Die Göttliche Komödie

Chapter 7

Chapter 73,302 wordsPublic domain

Schon sah ich Reiter aus dem Lager zieh’n, Die Must’rung machen, in die Feinde brechen, Auch wohl sich schwenken und zurückeflieh’n; Von Streifpartei’n sah ich in euren Flächen, Ihr Aretiner, einst euch hart bedroh’n; Sah Festturnier und große Lanzenstechen; Drommeten hört’ ich, Trommeln, Glockenton, Sah Rauch und Feuer auch als Kriegeszeichen, Und fremd’ und heimische Signale schon; Doch nimmer hieß ein Tonwerkzeug, dergleichen Ich hier gehört, das Volk zu Roß und Fuß, Zu Land und Meer, noch vorgehn oder weichen. Mit zehen Teufeln ging ich, voll Verdruß, Doch wußt’ ich, daß man Säufer in den Schenken Und Beter in den Kirchen suchen muß, Auch war aufs Pech gerichtet all mein Denken, Um ganz des Orts Bewandtnis zu erspäh’n. Und welche Leut’ in diese Glut versänken. Wie die Delphine, die vor Sturmesweh’n Mit den gebognen Rücken oft verkünden, Zeit sei’s, sich mit den Schiffen vorzusehn; So, um Erleichterung der Qual zu finden, Taucht’ oft ein Sünderrücken auf und schwand Im Peche dann so schnell, wie Blitze schwinden. Und wie die Frösch’ an eines Grabens Rand Mit Beinen, Bauch und Brust im Wasser stecken, Die Schnauzen nur nach außen hingewandt; So sah man jen’ hervor die Mäuler strecken, Allein, wenn sie den Sträubebart erschaut, Sich schleunig in dem heißen Pech verstecken. Ich sah, und jetzt noch schaudert mir die Haut, Nur einen harren, wie, wenn all entsprangen. Ein einzler Frosch noch aus dem Pfuhle schaut. Kratzkralle, der am weitsten vorgegangen, Schlug ihm den Haken ins bepichte Haar Und zog ihn auf, Fischottern gleich, gefangen. Ich wußte schon, wie jedes Name war Von ihrer Wahl und, daß mir nichts entfalle. Nahm ich der Namen dann im Sprechen wahr. "Frisch, Grimmrot, mit den scharfen Klauen falle Auf diesen Wicht und zieht ihm ab das Fell." So schrien zusammen die Verfluchten alle. Und ich: "Mein Meister, o erforsche schnell, Wer hier in seiner Feinde Hand gerate? Wer ist wohl der unselige Gesell?" Worauf mein Führer seiner Seite nahte, Ihn fragend, wer er sei, wo sein Geschlecht? "Ich bin gebürtig aus Navarras Staate. Die Mutter gab mich einem Herrn zum Knecht, Weil sie von einem Prasser mich geboren, Der all sein Gut und auch sich selbst verzecht. Zum Freunde dann vom Theobald erkoren, Dem guten König, trieb ich Gaunerei. Jetzt leg’ ich Rechnung ab in diesen Mooren." Und Eberzahn, aus dessen Munde zwei Hauzähne ragten, wie aus Schweinefratzen, Bewies ihm jetzt, wie scharf der eine sei. Die Maus war in den Krallen arger Katzen, Doch Sträubebart umarmt’ ihn fest und dicht Und rief: "Ich halt’ ihn, fort mit euren Tatzen." Und zu dem Meister kehrt’ er das Gesicht. "Willst du, bevor die andern ihn zerreißen, Noch etwas fragen, wohl, so zaudre nicht." Mein Führer: "Sprich, wie andre Sünder heißen, Dort unterm Pech? Sind auch Lateiner da?" Und jener sprach: "Mir war dort in der heißen Pechflut vor kurzer Zeit noch einer nah! Was mußt ich doch darüber mich erheben, Da ich dort nichts von Klau’n und Haken sah!" "Wir haben’s schon zu lange zugegeben!" Scharfhaker schrie’s und hakt auf ihn hinein, Auch blieb ein Stück vom Arm am Haken kleben. Schon zielte Drachenblut ihm nach dem Bein, Allein der Hauptmann blickt’ auf seine Scharen Im Kreis herum und schien ergrimmt zu sein. Da wandte sich, sobald sie stille waren, Mein Herr zu ihm, der auf sein wundes Glied Herniedersah, um mehr noch zu erfahren. "Wer ist’s, von dem dein Mißgeschick dich schied, Als du dich nach der Oberfläch’ erhoben?"