Part 18
Und er? In einem Übermaß von Arbeit auf der Klinik enthielt er sich kritischer Überlegungen. In Erinnerung an den Gewitternachmittag auf Nieburg vermied er jedes Zusammentreffen mit Alice, ja, er schob auch alles beiseite, was ihn nur in Gedanken zu ihr führen konnte. Er hatte sich vorgenommen, nicht rechts noch links zu sehen: für ihn galt nur Marga; das Wort, das er ihr gegeben; der Entschluß, den er für sie beide gefaßt. Über eins war er sich klar geworden: er erfüllte damit nicht nur eine Pflicht gegen sie; was er tat oder ließ, entschied über ihn, seinen Wert und seine Persönlichkeit. Bei Marga war die Reife und Vollendung, nach der er innerlich strebte. Eine Vollendung mit Schmerzen, wie alle Vollendung im Leben. Wenn er aber zu ihr nicht hinaufreichte, in Marga die große Stille nicht begreifen und sich zu eigen machen konnte, gab es für ihn überhaupt kein Aufwärts, sondern nur ein Abwärts, in die Mittelmäßigkeit und Halbheit, ins Gelebtwerden statt ins Leben aus eigenem Willen. Darum biß er die Zähne aufeinander. Darum ging er geradeaus und vorwärts mit der Ehrlichkeit der Verzweiflung: er stritt um sich selber, indem er um Marga stritt ...
Es wurde Mitte September.
Das Richthoffsche Haus war längst so blitzblank und einladend, als es nur sein konnte. Auch das schwerste Stück Arbeit, Vater Richthoffs Studierzimmer instand zu setzen, ohne daß ein Buch von der Stelle gerückt, eine aufgeschlagene Zeitschrift umgeblättert, ein Zettel verschoben wurde, war mit strenger Gewissenhaftigkeit bewältigt. Man erwartete nun mit Spannung von Tag zu Tag die Nachricht aus Bayern, die die Ankunft meldete.
Käthes letzter Brief war aus Tegernsee gekommen. „In wenigen Tagen sind wir bei euch!” hatte es verheißungsvoll geklungen. „Papa depeschiert Tag und Stunde.”
Aber statt der Depesche kam eine Karte: man hatte sich unerwarteterweise mit Hofrat Geismar getroffen, der in Kreuth seine Ferien zubrachte. Der hatte es verstanden, den alten Herrn noch für eine Woche zu sich zu locken.
Marga, die der Heimkehr der Reisenden im Hinblick auf die schwierigen Eröffnungen, die sie zu machen hatte, und auf Perthes' Werbebesuch mit ebensoviel Bangen wie Freude entgegensah, gab sich geduldig in die Zögerung. Elli grollte ganze zwei Stunden lang. Nachher traf sie sich, zufällig natürlich, mit Wilkens in der Stadt und fand das Leben so rosig und „wonnig” -- das war ihre Lieblingsbezeichnung -- wie je.
Und die acht Tage vergingen auch.
Ehe sie zur Bahn zogen, umarmten sich Elli und Marga noch einmal: sie schworen sich treue Waffenbrüderschaft für ihre Liebesgeheimnisse. Sie kamen gerade recht zum Zug.
Käthe ließ grüßend das Taschentuch flattern. Kurz darauf war sie auch schon auf dem Perron, blühend, gebräunt, ordentlich rundlich in dem funkelnagelneuen, hellgrauen Kostüm, das Papa unterwegs spendiert hatte. Küsse und Umarmungen folgten in stürmischer Abwechslung.
Der alte Herr brauchte geraume Zeit, ehe er sich zeigte. Er war nämlich gerührt. Und das paßte ihm nicht. Deshalb wirtschaftete er eine beträchtliche Weile im Abteil mit dem Handgepäck und dem Dienstmann, der es herausbeförderte. Dann erst kam er zum Vorschein, mit einer Miene, die sehr würdig und zurückschreckend aussehen sollte, -- den neuen Strohhut mit grünem Band verwegen wie Garibaldi über dem weißbärtigen Gesicht. Die Mädels waren trotzdem so respektlos, ihn „auf offener Straße”, wie er abwehrend schalt, zu umhalsen und zu küssen. „Ruhig im Glied!” befahl er mit sehr rauher Stimme. „Seid wohl, hoff' ich? Und habt euch reputierlich geführt? Werden ja sehen!”
