Part 11
Es dauerte aber zehn Minuten und länger.
Wilkens wurde unruhig. Er stand auf und ging ein paarmal halb verlegen zum nächsten Tisch und wieder zurück. Dann sah er verstohlen über den niedrigen Lattenzaun des Gartens weg, den Weg hinunter.
„Schlendern wir 'n bißchen auf eigene Faust?” fragte er schon bedeutend kleinlauter zu Perthes zurück, der sitzen geblieben war.
Widerstrebend erhob sich dieser. Er war jetzt mit seiner Geduld zu Ende.
Die Rücksichtslosigkeit, mit der er von Marga behandelt wurde, empörte ihn. Am liebsten wäre er ohne Abschied heimgegangen. Er war zum ersten- und letztenmal auf der Sägemühle. Das war eine ausgemachte Sache. Aber er wollte es ihr offen sagen. Sie hielt ja so viel von der Offenheit in der Freundschaft, wenn sie auch mit ihrem heutigen Verhalten das Gegenteil bewies.
Deshalb blieb er. Deshalb schlenderte er, unlustig genug, mit Wilkens aus dem Garten in die angrenzenden Wiesen, am Fluß entlang. Er hatte den Hut vom Kopf gerissen. Sein Gesicht hatte sich verfinstert. Der Unmut, gleich wieder leidenschaftlich wie sein ganzes Temperament, lag in tiefen Falten auf seiner Stirn und blickte ihm aus den Augen. Er fuhr sich einmal ums andere durch den schwarzen Haarbusch oder strich über den krausen Vollbart.
Und dabei lag die Dämmerung so mild und verträglich ringsum.
Das hohe Gras mit seinem Labkraut, seinen Schafgarben und Kuckucksblumen überwucherte den schmalen Weg, den „Leinpfad”, auf dem früher die Pferde an strammer Leine die Lastkähne stromaufwärts geschleppt hatten. Das Wasser in seinem tiefen, stählernen Grau rauschte und gluckste heimlich, als wollte es den sachten Abendwind, den tuschelnden Geheimniskrämer, noch an bedeutsamer Wissenschaft übertreffen. Und drüben, über den Heuhocken, den silberreifen Kornäckern, dem Berg mit seinem schweren, düsteren Tannenmantel, lag es wie feiner, rieselnder Taudunst. Auf all das achtete Perthes nicht. Nicht einmal auf das gefühlvolle Summen von Wilkens, mit dem dieser seinen zärtlichen Gefühlen Ausdruck verlieh. Nur die eigene Verstimmung schien ihm der Aufmerksamkeit wert.
Und dann, als der Leinpfad, dem Flußlauf folgend, sich bog und von ein paar knorrigen Krüppelweiden eingefangen wurde, waren plötzlich Marga und Elli dicht vor ihnen. Sie kamen langsam und stumm den Weg zurück.
„Ist das auch eine Art, seine Damen ohne Schutz in die Nacht hinauslaufen zu lassen?” rief Elli, die so ungewohnt lange auf ihren Wilkens hatte warten müssen, den beiden zürnend entgegen.
„Bitte sehr!” entgegnete Wilkens, „die Damen sagten uns ja gar nicht --”
„Daß sie Wert auf unsere Begleitung legten!” ergänzte Perthes mit Schärfe.
Elli hing sich statt jeder weiteren Antwort an Wilkens' Arm.
„Na, also!” schmunzelte Wilkens und führte sie wieder flußaufwärts weiter.
Marga stand vor Perthes.
Unschlüssig blieben sie sich einen Augenblick gegenüber.
Um keinen Preis hätte Perthes das erste Wort gesprochen.
„Wollen Sie mir Ihren Arm geben?” fragte endlich Marga zaghaft. Ihre Stimme klang weich, bittend, wie er sie den ganzen Nachmittag nicht gehört hatte.
Perthes tat sofort, wie sie ihn gebeten. Sie gingen in der, Elli und Wilkens entgegengesetzten Richtung nach der Sägemühle zu. Er hatte sie mit heftigen Vorwürfen empfangen wollen. Aber jetzt, wie sie so an seiner Seite schritt, fühlte er sich ruhiger werden. Es war ein und dieselbe Wirkung ihres Wesens, die sich ihm immer mitteilte, ob er wollte oder nicht.
