Part 2
Der alte Herr liebte allerdings nichts weniger, als wenn man sich in seine „Amtsangelegenheiten” mischte. Wenn er etwas davon mitzuteilen für gut fand, war das eine seltene Huld und geschah aus freien Stücken. Wäre er weniger befriedigt von seinen römischen Kaisern gekommen, eine barsch ablehnende Antwort hätte nicht ausbleiben können. Aber guter Dinge, wie er war, begnügte er sich mit der mildesten Form, die er hatte, wenn es galt, unerwünschte Fragen abzuweisen: er überhörte sie und blieb eifrig in seine Mahlzeit vertieft.
Die drei Mädels kannten ihn zu genau, um nicht diesen stummen Bescheid zu verstehen.
Elli und Käthe verständigten sich durch einen Blick: ~Lasciate ogni speranza!~
Marga hatte aufgehört zu essen. Sie hatte den Kopf gesenkt. Die Finger der rechten Hand strichen langsam das Tischtuch. Trauer und Beschämung prägten sich in ihrem Gesicht aus. Bei ihrer gesteigerten Empfindungsfähigkeit ging dieser stumme Tadel tiefer als eine entschiedene Zurückweisung. Sie fühlte sich überdies vor den Schwestern gedemütigt.
Dem alten Herrn entging ihre Stimmung nicht. Er wollte heute fröhliche Gesichter um sich sehen. „Sag mal, Marga,” begann er, nachdem er die zweite Tasse Tee in einem Zug geleert hatte, mit gravitätischem Ernst, „ich höre, du hast heimliche Herrenbekanntschaften!”
Käthe und Elli starrten erst Papa, dann die Schwester mit aufgerissenen Augen an.
„Ich -- heimliche Herrenbekanntschaften?!” stammelte Marga.
„Na ja!” fuhr der Geheimrat im selben Ton fort, während er sich wie ein Großinquisitor im Sessel zurücklehnte. „Kennst du vielleicht einen gewissen Doktor Perthes? Ich glaube -- ja doch -- Max Perthes?”
„Perthes?” wiederholte Marga ungläubig und schüttelte den Kopf.
„Der Herr behauptet aber, dich zu kennen.”
„Davon weiß ich nichts,” beteuerte sie ernsthaft. Eine leichte Röte belebte ihre matten Farben. Sie erinnerte sich des Namens nicht. Sie kannte nur _die_ Herren, die als Hörer des Geheimrats ein- oder zweimal im Jahr zur Abfütterung kamen, und auch diese nur flüchtig, denn solche offiziellen Gesellschaften pflegten für sie fast immer eine Qual zu sein, die sie nur auf Papas ausdrücklichen Wunsch ertrug.
„Was ist er denn?” platzte Elli hervor, die ihre Neugier nicht mehr bemeistern konnte. „Philolog oder Jurist oder --”
„Immer fein geduldig, Kleinchen! Bring mir meine Zigarren!”
Elli beeilte sich, die Kiste vor ihn hinzustellen. Erwartungsvoll blieb sie neben ihm stehen.
„Wo will er denn Marga kennen gelernt haben?” konnte nun auch die besonnene Käthe sich nicht enthalten zu fragen. Daß Marga einen Herrn kennen sollte, den sie und Elli nicht kannten, das war etwas zu Außergewöhnliches.
„Du hältst mich zum besten, Papa,” erklärte Marga bestimmt.
„Oho! Objektive, geschichtliche Tatsache! Quelle unanfechtbar!” Der alte Herr hatte sich die lange Holländerin angesteckt und blies den Rauch von sich. Er weidete sich an der Neugier seiner Mädels und gefiel sich darin, sie noch höher zu spannen. „Übrigens ein schrecklicher Modejüngling,” setzte er nach einer Pause seine Mitteilungen fort.
„Ein Modejüngling -- und Marga!” rief Elli lachend. Käthe lachte mit, und auch Marga schüttelte mit leisem Lächeln von neuem den Kopf.
„Er ist, glaube ich, Mediziner.”
„Mediziner?” klang es dreifach noch ungläubiger zurück.
