Part 10
Bei Käthe siegte die Erbitterung über die Besorgnis, die sie sonst nie für die Blinde außer acht ließ. Sie war zu tief verletzt. Warum hatte sie nicht geschwiegen? Hatte sie nicht vorausgewußt, daß sie keinen Dank ernten würde? Nun war sie abgewiesen worden mit all ihrem guten Willen, ihrer ehrlichen Meinung! Sie würde ihre Hilfe nicht mehr aufdrängen. Gewiß nicht! Nie mehr! Über den Schläfen strich sie ihr Haar zurück und prüfte die schweren Flechten, obwohl es Nacht geworden war und keine Strähne in dem glatten Scheitel oder am Knoten sich gelockert hatte. Ordnung war nun einmal ihr Element. Maß und Ordnung. Mochten andere das Ungeordnete, Regellose vorziehen. Sie hatte auch nur bei Marga Ordnung machen wollen. Wenn die es nicht brauchte, nicht litt ...
Mit dem zugleich gemessenen und tänzelnden Schritt, der sich nichts vergab und doch auch die Gleichgültigkeit gegen das, was vorgefallen war, zur Schau tragen mußte, machte sich Käthe auf den Weg und kam eine Viertelstunde nach Marga, leise vor sich hinsummend, ins Haus.
Elli und Marga waren schon auf ihr Zimmer gegangen.
Der Geheimrat wirtschaftete noch geräuschvoll in seinem Arbeitszimmer. Man hörte ihn oben deutlich ab und zu gehen. Die Riesenhandtasche nahm neue Unentbehrlichkeiten in sich auf.
Käthe ging noch einmal gewissenhaft ihre Zurüstungen für den Reisetag durch. Dann machte sie gemeinsam mit der schläfrig schlurfenden Therese den üblichen Rundgang im Erdgeschoß, um den Verschluß von Läden und Türen zu beaufsichtigen.
Am anderen Morgen, in ziemlicher Frühe, nach einem hastigen Kaffee, erfolgte der Abschied.
Der alte Herr hatte sich alle Sentimentalitäten, besonders aber die Begleitung auf den Bahnhof, streng verbeten.
In letzter Minute konnte er doch nicht anders: er küßte Marga und Elli barsch auf die Stirn.
„Seid hübsch artig, Mädels; verstanden? Adieu!” Damit eilte er fort, dem Wagen zu, der vor dem Haus wartete. Therese folgte keuchend mit der zu unheimlichen Dimensionen angeschwollenen Handtasche, die noch eine halbe Bibliothek verschlungen haben mußte. Der Hauptkoffer war schon aufgeladen.
Käthe und Elli umarmten sich. Mit Marga gab es nur einen Händedruck.
Vom Vorgarten, unter den Kastanien hervor, winkten die beiden Zurückbleibenden dem Wagen nach. Vater Richthoff salutierte. Käthe nickte noch einmal und winkte mit dem Taschentuch.
Die Fahrt ging um die Ecke nach dem Bahnhof. -- --
Dort, wo der Fluß, dem Zug der Waldberge folgend, zum letztenmal eine mutwillige Schwenkung machte, um sich dann, des spielerischen Geschlängels überdrüssig, geradeaus und kräftig in die weite Ebene hinauszuwerfen, stand die „Sägemühle”. Dem Zweck, den ihr Name andeutete, diente sie längst nicht mehr. Seit vielen Jahren war sie nur noch ein einfaches, freundliches Gasthaus, rückwärts gegen den Buchenwald gelehnt, vor sich einen schattigen Wirtsgarten, den nur ein schmaler Weg von der Uferböschung und dem hurtigen Fluß trennte. Da die Sägemühle kaum eine Stunde von der Stadt entfernt lag, war sie ein beliebter Ausflugsort: an Sonntagen und schönen Sommernachmittagen wurde sie von Bürgern und Professoren, von Kaffeeschwestern und Studenten zu Fuß, zu Wagen und mit dem Boot viel besucht. In der besten Zeit des Jahres fanden auch die paar sauberen Fremdenzimmer ihre Liebhaber; wer anspruchslos an Buchenwald und Wasser, an guter Verpflegung, an dem belebten Wechsel ländlicher Einsamkeit und städtischer Ausflüglerfröhlichkeit sein Gefallen hatte, konnte sich bei den willigen Wirtsleuten einige Wochen zufrieden fühlen. Spaziergänge gab's in Hülle und Fülle: auf den Bergen durch die stundenweiten Laub- und Nadelforste; im Tal zwischen wogendem Getreide, oder den blumenüberwachsenen Uferpfad entlang nach kleinen Dörfern und alten Städtchen, wo verfallene Raubritterburgen emporragten und sich im Fluß spiegelten.
