Die große Stille: Roman

Part 12

Chapter 123,442 wordsPublic domain

Was wollte er eigentlich? Das Unmögliche! Das lag so in seiner verhängnisvollen Natur; er wollte, was er nicht brauchen konnte, und wollte nicht, was er brauchte. Es genügte ihm offenbar nicht, daß er sich mit seiner albernen Schwärmerei für Hilde König und deren kläglichen Nachkrämpfen vor sich selber unsterblich blamiert hatte! Wo hinaus wollte er mit dem öden Spintisieren der letzten Tage? Es war doch vollkommen gleichgültig, was „Liebe an sich” war. Es handelte sich um das, was er als Liebe brauchte. Für sein Glück. Sein Wille hatte da das entscheidende Wort zu sagen. Hatte er sich je reicher, harmonischer, mehr als er selbst empfunden als in dieser Freundschaft? Er mußte an ein Gespräch denken, das er einst mit Marga gehabt. Sie hatte davon gesprochen, daß es viel weniger auf die Meinungen ankomme, die man sich von den Dingen im allgemeinen mache, als auf das, was man aus sich selber mache. Er hatte ihr entgegengehalten: „Was aber dann, wenn man bald so ist, bald so? Wenn man die bekannten ‚zwei Seelen‛ in der Brust hat?” -- „Dann kommt es eben darauf an, durch welche von beiden man glücklicher, man mehr ‚man selber‛ ist. Wenn man das erst weiß, braucht man bloß zu wollen!” Begriff er jetzt, was er damals nicht begreifen konnte? Wollte er begreifen? Er war am Wendepunkt seines Lebens. Es galt, sich zu entscheiden. Vor ihm lag eine Wirklichkeit: nicht freilich die Vollkommenheit, das Unmögliche und Überschwengliche, wohl aber Schönheit, Harmonie, die große Stille, die er ersehnte. Wenn er ein Mann war, brauchte er nur zu wollen. Die Wirklichkeit zu ergreifen und sich zuzurufen: Das ist die Liebe! Meine Liebe! Ich setze sie gleich der Unbekannten, und damit ist sie's! So will ich's! ...

So weit war Perthes' Überlegung gediehen, als er am Morgen ins Institut kam.

Dann rief ihn ein Diener von der Chirurgischen Klinik zu der unerwarteten Konferenz mit Hupfeld.

Unter dem ersten Eindruck des lockenden Antrags hatte er von dort den Weg nach der Straße am Wenzelsberg eingeschlagen. Er war so gewohnt, alles mit Marga zu besprechen, daß er für den Augenblick ihr Fernsein völlig vergessen hatte. Erst unterwegs fiel es ihm ein.

Ganz niedergeschlagen machte er kehrt und ging ins Bakteriologische Institut zurück.

Aber es wollte mit der Arbeit heute nicht vorwärts.

Er hatte in den letzten Tagen zu viel Seelenmikroskopie getrieben, um an der prosaischeren der Gewebezellen Geschmack zu finden. Es litt ihn nicht am Untersuchungstisch, und ehe Markwaldt das ihm unerträgliche Schweigen des Kollegen durch einen neuen Ausfall brechen konnte, war dieser davongelaufen.

Er bummelte nach der Stadt.

