Part 14
Marga wußte nicht aus noch ein. Sie war nicht ohne Humor. Aber der Mangel an äußerem Erleben hatte diese letzte und reifste Kraft nur erst spärlich in ihr entwickelt. Sie fand auch jetzt kein Scherzwort, um sich, ihre Schwere überwindend, aus der Klemme zu helfen. Sie versuchte zu lächeln. Doch der Ausdruck ihrer Augen strafte das Lächeln Lügen, und ihre Mundwinkel zuckten verdächtig.
Elli lenkte ein. „Gott, Margakind, ich will dich ja schließlich nicht benachteiligen!” erklärte sie großmütig. „Ich trete von meinem Schmollis zurück unter einer Bedingung: wenn du es Doktor Perthes anbietest statt meiner! Ich tue es blutenden Herzens und werde an Herrn Perthes nicht so bald wieder mit einem so verlockenden Vorschlag herantreten.”
Jetzt konnte auch Marga sich nicht des Lachens erwehren. Sie wollte nicht Spielverderberin sein und erhob bedächtig ihr Glas. Es kam ihr schwer, überschwer vor. Im Grunde waren ihr die Tränen näher als das Lachen. Aber Perthes ließ sein Glas kräftig dagegenklingen. Sie drückten sich die Hand, was Elli ausnehmend prosaisch fand.
„Es wird dir ja den Kopf nicht kosten, Marga!” meinte Perthes beruhigend.
Und das Du klang Marga so lieb und vertraut, daß sie noch einmal seine Hand fest und dankbar ergriff. Es kam ja doch alles, wie es wollte. Er sollte sie nicht für kühl und zimperlich halten. Ihr Blick leuchtete von Liebe, und zugleich seufzte sie. So mußte wohl das Glück sein, ihr Glück: ein Kranz, strahlend und schwer in einem ...
Es war gut, daß das Sommersemester in den ersten Augusttagen zu Ende ging.
Von den vielen Bekannten in der Stadt, die ja doch auch den beliebten Spaziergang nach der Sägemühle sich nicht nehmen ließen, drohten allerhand Fährlichkeiten. Lose Zungen und spitze, scharfe Augen gab es hier wie überall. Daß die Richthoffschen Mädels da draußen „immer mit Herren gingen”, konnte sich auf tausenderlei Weise herumreden, und wehe, wenn die Kunde, womöglich übertrieben und entstellt, zu Vater Richthoff und Käthe sich verirrte!
Elli nahm die Sache nicht weiter tragisch. Aber Marga mahnte immer wieder zur Vorsicht.
Und mit Recht. Da war zum Beispiel Cousine Grasvogel, die mit irgendeinem Kränzchen von älteren jungen Damen mindestens einmal die Woche auf der Sägemühle erschien und, während sie die „lieben, lieben Mädels” ostentativ umarmte, ihre gutmütige, aber neugierige Nase rundum wittern ließ. Richtig trat dann gerade während einer dieser zärtlichen Begrüßungen Wilkens in den Garten. Kaum hatte er jedoch die Schwierigkeit der Lage erkannt, so ging er wie der älteste Bekannte auf Fräulein Grasvogel zu, die er auf dem Gartenfest am Wenzelsberg nicht eines Blickes gewürdigt hatte, begrüßte die gute Cousine mit einer Vertraulichkeit und ehrfürchtigen Wärme, als schätze man sich seit Jahren, und sagte: es sei reizend, daß sie mit den beiden Fräulein Richthoff einen Ausflug auf die Mühle gemacht habe. Er ließ sich von ihr umständlich erklären, die „lieben, lieben Mädels” seien nicht mit ihr gekommen, sondern wohnten hier außen für einige Wochen, und war über die Neuigkeit aufs angenehmste verwundert. Elli biß sich die Lippen blutig, um ernst zu bleiben. Marga gab recht unsichere und zerstreute Auskünfte über die Verpflegung auf der Mühle und die Zimmerverhältnisse. Dann verabschiedete sich Wilkens sehr korrekt von allen dreien und tauchte erst wieder auf, als die Luft rein war.