-- "Der von Gallura ist’s, der Mönch Gomit. Im Trug bestand er all und jede Proben, Des Herrschers Feinde hielt er im Verlies Und tat mit ihnen, was sie alle loben, Geld nahm er, wie er selber sagt, und ließ Sie sachte zieh’n, er, der in Amt und Ehren Sich sonst als Schelm nicht klein, nein groß erwies. Viel pflegt’ mit ihm Herr Zanche zu verkehren Von Logodor--sie schwatzen immerfort. Als ob sie jetzt noch in Sardinien wären. Ach, Seht, wie fletscht die Zähne jener dort! Gern sprach’ ich mehr, doch würd’ er mich kuranzen! Er droht ja wütend schon bei jedem Wort." Doch Sträubebart, gewandt zu Firlefanzen, Des Auge grimmig glotzte, schalt ihn sehr: "Verdammter Vogel, wirst du rückwärts tanzen?" "Willst du," begann der bange Wicht nunmehr, "Willst du Toskaner und Lombarden sehen? Ich schaffe sie dir nach Belieben her, Wenn nur die Grimmetatzen ferne stehen. Und deren Rache sie nicht zittern macht. Und ich, ich will nicht von der Stelle gehen, Und locke doch dir leicht statt eines acht, Sobald ich pfeife, wie wir immer pflegen, Um anzudeuten, daß kein Teufel wacht." Da streckt’ ihm Bluthund seine Schnauz’ entgegen Und schrie kopfschüttelnd: "Hört die Büberei! Er will ins Pech, sobald wir uns bewegen." Allein der Sünder, reich an Schelmerei, Sprach: "Wahrlich, bübisch bin ich wohl zu nennen. Denn zu der Meinen Unglück trag’ ich bei." Und Senkflug wollt ihm den Versuch vergönnen; "Springst du," hob er mit jenen uneins an, "So werd’ ich nicht zu Fuße nach dir rennen. Nein, überm Pech schlag’ ich die Flügel dann. Laßt Platz uns hinter diesem Damme nehmen, Zu sehn, ob mehr als wir der eine kann." Jetzt werdet ihr ein neues Spiel vernehmen. Die Blicke wandten sie, und sehr bereit War, der der Schlimmste schien, sich zu bequemen. Doch wohl ersah der Gauner seine Zeit, Stemmt’ ein die Fuߒ und war mit einem Satze Von dem, was sie ihm zugedacht, befreit. Dort standen alle mit verblüffter Fratze. Und jener, der die Schuld des Fehlers trug, Flog nach und schrie: "Du bist in meiner Tatze!" Umsonst! die Furcht war schneller als der Flug. Das Pech verbarg bereits den Gauner wieder, Und rückwärts nahm der Teufel seinen Zug. So taucht die Ente vor dem Falken nieder, Und dieser hebt, ergrimmt und matt, vom Teich Zur Luft empor das sträubende Gefieder. Eistreter kam, wie jener sank, sogleich Im schnellsten Fluge durch die Luft geschossen Und fiel, erbost von diesem Narrenstreich, Mit seinen scharfen Klau’n auf den Genossen, Und beide hielten überm Pech voll Wut In wilder Balgerei sich fest umchlossen. Doch braucht’ auch jener seine Krallen gut. Und beide stürzten bald zu den Bepichten, Die sie bewachten, in die heiße Flut. Der Hitze ward es leicht, den Kampf zu schlichten, Doch, ganz bepicht das rasche Flügelpaar, Vermochten sie es nicht, sich aufzurichten. Und Sträubebart, der sehr betreten war, Ließ vier der Seinen rasch zu Hilfe fliegen. Die äußerst schnell mit ihren Haken zwar, Auf sein Geheiß zum Peche niederstiegen. Wo jeder den Besalbten Hilfe bot, Doch sahn wir sie gekocht im Sude liegen Und ließen sie in dieser großen Not.