Nach all der vorsichtigen und gewissenhaften Überlegung, mit der er seine Gefühle zu zerfasern begonnen hatte, war er jetzt auf dem Punkt angelangt, wo sein Temperament sein Recht verlangte. Der Anstoß, den Hupfelds Anerbieten ihm gab, genügte gerade, um ihn den Sprung tun zu lassen, auf den die vermeintlich so objektiven Grübeleien der letzten Tage ihn unaufhaltsam zudrängten. Und es war ein Sprung. Vor ein paar Wochen war er für Hilde König Feuer und Flamme gewesen, für die leichte, poetische Äußerlichkeit, den „Falter”, den er, das schwerfällige „Kriechtier”, brauchte um jeden Preis! Und jetzt war es die tiefe, versonnene Innerlichkeit, die von allem Äußerlichen abgekehrte, schlichte, anspruchslos-ernste Marga, die ihm unentbehrlich war wie keine andere! In der kürzesten Spanne Zeit hatte sich seine Natur von einem Extrem ins andere geworfen. Aber so sah er, Perthes, das, was sich vorbereitete, nicht an. Er sah, im Schein seiner ehrlichen Selbstprüfung, eine gründliche, sein ganzes Wesen wandelnde Entwicklung. Und als er sich jetzt einen Ruck gab und entschlossen auf das Postgebäude zuging, wunderte er sich über die Ewigkeit, die es gedauert, ehe sein Entschluß gereift war. Er trat ein und ließ sich am Schalter einen Kartenbrief geben. Mit fliegender Schrift warf er die Zeilen darauf:

Bitte dringend um eine Unterredung. Komme gegen fünf auf die Sägemühle.

Herzlich Ihr

Max Perthes.

Als er fertig war, fiel ihm ein, daß der Brief sie nicht rechtzeitig erreichen könnte. Nicht einmal als Eilbrief. Sollte er telegraphieren? Marga konnte erschrecken. Er lief von der Post nach dem Bahnhof. Dort ergatterte er einen grünen Radler. Der mußte die Botschaft geradeswegs und so schnell wie möglich nach der Mühle bringen. Perthes war nicht eher beruhigt, als bis der junge Mann mit seinem grünen Käppi um die nächste Ecke geflitzt war. Es war schon viel zu viel Zeit versäumt, viel zu viel.

Sich die Stunden bis zur eigenen Fahrt nach der Mühle zu vertreiben, kostete ihn eine unglaubliche Anstrengung.

Er nahm sich vor, sein Mittagessen im Café Wagner länger auszudehnen als sonst. Die Folge war, daß er eine Viertelstunde eher fertig war, als gewöhnlich. Dann wollte er in seiner Behausung mindestens eine Stunde schlafen. Noch keine halbe Stunde war vergangen, so sprang er von seinem Schaukelstuhl auf und streckte den Kopf zum Fenster hinaus. Es war ein bedeckter, aber angenehmer Sommertag. Es lohnte sich immerhin, zu Fuß nach der Mühle zu gehen. Nein! Das dehnte sich so widerlich lang. Also mit dem Lokalzug. Aber da mußte er noch anderthalb Stunden warten. Genau so war's mit dem Vergnügungsdampfer. Und der blieb überdies mit Vorliebe in der starken Strömung hinter der Brücke, dem sogenannten „Teufelswirbel”, stecken. An einen Nachen war erst recht nicht zu denken. Das Rudern dauerte gegen den Strom eine halbe Ewigkeit. Blieb -- das Rad. Das war nicht mehr recht fair, aber praktisch. Er entsann sich eines medizinischen Kollegen von der Augenklinik, der ihm ein Fahrrad pumpen konnte. Obwohl es noch nicht drei Uhr war, machte er sich zu diesem Bekannten auf den Weg. Natürlich war der noch bei Tisch. Aber das Rad war da, und nach einer Bestellung seines Namens durch die Hauswirtin konnte er riskieren, es zu nehmen. Jedenfalls nahm er es. Daß er so von allen ihm zu Gebote stehenden Fuhrwerken -- Autodroschken ungerechnet -- das geschwindeste gewählt, war der reine Zufall. Wenn er zufuhr, konnte er in zwanzig Minuten auf der Sägemühle sein. Und er fuhr zu.

Er sah nicht rechts noch links. Er wäre um halb vier Uhr an Ort und Stelle gewesen, wenn er nicht ganz unerwartet von einer Stimme hinter sich angerufen worden wäre.

„Holla, Doktor! Sie sind wohl Rennfahrer, was?” klang es ihm boshaft nach.