Im Wagen -- „um sich das Schlaraffenleben abzugewöhnen” -- ging es lachend und plaudernd an den Wenzelsberg.
Der alte Herr war die Milde und Gemütlichkeit selbst -- auch nur „zum Abgewöhnen” natürlich. Und auch die drei Schwestern waren voneinander hoch befriedigt. --
Zwei, drei Tage nachher hatte das Leben am Wenzelsberg sein gewohntes Aussehen.
Der Geheimrat hatte sein Heimweh nach den römischen Kaisern trotz Kissingen und den bayrischen Bergen mächtig in sich wachsen gefühlt. Eine so lange, faule Ausspannung war unerhört. Sein Gewissen fand nur darin Beruhigung, daß die Post jetzt einen Stoß von Korrekturen für die erste Abteilung des ersten Bandes der „Kaisergeschichte” brachte. Da gab es doch gleich alle Hände voll zu tun.
Das Arbeitszimmer im ersten Stock füllte sich mit dem alten, mächtigen Qualm.
Ein Schmerz war nur, daß er sich von Geismar zu „Nikotinlosen” hatte beschwatzen lassen. Das ausgemachte Stroh war das! Aber die römischen Gewaltherren zeigten sich wenigstens nicht weiter beleidigt von dem schlechten Zigarrenrauch. Sie standen aus Winkeln und Ecken, aus Zetteln und Zettelchen gehorsam auf, mit scharfen Profilen und tatenfrohen, hoheitsvollen Gebärden. Und sie sollten die paar Wochen vor Semesteranfang bei Gott nicht rasten dürfen, sondern tüchtig Modell stehen. Dafür wollte der alte Herr sorgen!
Er ahnte nicht, daß ihm eine überraschende Störung sehr nahe bevorstand.
An einem der ersten Vormittage nach ihrer Ankunft hatte Käthe ihre Freundin Lizzie in der Uferstraße besucht. Lizzie besaß neben ihrer verzehrenden Leidenschaft für Musik, die sich kein Konzert und keine Opernaufführung entgehen ließ, nur noch einen einzigen hervorstechenden Wesenszug: die fast ebenso ungemessene Vorliebe für Klatschereien jeder Art. So ließ sie es denn auch bei Käthes Besuch an Andeutungen über Herrenbesuche auf der Sägemühle und daran sich knüpfenden verfänglichen Redereien nicht fehlen. Käthe war empört. Papa Richthoff die Freude an der ganzen Reise nachträglich zu verderben, lag ihr natürlich fern. Er sollte im Gegenteil von diesen Dummheiten der Mädels so wenig wie möglich erfahren. Um so gewisser war es, daß Marga und Elli etwas zu hören bekommen sollten!
Nach Käthes Erfahrungen war es leichter, Elli den Kopf zurechtzusetzen. Deshalb sollte sie zuerst dran glauben, und zwar noch am selben Tag.
Aber die Sache fiel merkwürdig fruchtlos aus. Elli war einfach nicht kleinzukriegen. Alle Vorhaltungen der älteren Schwester beantwortete sie mit einem fröhlichen, höchst despektierlichen Lachen.
„Laß nur gut sein, Gouvernantchen!” erklärte Elli fidel. „Wir, Marga und ich, haben uns inzwischen unbedingt mündig gemacht. Bei mir hast du gar keine Aussicht auf Reue und Besserung. Mich haben die Wochen auf der Sägemühle einfach in Grund und Boden verdorben. Versuch's mal mit Marga! Uff! Da könntest du dich aber bös blamieren! Ich weiß, was ich weiß, und ich warne dich! Heißa juchhei!” Elli schlug klatschend die Hände über dem Kopf zusammen und vollführte einen in Käthes Augen außerordentlich unangebrachten Tanz. Das ganze sah aus, als hätte sie und nicht die Schwester in den bayrischen Alpen schuhplatteln sehen.
