Part 16
Frau Hupfeld schnellte mit allen Zeichen der Angst von ihrem Sitz in die Höhe. „Oh -- was Sie sagen, Karl!” stammelte sie. Sie sah wirklich bemitleidenswert aus.
Cousine Hilla biß auf ihre Serviette, um nicht von neuem herauszulachen. Alice schnitt eine Grimasse. Perthes fixierte standhaft den zierlichen Rand seines Tellers, denn wenn er bis jetzt als Gast des Hauses seinen Lachmuskeln eine peinliche Reserve auferlegt hatte, diese im Ton einer antiken Schicksalsverkündigung vorgetragene Gewittermeldung drohte seine Kraft zu übersteigen.
Der Geheime Rat blieb ernst. „Es wird ja so schlimm nicht sein!” redete er begütigend seiner Frau zu.
Aber für Frau Hupfeld gab es, nachdem sie sich vom ersten Entsetzen erholt, kein Halten. „Herr Doktor Pätel -- Sie müssen mich entschuldigen -- ich kann nun mal nichts dafür!” erklärte sie mit hastiger Verlegenheit. „Nein -- und ich wollte noch von der wundervollen Ananas essen! Stellen Sie sie für mich zurück, Karl! Und Annette soll auf mein Zimmer kommen. Sie muß mir die Laden schließen. Johann auch!”
Schon war sie, ihre beleibte kleine Person mit erstaunlicher Elastizität vorwärtsschiebend, aus dem Saal geflohen, um in ihrem Schlafzimmer unter Beihilfe der verfügbaren Dienstboten die nötigen verdunkelnden Vorbereitungen zu treffen.
Das Gleichgewicht der Tafel war gestört.
Exzellenz -- seine Verstimmung in eine gesteigerte, über die Kleinigkeiten des Tages erhabene Hoheit hüllend -- hielt es für angebracht, die Mahlzeit nicht mehr über Gebühr zu verlängern.
Er stand denn auch bald auf und gab so das Zeichen der Befreiung vom Tischzwang. Die Herren begaben sich in die Bibliothek. Während der Leutnant den mit Silber eingelegten Zigarrenschrank herbeiholte und Perthes mit den unterschiedlichen Vorzügen der Importen bekannt machte, zog Hupfeld sich stillschweigend zu einer kleinen Mittagsruhe zurück.
Alice und Hilla traten unter die Tür der Bibliothek.
„Hilla will mal meine Iltismama besehen. Kommst du mit, Säbelmännchen?” Alice richtete ihre Aufforderung absichtlich nur an ihren Bruder, als existierte Perthes gar nicht.
„Das hängt von Herrn Doktor Perthes ab,” erwiderte der Leutnant, den Zug seiner Zigarre prüfend.
„Bah -- es fragt sich sehr, ob wir Herrn Perthes nach der famosen ‚Abfuhr‛ an Alli überhaupt noch dazu einladen!” erklärte Fräulein Hilla mit schnippischer Promptheit.
„Dann müßt ihr auf meine Gesellschaft auch verzichten, Hillchen!” gab Leutnant Moritz ritterlich zurück.
Alice maß Perthes über ihre Schulter weg mit dem ihr eigenen Blick vom Fuß zum Kopf.
„Bitte sehr, sich durch mich nicht bestimmen zu lassen. Unser Tierpark im Bakteriologischen Institut war so reichhaltig, und ich bin so froh, ihn los zu sein, daß ich auf Iltismütter keinen besonderen Wert lege.” Perthes sprach mit aller ihm zu Gebot stehenden Gelassenheit, ohne Alices Blick zu vermeiden. Dabei mußte er allerdings die zartgewickelte Zigarre beinahe zwischen seinen Fingern zerdrücken, so sehr reizte ihn Alices Benehmen.
„Stolz lieb' ich den Spanier!” bemerkte sie leichthin; aber ihre Mundwinkel zuckten mehr nervös als spöttisch, und ihre Absätze klappten stärker auf den Boden, als nötig war. Seine Sprödigkeit machte sie kampflüstern. Sie wäre jetzt am liebsten dageblieben, um es gleich darauf ankommen zu lassen, wer Sieger blieb. Doch Hilla zog sie energisch aus der Tür.