„Trägt er vielleicht ein Pfeffer-und-Salz-Jackett?” entfuhr es Elli. „Und --” Sie verstummte jäh, über sich selber erschrocken. In ihrer übersprudelnden Lebhaftigkeit hatte sie alle Vorsicht vergessen.
Käthe war außer sich über diese Dummheit. Sie stand auf, Marga folgte ihr. Alle drei umstanden sie den kurulischen Sessel des Geheimrats, der Gott sei Dank keine Ahnung von so modischen Fachausdrücken wie „Pfeffer-und-Salz-Jackett” hatte und von seinen Besuchern alles andere eher denn Einzelheiten ihrer Kleidung im Gedächtnis behielt.
„Pfeffer-und-Salz-Jackett?” wiederholte er kopfschüttelnd. „Woher kennst denn du ihn, Kleinchen?”
„Nein, nein! Ich meinte nur so; ich kenne ihn so wenig wie irgendwer,” versicherte Elli krampfhaft.
„Also, kurz und gut,” resümierte der alte Herr, „er behauptet, Volontärarzt in Hemsbach gewesen zu sein.”
„Volontärarzt? In Hemsbach?” Marga besann sich. Sie war dort einen Sommer über -- es war vier, fünf Jahre her -- in einer Blindenanstalt gewesen, um sich in ihren Fertigkeiten zu vervollkommnen. Aus ihrer Erinnerung an diese schwere Zeit löste sich jetzt eine entfernte Gestalt. Damals war neben dem Direktor ein jüngerer Arzt dort, der sich gern mit ihr unterhielt und mit ihr lernte. Jetzt kam ihr auch der Name zurück. „Ach, der!” setzte sie plötzlich gedankenvoll hinzu.
„Jawohl -- der!” schmunzelte der Geheimrat. „Habe ich nun recht, wenn ich sage, Marga hat heimliche Herrenbekanntschaften?”
„Natürlich hast du recht!” rief Elli lustig. „Das sind ja nette Sachen, die man von dir hört, Margakind!” Sie schlang den Arm um Margas Hals und zupfte sie neckend am Ohr.
„Und gar nie ein Sterbenswörtchen davon zu erzählen!” sagte Käthe ganz vorwurfsvoll.
„Aber das war ja nur eine ganz flüchtige Bekanntschaft,” verteidigte sich Marga. Sie war ordentlich bestürzt. Ihre Augen gingen ratlos auf die Suche. Sie war rührend in ihrer leichten Erregung und verschämten Hilflosigkeit. Dazu regte sich etwas wie Stolz in ihr. Daß der Besuch des „Neuen”, der die Gemüter so beschäftigt hatte und nun unerwartet, kampflos aus seinem Inkognito hervorgetreten war, gerade mit ihr zusammenhing, war ein für ihre abgeschlossene Welt ungewöhnliches Ereignis. „Doktor Perthes war übrigens gar kein solcher Laffe,” erklärte sie nach einigem Besinnen mit ernsthaftem Nachdruck und unter allgemeiner Heiterkeit.
Der alte Herr erhob sich jetzt gleichfalls von seinem Sessel und klopfte ihr auf die Schulter. „Jedenfalls hast du ihn mir auf den Hals gehetzt, Kind. Er behauptet steif und fest, du hättest ihn eingeladen, uns zu besuchen, wenn er je einmal hierherkäme. Zugegeben?”
„Das weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß er damals freundlich zu mir war und --”
„Närrchen! Natürlich kam er nicht nur deshalb und deinetwegen. Er hatte an mich eine Empfehlung von meinem Freunde Schlutius in Bonn, der irgendwie mit ihm verwandt ist. Das genügt! Käthe, setz ihn auf die Liste. Er wird gelegentlich mal eingeladen. Und damit hat der Schnack ein Ende.” Er gab Marga einen leichten Backenstreich. Das war ein Zeichen seiner höchsten Gunst. Dann nahm er seine Abendzeitung vor und ging durch Wohnzimmer und Salon nach der verglasten Veranda auf der Vorderseite des Hauses. Dort brannte schon die Lampe, unter deren Schein er lesend eine halbe Stunde auf und ab ging, ehe er wieder zu seinen Kaisern hinaufstieg.
