Die große Stille: Roman

Part 17

Chapter 173,653 wordsPublic domain

Wo der Stiftsweg die Chaussee erreichte, hatte Perthes haltgemacht. Er sah nicht zurück; aber er sah auch nichts von dem milden Zauber des aufgeklärten Sommerabends vor sich. Ursprünglich hatte er geradeswegs nach der Sägemühle gewollt. Marga erwartete ihn dort -- das wußte er. Nach dem widerwärtigen Besuch auf Nieburg wollte er -- so hatte er versprochen -- sich und sie entschädigen und wieder einmal über das Abendbrot bleiben, was er in letzter Zeit selten genug hatte tun können.

Nun schien es ihm plötzlich schwer, ja unmöglich, Wort zu halten.

Vor ein paar Stunden wollte er an ein und derselben Wegscheide den Wagen lieber zur Mühle als zum Stift fahren heißen. Jetzt schrak er vor dem Gang, die Landstraße abwärts, zurück, als läge ein unüberwindliches Hindernis zwischen ihm und dem roten Ziegeldach, dem vertrauten Garten. Er hatte den Hut vom Kopf gerissen und preßte die Hand gegen die Stirn. Was war eigentlich geschehen, das ihn so mutlos machte? Er hatte sich nichts vorzuwerfen, nicht das geringste. Keine Handlung und kein Wort, noch so leis und flüchtig, konnte ihn anklagen. Und doch lag es wie ein dunkles, erstickendes Gefühl von Unrecht, ja von Schuld auf ihm.

Drunten, zwischen den Bäumen des Mühlengartens, schimmerten zwei helle, sommerliche Kleider. Arm in Arm traten zwei Mädchengestalten auf die Landstraße. Er hätte Marga und Elli erkannt, auch wenn die sinkende Sonne sie weniger scharf beleuchtet hätte. Elli hielt die Hand vor die Augen und spähte die Straße entlang.

Unwillkürlich trat Perthes einen Schritt zurück, um hinter einer Schlehenhecke am Wegrand verdeckt zu sein. Im nächsten Augenblick, als er sich dieser Bewegung bewußt wurde, mit der er sich verleugnete, wurde ihm auch seine Gemütsverfassung erschreckend klar.

Was da oben auf Stift Nieburg in ihm wach geworden, war das andere! War das, was er für Marga nicht empfand und nie empfinden würde! Die Leidenschaft, die zu den Sinnen sprach; die das Blut aufreizte und die Vernunft auslöschte. Wenn er es auch vermied, sich umzublicken, zurück nach Nieburg und hinauf nach dem Kapellenturm -- Alices spitzbübisches Gesicht mit der kecken Stupsnase, den graugrünen, boshaft flackernden Augen, dem lüsternen Mund, mit dem weißen Teint und der Wolke von rötlichem, blitzwirrem Haar blickte ihm über die Schulter; ihre biegsamen Glieder drängten sich an die seinen und hielten ihn fest. Und er begehrte sie. Seine Arme verlangten, sie an sich zu raffen. Sein Mund suchte den ihrigen. Er hatte geglaubt, er brauche die Leidenschaft nicht! Er hatte sich überredet, daß sie zu seinem Glück nicht passe. Ausgestrichen hatte er sie, niedergehalten -- war über sie weggesprungen. Wenn sie sich rächen wollte!? Und sie rächte sich ja schon! Sie wollte nicht übersprungen sein. Gewiß -- seine Ansicht hatte dem Willen diesen Sprung aufgezwungen. Aber der Feind, den er unterschätzte, erhob sich in seinem Rücken. Das Gewaltsame des Entschlusses, mit dem er sich Marga zu eigen gegeben, war ihm mit einem Mal deutlich. Wie ein Schwimmer hatte er sich mit einem heftigen, entscheidenden Stoß ans feste Land geworfen -- und nun kam die Woge, die er überwältigt meinte, mit erneuter Kraft und wollte ihn wegspülen. Er sollte nicht ans Land. Er gehörte nicht der großen Stille, sondern dem Sturm --

Ohne sich über die Richtung Rechenschaft zu geben, hatte Perthes mit aufgeregten Schritten den Weg nach der Stadt und nicht nach der Mühle eingeschlagen.

