Part 15
Es wäre unnatürlich gewesen, wenn sie ihn nicht erfreut hätte. Aber es mischte sich etwas Neues und Fremdes in diese Freude. Solange es gegolten hatte, Margas Liebe aus ihrer ängstlichen Verhüllung von Scheu und Vorsicht zu lösen, hatte dies Spiel von Gefühl und Vernunft ihn in fortwährender, froher Spannung gehalten, und sein Empfinden für sie schien mit jedem Sieg, den er ihr abgewann, an Innigkeit zu wachsen. Es kamen Augenblicke, wo er sich verliebt vorkam, so verliebt, wie er es vor Wochen, als er sich zum Entschluß drängte, noch nicht für möglich gehalten hätte. Aber nun, da Margas Liebe entfaltet war und naturgemäß in ihr mit der Zärtlichkeit der Seele auch die der Sinne erwachte, erschrak er bisweilen mitten unter ihren Liebkosungen über sich selbst. Er hatte aus der Liebe, die er sich verordnete, seinerzeit die Leidenschaft wegräsoniert. Jetzt zitterte sie ihm, nicht aufdringlich freilich und maßlos, aber doch blutwarm und lebendig aus Margas Zärtlichkeit entgegen. Was hatte er ihr dagegen zu geben? Wo blieb bei ihm die Leidenschaft, die die ihre beantwortete? Freilich erwiderte er stürmisch ihre Umarmung und gab ihr ihre Küsse verdoppelt zurück, aber zwang er sich nicht dazu? War in seinem Ungestüm nicht die Furcht, hinter ihr zurückzubleiben, und war diese Furcht nicht schon der Beweis, daß seine Liebe der ihren nachstand?
Er verwünschte solche Gedanken. Das allzu häufige, untätige Beisammensein war doch unvernünftig gewesen und hatte ihn durch Übersättigung überkritisch gemacht. Von dieser Seite sah er in seiner klinischen Tätigkeit keine unwillkommene Gelegenheit, mit seiner und Margas Liebe mehr hauszuhalten. Seine Stellung mit ihren gesteigerten Ansprüchen befriedigte ihn. Mit dem ganzen Feuereifer, dessen er fähig war, gab er sich ihr hin. Dem Zureden Margas und der eigenen Einsicht folgend, entzog er sich auch dem Verkehr mit seinen Kollegen nicht mehr so völlig wie bisher. Er dachte sogar daran, sich einmal wieder im Tennisklub sehen zu lassen. Aber die Aussicht, mit Alice Hupfeld zusammenzutreffen, hielt ihn ab. Nach der gemeinsamen Radfahrt auf der Landstraße hatte er danach kein Verlangen. Es war möglich, daß sie verreist war. Der Geheime Rat war auf Stift Nieburg. Das wußte er. Alice war nirgend zu sehen. Doch das wollte nichts Sicheres besagen. Es war jedenfalls geratener, ihr aus dem Wege zu gehen ...
Da überraschte ihn vor Ende August Exzellenz Hupfeld mit einer Einladung aufs Stift. Zum einfachen Mittagessen. Fast gleichzeitig erfuhr er zufällig aus dem Gespräch mit einem Kollegen, daß Fräulein Exzellenz von einer vierzehntägigen Hochgebirgstour zurückgekehrt sei.
Seine Lust an der Einladung nach Nieburg, von vornherein nicht groß, wurde durch diese Nachricht sehr herabgemindert. Er trug sich mit dem Gedanken, abzulehnen, und suchte nach einem plausiblen Grund. Seltsam: der Widerwille, mit Alice zusammen zu sein, nahm in dem Maße zu, als das Essen auf dem Stift sich näherte. Er sprach auch mit Marga darüber. Es war ihm ein Bedürfnis, so oft er Alice Hupfeld einmal erwähnen mußte, seine Antipathie gegen sie beinahe überscharf zum Ausdruck zu bringen. Marga hatte nur ein unvollkommenes, nicht sehr anziehendes Bild von Alice wie von dem ganzen Kreis, dem sie zugehörte. Sie war keine von jenen kleinen Naturen, die aus Mangel an eigenem Urteil um jeden Preis „gerecht” sein wollen. Gleichwohl hielt sie seine Härte für übertrieben und riet ihm, der Einladung nach Nieburg zu folgen.