Für die drei Mädels aber hatte der Schnack noch kein Ende. Kaum war Vater Richthoff außer Hörweite, so wurde Marga von Elli und Käthe mit Fragen über und über bestürmt. Sie wußte nicht halb soviel, als sie hätte wissen müssen. Elli, die ihren siebzehnjährigen Übermut austoben mußte, wo immer eine Gelegenheit sich bot, faßte Marga als Herr um die Taille. Marga mußte jetzt unbedingt tanzen lernen. „Was soll _dein_ Doktor sonst von dir denken? _Dein_ Doktor kann das von dir verlangen. _Dein_ Doktor wird entsetzt sein, wenn du solche Schritte machst.” So ging der lose Mund atemlos immerzu, während sie Marga unerbittlich im Kreise drehte, ob diese wollte oder nicht. Käthe schrieb indessen feierlich „Doktor Max Perthes” auf die Liste der Einzuladenden, die zu führen Papa ihr anvertraut hatte, und hielt, unbekümmert, ob sie gehört wurde oder nicht, sehr weise Reden darüber, daß sie den „Neuen” gleich für einen Mediziner gehalten hätte; daß Mediziner _immer_ so und so aussehen und _immer_ solche und solche Menschen seien.
Zum Glück für Marga fiel es den Schwestern plötzlich ein, daß ja heute der „Akademische Gesangverein” Probe hatte. Wollte man nicht zu spät kommen und von Professor Külz ein Nasenrümpfen beziehen, so war es höchste Zeit zum Aufbruch. Im Nu stürmte Elli davon, um sich fertigzumachen. Ihr feines Stimmchen trällerte die zu probende Bachkantate durchs Haus. Käthe folgte ihr, nachdem sie Therese zum Abräumen des Tisches gerufen.
Marga blieb im Eßzimmer zurück. Sie war wie betäubt von der letzten Viertelstunde. Von Papas neckender Enthüllung und dem Umtrieb, den Elli mit ihr angestellt hatte. Sie ordnete das zerzauste Haar, dessen Strähnen von dem unfreiwilligen Tanz sich an den Schläfen und im Nacken gelöst hatten. Während Therese abzuräumen begann, ging sie auf den kleinen Hof hinaus, der in gleicher Höhe mit dem ersten Stock hinter dem Hause lag, und von dem ein steiler Weg bergwärts in den Garten oder, wie er allgemein hieß, den „Weinberg” führte.
Es war schon kühl geworden. Eine reine, würzige Luft strich vom Weinberg herunter. Die Dämmerung, deren dunkles Wachsen Marga um sich fühlte, tat ihr wohl. Sie kreuzte die Arme hinter dem Rücken und verschränkte die Hände. Das war ihre liebste Haltung, wenn ein Ungewohntes in ihrem Innern wirkte. So schritt sie langsam im Hof auf und nieder. So überdachte und verarbeitete sie das Kleinste und das Größte, bis es in die große und einfache Stille ihrer Seele aufgegangen war, die nichts Unfertiges und Unklares in sich duldete. Eine um die andere ging sie ihre Empfindungen durch. Erst war sie erschrocken, als Papa sie so gravitätisch vornahm und zur Rede stellte. Dann hatte sie den Scherz herausgemerkt. Freude und Stolz hatte sie gefühlt, daß ein Mann sich ihrer erinnerte, nach ihr sich erkundigte und ihretwegen Besuch machte. Jedes andere junge Mädchen hätte an ihrer Stelle ähnliches empfunden. Für sie war es nur neuer, verwirrender, weil das Leben da draußen, das Leben der Weltmenschen, wie sie es nannte, sich immer nur um die beiden Schwestern zu kümmern pflegte, nicht um sie. Sie wollte ihre heimliche Freude in der Lustigkeit der Schwestern aufgehen lassen. Willig ließ sie sich ausfragen, sich necken, mit sich tollen. Aber unvermutet stieg ein anderes Gefühl in ihr auf, ein bitteres, schmerzliches: hinter der Fröhlichkeit der anderen steckte etwas, das sie verletzte, ohne daß sie es wußten oder wollten. Daß es gerade sie war, Marga, die Blinde, die Ausgeschlossene; sie, bei der die Bekanntschaft mit einem Mann so gar nichts zu bedeuten hatte -- das machte die Sache so besonders spaßhaft. Es war so komisch, weil es so ganz ungefährlich war. Und im selben Sinne hatte es auch Papa aufgenommen: „Damit hat der Schnack ein Ende!” -- hinter diesem Wort fand ihr Grübeln die gleiche Grenze, jenseits deren es für sie keine Wünsche, keine Hoffnungen, darum auch keinen Ernst geben konnte.