Aber das durfte er ja nicht. Er wurde erwartet! Ließ er sich schon fortspülen?

Ein paar Schritte von der Chaussee stand eine Aussichtsbank in der Uferböschung. Linkshin sah man nach dem Tal, rechtshin nach der im Dunst verschwimmenden Stadt, die mit ihren Häusern und Kirchtürmen unmittelbar aus dem Fluß aufzusteigen schien.

Dort setzte er sich.

Der Kettendampfer mit einer endlosen Reihe von bewimpelten, schwerbefrachteten Lastkähnen schnaubte und rasselte den Fluß herunter, an ihm vorbei. Hinter ihm auf der Landstraße zogen grölende Arbeiter vorüber; ein Automobil fauchte und tutete -- dann klirrte ein Fahrrad -- er sah und hörte nichts. Er brauchte seine ganze Besinnung und seine volle Stärke, um sich festzustemmen und der Woge zu wehren, die ihn vom Land reißen wollte. Sie trug menschliche Züge. Darum war es so schwer, sie wegzuschieben, sie fortzustoßen, ihren gelenkigen, verführerischen Widerstand zu brechen. Wie schwer, das Land im Auge zu behalten, Marga zu sehen, die blinde, anspruchslose, in der Dämmerung verblassende Marga! Ein wildes, unstetes Ringen war es, und als er sich durchgekämpft zu haben glaubte, lohnte kein freies, heiteres Gefühl. Ein bitteres „Muß” stand mit krausen, harten Falten auf seiner Stirn, lag drückend auf seinem Rücken und schien ihm die Glieder zerbrochen zu haben.

Langsam und mechanisch schritt er den Weg zurück, den er gekommen war. Flußaufwärts nach der Sägemühle. Er wiederholte sich standhaft ein und denselben Schluß und klammerte sich an ihm fest. Wenn die Liebe nicht stark genug war, mußte die Pflicht das ihre dazutun ...

* * * * *

Es dunkelte schon, als Perthes nach der Mühle kam.

Marga und Elli hatten es aufgegeben, ihn zu erwarten. Sie saßen in der Halle bei einer Lampe. Elli erzählte aus der Stadt, von wo sie um sechs Uhr zurückgekommen war: sie hatte einige Besorgungen gemacht und nach dem Haus am Wenzelsberg gesehen. In wenigen Tagen sollten die Sommerferien für sie zu Ende sein, sollte nach der Stadt zurückgekehrt werden.

Ein froher Ausruf Ellis, mit dem sie sich unterbrach, verkündete doch noch die Ankunft von Perthes.

Überrascht und beglückt leuchtete es in Margas Augen. Sie stand auf, um ihm entgegenzugehen. „Wußt' ich's doch, daß du Wort halten würdest, wenn's irgend ginge!” rief sie heiter.

„Wort halten? Warum soll ich nicht Wort halten?” erwiderte Perthes mit der Reizbarkeit eines schlechten Gewissens. Er schob Margas Arme, die sich mit zärtlicher Vertrautheit um seinen Nacken schlingen wollten, beiseite.

Erschrocken weiteten sich ihre blicklosen, von Liebe strahlenden Augen. „Verzeih!” stammelte sie verwirrt und ließ die Arme sinken. „Bist du verstimmt von deinem Besuch?”

„War es denn so schlimm? Erzählen Sie mal ordentlich! Wir sind schrecklich neugierig,” bat Elli, unbekümmert um seine zweifelhafte Laune. „Der Grandseigneur, wie ihn Papa immer nennt, soll ja sehr exzellent sein. Er sieht auch so aus. Und Alice Hupfeld --”

„Ob ich noch etwas zu essen bekomme?” Perthes ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Verstimmt oder nicht, ich bin hungrig!” Er wunderte sich selbst über seinen rauhen, unfreundlichen Ton, unter dem sich seine innere Unfreiheit verbarg. „Bitte, Fräulein Elli, sorgen Sie mal für mich!” setzte er artiger hinzu.