„Hat dein Papa immer so verdrehte Assistenten?” fragte die Cousine laut genug, daß man es noch in der Bibliothek hören konnte.
„Schweig! Das verstehst du nicht!” herrschte Alice sie an.
Hilla sah ihr ganz betroffen in die funkelnden Augen.
„Er ist ein feiner Junge, sag' ich dir!” Alice wollte hinzusetzen: Gerade, weil er so widerhaarig tut! Aber sie behielt diesen Nachsatz für sich und pfiff dafür auf dem Weg zum Park leise vor sich hin -- so bedeutungsvoll, wie nur junge Damen pfeifen können ...
Nach einigen Minuten gingen Perthes und Leutnant Hupfeld auf eigene Faust ins Freie.
Sie hatten beide Gefallen aneinander gefunden. Der aufgeweckte junge Offizier, der nach den besten Eigenschaften seiner Mutter geraten zu sein schien, traf sich mit Perthes im Interesse für den Luftsport. Der Leutnant hatte in Berlin und auch in Paris Flugversuche gesehen, von denen er sehr anschaulich zu plaudern wußte. Nachher erzählte er von Freiburg und von winterlichen Skitouren im Schwarzwald. --
Sei es, daß die Iltismama an Reiz eingebüßt hatte, sei es, daß Cousine Hilla Sehnsucht nach Vetter Moritz bekam -- die jungen Damen kehrten auffallend schnell von ihrer Raubtierbesichtigung zurück.
Man setzte sich in den Schatten unter eine breitästige Eiche.
Der Diener kam mit einem Klapptisch, mit Mokka und einer Batterie von Likören aus dem Hause.
Alice hatte sich, wie die beiden Herren, einen Curaçao eingießen lassen. Sie näherte sich Perthes mit der Miene einer frommen Helene. „Wollen wir uns wieder vertragen, Doktor?” Sie hielt ihm den kleinen Finger hin, um mit ihm anzustoßen.
„Ich bin mir nicht bewußt, daß --”
„Nun machen Sie gefälligst nicht wieder Geschichten! Wollen Sie -- oder wollen Sie nicht?”
Perthes gab sich zufrieden, tippte an ihren Finger, und sie tranken sich zu.
Während Hilla den Leutnant mit Beschlag belegte und entführte, setzte sich Alice neben Perthes auf die Bank unter der Eiche. Sie stemmte sich mit den Händen rechts und links gegen den Sitz und ließ die Füße mit den hübschen, bronzefarbenen Schnallenschuhen und den blauseidenen durchbrochenen Strümpfen übereinandergleiten.
„Warum sagten Sie das mit der ‚manierierten Natürlichkeit‛, Doktor Perthes?” fragte sie nach einiger Zeit in nachdenklichem Ton, in die Betrachtung ihrer Schuhspitzen scheinbar versunken.
„Weil es meine Meinung war und Sie mich darum fragten,” entgegnete er.
„Ich glaube, Sie haben greulich viel an mir auszusetzen!” fuhr sie in derselben Weise fort.
„Das beruht wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit!” Er lehnte den Kopf gegen den Stamm der Eiche und blies den Rauch seiner Zigarre in nervösen Zügen über sich. Er vermied es, sie anzusehen.
„Man muß wohl hausbackener sein, um Ihnen zu gefallen?” Sie streifte ihn mit einem halben Blick. Der gutsitzende, elegante Gesellschaftsanzug stand in anziehendem Gegensatz zu der naturhaft gebräunten Farbe seines Gesichts und seiner Hände.
„Ich dachte, wir hätten auf Versöhnung angestoßen,” meinte er. „Aber Sie --”
„Natürlich, das schließt doch nicht aus, daß ich mich mit Ihnen ein bißchen kabble. Ich kabble mich immer mit Menschen, die mir gefallen!” Sie sah ihn jetzt mit dem Schalksgesicht voll an. Ihre Augen flirrten keck unter der weißen Stirn und dem rötlichen, vorgebauschten Haar, während die Zungenspitze über die Lippen spielte.
