchtert und erschrocken. „Was fällt Ihnen ein!” stammelte sie verlegen.
„Was mir schon längst hätte einfallen müssen!” gab er siegesgewiß zurück.
Schmollend und zürnend trat sie von ihm weg. Sie stellte sich ans Fenster und stand dort geraume Zeit, von ihm abgekehrt.
Er setzte sich mit scheinbarer Gelassenheit in die Ecke am Ofen und stocherte mit der Zange im Feuer.
Plötzlich wandte sie sich um. Mit ihrem drolligsten Spitzbubengesicht, halb spöttisch, halb ärgerlich, sah sie ihn an. „Nu -- werden wir uns wohl verloben müssen. Wie abgeschmackt Sie sind!” meinte sie halblaut.
Er war mit zwei Schritten an ihrer Seite. Sie musterten sich mit einem tiefen, brennenden Blick. Dann küßten sie sich in einer neuen, wilden Umarmung. Und verlobten sich, trotz aller Abgeschmacktheit ...
Als Perthes sich am folgenden Tag in der Hupfeldschen Stadtwohnung einstellte, um Exzellenz Hupfeld seine Zusage für die erste Assistentenstelle zu bringen, empfing ihn der Geheime Rat sehr gemessen.
„Sie haben ja Ihre Bedenkzeit sehr eigenartig benutzt, Herr Doktor! Nun darf _ich_ wohl um Bedenkzeit bitten?” lautete die strenge Einleitung.
Aber der hohe Herr konnte sich nicht lange auf so eisiger Höhe halten. Er wurde väterlich gerührt. Und lächelte bald wie ein gütiger Schöpfer über die kleinen Unarten und Torheiten seiner Geschöpfe.
Im Salon warteten Frau Hupfeld mit Alice und Cousine Hilla. Bei der Tür stand der Diener Karl. Diesmal nicht, um Gewittermeldungen vorzutragen, sondern um auf einen Wink die Sektkelche zu reichen. Schade, daß Leutnant Moritz fehlte.
Man feierte Verlobung im Familienkreise. Vorverlobung.
Es war stilvoller und großartiger, als es je im Haus am Wenzelsberg hätte werden können ...
12
Schon seit über vierzehn Tagen hatte Vater Richthoff seine Vorlesungen wieder aufgenommen. Zwischen drei und vier Uhr des Nachmittags schallte wieder häufig und hell die Klingel durchs Haus: nacheinander kamen und gingen die Hörer, junge Semester mit bunten Mützen, Bier- und Milchgesichter, alte Semester wie Oberlehrer Trabner mit der Glatze und der Stahlbrille, den Gummimanschetten und dem Trikot-Stehumlegekragen, „Flanellstorch” genannt.
Aber die „Bande” war nicht wie sonst auf dem Posten über der Treppe, um die Alten zu registrieren und die Neuen zu etikettieren. Höchstens daß Elli mal neugierig über das Geländer lugte. Dann war es nur, weil Wilkens, der Faulpelz, sich noch immer nicht hatte einschreiben lassen. Kurz vor Semesteranfang hatte er, um sich, wußte der Himmel von was, zu „erholen”, noch eine verheiratete Schwester in Magdeburg besuchen müssen und war noch nicht wieder zurückgekehrt. Nur Ansichtskarten meldeten der entrüsteten Elli, daß es ihm wohl ergehe.
Das grausame Leid, das Marga mitten in ihren frohen, bräutlichen Träumen heimgesucht hatte, lastete auf allem und allen. Nicht zuletzt auf dem alten Herrn. So fromm und artig und märchenhaft still war es in zwanzig Jahren um ihn her nicht zugegangen. Wenn er hinter dem Schreibtisch saß und kritzelte, konnte er sicher sein, daß kein störender Laut seine römischen Kaiser in ihrer Würde bedrohen, ihn aus der vornehmen Vertraulichkeit ihrer geisterhaften Gegenwart aufscheuchen würde. Aber trotzdem -- oder gerade deshalb? -- warteten diese oft vergeblich auf die Zwiesprache mit dem Meister, der sie rief. Kein zürnendes Murren, keine feurige Apostrophe drang aus dem verqualmten Winkel. Statt dessen hatte der alte Herr mehr als einmal den Gänsekiel nicht mehr in der Hand, sondern den grauen, krausbärtigen Kopf vergrämt aufgestützt, und lauschte hinaus in die unheimliche Ruhe seines Hauses. Wenn doch mal eine Tür unversehens ins Schloß geknallt wäre! Wenn doch ein nicht mehr zu bändigendes, junges Mädchenlachen aus der Dachstube herunter- oder vom Erdgeschoß, aus den Wohnzimmern heraufgekollert wäre, daß er empört hätte dazwischenfahren können! Wieviel besser wäre das seinen Cäsaren bekommen. Der erste Halbband der Kaisergeschichte war vor vierzehn Tagen erschienen. Schon kamen begeisterte Briefe von entfernten Hochschulkollegen und früheren Schülern. Vater Richthoff lächelte höchstens über die guten Vorzeichen. Jetzt, wo er den gerechtfertigten und verdienten Lohn einer Lebensarbeit einheimsen sollte, blieb die rechte Freude aus.