Letzten Endes blieb auch Perthes, wenn er sich die Gnade seines neuen Chefs nicht von vornherein verscherzen wollte, gar nichts anderes übrig, als anzunehmen.
An dem Tag, der ihn zu Hupfelds führen sollte, blieb er so lange auf der Klinik, daß er knapp noch Zeit hatte, sich umzukleiden. Er mußte einen Wagen nehmen, um überhaupt noch zu rechter Zeit nach Stift Nieburg zu kommen.
Als der Kutscher von der heißen Landstraße abbog, sah Perthes sehnsüchtig nach der Mühle, die schattig und beschaulich wie immer mit ihren Ziegeln aus den Bäumen hervorlugte. Am liebsten hätte er noch jetzt die Fahrt dorthin kommandiert. Er schalt sich selbst über seine Torheit. Dies lächerliche Mißbehagen stand in keinem Verhältnis zur Unbedeutendheit der Sache. Er war doch wohl nachgerade alt und Manns genug, um sich in unbequemer Gesellschaft ein paar Stunden mit Anstand herumzulangweilen!
Das große eiserne Gittertor war verschlossen. Nur die ins Mauerwerk gebrochene Nebenpforte stand offen. Man erwartete also nicht so viele Besucher, wie Perthes hinter der Einladung zum einfachen Mittagessen geargwöhnt hatte. Er stieg aus, entlohnte den Kutscher und trat in den Garten: mit seinen kurzgeschorenen Rasenflächen, seinen üppigen Palmengruppen und farbensatten Blumenbeeten lag er still in der sengenden Augustsonne. Still und wie erstarrt in weißer Hitze stand auch weiter zurück das lange, schloßartige Gebäude mit dem efeubewachsenen Untergeschoß, den hohen, hellgrünen Fensterläden, die zum Teil geschlossen waren, und dem mächtigen Giebeldach. Die Bäume des Parks gaben einen Hintergrund, der sich mit massigem Düster gegen das grelle Licht abhob.
Auf einem der gelben Kieswege, die zwischen wohlgepflegten Taxushecken abseits vom Fahrweg sanft emporstiegen, kam Perthes ans Haus. Nach der Hitze draußen atmete ihm das alte, weiträumige Bauwerk schon bei der Eingangstür mit ihren geschnitzten Flügeln und glänzenden Messingringen wohltuende Kühle entgegen. Der Diener, der ihn in Empfang genommen, führte ihn durch lange, etwas nüchterne Gänge über ein breites, an den Wänden mit Nachbildungen antiker Reliefs geschmücktes Treppenhaus in den ersten Stock.
Das Zimmer, das er betrat, war auf den ersten Blick erstaunlich tot und drückend.
Große, in den Farben gedämpfte Gobelins verkleideten die Wände ringsum. Zwei Bänke mit ledergepolsterten Sitzen und Lehnen, ein runder Tisch mit schwerer, goldbrokatener Decke, die einst einen Altar geziert haben mochte, und einer riesigen Fayencevase in der Mitte, hochrückige, steife Lehnstühle -- lauter in den Holzteilen tiefdunkle Möbelstücke -- waren mehr stilvoll als einladend. Durch eine Tür, deren schmale Portiere zurückgerafft war, sah man ins anstoßende Zimmer: es war -- fast schien es, in bewußtem Gegensatz zu dem Vorraum, in dem Perthes stand -- in helles Licht getaucht. Man sah einen ziemlich einfachen Schreibtisch, der mit schmuckloser Platte auf zarten, ausgebauchten Beinen stand. Der altertümliche Globus auf der Ecke, das kristallene Tintenfaß, noch mehr aber der Polsterstuhl mit seinem Bezug von grünem, geriefeltem Samt brachte Raffinement in die Einfachheit dieses Arbeitszimmers.
So weit war Perthes in seinen Betrachtungen gekommen, als von dort ein leises Räuspern und teppichgedämpfte Schritte hörbar wurden. Gleich darauf wurde Hupfeld in der Tür sichtbar.