Verdutzt drehte er sich um. Er hatte gar nicht bemerkt, daß er an einer gleichfalls radelnden jungen Dame vorbeigesaust war.

An der Stimme hatte er Fräulein Hupfeld erkannt.

Wenn er nicht schon zurückgeschaut, und wenn es sich nicht um die Tochter seines präsumtiven Chefs gehandelt hätte -- er wäre schlankweg weitergefahren. So machte er eine Volte und wartete, bis Fräulein Exzellenz in sehr gehaltenem Tempo sich näherte. Sie sah schick aus in dem leichten, lichtbraunen Kostüm mit der gleichfarbenen Mütze, die ein heller, bauschiger Autoschal mit flotter Schleife unter dem Kinn festhielt. Die kecke Stupsnase und ein paar seltsam flackernde, graubraune, intensive Augen blickten aus dem flatternden Musselin hervor. Frei und ungezwungen, nur die eine Hand am Griff der Lenkstange, saß sie auf dem Rad. Die länglichen, schmalen Füße in braunen Lackhalbschuhen regierten spielend die Pedale.

„Sie sind also auch noch so stillos, zu radeln?”

„Ich bin immer mein eigener Stil,” gab Perthes mit hochtrabender Kürze zurück.

„Hübsch. Das könnte beinahe ~ich~ gesagt haben!” Alice war jetzt neben ihm. „Wissen Sie, das wievielte Mal es ist, daß Sie mich nicht grüßen, Doktor Perthes?”

„Nein, gnädiges Fräulein. Jedenfalls bedaure ich --”

„Das erstemal vor einigen Wochen. Da rannten Sie mit einem Armvoll Rosen an mir vorbei, als hätten Sie mich noch nie gekannt.” Sie reichte ihm mit handkußheischender, ungezwungener Bewegung die Hand von Rad zu Rad, während sie ihn mit einem herausfordernden Blick von Kopf zu Fuß oder vielmehr, wie dies ihre Gewohnheit war, von Fuß zu Kopf musterte.

Perthes begnügte sich mit einem flüchtigen Händedruck. Nichts kam ihm ungelegener als dies Zusammentreffen, und er gab sich keine Mühe, sein Mißbehagen zu verbergen.

Alice, die seinen Widerstand sofort heraus hatte, fuhr noch langsamer und zwang ihn, mit ihr gleiches Tempo zu halten.

„Das zweitemal, wo Sie mich schnitten,” fuhr sie mit gemächlicher Harmlosigkeit fort, „gingen Sie mit einem blonden Herrn, der ungemein jovial und lustig aussah, im Geschwindschritt über die Brücke nach der Altstadt. Papa und ich fuhren im Automobil an Ihnen vorbei. Das war vor fünf, sechs Tagen.”

„Aber Sie führen ja geradezu Buch über meine Unterlassungssünden!”

„Das drittemal heute, Doktor. Ist das etwa Absicht -- Herr Perthes?” Sie sah ihn nicht an, aber rundete auf eine maliziöse Art ihre spitzbübischen Lippen.

„Gnädiges Fräulein,” wehrte sich Perthes, „ich bitte tausendmal um Vergebung! Ich bin völlig unschuldig! Denn --”

„Na -- ob Sie so sehr unschuldig sind,” bemerkte Alice mit einem vieldeutigen Seitenblick, „ist 'ne Frage für sich! Wo wollen Sie denn eigentlich hin?”

„Ich fahre spazieren,” erwiderte Perthes hastig.

„Spazieren?” wiederholte sie ungläubig-gedehnt. „Das trifft sich ja famos. Ich fahre nach dem Stift. Wir wohnen jetzt ein paar Wochen draußen. So ab und zu wohnt sich's ganz nett in dem alten Rumpelkasten. Sie kennen doch Stift Nieburg?”