Schlimmer war es schon, daß Frau Geheimrat Achenbach einmal mit dem Wagen die Landstraße entlang fuhr, als man, dem mäßigen Wetter vertrauend, paarweise dort lustwandelte. Das Schlimmste aber ließ ein Besuch von Käthes Freundin Lizzie befürchten, die an einem Sonntagvormittag, als man im Buchenwald hinter dem Gehöft zu vieren picknickte, aus heiterem Himmel herunterschneite. Elli erfand eine ganze Räubergeschichte. Aber ob Lizzie, die sich sehr reserviert benahm und eine undurchdringliche Miene aufsetzte, daran glaubte, war mehr als fraglich. Gott sei Dank fand Perthes in ihrer ans Pathologische streifenden Musikleidenschaft ein Thema, das die Unterhaltung leidlich in Gang hielt.
Unschädlich war nur Professor Borngräber, der gar nicht selten im Vorbeigehen der Sägemühle einen Besuch abstattete. Es fiel ihm bisweilen abends ein, daß er nach ärztlichem Ratschluß neben seinen geistigen auch seine körperlichen Funktionen nicht völlig vernachlässigen sollte, und dann arbeitete er mit zerstreuter Hast die Landstraße ab bis zum Mühlengarten. Meistens las er dann, unter Verachtung aller Lichtverhältnisse, ein dickes Buch zu seinen Spiegeleiern mit Schinken, ließ aus Vergeßlichkeit das Bier so abstehen, daß es in der Wärme des Sommerabends bald zu kochen anfing, und hatte von der Umwelt keine Ahnung. Oder aber, wenn er die Töchter seines Freundes Richthoff dann doch aus reinem Zufall entdeckte, war er so erfreut, sie zu sehen, daß er niemand sah als nur sie. Sein unschuldiges Junggesellenherz war ohne jedes Arg, und sein Sinn blieb, trotz aller Herzlichkeit, zur einen Hälfte doch immer an den Ufern der heiligen Ganga.
Unverantwortlich lässig hatte sich bisher der von Vater Richthoff selbst eingesetzte Vizevormund, Professor Wilmanns, benommen. Marga und Elli hatten pflichtmäßig vor ihrer Übersiedlung bei ihm vorgesprochen, und der bewegliche kleine Herr hatte laut verkündet, er werde bald mal auf der Mühle „Generalrevision” halten. Er hatte zur Bekräftigung seine eine Hand würdevoll auf die lahme Hüfte gelegt, die andere in die Brust gesteckt und die Brauen so hoch gezogen, daß man fürchten mußte, Augen und Stirn könnten nie wieder in ihre normale Lage zurückkehren. Doch die bedrohliche Ankündigung blieb ohne Folgen. Nur die drei Wilmannstöchter kamen einmal zum Kaffee auf die Sägemühle, nachdem sie sich vorher artig durch eine Postkarte angemeldet hatten. Sie entschuldigten ihre Eltern; Papa hatte vollauf mit seinem Wörterbuch zu tun, einer Sisyphusarbeit, an der er seit bald einem Jahrzehnt sich mühte; die bescheidene, aufopfernde Mama half dabei täglich ihre fünf bis sechs Stunden. Danach konnten Elli und Marga überzeugt sein, daß von dieser Seite nichts mehr zu befürchten sei, zumal die ganze Familie Wilmanns mit Beginn der Ferien nach Thüringen reisen wollte.
Aber die Generalrevision kam doch! Anfang August, genau einen Tag vor Semesterschluß.
