Part 13
Marga, die die Hand ins Wasser getaucht hatte, um die frische, ziehende Kühle zu spüren, hob sie langsam heraus. Sie war selbst verwundert, _wie_ langsam. Und war auch verwundert, wie wenig verwundert sie war. All die letzten Tage war sie so tieftraurig, so in sich zerrissen, so bitter-wortkarg gewesen. Elli hatte sich gar nicht mehr mit ihr zu helfen gewußt und schließlich, aus reiner Verzweiflung, einen Tagesausflug vorgeschlagen -- trotz des mäßigen Wetters. Weit über die Berge waren sie durch die einsamen Wälder nach einer Schloßruine über dem Flußtal gewandert. Marga blieb bis über Mittag so trüb und verschlossen, als sie nur je gewesen. Erst am Nachmittag kam plötzlich, ihr selbst unerwartet und unverständlich, eine Fröhlichkeit über sie, wie lange nicht. Grundlos, gegenstandslos -- eine von jenen unbegreiflichen Offenbarungen des Gefühls, die sinnlos erscheinen und doch mit geheimnisvoller Ahnung mitten im Unglück eine glücklichere Zukunft vorauszukünden scheinen. Und diese frohe Aufwallung, die Elli jubelnd begrüßte und miterlebte, hielt vor. Auf dem Hinweg hatte Elli vergebens versucht, der Schwester die Herrlichkeit der alten Buchen, der aus der Ferne ins Walddüster lachenden Kornfelder, des in der Tiefe zwischen Felsen aufschäumenden Flusses nahezubringen; auf dem Heimweg war es Marga, die beschrieb. Eins von den Bildern, die ihr inneres Gesicht sah: es war ihr, als schritten sie unter goldwolkigem Sommerhimmel talab über einen unabsehbaren Hang von blauen Glockenblumen, die im Winde wunderbar läuteten, mit zarten, dünnen, verheißungsvollen Stimmchen. Und wie sie an den Fluß kamen und übersetzten, hörte sie noch immer auf das seltsame, lockende, feine Klingen im Winde. Wie natürlich war es, daß er da drüben stand am Ufer, jenseit des Blumenhanges und des Wassers, das ihn silbern besäumte! Sein gemessen-ernster Gruß, der jetzt ihr Ohr traf, erschreckte sie nicht. Sie lächelte, als müßte es so sein. Die eine Hand gab sie Elli; die andere ergriff er und half ihr aussteigen, während Elli dem Fährmann seinen Groschen gab.
„Sie sind ja gar nicht ein bißchen erstaunt und ungehalten, mich hier zu treffen!” meinte Perthes.
Marga erwiderte nichts. Wie sie von ihm sich die Böschung hinaufführen ließ, klangen ihr die Glockenblumen von drüben nach; ihre zarten, dünnen Stimmen wuchsen, und ihr Geläute schwoll so mächtig, daß es sie betäubte.
Erst als sie im Garten standen, verstummte das Getön, und sie ließ seinen Arm los.
„Sie müssen nicht denken, ich hätte Ihr Verbot, zur Mühle zu kommen, leichtsinnig vergessen, Fräulein Marga!” begann Perthes wieder. „Der Brief, mit dem ich mich anmeldete und um eine Unterredung bat, steckt in der Wirtsstube drinnen seit Stunden am Spiegel. Es hängt auch jetzt noch ganz von Ihnen ab, ob Sie mich einen Augenblick hören wollen!” Er sah Marga forschend an. „Unter vier Augen,” setzte er hinzu und sah hinter sich.
Aber Elli war verschwunden. Wie von der Erde verschluckt. Sie versicherte später, sie habe stets einen „feinen Merks” für gewisse Situationen gehabt. Einen sehr feinen sogar ...
Marga antwortete nicht auf Perthes' Frage. Ihr war zumute, als spänne das Bild ihrer Phantasie sich selbsttätig weiter; als sei all das Traum und nicht Wirklichkeit. Sie ließ sich von ihm an den Tisch im Haselgesträuch leiten und setzte sich zu ihm, wie er es wollte.