Dreiundzwanzigster Gesang

Wir gingen einsam, schweigend, unbegleitet. Ich hinterdrein, der Meister mir voraus, Wie auf dem Weg ein Franziskaner schreitet. Mir mußte wohl der Teufel wilder Strauß Äsopens Fabel ins Gedächtnis bringen, Worin er spricht vom Frosch und von der Maus. Denn wer Beginn und Schluß von beiden Dingen Mit reiflicher Erwägung wohl verglich, Dem konnte Jetzt und Itzt nicht gleicher klingen. Und wie aus einem der Gedanken sich Der zweit’ entspinnt, so mußt’ ich weiterdenken, Und doppelt faßte Furcht und Schrecken mich. Ich dachte so: Die sind in ihren Ränken Durch uns gestört, beschädigt und geneckt Und müssen drob sich ärgern und sich kränken. Wenn dies zur Bosheit noch den Zorn erweckt, So werden sie uns nach im Fluge brausen, Wie wild ein Hund sich nach dem Hafen streckt. Schon fühlt’ ich mir das Haar gesträubt vor Grausen, Und rückwärts lauschend, rief ich: "Meister, flieh! Verbirg uns wo in diesen Felsenklausen. Die Grimmetatzen kommen schon. O sieh, Sie kommen schon mit einem ganzen Heere! So, wie ich sie mir denke, fühl’ ich sie!" Und er zu mir: "Wenn ich ein Spiegel wäre, Kaum faßt’ ich doch dein äußres Bild so klar. Als ich dein inneres mir leicht erkläre. Jetzt aber nimmst auch du mein Innres wahr Und kommst mir selber schon mit dem entgegen, Was für uns beid’ in mir beschlossen war. Und ist der Abhang rechts nur so gelegen, Daß man zum nächsten Schlund hinunter kann, So sollen sie umsonst die Flügel regen." Kaum sprach er’s, als die Teufelsjagd begann, Und mit gespreizter Schwing’, um uns zu fangen. Kam, nicht gar fern, der wilde Zug heran. Mein Führer eilte nun, mich zu umfangen, Der Mutter gleich, die aufwacht beim Getos Und nahe sieht die Flammen aufgegangen, Ihr Kind erfaßt und, nur um dessen Los Bekümmert, nicht um ihr’s, enteilt ins Weite Entkleidet noch und bis aufs Hemde bloß. Daß er herab am harten Felsen gleite, Streckt er sich rücklings an den steilen Hang, Der jenen Sack verstopft von einer Seite. Nie hat ein Mühlbach sich mit schnellerm Drang Aufs Mühlenrad durch seine Rinn’ ergossen, Als jetzt mein Meister, vor Verfolgung bang, Von jenem Felsenhang herabgeschossen, Mich mit sich nehmend, an die Brust gepreßt Und fest umstrickt, als Kind, nicht als Genossen. Kaum stand sein Fuß am Rand der Tiefe fest, So hörten wir sie über jenem Grunde, Doch er blieb ohne Furcht; denn nimmer läßt Die ew’ge Vorsicht, die im fünften Runde Als Diener ihrer Macht sie eingesetzt, Sie wieder vor aus diesem schmalen Schlunde. Getünchte Leute sahn wir unten jetzt Im Kreise zieh’n mit langsam-schweren Tritten, Matt und erschöpft, von Tränen ganz benetzt. Verhüllt die Augen von Kapuzen, schritten Sie träg dahin in Kutten, gleich der Tracht Der Mönch’ in Köln am Rheine zugeschnitten; Gold außen, blendend durch des Glanzes Pracht, Von innen Blei, schwer, daß von Stroh erscheinen, Die Friedrich für den Hochverrat erdacht. O Mantel, lastend unter ew’gen Peinen! Wir gingen, folgend, zu der Rechten mit, Aufmerksam auf ihr jammervolles Weinen. Doch so erschwert war durch die Last ihr Tritt, Daß neben uns, so oft wir vorwärts traten, Ein neuer Sünder durch das Dunkel schritt. Ich sprach: "Oh sieh dich um! ist wohl durch Taten Und Namen mir