Am Nachmittag hatte es Bindfaden geregnet. Es wurde Abend, ehe der Himmel sich leidlich aufhellte. Keine Seele aus der Stadt hatte sich auf der Mühle blicken lassen. Perthes war trotz des Unwetters um fünf Uhr gekommen. Sein Lodenmantel und sein Hut mußten am Herdfeuer in der Küche aufgehängt werden. Wilkens stellte sich zum Essen ein, für das man, da der Boden zu feucht war und die Bäume tropften, in einer Laube hatte decken lassen. Elli rekognoszierte für alle Fälle auf Margas Wunsch nochmals das Terrain, obgleich Wirtsleute und Kellner übereinstimmend berichteten, es sei kein menschliches Lebewesen im Garten. Sie kam mit der Meldung zurück, in einer abgelegenen Ecke sitze, aller Nässe von unten und oben zum Trotz, Professor Borngräber und kritzle unheimliche Schriftzüge in ein Notizbuch. Das klang zwar abenteuerlich, war aber anderseits auch so beruhigend, daß jedes Bedenken schwand. Es war so gut, als gehörte einem der ganze Garten allein. Guter Dinge voll, zog man von der Halle in die Laube und setzte sich zu Tisch.
Man hatte noch kaum mit dem Abendbrot begonnen, als Elli scharf und unruhig über den Fluß äugte, hinüber auf das Fährboot. Das füllte sich plötzlich mit einer ansehnlichen Gesellschaft, aus der weiße Mädchenkleider herüberleuchteten.
Wilkens war auch aufmerksam geworden. „Ich zähle drei Wilmannstöchter, Papa, Mama und studentischen Anhang,” konstatierte er mit seiner unerschütterlichen Gelassenheit.
„Wahrhaftig! Ich auch!” rief Elli mit lachender Bestürzung.
Perthes hatte sich erhoben. Er mußte die Nachricht bestätigen. „Mit sicherem Kurs auf die Sägemühle!” setzte er tröstlich hinzu.
Verblüffung und Schrecken waren groß. Die Ratlosigkeit noch größer. Jeder schlug einen Ausweg vor, der nichts taugte. Und dabei näherte sich das Boot mit zunehmender Eile.
„Wenn man Professor Borngräber bäte, sich an unseren Tisch zu setzen?” ließ sich Marga bedächtig vernehmen, als keiner von den anderen mehr Rat wußte.
„Sieh mal einer -- das Margakind!” rief Elli begeistert. „Die Liebe -- ich sag' es ja schon immer -- geradezu genial macht sie die Liebe!”
„Man könnte auch sagen, durchtrieben!” kommentierte Perthes, indem er Marga strafend und anerkennend auf die Finger klopfte.
Es war keine Zeit zu verlieren.
Elli sprang schnell entschlossen durch den Garten. Man hörte sie gleich darauf, wie sie den ahnungslosen Jakobus Borngräber mit einer Sturmflut von liebenswürdigen Worten überfiel und betäubte. Es dauerte noch nicht zwei Minuten, so hatte sie ihn herumbekommen. Er erschien an ihrer Seite, den Hut, ein Monstrum von einem schokoladefarbigen Hut, schief übergestülpt; ein dickleibiges Buch mit einem Notizbuch darauf wie eine Bundeslade vor sich hertragend. Mantel, Schirm und Bierglas hatte Elli übernommen. Mit dem unmöglichen, aufgedunsenen Baumwollschirm wies sie ihm den Tisch, während sie immer weiter plapperte: sie würden sich so riesig freuen, wenn er sich zu ihnen setzte, und es wäre zu nett von ihm, daß er das täte, und sie würden an Papa eine Ansichtskarte schreiben, daß er sie besucht hätte. Der gute Borngräber nahm jetzt Buch und Notizbuch unter den Arm. Rund und verwundert rollten seine Augen beim Eintritt in die Laube, so verwundert, wie sie das immer taten, wenn sie sich mit der Welt der Erscheinungen auseinandersetzen sollten. Daß da außer Marga, die er Fräulein Käthe nannte, und Elli, die er mit Marga verwechselte, noch zwei Herren saßen, die sofort aufsprangen und sehr bekannt und erfreut taten, war ihm nicht befremdlicher als anderes. Seine goldgelben Zähne lachten verlegen und freundlich aus dem silberstruppigen Gesicht. Er verteilte Händedrücke, wobei sein Buch auf die Erde fiel; Perthes hob es hilfsbereit auf, während Wilkens ihn selbst nach dem Stuhl an der Spitze des Tisches drängte und ein Gespräch über neue indische Funde vom Zaun brach, von denen er irgendwo gelesen haben wollte.