Und an jene Grenze stieß auch jetzt sie selbst, während sie so sicher und still in dem ihr vertrauten Hofraum auf und ab schritt. Sie hatten ja recht. Es war in Wirklichkeit so. Dies Jenseits war ihr genommen, seit in ihrem vierzehnten Jahr, zwei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter, eine Netzhautablösung ihre ohnehin schon schwachen Augen für immer gelöscht hatte. Damals hatte sie nur halb begriffen, was sie verloren. Erst mit den Jahren wuchs auch das Verständnis ihres Verlustes. Die Schwestern und alle, mit denen sie umging, sprachen nie davon. Aus ihrem Mitleid erriet sie es. Immer besser, immer bestimmter wußte sie, daß das höchste Glück, das einem Menschenkind nach irdischem Denken und Fühlen aufbehalten war, nicht das ihre sein konnte. Sie fühlte Kraft genug in sich, um zu entsagen. Sie kämpfte, sie rang, sie ruhte nicht, bis ihre Stille ihr gab, was sie brauchte; bis sie mit sich allein zufrieden sein und nur in sich selber ihr Glück suchen wollte. Ihr Stolz kam ihr zu Hilfe; ihr Stolz hielt sie aufrecht, wenn sie zu verzagen und schwach zu werden drohte.
Und dennoch -- dennoch! Es war noch eine andere Kraft in ihr, die sich mitunter gegen ihre stille Ergebenheit aufbäumte. Ihre Jugend ließ und ließ sich nicht auf einmal und für immer niederzwingen. Die fühlte sie auch jetzt sich auflehnen. Die stürmte in ihr auf, daß sie die Hände an die heißen, pochenden Schläfen legen mußte. War nicht dieser Doktor Perthes doch vielleicht um ihretwillen gekommen? Er konnte ja die Empfehlung, von der Papa sprach, sich haben nur darum geben lassen, weil er sie wiedersehen wollte. Es brauchte nicht nur der Wunsch zu sein, Verkehr zu haben oder höflich zu sein oder ihr seine mitleidsvolle Achtung auszudrücken -- -- Aber das war ja Unsinn! Sie schwärmte ja! Sie täuschte sich vor, ihn näher zu kennen, als sie ihn je gekannt. Das Bild, das ihr die Erinnerung gab, bestand kaum aus ein paar spärlichen Zügen: er hatte manchmal mit ihr geplaudert, sie belehrt, war auf die Gedanken und Gefühle eines halberwachsenen Mädchens nachsichtig eingegangen. Sie machte jetzt ihre Erinnerung mit Gewalt ärmer, als sie war. Sie wollte nicht schwächlich, weich gegen sich sein, sondern tapfer. Und klar, wie sie es immer von sich verlangte. Rücksichtslos klar.
Jetzt war sie schon so weit, daß sie lächeln konnte. Lächeln über den winzigen, eingebildeten Sturm, der ihr Gleichgewicht hatte stören wollen.
Langsam stieg sie vom Hof in den Weinberg hinauf.
Der Nachtwind rüttelte leise und friedlich in den Büschen und Baumkronen. Von dem Fliederstrauch bei der ersten Laube nahm er eine Wolke blühenden Duftes und hauchte sie über Marga aus. Hoch und höher stieg sie; kaum daß sie an einen Stein anstieß, so vertraut war ihr die Steige. Bis zu ihrer Pappel, die hinter der zweiten Laube stand, klomm sie empor.
Dort lehnte sie sich gegen den rissigen Stamm.