von diesen wer bekannt? Und sage mir’s, sobald wir einem nahten!" Und einer, der Toskanisch wohl verstand, Rief hinter uns: "Oh bleibt ein wenig stehen, Ihr, die ihr rennt durch dieses dunkle Land. Was du verlangst, kann wohl durch mich geschehen!" Da wandte sich mein Herr und sprach: "Halt an Und suche langsam, wie er selbst, zu gehen." Ich stand und sah nun zwei, die, um zu nah’n, Sich sehr anstrengten und sich weidlich plagten. Gehemmt von schwerer Last und enger Bahn; Dann, angelangt, mit keinem Worte fragten, Vielmehr nach mir den scheelen Blick gedreht, Sich unter sich besprechend, dieses sagten: " Der lebt, wie ihr am Zug des Odems seht, Und welcher Freibrief dient zu ihrem Schilde, Daß der und jener ohne Bleirock geht?" Zu mir dann: "Tusker, der du zu der Gilde Der Heuchler kommst, zu ihrem trüben Leid, Wer bist du? Sag’ es uns mit Huld und Milde." Und ich: "Mich hat die Stadt voll Herrlichkeit Am Arnostrand geboren und erzogen, Und diesen Körper trug ich jederzeit. Doch wer seid ihr, von deren Wang’ in Wogen Ein Tränenstrom so schmerzlich niederrinnt? Und was hat euch solch Übel zugezogen?" Und einer sprach: "Die gelben Kutten sind Von Blei, so schwer, daß ihr Gewicht der Wage, Die’s trägt, ein heulend Knarren abgewinnt. Lustbrüder waren wir von gleichem Schlage, Ich Catalano, Loderingo er, Von deiner Stadt erwählt an einem Tage, Weil sich zum Friedensstifter eignet, wer Parteilos selber ist--und wer wir waren, Zeigt beim Gardingo noch sich ringsumher." Und ich begann: "Das Leid, das ihr erfahren--" Doch schwieg und mußt’ an dreien Pfählen dort Gekreuzigt einen auf dem Grund gewahren. Als er mich sah, verrenkt’ er sich sofort Und haucht’ in seinen Bart mit lautem Stöhnen, Und Bruder Catalan sprach dieses Wort: "Der Angepfählte, dessen Klagen tönen, Gab einst den Pharisäern diesen Rat: Mög’ eines Tod fürs Volk den Zorn versöhnen; Nun liegt er nackt und quer auf unserm Pfad, Und fühlen muß er, wenn wir drüberwallen, Wieviel Gewicht von uns ein jeder hat. So wird sein Schwäher auch gestraft, mit allen Vom Pharisäerrat, durch den so viel Der schlimmen Saat für Judas Volk gefallen." Und wie ich sah, erstaunte selbst Virgil, Daß er gestreckt am Kreuz an diesem Orte So schmählich lag im ewigen Exil. Zum Bruder richtet’ er dann diese Worte: "Sagt, wenn ihr dürft, ist rechts die Straße frei, Und ist wohl eine Schlucht dort, die als Pforte Zu brauchen ist zum Ausgang für uns zwei, Ohn’ einen von den Teufeln erst zu bannen, Daß er zum Weitergehn uns Führer sei?" Und jener drauf: "Ihr geht nicht weit von dannen, So seht ihr einen Stein vom großen Rund Als Steg sich über alle Täler Spannen. Er ist nur eingestürzt ob diesem Schlund, Allein ihr könnt die Trümmer leicht ersteigen, Denn, schief sich lagernd, stehn sie aus dem Grund." Ich sah den Herrn das Haupt ein wenig neigen. Drauf sprach er: "Mußte doch der Teufel hier Sich wiederum in schlechtem Ratschlag zeigen." Und jener: "In Bologna merkt’ ich’s mir, Der Teufel sei ein Lügner stets, ein dreister, Ja, aller Lügen Vater für und für." Nun ging davon mit großem Schritt mein Meister Und schien ein wenig zornig und erbost, Und ich verließ die bleibeschwerten Geister Und folgte der verehrten Spur getrost.