„Das lassen Sie sich gut sein, daß Sie schön darum bitten!” Elli stand auf. Sie drohte mit dem Finger. „Sonst hätten Sie lange warten können. Sie scheinen ja hübsch geladen zu sein!” Bereitwillig ging sie in die Wirtsstube.

Marga hatte sich verschüchtert neben Perthes gesetzt. Es bedurfte nicht viel, um sie scheu und ängstlich zu machen. Sie nahm ihm seine Barschheit nicht übel. Aber mit der feinen Witterung, mit der die Natur sie für ihre Blindheit entschädigt hatte, erriet sie ein Fremdes, Neues hinter seinem Wesen. Um nicht empfindlich zu scheinen, suchte sie noch einmal seine Hand zu erreichen.

„Komm, sprich dich aus! Erzähl' mir!” drängte sie sanft. „War's denn gar nicht ein bißchen nett auf dem Stift?”

„Es ging so. Ich mußte noch einmal in die Stadt, ehe ich herkam. Darum wurde es so spät.” Er hatte ihr seine Hand einen Moment überlassen. Sie streichelte sie begütigend. Gleich darauf zog er sie wieder zurück. Es sträubte sich etwas in ihm, ihre Liebkosung anzunehmen. Er ärgerte sich auch, daß er log. Warum das? Das war abscheulich! Sie hatte ihn gar nicht aufgefordert, sein Spätkommen zu entschuldigen. Er sprach nur, um zu sprechen.

Marga schob schweigend ihre Finger ineinander, wie um sie von jeder neuen Vertraulichkeit abzuhalten. Sie schlüpfte gleichsam in sich hinein und grübelte beklommen.

Elli kam zurück. Sie hatte bestellt, was noch zu bekommen war. Eine Studentengesellschaft, die gegen Abend eingefallen war, hatte unter den Vorräten tüchtig aufgeräumt. Die Wirtsfrau erschien bald und brachte, was sie hatte.

Perthes aß ein paar Bissen. Aber sein Hunger war nur Täuschung gewesen.

Marga und Elli saßen einsilbig dabei. Seine Mißlaune wollte keine Unterhaltung aufkommen lassen. Das Schweigen, an dem er selber schuld war, nahm ihm vollends die Lust am Essen. Nach einigen Minuten schob er den Teller beiseite.

Elli drückte sich. Sie wickelte sich in ihren Schal und lief trällernd in den Garten.

Darauf schien Perthes nur gewartet zu haben. „Ich möchte was Wichtiges mit dir bereden, Marga. Hör' mich mal geduldig an!”

Sie horchte auf. Warum sie geduldig sein sollte, erriet sie nicht, denn sie war sich keiner Ungeduld bewußt. Aber schon daß Perthes wieder sprach, und zwar ruhiger, freundlicher als zuvor, tat ihr wohl.

Langsam, umständlicher und ungeschickter, als es sonst seine Art war, entwickelte er seinen Plan. Dies halbe Verhältnis zwischen ihm und ihr schien ihm auf die Dauer unhaltbar. Um ihret- und um seinetwillen. Es legte ihrem Verkehr eine Heimlichkeit auf, die schon hier, auf der Mühle, oft peinlich gewesen war. In der Stadt mußte das noch viel unbequemer werden. Und erst wenn Vater Richthoff zurückkäme! Wie sollte sich da das Versteckspiel weiterführen lassen? Es kam ihm unerträglich für sie beide vor. Unerträglich und unwürdig. Darum war es das beste, sie faßten sich ein Herz und veröffentlichten ihre Verlobung. Das hob alle Zweideutigkeit auf. Das war auch jetzt, wo er eine aussichtsreiche Stellung innehatte, nur natürlich. In einigen Jahren, wenn dies und jenes, auf das er hoffen, ja sogar bestimmt rechnen konnte, sich erfüllte, war er gewiß so weit, daß sie heiraten konnten.