Richthoffs Freunde: Wilmanns, Borngräber, die Kegelbrüder und die Fakultätsgenossen -- alle waren bestürzt und schlugen die Hände zusammen über das müde, verdrossene, teilnahmlose Wesen des alten Herrn. Er war ja nicht mehr zu kennen! Hofrat Geismar zerbrach sich vergeblich den Kopf, wie es möglich war, daß nach dem frischen, verheißungsvollen Abschied in Bad Kreuth jede Nachkur daheim ausblieb. Wilmanns, der mit seiner Familie Thüringen unsicher gemacht hatte, schimpfte vergeblich auf das teure Schwarzburg, wo ihm die lärmende Holzindustrie das Leben verbittert hatte; lobte umsonst das liebliche Ilmenau mit Engelszungen und erzählte die kühnsten Abenteuer mit lauter Beredsamkeit. Borngräber, der „Mädchenjäger”, wie ihn Papa Wilmanns hartnäckig benamste, rollte ohne Erfolg die verwundert-treuherzigen Augen und jammerte, daß ihm der Wind drei Hüte in die Ostsee geführt habe, statt, was doch sein Versöhnliches gehabt hätte, in ein klassisches oder orientalisches Meer. Richthoff hörte nur mit halbem Ohr zu und schob seine Kugel so flau, als wollte er ja den Kegeln nicht zu nahetreten.
Und Marga? Sie, von der der Kummer ausgegangen war, der das Haus am Wenzelsberg drückte und freudlos machte?
Es gibt einen Schmerz, der, ohne laut und heftig zu sein, sich doch wenigstens in Zeichen des inneren Kampfes verrät: nicht Tränen, aber ihre Spuren, nicht das harte Aufbäumen, aber das wehe, zitternde Zurückweichen und Wegwenden zeugen dafür, daß ein Lebendiges, wenn auch noch so schwach und versteckt, sich wehrt gegen das Tötende, auch im Unterliegen den Widerstand wahrt und in der Gegenbewegung sich erhält. Wenn Marga diesen Schmerz gezeigt hätte! Man hätte ihn, so leise er sich regte und rührte, zu lindern und zu heilen suchen können. Aber in ihrem Schmerz war kein Kampf, kein Widerstand, keine Bewegung. Von dem Augenblick an, wo sie aus ihrer tiefen Ohnmacht aufgewacht war, schien jeder Wille in ihr gebrochen zu sein. Sie konnte nicht weinen. Ihre Züge blieben leblos: mitunter hatten sie den Ausdruck einer leeren Maske, die in unbewußter Angst und Hilflosigkeit erstarrt ist. Ihre Seele schien nicht mit aufgewacht zu sein aus der Ohnmacht des Körpers. Ihr Geist war klar, beinahe nüchtern klar; sie wußte, was vorgefallen war, und sprach selbst mit matter, klangloser Stimme davon. Sie hörte auch zu, wenn der alte Herr, alle Barschheit und Zurückhaltung in Liebe und Mitgefühl vergessend, weich und ernst mit ihr redete; wenn Elli, Tränen in den sonst strahlenden Augen, sie ermutigen wollte und Käthe herzliche, ungezierte Worte des Verstehens fand. Aber sie blieb empfindungslos. Das Gefühl, das man ihr entgegenbrachte, klang nicht zurück. Alle die reichen und tiefen Kräfte des Gemüts waren wie ausgelöscht. So ausgelöscht, daß man zuweilen hätte glauben können, sie litte nicht einmal. Und doch -- oder gerade deshalb -- strömte eine Traurigkeit von ihr aus, so unsagbar, so über alles Trösten und Mitleiden, daß sie jeden ergriff und niederdrückte und das Haus mit einer stummen Klage erfüllte. Wie ein reifes Kornfeld, das unter einem Hagelschauer sich in eine tote Wüste verwandelt hat, so war Margas große Stille zur großen Leere geworden.
Die erste Sorge galt natürlich ihrer Gesundheit. Der Geheimrat wollte den Arzt rufen lassen. Auch Käthe drang darauf. Elli wurde beauftragt, Marga selbst zu fragen, um sie nicht zu erschrecken. Sie zeigte sich völlig gleichgültig und meinte nur, sie wüßte nicht, was sie einem Arzt zu sagen hätte. Die Ohnmacht schien auch keine weiteren körperlichen Folgen zu haben. Ihr Aussehen veränderte sich kaum. Sie klagte über nichts. Man war übereingekommen, daß das Leid, das sie getroffen, unter keinen Umständen auch nur andeutungsweise nach außen dringen und zu irgendwelchen Gerüchten Anlaß geben dürfe. Diese Schonung, die einzige, der auch die äußeren Umstände ihres Unglücks entgegenkamen, mußte um jeden Preis gewahrt werden. Das war der Grund, weshalb man es vorläufig doch unterließ, den Arzt zuzuziehen.
