Die große Stille: Roman

Part 19

Chapter 193,644 wordsPublic domain

Noch nie hatten sie sich so verstanden, waren die Herzen von Vater und Tochter sich so nahe gekommen wie in dieser Stunde. Der Geheimrat sprach weder das Ja noch das Nein, das zu erwirken seine Vernunft und sein Herz sich so heiß befehdet hatten. Aber er erklärte sich bereit, den Doktor, diesen Eindringling und Ruhestörer, zu empfangen. „Um ihm den Kopf zu waschen!” wie er meinte. Und er ließ sich zwar nicht von Marga küssen, aber er gab ihr selbst eine Art unwirschen Kuß auf die Stirn und brummte etwas von „Vertrauen haben” in den Bart. Und Margas Augen schimmerten von Dankbarkeit. --

Käthe hatte sich für den Nachmittag mit Lizzie zu einem Besorgungsgang in die Stadt verabredet. Bald nach Tisch ging sie aus dem Haus.

„Die wird Augen machen, wenn sie am Abend heimkommt!” frohlockte Elli, als sie mit Marga allein zurückblieb.

„Ich hätte ihr gern eine Andeutung gemacht,” meinte Marga nachdenklich. „Sie wird es nicht schwesterlich finden, daß ich sie so gar nicht vorbereitete.”

„Ach was,” beruhigte Elli, „die Überraschung ist ja gerade das Netteste! -- Was machen wir jetzt? Es dauert noch anderthalb Stunden, ehe das große Ereignis beginnt. Ich glaube, ich bin aufgeregter als du, Margakind! Faß mal an!” Sie legte die Hand der Schwester an ihre glühheiße Wange. „Hast du kalte Hände -- puh! Dir scheint's ja auch tüchtig schummerig zu sein. Wir müssen was vornehmen! Du hättest mal sehen sollen, wie Papa aussah bei Tisch! Richtig feierlich wie ein Brautvater. Und manchmal bewegte er die Lippen, wie wenn er eine kleine Ansprache hielte -- an den künftigen Schwiegersohn natürlich!” Sie kicherte erregt und sah zum Fenster der Eßstube hinaus auf den Weinberg. „Wahrhaftig! Papa kommt schon zurück! Keine zehn Minuten war er heut' bei seinen Schnecken. Du hast die Hausordnung schön auf den Kopf gestellt, Margakind! -- Komm, wir gehen nach oben! In unsere Stube. Da wird's noch am ehesten auszuhalten sein.”

Marga ließ sich willenlos von Elli hinaufführen. Nun, da die Entscheidung mit jeder Minute näher auf sie zukam, wurde es ihr doch schwer und schwerer ums Herz. Um nicht verzagt zu werden, mußte sie sich immer bei sich wiederholen: Es ist ja doch das Glück, das vor der Tür steht! Papa wird sicher alles gutmachen! Und Max --

Aber Elli ließ sie nicht erst lange grübeln. Sie drückte sie in die Sofaecke, setzte sich neben sie, ganz nahe, und schwatzte -- schwatzte das Blaue vom Himmel herunter. „Natürlich wird ihn Papa nachher dabehalten. Er muß bei uns Abendbrot essen. Denk' dir, als dein offizieller Bräutigam! -- Kannst du dir eigentlich Papa vorstellen -- als Schwiegervater? Wenn er mit deinem Max sich so richtig was erzählt? -- Eigentlich ist's doch zu schnurrig, daß du die erste von uns dreien bist. Lizzie, Cousine Grasvogel, die Wilmannsmädels -- die Gesichter möcht' ich sehen! -- Wer wohl die nächste nach dir ist? Wenn doch Wilkens endlich wenigstens seinen Doktor machen wollte! Er hat mir geschworen, er werde nach Neujahr ins Examen steigen. Aber seine Meineide sind gar nicht mehr zu zählen!” Traurig und seufzend ließ Elli die Stimme sinken.

„Diesmal wird er bestimmt Wort halten,” tröstete Marga.

„Meinst du? Vielleicht nimmt er sich ein gutes Beispiel. -- Ach, du, Margakind, waren das Tage auf der Sägemühle! So schön wird's im ganzen Leben nicht wieder!”