Perthes warf seine Zigarre fort und streckte sich unbehaglich. „Davon halt' ich nicht viel. Vom Kabbeln nämlich. Ich bin nicht sonderlich geschickt dazu und gerate leicht vom Hänseln ins Hauen!” Seine Hand, die er mit dem Rücken vor die Stirn geschoben, schloß und öffnete sich instinktiv. Ohne daß er sich dessen bewußt war, gab diese Bewegung seine geteilte Empfindung für Alice wieder, die sich durch dies Tete-a-tete steigerte: er hätte sie gleichzeitig leidenschaftlich an sich reißen und von sich stoßen mögen.
„Oho! Das klingt ja ordentlich gefährlich!” lachte sie belustigt. „Sie überschätzen am Ende doch Ihr Temperament, Doktor!” setzte sie mit herausforderndem Spott hinzu. Sie hatte gar nicht im Sinn, ihre „kabbelnde” Taktik ihm gegenüber einzustellen. Im Gegenteil, es machte ihr Vergnügen, die spröde Zurückhaltung, die er zur Schau trug, den Philister, wie sie es nannte, mit seiner Reizbarkeit in Widerstreit zu bringen. Sie tat das ohne Berechnung. Dafür war sie viel zu sehr ein Geschöpf der Laune. Es war vielmehr die Neugierde: es lockte sie, herauszubekommen, ob die Reibung zwischen seiner Sprödigkeit und seinem Temperament kein Feuer geben könnte.
Das Gewitter aus Süden, das Frau Hupfeld von der Tafel aufgeschreckt hatte, war recht zögernd aufgezogen. Erst jetzt holten seine Wolken die Sonne ein. Ein greller, silberner Rand schied das Blau und das Grau des Himmels. Das Licht auf dem langgestreckten, eintönigen Rücken des Hauses schwand. Die Schatten unter der Eiche wurden beinahe finster. Der Donner murrte dumpf und nah.
„Das scheint ja doch noch ernst zu werden,” lenkte Perthes das Gespräch ab.
„Sie sind doch nicht auch gewitterscheu wie Mama?”
„Das müssen Sie mir ja ansehen, gnädiges Fräulein!”
„Wenn Sie wünschen, zeige ich Ihnen mal die Kapelle. Papa würde es Ihnen nicht verzeihen, wenn Sie nicht dort gewesen wären!” Alice war aufgestanden. Sie schlang die Hände hinter ihrem Kopf ineinander und dehnte sich. „Wollen Sie? Wenn Ihnen die Besichtigung mit mir allein zu langweilig ist, können wir noch Moritz und Hilla rufen.”
„Ihre Gesellschaft genügt mir.”
„Danke! Ich nehme das für ein mißratenes Kompliment.” Sie neigte übertrieben-höflich den Kopf und ging dann voraus.
Alice nahm sich Zeit und führte Perthes auf einem Umweg quer durch den Park. Sie lief, und er blieb trotz seiner großen Schritte immer hinter ihr.
„Sie haben Bergtouren gemacht?” begann er von sich aus die Unterhaltung wieder.
„Ach -- es war recht mäßig dieses Jahr!” gab sie gleichgültig zurück. „Das Wetter war zu unbeständig.”
„Mit wem waren Sie denn zusammen?”
„Mit mir und mit dem Führer!”
„Nur mit dem Führer?”
„Warum denn nicht?” Sie drehte sich flüchtig nach ihm zurück. „Ich finde das viel aparter und origineller, als wenn Moritz oder sonstwer mich immer als Dame schont und bemuttert!”
Perthes wollte Genaueres von ihren Touren hören, aber sie schien dazu heute nicht aufgelegt. Seine Augen ruhten auf ihrer leichten, schlanken Gestalt. Durch ständiges Trainieren, Gymnastik und Sport hielt sie ihre Formen in gefälliger, sehniger Schmalheit. Die Schultern, die Arme und Hüften waren, für sich betrachtet, überschlank; aber ihre Art, sich zu bewegen, fest und geschmeidig zugleich, gab dem Körper eine reizvolle Harmonie, die nichts Eckiges oder Spitzes aufkommen ließ. Beim Gehen schien sie nie mit dem Absatz den Boden zu berühren. Dabei war ihr Gang weder schwebend noch geziert, sondern von jener kecken Freiheit, die zu dem spöttelnden Leichtsinn ihres ganzen Wesens paßte. Es war ein und dasselbe sinnliche Geheimnis in ihrer Erscheinung, in ihrem Lachen, in ihrem boshaften Geplauder; ein Geheimnis, gegen das seine Vernunft und Geradheit sich wehrten, und das doch, ohne daß er es sich gestand, ihn nicht losließ.