Eben hatte sich die aberwitzige Brut knapp unter die schützenden Flügel des sich seiner Rolle durchaus unbewußten Professors geflüchtet, als vor dem Garten Papa Wilmanns' breite, behagliche Stimme erschallte.
„Wollen sehen, ob wir die Vögel im Nest treffen. Geh mal vor, Heddy -- daß sie nicht zu sehr erschrecken!”
Doch diese zarte Vorsichtsmaßregel erwies sich schon im nächsten Augenblick als überflüssig. Papa Wilmanns' scharfe, spitzmäusige Augen hatten über den Zaun weg bereits die entscheidende Entdeckung gemacht.
„Kiek mal eener!” Stürmisch drang er in den Garten und stand im Handumdrehen am Eingang der Laube. „Kiek mal eener! Hat man je so was gehört oder gesehen!? Mein Freund Borngräber, dieser Tugendheuchler, sitzt hier schamlos vor aller Welt und macht jungen Mädchen den Hof!”
Frau Wilmanns und ihre Töchter mit dem Gefolge von einigen Studenten, die Wilmanns für ihre selbstlose Mithilfe am Wörterbuch ab und zu durch eine Einladung entschädigen mußte, kamen auf seinen Ruf hinterdrein. Es gab vor und in der Laube eine herzliche Begrüßung mit ausgiebigem Händeschütteln, wobei die Wilmannsmädchen Perthes und Wilkens mit etwas erstaunten Blicken maßen, und auch Mutter Wilmanns sie schüchtern fragend besah. Aber ihr Gatte hielt eine so fulminante Abrechnung mit Borngräber, daß Elli und Marga sich eine bessere Abwehr der Neugier gar nicht wünschen konnten. Wobei nicht gesagt sein soll, daß der schlaue Generalrevisor die Situation verkannt hätte. Aber er war nun einmal immer schwach gegen junge Leute ...
„Meine Herrschaften!” polterte er los. „Ich habe Ihnen schon wiederholt von unserer griechischen Reise erzählt. Oder noch nicht?”
„Doch, doch!” ließen sich beschwörende Stimmen hören.
„Gut! Sie können sich jetzt vorstellen, was ich mit meinem Kollegen Borngräber ~in puncto puncti~, das ist in betreff der Griechinnen, auszustehen hatte. Dieses harmlose Gesicht, das sich auch jetzt wieder den Anschein vollendeter und rührender Kindlichkeit gibt --”
„Wollen wir uns nicht setzen, Papa?” wagte Frau Wilmanns vorsichtig einzuwerfen.
„Diese Maske verträumter Wissenschaftlichkeit wird niemand länger täuschen!” fuhr Wilmanns unter allgemeiner Fröhlichkeit fort. „Ich könnte --”
„Wilmanns, ich warne Sie!” Borngräber schüttelte seine Befangenheit ab und fuchtelte mit seinem Bierglas, das er aus unerklärlichem Grund bei der Begrüßung mit sich erhoben hatte. „Ich warne Sie! Ich werde von Kalypso erzählen, einem gewissen thrakischen Mädchen im Hotel --”
„Schweigen Sie!” rief Wilmanns empört. „Sie haben gar nichts zu erzählen! Ich stehe hier in verantwortlicher Stellung,” -- schon fuhr die Hand gravitätisch in den Busen, und das hinkende Bein drehte sich dramatisch nach außen -- „ich komme, um als Vizevormund im Namen des arglosen Richthoff bei meinen Pflegekindern Revision zu halten, und finde als Wolf in Schafskleidern -- Sie!”