Jetzt war der rechte Gesprächsstoff gefunden.

Sie gingen miteinander den Sommer durch, beinahe Tag um Tag. Wie Perthes und Wilkens zum erstenmal miteinander draußen auftauchten. So unerwartet und doch erwartet. Wie Marga ihm das Wiederkommen verbot. Wie sie und Elli jenen Ausflug über die Berge machten. Erst in so niedergeschlagener, trüber Stimmung und dann auf dem Heimweg so glücksfroh -- über den endlosen Hang von läutenden Glockenblumen, den Marga erträumte. Als sie über den Fluß setzten, stand er drüben am Ufer. Ihre Herzen fanden sich. Und dann die lustigen Mahlzeiten zu vieren! Der tolle Besuch von Papa Wilmanns, wo Borngräber den Sündenbock machen mußte und die „Generalrevision” in Bowle und Tanz sich auflöste. Elli jubelte noch in der Erinnerung, und Marga, von ihrer Lustigkeit angesteckt, vergaß für Augenblicke, wie ihr Herz klopfte.

Die Kuckucksuhr meldete dreiviertel vier. Die Zeit war im Fluge vergangen. Sie horchten betroffen auf, als sie schlug, und wurden beide still und ernst.

„Ich möchte Max so gern einen Moment sprechen, ehe er zu Papa hineingeht,” brach Marga zuerst wieder das Schweigen. „Ihm wenigstens die Hand drücken oder doch zuwinken,” meinte sie beklommen.

„Natürlich sollst du das! Ich leg' mich auf die Lauer. Laß mich nur machen!” Schon war Elli aufgesprungen. Sie öffnete die Tür und schlüpfte nach dem Flur, um die Wache anzutreten, so wie sie und Käthe es zu machen pflegten, wenn das Semester anfing und die Hörer von Papa sich in der Sprechstunde anmeldeten. „Weißt du noch,” flüsterte sie, sich auf der Schwelle nach Marga umdrehend, „wie wir ihn zuerst sichteten? Damals -- mit dem Pfeffer-und-Salz-Jackett?”

Ob Marga das noch wußte! Es litt sie nicht länger auf ihrem Platz.

„Bleib doch!” mahnte Elli. „Wenn es klingelt und ich sehe, daß er's ist, ruf' ich dich!” Sie beugte sich herunterspähend über das Treppengeländer, obwohl noch nichts zu hören und zu sehen war.

Der Kuckuck holte zu seinen vier Rufen aus. Gleichzeitig wurde an der Hausklingel geläutet. Lange und schrill tönte es durchs Haus.

Marga ließ es sich nicht nehmen: ehe Elli es verhindern konnte, eilte sie die Treppe hinunter.

Sie war noch nicht im Erdgeschoß angelangt, als Therese schon geöffnet hatte. Eine fremde Stimme traf ihr Ohr. Enttäuscht blieb sie stehen.

„Da wird ein Brief für Sie abgegeben, Fräulein Marga.” Therese kam ihr entgegen und schob ihr ein Kuvert in die Hand.

Marga erschrak unwillkürlich. Was war das? Doch nicht -- Perthes würde doch nicht etwa abgehalten sein, zu kommen? Sie fühlte, wie ihr alles Blut aus dem Herzen strömte. Zitternd öffnete sie den Umschlag. Die Zeilen waren in Punktschrift geschrieben. Sie konnten also nur von ihm sein.

Es dauerte eine Ewigkeit, ehe ihre Finger sich zurechtfanden.

„Was ist denn los!” raunte Elli neugierig von oben. So weit sie sich vorbeugte, sie konnte nicht sehen, was vorging.

Marga achtete nicht auf ihre Frage. Während ihre Fingerspitzen das Papier abtasteten, bewegten ihre Lippen sich lautlos. Sie las:

„Liebe Marga!

