Chapter 9
Wer könnte je, auch mit dem freisten Wort, Das Blut, das ich hier sah, die Wunden sagen, Erzählt er auch die Kunde fort und fort. Jedwede Zunge muß den Dienst versagen, Da Sprach und Geist zu eng und schwach erscheint, So Schreckliches zu fassen und zu tragen. Und wäre das gesamte Volk vereint, Das Puglien, das verhängnisvolle, hegte, Dies Land, das einst die blutge Schar beweint, Die Rom und jener lange Krieg erlegte, Wo man so große Beut an Ringen fand, Wie Livius schrieb, der nicht zu irren pflegte, Vereint mit dem, das harte Schläg empfand, Weils gegen Robert Guiscard ausgezogen; Mit dem, des Knochen modern, dort im Land Bei Ceperan, wo Pugliens Schar gelogen; Mit dem von Tagliacozzo, wo Alard, Der Greis, durch List die Waffen aufgewogen; Und zeigte, wie es dort verstümmelt ward, Sich jedes Glied, nicht war es zu vergleichen Mit dieses neunten Schlundes Weis und Art. Ein Faß, von welchem Reif und Dauben weichen, Ist nicht durchlöchert, wie hier einer ging, Zerfetzt vom Kinn bis zu Gefäß und Weichen, Dem aus dem Bauch in manchem ekeln Ring Gedärm und Eingeweid, wo sich die Speise In Kot verwandelt, samt dem Magen hing. Ich schaut ihn an und er mich gleicherweise, Dann riß er mit der Hand die Brust sich auf Und sprach zu mir: "Sieh, wie ich mich zerreiße! Sieh hier das Ziel von Mahoms Lebenslauf! Vor mir geht Ali, das Gesicht gespalten Vom Kinn bis zu dem Scheitelhaar hinauf. Sieh alle, die, da sie auf Erden wallten, Dort Ärgernis und Trennung ausgesät, Zerfetzt hier unten ihren Lohn erhalten. Ein wilder Teufel, der dort hinten steht, Er ists, der jeglichen zerfetzt und schändet, Mit scharfem Schwert, der dort vorübergeht, Wenn wir den schmerzensvollen Kreis vollendet; Weil jede Wunde heilt, wie weit sie klafft, Eh unser Lauf zu ihm zurück sich wendet. Doch wer bist du, der dort herniedergafft? Weilst du noch zögernd über diesen Schlünden, In welche Klag und Urteilsspruch dich schafft?" "Er ist nicht tot, noch hergeführt von Sünden," So sprach mein Meister drauf, zu Mahoms Pein, "Doch soll er, was die Höll umfaßt, ergründen, Und ich, der tot bin, soll sein Führer sein. Drum führ ich ihn hinab von Rund zu Runde, Und Glauben könnt ihr meinem Wort verleihn." Jetzt blieben hundert wohl im tiefen Grunde, Nach mir hinblickend, still verwundert stehn, Vergessend ihre Qual bei dieser Kunde. "Du wirst vielleicht die Sonn in kurzem sehn, Dann sage dem Dolcin, er soll mit Speisen, Eh ihn der Schnee belagert, sich versehn, Wenn er nicht Lust hat, bald mir nachzureisen. Allein vollbringt er, was ich riet, so muß Novaras Heer ihn lang umsonst umkreisen." Zum Weitergehn erhoben einen Fuß, Rief dieses Wort mir zu des Mahom Seele, Und setzt ihn hin und ging dann voll Verdruß. Dann sah ich einen mit durchbohrter "Kehle, Die Nase bis zum Auge hin zerhaun, Und wohl bemerkt ich, daß ein Ohr ihm fehle. Und staunend sah auf mich dies Bild voll Graun Und öffnete zuerst des Schlundes Röhre, Von außen rot und blutig anzuschaun. "Du, nicht verdammt für Sünden, wie ich höre, Den ich bereits im Latierlande sah, Wenn