„Sehr liebenswürdig, daß Sie uns das Vergnügen machen,” ließ sich seine volle, getragene Stimme vernehmen. Er überschritt die Schwelle nicht, sondern lud den Doktor mit einer kurzen Bewegung ein, näherzutreten. Freundlich, fast vertraulich bot er ihm die Hand -- eine Hand, so weich und lässig, daß Perthes sich versucht fühlte, sie zwischen seinen muskulösen Fingern durch einen heftigen Druck auf ihre Knochen zu prüfen. Und doch war diese Hand mit ihrem fabelhaften Geschick die Begründerin von Exzellenz' europäischem Ruf. Die hochgewachsene Gestalt überragte noch die seines Assistenten. Auf den breiten Schultern saß ein verhältnismäßig kleiner Kopf, dem bartlose, glatte, mit dem Alter etwas verfettete Züge und weißes, dichtstehendes, aufrechtes Haar die Schönheit eines bejahrten Heldenvaters gaben.
Ein zweiter von jenen Winken, deren herrische Kürze mit der auffallenden Loyalität des Geheimen Rats kontrastierte, forderte Perthes auf, es sich in einem roten Saffiansessel bequem zu machen, der gegenüber dem Schreibtisch, neben einem von Photographien und künstlerischen Reproduktionen bedeckten Tisch stand und ein bücherreiches Regal im Rücken hatte.
Exzellenz setzte sich in den grünen Polsterstuhl. „Und wie fühlen Sie sich in unserer Klinik, mein lieber Doktor?”
„Danke, Exzellenz! Soweit ich mir schon ein Urteil erlauben kann, sehr wohl,” erwiderte Perthes, in den Saffiansessel mit Widerstreben versinkend.
Hupfeld lächelte befriedigt. Er war ein Meister jenes diskreten Lächelns, das die angenehmste wie die ärgerlichste Stimmung gleich gut verhüllt. „Wie ich Ihnen schon sagte, haben Sie mir durch Ihren früheren Eintritt einen großen Dienst geleistet,” fuhr er, jedes, auch das unbedeutendste Wort prononcierend, fort. Während er mit gemessener Wärme des erkrankten Professors Kronheim gedachte, beharrte er regungslos in der für sein Gesicht so vorteilhaften Profilstellung. Das gelbliche, durch die dünnen Vorhänge getönte Licht vom Fenster umfloß schmeichelnd seine majestätischen Umrisse und den grünen Polsterstuhl. Bisweilen traf ein knapper Blick den Doktor. Wenn die Augen von Exzellenz ihre graue Starrheit einen Moment aufgaben, nahmen sie einen stechenden Glanz an und erinnerten Perthes durch ihren spöttischen Ausdruck an die von Alice.
Mit der Freiheit des großen Mannes liebte es Hupfeld, die Themen des Gesprächs unvermittelt zu wechseln. Er gefiel sich in einer klassischen Vielseitigkeit. Im Hinblick auf Perthes' mannigfaltigen Studiengang sprach er davon, daß er selbst eigentlich hätte Botaniker werden sollen und wollen. Dabei gab er seinem Talent zur Rede nach und setzte die Worte mit der sinnlichen Selbstgefälligkeit eines Juweliers, der die Perlen seines Geschmeides einzeln durch die Finger gleiten läßt. „Ich habe mir, wie Sie sich vielleicht schon überzeugten, die Vorliebe für die Pflanzenwelt gewahrt.” Er deutete mit einer Bewegung der molluskenhaften Hand in der Richtung des Gartens. „Wenn es Sie interessiert, werde ich Ihnen nachher im Gewächshaus meine bescheidene, aber ich darf wohl sagen erlesene Sammlung von Orchideen zeigen. -- Wissen Sie denn übrigens, daß Sie hier in Nieburg auf klassisch geweihtem Boden weilen?”
Perthes schüttelte verneinend den Kopf.