Die Nacht war ihre Freundin. Sie wuchs von unten herauf, aus der Ebene, wo die Stadt einschlummerte; wo draußen ferne Tannensäume starrten und der Fluß zwischen jungen Feldern sich verlor, in Margas Träumen so schön wie in keiner Wirklichkeit. Sie senkte sich auf sie herab, aus der unendlichen Höhe und Tiefe des Himmels, wo die Sterne blitzen mußten, nein blitzten -- ein einziges, ewiges, königliches Gewirk von leuchtendem Gold und seliger Bläue. Weit, weit breitete sie die Arme aus, als könnte sie die Nacht, die friedliche, an sich raffen. Aus der Ferne und Nähe, von unten, von oben. Und dann schlang sie die Hände beglückt über ihrem Kopf ineinander; so frei fühlte sie sich, so klar, so in sich selber und in der Nacht geborgen.
2
Am Sonnabend war es üblich, das Institut früher als sonst zu verlassen. Professor Hammann, der Chef, war den ganzen Tag nicht erschienen. Er war über Sonnabend und Sonntag wieder einmal weggefahren. Nach dem Rhein. Er pflegte dann Freitagabends seinen beiden Assistenten ~en passant~ seine „Dienstreise” anzukündigen.
Junggeselle, reich, durch glänzende akademische Beziehungen in seiner Laufbahn gesichert, ohne Ehrgeiz und ohne tiefere Neigung zu seiner Wissenschaft, trieb er seine Bakteriologie bestenfalls wie einen Sport unter den andern. Denn der Sport war seine Lebensaufgabe, er war die Grundlage seiner Lebensanschauung. Man konnte sicher sein, daß die „Dienstreise” einem Rennen, einer Regatta, einem Tennis- oder Hockeymatch galt, bei dem er nicht fehlen durfte. Du lieber Gott! Die Bazillen nahmen ihm das nicht weiter übel. Mit den zweien, die er selber früher entdeckt, war das bißchen Gelehrtenruf hergestellt: die „Jahrbuchunsterblichkeit”, wie er mit unverhohlener Selbstironie im vertrauten Kreise zu sagen pflegte. Das Weitere besorgten die Assistenten unter seinem Namen.
Doktor Markwaldt, der erste Assistent, hatte schon gleich nach fünf Schluß gemacht. Er saß rittlings auf seinem Stuhl und las seine Berliner Zeitung. Bisweilen schielte er über das Blatt weg nach seinem Kollegen, der noch immer mikroskopierte, und stellte psychologische Zwischenbetrachtungen an.
Dieser Perthes war doch ein merkwürdiger Bursche! Markwaldt bildete sich ein, Menschenkenner von Beruf zu sein -- er beurteilte seine Fähigkeit nach der Fixigkeit seines Urteils --, aber dieser Junge, dieser Perthes, trotzte nun bald seit fünf Monaten, seit er überhaupt zweiter Assistent war, den Markwaldtschen Erfahrungsgrundsätzen. Drei Wochen lang arbeitete er wie ein Büffel; er verbiß sich in irgendeine Sache und schien darüber Himmel und Erde zu vergessen. Der Junge war ein Streber, ein ganz gewöhnlicher Streber. Das stand fest. So lange, bis die drei nächsten Wochen anfingen. Wie mit einem Schlage war derselbe Perthes wie ausgewechselt. Er erschien fast nur gastweise im Institut; er sprach von seiner Wissenschaft in den geringschätzigsten Ausdrücken, spielte sich als Naturmensch und Krafthuber auf, der in Wald und Feld herumtobte, wie ein Besessener ruderte und zeitweise überhaupt vom Erdboden verschluckt zu sein schien. Keine Frage: der Junge war ein ausgepichter Faulenzer, der es nie zu etwas bringen konnte. Alles Laune, Tollheit, Verschrobenheit. Bis das Wetter von neuem umschlug und der Arbeitsteufel wieder über ihn kam. Aus diesem Chamäleon mochte ein anderer klug werden!
Inzwischen hatte Perthes mit einem kurzen Entschluß den weißen Arbeitsmantel in den Kasten gehängt und mit dem schon bekannten Pfeffer-und-Salz-Jackett vertauscht. „Gehen wir?” fragte er mit knappem Ton, schon halb in der Tür.