So war Margas und Ellis Sommerheim beschaffen, in das sie vierzehn Tage nach Vater Richthoffs und Käthes Abreise übersiedeln sollten.
Stille, fröhliche Tage im Hause am Wenzelsberg gingen vorher.
Zuerst hatte Marga noch unter der Aussprache mit Käthe gelitten. Aber Elli mit ihrer frischen, glücklichen Wirbelwindnatur hatte ihr den Kopf und das Herz lachend reingefegt. Jeden Tag wußte sie etwas Neues vorzuschlagen, um Unterhaltung zu schaffen. Man sollte zwar, nach der Mahnung des alten Herrn, keine „Dummheiten” machen. Aber -- du lieber Gott! Das war ein weiter Begriff! Immer gescheit und sittsam sein, war abscheulich langweilig. Daran war nicht zu denken. Man war tüchtig spazierengelaufen, hatte sich auf den Straßen umhergetrieben und die Menschen beobachtet, voran die Fremden, die um diese Jahreszeit besonders aus Old-England und von jenseits des großen Teichs reichlich zuströmten. Dann mußte man baden, Besuche machen und empfangen, die Wohnung ein paarmal umräumen, mit Therese den Küchenzettel besprechen, auf dem Weinberg dem Gärtner beim Pflücken der Stachelbeeren und Johannisbeeren helfen, unerlaubte Bücher lesen, im Vorgarten handarbeiten und die vorübergehenden Leute glossieren. Und Elli duldete nicht, daß sich Marga von irgend etwas ausschloß. Die Schwester einmal so recht „mitleben” zu lassen, sie, deren Geheimnis sie innig teilte, von Herzensgrund schadlos zu halten -- das war Ellis „Prinzip” für diesen Sommer. Sie stand sonst mit den „Prinzipien” nicht auf dem besten Fuß. Das waren nach ihrer Ansicht Dinge für alte Tanten, Backfische, Philosophieprofessoren und Spießer jeder Art, die sich das Leben partout verekeln wollten. Aber Prinzipien, die zugleich dem Herzen wohltaten und unterhaltend waren, mit denen konnte es gewagt werden. Daß dabei Wilkens nicht zu kurz kommen durfte, verstand sich von selbst. Er guckte öfters mal ein, wie Perthes auch. Man traf sich zufällig auf einem Spaziergang. Zweimal sogar -- doch das setzte einen harten Kampf mit Marga -- abends bei der Musik im Stadtgarten. Das war so stilwidrig-unakademisch, daß man der Versuchung nicht widerstehen konnte. Bei allem hielt Elli peinlich darauf, daß Marga „ihrem” Doktor genau so gerecht wurde wie sie „ihrem” Erich. Die möglichste Gleichheit beruhigte sie selbst und sollte Marga Freude machen. Wenn sich Marga auch sträubte -- sie war nach der Auseinandersetzung mit Käthe mit doppelter Vorsicht darauf bedacht, ihr Verhältnis zu Perthes und damit ihr eigenes Gefühl in strengen Grenzen zu halten --, Elli wußte immer mit der hinreißenden Dialektik ihrer siebzehnjährigen Verliebtheit und Lebenslust jedes Bedenken fortzuplappern. Und kam sie nicht damit zum Ziel, so sang und lachte sie es weg. Gegen ihr Lachen war Marga so ohnmächtig wie gegen ihre losesitzenden Tränen. Es tat ihr im Grund der Seele zu wohl, einmal jung mit den Jungen sein zu dürfen.
Dann kam der Umzug nach der Sägemühle und dabei eine Meinungsverschiedenheit, die Stoff zu schwerwiegenden Diskussionen bot.