„Ich war drauf und dran, heimzugehen, ohne Sie noch einmal gesprochen zu haben,” begann er mehr traurig als zornig.
Marga sagte nichts. Ihr Kopf war tief vornübergebeugt, als sähe sie auf den Weg.
Elli hatte mit ihr geredet und ihr ihr Betragen vorgeworfen. Sie wollte liebenswürdiger sein. Aber es war schwer, so schwer! Irregemacht an ihrer Zurückhaltung, die ihn kränkte, und doch sich bewußt, daß jeder Schritt, den sie ihm weiter entgegenkam, sie schwächer und unglücklicher machte, suchte sie umsonst den immer schmäler werdenden Weg zwischen ihrem Stolz und ihrer Pflicht auf der einen, ihrer Liebe auf der anderen Seite.
Perthes fühlte, wie ihre Hand, die zufällig die seine streifte, kalt war und zitterte. Was war das? Er schaute sie prüfend an. Weinte sie denn? Es ging eine leise, schütternde Bewegung durch ihren Körper, die ihm nicht entgehen konnte; aber er sah keine Träne in ihren blicklosen Augen, als er sich vorbeugte. Und doch hatten ihre Züge den Ausdruck des Weinens, einen seltsamen, rührenden, ergreifenden Ausdruck verborgenen, inneren Weinens.
„Was ist Ihnen denn, Fräulein Marga? Warum verstehen wir uns denn heute nicht? Warum sind Sie so anders als sonst zu mir? Was haben Sie nur? Habe ich irgend etwas verbrochen? Mißfällt Ihnen etwas an mir? So reden Sie doch nur! Sagen Sie, was es ist!” Besorgt, dringend, beinahe verzweifelt stieß er seine Fragen hervor. Es war keine Spur von Ärger oder Bitterkeit mehr in seinen Worten.
„Ich habe nichts gegen Sie. Gar nichts!” Marga schüttelte energisch und abwehrend den Kopf. „Nur --” setzte sie flüsternd hinzu, „nur --” wiederholte sie noch einmal kaum hörbar. Unfähig, sich auszusprechen, kehrte sie ihr Gesicht von ihm ab.
„Nur?” Er ließ sie los und stellte sich vor ihr auf den Weg. Er zwang sie, zu ihm aufzusehen.
Ihre leeren Augensterne hasteten scheu an ihm vorbei, hinaus in die Weite. Als suchte sie die Nacht, die jetzt immer dichter heranzog, um sich in ihr zu verstecken.
Perthes nahm wieder ihren Arm. Willig ließ sie sich weiterführen.
Er war ratlos. Er verstand sie nicht. Wieder und wieder betrachtete er sie von der Seite. Nichts Trotziges, Eigensinniges war an ihr zu entdecken. Aber ihrem Antlitz fehlte auch die Festigkeit, die Ruhe und Klarheit, die sie sonst erfüllte. Eher war es Angst, Schwäche, Hingebung -- eine scheue, hilflose Mädchenhaftigkeit, wie er sie so nie bei ihr wahrgenommen hatte. Das warme, mitleidsvolle Gefühl, ihr helfen, sie schützen zu wollen, regte sich in ihm. Er hätte sie an seine Brust ziehen mögen. Nicht leidenschaftlich, sondern wie ein Bruder die Schwester. Ihre Schulter streifte die seine. Noch einmal, länger. Sie schien sich an ihn zu lehnen. Er war nahe daran, seiner zärtlichen Empfindung nachzugeben, aber im selben Augenblick ließ Marga ihn los.
Sie riß sich zusammen, als ahnte sie die Bewegung, die er machen wollte. Sie blieb stehen und warf die Arme hinter sich. Der Wind ließ das Haar um ihre Schläfen flattern. Gewaltsam trat ein herber, entschlossener Zug in ihr sonst weiches Gesicht. „Ich will Ihnen sagen, was es ist,” preßte sie hervor. „Es gibt Zeiten, in denen ich einsam sein muß. Ganz einsam. Ich brauche dann all meine Kraft nur für mich allein. Und bin ungesellig und unfreundlich wie jetzt. Vielleicht -- vielleicht --” Sie stockte. Dann kam es mit äußerster Anstrengung: „Vielleicht wäre es besser, Sie besuchten mich -- in diesen Wochen hier draußen -- gar nicht. Deshalb habe ich Ihnen auch nichts von der Sägemühle gesagt.”