Sie zeigte ihm mit flüchtigen Bemerkungen, die sie über die Schulter warf, die Sehenswürdigkeiten des Parks. Da war ein Gedenkstein vom Ende des achtzehnten Jahrhunderts, eine girlandenumwundene, mit einer Opferschale gekrönte Säule, moosig bezogen und mit einer Inschrift versehen, die kein Mensch lesen konnte. Der Geheime Rat behauptete fest und steif, es sei eine Erinnerung an Goethes Besuch auf dem Stift. Dann brüchiges, efeuüberwuchertes Gemäuer, verfallene Stufen, die in die Tiefe führten, wo eine Quelle rieselte. Weiterhin ein halber Turm aus verwittertem Sandstein, den Exzellenz, allerdings selbst mit einer gewissen Skepsis, für den Rest eines Burgfrieds aus Raubritterzeiten erklärt hatte. Ein verträumter Teich, über und über mit Wasserlinsen bedeckt; eine romantische Grotte, die zur Schatzgräberei ermutigte, ein ... Doch da klatschte es schon derb auf das hohe Blätterdach der Bäume und fuhr mit scharfen, silbernen Fäden durch die Zweige. Der Regen brach los.
„Wer zuerst an der Kapelle ist!” rief Alice mit ausgelassenem Gelächter.
Sie raffte leicht ihr Kleid und stürmte vorwärts, ohne den Weg einzuhalten, quer durch Gras und Gebüsch.
Perthes, weniger durch diese Aufforderung als durch den niederfahrenden Regen bestimmt, setzte ihr nach. Kurz vor der niederen Bogentür der Kapelle, die fast märchenhaft hinter den tiefhängenden Ästen auftauchte, überholte er sie. Alice schoß in vollem Lauf hinterdrein und prallte mit dem Gewicht ihres Körpers gegen ihn. Die alte morsche Tür hielt der doppelten Last nicht stand, sondern knarrte aus dem Schloß. Eins am andern Halt suchend, gelangten sie mehr im Fall als im Schritt in den dämmrigen Raum. Ihre erhitzten Gesichter sahen sich verdutzt und lachend an.
Die hohen bunten Glasfenster waren mit Sonnenvorhängen gedeckt, so daß es beinahe finster in der Kapelle war. Sie war möglichst als Gotteshaus erhalten. Ein Hochaltar aus der Kölner Schule -- die süßliche Madonna in der Mitte, rechts und links auf den Flügeln die knienden Stifter --, Sanktuarium, Lesepult und Kerzen davor, traten, von einem Streiflicht getroffen, aus dem Dunkel der kleinen Apsis. Alice zog einen der Vorhänge auseinander. Man erkannte jetzt leidlich die geschnitzten Chorstühle an den Wänden, Bilder der Stationen Christi, die blanken Pfeifen einer kleinen Orgel auf der rückwärtigen Empore. Das halbe Gewitterlicht von draußen gab eine fahle, wunderliche Stimmung.
Geschmackvolle Schränke zwischen den Chorstühlen und glasüberbaute Tische, die an Stelle der Bänke das Kapellenschiff füllten, enthielten die Sammlung des Geheimen Rats: Meßgewänder und Schmuckstücke aus dem späten Mittelalter, Gemmen und Münzen aus der Antike, Handschriften aus dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert.
Auch wenn sie besser zu sehen gewesen wären -- Perthes hätte jetzt kaum zu einer näheren Besichtigung Lust gehabt. Er lehnte schweigend an einem der Pfeiler und begnügte sich, die ruhige Gesamtheit der kleinen Kirche und ihre Kühle auf sich wirken zu lassen. Der Regen prasselte an die Scheiben, und der Sturm brauste draußen in den mächtigen Bäumen.