Elli hatte Wilkens längst und beizeiten verständigt, daß und wohin man gehen würde. Marga dagegen bewahrte gegen Perthes Stillschweigen und verbot auch der Schwester, Andeutungen zu machen. Die wachsende Vertraulichkeit, in die sie sich durch die Gunst der Umstände und durch Ellis fanatischen Gleichheitsdrang hineingezogen sah, begann sie zu ängstigen. Sie war öfter und ungestörter mit Perthes zusammen als sonst. Er pflegte die Freundschaft mit einer Achtung und Zartheit, die sie beseligte. Nichts, was mit ihm vorging, unterschlug er ihr: seine ernstesten Gedanken so gut wie seine alltäglichen Beobachtungen, seine Stimmungen, die schweren wie die leichten, lud er vertrauensvoll bei ihr ab. Sie fühlte instinktiv, wie diese schöne Vertraulichkeit, so viel sie gab, doch auch an der Kraft zehrte, mit der sie ihre wahre Gesinnung für ihn niederhielt. Wenn sie so stark bleiben wollte, wie sie mußte, war eine längere Trennung das beste Mittel. Sie wollte weggehen, ohne daß er wußte, wohin, und ohne daß er den Tag ihres Aufbruchs kannte. Natürlich würde er sie leicht finden können. Es gab außer dem Zufall, daß er nach der Sägemühle einen Ausflug machte, Möglichkeiten genug für ihn, ihren Aufenthaltsort schnell zu erforschen. Aber er sollte nicht aufgemuntert sein. Vielleicht zürnte er über ihr Verschwinden. Doch ihr Gefühl ließ sie nicht anders handeln. Es war freilich kein so klares, einfaches Gefühl wie die, denen sie sonst folgte. Ihre Neigung hatte trotz aller Vorsicht allerlei uneingestandene Heimlichkeiten miteingesponnen. Die Liebe macht nun einmal, mit oder ohne Willen, auch die Starken schwächer, als sie sind. Nein, Perthes sollte nicht aufgemuntert werden. Wenn er kommen wollte, mußte er es schon ganz von sich aus tun. Von sich aus ...
So ereiferte sich denn Elli diesmal vergebens. Sie stellte Marga vor, wie grausam, rücksichtslos, unfreundschaftlich, ja geradezu unanständig es sei, so zu handeln. Aber Marga blieb fest. Elli mußte sich fügen. --
An einem Montagnachmittag, nachdem die Möbel verdeckt, die Teppiche und Gardinen eingekampfert, alle Rouleaus herabgelassen waren, so daß Therese nur noch abzuschließen brauchte, setzten sich Marga und Elli mit ihrem Handgepäck in den Lokalzug und fuhren flußaufwärts, zwei Haltestellen weit. Dann holte sie die Fähre über nach der Sägemühle.
Der große Koffer, eine sehenswürdige Häßlichkeit aus Vater Richthoffs Junggesellenzeit, stand schon in dem blanken, behaglichen Zimmerchen mit den weißen Tüllvorhängen und dem braungestrichenen Boden, zu dessen offenen Fenstern der Buchenwald beinahe seine Zweige hereinstreckte.
Noch am Abend mußten das Haus, der Garten und die nähere Umgebung besichtigt werden, obwohl sie, längst bekannt, viele Überraschungen nicht bieten konnten. Elli beschrieb Marga all die Herrlichkeiten haarklein -- bis auf die Enten und Gänse, über die man stolperte.
Das Abendbrot in einer Laube am Fluß schmeckte königlich.
Die paar Ausflügler, die noch verstreut im Wirtsgarten saßen, reckten verwundert die Hälse, so laut und ansteckend lustig klang das Lachen zu ihnen herüber.
Am anderen Morgen begann das Faulenzerleben der Sommerfrische, in seinen Einzelheiten entworfen und geleitet von Elli. Erst anderthalb Stunden Frühstück mit Massenvertilgung von Butter und Honig. Nicht zu spät, aber auch ja nicht zu früh. Dann mit der Hängematte in den Wald bis Mittag. Nach dem Essen in der Halle, einem luftigen Holzbau mit großen, zum Teil bunten Glasfenstern und einem Orchestrion, wurde geschlafen. Die anstrengende Untätigkeit des Vormittags forderte das.