Perthes sah sie mit bestürzten Augen an. Er wußte nichts zu erwidern auf dies seltsame, unerwartete Geständnis. Auch keinen Zorn empfand er gegen sie, daß sie ihn so gewissermaßen vor die Tür setzte. Nichts von Enttäuschung, von Zweifel an ihrer Freundschaft. Dazu hatte er sie zu sehr achten gelernt. Und er achtete sie gerade jetzt mehr als je, obwohl er ihr Reden weniger begriff als ihr Schweigen am Nachmittag. Es ging eine Traurigkeit von ihr aus, die auch ihn ergriff. Über die ganze Landschaft schien sie sich auszubreiten -- über die dunklen Wiesen, den schwarzen Fluß, die finster starrenden Waldberge. Und in dieser Traurigkeit schritten sie nebeneinander weiter, ohne sich zu führen, er links, sie rechts am Weg. Er hatte vergessen, daß sie blind war und er sie führen sollte. Und sie wollte fern von ihm sein, so fern als möglich, und nicht geführt sein. So allein, wie sie es ihr ganzes Leben hätte sein sollen ...
Ehe sie den Garten der Mühle erreicht hatten, wurden sie von Elli und Wilkens eingeholt.
Auch die waren stumm. Aber es war die Stummheit des Glücks: die glänzte aus Ellis Augen und glänzte als ein sattes, seliges Lächeln auf Wilkens' vollen Lippen.
An der Böschung vor dem Garten lag noch ein Kahn. Der Schiffer, dem er gehörte, lungerte am Zaun. Er hatte gehört, daß noch Fremde aus der Stadt da seien, und bot nun hutrückend seine Dienste an. „Der Mond kommt!” setzte er verheißungsvoll hinzu und deutete hinauf nach den Bergen. Über einer Waldkuppe im Osten war es hell von weißem Licht.
Wilkens wandte sich fragend zu Perthes.
Der nickte zerstreut.
Es gab einen schnellen Abschied von wenigen Worten. Dann stiegen die beiden die Böschung hinunter und in den Nachen.
Marga und Elli traten hinaus auf die Landstraße. Sie folgten eine Weile dem Boot, das sich flußabwärts in die Mitte des Flusses hinüberarbeitete. Die Ruderschläge hallten dumpf und gleichmäßig zu ihnen zurück. Der Kahn und seine Insassen waren in tiefem Schatten.
Dann stieg der Mond über den Berg. Draußen, stadtwärts, flimmerte der Fluß in mattem, märchenhaftem Silber auf. Langsam breitete sich das Licht über das schlafende Tal.
Das Boot war jetzt in der Strömung. Schneller schoß es davon und strebte aus dem Schatten, den die nahen Berge warfen, ins rieselnde Silber da draußen. Elli winkte mit dem Taschentuch. Marga setzte sich auf einen der Prellsteine, die die Landstraße säumten.
Erst als sie schon weit von der Mühle waren, schaute Perthes zum erstenmal zurück.
Jetzt lag auch die Straße weiß im Schein des steigenden Mondes.
Und er meinte Marga zu erkennen, wie sie da saß, die Hände im Schoß gefaltet, das Gesicht mit den irrenden, suchenden Augen hinaus nach dem Wasser gerichtet.
Und mit einem Mal zuckte es von der hellen, fernen Gestalt herüber in seine Seele, geheimnisergründend und rätsellösend, klar wie das weiß flirrende Mondlicht: sie liebte ihn. Jetzt verstand er sie. Marga liebte ihn ...
7
„Dieser Perthes hat doch ein Schwein, nicht zu glauben! Finden Sie nicht auch, Herr Professor?”
„Na ja -- wie man's nimmt. Exzellenz scheint ihm sehr gewogen zu sein.”