Was gäbe ich drum, wenn ich diese Zeilen nicht schreiben müßte! Du wirst mich verachten, wenn Du sie liest, wie ich mich verachte. Ich kann nicht kommen. Ich kann mein Wort nicht einlösen -- --”

Weiter kam Marga nicht. Ihre Knie zitterten. Sie zerknitterte den Briefbogen zwischen ihren Fingern und preßte die Hand gegen ihr Herz. Ein gedämpfter, kurzer, klagender Aufschrei, wie der Schrei eines Sterbenden, rang sich von ihren Lippen. Instinktiv suchte sie die Treppen zu erklimmen. Sie stolperte wie eine Trunkene. Im ersten Stock taumelte sie gegen Vater Richthoffs Tür. Das ewige Dunkel um sie her schien ihr in eine Wolke roten Bluts verwandelt. Sie konnte nicht rufen. Ihre Sinne schwanden, und sie meinte, ihr Leben schwinde mit ihnen --: Er kam nicht! Er würde nie kommen! Alles war zu Ende ...

Der alte Herr öffnete seine Tür, erstaunt über das Geräusch, das sie erschütterte. Zur rechten Zeit, um Marga in seinen Armen aufzufangen.

11

Exzellenz Hupfeld hatte den Rundgang durch die chirurgische Klinik beendigt. Der Geheime Rat hatte eine mehrwöchige Nordlandreise hinter sich und war heute zum erstenmal wieder in der Klinik erschienen. Seine Assistenten in ihren weißen Mänteln begleiteten ihn bis unter das Portal, wo der Chauffeur mit dem Automobil wartete. Er pflegte dann bis zuletzt Fragen zu beantworten und Weisungen zu erteilen.

Der zweite Assistent, Doktor Brunner, ein sehr gewissenhafter, etwas pedantischer und schwerfälliger Mensch, dessen Haltung den ehemaligen Militärarzt verriet, folgte mit Perthes, dem im Range dritten, bis an den Wagenschlag, während einige jüngere Volontärärzte unter der Einfahrt stehen blieben.

Exzellenz gefiel sich in diesem feierlichen, beinahe fürstlichen Bild seiner An- und Abfahrten. Das Gefolge seines Stabes, vervollständigt durch den in Positur stehenden, die Mütze senkenden Chauffeur und den dienstbereiten Oberwärter, stand gut zu seiner überragenden Gestalt im hellgrauen Staubmantel mit der eleganten Schirmmütze. Er hatte es deshalb nicht sonderlich eilig mit dem Einsteigen. „Sie haben also keine guten Nachrichten von Professor Kronheim?” fragte er mit seiner lauten, getragenen Stimme den rechts von ihm stehenden Brunner.

„Leider nein, Exzellenz,” lautete die Antwort. „Ich fürchte, Kollege Kronheim wird seinen Urlaub noch um weitere vier bis sechs Wochen verlängern müssen.”

„Ist denn die Lungenaffektion fortgeschritten?”

„Fortgeschritten nicht gerade,” berichtete Brunner korrekt weiter, „aber es fehlen auch die Anzeichen für eine Besserung. Er denkt an einen Aufenthalt im Süden.”

„Daran hätte der arme Kerl eher denken sollen. Fatal. Höchst fatal!” Hupfeld strich sich gedankenvoll über das runde, volle Kinn. „Sie sagen, vier bis sechs Wochen. Ich fürchte -- ich fürchte, die Sache wird sich über den ganzen Winter hinziehen. Und wir haben in vierzehn Tagen Semesteranfang!” Er hatte den einen Fuß auf den Wagentritt gesetzt.

Chauffeur und Wärter beugten sich hilfsbereit vor, um ihn zu unterstützen.

Aber Exzellenz beharrte in tiefsinniger Stellung. „So wird die Geschichte nicht gehen. Wir müssen auf irgendeinen Ausweg denken,” überlegte er. „Ich sage das nicht,” wandte er sich lebhafter an seine beiden Assistenten, „um ihnen, meine Herren, den leisesten Vorwurf zu machen. Im Gegenteil, Sie tun das Menschenmögliche. Ich bin außerordentlich zufrieden.” Ein anerkennender Blick der blaßgrauen Augen schweifte von Brunner zu Perthes, auf dem er ruhen blieb. „Sie müssen entlastet werden, meine Herren! Sie reiben sich auf. Besonders Ihr Aussehen, mein lieber Perthes, gefällt mir ganz und gar nicht. Sie überarbeiten sich!”