Zum Kaffee setzte man sich in den Garten, an einen versteckten Platz, zwischen hohe Haselbüsche. Von dort ließen sich die Menschen, die von der Stadt kamen, trefflich mustern. Elli versah sie einzeln mit Etiketten, um sie Marga anschaulich zu machen.
Als etwa anderthalb Stunden so vergangen waren, verstummte das Gespräch eine Weile.
„Weißt du,” legte dann Elli los, „ich hatte bestimmt erwartet, daß Wilkens käme. Er hat mir's nämlich versprochen.”
„Heute schon? Gleich am zweiten Tag?” fragte Marga, etwas erstaunt.
„Sei du mal ganz ruhig, Margakind! Ich weiß jemand, dem es schon greulich leid ist, daß er einen gewissen anderen Jemand nicht doch, wie sich's gehörte, benachrichtigt hat!”
„Da irrst du dich, Kleinchen!” versicherte Marga ernsthaft.
„Na, wenn ich dein Doktor wäre, ich würde mich für so eine Freundschaft bedanken. Gott, wenn ich denke” -- Elli fädelte eine neue Farbe für ihre Stickerei ein und sah die Schwester dabei halb kritisch, halb schelmisch von unten herauf an -- „du müßtest eine schrecklich biedere und gestrenge Hausfrau abgeben, Marga!”
„Schwatz' doch keinen Unsinn, Kind!” wehrte Marga, leicht errötend.
„Oh, Gedanken sind zollfrei!” fuhr Elli unbeirrt fort. „Freilich, wenn du immer so spröde und tugendsam mit deinen Verehrern bist wie in letzter Zeit mit Perthes, hat's damit gute Weile.”
„So sprich doch nicht so laut!” mahnte Marga. „Und nenne wenigstens keine Namen! -- Ich bin doch zu ihm wie immer,” setzte sie nach einer Weile zögernd, fast fragend hinzu. Hatte sie sich in jüngster Zeit weniger frei und natürlich gegeben, dann war nur der Stachel daran schuld, der von der Aussprache mit Käthe in ihr zurückgeblieben war ...
Elli erriet ihre Gedanken. „Von Käthe hätte ich mich nun schon gar nicht ins Bockshorn jagen lassen,” sagte sie überzeugt. „Abgesehen davon, daß ihr Benehmen gegen dich haarsträubend taktlos war, hat sie so altertümliche und hausbackene Ansichten, daß --” Elli stockte. Sie bog einige Zweige des Gebüsches auseinander. Dann fuhr sie geräuschvoll in ihrem Stuhl zurück. „Da haben wir die Bescherung!” rief sie mit halblautem, aufgeregtem Kichern.
Ehe sich Marga nach dem Wesen dieser Bescherung erkundigen konnte, klang ein kräftiges „Guten Abend, die Damen!” zu dem versteckten Tisch.
Im nächsten Augenblick schwenkten sich mit zeremoniellem Gruß zwei Hüte.
Perthes und Wilkens, in traulichem Verein, standen im Bereich der Haselbüsche.
Elli tat riesig überrascht. „Nein, so was! Denk' mal, Marga, Doktor Perthes und ein Herr Wilkens überrumpeln uns hier gleich zu zweien! -- Sie kommen natürlich ganz zufällig?”
„Natürlich -- ganz zufällig!” schmunzelte Wilkens, während man sich die Hände schüttelte.
„Und daß wir ‚gleich zu zweien‛ kommen, Fräulein Elli, wie Sie liebenswürdig hervorheben, ist erst recht zufällig,” erklärte Perthes. „Wir kommen auch in sehr verschiedener Sendung. Herr Doktor Wilkens --”
„Pardon! Immer noch Wilkens!” warf Elli mit einem vernichtenden Blick auf den fälschlich Promovierten dazwischen.
„Ehe ich mich weiter insultieren lasse, bitte ich Platz nehmen zu dürfen!” parierte Wilkens mit fröhlichem Gleichmut und nahm sich, ohne die Erlaubnis abzuwarten, einen Stuhl. „Ich rate Ihnen dasselbe, Herr Doktor Perthes, denn Sie wissen nicht, was die Damen noch für Liebenswürdigkeiten bereithalten. Ich habe die Erfahrung gemacht --”
„Ums Himmels willen!” unterbrach ihn Elli, sich die Ohren zuhaltend. „Was der Mensch redet! Und dabei ist man zur Erholung hier!”