Alices unfromme Stimme weckte ihn schnell. „Als Säulenheiliger sehen Sie wirklich nicht gut aus, Doktor!” klang es von der Höhe der Orgelempore hallend zu ihm herunter. „Kommen Sie lieber zu mir herauf und helfen Sie mir!”
Perthes entdeckte nicht ohne Mühe die schmale Stiege, die sie emporgeklettert war, und folgte ihr. Sie krachte bedenklich unter seinen Tritten.
Alice stand hinter der verstaubten Orgel und wirtschaftete an einer hohen Leiter.
„Wobei soll ich Ihnen helfen?” fragte er mit leisem Argwohn.
Sie deutete über sich.
Man sah über die Dachsparren durch in den engen Turm, in dem zu oberst ein oder zwei Balken querliefen, die wohl früher eine Glocke getragen hatten.
„Ich möchte mir von da oben mal das Unwetter ansehen!”
„Aber das ist ja Unsinn!” entfuhr es Perthes. „Da kommen wir nicht hinauf. Oben an der Leiter fehlen Sprossen, und weiter hinauf sehe ich überhaupt keine Möglichkeit, hochzukommen. Überdies wackelt das ganze Ding hier!” Er schüttelte mit seinen Händen die gar nicht einladende Leiter.
„Das hätte ich mir denken können, daß Sie für so was nicht zu haben sind! Aber ich will da hinauf, hören Sie! Wenn ich mir den Hals breche, sind Sie schuld, der Sie mir nicht behilflich sein wollen!” Sie stieg entschlossen auf die erste Sprosse. „Ich brauche Sie gar nicht!”
„Das erlaub' ich nicht!” Perthes faßte zornig und besorgt ihre Hand.
„Wollen Sie mich loslassen. Mit Ihrem Bärengriff! Erlauben! Was haben Sie zu erlauben!?”
„Seien sie nicht so eigensinnig, Fräulein Alice.” Zum erstenmal brauchte er in der Erregung ihren Vornamen.
„Jetzt erst recht! Ich bin nicht so ängstlich um mein bißchen Leben besorgt wie Sie um Ihren schönen Gehrock, Doktor -- der --”
Mit einem Satz war Perthes neben ihr und drängte sie knirschend beiseite.
„Sie Barbar!”
Er klomm behend aufwärts und sie mit leisem, befriedigtem Lachen hinter ihm drein. Sie hatte seinen Mut und seine Entschlossenheit in Frage gezogen, und er war unbesonnen genug, sich das nicht zweimal sagen zu lassen. Wie ein großer, bravoursüchtiger Junge kletterte er hoch und höher. Wo die Sprossen fehlten, streckte er ihr ohne ein Wort befehlend Hand und Arm zu, um ihr zu helfen, und sie zog sich geschickt an ihm empor.
Es war eine waghalsige Torheit, wie er richtig vorhergesagt hatte.
Über der Leiter waren eiserne Krampen ins Fachwerk geschlagen, die zur Not als Stufen dienen konnten.
Er hatte es aufgegeben, noch einmal gegen Alices Wagemut vorstellig zu werden. Er wußte, daß er sie damit nur um so trotziger machen würde. Ganz nur mit dem gefährlichen Aufstieg beschäftigt, vergaß er jede Bedenklichkeit: er schlug seinen Arm hinter ihren Rücken; halb zog, halb hob er sie weiter, und ihr geschmeidiger, leichter Körper schmiegte sich ohne Scheu an den seinen.
Dort, wo der Turm, ein richtiger Dachreiter, sich gegen das Dach absetzte, war eine schmale Galerie, in der sie, gegen die Wand gelehnt, einen Augenblick Seite an Seite veratmen konnten. Wenn er sich auf die Fußspitzen erhob, streifte er mit den Händen an das Glockengerüst. Er suchte es auf seine Festigkeit zu prüfen. Es war stark genug, um zwei Menschen zu tragen, und saß fest im Gemäuer. Die Balken, einer etwas höher als der andere, aber in gleicher Richtung, bildeten eine notdürftige Bank.
Perthes schwang sich hinauf. Mit dem einen Arm hielt er sich, mit dem anderen half er Alice und setzte sie mit einer letzten, ruckhaften Anstrengung neben sich -- fast leidenschaftlich-heftig, wie ein unartiges Kind, das in Teufels Namen seinen Willen haben muß.