„Vom Vorbeigehen -- natürlich.” Das Stift lag einige hundert Schritte von der Sägemühle entfernt auf halber Bergeshöhe; ein schloßartiges Gebäude aus dem achtzehnten Jahrhundert mit einer hochgetürmten Kapelle, mitten in altem Park, das Flußtal beherrschend. Exzellenz Hupfeld hatte sich diesen prächtigen Sitz, ein früheres adliges Fräuleinstift, als Sommerresidenz gekauft. „Es muß sich dort nicht schlecht hausen lassen. Das denke ich mir,” setzte Perthes hinzu, um das Gespräch nicht unhöflich stocken zu lassen.

„Gott, Papa hat nu mal die schnurrige Vorliebe für olle Kamellen! Ich mach' mir nicht viel draus. Das Romantische ist nicht mein Fall. Aber Sie, Doktor -- Sie sehen so'n bißchen nach Räuberromantik aus. Die Kapelle ist ganz niedlich. Und im Saal hängen über wurmstichigen Möbeln, die wertvoll sein sollen, greulich öde Ahnenbilder. Wenn Sie Lust haben, kommen Sie 'n bißchen mit rauf! Ich bin bis Abend mutterseelenallein. Schloßbesichtigung gratis!” Sie zwinkerte halb listig, halb spöttisch mit ihren Augen, die ihre Farbe wechseln zu können schienen, indem sie bald grünlich, bald golden aufschimmerten oder ihr undurchdringliches Graubraun bewahrten.

„Sehr liebenswürdig! Aber zu meinem Bedauern -- heute geht's nicht. Wirklich nicht! Ich muß nachher noch arbeiten!” Perthes war nicht für Ausrede und Verstellung gemacht. Man sah ihm an, daß er flunkerte. Er errötete sogar ein wenig. Ihr sagen, wohin er wollte, konnte er nicht. In ihrer Gegenwart von Marga oder auch nur von etwas zu reden, das mit ihr im Zusammenhang stand, widerstrebte ihm. Er wäre ihrer Einladung auch nicht gefolgt, wenn er gekonnt hätte. Alice Hupfelds freie und saloppe Art, die immer der Gipfel des Modernen sein sollte, entsprach seinem Geschmack heute weniger denn je. Vielleicht daß sie ihn auch verwirrte. Ihre spottsüchtige Koketterie zwang ihn zu einer ständigen Kriegsbereitschaft, die ihm heute besonders beschwerlich wurde.

Sie dachte nicht daran, ihn zu entlassen. Je deutlicher seine Ungeduld wurde, um so weniger. Dieses schwarzbärtige Mannkind, das sie in Perthes sah, reizte sie, je spröder er sich gab, nur um so stärker. Seine Gewandtheit, sein Temperament und seine Kraft, die sie vom Sportplatz kannte, imponierten ihr. Sein Aussehen, das dunkelgebräunte Gesicht mit den ungebärdig über die Stirn fallenden, buschigen Haaren, den großen, oft unvermittelt aufglühenden Augen, hatte für sie etwas Exotisches, das sie anzog, während seine innere Unberührtheit und Ungelenkigkeit, die mit der äußeren Geschicklichkeit kontrastierte, sie lächerte und zu spöttischer Überlegenheit herausforderte.

„Ich glaube, Sie sind ein wenig prüde, Doktor Perthes,” sagte sie nach einer Weile wie in Gedanken vor sich hin.

„Ich? Wieso? Wie meinen Sie das?” fragte Perthes zerstreut.

„Ich denke mir's eben. Vielleicht steckt hinter Ihnen ein ganz ehrsamer, biederer Philister -- wie?” Ihre Augen begegneten mit voller Angriffslust den seinen, und ihr Mund verzog sich, als unterdrücke sie ein boshaftes Lachen.

„Schon möglich!” gab Perthes achselzuckend zurück. Seine Unbehaglichkeit wuchs mit jeder Umdrehung des mühsam zurückgehaltenen Rades. Welche Tücke hatte ihm gerade jetzt dieses verteufelte Mädel zuführen müssen, das sichtlich sein Vergnügen daran fand, eine Stimmung auszunutzen, die ihn wehrlos machte?