„Kalypso, Frau Professor Wilmanns,” schrillte mit verdoppeltem Feuer Borngräbers Fistelstimme, „Kalypso war ein auffallend hübsches Mädchen --”
„Genug von Ihren Ausschweifungen!” donnerte Wilmanns, dem die Kalypso gefährlich zu werden schien. „Genug, sage ich! Wir werden uns bei einer Bowle weitersprechen! Aufgeschoben ist nicht ausgehoben! Helfen Sie mir, meine Herren, das Symposion vorzubereiten, statt sich bucklig zu lachen, wenn zwei ehrsame Professoren ihrer Alma mater sich rein sachlich aussprechen! Ich denke, wir haben in der Laube alle Platz. Schieben wir einen Tisch an!” Er legte selbst Hand an eine Tischkante. Wilkens, Perthes, die Wörterbuchvolontäre sprangen bei und faßten wacker mit an. Im Nu war der Tisch in der geräumigen Laube zu einer Tafel erweitert. Weinflaschen, eine halbe Sekt darunter, frische Walderdbeeren ließen nicht zu lange auf sich warten, und Borngräber vereinigte sich mit seinem feindlichen Freunde zu einem Waffenstillstand, um die Bowle zu brauen, eine praktische Tätigkeit, in der er merkwürdigerweise brauchbare Erfahrungen hatte. Papa Richthoff in Kissingen mochte sich ja die Vormundschaft über seine gewissenlosen Töchter etwas anders vorgestellt haben -- aber für alle Teile war die Wilmannssche Auffassung von einer Generalrevision die denkbar sympathischste, nicht zuletzt für Marga und Elli, denen man zu diesem festlichen Gelage nicht zuzureden brauchte.
Die Abkühlung des regnerischen Tages wirkte nach.
Als die Sonne untergegangen war, verlegte man mit Rücksicht auf die älteren Herrschaften den zweiten Teil der Bowle in die geschützte Halle.
Wilmanns schloß einen Akkord mit den Wirtsleuten, um das mehr rhythmisch als im strengen Sinne musikalisch beanlagte Orchestrion in den Dauerbetrieb zu versetzen. Während er nach Kissingen eine Postkarte losließ: „Ihre Töchter, lieber Kollege, treffe ich bei meiner sehr gewissenhaften vormundschaftlichen Inspektion durchaus artig und munter. Gefahr droht ihnen nur von dem Indologen Borngräber, der sie zu heimlichen Banketten einlädt” -- während dieses der Wahrheit nicht zu nahe tretenden Berichts eröffnete Elli mit Wilkens den Tanz. Die Wilmannstöchter und ihre jugendlichen Begleiter ließen ihr Beispiel nicht lange ohne Nachahmung.
Bei der zunehmenden Ungezwungenheit und Lustigkeit fiel es nicht weiter auf, daß Marga und Perthes sich absonderten.
Sie standen bei der Tür und plauderten. Er, angeregt von der Bowle, der allgemeinen Fröhlichkeit und den lockenden Weisen der „Rosen aus dem Süden”, folgte mit blitzenden Augen dem Tanz der jungen Mädchen in ihren hellen, fliegenden Sommerkleidchen.
„Na -- wagen wir es nicht auch, Margakind?” flüsterte er nach einer Weile lebhaft.
„Nein, ich kann ja nicht tanzen!” gab Marga zurück.
„Aber Elli hat mir verraten, daß du mit ihr tanzt. Und zwar recht gut! Komm -- tu nicht zimperlich!”
„Es geht nicht!” wiederholte sie ängstlich. „Sicher nicht! Du würdest dich mit mir nur lächerlich machen!”
„Aber Kind, das ist ja kleinlich! Ich möchte gern tanzen!”
Sie fühlte seinen heißen Atem an ihrer Wange. Die Hand, die nach der ihren faßte, verriet die Erregtheit seines warmblütigen Temperaments.