„Exzellenz sind sehr gütig. Aber ich fühle mich ausgezeichnet!” versicherte Perthes. Die gelbliche Farbe seines Gesichts, die tiefen Furchen unter den verschleierten Augen schienen ihn freilich Lügen zu strafen.

„Nein, nein, mein Lieber,” erwiderte mit einem huldvollen Hochziehen der dünnen, falben Augenbrauen der Geheime Rat, „ich kenne das. Sie sind ein Gewaltmensch. Sie werden nicht ruhen, bis Sie eines Tags zusammenklappen. Daraus wird nichts. Dazu sind Sie zu gut. Ich habe andere Pläne mit Ihnen!” Er nickte dem Doktor mit bedeutungsvollem Wohlwollen zu und schwang sich in den Kraftwagen, so gewandt und sicher, daß der Chauffeur nur den Schlag schließen und der Oberwärter nur einen respektvollen Bückling anbringen konnte. „Lassen Sie sich bald mal wieder bei uns sehen, Doktor Perthes. Sie, Kollege Brunner, lädt man ja doch umsonst ein. Der Herbst ist so schön draußen auf dem Stift!” Hupfeld lüftete jetzt höflich die Mütze. „Los!”

Das Automobil fauchte einen Augenblick. Dann fuhr es unter hellem Signal leicht und glatt davon.

„Sie werden sehen, er macht diesen Perthes zu seinem ersten Assistenten!” tuschelte einer der Volontärärzte den Kollegen zu, während sie ins Haus zurücktraten.

Perthes, der ihnen mit Brunner folgte, konnte die halb bewundernde, halb neidische Bemerkung hören. Er zog ärgerlich die Stirn in Falten. Es war ihm unangenehm, daß womöglich auch Brunner, der der nächste nach Kronheim war, solche Mutmaßungen auffangen konnte. Im übrigen waren ihm die Gerüchte, die über ihn im Umlauf waren, nicht neu. Er galt für den erklärten Günstling von Exzellenz. Ebenso ausgemacht war es unter den Kollegen, daß er Hupfelds Schwiegersohn werden würde. Daß ihn der Geheime Rat bevorzugte, darüber konnte er sich ebensowenig täuschen wie die anderen. Was aber seine vermeintlich bevorstehende Verbindung mit Alice Hupfeld anging, so hatte er noch vor acht Tagen, am Vorabend der geplanten Verlobung mit Marga, eine dahin zielende Fopperei Markwaldts, seines früheren Institutsgenossen, auf dem Klinikerabend mit fast beleidigender Schärfe zurückgewiesen. Würde Markwaldt, diese gutmütige Klatschbase, die es sich nun einmal zur Aufgabe gemacht hatte, den wahren Charakter des mysteriösen Perthes „auszuwickeln”, seine Anzapfung heute zu wiederholen gewagt haben -- er hätte bestenfalls ein Achselzucken oder ein spöttisches Zucken der Mundwinkel zur Antwort bekommen. Die Verachtung würde nicht einmal nur dem Frager gegolten haben; der Gefragte hätte sie auch auf sich selbst bezogen.

Ja, Max Perthes hatte begonnen, „umzuschalten” ...

Seine schroffe Abfertigung Markwaldts, so kurz vor dem beabsichtigten Besuch bei dem alten Herrn am Wenzelsberg, war ein letztes, ohnmächtiges Aufflackern gewesen. Damals war in ihm die Täuschung, er könnte wie ein Nachtwandler, nicht rechts, nicht links blickend, sich zu dem festen Ziel einer öffentlichen Verlobung mit Marga Richthoff durchzwingen, schon geschwunden. Mit jedem Schritt, den er der Entscheidung entgegentat, hatte er seine Kraft sich mindern gefühlt. Dafür trat ein, woran sein selbstherrlicher Stolz sich immer zu glauben geweigert hatte: seine Gedanken waren unermüdlich tätig, ihm die Äußerlichkeiten des Lebens herbeizuschleppen und vor ihm aufzutürmen, die aus dem Bund mit Marga sich ergeben mußten. Jene Kleinlichkeiten und Erbärmlichkeiten des Alltags, vor denen sie selbst in ihrem reiferen, weiblichen Feingefühl ihn gewarnt, und die er für jetzt und alle Zukunft gering geachtet hatte, gewannen eine unheimliche Gewalt über ihn. Was würden die Kollegen zu seiner Verlobung sagen? Was würde Alice für ein Gesicht ziehen? Wie mußte Exzellenz Hupfeld sie aufnehmen? Die Sticheleien, der Spott und Ärger, die Geringschätzung und Zurücksetzung, die kommen würden -- wie winzige bösartige Insekten wimmelten sie herbei, quälten seine Einbildung, unterfraßen und untergruben seinen ohnehin schon krampfhaften Entschluß. Nichts, gar nichts war geschehen, wenn er seine Verlobung mit Marga durchgesetzt hatte! Dann begann ja erst der Kampf! Ein Kampf, der seinem Stolz, seiner Stellung als Mensch und Gelehrter Wunde um Wunde schlagen, ihn vielleicht für immer aus seiner Laufbahn drängen würde!