„Das Schweigen ist oft viel bedenklicher als das Reden,” nahm Perthes das Wort, indem er sich Marga gegenübersetzte. „Ich meine nämlich das Schweigen von Fräulein Marga.”
„Sie haben mich ja noch gar nicht zu Wort kommen lassen!” verteidigte sich Marga.
„Das hat noch gute Weile. Erst redet der Ankläger, dann der Angeklagte.”
„Sie sind wohl inzwischen zur Juristerei übergegangen?” fragte Elli naseweis.
„Wollen wir uns nicht vorher ein Glas Bier kommen lassen?” meinte Wilkens gemütlich zu seinem Nachbar.
„Das können _Sie_! Denn Sie sind hier gewissermaßen eingeladen,” gab Perthes zurück.
„Eingeladen?” Elli schüttelte entrüstet ihren Blondkopf. „Das muß ich mir schönstens verbitten. Herr Wilkens hat von mir allerdings erfahren, wohin ich gehe. Aber eingeladen habe ich ihn nicht! Davor werd' ich mich hüten!”
„Weil er sowieso kommt,” ergänzte Wilkens, während er dem in der Ferne vorbeistreifenden Kellner seine Bierwünsche durch Zeichensprache deutlich machte.
„Das tut Herr Doktor Perthes auch!” entfuhr es Elli übermütig.
„Oho! Dagegen lege ich Verwahrung ein!” protestierte Perthes und schlug lebhaft mit der großen Hand, die schon so sommersonnengebräunt war wie das räuberbärtige Gesicht unter dem weißen Panama, auf den Tisch. „Also, Fräulein Marga! Ich bin nur hier, um Rechenschaft zu fordern. Wenn mir nicht Ihre Therese begegnet wäre, die auf dem Weg zum Bahnhof grüßend an mir vorbeischnob, wüßte ich überhaupt nicht, wo Sie sind. Herr Wilkens ist mein Zeuge, mit dem ich mich eine halbe Stunde später auf der Landstraße traf. Man hat mich böswillig hintergangen! Man hat mir kein Sterbenswörtchen von dieser Sommerfrischenidee gesagt. Ist das freundschaftlich?”
Marga suchte vergeblich nach dem rechten Ton, um auf den scherzhaft-temperamentvollen Angriff einzugehen.
„Sagte ich es nicht? Dieses Schweigen ist Schuldbewußtsein!” triumphierte Perthes. „Wenn Sie sich wenigstens auf einen Spaß hinausreden wollten!”
„Einen Spaß?” kam es jetzt ehrlich, aber leise von Margas Lippen. „Da müßte ich Sie geradezu anschwindeln, Herr Perthes!”
„Sie wollen mir also einfach zeigen, daß ich durchaus nicht unentbehrlich bin, Fräulein Marga,” sagte Perthes nach einer kleinen Pause, aus dem heiteren Ton der Philippika zu gedämpftem Ernst übergehend.
„Vielleicht,” stammelte Marga zaghaft. Es kostete sie eine schmerzliche Überwindung, dieses vor der Vernunft wahre, vor ihrem Herzen unwahre Wort hervorzubringen.
„Sie vergaßen dabei zu überlegen, ob Sie Ihrem Freunde ebenso unentbehrlich sind,” erwiderte Perthes knapp und mit einem Anflug von enttäuschter Bitterkeit.
Die Unterhaltung stockte.
Elli ergriff die Gelegenheit, um Wilkens einen Gang nach der „Menagerie” vorzuschlagen. Die Wirtsleute der Sägemühle hatten im Wirtschaftshof ein paar Kaninchen, einen Fuchs, allerhand Geflügel und vor allem ein junges Rehzicklein, das Ellis besondere Gunst genoß und Wilkens gezeigt werden mußte. Sie hatte nebenher den Gedanken, die beiden, Marga und Perthes, würden sich allein schneller und besser „zusammenzanken”. So pflegte das wenigstens immer bei ihr und Wilkens zu sein.
Diesmal irrte sie sich.