„Vor ein paar Wochen,” hob Perthes, durch ihr Schweigen befangen, an, „hatte ich daran gedacht, von hier für immer fortzugehen. Wissen Sie: damals, als ich die törichte Geschichte mit Hilde König ausgeschwärmt hatte. Und als Sie, Fräulein Marga, mich vorigen Dienstag auf Wochen hinaus fortschickten, dachte ich wieder, es würde wohl das Beste sein. Ich hatte Lust, wie ich Ihnen schon früher einmal erzählte, die Bakteriologie wieder an den Nagel zu hängen und zur Chirurgie zurückzukehren. Erinnern Sie sich noch, Fräulein Marga?”
Sie nickte mechanisch mit dem Kopf. Sie verstand nur halb, was er sagte.
„Nun erhielt ich heute ein unerwartetes Anerbieten, hier bei Geheimrat Hupfeld als Assistent einzutreten,” fuhr er mutiger fort. „Ehe ich mich entscheide, möchte ich hören, was Sie darüber denken.”
„Aber davon versteh' ich ja gar nichts!” erwiderte Marga leise. Sie nahm zerstreut ihren weißen englischen Strohhut ab und legte ihn neben sich auf den Stuhl. Verträumt strich sie das Haar über ihrer Schläfe zurecht.
„Zu verstehen brauchen Sie da weiter nichts, Fräulein Marga. Sie sollen mir nur sagen, ob Sie wünschen, daß -- daß ich -- nun, daß ich eben hierbleibe. Das hängt nämlich von Ihnen ab. Nur von Ihnen,” wiederholte er gepreßt.
„Von -- mir?” stammelte Marga. Sie hatte bisher die Augen blicklos ins Weite gerichtet. Jetzt suchten sie ihn mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Besorgnis und Verwirrung, als könnten sie ergründen, wohin er mit diesem vieldeutigen Wort zielte. Ob er scherzte; ob er sie quälen wollte, mit ihr spielen, oder ob ...
„Ich rede in vollem Ernst, Fräulein Marga!” beteuerte Perthes, der ihren Blick richtig deutete. „Ich habe mich die letzten Tage, während ich fernblieb, gründlich vorgenommen. Ich wäre nicht wieder zu Ihnen gekommen, wahrhaftig nicht, wenn ich mir nicht ein Recht dafür hätte zusprechen können. Ich nehme die Stellung nur an, wenn Sie, Fräulein Marga, mir erlauben, wie bisher zu Ihnen zu kommen. Auch auf die Sägemühle. Und ich muß sogar noch weitergehende Bedingungen machen: wenn Sie versuchen, mehr für mich zu sein als eine Freundin! Wenn Sie --” Die Erregung nahm ihm die Stimme, und er faßte nach ihren Händen, die vor ihm auf dem Tisch lagen. „Wenn Sie --”
Marga zog sie mit einem leisen Aufschrei zurück. Sie warf sich gegen die Lehne ihres Stuhles. Bei seiner Berührung war sie plötzlich aus ihrer traumhaften Betäubung erwacht. Eine jähe Röte schoß in ihre Wangen und wechselte augenblicklich mit tiefer Blässe.
„Nein, nein, nein!” stieß sie entsetzt hervor. Sie krampfte ihre Hände vor der Brust ineinander. Das sollte Wirklichkeit sein? Das durfte ja nicht Wirklichkeit sein. Niemals! „Nein! Nein! Nein!” wiederholte sie noch einmal mit äußerster Anstrengung und hob die Hände gegen ihn, als wollte sie so das Unmögliche und Unerlaubte von sich wegzwingen. Ihre Augen hatten einen beinahe irren Ausdruck angenommen. Sie wollte aufspringen. Sie wollte fortlaufen, ihm entfliehen -- aber ihre Kraft versagte. Die Arme fielen ihr erschöpft nieder, und die Augen schlossen sich, wie von einem übermenschlichen Schmerz zugedrückt.
Perthes war gleichfalls erblaßt. Schweigend starrte er sie an. „Sie wollen also nicht,” sagte er dann tonlos und bitter.
„Ich -- ich darf nicht!” stammelte Marga mit zuckenden Lippen.
„Sie dürfen nicht?” fragte er dumpf. „Und warum nicht? Weil Sie nicht können? Weil Sie mir nicht mehr geben können als Freundschaft? Darum?”