„Es ist verbürgte Tatsache,” erklärte Hupfeld, indem er sich noch hoheitsvoller in seinem grünen Polsterstuhl zur Schau setzte und die berühmte Hand mit leichten Bewegungen seine Worte begleiten ließ, „daß in diesen Räumen Goethe im Jahre 1793, auf der Rückreise von der Belagerung von Mainz verweilte. Sein erlauchter Geist trifft sich mit meinem bescheideneren in der Liebe für die Pflanzen und für die Kunst des Mittelalters. Das macht mir den Aufenthalt hier besonders lieb und bedeutungsvoll. Auch die Gebrüder Boisserée sind hier öfters zu Gast gewesen. Wenn der gute Wille genügte, etwas von der Universalität jener Zeiten und jener Geister sich zu eigen zu machen, und wenn man Zeit hätte --” Der Geheime Rat vollendete seinen vielsagenden Satz nicht, sondern ließ ihn in einem tiefsinnigen Schweigen stecken. Vielleicht, um Perthes Gelegenheit zu geben, ein naheliegendes Kompliment einzuflechten; vielleicht auch nur, um den versteckten Vergleich mit Goethe in dem Zuhörer -- oder vielmehr in dem Zuschauer -- äußerlich nachwirken zu lassen.
Perthes besaß leider gar keinen Sinn weder für Schmeicheleien noch für klassische Vergleiche. Es bereitete ihm im Gegenteil ein heimliches Vergnügen, Exzellenz zu enttäuschen. Nachdem er sich ungefähr so viel Zeit gelassen hatte, als nötig war, um die Bartlocken der gewaltigen Büste des Zeus von Otricoli zu zählen, die auf einem Postament in der Ecke hinter dem Schreibtisch stand -- also nach einer sehr respektvollen Pause --, hub er plötzlich an, von einem klinischen Fall zu sprechen. „Haben Exzellenz gehört, daß die Operation von Miß Read -- es handelte sich um ~Ileus strang~...”
„Ja -- ja! Natürlich!” fuhr Hupfeld aus seinem Nachsinnen zerstreut auf. „Die Sache ist sehr interessant! Sehr interessant! Wir sprechen nachher noch davon. Für jetzt darf ich Sie nicht länger unseren Damen vorenthalten.” Er erhob sich etwas jäh. „Bitte!” Er deutete wieder in seiner befehlenden Art nach der rückwärtigen Tür. Mit der Zuvorkommenheit eines Fürsten ließ er seinen Gast voranschreiten. Sie durchschritten zuerst die eigentliche Bibliothek, einen sehr stimmungsvollen Raum mit Tausenden von Bänden auf hohen, geschnitzten Regalen.
„Ich habe meine paar belletristischen und kunsthistorischen Bücher von den fachwissenschaftlichen getrennt und hier untergebracht,” erläuterte der Geheime Rat im Vorbeigehen.
Von da traten sie in das Speisezimmer.
Wenn Perthes Muße gehabt hätte, den „Saal” genau in Augenschein zu nehmen, würde er ihm seine Anerkennung nicht versagt haben. Die kolossalen Brabanter Schränke, die gegen eine Tapete von blaßroter Seide standen, das wundervolle Barockgestühl, die gravitätischen Ahnenbilder an den Wänden im Verein mit Teppichen, Truhen und kostbaren Behängen zeugten von Geschmack. So aber mußte er sich vor allen Dingen in einer der tiefen Fensternischen der Dame des Hauses vorstellen lassen.
„Mein neuer Assistent, Herr Doktor Perthes,” führte ihn Hupfeld wohlwollend ein.
Die weibliche Exzellenz, eine kleine, lebhafte Dame von rosiger Gesichtsfarbe und einem kindlichen Ausdruck von Daseinsfreudigkeit auf den wulstigen Lippen und in den schwimmenden Äugelchen, reckte ihre etwas schwerfällige Figur freundlich im Stuhl in die Höhe, nickte dreimal mit dem Kopf und gab Perthes die Hand. „Es ist schwül. Glauben Sie, daß wir ein Unwetter bekommen werden? Ich frage heute jedermann, ob wir heute ein Gewitter bekommen werden. Ich bin nämlich sehr ängstlich. Sehr, sehr ängstlich!” Sie bekräftigte ihre Gewitterfurcht mit einem hohen, kindlichen Lachen. „Wie meinen Sie?” fragte sie dann dringend, die Hand an ihr schwerhöriges Ohr haltend.
Perthes, etwas betroffen von diesem Willkommgruß, der in seiner Naivität peinlich war, faßte sich so schnell wie möglich. „Ich glaube nicht, daß wir ein Gewitter haben werden,” antwortete er höflich.