„Wenn Sie nicht so grob zufaßten, würden Sie einen ganz guten Bergführer abgeben!” stieß sie aufatmend hervor.
„Chirurgen haben bekanntlich immer harte Hände,” spottete er ingrimmig. „Fassen Sie die Planke da gefälligst fester,” kommandierte er, „sonst segeln wir in die Tiefe.”
„Sie sind ja ein netter Tyrann!” Alice sah ihn mit einer Mischung von Schelmerei und fast zärtlicher Bewunderung an. Sie saßen eng aneinandergedrängt; die Arme hatten sie sich wechselseitig hinter den Rücken legen müssen, um sicher zu sitzen. Ihre in der Anstrengung des Aufstiegs erglühten Gesichter berührten sich beinahe. Er spürte die losen Strähnen ihres zerzausten Haares auf seiner Wange.
„Wollen Sie nicht lieber, statt mich zu schelten, sich die Aussicht ansehen?” meinte er erregt.
Es war in der Tat schön da oben.
Durch die spinnwebverzierten Gucklöcher des Turmes übersah man flußaufwärts das Tal. Die Wolken hingen schwer und schwarz über den Tannenkuppen. Blitz auf Blitz zuckte daraus hervor und riß die verdunkelte Landschaft in grelles, phantastisches Licht. Der Donner rollte ferner. Aber der Wind wühlte noch immer in den Baumwipfeln, auf die man heruntersah, und der Regen fuhr in langen, glitzrigen Strichen nieder.
Das tosende Bild des Unwetters war nicht dazu angetan, Perthes ruhiger zu machen. Während er mit vom Staube brennenden Augen hinausstarrte, fühlte er, wie die warme Nähe von Alices biegsamem Körper seine Sinne gefangennahm und seine Widerstandskraft lähmte. Er vermied es krampfhaft, sie anzublicken. Sein herrisches, scharfes Wesen war die letzte Schanze, die er zwischen sich und ihr aufwarf und verteidigte.
„War das etwa nicht der Mühe wert, hier heraufzuklettern?” fragte sie nach einer Weile vorwurfsvoll. „Tun Sie nicht Abbitte, Doktor Perthes?” Sie beugte ihren Kopf vor, um ihm in das beharrlich geradeaus gerichtete, finstere Antlitz zu schauen. Die rotblonden Haare schienen wie kleine, zackige Blitze ihr Gesicht zu umzucken, und die flackernden, boshaften Augen suchten die seinen.
„Sie werden fallen! Halten Sie sich ruhig!” knirschte er. Mit der äußersten Anspannung seines Willens wich er ihrem Blick aus. Er wußte, daß er sie an sich reißen und küssen mußte, wenn sich seine Augen mit den ihrigen trafen -- küssen wie ein Rasender. Ob sie dabei beide in Gefahr kamen, in die Tiefe zu stürzen, war ja dann vollends gleichgültig ...
„Ah -- ich glaube, Sie fixieren da drüben die Sägemühle!” Ärgerlich glaubte Alice das Ziel seines starren Blicks entdeckt zu haben.
Perthes hatte bisher das rote Ziegeldach an der Krümmung des Flusses, zwischen windgepeitschten Baumkronen, noch gar nicht beachtet. Jetzt erkannte er es. Der Bann war gebrochen.
Der Gedanke an Marga stürmte schmerzlich, anklagend, bitter auf ihn ein und kühlte sein Blut ab.
„Steigen wir ab, gnädiges Fräulein. Es wird lange genug dauern. Halten Sie sich eine Sekunde fest. Mit beiden Händen. Hier und hier.” Er bedeutete ihr die beiden Stellen am höheren Glockenbalken. Dann ließ er sich am anderen auf die Galerie nieder und half ihr folgen.
Er hatte seine nüchterne Überlegung wieder.