Käthe entzog sich einstweilen weiteren Auseinandersetzungen durch eine stolze Flucht. Am Abend schrieb sie in ihr Tagebuch: „Ernst sein können ist alles. Wie sind Menschen zu bedauern, die von diesem großen Geheimnis, das allein das Leben lebenswert macht, keine Ahnung haben oder doch nichts wissen wollen! Es ist seltsam, daß in einer und derselben Familie, unter Geschwistern die Anlagen zu Ernst und Leichtsinn so ungleich verteilt sein können!”
Damit war aber die von Käthe für nötig gehaltene Aussprache nur vertagt, nicht aufgehoben. Das durften sich „die Kleinen” nicht einbilden, daß sie ihnen ihr ärgerniserregendes Benehmen so hingehen ließ!
Sie bildeten sich's auch nicht ein, die Kleinen! Elli verständigte vielmehr Marga von dem, was drohte. Und Marga, die nicht so kampflustig wie Elli war, sah ein, daß es nun das beste wäre, nicht länger zu zaudern, sondern Vater Richthoff ein offenes, ehrliches Geständnis abzulegen, ehe ihm, von welcher Seite immer, mißverständliche Dinge zugetragen wurden.
Von Perthes hatte sie in den letzten Tagen nichts gesehen und nichts gehört. Es galt, zuerst seine Meinung noch einmal einzuholen. Elli beförderte ihre Zeilen, die ja die letzten heimlichen sein sollten. Sie fing auch die Antwort ab. Marga fand sie recht knapp und flüchtig. Aber sie sagte sich, daß sie bei seiner angespannten Tätigkeit nicht mehr von ihm erwarten durfte. Hupfeld war verreist, und es ruhte auf den Assistenten die doppelte Arbeitslast, zumal Kronheim noch immer krank war. Die Hauptsache blieb. Perthes war einverstanden; sie sollte ihren Vater auf seinen Besuch vorbereiten, für den Tag und Stunde unter ihnen festgesetzt war.
Es war Nachmittag. Der alte Herr hatte wie gewöhnlich seinen Gang auf den Weinberg gemacht, auf Schnecken gefahndet, die drei Trauben, die es gab, kolossal gefunden, sich über die zeitige, hohe Röte des wilden Reblaubes am Philosophenweg gewundert und war dann, seines Kaffees gewärtig, nach oben ins Arbeitszimmer und an seinen Schreibtisch gegangen.
Da trat Marga mit klopfendem Herzen bei ihm ein.
Er warf schon Notizen mit seiner kritzeligen Handschrift auf die flatternden Zettel. Erst als Tasse und Löffel auf dem in seine Nähe geschobenen Tablett lauter als sonst klirrten, sah er auf. Er wußte, daß in dieser Woche die Reihe an Elli war, ihm den Nachmittagskaffee zu bringen. Er war aber nicht weiter erstaunt, als er sie durch Marga vertreten fand, sondern kam ihr zu Hilfe und setzte selber die Tasse dorthin, wo sie seine Ordnung am wenigsten beeinträchtigen konnte.
„Wo steckt denn das Kleinchen?” fragte er ganz nebenbei, sich wieder ans Schreiben machend.
„Ich bat sie, ihr heute den Gang zu dir abnehmen zu dürfen,” erwiderte Marga mit einer gewissen Förmlichkeit, in der ihre Erregung durchzitterte.
„So --” sagte der alte Herr zerstreut. Er hatte nur halb hingehört. Schon besaßen ihn wieder die Zettel und ihre Geister.
„Dürft' ich einen Augenblick mit dir reden, Papa?” ließ sich Marga nach einer Weile schüchtern von neuem vernehmen.
„Ach so -- du bist noch hier?” Er rückte ganz erstaunt an seiner Brille. „Mit mir reden? Aber doch jetzt nicht! Ich hab' unbändig zu tun, Mädel!”
„Ich weiß nicht, wann ich es sonst tun könnte. Ich möchte allein mit dir sein, und es ist etwas Wichtiges,” fuhr sie fester und lauter fort.
Der Geheimrat blickte sie ungläubig und ziemlich ungnädig an. „Na denn! Aber kurz!”
„So kurz ich kann!”