„Hörst du, Moritz,” wandte sich Frau Hupfeld triumphierend an den hinter ihrem Sessel stehenden, blutjungen Leutnant, „Doktor Pätel -- hieß er nicht so, Papa?”
„Doktor Perthes,” korrigierte der Geheime Rat mit einer Deutlichkeit, die zugleich zuvorkommend und entschuldigend klang.
„Na ja -- Doktor Pätel glaubt auch nicht an ein Gewitter, Moritz!”
Der Leutnant, ein zierlicher, hübscher Junge mit harmlosem, frischem Kindergesicht, zuckte die Achseln. „Willst du mich, bitte, vorstellen, Papa?” bat er den Geheimen Rat.
„Natürlich -- ich bitte um Verzeihung! Mein Sohn, Leutnant Moritz Hupfeld. Und hier --” Er winkte nach dem Fenster, wo ein junges Mädchen ohne Teilnahme für das, was vorging, hinausschaute. „Komm mal her, Hilla! -- Die Tochter meines Bruders, des Obersten Hupfeld in Straßburg,” erläuterte Exzellenz.
Das junge Mädchen fand es nicht der Mühe wert, näherzutreten. Sie erwiderte, sich langsam umwendend, Perthes' Verbeugung mit einem halben Blick und ziemlich schnippischem Kopfnicken. „Weißt du, Onkel, ihr müßtet in den ollen, langweiligen Garten da mal 'ne Fontäne oder so was 'reinsetzen,” schloß sie ihre viel wichtigeren Fensterstudien.
„Nein! Um Gottes willen! Wo denkst du hin, Kind? Eine Fontäne?” jammerte Frau Hupfeld erschrocken. „Das ewige Plätschern kann einen ja schwermütig machen!”
„Sei ohne Sorge,” legte sich Hupfeld ins Mittel, „ich liebe keine Wasserkünste!” Er bewahrte inmitten dieser reichlich albernen Unterhaltung die herablassende Würde seiner Größe.
„Cousine Hilla hat nu mal eine Vorliebe für große silberne Glaskugeln, Goldfische und Terrakottazwerge, die unter Pilzen sitzen,” hänselte der Leutnant, während er mit Perthes einen Blick gegenseitigen Wohlgefallens wechselte.
„Pfui, Moritz!” wehrte sich Hilla entrüstet und geruhte dabei, sich zu nähern und ihre nichtssagend hübsche Larve mit schmachtendem Tadel ihrem Vetter zuzuwenden. „Sind Sie der Doktor, der so gut Tennis spielt?” wandte sie sich dann plötzlich mit der vorlauten Selbstverständlichkeit eines verzogenen Backfisches an Perthes.
„Woher wissen Sie das, gnädiges Fräulein?” fragte Perthes trocken zurück, während er auf das schmale Persönchen kühl heruntersah.
„Von Alice natürlich!”
„Alice!” nahm Hupfeld das Wort. „Wo steckt denn Alli? Wir werden uns ohne sie zu Tisch setzen. Entschuldigen Sie, mein lieber Doktor! Meine Tochter lebt in einem beständigen Krieg mit unserer Hausordnung,” ergänzte er halb stolz, halb tadelnd, während er seiner Frau artig den Arm bot.
„Dem armen Kinde wird doch nichts zugestoßen sein?” meinte Frau Hupfeld ängstlich.
„I wo, Mama!” lachte der Leutnant. „Das wäre das erstemal. So was verdirbt nicht!”
„Ich sah sie vor einer Viertelstunde von meinem Zimmer aus in den Park laufen,” bemerkte Cousine Hilla. Sie hängte sich dabei an den Arm ihres Vetters, der sie höflich dem Gast hatte überlassen wollen. Mit Zivilisten ging sie nur in Ermangelung wirklicher Menschen zu Tisch.
Perthes, dem offenbar ursprünglich Alice als Tischnachbarin zugedacht war, mußte sich seinen Platz allein suchen.
Er ergab sich in sein Los. Kam er sich doch unter diesen fremden Menschen so gelangweilt und unbehaglich vor, daß er froh war, sitzen und essen zu dürfen.