„Höchste Zeit!” Markwaldt sprang auf und steckte die Zeitung in die Tasche.
Nach einer kurzen Weisung an den Institutsdiener, der aus seiner Stube im Erdgeschoß getrommelt wurde, verließen die beiden Assistenten das Haus und schlenderten, die langweilige Enzisheimer Straße vermeidend, durch die Allee am Fluß aus dem klinischen Viertel stadtwärts.
Es war ein ungleiches Paar. Perthes, hochgewachsen, schlank, brünett, überragte den rundlichen, weißblonden Markwaldt um fast zwei Haupteslängen. Auch wenn er, wie jetzt, langsam ging, war er mindestens um einen Schritt dem anderen voraus. Er hatte den blaubebänderten Panamahut abgenommen oder vielmehr noch gar nicht aufgesetzt. Lässig schlenkerte er ihn in der Linken. Den Kopf mit dem dichten, dunklen, verworrenen Haar, den buschigen Brauen, dem kräftigen braunen Vollbart neigte er leicht nach rechts zu seinem Gefährten herunter, als hörte er dessen Reden zu. Doch waren die leicht zugekniffenen Augen geradeaus ins Weite gerichtet und verrieten das Gegenteil.
Markwaldt erzählte von einem Gartenfest, das Hupfeld, das „große Tier” der Fakultät, die weitberühmte chirurgische Exzellenz, im vorigen Sommer gegeben hatte. „Sie müssen dort Besuch machen, Kollege! Unbedingt. Das einzige Haus großen Stils in unserem gottbegnadeten Jammerdorf. Tipptopp! Nicht diese ollen, langweiligen Geheimratsfressereien, wo man sich mit zehn, zwanzig höheren Töchtern tothupsen muß. Und dann -- Alli! Pardon, Alice!” Er schnalzte statt aller Charakteristik mit der Zunge. „Na, die kennen Sie ja schon -- Fräulein Exzellenz, was?”
Perthes schüttelte gleichgültig den Kopf. „Keine Ahnung,” antwortete er zerstreut.
„Nicht die Möglichkeit! Sie sollten unter die Sterngucker gehen, Perthes. Wahrhaftig!” Markwaldt blieb stehen und klopfte empört mit dem Stock auf den Boden, daß seine kuglige Figur, die so prall in dem blauen Anzug mit der buntgestickten Weste steckte, in Erschütterung geriet. Dann stützte er beide Hände auf den achatenen Stockknopf und stellte eins seiner kurzen Beine graziös hinter das andere. Er zwang so Perthes, stehenzubleiben und sich zu ihm umzuwenden. „So was übersieht man doch nicht -- die einzige schicke Erscheinung im ganzen Nest! Wetten, daß das Teufelsmädel Sie schon kennt?”
Perthes zuckte ungeduldig die Achseln. Markwaldt langweilte ihn. Er wollte weiter, aber sein Partner blieb unerbittlich stehen, wo er stand, und redete drauflos.
„So werden Sie's zu nichts bringen, Verehrtester! Zu gar nichts. Und Sie wollen akademisch werden?! Die Mädels sind ja doch die Hauptsache, sag' ich Ihnen. Den ganzen Professorenklumpatsch können Sie, wie Gott-Vater, in die eine Wagschale legen, Ihre Bakteriologie und was Sie sonst wissen dazu. In die andere Schale muß das richtige Mädel, und wuppdich -- sie senkt sich, daß die Professorenperücken und Ihre Wissenschaft an die Decke fliegen. So liegt die Chose!”
Jetzt mußte Perthes -- unter der Wucht solcher Anschaulichkeit -- wohl oder übel lachen. Seine starken weißen Zähne leuchteten aus dem dunklen Barthaar. „Das ist doch wohl die alte Schule, Kollege Markwaldt,” meinte er leichthin.
„Alte Schule?” ereiferte sich Markwaldt. „Alte Schule? Sie, o Sie -- verzeihen Sie! -- Sie unglaublicher Embryo! Die _ewige_ Schule ist das!” Er mußte sich jetzt entschließen, dem weiterschreitenden Perthes zu folgen. „Werden ja sehen. Übrigens, Besuch machen müssen Sie bei Hupfeld doch. Das ist einfach so Brauch von alters her. Fragen Sie den Chef!”