Dem alten Herrn fiel jetzt die Aufregung auf, die sie in ihren Zügen und Gebärden vergeblich zu bemeistern suchte. „Setz' dich mal! Hierher!” Er schob ihr den Stuhl neben seinem Schreibtisch zu. „Und nun vorwärts -- wenn's so wichtig ist!”
Marga tastete sich am Stuhl hin und setzte sich, wie geheißen. Mit schlichten Worten, wie ihr sie das Gefühl eingab, erzählte sie, was zwischen ihr und Perthes vorgegangen war. Die Liebe gab ihr den Mut, herzlicher und vertraulicher zu werden, als sie es sonst ihrem Vater gegenüber wagte.
Der alte Herr hörte zuerst nur sehr im allgemeinen zu. Er spielte mit seinem Gänsekiel und sah ab und zu in seine Blättchen. Allmählich änderte sich das. Seine Augen vergrößerten sich hinter den Brillengläsern. Er schob sein Käppchen von der einen Schläfe nach der anderen, warf den Gänsekiel beiseite und strich sich mit einer barschen Regelmäßigkeit seinen weißen, kräftigen Bart.
Er traute seinen Ohren nicht. Da saß eins seiner Mädels am hellichten Nachmittag neben ihm und gab, mitten hinein in seine römische Kaisergeschichte, eine handgreifliche Liebesaffäre zum besten. Wäre es Elli gewesen, auch Käthe -- er hätte sie einfach hinausgeworfen. Aber Marga! Marga, bei der er an so etwas nie gedacht hatte! Die ihm viel zu besonnen und abgeschlossen geschienen, als daß sie sich bei ihrem Leiden auf solche Dinge einlassen sollte!
Den alten Herrn überlief es bald heiß, bald kalt. Einmal war er nahe daran, zornig aufzubrausen: Also zu derlei kapitalem Unfug habt ihr eure Sommerferien benutzt! Dann war er drauf und dran, ihr zuzurufen: Das sind ja Märchen, Kind! Du träumst! Oder du hast dich täuschen lassen! Aber er tat nichts dergleichen. Der Ernst, mit dem Marga sich ihm mitteilte, das tiefe Glücksgefühl, das hinter ihren Worten warm und stolz aufleuchtete, entwaffnete ihn, so oft er im Begriff war, sie stürmisch zu unterbrechen. Er, der sich wahrhaftig besser auf geistige als auf sinnenfällige Beobachtungen verstand, sogar er bemerkte jetzt, wie ihre äußere Erscheinung, die ihm bisher nur als „wohl” aufgefallen war, in diesen Sommerwochen an Haltung und Ausdruck gewonnen hatte; wie die blicklosen Augen über den frischeren, farbenvolleren Wangen die Sonne von innen nach außen trugen. Sein Zorn und sein Unglaube gingen in fassungslose Bestürzung über. Hier handelte es sich also nicht um eine backfischhafte Kinderei; nicht um eine von den nebensächlichen Kleinigkeiten, mit denen die „Bande” immer zur Unzeit daherkam. Da war vielmehr eine schlimme Sorge und Verantwortung, die nicht den grimmigen Pascha, sondern den Vater in seiner ganzen Verantwortlichkeit aufrief und verlangte. Er hatte da drüben in Bayern gemurrt, weil der Arzt ihm die Berge zu besteigen verboten. Nun hatte er seinen Berg vor sich, zu Hause! Den höchsten, den er seit dem Tod seiner jungen Frau sich hatte auftürmen sehen. Den hätte er sich gern verbieten lassen; aber der, gerade der mußte erstiegen sein!
Marga hatte ihr Bekenntnis beendigt. In tapferem Schweigen, die Hände im Schoß verschränkt und die Augen erwartungsvoll gesenkt, harrte sie auf Antwort. Es war so still in dem verqualmten, bücherumhegten Zimmer -- man konnte den Holzwurm hören, der in den goldbraunen, altfränkischen Möbeln aus Vater Richthoffs Junggesellenzeit bohrte und tickte.