Exzellenz hielt bei der Suppe einen kleinen Vortrag über altes Porzellan, von dem er eine Sammlung anzulegen beabsichtigte. Es genügte, verständnisvoll zu lächeln, was übrigens nur Perthes tat. Frau Hupfeld teilte einstweilen ihre ganze Aufmerksamkeit zwischen einem harmlos-fröhlichen Appetit und der erneuten Sorge um das Wetter, das zu beobachten sie dem aufwartenden Diener in geheimnisvollem Ton sehr dringlich einschärfte. Hilla machte ihrem Vetter Leutnant ungeniert den Hof, ohne der Weisheit ihres großen Onkels die geringste Beachtung zu schenken.
Der weißbehandschuhte Diener hatte schon den zweiten Gang serviert und einen Flüsterwein eingegossen, als die Tür zum Saal aufgerissen wurde und Alice hereinstürmte.
„Denkt euch, Kinder --”
„Meine Nerven! Meine Nerven!” klagte erschrocken die Geheime Rätin.
„Der Gärtner hat in der Raubtierfalle einen richtigen Iltis gefangen! Ich hab' ihn mir angesehen! Eine Mama, die Junge erwartet!”
Alice reichte dem Doktor während ihres zoologischen Berichts sehr obenhin die Hand und setzte sich zwischen ihn und ihren Bruder.
„Wie schrecklich!” ließ sich Frau Hupfeld, ihre Nerven vergessend, neugierig vernehmen. „Was hat er gefangen? einen Tiflis?” Umfassende Bildung gehörte nicht zu Mama Hupfelds Vorzügen. Sie stammte aus einfachen Verhältnissen -- aus Hupfelds weniger berühmter Zeit -- und ihre Impromptus waren das Entsetzen von Exzellenz.
„Einen Iltis!” kicherte Alice. „Und zwar --” wollte sie mit überlauter Deutlichkeit fortfahren.
„Mein Liebling,” unterbrach sie der Geheime Rat mit einer Entschiedenheit, die zugleich bestimmt war, Iltis und Tiflis zu bedecken, „ich schätze die Natürlichkeit. Das weißt du. Aber sie darf nicht degoutant sein.”
„Auch meine Meinung. Besonders bei Damen!” bekräftigte Leutnant Moritz die väterlichen Worte.
„Da hab' ich mich ja wieder mal nett in die Nesseln eurer Prüderie gesetzt!” Alice sah mit verschmitztem Lachen von einem zum anderen.
„Wohin hat sie sich gesetzt?” fragte mit unerschüttertem Wissensdrang Frau Hupfeld.
„Mich mußt du ausnehmen, Alli,” erklärte voll schwärmender Bewunderung Cousine Hilla. „Ich finde deine Natürlichkeit furchtbar schick! Ich wollte, ich wäre auch so vorurteilslos.”
„Das fehlte noch!” brummte der Leutnant.
„Steht nur Ihr Urteil aus, Herr Doktor Perthes!” wandte sich Alice mit einer Verbeugung an ihren Nachbar. „Dann kann über mich richtig abgestimmt werden!”
Perthes, obwohl nichts weniger als entzückt von dieser Aufforderung, begegnete dem spitzbübischen Zwinkern ihrer Augen mit einem ruhigen Blick. „Wenn Sie darauf Wert legen, gnädiges Fräulein --”
„Und ob!”
„Ich schätze Natürlichkeit. Bei Damen sogar besonders. Sie wird da nur leicht Manier. Und hebt sich so wieder selbst auf.”
„Sehr gut!” nickte zustimmend der Geheime Rat. „Sehr gut, lieber Perthes!” wiederholte er noch einmal, nachdem er mit vorgeschobenen Kennerlippen an seinem Weinglase genippt hatte.
„Das heiß' ich 'ne schlanke Abfuhr -- wie, Allichen?” schmunzelte der Leutnant vergnügt.
„Mir ist das zu hoch!” meinte mit patziger Geringschätzung Cousine Hilla.
Alli selbst kniff die Augen zusammen wie beim Tennisspiel, wenn sie berechnen wollte, wie sie den Ball am besten zurückschlüge. Es lag in dem halboffenen Blick etwas Lauerndes, das die Freude an gefangenem Raubzeug, wie einem Iltis, erklärlich machte. Im nächsten Augenblick lachte sie. Es war dieses helle, kurze, aufreizende Lachen, das Perthes kannte.