Und er, der sich der Meinung anderer gegenüber für so gleichgültig und unempfindlich hielt, bebte schon vor den Gebilden zurück, mit denen seine Phantasie auf ihn eindrang. Vergebens wiederholte er sich gegenüber dieser kläglichen Schwachheit, daß bei Marga das Höhere, Schönheit und Frieden, die Selbstreife und die Erfüllung seiner inneren Sehnsucht sein würde -- ein Königreich gegenüber allem, was er an äußerlicher Wirklichkeit drangab. Das Königreich war nicht für ihn. Er hatte sich überschätzt. Er reichte da nicht hinauf! Und die Liebe, die ihn hätte emporheben müssen -- sie war nur ersprungen, nicht erschritten und erlebt.

Der Schiffbruch, dessen Schrecken er am Abend nach dem unseligen Diner auf Nieburg geahnt -- jetzt war er da. Die Welle, die ihn vom Strand, wo Marga ihn erwartete, zurückgerissen, trieb ihn vollends ab, rettungslos, unwiderstehlich, stromab in die Mittelmäßigkeit ...

Perthes litt unsäglich in den Stunden, die dem Absagebrief an Marga vorausgingen. Die Verachtung, der Ekel, den er gegen sich selber empfand, brachten ihn an den Rand der Verzweiflung. Wenn er es doch versuchte? Wenn er es darauf ankommen ließ, ob er, durch ein öffentliches Wort gebunden, nicht doch stärker war, als er meinte? Er ermaß, wie furchtbar er Marga treffen mußte. Ein Leid bis auf den Tod wollte er ihr antun, ihr, deren zartes, hingebendes Gemüt er kannte; ihr, die er sich gewissenlos, über ihre ängstlichen Bedenken weg, zu eigen gemacht! Aber war es gewissenhafter, sie noch enger an sich zu ketten, um sie noch schlimmer zu enttäuschen und zu trügen? Wollte er nicht einmal so ehrenhaft sein, sie zu retten, solange noch ein Schimmer von Hoffnung war, es zu können?

Und er schrieb den Absagebrief.

Es war die zweite Niederlage, die Perthes innerhalb ein und desselben Jahres erlitt. Aber was war seine Kinderkrankheit der Liebe, die er im Frühjahr durchgemacht hatte, gegen das, was er jetzt erlebte? Damals fiel er bei der jugendlich unerfahrenen Jagd nach einer Sonnenwolke eines Tags aus seinen sieben Himmeln auf die nüchterne Erde. Die Verzweiflung, die jenem Sturz folgte, war heiß und zornig gewesen, eine echte Weltverzweiflung, wie sie mehr oder minder keinem Menschen von Temperament erspart bleibt. Die Verzweiflung aber, die jetzt sich seiner bemächtigte, diese grausame Selbstverzweiflung war kalt und verächtlich. Damals hatte er mit dem Gedanken an einen freiwilligen Tod gespielt; jetzt, männlicher geworden, trotz aller Unfertigkeit, war er der selbstzerstörenden Tat in Gedanken ferner, in Wirklichkeit näher. Doch der Rest von Lebensenergie, der in ihm war, gönnte ihm die Flucht aus dem Dasein nicht. Gerade in der Selbstverachtung fand er einen Stachel, der die Kraft weckte, weiterzuirren, um sich weiterzuentwickeln.