Marga entzog sich ihm. Ehe er es verhindern konnte, war sie in den dunklen Garten hinausgeglitten. Eine plötzliche, wehe Traurigkeit hatte sie befallen: er, entzündlich und lebensdurstig, wie er war, verlangte in die Welt, die ihr verschlossen war, und sie hatte nichts von alledem, was andere ihm geben konnten -- keine Leichtigkeit, keine tanzende, lachende Lustigkeit! Nichts, gar nichts -- so schien es ihr in diesem Augenblick -- als ihre schwere Seele und ihre trostlose Blindheit! Und so würde es immer sein!
Perthes folgte ihr schnell.
Er war ärgerlich über sie. Über ihre übertriebene Schwerfälligkeit. Über ihre Empfindlichkeit und die Unvorsichtigkeit, so davonzulaufen.
Sie hatte schon einen Vorsprung gewonnen. Erst am anderen Ende des Gartens holte er sie ein.
Sie lehnte mit dem Rücken an einem Baumstamm. Die Hände hatte sie hinter dem Kopf ineinandergepreßt, und die Augen starrten verängstigt in die Höhe, während ihre Brust sich schwer atmend hob und senkte.
„Aber Marga, wie kannst du nur so sein! So -- verzeih! -- so überspannt empfindlich!” Wort und Ton konnten seine Verstimmung nicht verbergen.
„Ich kann nicht tanzen! Gewiß nicht. Bitte, bitte, tanze doch du! Mit Elli und den anderen!” stieß sie flehend hervor.
Einen Augenblick durchfuhr es Perthes bitter, ohne daß er wußte, wie es kam. Drinnen lockte die Musik mit ihrer sinnenfrohen Lebenslust. Das war nichts für sie! Also auch nichts für ihn. Er stieß zum erstenmal -- oder war es nicht das erstemal? -- an die Grenze seines Glücks. Aber er wollte nicht. Wie läppisch von ihm, durchaus tanzen zu wollen! Er war alt genug, um darauf und auf anderes ohne Ärger verzichten zu können. Wie unrecht von ihnen beiden, daß sie um einer so kleinlichen, erbärmlichen Sache willen, wie es diese schlechte Musik war und das bißchen improvisierter Tanz, sich verstimmen wollten! Er redete auf Marga ein, herzlich, leidenschaftlich, und überredete sich selber dabei. Warum sprach sie überhaupt immer davon, daß dies oder jenes nicht für sie sei? Wollte sie die Wirklichkeit fliehen? Brauchte sie denn das? Er wollte sie ja mitten hineintragen! Erst recht und gerade sie! Und er wollte ihr von da draußen alles bringen -- Licht, Lust, Wonne, Kleines wie Großes -- was sie begehrte! Hell und heller als um jede andere sollte es um sie werden!
Und Marga hörte zu. Er hatte noch nie mit so viel Feuer von seiner Liebe zu ihr gesprochen. Sie kostete seine tröstenden Worte wie einen heilenden Trank. Ungläubig erst, zaghaft -- dann mit vollen Zügen. Und sie war es, die den Arm um seinen Nacken legte. Die ihn küßte. Was hatte er, wenn sie spröde tat? War es nicht wenig genug auch so? Und sie schuldete so viel Dank! Und sie war jung! Sie liebte ihn wie nichts auf der Welt! Mochte vollends fallen, was ihre Angst und Vorsicht zwischen ihm und ihr hatte aufrichten wollen. Sie küßte ihn wieder und ließ sich küssen. Dann gingen sie, eins vom Arm des anderen umschlungen, noch eine Weile durch den Garten. Ihre Liebe dünkte ihnen reich und groß und heilig wie nie. Sie wollten ihre Unendlichkeit fühlen -- heute, da sie zuerst an ihre Endlichkeit gestoßen waren.