Wo der Dachreiter auf dem Dache der Kapelle aufsaß, war eine gähnende Luke. Sie konnte auf den Dachboden führen. Vielleicht bot sich dort ein minder halsbrecherischer Weg. Ohne auf Alices Einwände zu hören, leitete er sie von der Galerie bis an die Luke. Dort kletterte er voraus und inspizierte das Terrain. Nach wenigen Augenblicken kam er zurück und hob sie zu sich auf den Boden. Sie tappten Hand in Hand, vorsichtig und stumm durch den dunklen Raum, wo sie eine Fledermaus aufscheuchten und Spinngewebe zerrissen. Eine im Vergleich mit der Leiter, an der sie hochgeklommen, bequeme Holztreppe führte vollends in die Tiefe. Der Abstieg war ein Kinderspiel gegenüber dem unsinnigen Aufstieg. In einer engen, völlig kahlen Kammer, die wohl als Sakristei zwischen Apsis und Schiff der Kapelle eingeklemmt war, gelangten sie auf ebener Erde an. Durch eine offene Tür kam man von dort hinter den Hochaltar und zurück in die Kapelle.
„Der Weg wäre einfacher gewesen!” bemerkte Perthes, nicht ohne Vorwurf.
„Ich wußte nicht, daß man vom Boden in den Turm steigen kann,” gab Alice frostig und einsilbig zurück.
Als sie unter das Tor der Kapelle traten, sah er auf die Uhr. Es war spät geworden. Beinahe sieben. „Höchste Zeit, daß ich mich verabschiede!” murmelte er heftig.
Sie schritten wortlos durch den Garten nach dem Haus. Der Regen hatte aufgehört. Es tropfte nur noch schwer und laut von den glänzenden Zweigen.
Im Flur klingelte Alice nach dem Diener. „Vielleicht wünschen Sie sich etwas ausbürsten zu lassen, Herr Doktor!” Sie musterte sein verstaubtes Äußere vom Fuß zum Kopf mit einem halben Lächeln, das er mit einem Blick auf ihr ziemlich mitgenommenes blaues Foulardkleid erwiderte. Dann ließ sie ihn stehen und ging die Treppe hinauf.
„Bitte, sagen Sie mir noch, gnädiges Fräulein, wo ich mich von Ihren Eltern verabschieden kann,” rief ihr Perthes nach.
„Seine Exzellenz, der Herr Geheime Rat, wurden in die Stadt gerufen. Ihre Exzellenz, die gnädige Frau, sind zu Bett gegangen,” meldete der hinzukommende Diener.
Alice war auf dem Treppenabsatz stehen geblieben. „Na, denn adieu!” Sie nickte ihm zu und streckte die Hand lässig über das Geländer.
Perthes berührte sie leise und verbeugte sich. „Sie haben wohl die Güte, mich den Herrschaften dankend zu empfehlen. Auch Ihrem Herrn Bruder und Ihrer Fräulein Cousine.”
Fräulein Exzellenz war schon verschwunden ...
Perthes ließ sich von dem Diener, so gut es ging, den Anzug reinigen.
Zwei Minuten später trat er aus dem Haus. Er atmete auf und ging mit schnellen Schritten durch den Garten dem Tor zu. Als es zufiel und Stift Nieburg hinter ihm lag, war es ihm, als wäre eine Ewigkeit vergangen, seit er dort eingetreten war. Und doch waren nur wenige Stunden vergangen, seit er an derselben Stelle aus der Droschke gestiegen. Wie um einen gefährlichen Spuk, der kein Anrecht auf Wirklichkeit hatte, schleunig loszuwerden, lief er zur Landstraße hinunter. Flußaufwärts über den Bergen verzog sich das Gewitter mit aschgrauen und nachtschwarzen Wolken. Flußabwärts, der Ebene zu, blaute der Himmel wieder, und die Sonne zerriß das dünne, schleierhafte Gewölk. Ihre Strahlen drangen mutig vor und erreichten die Straße. Bis hinauf zur Mühle wagten sie sich, bewarfen das Ziegeldach und blitzten auf den nassen Blättern des Wirtsgartens. Die Rinnsale in den Wagenfurchen auf dem Fahrdamm, noch eben trostlos braun und schmutzig, sprühten blendend auf und wetteiferten mit dem goldgekräuselten Schein der Wellen im Fluß. Ein breiter Regenbogen spannte sich vom jenseitigen Ufer über das Tal und berührte mit seinem Scheitel diesseits den Bergwald.