Marga schüttelte gequält den bleichen, blonden Kopf.
„Oh, Sie trauen mir nicht! Sie können nicht glauben, daß ich weiß, was ich will! Was ich tue! Ich habe Ihnen keine hohen Liebesbeteuerungen vordeklamiert! Ich will nicht, daß Sie auch nur eine unwahre Silbe von mir hören! Nur versuchen sollten Sie's mit mir! Ehrlich versuchen, bis Sie sich überzeugt haben, daß ich's ehrlich meine!” Seine Worte brachen jetzt ungestüm und drängend aus ihm hervor. Er verkannte sich nicht. Er wußte, wie er an Reife hinter ihr zurückstand. Aber er wußte auch, daß er sie und nur sie brauchte! Und er wiederholte ihr mit seiner leidenschaftlichen Beredsamkeit alles, was in diesen Tagen in ihm vorgegangen war, mit rückhaltloser, nichts verbergender Offenheit.
Während er noch sprach, sank Margas Kopf vornüber auf den Tisch, auf ihre Arme. Und mit einem Mal schüttelte das Schluchzen wie ein Schauer ihren Leib.
Erschrocken hielt Perthes inne.
„Ich darf ja nicht! Ich bin ja blind! Ich darf ja nicht!” ging es wie der Schrei eines auf den Tod Getroffenen durch den abendlichen, einsamen Garten.
Jetzt hatte Perthes verstanden.
Er reckte sich. Auch über ihn lief es wie ein Zittern. Es war sein Herz, das groß und übermächtig und warm in ihm aufpochte, als wollte es die kräftige Brust sprengen. Es war _gut_, was er wollte! Und es war _Schönheit_, die seine Seele weitete! Mochte das Gefühl nun Mitleid sein, unsägliches Mitleid oder brüderliche Freundschaft oder Liebe: er mußte ihre Hände ergreifen, stark und zwingend. Er mußte sie an sich ziehen --
Und Margas Kraft war zu Ende. Willenlos fiel ihr Kopf an seine Brust, und ihr tränenüberströmtes Gesicht verbarg sich dort. Um schwach zu sein, einen Augenblick schwach wie ein Weib, das liebt -- und kostete ihre Schwäche sie ihre Seligkeit ...
Als Elli mit dem „feinen Merks” eine halbe Stunde später vernehmlich „Pardon!” rief, ehe sie an den Tisch hinter den Haselbüschen trat, fand sie die beiden Hand in Hand, und Marga lehnte an Perthes' Schulter. Elli war natürlich furchtbar überrascht. Aber genau genommen hatte sie gewußt, daß es so kommen würde. Fast hätte sie „immer” dazugesetzt, wie Schwester Käthe.
8
Kissingen, den .. Juli 19..
Meine liebe kleine Elli!
Nur durch eine Ansichtskarte habt Ihr uns bisher Eure Übersiedlung nach der Sägemühle gemeldet. Papa ist schon ganz ungehalten, daß er keinen Brief bekommen hat, und ich habe große Mühe, Euch gegen seine empörten Ausfälle, wie undankbare, mißratene Kinder er habe, in Schutz zu nehmen. Also schreibt ihm nur gleich nach Empfang meines Briefes, sonst wird er ernstlich böse.
Es ist hier im lieblichen Frankenlande wunderbar schön. Die Natur bietet viel. Aber noch mehr das großartige, wirklich internationale Badeleben. Wenn man den rechten Blick für Menschen hat, kann man hier seine Studien machen. Es ist doch kein bloßes Vorurteil, das Wort: Reisen bildet! Ich habe hier, in den paar Wochen, mehr beobachtet und gelernt als zu Hause in einem halben Jahr. Die „große Welt”, die uns auf Schritt und Tritt umgibt, ist zuerst verwirrend und blendend; aber allmählich gewöhnt man sich daran. Toiletten sieht man -- im Bad, am Brunnen, bei den Konzerten --, Du kannst Dir keine Vorstellung machen, Kleinchen, _wie_ tipp-topp! Man will sich ganz klein vorkommen, aber dann sagt man sich: Wahre Bildung ist doch vornehmer als dieser hohle Luxus! Und man sucht in dem Gewühl von Menschen nach solchen, die wirklich fein -- ich meine, geistig und seelisch bedeutend sind. Wie schnell kommt da die Erfahrung, daß solche Menschen recht nahe beisammen sind und gar nicht aussehen wie diese prunkenden Weltmenschen. Ich schreibe regelmäßig und viel in mein Tagebuch und wundre mich oft selbst, natürlich ohne Hochmut, wie reif und mit mir selber fertig ich in den letzten Jahren geworden bin. Wenn Du artig bist, Kleinchen, sollst Du im Herbst -- versteht sich mit Auswahl -- daraus vorgelesen bekommen.