Warum sollte er der berechnende Streber nicht sein, wie ihn die Kollegen hinter den Erfolgen argwöhnten, die ihm bisher ohne sein Hinzutun in den Schoß gefallen waren? War es ihm versagt, das zu werden, was sein höheres Ich gewollt, so schob ihm dafür das Leben die Leiter der Karriere, diese goldene Himmelsleiter, so bequem wie möglich zurecht. Er brauchte nur seinen Fuß auf die Sprosse zu setzen. Die Leiter in der Kapelle auf Nieburg war vielleicht so gewissermaßen ihr Symbol gewesen. Und so anstrengend brauchte die Strebeleiter nicht zu sein, und war sie auch nicht. Er brauchte nur der Dutzendbruder, zu dem Natur und Geschick ihn bestimmten, mit Absicht und gutem Willen zu sein, so konnte es ihm nicht fehlen! Es lag ein dämonischer Reiz in der Abkehr von der Höhe zum Durchschnitt.

Was Perthes auch in seinem Aussehen so sehr herunterbrachte, waren viel mehr seine inneren Kämpfe als -- wie Exzellenz Hupfeld vermutete -- die klinische Überbürdung. Und er war töricht oder gleichgültig genug, die paar Freistunden, die ihm blieben, nicht zur Erholung zu benutzen. Spiel und Sport, die er im Sommer vernachlässigt hatte, wollte er systematisch forcieren. Er trat in den Ruderklub ein. Er interessierte sich mit Hilfe Markwaldts und Professor Hammanns, seines früheren Chefs, für Pferderennen und fuhr einen freien Sonntag mit ihnen nach Baden-Baden. Er zeigte sich, wann es nur irgend ging, bei Tennis und Hockey und erneuerte seinen Ruf als ausgezeichneter Spieler. Dort war es auch, wo er, anfänglich langsam und mit Überwindung, dann mit allem Nachdruck aus seiner Reserve gegen Alice Hupfeld heraustrat.

Mit Staunen sah Alice, die ihn nach dem Abenteuer im Kapellenturm kühl und schnippisch behandelte, wie seine Zurückhaltung in höfliche, später in eifrige Dienstbeflissenheit überging. Er konnte also doch Feuer fangen, dieser seltsame Mischling von Biedermann und Bandit, als den ihre nach pikanten Eroberungen lüsterne Phantasie ihn ansah. Sie triumphierte bei sich. Ihr Benehmen wurde in dem Grade spröder und süffisanter, als er sich um sie bemühte. Sie gefiel sich in immer neuen, launischen Einfällen, die seine Geduld auf die Probe stellen sollten. Das Radfahren hatte sie als unzeitgemäß und altmodisch endgültig aufgegeben. Seit vierzehn Tagen war sie passionierte Reiterin. Geschickt, wie sie in allen leiblichen Übungen war, lernte sie schnell und saß bald tadellos im Sattel. Sie arrangierte in der Universitätsreitbahn eine Quadrille. Professor Hammann und Cousine Hilla, die schon wieder zu Besuch da war, um bei Alice einen Bewunderungskursus durchzumachen, Perthes und sie gaben die Paare. Dann kamen Ausritte in die Ebene oder talaufwärts und in die Berge, bei denen ihre Verwegenheit die Partner zu Tollheiten jeder Art verleitete.

Perthes ließ sich weder durch ihre Launen noch durch ihre Spöttereien abschrecken. Mit höhnischer Verachtung unterdrückte er in sich jeden Ruf seiner Seele, der sich gegen dies gefährliche Spiel warnend erheben wollte. Es fehlte nicht an Anwandlungen von Schwermut. Mitten in der Nacht -- er wußte nicht wie und warum -- fand er sich einmal vor dem Haus am Wenzelsberg, wo er, des scharfen Oktoberwindes ungeachtet, nach einem Lichtschein in der Mansarde starrte. Waren es Marga und Elli, die da noch wachten? Wie hatte Marga den schweren Schlag, den er ihr versetzt, ertragen? Litt sie um ihn? War sie vielleicht krank? Der schneidende Wind beizte ihm die Augen feucht. Oder war es die Qual seines Herzens? Ein andermal war er, von einer jähen Regung überfallen, auf der Sägemühle abgestiegen und hatte sich in den herbstlich-öden Garten gesetzt. Als die Wirtsfrau kam und nach seinen Wünschen fragte, murmelte er unverständliche Worte und sprang auf und davon. Mit Geißelhieben jagte er sich und seine Sentimentalitäten heim. Und er überließ sich nach solchen Entgleisungen mit einer wahren Wildheit dem verführerischen Reiz, den Alice auf ihn ausübte. Bei ihr -- ohne Zweifel bei ihr war das Rätsel, das er suchte, das sich ihm jeden Tag von neuem aufgab; das Ewig-Weibliche, wie es zu ihm paßte -- ein Irrlicht, das aufglomm und erlosch und in der Ferne von neuem aufglomm, um ihn durch ein Leben des Erfolgs, der Äußerlichkeit und Mittelmäßigkeit hindurchzugaukeln ...