Perthes verstand Margas Verhalten, das ihm plötzlich und willkürlich verändert erscheinen mußte, nicht. In den letzten Wochen nach dem Bruch mit Hilde König und der stürmischen Freundschaftskrisis mit Marga hatte er sich stetig gesünder gefühlt. Dies ungezwungene, vertrauensvolle Beisammensein gab ihm Ruhe und Gleichgewicht. Es stärkte in ihm den Glauben an einen gewissen Wert seiner Persönlichkeit. Lebenslust und Frohsinn kehrten ihm zurück. Er gab sich im einzelnen keine Rechenschaft über die Fortschritte seiner Genesung. Nur daß er seine Dankbarkeit ohne Rückhalt zur Schau trug. Ohne es zu wollen und zu beachten, übertrug er etwas von der Leidenschaftlichkeit, die er in seine phantastische Neigung für die kleine Ufernixe gelegt hatte, auf seine Freundschaft. Ein halber Mensch, wie er selbst sich so gern schalt, mußte er doch immer seine ganze, ungeteilte Person einsetzen, wenn er, was freilich selten genug geschah, sich einem anderen über das Maß alltäglichen Bekanntseins näherte. Und er war dann im Fordern ebenso rücksichtslos, als er im Geben unbedacht war.
Wenn er gewußt hätte, wie seine letzten, verbittert hervorgestoßenen Worte auf Marga wirken mußten! Welchen Aufruhr sie in ihre Seele warfen!
Was wollte er damit sagen? Wie tief ging dieser Vorwurf ihm selbst? Ob er, unbewußt, doch angefangen hatte, mehr für sie zu empfinden, als die Freundschaft schuldig war?
Diese Gedanken wälzten sich quälend in Marga. Sie weckten eben die Gefühle, die sie so tapfer niederhalten wollte und mußte. Sie zehrten von neuem, stärker und gefährlicher als je, an der Kraft, die zu bewahren -- freilich mit halben Mitteln -- sie eine Trennung herbeizuführen gesucht hatte.
Eine dumpfe, wehvolle Angst arbeitete in ihr.
Sie durfte ihn nicht zurückstoßen. Und durfte doch auch seine zunehmende Annäherung nicht dulden! Wo war die Grenze? Woher nahm sie Kraft, immer neue Kraft, zu wollen, was sie nicht wollte; nicht zu wollen, was sie wollte? Ihr Herz hatte auch sein Gesetz, auch Kraft wider Kraft und bäumte sich auf gegen die Zügel, die sie ihm anlegte. Das trübte die klare Stille ihres Wesens. Das nahm ihr ihre Unbefangenheit. Sie erschien kälter, gleichgültiger und verschlossener als sonst. Ihr Schweigen und seine Verstimmung nährten sich gegenseitig und machten dies erste Alleinsein auf der Sägemühle für beide höchst unerquicklich.
Perthes war nahe daran, sich zu verabschieden. Da kamen Wilkens und Elli zurück und brachten den Vorschlag, im Garten gemütlich Abendbrot zu essen.
Man war da jetzt ganz unter sich. Die letzten Gäste vom Nachmittag waren im Aufbruch begriffen, und Elli wartete gar nicht erst eine lange Erklärung von Marga oder Doktor Perthes ab, sondern wählte einen Tisch weiter vorn im Garten, freier und näher dem Fluß, wo sie für vier Personen decken ließ.
Sie fand ihren Einfall riesig lustig und kommandierte Wilkens und den Doktor abwechselnd für ihre Dienste. Perthes wollte nicht zurückbleiben. Im Gegenteil, er überbot die anderen und sprang von seiner Verstimmung über zu lauter Ausgelassenheit.
Marga beteiligte sich an diesem Treiben nur widerstrebend, um niemand die Freude zu verderben. Sie erriet, was in Perthes vorging. Mit einer gewissen Absichtlichkeit wollte er ihr zeigen, daß er sich aus dem Vorhergegangenen nichts mache.
Dabei konnte er es nicht lassen, sie wieder und wieder zu necken.