„Und dabei hat dieser sonderbare Heilige akkurat immer das Gegenteil von dem getan, was ihn bei Hupfeld in gute Meinung bringen konnte! Ich sagte ihm seinerzeit: ‚Wenn Sie hier was erreichen wollen, müssen Sie Exzellenz Ihre Aufwartung machen.‛ Was gibt er zur Antwort? ‚Ich besuche, wen ich will.‛ Ich führe ihn in unseren Sportklub ein. Alice Hupfeld sagt ihm: ‚Sie müssen uns mal besuchen, Doktor! Papa hat von Ihnen durch Rehbach in Bonn gehört. Er interessiert sich für Sie.‛ Perthes nickt mit dem Kopf und -- bleibt weg. Denkt nicht daran, zu Hupfelds zu gehen. Was geschieht? Drei Wochen später läßt ihn der Geheime Rat höflich zu einer Besprechung in die Chirurgische bitten! Mir steht der Verstand still.”
„Warten wir ab! Perthes ist begabt. Ohne Zweifel. Hat auch Glück. Aber ein unsicherer Kantonist. Er hat keinen Ehrgeiz, so wenig wie ich. Doch -- ~chi lo sa~? Vielleicht ist er Heiratspolitiker!”
Diese freimütige Unterhaltung wurde im Bakteriologischen Institut zwischen Professor Hammann, dem Chef, und dem ersten Assistenten Doktor Markwaldt während der Frühstückspause geführt.
Hammann saß mit übergeschlagenen Beinen in einem für ein Laboratorium reichlich behaglichen Ruhesessel. Die paar Kaviarbrötchen, die ihm der Diener mit einem Glas Sherry jeden Vormittag um elf Uhr präsentierte, waren verzehrt. Er hatte den goldenen Kneifer abgenommen, wischte sich apathisch die kurzsichtig-blöden Augen und rieb den Kopf mit dem millimeterkurz geschorenen, grauschwarzen Haar am Sesselrücken.
Markwaldt lehnte an einem der Tische und kaute an seiner Butterstulle. Nach dem bedeutungsvollen Wort „Heiratspolitiker” hielt er es für geraten, die Unterhaltung vorsichtiger zu führen. Der Chef schien da auf Fräulein Exzellenz anzuspielen. Das war eine heikle Sache, denn man munkelte, daß zwischen ihm selbst und Alice vor einigen Jahren irgend ein zartes Verhältnis bestanden haben sollte. Genaues wußte niemand. War es nur eine flüchtige Courmacherei gewesen, wie die einen behaupteten, oder war es, wie andere mutmaßten, bis zu einer Art Verlobung gekommen -- etwas hatte gespielt, so viel war gewiß. Dabei standen die beiden nach wie vor im Sportklub auf dem freundschaftlichsten Fuße. Daran erinnerte sich Markwaldt, während er seine Stulle mit bemerkenswertem Appetit zerkaute. Ob sich mal ohne Gefahr auf den Zahn fühlen ließ?
„Heiratspolitiker?” wiederholte Markwaldt nach einer Weile nachdenklich. „Das traue ich Perthes erst recht nicht zu. Erstlich ist er, wie ich ihn kenne, überhaupt kein Politiker. Und zweitens wüßte ich auch nicht, wem die Politik gelten sollte,” ergänzte er sich unschuldig.
„Na -- Sie sagen doch selbst, daß Fräulein Exzellenz ihn zum Besuchmachen aufgefordert habe,” ließ sich Hammann gähnend vernehmen.
„Ach, deswegen! Sie glauben doch nicht --”
„Glauben? -- Ich glaube gar nichts, das heißt -- von den Frauen glaube ich alles und gar nichts!” Hammann beschäftigte sich jetzt damit, mit den Fingerspitzen die paar Brosamen von den tadellosen, hellgrauen Beinkleidern wegzuschnellen.
„Nein, nein! Da kann ich Sie vollkommen beruhigen, Herr Professor!”
„Mich beruhigen? Was heißt das?” fragte Hammann etwas lebhafter, während er sich im Sessel halb aufrichtete, den Kneifer auf die Nase drückte und nun seinerseits den Sprecher mit einigem Mißtrauen ansah.
Markwaldt merkte, daß er -- freilich nicht ganz zufällig -- eine unvorsichtige Wendung gebraucht hatte, und beeilte sich, kein Mißverständnis aufkommen zu lassen. „Wie ich höre,” erklärte er mit geheimnisvoller Wichtigkeit, „soll Perthes einer von den Richthoffstöchtern den Hof machen.”