„Mit wem verkehren Sie denn hier in der Hauptsache?” forschte sie unvermittelt weiter. Es war eine Liebhaberei von ihr, Fragen scheinbar zusammenhangslos aneinanderzureihen, die sie dann plötzlich zu einer unvermuteten Schlinge zusammenzog.

„Ich habe sehr wenig Verkehr, Fräulein Hupfeld. Vorzugsweise bin ich in Gesellschaft meiner Bazillen,” scherzte er grimmig.

„Da haben Sie ja ausgesuchte Gesellschaft!” lachte Alice.

Es war ein helles, kurzes, aufreizendes Lachen, bei dem er nervös die Hände um die Lenkstange preßte, als wollte er sie zerbiegen. Wußte sie, daß er bei Richthoffs aus und ein ging? Wollte sie ihn aushorchen? Spottete sie über seinen Verkehr?

Zum Glück trennten sich jetzt die Wege. Der zum Stift Nieburg führte seitwärts bergan. Die Landstraße lief nach der Sägemühle geradeaus weiter.

Alice sprang leichtfüßig vom Rad.

Perthes tat dasselbe, um sich zu verabschieden.

„Werden Sie denn bei Papa als Assistent eintreten?” warf sie nüchtern hin.

„Wohl möglich!”

„Na -- dann werd' ich Sie mal ein bißchen in Erziehung nehmen, Doktor Perthes!”

„Scheint Ihnen das nötig?”

„Oh -- dringend! Ich werde Sie zum Beispiel lehren, daß man junge Damen seiner Bekanntschaft nicht übersieht. Dann werd' ich Ihnen beibringen, daß man einer jungen Dame, die ihr Rad bergan schieben muß,” -- sie deutete auf den etwas steilen Weg, der zum Stiftstor führte -- „seine Dienste anbietet!”

„Da scheint die Assistenz bei Ihrem Herrn Vater mit gewissen Nebendiensten verbunden zu sein!” entfuhr es Perthes wütend. Sein Unmut darüber, daß er aufgehalten und absichtlich mißhandelt wurde, riß ihn zu dieser groben, patzigen Unhöflichkeit fort.

Er hatte sich Alice gegenüber nur eine Blöße gegeben. Sie warf den schleierumbauschten Kopf in den Nacken zurück. Eine Strähne ihres rötlichen, ungebärdigen Haares schlüpfte unter der Mütze hervor. Ihre Lippen spitzten sich und bebten leise, während die kecken, spitzbübisch-kecken Augen ihn wie zuerst von Fuß zu Kopf musterten und sich dann ohne Scheu in die seinen hefteten.

„Ich wollte sagen --” verbesserte sich Perthes mit einer Unbeholfenheit, die nichts verbesserte.

„Nicht nötig!” schnitt sie ihm das Wort ab. „Ich werde mich für Ihre Grobheiten schon schadlos halten, Doktor!” Sie gab ihm die Hand, als wäre nichts geschehen. Und er wagte diesmal nicht, diese schmale, schmiegsame Hand ohne einen flüchtigen Handkuß zu lassen.

Ihre Augen zuckten triumphierend. Sie nickte ihm zu, als wollte sie sagen: Ich fange schon an, mich schadlos zu halten! Und ohne ihn weiter zu beachten, stieg sie, das Rad neben sich herschiebend, zum Stift hinauf. --

Perthes schwang sich wieder auf den Sitz. Er fuhr in schnellem Tempo der Mühle zu, deren Dach unweit zwischen den hohen Gartenbäumen durchschimmerte. Seine Uhr zeigte vier. Es war also noch immer reichlich viel früher, als er sich angemeldet hatte. Aber er hätte ohne dieses Zusammentreffen auf offener Straße eine halbe Stunde eher da sein können. Warum hatte sich dieses tolle Mädel wie ein fratzenschneidender Kobold in seine ernste, zielsichere Stimmung gedrängt? Er wütete innerlich gegen sie und ihre forschen Allüren, ihre spottlüsterne, herausfordernde Überlegenheit. Diese ganze gelenkige Mischung von Harmlosigkeit und Bosheit war ihm verhaßt. Ohne Zweifel! Und um ihr pfiffiges Schelmengesicht zu vertreiben, rief er sich Marga ins Gedächtnis. Es hielt schwerer, als er gedacht. Fräulein Exzellenz war hartnäckig, auch noch in seiner Vorstellung.