ich durch Ähnlichkeit mich nicht betöre, "Kommst du den schönen Ebnen wieder nah, Die von Vercell nach Marcabo sich neigen, So denk an Pier von Medicina da. Du magst den Besten Panos nicht verschweigen, Dem Guid und Angiolell, daß, wenn nicht irrt Mein Geist, dem sich der Zukunft Bilder zeigen, Nah bei Cattolica, schlau angekirrt, Vom schändlichsten der Wüteriche verraten, Das edle Paar ersäuft im Meere wird. Noch nimmer hat Neptun so schnöde Taten Von Zypern bis Majorka hin geschaut, Von Griechenscharen nicht, noch von Piraten. Der Bub, auf einem Aug von Nacht umgraut, Jetzt Herr des Lands, von welchem mein Geselle Hier neben wünscht, er hätt es nie erschaut, Ruft sie als Freund und tut an jener Stelle So, daß sie nicht Gelübd tun, noch sich scheun, Wie wild der Wind auch von Focara schwelle." Drauf ich: "Soll dein Gedächtnis sich erneun, So magst du dich zu sagen nicht entbrechen, Wer muß den Anblick jenes Lands bereun?" Da griff er, um den Mund ihm aufzubrechen, Nach eines andern Kiefer hin und schrie: "Sieh her, der ists, allein er kann nicht sprechen, Er, der verbannt, einst Cäsarn Mut verlieh, Und alle seine Zweifel scheucht, ihm sagend: "Dem Kampfbereiten fromme Zögern nie." O wie jetzt Curio ganz verblüfft und zagend, Die Zunge tief am Schlund verschnitten, stand, Die Zung, einst kühn und eilig alles wagend-- Und abgeschnitten die und jene Hand, Stand einer, in die Nacht die Stümpf erhoben, Das Antlitz blutbespritzt mir zugewandt, Und rief: "Denkt man des Mosca noch dort oben? Ich bins, der meine Hand zum Morde bot, Ob des jetzt Tuscien die Partein durchtoben." "Der Grund auch war zu deines Stammes Tod!" Setzt ich hinzu--und, häufend Graun auf Grauen, Zog er davon in höchster Angst und Not. Ich aber blieb, die andern anzuschauen, Und was ich sah, so furchtbar und so neu, Nicht wagt ichs unverbürgt euch zu vertrauen, Fühlt ich nicht mein Gewissen rein und treu, Dies gute feste Schild, den sichern Leiter, Und so mein Herz befreit von Furcht und Scheu. Ich sah--noch ist dies Schreckbild mein Begleiter-- Ein Rumpf ging ohne Haupt mit jener Schar Von Unglückselgen in der Tiefe weiter. Er hielt das abgedchnittne Haupt beim Haar Und ließ es von der Hand als Leuchte hangen Und seufzte tief, wie er uns nahe war. So kam er eins in zwein dahergegangen Und leuchtet als Laterne sich mit sich-- Wies möglich, weiß nur der, ders so verhangen. Nachdem er bis zum Fuß der Brücke schlich, Hob er, um näher mir ein Wort zu sagen, Den Arm zusamt dem Haupte gegen mich, Und sprach: "Hier sieh die schrecklichste der Plagen! Du, der du atmend in der Höll erscheinst, Sprich: Ist wohl eine schwerer zu ertragen? Jetzt horch, wenn du von mir zu künden meinst; Beltram von Bornio bin ich, und Johannen, Dem König, gab ich bösen Ratschlag einst, Darob dann Sohn und Vater Krieg begannen, Wie zwischen David einst und Absalon, Durch Ahitophel Fehden sich entspannen. Mein Hirn nun muß ich zum gerechten Lohn Getrennt von seinem Quell im Rumpfe sehen, Weil ich getrennt den Vater und den Sohn, Und so, wie ich getan, ist mir geschehen."