Ohne ihn zu unterbrechen, hörte Marga zu. Was er sagte, kam ihr überraschend. Daß die Geheimhaltung ihrer Liebe sich mehr und mehr erschweren würde, darüber hatte sie bei sich auch schon nachgedacht. An die Lösung freilich, die er heute vorschlug, hatte sie sich so schnell nicht getraut. Und doch -- es war nicht der unerwartete Vorschlag, der sie beirrte. Auf was sie mehr horchte als auf seine Gründe, war die Art, in der er sein Anliegen vorbrachte. Der Ton, der unter den Worten mitschwang. Sie hätte nicht auf den Begriff bringen können, was sie befremdete. Sie fühlte nur eine Veränderung, die vorgegangen war -- deutlicher und tiefer, als das verstimmte Gebaren bei seiner Ankunft ihr davon eine Ahnung gegeben. Er schien gar nicht mit ihr zu reden, sondern mit sich: mit den Mitteln kühler Überlegtheit verteidigte er sich gegen einen Gegner, den er sich offenbar voll Leidenschaft und Unbesonnenheit vorstellte. Nur durch eine Täuschung übertrug er diese Gegnerschaft auf sie und gab sich die Rolle des Vernünftigeren.

Als er geendet hatte, spielte er nervös mit den Fingern auf dem Tisch, als könnte er Margas Antwort nicht abwarten. Sie hatte noch nicht Zeit gehabt, sich zu sammeln, als er beinahe ungehalten aufsprang.

„Wie denkst du darüber? Sprich! Hab' ich nicht recht? Oder bist du anderer Ansicht?”

Marga schüttelte leise den Kopf. „Es kommt mir nur unerwartet. Ich muß mich erst in das Neue hineindenken.”

„Ich meine, du müßtest dich freuen, daß ich dieser Heimlichtuerei und Halbheit ein Ende machen will!” Er ging mit lauten Schritten in der Halle auf und ab. Sie konnte nicht sehen, wie unmutig sein Gesicht war. Er biß sich auf die Unterlippe und fuhr sich einmal ums andere über die krausgezogene Stirn in sein buschiges, schwarzes Haar. Sie hörte, was sie nicht sah, aus dem Klang seiner Stimme, aus der fahrigen Härte seiner Tritte.

„Ich will mich gewiß freuen, Max. Laß mir nur ein bißchen Zeit. Wir können uns doch alles in Ruhe zurechtlegen.”

„Das klingt aber gar nicht nach Freude. Eher nach dem Gegenteil!” stieß er vorwurfsvoll hervor.

Margas Augen erweiterten sich wieder ängstlich. Sie suchten nach ihm, bittend, besänftigend. „So was darfst du nicht sagen, du! Das hört sich ja an, als hätte ich dich nicht lieb genug. Wenn es aber auf meine Liebe ankäme -- das weißt du -- dann --”

„Auf was soll es denn ankommen? Zweifelst du etwa daran, daß ich in zwei, drei Jahren mich so weit bringe, daß wir unser Heim gründen können? Sehr großartig wird's freilich fürs erste nicht sein. Eine erste Assistentenstelle an einer kleineren, auswärtigen Klinik vielleicht. Später eine außerordentliche Professur und so weiter. Das trau' ich mir zu. Oder ist es dir zu lang, einige Jahre öffentlich verlobt zu sein? Es ist doch besser, denk' ich, als heimlich so lange herumzulavieren. Auch angenehmer für dich. Oder meinst du, daß dein Vater --” Er sah zu Marga hinüber und hielt inne.

Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Dieses herrische, gereizte Drängen, dieser Stolz, der nur von sich sprach, seine fast feindselige Heftigkeit verletzten sie. Sie mußte unwillkürlich seiner ersten Werbung gedenken, die so anders geklungen, so voll Zartheit und Achtung. Das brachte sie, gegen ihren Willen, aus der Fassung.