Perthes war froh, als er die Sägemühle erreichte, die heute wie verschlafen hinter ihrem sonnenlosen Garten lag. Ein Pfauenschrei vom Geflügelhof war der einzige Laut, der ihn bei der Einfahrt empfing.

Er sprang ab und schob sein Rad in den Gitterstand, der für diesen Zweck links vom Tor angebracht war. Er war trotz des Schattens heiß geworden und trocknete sich die Stirn. Ein Blick in den Garten überzeugte ihn, daß da die Gesuchten nicht zu finden waren. Er trat ins Haus und fragte die Wirtsfrau, die neben dem Büfett döste, nach den jungen Damen. Sie glaubte, die beiden Fräuleins hätten einen Ausflug gemacht. Ja, natürlich; jetzt, während sie sich die Augen rieb, fiel es ihr „für gewiß” ein: sie waren schon am Vormittag weg und wollten erst zum Abend zurückkommen.

Damit hatte Perthes auch nicht einen Augenblick gerechnet.

Wahrhaftig! Als er sich im öden, plakatreichen Gastzimmer umblickte, wo nur die Fuhrleute oder die Bauern aus der Umgebung ihr Glas Bier oder ihren Schnaps zu trinken pflegten, sah er seinen eiligen Kartenbrief friedvoll am Spiegel stecken. Marga hatte ihn also nicht einmal mehr erhalten. Trotz des grünen Radlers! Heute, ausgemacht heute mußten die beiden eine Tour machen! Wo das Wetter nicht einmal danach war! Ganz verzweifelt knickte er auf einer der rohgezimmerten Bänke zusammen. Wohin die Damen gegangen wären, forschte er kleinlaut. Das wußte die gute Wirtsfrau auch nicht. Vielleicht hatten sie's ihrem Mann gesagt, aber der war in der Stadt. Also ihnen entgegenfahren konnte Perthes auch nicht. Es blieb gar nichts anderes übrig: wenn er nicht unverrichteter Dinge heimkehren wollte, mußte er bis gegen Abend warten. Eine Geduldsprobe, die zweite schon an diesem Nachmittag, die wie Rauhreif auf sein Ungestüm fiel ...

Er bestellte sich Kaffee. Trostlos ging er in den Garten und setzte sich an den Tisch im Haselgebüsch, wo sein erster mißlungener Besuch auf der Mühle angefangen hatte.

Kein Spaziergänger ließ sich heute ringsum blicken.

Es gab so Tage, erklärte die Wirtin, als sie ihm selber den Kaffee brachte, da blieben sie wie auf Verabredung alle weg. Dabei war es doch nicht einmal übles Wetter. Im Gegenteil. Sehr angenehm zum Gehen. An Regentagen kamen sie manchmal in hellen Haufen. Es war sogar möglich, daß heute, mit dem Lokalzug um fünf Uhr, noch so viele kämen, daß man nicht Hände genug hatte, sie zu bedienen.

So philosophierte die junge, jetzt munter gewordene Frau, und Perthes hörte gottergeben zu.

Oder er hörte vielmehr nicht zu, sondern sah unglücklich zwischen den Büschen durch, in den Garten. Wie trübselig der aussah mit seinen leeren, buntgedeckten Tischen! Wie jämmerlich der dumme Springbrunnen in der Mitte, den er noch nie beachtet, in sein dürftiges Bassin plätscherte! Und draußen kroch der Fluß in grauer Greisenhaftigkeit; drüben, am anderen Ufer, schwammen Feld und Wald langweilig ineinander.