Neunundzwanzigster Gesang
Das viele Volk und die verschiednen Wunden, Sie hatten so die Augen mir berauscht, Daß sie vom Schaun mir ganz voll Zähren stunden. Da sprach Virgil: "Was willst du noch? Was lauscht Und starrt dein Auge so nach diesen Gründen, Wos Greuelbild um Greuelbild vertauscht? Nicht also tatst du in den andern Schlünden. An zweiundzwanzig Miglien kreist dies Tal, Drum kannst du hier nicht jegliches ergründen. Schon unter unserm Fuß glänzt Lunens Strahl, Und wenig dürfen wir uns nur verweilen, Denn noch zu sehn ist viel und große Qual." Ich sprach: "Erlaubtest du, dir mitzuteilen, Welch einen Grund ich hatt, hinabzuspähn, So würdest du wohl minder mich beeilen." Er ging und ich ihm nach und gab im Gehn Dem Meister von dem Grund des Forschens Kunde Und sprach: "Wohl hab ich scharf hinabgesehn, Denn eine Seele wohnt in diesem Schlunde Von meinem Stamm, und sicher ist an ihr Bestraft die Schuld durch manche schwere Wunde." Mein Meister sprach darauf: "Nicht mache dir Noch länger Sorg um diesen Anverwandten; An andres denk, er aber bleibe hier. Ich sah ihn bei der Brücke den Bekannten Dich zeigen und dir mit dem Finger drohn Und hörte, wie sie ihn del Bello nannten. Doch du bemerktest eben nichts davon, Weil auf dem Beltram deine Blicke weilten. Als dieser ging, war jener schon entflohn." "Weil Rach und Schwert des Feindes ihn ereilten", Sprach ich, "und keiner seinen Tod gerächt, Von allen denen, so die Kränkung teilten, Zürnt er auf mich und zürnt auf sein Geschlecht Und ging drum, ohne mich zu sprechen, weiter, Und darin, glaub ich, hat der Arme recht." Nun folgt ich hin zum Felsen meinem Leiter, Von wo man überblickt den nächsten Schlund, Wär irgend nur von Licht die Tiefe heiter. Von seiner Höh ward unserm Auge kund Der letzte Klosterbann von Übelsäcken, Und viel Bekehrte waren tief im Grund. Und gleich den Pfeilen drangen, mir zum Schrecken, Gespitzt durch Mitleid, Jammertön heraus Und zwangen mich, die Ohren zu bedecken. Wär aller Schmerz aus jedem Krankenhaus Zur Zeit, da wild die Sommergluten flammen, Und Valdichianas und Sardiniens Graus Und Seuch und Pest in einem Schlund beisammen, Nicht ärger wärs als hier, wo fauler Duft Und Stank vom Eiter in den Lüften schwammen. Wir stiegen auf den Rand der letzten Kluft Vom langen Felsen niederwärts zur Linken, Und deutlicher erschien der Schoß der Gruft. In diesem Grund läßt nach des Höchsten Winken Die nimmer irrende Gerechtigkeit Zur wohlverdienten Quäl die Fälscher sinken. Nicht in Ägina ist vor alter Zeit Des Volkes Anblick trauriger gewesen, Das krank darniedersank, dem Tod geweiht, Ja bis zum kleinsten Wurm jedwedes Wesen, Durch tückisch böse Luft, worauf im Land, Wie wir für sicher in den Dichtern lesen, Ein neues Volk aus Ämsenbrut entstand; Als hier zu sehn war, wie sich schwach und siechend Das Geistervolk in manchem Haufen wand. Die einen auf der andern Rücken liegend, Die auf dem Bauch, und die von einem Ort Zum andern hin auf allen vieren kriechend. Wir gingen Schritt