Es war Mitte November geworden.

Das Wintersemester hatte sogar für die medizinische Fakultät wieder begonnen, die doch allerorts eine Ehre dareinsetzt, das maliziöse Wort, die Vorlesungen seien eine unangenehme Unterbrechung der Universitätsferien, nicht Lügen zu strafen.

Exzellenz Hupfeld konnte sich noch nicht entschließen, Stift Nieburg mit seiner Stadtwohnung zu vertauschen. Der köstliche Spätherbst des Jahres war da draußen ob dem Flußtal, inmitten der laubbraunen und tannengrünen Bergzüge, zu schön. Zweimal täglich und öfter mußte das Automobil den Weg nach der Chirurgischen Klinik hin und zurück machen.

Professor Kronheim, der erste Assistent der Klinik und vertretende Chef, hatte seine Tätigkeit noch immer nicht wieder aufnehmen können. Die Nachrichten von der Riviera, wo er Genesung suchte, lauteten wenig hoffnungsvoll. Brunner und Perthes mit den Volontärärzten versahen nach wie vor die ganze Arbeit. Der Geheime Rat war auf die von ihm angedeutete Reorganisation nicht wieder zurückgekommen.

Eines Sonntags, als Perthes, der am Nachmittag freihatte, gegen drei Uhr in seine Wohnung hinaufsteigen wollte, trat ihm die an Sonntagen meist unsichtbare Hauswirtin, Fräulein Eschborn, mit einer Visitenkarte entgegen, die sie mit seltener Feierlichkeit zwischen ihren beiden Händen balancierte.

Gleichgültig nahm Perthes die Karte entgegen und ging, ohne einen Blick daraufzuwerfen, nach oben. Erst vor seiner Tür las er den Namen. Es stand da mit schöngeschnittenen Buchstaben groß und einfach: „Benno Hupfeld Wirklicher Geheimer Rat.”

Kein Zweifel: Exzellenz mußte ihm einen offiziellen Besuch zugedacht haben. Da die Ordinarien der Fakultät mit herkömmlicher Bequemlichkeit höchstens ihren verheirateten Assistenten die Aufwartung zu erwidern pflegten und ein Mann wie Hupfeld sich sogar unter seinen unmittelbaren Amtsgenossen so banaler Verpflichtungen mit einer liebenswürdigen Entschuldigung entheben durfte, zeugte diese Karte von einer außergewöhnlichen Artigkeit. Gleichwohl warf sie Perthes beim Eintritt in sein Zimmer aufs Geratewohl beiseite.

Nach einer kleinen Weile besann er sich eines Besseren.

Was war er doch noch immer für ein unvollkommener Schüler der Strebekunst!

Mit einer Feierlichkeit, die die von Fräulein Eschborn übertraf, nahm er die hohe Visitenkarte von dem Stuhl, auf den sie geflogen, und trug sie zwischen den beiden Mittelfingern nach seinem Schreibtisch. In der Mitte der Unterlage von rotem Löschpapier legte er sie mit einer Verbeugung nieder. Sie war ja doch, richtig gewürdigt, das erste nicht zu unterschätzende Dokument des Fortschritts, das seine neue Methode des bewußten Hochkletterns gezeitigt hatte. Von Rechts wegen hätte sie auf ihrem Ehrenplatz mit Lorbeer umrahmt werden müssen. Schade, daß er den nicht zur Hand hatte!