Perthes sah seinen Fehler ein. Er näherte sich ihr und legte die Hand auf ihre Schulter. „Lieber Gott, Kind, ich will dich ja zu nichts zwingen! Vielleicht bin ich auch heute nicht in der besten Stimmung, um die Worte recht zu wählen. Aber du sollst auch nicht zu schwerfällig sein! Nicht zu weich, Marga! Nicht so überernst! Es sind nun einmal Realitäten, die da zu besprechen sind, und die wollen real angefaßt sein! Das ist alles!”

Perthes wußte nicht, wie schlecht sein Trost war. Auch jetzt noch, wo er ein Unrecht wieder gutmachen wollte, sagte er Dinge, die Marga in die empfindliche und zarte Seele schneiden mußten. Zu schwerfällig, zu ernst, zu weich -- vielleicht war sie das, aber er hatte noch nie solche Ausstellungen an ihr gemacht. Sie mußte all ihre Tapferkeit aufbieten, um ihre Tränen zurückzudrängen. Wenn er sie jetzt an sich gezogen, sie in seine Arme genommen hätte! Gewiß hätte sie das rechte Wort gefunden! Aber er war schon wieder beiseite getreten. Ihre Lippen waren ihr wie versiegelt. Ganz in sich hineingescheucht war sie jetzt, wie in ihren einsamsten, unverstandensten Mädchentagen.

Seine reizbare Laune war nur zu willig, ihr Schweigen als Trotz oder wenigstens als Eigensinn zu nehmen. „Ich bin müde. Und wir kommen heute doch nicht zueinander!” Er nahm seinen Hut. „Überleg' dir, was ich sagte, bis zum nächstenmal!”

„Du willst doch nicht schon gehen?” rang es sich von ihren Lippen.

„Doch. Ich habe morgen einen schweren Tag auf der Klinik und muß ausschlafen. Grüße Elli von mir. Adieu, Marga!” Er drückte ihr die Hand. „Wann fahrt ihr denn nach der Stadt?”

„Übermorgen, denk' ich,” gab sie tonlos zur Antwort.

Marga hörte, wie seine Schritte sich hastig nach der Wirtsstube entfernten. Er wechselte mit der Wirtin beim Bezahlen seiner Zeche ein paar Worte. Dann knarrte die Tür, die von dort in den Garten führte.

Warum sprang sie nicht auf? Warum rief sie ihn nicht? Warum lief sie nicht hinter ihm drein?

Sie saß wie gebannt.

Nicht einmal geküßt hatte er sie zum Abschied. Heute zum erstenmal nicht. Heute, wo sie davon gesprochen hatten, ihre Verlobung zu veröffentlichen; wo zum erstenmal von Hochzeit und Ehe nah und greifbar die Rede gewesen war!

Marga nahm den Kopf zwischen ihre beiden Hände.

Am Nachmittag war ihr so froh und leicht zu Mut gewesen. Sie hatte sich in ihrer Einsamkeit -- während Elli in der Stadt, er auf dem Stift war -- so glücklich gefühlt, so bräutlich stolz. Als dann Elli zurückgekehrt war, wollte sie nur von ihm mit ihr sprechen. Immer nur von ihm. Sie erwartete, sie ersehnte ihn mit klopfendem Herzen. Als er nicht kam und nicht kam, meinte sie vergehen zu müssen vor seliger Ungeduld. Wie niedergeschlagen war sie, als er ausblieb! Wie jubelte es in ihr, als er doch, doch noch kam!

Und jetzt?