Das war ja, um selber trübselig zu werden! Und das sollte womöglich stundenlang dauern? Wie gemacht für ihn, um sich zu vergrübeln!

Stand er vielleicht im Begriff, eine Dummheit zu machen? Die Dummheit seines Lebens, die alle früheren übertraf? Oder -- wie? -- wenn Marga ihn nicht anhörte? Wenn, ja wenn -- das war das Tollste, darauf war er noch gar nicht gekommen, und das war so unmöglich gar nicht! -- wenn er sich nur eingebildet hatte, daß sie ihn liebe? Wenn sie überrascht war von dem, was er ihr sagen wollte? Und ihn abwies? Aber das war ja verrückt!

Gepeinigt stand er auf und ging mit langen Schritten in dem leeren Garten zwischen den Tischen auf und ab, um den blödsinnig plätschernden Springbrunnen herum und noch einmal herum. Gewiß, das war unsinnig! Und doch plagte ihn diese jüngste Ausgeburt seiner Phantasie mit allen Teufeleien, deren sie fähig war. Wie ein dummer Junge stand er jetzt da und starrte kleinmütig über den Lattenzaun des Gartens weg in den Fluß. Warum sollte sie auch die Sache nur in Erwägung ziehen? Was konnte er ihr überhaupt bieten? Wie sollte er sich verständlich machen und die Geschichte anfassen? Am Ende hatte es gar keinen Zweck ... Im Nu war Max Perthes aus dem Gleise geworfen, wenn sich etwas nicht so gerade und einfach anließ, wie er es vor sich sah. Es blieb dabei: er konnte immer noch erst springen, aber nicht gehen ...

Der Lokalzug brachte diesmal nicht den von der kundigen Wirtin als möglich prophezeiten Andrang. Der Garten blieb leer. Zwei, drei Einspänner, alte Herren mit Perücken, mit Mänteln mitten im Sommer und Stöcken mit Elfenbeinkrücken, tranken, weil sie nun einmal täglich kamen, ihre Tasse Kaffee und lasen ihre Zeitung. Das war alles.

Und doch hellte sich der Himmel gegen Abend auf. Die Sonne drängte sich, etwas blaß und schüchtern freilich, durch die weißgrauen Wolken. Und den Fluß herunter kam ein Boot mit rotbemützten Studenten gezogen, deren Gesang halb wehmütig, halb heiter übers Wasser klang. Sie sangen von der Saale im Tale und den Burgen auf den Bergen. Erinnerungen an seine eigene Studentenzeit am fröhlichen Rhein erwachten in Perthes. Sie und der verhallende Gesang und das zage Sonnenlicht erzeugten eine ruhigere Stimmung in ihm. Die zerfahrenen, unmännlichen Zweifel wichen allmählich einer tapferen, fast heiteren Zuversicht. Das Unmögliche und Unerreichbare einer Liebe, die es nirgends, für ihn jedenfalls nirgends, gab, lag hinter ihm mit der Unreife und Halbheit, der rastlosen Jagd von Extrem zu Extrem; das Wirkliche und Faßbare war vor ihm. Das wollte er als Mann ergreifen und festhalten. So konnte er Marga entgegentreten, mit ihr sprechen.

Drüben, am anderen Ufer, stieß jetzt das Fährboot ab.

Perthes sah zu, wie es erst gegen die Strömung arbeitete und sich dann in der Mitte des Flusses von den Wellen aufnehmen ließ. Der breite Rücken des Schiffers hatte ihm die Insassen verdeckt. Jetzt erkannte er sie und richtete sich auf. Er ging aus dem Garten und stieg die Böschung hinunter, nach dem Steg ...

„Du, ich glaube -- wahrhaftig! -- Doktor Perthes erwartet uns drüben!” konstatierte Elli mit halblauter Überraschung.