„Das -- das ist also -- so gewissermaßen -- mein Reisepräsent!” stöhnte der alte Herr nach geraumer Weile, viel eher schmerzlich als vorwurfsvoll. „Was soll denn da geschehen? Was soll denn ich nun dazu tun?” Ratlos und hilflos richtete er die Frage mehr an sich als an Marga und stöberte dabei, was seit Menschengedenken unerhört war, selber seine Zettel und Manuskriptblätter durcheinander.
„Du sollst uns nur die Erlaubnis geben, glücklich zu werden,” meinte sie leise und überzeugt.
„Erlaubnis? Glücklich werden! Als ob das mit zwei Worten abzumachen wäre! Ich -- ich, der ich diesen jungen Menschen da, diesen, diesen -- deinen Max oder wie du ihn immer nennst, so gut wie gar nicht kenne! Der ich -- bei dir -- mit solchen, solchen Alfanzereien gar nicht gerechnet habe! Meiner Lebtage nicht! Du, die du doch --” Er stand vor ihr und fuchtelte mit den Händen. Er hatte sagen wollen: Die du blind bist! Die du nicht heiraten sollst und kannst! Aber der traurige Schatten, der über Margas zuversichtliche, klare Stirn flog, ließ ihn abbrechen. Alle seine gebieterische Würde, seine pflichtmäßige Entrüstung vergessend, nahm er ihren Kopf zwischen seine Hände: „Kind! Kind! Was habt ihr denn da angerichtet! Mußte das denn sein? Sag doch selber, daß es ungereimtes Zeug ist! Und daß --”
„Gewiß ist es nicht ungereimt, Papa. Nicht so ungereimt, wie es dir jetzt vorkommen will! Und er -- Doktor Perthes -- möchte mit dir reden, um dir's noch besser zu sagen, als ich's kann!”
Der alte Herr ließ die Hände sinken. „Mit mir reden!” wiederholte er verzweifelt. Also so weit war die Geschichte schon. Die Präliminarien waren alle schon überwunden. Womöglich mit einem richtigen, auswendig gelernten, feierlichen Heiratsantrag wollte der junge Mann ihm das Haus stürmen.
„Wenn dir's recht ist, so kommt er morgen nachmittag,” ergänzte sich Marga bittend.
„Morgen nachmittag!? Mir recht!? Aber das ist ja das reinste Komplott! Das verbitt' ich mir! Das --” Der Geheimrat suchte vergeblich seinen handfesten Grimm wiederzufinden, der ihm sonst noch in allen Lagen wider die Angriffe seiner Bande geholfen hatte. „Überlegen werd' ich mir doch die Sache noch dürfen!” stieß er mit klagender Rauheit hervor.
„Ich bitte dich drum,” gab Marga herzlich und mit Vertrauen zurück. „Sicherlich wirst du --”
„Nein! Nein!” wehrte sich der alte Herr. „Nichts werd' ich sicherlich! Gar nichts: sicherlich!” Er suchte sich eine gebieterische Haltung zu geben. „Laß mich jetzt zufrieden! Ich muß arbeiten! Allein sein!”
Marga stand auf. Sie wollte nichts mehr sagen. Aber ihre Arme, ihre Hände suchten nach ihm. Durch eine Liebkosung wollte sie ihn um Vergebung, um Hoffnung bitten.
Vater Richthoff war heute nicht widerstandsfähig genug, um einer „Gruppenbildung”, wie er das sonst so verabscheuend nannte, auszuweichen. Er strich ihr ein-, zweimal über die fahlblonden, weichen Scheitelhaare, ungeschickt wie ein verschämter Liebhaber. Reden wollte er um keinen Preis. Sich zu nichts, zu gar nichts verpflichten.
Und für Marga war schon seine flüchtige Zärtlichkeit trostreich und hoffnungsvoll. Wenn sie erst gesehen hätte, daß seine Brillengläser sich sehr verdächtig beschlugen! Er schob sie von sich, ehe sie seine Hand erhaschen und küssen konnte.
Gehorsam ging sie nach der Tür und aus dem Zimmer.