Vierundzwanzigster Gesang

In jenem Teil vom jugendlichen Jahre, Wo Nacht den halben Tag nur deckt, und mild Im Wassermann erglänzen Phöbus’ Haare, Malt oft der Reif, wenn Nebel das Gefild Am Abend deckt, bei scharfen Morgenlüften Vom Bruder Schnee ein schnellverwischtes Bild. Wenn dann der Hirt, der Futter von den Triften Gar nötig braucht, aufsteht und jeden Ort Schneeweiß erblickt, dann schlägt er sich die Hüften Und kehrt zum Haus, beklagt sich hier und dort Und weiß nicht, was zu tun vor großem Leide-- Doch frische Hoffnung faßt er dann sofort. Denn schon erscheint die Welt in anderm Kleide; Schnell kommt er nun mit seinem Stab herbei Und treibt die muntern Schäflein auf die Weide. So staunt’ ich, daß mein Meister zornig sei, Daß ungewohnter Mißmut ihn bedrücke; So schnell auch kam zum Schmerz die Arzenei. Denn kaum gelangt zu der verfallnen Brücke, Kehrt’ ihm die Huld, mit der er zu mir trat Am Fuß des Bergs, aufs Angesicht zurücke. Die Arme breitet’ er, nachdem er Rat Mit sich gepflogen, wohl den Schutt betrachtend, Und dann erfaßt’ er mich mit rascher Tat. Und wie ein Mann, der wohl auf alles achtend. Im voraus scharf erwägt, was er vermag, Hob er mich auf ein Felsenstück, beachtend, Daß nahe dort ein andrer Zacken lag, Und sprach: "Anklammre dich, doch wahrgenommen Sei durch Versuch erst, ob’s dich tragen mag. Kein Kuttenträger war’ hinaufgekommen. Da wir, ich fortgeschoben, er so Ieicht, Mit Mühe nur von Block zu Blocke klommen. Auch hätt’ ich nimmermehr, und er vielleicht, Wenn niedrer nicht, als jenseits diesem Grunde Das Ufer war, des Dammes Höh’ erreicht. Doch weil sich Übelsäcken nach dem Munde Des tiefen Brunnens hin allmählich neigt, So liegt’s von selbst im Bau von jedem Runde, Daß hier der Damm sich senkt, dort höher steigt. Am Ende kamen wir bis zu der Spitze, Wo sich der Felsentrümmer letzte zeigt- Mir glühte Wang’ und Blut in solcher Hitze, Daß ich. sobald ich mich hinaufgerafft, Mich keuchend niederließ auf einem Sitze. Mein Meister sprach: "Jetzt ziemt dir frische Kraft; Denn nimmer kommt der Ruhm dem zugeflogen, Der unter Flaum auf weichem Pfühl erschlafft. Und wer durchs Leben ruhmlos hingezogen, Der läßt nur so viel Spur in dieser Welt, Wie in den Lüften Rauch, Schaum in den Wogen. Drum auf! wenn Mattigkeit dich niederhält, Wird sie der Geist, wird jeden Feind besiegen, Wenn er nicht wie der schwere Leib verfällt. Erklimmen mußt du noch weit längre Stiegen; Nicht g’nügt’s, von hier gerettet fortzuzieh’n, Verstehe mich, so wirst du nie erliegen!"