9
Die neue Assistentenstelle in der Chirurgischen Klinik, die Perthes nunmehr endgültig angenommen hatte, sollte er vertragsmäßig zum ersten September antreten. Er hatte sich am Bakteriologischen Institut zum fünfzehnten August freimachen wollen. Vierzehn Tage dachte er für seine Ausspannung herausschlagen zu können. Um nicht zu weit von Marga entfernt zu sein, wollte er sich in einem einsamen Hof in den Bergen einquartieren, den er von seinen Wanderungen kannte und der etwa zwei Wegstunden von der Sägemühle ablag. Seine Ferien wollte er, außer zum Zusammensein mit ihr, zu häufigen Fußmärschen in dem abwechslungsreichen Waldgebirge benutzen.
Alles war verabredet und festgesetzt, als Professor Kronheim, Hupfelds erster Assistent, unerwartet erkrankte.
Der Geheime Rat, der seine eigenen Sommerferien nicht verkürzen wollte, wandte sich an Perthes und bat in schmeichelhafter Weise, ihm aus der Verlegenheit zu helfen. Was war zu tun? Perthes mußte, fluchend freilich, bis auf weiteres seinen eigenen Erholungsplänen entsagen und Mitte des Monats, Hals über Kopf, aus seinem Institut in die Klinik überspringen.
Die neue Tätigkeit war wesentlich anstrengender und unfreier als die frühere. Das sollte auch Marga draußen auf ihrer Mühle bald fühlbar werden. Es gab in der Klinik regelmäßigen Tag- und Nachtdienst. Um die täglichen Besuche war es mit einem Mal geschehen. Es vergingen zwei, drei Tage, ehe Perthes sich auf der Sägemühle blicken lassen konnte. Und da stellte es sich heraus, daß dieselben Pausen, die Marga erst hatte zur Bedingung machen wollen, ihr jetzt recht lang und schwer erschienen. Sie suchte freilich sich und Elli einzureden, es wäre viel besser so: die stete Sorge, durch Cousine Grasvogel und andere gute Freunde ins Gerede zu kommen, wurde geringer; die Freude des Wiedersehens wurde durch die längere Trennung nur verstärkt. Jetzt, wo die Schranken der Vorsicht und Zurückhaltung durch seine und ihre Schuld gefallen waren, wuchs die so lange unterdrückte und verleugnete Liebe Margas mit jedem Tag. Ihre schwere Natur, einmal entzündet, drängte zu jener Reife, die das Weib in der Liebe erst ganz zu dem macht, was es sein soll. Tapfer hatte sie ihr Leiden getragen; aber so sehr es sie gefördert, es hatte doch auch ihre Entwicklung gehemmt und so manches verkümmern lassen: nun streifte ihr Ernst sein Zuviel an Schwere und Herbheit ab und verband sich dafür mit weicher Hingebung und einer zarten Leidenschaftlichkeit, die ihn schöner und voller kleidete. Konnte früher ihre Beherrschung dem oberflächlichen Blick temperamentlos und apathisch vorkommen, so zeugte jetzt auch ihre äußere Erscheinung gegen ein solches Vorurteil: ihr Gang war freier und leichter, ihre Bewegungen wurden sicherer und ausgeglichener; der Kopf mit seinem schlichtgeknoteten, aschblonden Haar senkte sich nicht mehr so oft und so müd-ergeben; durch ein warmes, zuversichtliches Leuchten ersetzten die Augen ihre Blicklosigkeit; die Wangen bekamen mehr Farbe und die ganze Gestalt Frische und Fülle. Es war noch immer die große Stille, die ihr Wesen trug und umfloß, aber ein bräutlicher Schimmer verklärte sie. Und bräutlich fühlte sich Marga selbst in den Stunden, in denen ihr Glück ohne Angst und Bedenken sie ausfüllte, bräutlich in der sehnsüchtigen Erwartung, in der träumenden Versonnenheit, im süßen, berechtigten Stolz. Wenn dann Perthes kam, war sie es, die im ersten Augenblick des Alleinseins ihm die Arme um den Hals legte, sein Gesicht, seine Haare, seine Hände liebkosend betastete und küßte. Sie begann in ihm und durch ihn die Wirklichkeit in Besitz zu nehmen.
Perthes entging die Wandlung nicht, die sich mit Marga vollzog.