Der Diener hatte eben begonnen, neue Schüsseln zu reichen. Den Schleien folgten römische Poularden. Alice hatte den Kopf mit dem rötlichen Haargewirr über die Lehne zurückgeworfen. Die gelenkige Gestalt in dem eng anliegenden, blauen Foulardkleid schüttelte sich leicht, als gelte es, ein paar Tropfen von der milchweißen Haut des Halses und der Arme absprühen zu lassen. Dann bog sie sich blitzschnell ganz nahe an Perthes heran. „Es ist doch so, daß hinter dem Räubergesicht ein ganz ehrsamer Philister sitzt, nicht?” tuschelte sie ihm mit boshafter Hast zu.
Er wollte ihr erwidern. Aber ebenso geschwind hatte sie sich von ihm weggewandt und drehte ihm halb den Rücken. Sie sprach mit Hilla und ihrem Bruder. Während des Restes der Mahlzeit behandelte sie ihn als Luft. Ein Verfahren, das ihn, wie er sich selber vorsagte, höchst kalt ließ, aber seine Behaglichkeit im Hause Hupfeld nicht erhöhte. Er wünschte sich über alle Berge. Oder doch zum mindesten einen halben Kilometer talwärts in die Sägemühle. Die ungewohnte Atmosphäre, die ihn umgab, bedrückte ihn: dieser „große Mann” mit seiner preziösen Redeweise und seiner hohlen, posierten Majestät; diese vielleicht gutmütige und natürliche, aber immer nur mit sich selbst beschäftigte, rosig-dicke Frau Exzellenz; Fräulein Hilla, die ihre Dummheit durch die doppelte Portion Hochmut und Dreistigkeit wettzumachen suchte, und Alice -- wie ihm das alles zuwider war! Samt dem altertümlichen, schwerfälligen, überstilvollen Luxus! Samt dem tadellosen Diner auf Wedgwoodporzellan und den Flüsterweinen und dem schleichenden Lakaien mit den weißen Handschuhen! Er war kein Feind von Reichtum und Geist und Geschmack; aber er hätte gern einmal laut fluchen oder eins der hohen Fenster aufreißen und einen Strom noch so heißer Sommerluft hereinströmen lassen mögen -- um sich selber wiederzuerkennen und freizumachen!
Man näherte sich dem Dessert.
Der Leutnant brachte, Gott sei Dank, etwas Zug in die Unterhaltung. Er erzählte von Ballonfahrten, die er von Freiburg aus, wo er in Garnison stand, unternommen. Besonders von einem Ausflug nach Straßburg, wo sie kurz vor dem Ziel, in Kehl, die Reißleine ziehen mußten und um ein Haar im Rhein gelandet wären.
„Wo war das, Moritz?” fragte Frau Hupfeld, die die Hand am Ohr mit allen Zeichen des Gruselns der halsbrecherischen Schilderung zu folgen versuchte.
„In Kehl, Mama,” lautete der bereitwillige Bescheid.
„In Kiel?” wiederholte die alte Dame mit Staunen. „Ich wußte gar nicht, daß Kiel so nahe bei Straßburg liegt. Ich dachte immer --”
Diesmal brach die Heiterkeit über Mama Hupfelds durch keine Sachkenntnis getrübte Geographie so elementar und laut hervor, daß der Geheime Rat sie nicht durch eine ableitende Bemerkung aufhalten konnte. Seine kleine, dicke Frau schloß sich der Fröhlichkeit so unbefangen an, wie wenn sie nichts anderes beabsichtigt hätte, als ein Bonmot zum besten zu geben. Zu allem Unheil pflanzte sich eben jetzt der Diener in steifer Positur hinter ihrem Stuhl auf, offenbar um ihr eine unaufschiebbare Meldung zu machen.
„Was gibt's, Karl?” fragte sie besorgt, als der Beifall, den sie unfreiwillig entfesselt hatte, sich legte.
„Exzellenz, im Süden zieht ein Gewitter herauf!” meldete der Diener mit der Feierlichkeit eines spanischen Granden.
„Allmächtiger!” entfuhr es dem Leutnant in komischer Verzweiflung.