Er hatte vom Schönsten und Höchsten gesprochen; von dem, was bisher nur wie ein ferner Traum, ein leuchtendes, kaum faßbares Bild im Schimmer der Zukunft gelegen! Wo blieb ihre Freude? Sie wollte sich freuen! Gewiß -- sie hatte ihn gekränkt. Sie tat ihm unrecht. Sie war schlecht und kleinlich gewesen. Warum kam ihre Freude nicht jetzt? Woher die Bangigkeit, die drückende, quälende Angst, die sie statt ihrer empfand? Sie fühlte die weite Halle wie eine schmerzhafte Leere um sich, und aus der Leere kroch ihr ein Schrecknis entgegen. Ungestalt und unbegreiflich. Und doch war es da und stellte sich zwischen ihn und sie. Es war der Zweifel, den sie verabscheute; für den sie sich schalt; den sie nicht verscheuchen konnte. Konnte die Liebe so sprechen, wie er es getan? Wenn seine Liebe nicht war, für was sie und er sie hielt? Wenn es Mitleid war und wenn -- doch das war ja nicht auszudenken, das war ja frevelhaft von ihr! -- und wenn er auf ein öffentliches Verlöbnis nur drang, um -- ja, um jede Brücke zur Umkehr hinter sich abzubrechen?!

Marga schauerte zusammen. Sie tastete nach ihrem Schal und fand ihn nicht.

Woher kamen ihr so grausame Gedanken? Woher nahm sie das Recht zu diesem häßlichen Verdacht? Es half nichts, daß sie so fragte. Angst und Zweifel ließen sie darum nicht los. Sie hatte ja nichts mehr als diese Liebe! Schranke um Schranke, die die Vorsicht zum Selbstschutz errichtet, war in diesen Sommerwochen mit all ihrem unverhofften Glück, ihrem reichen Erleben geschwunden und gefallen. Sie war wehrlos, wenn das Entsetzliche sich erfüllte, daß -- daß ...

Elli kam zurück. Sie hatte Perthes noch gesprochen. Auf der Landstraße, auf der sie ein Stück stadtwärts gewandert war. Einen Gruß hatte er ihr noch für Marga aufgetragen. Und einen Kuß.

Sie warf sich fröhlich an Margas Hals und bestellte ihn zehnfach.

Marga weinte und lachte zugleich. Die Angst, die zehrende Herzensangst schwand vor neuer Hoffnung. Sie erzählte Elli von Perthes' Plänen. Sie schöpfte Mut aus der jubelnden Zustimmung der Schwester. Selber schalt sie sich schwerfällig, weich, überernst. Elli belegte sie noch mit viel schlimmeren Schimpfnamen.

Und sie stellten sich Käthes maßloses Erstaunen vor, malten sich Vater Richthoffs Meinung in hundert Vermutungen aus, plauderten und bauten Luftschlösser, bis das Öl in der Hängelampe zu Häupten ihres Tisches zur Neige ging, die Flamme bläulich zuckte und die Halle dunkel und dunkler wurde.

Dann führte Elli die „erklärte” Braut mit feierlichem Übermut nach oben.

10

Ehe der alte Herr und Käthe von der Sommerreise heimkehrten, mußte im Haus am Wenzelsberg das große Herbstreinmachen erledigt sein.

Kaum waren Elli und Marga von der Sägemühle, war Therese aus ihrem Heimatdorf zurückgekommen, so wurde mit Hilfe der Scheuerfrau das Unterste zu oberst gekehrt. Das Gröbste taten natürlich die dienstbaren Geister. Aber daneben gab es noch genug zu tun, woran die beiden Schwestern ihre erholten Kräfte üben konnten. Elli zumal warf sich ungestüm wie ein junges Füllen ins Joch. Sie wollte überall dabei sein. Marga hatte ihre liebe Not, sie vom Teppichklopfen und Treppenscheuern abzuhalten. Wenn sie sie dann zu einer angemesseneren Hantierung zurückholte, zur Ordnung in Schränken und Kommoden und im Silberkasten, schmollte Elli über ihre gezügelte Tatkraft, ja, sie schimpfte wie ein Rohrspatz.

„Du hast's wahrhaftig nötig, Margakind, mir gute Lehren zu geben! Lernen solltest du von mir, statt mich von aller tüchtigen Arbeit fernzuhalten! Du wirst 'ne nette Hausfrau abgeben! Die nur so wie der Geist Gottes über den Wassern schwebt, statt selber was Rechtes anzufassen! Perthes kann einem leid tun!”