um Schritt und schweigend fort, Sahn Kranke dort, unfähig aufzustehen Und horchten auf ihr kläglich Jammerwort. Sich gegenseitig stützend, saßen zween, Wie in der Küche Pfann an Pfanne lehnt, Mit Grind gefleckt vom Kopf bis zu den Zehen. Gleich wie ein Stallknecht, der nach Schlaf sich sehnt Und bald sein Tagwerk hofft vollbracht zu haben, Die Striegel eiligst führt und öfters gähnt; So sah ich sie sich mit den Nägeln schaben Und hier und dort sich kratzen und geschwind, So gut es ging, ihr wütend Jucken laben. Und schnell war unter ihren Klaun der Grind Wie Schuppen von den Barschen abgegangen, Die unterm Messer schneller Köche sind. "Du, vor des Fingern Schien und Masche sprangen," Begann Virgil zu einem von den zwein, "Und der du sie auch oft gebrauchst wie Zangen, Sprich: Fanden sich auch hier Lateiner ein Und mögen dich zu kratzen und zu krauen, Dafür dir ewig scharf die Nägel sein." "Lateiner kannst du in uns beiden schauen," Erwidert einer drauf, von Qual durchbebt, "Doch wer du bist, magst du mir erst vertrauen." Mein Führer sprach: "Von Fels zu Felsen strebt Mein Fuß hinab in diesen Finsternissen; Die Höll zeig ich diesem, der da lebt." Da schien das Band, das beide hielt, zerrissen, Und jeder, dems der Rückhall kundgetan, War zitternd nur mich anzuschaun beflissen. Dicht drängte sich an mich mein Meister an Und sprach: "Du magst sie nach Belieben fragen!" Und ich, da er es so gewollt, begann: "Soll dein Gedächtnis noch in späten Tagen Auf unsrer Welt und in der Menschen Geist Erhalten sein, so magst du jetzo sagen, Wie du dich nennst und deine Heimat heißt? Und, trotz der ekeln Qual, nimm dich zusammen, Daß du in deinen Reden offen seist." "Mich zeugt Arezzo, und den Tod in Flammen Verschafft einst Albero von Siena mir, Doch andrer Grund hieß Minos mich verdammen. Wahr ists, ich sagt im Scherz: ins Luftrevier Verstünd ich mich im Fluge hinzuschwingen. Er, klein an Witz und groß an Neubegier, Bat mich, ihm diese Kenntnis beizubringen, Und nur weil er durch mich kein Dädal ward, Befahl sein Vater dann, mich umzubringen. Doch Minos, dem sich alles offenbart, Hat, weil ich mich der Alchimie ergeben, Im letzten Schlund der zehen mich verwahrt." Zum Dichter sagt ich: "Sprich, ob man im Leben So eitles Volk wie die Sanesen fand? Selbst die Franzosen sind ja nichts daneben." Der andre Grindge, welcher mich verstand, Rief: "Mag nur Stricca ausgenommen bleiben, Der all sein Gut so klüglich angewandt; Und Nikel, dem die Ehre zuzuschreiben, Daß er zuerst die Braten wohl gewürzt, Dort, wo dergleichen Saaten wohl bekleiben; Und jener Klub, der wohl die Zeit gekürzt, In dem Caccia dAscian samt seinem Witze, Auch Wald und Weinberg durch den Schlund gestürzt. Doch willst du wissen, wer dir half, so spitze Den Blick auf mich und stelle dich dahin, Gerade gegenüber meinem Sitze; Dann wirst du sehn, daß ich Capocchio bin. Metall verfälscht ich, daß ich Gold erschaffe, Und, sah ich recht, so ist dirs noch im Sinn, Ich war von der Natur ein guter Affe".