Wochen vergingen, ohne daß Margas Zustand sich veränderte. Nach wie vor war sie äußerlich gesund, nach wie vor dämmerte ihre Seele pflanzenhaft dahin.
Der alte Herr sah mit Besorgnis, wie diese schleichende Qual die Stimmung im Haus mehr und mehr verdüsterte. Sie zehrte an ihm und seiner Arbeitskraft, an Käthes und Ellis Frische und Frohmut. Wie schwüle Sommertage, die grau und lastend ohne die reinigende Entladung eines Gewitters sich ablösen, schlichen die Tage einer um den anderen hin, und die Menschen im Haus schlichen mit ihnen. So konnte es nicht fortgehen! Es mußte etwas geschehen. Ein Entschluß mußte gefaßt werden, der irgendwie wieder Luft und Licht in die stickige Atmosphäre brachte.
Ohne Wissen der Mädels ging der Geheimrat vor.
Er hatte in Pommern, weit droben an der Küste, einen Stiefbruder. Man schrieb sich alle Jubeljahr, sah sich noch seltener. Für Käthe, Marga und Elli spielte der Onkel Gutsbesitzer fast eine mystische Rolle. Vor Jahr und Tag war er einmal an ihrem Kinderhimmel aufgetaucht: ein jovialer, untersetzter Mann mit ein paar seelenguten Augen in seinem wetterharten, braunroten Gesicht. Keine entfernte Ähnlichkeit mit Vater Richthoff. Seine Frau oder gar die Cousinen -- es konnten sechs oder mehr sein, denn Onkel Thiele schickte, wenn nichts anderes, so doch Jahre hindurch regelmäßig eine fröhliche Geburtsanzeige -- waren völlig sagenhaft.
Dorthin richtete der alte Herr, einer plötzlichen Eingebung folgend, seine Hoffnungen und bald darauf ein Schreiben, so brüderlich und leserlich, als es ihm nur möglich war. Zum Schluß fragte er unumwunden an, ob man seine zwei Jüngsten für ein paar Wochen auf Güstow brauchen könnte. Der Geheimrat mußte keine acht Tage warten, bis die Antwort kam, geschrieben von einer guten, ehrlichen preußischen Landwirtsklaue. Es wäre zwar im Sommer schöner in Güstow. Dafür hätte man aber jetzt, nach guter Ernte, mehr Zeit und mehr Geld. Auch versprächen die Jagden allerhand Gutes. Kurz: die beiden Jüngsten wären willkommen. Seine Frau und seine Döchtings wären schon jetzt „doll vor Vergnügen” über den Besuch der Richthoffschen Vettern. Das war ein kleines Mißverständnis: Onkel Thiele hatte sich im Lauf der Zeit eingebildet, sein Stiefbruder müsse naturnotwendig ebenso viele Jungens haben, wie er Mädels hatte. Doch das ließ sich aufklären. Die Hauptsache war: Marga und Elli wurden erwartet.
Der Geheimrat atmete auf. Er erhielt Onkel Thieles Brief zum Frühstück. Als er ihn zu Ende gelesen, sah er seine Mädels der Reihe nach an. Zum erstenmal brachte er es fertig, ihren trübseligen Mienen mit einer halbwegs heiteren Verschmitztheit zu begegnen. „Wißt ihr, wer Onkel Bernhard ist?” forschte er in der Runde.
„Onkel Bernhard?” Elli schüttelte den Kopf.
„Meinst du Onkel Thiele in Pommern?” fragte Käthe nach bedächtigem Schweigen.
„Allerdings,” nickte Vater Richthoff, „Onkel Bernhard Thiele, Gutsbesitzer auf Güstow, Kreis Regenwalde in Pommern.”
„Ach, der! Dein Stiefbruder! Was ist's mit ihm?” Elli war glücklich, daß das öde Einerlei der Mahlzeiten durch einen neuen Unterhaltungsstoff sich für einen Augenblick aufhellte. Das leidlich muntere, väterliche Gesicht entzündete leise ihre alte, ausgelassene Laune. „Hat er wieder Familienzuwachs bekommen?”
„Das gerade nicht, Naseweis!” erwiderte der Geheimrat. „Aber er lädt euch ein.”
„Lädt uns ein? Nach Pommern? Auf sein Gut? Wen -- uns? Für wann?” Es war so verlockend für Elli, einmal wieder drei, vier Fragen auf einmal losfeuern zu können.
„Onkel Thiele lädt dich und Marga ein, ihn jetzt für einige Wochen auf Güstow zu besuchen!” erklärte der alte Herr klar und bündig.