Ihr höchstes Vergnügen war, wenn Marga auf solche Vorhaltungen „einschnappte”, wenn sie sich ernsthaft verteidigte und erklärte, es genüge gewiß, die Aufsicht zu führen. Da legte Elli verdoppelt los: sie würde sich nicht wundern, wenn es bei Marga mal drunter und drüber ginge. Sie dächte wohl, Perthes werde ihr so fünf bis sechs Dienstboten halten! Und sie, Marga, könne dann dasitzen, auf einem goldenen Thrönchen, die Hände im Schoß und ihre hohen Befehle lispeln! Elli ruhte nicht und entwarf die grimmigsten Zerrbilder von dieser künftigen Tatarenwirtschaft im Haus Perthes. Sie trieb es so lang und so toll, bis Marga wirklich ganz kleinlaut wurde.

„Du kannst ja schon recht haben,” erklärte sie schließlich traurig und verlegen. „Was andere können, kann ich natürlich nicht. Das hab' ich ihm auch schon oft genug gesagt.”

„Ja, ja,” stimmte Elli tiefsinnig zu, während sie sich vor Vergnügen auf die Lippen biß.

„Er kann und will sich nicht denken, wie schwer es mit mir sein wird. Und großartig werden wir's wahrhaftig nicht haben. Im Anfang mal sicher nicht. Wenn es schon im Haus nicht so wird, wie er's erwartet -- unter den Menschen, in der Geselligkeit, bin ich erst recht zu nichts nütze.” Marga legte tatsächlich die Hände in den Schoß, aber nicht, um „hohe Befehle” zu erteilen, sondern um verzagt vor sich hinzugrübeln.

Jetzt schlug Elli um wie das Wetter im April. Sie lachte sie aus, daß beinahe die Leute auf der Straße zusammenliefen.

Wie konnte Marga so närrisch sein, das dumme Geschwätz für bare Münze zu nehmen! Im Handumdrehen machte sie aus dem Haus Perthes eine Musterwirtschaft. Großartig würde das werden! Keine so herkömmliche, peinliche Spießerei, sondern frei und schön, wie es sein sollte! Marga mit ihren geschickten Händen, ihrem guten Geschmack, ihrem klaren Kopf würde eine bessere Hausfrau werden als zehn andere mit zwanzig und mehr Augen! Und dann wäre auch sie noch da -- die Schwägerin Elli! Ihr würde man doch wohl nicht das Haus verbieten. Sie wollte die Geschichte schon im Schwung halten, wenn Marga mit den zwölf Kindern nicht immer aus und ein wüßte. Eine Tante würde sie abgeben wie --

Marga verbot ihr zürnend den Mund. Aber sie mußte doch lachen. Und während sie ihre Arbeit des Silberputzens wieder aufnahm, ließ sie sich gern überzeugen, daß es famos gehen würde! Trotz ihrer Prüderie und Schwarzseherei! Das war ja ihres eigenen Herzens sehnsüchtiger Wunsch und Wille ...

Perthes hatte den Schwestern zur Rückkehr in die Stadt Blumen geschickt. Für Marga hatte ein kurzer Brief beigelegen, in dem er sie für seine schlechte Stimmung am letzten Abend auf der Mühle um Verzeihung bat. Die Frage, wie sie sich zur Bekanntgabe der Verlobung stellte, erneuerte er nicht. Sie war ihm dankbar, daß er nicht in sie drang. Dafür kam sie selber beim ersten Besuch, den er am Wenzelsberg machte, darauf zurück. Als hätte sie sich durch die unheimlichen Gedanken, die sie an jenem Abend peinigten, an ihrer Liebe versündigt und müßte ihren Wankelmut durch doppeltes Vertrauen wieder gutmachen, stimmte sie freudig zu und legte alles in seine Hände. Sein Vorwurf der Schwerfälligkeit hatte lang und nachhaltig in ihr gearbeitet. Sie drängte ihre Einwände und Bedenken energisch zurück und kämpfte jeden Schatten eines Zweifels, jede Regung mißtrauischer Sorge um ihr Glück tapfer nieder.