Wenn der alte Herr geglaubt hatte, er werde bei der Arbeit sein Gleichgewicht wiederfinden und die Entscheidung, die ihm da plötzlich aufgebürdet wurde, irgendwie vertagen können -- etwa wie eine inopportune Quellenfrage zweiten Ranges --, hatte er sich über seine eigentliche Gemütsverfassung getäuscht. Nach einem vergeblichen Anlauf, den er nahm, um in die ersten Regierungsjahre des Trajan zurückzukehren, sprang er gleich wieder auf. Es begann ein rastloses Auf- und Niederschreiten, das von leisen und lauten, schmerzlichen und zornigen Erwägungen begleitet war.
Daß die Mädels einmal würden heiraten wollen -- „Männer daherschleppen könnten”, hieß er es bei sich --, hatte er mitunter im Bereich der Möglichkeit gesehen. Aber fern, so fern, daß es beinahe wieder ins Reich der Unmöglichkeit gehörte. Bei Marga war es für ihn immer eine stillschweigende Gewißheit gewesen, an die er nicht rührte: Sie wird nicht heiraten. Sie ist auch selber zu besonnen, um daran zu denken. Mitunter, wenn sie ihm träumerisch und gefühlsweich zu werden schien, hatte er sie etwas derb angefaßt: nicht aus weitblickender Überlegung, sondern aus einer mehr instinktiven Gedankenregung. So wie es einmal mit ihr hatte kommen müssen, sollte sie dem Leben lieber zu hart als zu weich gegenüberstehen. Ein Erziehungssystem hatte er nie besessen. Für keins seiner Mädels. Dafür hatte er weder Talent noch Zeit. Und sie waren ja auch so ganz leidlich geworden. Wenigstens hatte es ihm bisher so geschienen.
Nun brachten ihn die jähen Enthüllungen des heutigen Nachmittags aus dem Konzept. Wie wenn ihm einer nach einem fertigen Kapitel der Kaisergeschichte eine neue Schrift vorgelegt hätte, die er nicht kannte und die seine ganze Auffassung über den Haufen warf. Er wurde irre an sich. Er hatte doch wohl nicht genug getan? Die Tanten und Tunten hatten am Ende recht, die vor Jahren gemeint, er könne mit den drei Mädels so allein nicht zuwege kommen. Die bloße Paschastrenge tat es nicht. Er hätte sich mehr mit ihnen abgeben müssen. Mit jeder von ihnen. Aber wie denn? Er konnte nicht bei ihnen sitzen, mit ihnen ausgehen, ihr Tun und Lassen überwachen, die Kindsmagd spielen -- das lag ja so weit, so himmelweit ab von seinem Beruf, der geistigen Lebensaufgabe, die das erste hatte sein müssen! Es half ja auch gar nichts, wenn er sich jetzt vordeklamierte, wie er alles hätte anders, hätte besser machen können. Damit konnte er die Tatsache nicht wegbuchstabieren, daß Marga, seine Marga, sein Sorgenkind sich von einem wildfremden Menschen liebhaben ließ.
Er durfte nur ja oder nein sagen.
Nein sagen mußte er natürlich.
So weltfremd er im Grunde war: seine Vernunft sträubte sich dagegen, in eine solche Ehe zu willigen. Marga war blind. Sie konnte niemals einem Mann, und wenn er ein Held an Selbstüberwindung war, das sein, was er von einer Lebensgefährtin fordern mußte. Eine solche Liebe, sie mochte noch so groß und überschwenglich sein, mußte sich wund und mürb reiben an den Forderungen der Wirklichkeit. Das konnten zwei törichte junge Leute bestreiten, aber es blieb darum nicht minder wahr und mußte jedes Glück zerstören. Also mußte er nein sagen.
Kaum aber stand dieses harte Nein da, vor ihm, so lehnte sich auch schon sein Herz mit voller Macht gegen das grausame Verdikt auf.