Was treibt Ihr denn auf der Mühle?
Gewiß macht Ihr schöne Ausflüge über die Berge, handarbeitet im Garten, liegt in der Hängematte im Wald und lest viel. Meine Gedanken sind oft und in schwesterlicher Liebe bei Euch. Lest nur, bitte, bitte, ja keine Bücher, die noch nichts für Euch sind! Das kann so viel Unheil anrichten. Denkt Euch: Lizzie, die doch älter ist als Ihr, hat kürzlich ein Buch von Zola (!) gelesen, das sie ganz krank und verzweifelt gemacht hat. Ich habe ihr kräftig den Kopf zurecht gesetzt, sie will mir das Buch einmal schicken, und ich werde mich, ihr zuliebe, gründlich mit ihm auseinandersetzen, um ihr zu helfen, denn allein findet sie ja doch nicht heraus. Ich bin ganz traurig über sie.
Sage, bitte, Marga, ich hätte hier noch einmal unser letztes Gespräch auf dem Weinberg durchgedacht und wäre zum gleichen Resultat gekommen wie damals. Vielleicht hat sie inzwischen mich auch besser verstanden und eingesehen, wie gut ich's mit ihr meine. Ich bin ihr gar nicht böse, daß sie's nicht gleich konnte!
Papa kam eben in mein Zimmer und wetterte über die „vermaledeite Briefschreiberei”. Ich will also schließen. Es ist gar nicht immer so leicht mit ihm, weil er in beständigem Krieg mit dem Badearzt und allen Verordnungen lebt. Doch wenn man ihn zu nehmen weiß, läßt er sich meistens zu seinem Besten überzeugen. In acht bis vierzehn Tagen soll's nach Tirol oder nach Bayern gehen. Wie ich mich darauf freue, könnt Ihr euch denken!
Mit herzlichen Grüßen, auch für Marga, und einem Kuß für Dich, liebe Elli, bin ich
Deine getreue Schwester
Käthe Richthoff.
~P. S.~ Denkt Euch, morgen will Doktor Bertelsdorf hierherkommen. Er muß Papas Rat für eine wissenschaftliche Publikation haben. Der Flanellstorch hat sich auch bei Papa „für einen Sprung” angemeldet, wurde aber abgewiesen.
K. R.
~P. S.~ 2. Erwarte Brief binnen zwei Tagen. Verweigere sonst weiteres Kostgeld. Tatsachenbericht, keine Gefühlsduseleien. Gruß.
Papa.
Mit sehr gemischten Gefühlen und sehr kritischen Glossen hatte Elli am Sonntagmorgen diesen Brief von Schwester Käthe vorgelesen. Das war ja Käthe, wie sie leibte und lebte. Nach Ellis Ansicht mußte man ihr für diese „infam-gütige” Epistel mal kräftig die Meinung geigen.
„Wenn sie so fortmacht, platzt sie ja eines Tags vor lauter Menschenkenntnis und Lebenserfahrung!” legte Elli zum Schluß los. „Und das, was sie über dein Verhältnis zu Perthes schreibt, Margakind -- die Andeutung, mein' ich, über ihre verdrehte Abschiedspredigt --, das ist jetzt einfach lächerlich geworden! Das gönn' ich ihr!”
„Laß gut sein, Elli!” mahnte Marga versöhnlich.