„Ich besuche, wen ich will,” gab Perthes mit beinahe unfreundlicher Bestimmtheit zurück. Ein Angriff auf seine Freiheit bewirkte bei ihm alles andere eher als Nachgiebigkeit.
„Verdrehtes Huhn!” knirschte Markwaldt in sich hinein, doch immerhin so vorsichtig, daß sein Gefährte die Schmeichelei nur ahnen konnte. Ihm konnte es ja schließlich egal sein, wie Perthes die Sache angriff. So harmlos er sonst war, so sagte ihm doch jetzt der Ärger: Je verkehrter, desto besser. Seine Verstimmung dauerte indes nicht lange. Schon strich er wieder mit der Selbstgefälligkeit des guten Jungen, der er war, den kurzgeschnittenen dürftigen Schnurrbart und pfiff durch die roten Lippen. An der Brücke, die hinüber nach der Neustadt führte, verabschiedete er sich.
„Kommen doch zum Klinikerabend heute, was?” fragte Markwaldt.
„Vielleicht,” lautete die ausweichende Antwort.
„Na, denn -- auf Wiedersehen!” Markwaldt schritt seinem Stammcafé zu, wo er die Zeit bis zum Abendessen mit Billardspielen totschlagen wollte.
Perthes ging auf der Altstadtseite am Fluß weiter. Die Allee wurde dort belebter. Alte Leute saßen auf den Bänken in der Sonne, die in ihrem sachten Niedergang seitwärts in die Allee hereinblinkte. Kinder häufelten Sand und liefen den Fußgängern zwischen die Beine. Auf dem Fluß schoß ein langes, schmales Ruderboot pfeilschnell dahin. Die Ruderer mit ihren roten Mützen und weißen Trikotanzügen hoben sich grell ab von dem dunkelgrünen Wasser. Ihre nackten Arme warfen sie nach dem lauten, mechanischen Kommando des Steuermanns im Gleichtakt vor und zurück. Auf dem Graspfad unten an der Uferböschung lief der Leiter des Klubs, ein jugendfroher Gymnasialprofessor, mit einer mächtigen Schalltube. Er begleitete das Boot und rief seine Kritik durch den Trichter dröhnend über das Wasser hin. Zuzeiten selbst ein leidenschaftlicher Ruderer, sah Perthes dem Boot mit Interesse nach. Dann ging er über die Straße nach seiner nahen Wohnung und stieg lässig die Treppe hinauf.
Ein geräumiges Giebelzimmer mit dem freien Blick auf den Fluß und die gegenüberliegenden Waldberge war sein Quartier. Ein kleiner Alkoven stieß daran. Eine Veranda, luftig und keck wie ein Vogelnest, war unter den Dachsparren vorgebaut. Einfach, aber freundlich und sauber war alles eingerichtet. Es war gut hausen da oben.
Als Perthes eintrat, sah er sich um. Auf dem Tisch lag eine Drucksache. Er riß sie auf und warf sie beiseite. Ein medizinischer Katalog, weiter nichts.
Eine Weile stand er unter der offenen Verandatür und starrte hinüber nach dem anderen Ufer. Unter den Landhäusern in der Neustadt drüben schien er ein bestimmtes zu fixieren. Dann drehte er sich schroff zurück ins Zimmer. Er trat vor seine Bibliothek, die auf einem Regal neben dem Schreibtisch an der Wand stand. Eine seltsame literarische Auslese, die sich da beisammen fand. Kochs „Reiseberichte über Rinder- und Bubonenpest in Indien” neben Richard Wagners Werken; einige Bände der „Medizinischen Wochenschrift” neben Schopenhauer, Haeckel, Zola; ein Band Kant, Sophokles, Pasteur, Goethe, Czernys Krebsforschungen nachbarlich beieinander. Nichts aus der bunten Reihe lockte ihn. Mit leeren Händen setzte er sich in den rohrgeflochtenen Schaukelstuhl.