„Richthoff? Richthoff -- wer ist das?” Hammann besah sich gelangweilt seine eleganten Fingernägel. Er kannte kaum die Professoren seiner eigenen Fakultät, geschweige denn die der anderen.
„Richthoff ist, soviel ich weiß, Ordinarius für alte Geschichte oder einen ähnlichen Klumpatsch,” erläuterte Markwaldt.
„Ach sooo ...”
„Es sind, glaube ich, drei oder vier Mädels. So die richtigen philosophischen Putchen --”
„Na -- denn man zu!” Hammann erhob sich. Die Sache interessierte ihn nicht länger. Er reckte seine schlanke, muskulöse Figur, die Figur des wohltrainierten Vierzigers, die im Gegensatz zu Markwaldts dicker, praller Stutzererscheinung weltmännisch-elegant im Sportjackett saß. Er ging nach seinem Arbeitskabinett nebenan. „Hörten Sie übrigens schon etwas von den Badener Rennen? Wann -- wie -- was?” fragte er unter der Tür, den Kopf zurückwendend.
„Noch nicht eine Silbe!” versicherte Markwaldt diensteifrig, während er vom Tisch mit plumper Grazie auf den Boden hüpfte.
Professor Hammann zog die farblosen Brauen über den grauen Augen in die Höhe, tippte den ebenso farblosen, kurzen Schnurrbart mit den Fingerspitzen und verschwand. Er zog die Tür hinter sich zu, um völlig ungestört sein Berliner Sportblatt zu lesen. So lange konnte die Arbeit ruhig noch warten.
Markwaldt, sich selbst überlassen, machte sich pomadig an sein Präparat.
Mit Neugier erwartete er die Rückkehr seines Kollegen Perthes. Es dauerte bis gegen zwölf, ehe der Erwartete kam und nach kurzem Gruß, als wäre nichts vorgefallen, an sein Mikroskop ging.
„Wie hat Ihnen denn das große Tier gefallen? Erzählen Sie!” konnte sich Markwaldt nicht enthalten, ihn aufzumuntern.
„Sehr liebenswürdig,” erwiderte Perthes einsilbig. Er schien nicht die mindeste Lust zu irgendwelchen Mitteilungen zu haben.
„Was hat er denn von Ihnen gewollt?”
„Allerhand.”
Markwaldt ließ sich durch die zugeknöpfte Art von Perthes nicht abschrecken. Und sollte er so viele Fragen tun müssen, als draußen vor dem Fenster an den langweiligen Hornsträuchern Blätter waren. „Will er Sie vielleicht zu seinem Assistenten machen?” forschte er unentwegt, mit einer boshaften Betonung, die der ausweichenden Geheimnistuerei seines Kollegen galt.
„Und wenn er das wollte?” gab Perthes gleichgültig zurück.
Markwaldt hielt mit der Arbeit ein und stemmte die kurzen, massigen Arme in die Hüften. „Anzukohlen brauchen Sie mich aber nicht gerade, Perthes!” sagte er ganz entrüstet. Er hatte die Frage nur aus Ulk gestellt, und der Gedanke, daß davon auch nur ein Wort wahr sein könnte, verursachte ihm Kongestionen.
„Fällt mir nicht ein, Sie anzukohlen, Doktor Markwaldt. Hupfeld hat mir in der Tat eine Assistentenstelle an der Chirurgischen Klinik angeboten.”
„Ja -- aber -- nu -- nu -- nu, sagen Sie mal!” Markwaldt kam aufgeregt zu ihm heran und fuchtelte mit den Händen. „Das ist ja Mumpitz! Das verbitte ich mir! Sie sind ja Bakteriologe! Sie --”
„Wenn Sie's durchaus wissen wollen, wie die Sache kam -- nichts ist einfacher!” erklärte Perthes, ohne von seinem Mikroskop aufzusehen. „Vor einigen Wochen hatte ich die Bazillenschnüffelei so satt, daß ich in einem Anfall von Mißmut an Professor Rehbach in Bonn schrieb, ich hätte Lust, wieder zur Chirurgie zurückzukehren. Ob er etwas für mich wüßte. Irgendeine Assistentenstelle. Ich hatte bei ihm doktoriert, und wir verstanden uns immer leidlich. Inzwischen hatte ich die Geschichte wieder so gut wie vergessen. Heute sagte mir auf einmal Hupfeld, sein Schüler Rehbach, bei dem er wegen eines Assistenten angefragt, hätte mich empfohlen. Ob ich Lust hätte. -- Fertig ist die Laube, würden Sie sagen! Das ist alles.”