„Jawohl! Ich finde, wir sind ihr einen Strahl kalten Wassers auf diesen Schreibebrief einfach schuldig! Wir sind doch schließlich keine Wickelbabys mehr! Von mir will ich noch nicht mal reden, aber du -- du bist doch jetzt so gut wie Braut, Marga --”
„Sag' so was nicht, Elli!” wehrte Marga ernsthaft. „So weit sind Perthes und ich noch nicht! Du weißt, wir haben uns streng versprochen, es nur erst miteinander zu versuchen.”
„I -- was! ‚Ein Versuch führt zu dauernder Kundschaft‛, heißt's im Reklamestil!” erklärte Elli mit überzeugtem und überzeugendem Lachen. „So ähnlich war es mit mir und Wilkens auch; man verspricht sich zuerst, haarsträubend brav und zurückhaltend und vernünftig zu sein, und nachher --”
„Schwatz' doch keinen Unsinn, Kleinchen -- ich bitt' dich!”
„Kleinchen! Kleinchen! Das mag ich schon gar nicht mehr hören! Und daß es geschrieben wird, verbitt' ich mir endgültig. Das werd' ich Käthe schreiben. Und --”
„Ich glaube, du schreibst besser an Papa, und nachher diktiere ich dir einen Brief für Käthe.”
Elli legte Marga ihre beiden Hände auf die Schultern, sah so wehmütig drein, als es ihre lachenden Augen tun wollten, und wiegte den lockigen Kopf mitleidig von einer Schulter zur anderen: „Marga, Marga, mit dir geht's bergab! Seit Freitagabend überfließt du von lauter Zuckerwasser! Hätt' ich das gewußt, wär' ich eher in den Garten gekommen! Da hättet ihr euch die Umarmung malen können! Und die ganze Verlob--”
„Elli!” rief Marga aufgebracht und hielt der Schwester den Mund zu.
„Stell' dich nur recht tugendsam!” neckte das Kleinchen weiter. „Ich kenne dich jetzt! Ich werde deinem Max erzählen --”
Marga faßte jetzt die plappernde Elli so kräftig und bedeckte ihr den Mund so nachhaltig, daß sie nicht mehr weiter schmälen konnte. Dafür lachte sie um so übermütiger, und Marga mußte mitlachen.
Dann wurde der Frühstückstisch in der Halle geräumt. Sie setzten sich in den Garten, und Elli schrieb an Vater Richthoff vier enge Seiten. Zwar keine „Gefühlsduseleien”, aber erst recht keinen Tatsachenbericht, sondern lauter tolles Zeug. Nachher diktierte ihr Marga das „Zuckerwasser” für Käthe.
Draußen im Gras funkelte die Sonne auf den Tauperlen. Das erste sonntägliche Vergnügungsschiff mit bunten Wimpeln und voller lustiger Menschen keuchte stromaufwärts. Vom nächsten Dorf trug ein launischer Frühwind den Klang der Kirchenglocken unter die Bäume im Garten ...
Es war Margas voller Ernst, wenn sie gesagt hatte, Perthes und sie wären so weit noch nicht und wollten es erst miteinander versuchen. Als Perthes am Morgen nach jenem Abend seligen Selbstvergessens wieder auf der Mühle erschienen war, hatte ihn Marga ganz anders empfangen, als er erwartete. „Geradezu frostig und lieblos,” meinte er entrüstet. Aber Margas Gewissen hatte sie schon in der Nacht, die sie schlaflos verbrachte, mit Vorwürfen und Anklagen gepeinigt, die die erste Freude dämpften. Sie sah, was geschehen war, im Licht unverantwortlicher Schwachheit. Mit hundert Gründen bewies sie Perthes, wie unbesonnen und unrecht es wäre, sein Schicksal und das ihrige zu verbinden, und was sie sagte, kam wahrhaftig nicht aus dem Bedürfnis unschuldiger Koketterie, die das Gegenteil hören wollte. Sie zwang sich zu dieser schmerzhaften Klarheit, weil ihre Natur es so verlangte. Wußte er denn, was es hieß, mit einer blinden Frau durchs Leben zu gehen? Hatte er eine Ahnung von den Entbehrungen und Enttäuschungen, die ihm, dem Sehenden, bevorstanden, wenn er, Seite an Seite mit ihr, ins Leben trat, in die Welt, die ihr ewig fremd und verschlossen bleiben mußte, unter Menschen, die ihn einen kurzsichtigen Schwärmer schelten und über eine Verlobung mit ihr oder gar eine Ehe die Achseln zucken würden? Was half es, wenn sie, Marga, kraft ihrer Liebe jede Demütigung gern auf sich nahm -- ihn, den Sehenden, den Stolzen, den leidenschaftlichen Mann mußte eine Wirklichkeit, wie sie ihr Instinkt angstvoll vorausfühlte, wundreiben und unglücklich machen mit ihren tausend unvorhergesehenen, wehtuenden, stechenden Kleinigkeiten. Mitleidlos gegen sich und ihn ersparte sie ihm keine von den Wahrheiten, die sie in den langen Stunden der Nacht gesammelt hatte.