Dreißigster Gesang
Zur Zeit, da Junos Herz in Zorn geraten Ob Semeles, in Zorn auf Thebens Blut, Wie sie so manches Mal gezeigt durch Taten, Ergriff den Athamas so tolle Wut, Daß er, als auf sein Weib der Blick gefallen, Das jeden Arm mit einem Sohn belud, Den wilden Ruf des Wahnsinns ließ erschallen: "Die Löwin samt den Jungen sei gefaßt!" Dann streckt er aus die mitleidlosen Krallen; Und wie er einen, den Learch, mit Hast Gepackt, geschwenkt und am Gestein zerschlagen, Ertränkte sie sich mit der zweiten Last. Und als das Glück, das alles kühn zu wagen, Die stolzen Troer trieb, sein Rad gewandt, So daß zusammen Reich und Fürst erlagen, Und Hekuba, gefangen und verbannt, Geopfert die Polyxena erblickte, Und sie ihr Mißgeschick an Thraziens Strand Zum Leichnam ihres Polydorus schickte, Da bellte sie, wahnsinnig, wie ein Hund, Weil Schmerz den Geist verkehrt und ganz bestrickte. Doch nichts in Theben ward noch Troja kund Von einer Wut, die Vieh und Menschen packte, Wie ich hier sah in diesem zehnten Schlund. Ein Paar von Geistern, totenfahle, nackte, Brach vor, so wie aus seinem Stall das Schwein, Indems auf alles mit den Hauern hackte. Der schlug sie in den Hals Capocchios ein Und schleppt ihn fort, und nicht gar sanft gerieben Ward ihm dabei der Bauch am harten Stein. Der Aretiner, der voll Angst geblieben, Sprach: "Schicchi ists, der tolle Poltergeist, Der solch ein wütend Spiel schon oft getrieben." "Wie du geschützt vor jenes Hauern seist," Entgegnet ich, "so sprich, eh er entronnen, Wer dieser Schatten ist und wie er heißt." "Die Myrrha ists, die schnöden Trug ersonnen," Erwidert er, "die mehr als sich gebührt Vor alter Zeit den Vater liebgewonnen, Und die mit ihm das Werk der Lust vollführt, Weil sie die fremde Form sich angedichtet; Wie jener, der Capocchio dort entführt, Weil Simon ihn durchs beste Roß verpflichtet, Als falscher Buoso sich ins Bett gelegt Und so für ihn ein Testament errichtet." Als nun die Tollen sich vorbeibewegt, Ließ ich mein Auge durch die Tiefe streichen Und sah, was sonst der Schlund an Sündern hegt. Der eine war der Laute zu vergleichen, Hätt ihm ein Schnitt die Gabel weggeschafft, Die jeder Mensch hat abwärts von den Weichen. Die Wassersucht, durch schlechtverkochten Saft Ein Glied abmagernd und das andre blähend, Die hart den Bauch macht, das Gesicht erschlafft, Hielt ihm die beiden Lippen offen stehend, Die nach dem Kinn, und die emporgekehrt, Und dem Schwindsüchtgen gleich, vor Durst vergehend. "Ihr, die ihr schmerzlos geht und unversehrt, Wie? weiß ich nicht, in diesen Schmerzenstalen," Er sprachs, "o schaut und merkt und seid belehrt Von Meister Adams schreckenvollen Qualen. Kein Tröpflein, ach, stillt hier des Durstes Glühn; Dort konnt ich, was ich nur gewünscht, bezahlen. Die muntern Bächlein, die vom Hügelgrün Des Casentin zum Arno niederrollen Und frisch und lind des Bettes Rand besprühn, Ach, daß sie mir sich ewig zeigen sollen, Und nicht umsonst--mehr, als die Wassersucht, Entflammt dies Bild den Durst des Jammervollen. Denn die Gerechtigkeit, die mich verflucht, Treibt durch den Ort, wo ich in Schuld verfallen, Zu größrer Eile meiner Seufzer Flucht. Dort liegt Romena, wo ich mit Metallen Geringern Werts verfälscht das gute Geld, Weshalb ich dort