„Menschenskind! Alles! Alles, sagen Sie! Als könnte es was Selbstverständlicheres nicht geben!” zeterte Markwaldt. „Sie sind der blasierteste Fasan oder das neugeborenste Lamm, das mir je vorgekommen ist!” Er drehte sich auf dem Absatz rund herum und klatschte sich auf den Schenkel. „Wissen Sie denn nicht, daß Hupfelds Assistenten, wenn sie nicht geradezu Hornochsen sind, gemachte Leute sind?”
„Sie sind sehr freigebig mit Ihren zoologischen Kenntnissen, Kollege!” Perthes streifte ihn über sein Instrument weg mit einem spöttischen Blick.
„Sind Sie denn der Exzellenz nicht schlankweg um den Hals gefallen? Oder haben ihr die berühmte Hand vor Rührung abgequetscht? Oder --”
„Sieht mir das ähnlich?”
„Nee, nee, ähnlich sieht Ihnen das freilich nicht. Ähnlich sieht Ihnen, daß Sie sagten: ‚Sehr nett von Ihnen, Herr Hupfeld! Ich hab' das nicht anders erwartet!‛ Vielleicht haben Sie dem alten Herrn auch auf die Schulter geklopft, was? Und dann erklärten Sie wohlwollend oder zimperlich, so wie 'ne höhere Tochter, die mit Mama'n sprechen muß: ‚Ich werde mir's mal überlegen‛! -- Hab' ich recht?”
Jetzt mußte Perthes wider Willen lachen. Die bissige und doch zugleich gutmütige Aufregung Markwaldts belustigte ihn. „Ganz so war's ja nicht. Aber Bedenkzeit mußte ich mir allerdings ausbitten.”
„Wußt' ich 's doch! Ihnen müssen die Tauben nicht bloß gebraten, sondern auch gleich hübsch tranchiert in den Mund fliegen! Ich sage Ihnen, ich” -- Markwaldt stellte sich breitbeinig in Positur und klopfte sich auf die Brust --: „Wenn Sie Glückspilz da nicht mit beiden Händen zugreifen, sind Sie -- nee, die Zoologie ist dafür zu gut! -- sind Sie reif für 'ne andere Klinik! Für die da drüben -- am Wasser, wissen Sie -- für die psychiatrische. Aber nicht als Assistent, sondern in die Isolierzelle! ~Dixi!~” Damit schritt er heftig zurück an seinen Platz und präparierte seine Mauslungen.
Perthes dachte nicht ganz so gleichgültig von Exzellenz Hupfelds Anerbieten, wie es den Anschein hatte. Wenn er auch bei dem häufigen Wechsel, zu dem ihn seine innere Unrast innerhalb der Wissenschaft schon getrieben hatte, einer neuen Wendung skeptischer gegenüberstand als ein anderer und ihm Fragen des äußeren Erfolgs unbedeutender erschienen als die jener inneren Befriedigung, nach der er sich bisher umsonst abgehastet, so bedeutete doch der Vorschlag des berühmten Hupfeld, in seinen Assistentenstab zu treten, einen Fortschritt, so verlockend und aussichtsreich, wie er sich nur wünschen ließ. Er war weder der blasierteste Fasan noch das neugeborenste Lamm, zwischen denen ihm Markwaldt die Wahl ließ. Kam es darauf an, so konnte er sich freuen, so gut wie irgendeiner. Vielleicht toller als irgendeiner. Nur durften dann nicht so widerspruchsvolle Gedanken und Empfindungen sein Inneres beschäftigen wie gerade in den letzten Tagen.