Freilich -- die Wirkung auf Perthes war dieselbe, als wenn sie ebensoviel zu ihren Gunsten vorgebracht hätte. Je mehr Hindernisse und Beschwerlichkeiten sie ihm zeigte, um so beredter und temperamentvoller verfocht er seinen Entschluß. War er nicht Manns genug, um zu wissen, was er tat? Scheute er vielleicht das läppische Gerede und Gehabe anderer? Hatte er nicht immer für seinen eigenen Kopf seinen eigenen Weg gefunden? Und nun, wo er durch Marga erst recht und ganz er selbst wurde, sollte er gegen die kleinen Läppereien des Alltags, die sie da in der Nacht ausgeklügelt und zu Schrecknissen vergrößert hatte, nicht stark genug sein? Das war ja ein nettes Zeugnis von Vertrauen, das sie ihm ausstellte!
Trotz seiner heftigen Gegenwehr gab Marga sich nicht zufrieden. Er mußte Schritt für Schritt erobern, was er an einem Abend im Sturm und für immer gewonnen zu haben glaubte. Er brachte es einstweilen nur zu einem feierlichen Pakt: er sollte kommen und gehen dürfen wie bisher in der Stadt, am Wenzelsberg; aber nicht öfter und keinesfalls täglich. Auch wegen des Geredes der Leute nicht. Sie wollten sich einer dem anderen so offen und natürlich geben, als sie nur konnten, um sich immer besser kennen zu lernen. Für das Maß der gegenseitigen Vertraulichkeiten hatte Marga, obwohl sie weder prüde noch doktrinär veranlagt war, einen ganzen Kodex ausgearbeitet: das zärtliche „Du”, das im Glück des ersten Verstehens eingerissen war, wurde verpönt. Sie wollten sich „Sie” und mit dem Vornamen nennen, und auch das nur unter vier Augen. Von anderen Liebkosungen als von einem etwas herzlicheren Handkuß durfte nicht die Rede sein.
Gegen diese letzte Verordnung wehrte sich Perthes am entschiedensten.
Um sie von vornherein zu entkräften, wollte er sogar Marga sofort herzhaft in seine Arme ziehen. Aber sie geriet in eine so hilflose Erregung, bat ihn so inständig, ja flehentlich, ihr zu folgen, daß er nachgab.
„Das versteh' ich nicht!” eiferte er. „Für Kasteiungen hab' ich gar kein Talent, Marga. Ich weiß auch, trotz all der schönen Reden, nicht, zu was sie gut sein sollen.”
„Das soll dafür gut sein, daß uns, wenn unser Versuch mißlingt und wir nicht zusammenbleiben können, das Auseinandergehen nicht zu schwer wird.”
Perthes wollte sie auslachen, aber sie legte so viel ernste, beinahe schwermütige Überzeugung in ihre Worte, daß er es nicht fertigbrachte. Er dachte nicht daran, ihre pessimistische Auffassung gelten zu lassen. Aber die ängstliche Vorsicht, die an das Glück nicht glauben konnte, die mädchenhafte Scheu, die der eigenen Liebe zum Trotz sich so streng und haushälterisch gab, rührte ihn und nötigte ihm Achtung ab. Wenn er auch bei sich dachte, dies drakonische Hausgesetz bleibe ein Unding, weil es einen neutralen Zwischenzustand zu schaffen suche zwischen Liebe und Freundschaft, den es nie und nirgends gebe, so begriff er doch, daß so und nicht anders Margas empfindliches Gewissen sich mit dem Neuen abfinden konnte.