„Obwohl Fräulein Marga mich so schlecht behandelt!” -- „Trotzdem Fräulein Marga gar keinen Wert auf meine Gesellschaft legt!” Solche und ähnliche Wendungen ließ er ständig mit einfließen. Ohne Bedacht, nur seiner inneren Gereiztheit nachgebend, trieb er das Spiel jener Koketterie, deren auch Männer fähig sind. Er wollte Marga zu irgendeiner Äußerung verlocken, mit der sie sich ins Unrecht setzte und ihre Freude, daß er doch gekommen war, verriet. Sie sollte sich für das „Verbrechen an der Freundschaft”, das er ihr vorwarf, entschuldigen und damit seiner Eigenliebe schmeicheln.
Er erreichte von Marga nur ein Lächeln, das matt und traurig aussah, weil sein Benehmen ihn vor ihr verkleinerte und ihr an der Seele riß, wo sie am empfindlichsten war.
Es war um diese Stunde köstlich im Garten am Fluß. Er lag verträumt im dämmerigen Schatten der mächtigen Linden und Ahornbäume.
Draußen zog still, vom Schein des roten Abendhimmels überhaucht, Welle an Welle.
Am jenseitigen Ufer, auf den Wiesenhängen, wurde noch geheut. Der süße Duft der Mahd flog über den Fluß. Die feinen Ränder der Waldberge tauchten mit tausend und abertausend scharfen Tannenspitzen in den letzten Sonnenglanz.
Die wundersame Ruhe des Abends rang groß und beharrlich gegen die lärmende Lustigkeit des jugendlichen Tisches im Garten.
Ellis jubelndes Lachen, Wilkens' Jodler, die laute, hastige Stimme von Perthes hielten vergebens dagegen. Die ländliche Mahlzeit, bestehend aus zwei großen hochgebräunten Eierkuchen, frisch gepflücktem Salat, Schwarzbrot und Butter, war mit gewaltigem Beifall begrüßt worden. Noch war sie nicht vertilgt, noch hatten Perthes und Wilkens kaum um neue „Metkrüge” geklappert, geläutet und gerufen, als schon das feierliche Schweigen über das Laute seinen Sieg davontrug. Still und stiller, wie draußen über dem Fluß und Wald, wurde es auch drinnen im Garten. Und die kleinen, sanften Geräusche des Abends, die nur ebensoviele Lockrufe der sieghaften Stille sind, machten das Gespräch vollends verstummen: der späte, hell anhebende und kurz abbrechende Triller einer Lerche im Feld; das Plätschern eines Fischerkahns im Wasser, der flußabwärts glitt; ein fernes, gedämpftes Hundegebell aus dem nächsten Dorf.
Elli war schnell für das Lyrische gewonnen.
Als Wilkens wieder an sein geleertes Glas klimperte, flog ihm ein „Prosaischer Radaumacher!” an den runden, wollig-blonden Kopf. Er wurde ganz klein und verdrehte sentimental die so gar nicht melancholischen Augen.
Perthes hatte zu rauchen begonnen. Er stieß ein paar Wolken von sich, blies Ringel von zartem Dunst und warf die Zigarre hinaus auf den Fluß.
Marga saß in sich gekehrt neben ihm. Sie suchte sich aus der Stille des Abends zur eigenen zurückzufinden.
„Wir, Marga und ich, machen jetzt unseren Spaziergang über die Wiesen, nicht wahr, Margakind?” erklärte Elli plötzlich und stand auf. Marga nickte. Unbekümmert um Perthes und Wilkens, Arm in Arm aneinandergeschmiegt, traten sie aus dem Garten.
„Wir sind jetzt wohl beurlaubt?” fragte Perthes den mit ihm zurückbleibenden Wilkens.
Wilkens schüttelte den Kopf. „Nee, so lass' ich mich nicht in den Sand setzen!” meinte er gleichmütig. „Im übrigen -- Fräulein Marga kenne ich so genau nicht, aber Elli ist felsenfest überzeugt, daß wir zwei hinterdreinschlendern. Wetten, daß --?” Er blinzelte den Doktor mit der listigen Miene des erfahreneren Liebespraktikus an.
„Da mache ich nicht mit!” versetzte Perthes bestimmt.
„Meinen Sie, ich?” warf sich Wilkens in die Brust. „Es dauert keine fünf Minuten, und die Mädels sind zurück; sowie sie merken, daß wir streiken.”