Seit sich ihm Margas Geheimnis auf der nächtlichen, mondbeschienenen Heimfahrt von der Sägemühle enthüllt hatte, hatte er keine ruhige Minute mehr. Es war nicht wie vor einigen Wochen jenes leidenschaftliche Toben und Sichverlieren, das ihn in allen Höllen und Himmeln umherwarf. Im Gegenteil, er war besonnener als je und hatte sich zur mitleidslosesten Objektivität gezwungen, deren er fähig war. Am Tag nach jener letzten Begegnung räsonierte er einfach und nüchtern: Sie liebt dich. Liebst du sie? Was er bei strenger Untersuchung in sich fand, war: unbegrenzte Achtung, ein warmes, wohltemperiertes Freundschaftsgefühl, wie er es nie für einen Menschen empfunden, und tiefes Mitleid. Aber Liebe? Erdbewegende, himmelstürmende Liebe, wie er sie sich vorstellte und ersehnte, fand er nicht. Keine Beschleunigung seines Pulses, kein heißer, wirbliger Kopf, der nur einen Gegenstand denken und fassen konnte, keine Sehnsucht seiner Sinne, diesen Gegenstand im Arm zu halten, zu besitzen. Er liebte also Marga nicht. Folglich gab es für ihn als Mann von Ehre und Takt nur eine Möglichkeit: er mußte sie meiden, wie sie ihn ja selbst gebeten hatte. Strengste Zurückhaltung mußte er sich auferlegen, um sie nicht durch ein weiteres Entgegenkommen noch unglücklicher zu machen. Er hatte schon gerade genug gesündigt. Nun, da er von ihrer Liebe wußte, erklärte sich ihm so vieles: ihr Versagen, als er sie wegen seiner Liebelei mit Hilde König um Rat fragte; ihr Schweigen über den Umzug nach der Mühle; ihr ganzes Verhalten bei seinem Besuch da draußen, von dem ängstlichen, abweisenden Empfang bis zu der gewaltsamen Bitte, sie dort allein zu lassen. Wie mußte er sie gequält haben! Wenn es sein mußte, wollte er diese Freundschaft lieber opfern, als ein zweideutiges Spiel treiben, das mit Margas Verzweiflung endigen mußte.
Am Tag danach räsonierte Perthes nicht minder eindringlich.
Er stellte von neuem Achtung, Herzlichkeit, Mitleid bei sich fest, aber keine Liebe. Was war eigentlich Liebe? Gab es denn die Liebe, die er sich zusammenidealisierte? Er wollte sehr gründlich zu Werk gehen. War diese „Liebe” nicht ein sehr unklares Gemenge, das zwei sehr verschiedene Bestandteile zu verbinden strebte? Wenn er dies Phantasieprodukt recht unter die Lupe nahm, fiel es auseinander in Leidenschaft und in eine seelische Unbekannte, die er einstweilen mit ~x~ bezeichnete. Weiter kam er für diesmal nicht. Dagegen ertappte er sich des öftern, wie er in Gedanken Ausflüge nach der Sägemühle machte und sich ausmalte, was Marga jetzt tun und denken mochte. Ob und wie sehr sie unter seinem Ausbleiben litt. Vielleicht war es doch nicht richtig, ihr nicht wenigstens eine Zeile zu schicken, die ihr darlegte, wie er die Sache ansehe.
Der nächste Tag -- es war der gestrige -- ließ ihn mit dem Gefühl einer großen, schmerzlichen Leere aufwachen.
Kein Wunder, daß er als gewissenhafter Selbstschauer über diese Leere Rechenschaft verlangte. Was fehlte ihm? Was oder wen vermißte er? Ohne Zweifel den Umgang mit Marga. Oder Marga selbst. Er entbehrte eine angenehme Gewohnheit. Seine Gefühle für Marga waren dieselben wie vorher. Oder doch nicht ganz? Wo war er doch stehen geblieben? Liebe = Leidenschaft + ~x~. Besser: ~x~ + Leidenschaft. Die Leidenschaft war sicher das Nebensächliche, das Zweite, das Untergeordnete. Aber ~x~? War die große Unbekannte vielleicht Achtung + Herzlichkeit + Mitleid, eben jene Summe, in der sich die Freundschaft darstellte? Perthes mißtraute dieser Gleichsetzung. Sie befriedigte ihn nicht. Gewiß nicht. Nicht annähernd. Sie mußte falsch sein. Mit Gewalt hielt er sich jeden Gedanken an die Mühle und Marga fern.
Und heute?
Es war Freitag. War er mit dem linken Fuß aus dem Bett gestiegen? Er war unzufrieden mit seiner ganzen bisherigen, so peinlichen Analyse, mit der Methode überhaupt.