Unter solchen Umständen hatte er seufzend dem „Gesetz zur Verhinderung der Liebe”, wie er es nannte, seine Sanktion erteilt.
Es kam trotzdem, wie es kommen muß, wenn zwei Menschenkinder jung und aus Fleisch und Blut sind. Es wäre zwischen Marga und Perthes auch so gekommen, wenn Elli nicht von vornherein erklärt hätte, diese zimperliche Schöntuerei sei Hokuspokus, und zusammen mit ihrem Wilkens, vor dem das Geheimnis nicht gewahrt bleiben konnte, nicht jede Gelegenheit benutzt hätte, um diesem „faden Platonismus” mit Scherz und Spott auf den Leib zu rücken.
Acht ganze Tage bestand das „GzVdL.”, wie es abgekürzt getauft wurde, leidlich voll zu Recht.
Dann gewahrte Marga mit Schrecken, wie Stück um Stück von ihrem wohlgemeinten, aber doch nur in der Theorie möglichen Zwischensystem abbröckelte. Da wurden zunächst die Pausen zwischen Perthes' einzelnen Besuchen auf der Sägemühle immer kleiner, und bald war es ganz selbstverständlich geworden, daß er jeden Tag kam, manchmal sogar zweimal, und an einem Sonntag blieb er vom Morgen bis zum späten Abend. Das nächste Bollwerk brachten Elli und Wilkens durch ein förmliches Komplott zu Fall. Das steife „Sie” zwischen Marga und Perthes war ihnen schon lange ein Dorn im Auge. Aber alle Sticheleien verfingen nicht. Marga blieb fest und stellte sich taub für die dicksten Anspielungen; und Perthes wollte sie an der Illusion, die sie beruhigte, nicht irremachen.
Elli, ewig auf Schelmereien bedacht, nahm ihre Zuflucht zu einem abgefeimten Trick.
Eines Abends, als Wilkens und Perthes, wie dies jetzt so selten nicht mehr war, zum Abendbrot auf der Mühle blieben, ließ sie ihrer Ausgelassenheit alle Zügel schießen und riß jeden, auch Marga, in ihre übersprudelnde Laune hinein. Schließlich erhob sie ihr Glas, ließ die Augen lustig zu Perthes hinüberspringen und warf den zerzausten Kopf keck zur Seite. „Doktor Perthes, ich schlage vor, daß wir zwei Schmollis machen!”
Perthes, so aufgeräumt er selber, so sympathisch ihm Fräulein Sausewind war, wurde doch von diesem freundschaftlichen Anerbieten überrumpelt. „Mit Vergnügen!” erklärte er. „Aber ich muß da höheren Orts erst anfragen.”
Elli zwinkerte ihm zu. Er verstand und wandte sich an Marga. „Marga, Sie haben wohl nichts dagegen? Da es Ihre leibliche Schwester ist, die mit mir schmollieren will.”
Marga war fassungslos überrascht und sah ganz verdutzt drein. „Elli ist wohl 'n bißchen beschwipst?” meinte sie ausweichend.
„Bitte schönstens!” verteidigte sich die Verdächtigte entrüstet. „Das ist eine häßliche, grundlose Verleumdung!”
„Die ich mir auch in meinem Namen verbitten muß, Fräulein Marga!” brummte Wilkens höchst unwirsch.
„Wenn Sie mich noch lange warten lassen, Herr Doktor Perthes,” -- Elli betonte die Anrede mit spitzer Breite -- „sind Sie der unhöflichste Mensch, der mir je vorgekommen ist! Marga hat da überhaupt gar nicht mitzureden!”
„Aber Herrn Wilkens muß ich doch wenigstens um Erlaubnis fragen?” sagte Perthes, der nun ganz mit im Spiel war, zuvorkommend.
„Nun, Herr Wilkens?” fragte Elli. „Man überschätzt zwar Ihre Autorität, aber --”
„Ich denke durchaus fortgeschritten in solchen Dingen,” ließ sich Wilkens mit liberaler Großartigkeit vernehmen.
„Na also! Du siehst, Marga -- drei gegen eine!” triumphierte Elli.