Seine Erinnerung kehrte zu den schweren Tagen zurück, in denen Marga, ein Kind, an den Folgen einer Netzhautablösung das helle, frohe Licht ihrer klaren Augen verlor. Es war etwa ein Jahr nach dem Tod seiner Frau. Und dieser zweite Schlag traf ihn nicht leichter als der erste. Das Hoffen und Bangen schwankender Wochen, das Verzweifeln und Aufbäumen gegen das Unabänderliche, alles, was er mit dem Kind blutenden Herzens durchlitt und durchkämpfte, bis es in frühzeitiger, innerer Reife über sein Los emporwuchs, erwachte vor ihm. War es nicht genug, daß das Schicksal sie von tausend Freuden des Tages ausschloß und in immerwährende Nacht bannte? Blind sein -- hieß es für sie nicht, mit einem Teil ihres Wesens schon gestorben sein, ehe sie gelebt hatte? Wo stand geschrieben, daß Marga mit der Kraft, zu sehen, auch das Recht und die Kraft, zu lieben, verwirkt hatte? Woher nahm er die Macht, zu entscheiden: Das ist dein Glück, und das ist dein Unglück? Die Liebe -- konnte sie sie nicht entschädigen wollen für das, was ihr an Licht und Lust genommen war? Und er hatte den Mut, es grausamer mit ihr zu meinen, als ihr Schicksal? Der Idealist in ihm bekämpfte die nüchterne Besonnenheit, die er seinem guten Herzen aufzwingen wollte. Er kannte den Mann nicht -- kaum von Angesicht -- der ihr die Hand bieten wollte. War es ausgemacht, daß er nicht wußte, was er wollte und tat? War es wirklich so über allen Verstand, daß ein Mann diese ruhige, offene, klare Marga liebte, so liebte, daß er ihre Blindheit über ihrem inneren Wert vergaß? Der Stolz des Vaters setzte die Gesundheit und Fülle ihrer Seele gegen das Gebrechen ihres Körpers. Fast war es, als hielten unter solchem Gewicht das Für und Wider sich die Wage ...
Richthoff achtete nicht darauf, wie unter dem Sinnen und Sorgen die Stunden vergingen.
Es wurde Abend.
Die Septembersonne mit ihrem vollen, ruhigen Schein huschte zwischen den Zweigen im Vorgarten hindurch auf seinen Schreibtisch: sie fand ihn nicht wie sonst auf seinem Platz, den weißbärtigen Kopf über Bücher und Manuskriptblätter gebeugt. Verwundert glitt sie allmählich aus der Stube und ließ der Dämmerung das Feld.
Vater Richthoff stand vor einer rundbauchigen, altmodischen Kommode, deren goldbraunes Holz metallene Ranken verzierten. Auf der Kommode stand eine Photographie, in die er sich vertieft hatte. Es war das Bild seiner verstorbenen Frau, bei dem er Rat suchte; als könnte ihr jugendlich-zartes, lebensfrohes Gesicht aus der Ferne vieler Jahre Trost und Klärung in seine Wirrnis bringen.
Als es an die Tür klopfte, fuhr er erschreckt zusammen.
Mit einem gepreßten „Ich komme ja schon!” winkte er Käthe, die fragend hereinschaute, aus der Tür.
Es dauerte noch eine gute Weile, ehe er kam. Und dann saß er zerstreut und wortlos beim Essen. Kaum daß er die Speisen berührte. Nach einer Viertelstunde verschwand er wieder.
Käthe, die nicht wußte, was vorgefallen war, erging sich in besorgten Mutmaßungen über seine Gesundheit. Sie ließ durchblicken, daß Hofrat Geismar ihr in Kreuth einige gar nicht unbedenkliche Andeutungen gemacht habe, wie wichtig es sei, daß sich Papa schone. Sie fand nur wenig Gehör bei den Schwestern und verstummte wie sie.
Elli drückte Marga heimlich ermunternd die Hand. Sie hatte sich alle Mühe gegeben, in Vater Richthoffs Mienen Gutes zu lesen. Doch als Marga sie später im Garten befragte, wie er ausgesehen, vermochte sogar ihr Optimismus das Barometer höchstens auf „Veränderlich” zu deuten.
Eine beklemmende, schwüle Nacht senkte sich auf das Haus am Wenzelsberg.
Die Lampe im Studierzimmer des Geheimrats überdauerte mit ihrem Schein die spätesten Wanderer. Als der alte Herr sie endlich löschte, hatten die Geister der römischen Cäsaren Gelegenheit, sich über wunderliche Dinge, die sie gehört und gesehen, die erlauchten Köpfe zu zerbrechen.
Am nächsten Vormittag hatte er eine lange Unterredung mit Marga.