der Flamm anheimgefallen. Doch wäre Guido nur mir beigesellt, Und jeder, der zum Laster mich verführte, Ich gäbe drum den schönsten Quell der Welt. Zwar, wenn der Tolle Wahrheit sagt, so spürte Er jüngst den einen auf in dieser Nacht. Doch da dies übel meine Glieder schnürte, Was hilft es mir? Hätt ich nur so viel Macht, Um zollweis im Jahrhundert vorzuschreiten, Ich hätte schon mich auf den Weg gemacht, Ihn suchend durch dies Tal nach allen Seiten, Mags in der Rund auch sich elf Miglien ziehn, Und minder nicht als eine halbe breiten. Bei diesen Krüppeln hier bin ich durch ihn, Denn er hat mich verführt, daß ich den Gulden An schlechterm Zusatz drei Karat verliehn." Und ich: "Was mochten jene zwei verschulden, Die, dampfend, wie im Frost die nasse Hand, Fest an dir liegend, ihre Straf erdulden?" Er sprach: "Sie liegen fest, wie ich sie fand, Als ich hierhergeschneit nach Minos Winken, Und werden ewiglich nicht umgewandt. Die ist das Weib des Potiphar; zur Linken Liegt Sinon mir, berühmt durch Trojas Roß. Im faulen Fieber liegen sie und stinken." Und dieser Letzte, dens vielleicht verdroß, Daß Meister Adams Wort ihn so verhöhnte, Gab auf den harten Wanst ihm einen Stoß, Daß dieser gleich der besten Trommel tönte. Doch in das Angesicht des andern warf Herr Adam die gleich harte Faust und stöhnte: "Ob ich mich gleich nicht fortbewegen darf, Doch ist mein Arm noch, wie du eben spürtest, Noch frei und flink zu solcherlei Bedarf." "Als du zum Feuer gingst," rief Sinon, "rührtest Du nicht den Arm schnell, wie er eben war, Doch schneller, da du einst den Stempel führtest." Der Wassersüchtge: "Darin sprichst du wahr, Doch stelltest du in Troja kein Exempel Von einem so wahrhaftgen Zeugnis dar." "Fälscht ich das Wort, so fälschtest du den Stempel. Hier bin ich doch für einen Fehler nur, Du aber dientest stets in Satans Tempel." So Sinon. "Denk ans Roß, du Schelm!" so fuhr Ihn jener an mit dem geschwollnen Bauche, "Qual sei dir, daß es alle Welt erfuhr." "Qual sei dir", rief der Grieche drauf, "die Jauche, Und blähe stets zum Bollwerk deinen Wanst, Der Durst, der deine Zung in Flammen tauche." Der Münzer: "Der du stets auf Lügen sannst, Dein Maul zerreiße dir für solch Erfrechen! Wenn du mich dürstend. schwellend sehen kannst, So möge Durst dich quälen, Kopfweh stechen. Sprach einer kurz: Sauf aus den ganzen Bach! Du würdest dessen wohl dich nicht entbrechen." Ich horchte stumm, was der und jener sprach, Da rief Virgil: "Nun, wirst du endlich kommen? Zu lange sah ich schon der Neugier nach." Als ich des Meisters Wort voll Zorn vernommen, Wandt ich voll Scham zu ihm das Angesicht Und fühle jetzt noch mich von Scham entglommen. Wie man im schreckenvollen Traumgesicht Zu wünschen pflegt, daß man nur träumen möge, Und das, was ist, ersehnt, als wär es nicht; So bangt ich, daß mir Scham das Wort entzöge; Entschuldgen wollt ich mich--Entschuldgung kam, Indem ich glaubte, daß ichs nicht vermöge. Da sprach mein guter Meister: "Mindre Scham Wäscht größern Fehler ab, als du begangen, Darum entlaste dich von jedem Gram; Doch wenn wir je zu solchem Streit gelangen, So denke stets, daß ich dir nahe bin, Und bleibe nicht daran voll Neugier hangen; Denn drauf zu horchen, zeigt gemeinen Sinn."
Einunddreißigster Gesang