-- Da stand ich auf; mehr, als ich’s fühlte, schien Mein Odem frei, die Brust der Bürd’ enthoben, Auch rief ich: Fort, denn ich bin stark und kühn! Wir gingen fort--der Fels war rauh, verschoben, Von Höckern voll und schwierig zu begehn, Bei weitem steiler auch, als weiter oben. Um frisch zu scheinen, sprach ich laut im Gehn, Bis eine Stimm’ aus jenem Grund erschollen, Verworren, wild und schwierig zu verstehn. Nicht weiß ich, was die Stimme sagen wollen, Obwohl ich auf des Bogens Höhe stand, Doch schien, der sprach, zu zürnen und zu grollen. Ich stand, das Angesicht zum Grund gewandt, Doch drang kein Menschenblick in seine Schauer, Drum sprach ich: "Meister, komm zum nächsten Strand Und führe mich hinab von dieser Mauer. Hier hör’ ich zwar, doch ich verstehe nicht, Und, sehend, unterscheid’ ich nichts genauer." "Die Tat", sprach er mit freundlichem Gesicht, "Sei Antwort dir, weil sich’s geziemt, mit Schweigen Zu tun, was der verständ gen Bitt’ entspricht." Wir eilten, bei der Brück’ hinabzusteigen, Da, wo sie auf dem achten Damme ruht, Und hier begann die Tiefe sich zu zeigen. Ich sah in Knäueln grause Schlangenbrut,-- Und denk’ ich heut der ekeln, mannigfachen Scheusale noch, so starrt vor Grau’n mein Blut. Nicht mag sich’s Libyen mehr zum Ruhme machen, Daß es Blindschleichen, Nattern, Ottern hegt Und Vipernbrut und gift’ge Wasserdrachen. Wie solche Pest nicht Äthiopien trägt, So tönt am ganzen Strand kein solch Gezische, An den die Flut des Roten Meeres schlägt. Und unter diesem greulichen Gemische Lief eine nackte, schreckensvolle Schar, Nicht hoffend, daß sie je von dort entwische. Am Rücken band die Hand’ ein Schlangenpaar, Das Schwanz und Haupt durch Kreuz und Nieren steckte Und vorn zu einem Knäu’I verschlungen war. Da stürzt’ auf einen, den ich dort entdeckte, Ein Ungeheu’r, das ihm den Hals durchstach Und aus dem Nacken vor die Zunge streckte. Und eh’ man Amen sagt und Oh und Ach, Sah ich, wie er, entzündet und in Flammen, Auch schon als Staub in sich zusammenbrach. Und wie die Glieder kaum in nichts verschwammen, So fügte sich, gesammelt, alsobald Der Staub zur vorigen Gestalt zusammen. So stirbt der Phönix, fünf Jahrhundert’ alt, (Die großen Weisen sagen’s) sich bekleidend Mit neuerzeugter Jugend und Gestalt, Sich nicht von Kräutern noch von Körnern weidend, Von Weihrauchtränen und Amomen nur, In einer Hüll’ aus Nard’ und Myrrhe scheidend. Und gleich wie der, der ohne Lebensspur Zu Boden sank, vielleicht vom Krampf gebunden, Vielleicht auch, weil in ihn ein Dämon fuhr. Sich umschaut, wenn er sich emporgewunden, Und um sich schauend stöhnt, verwirrt, Von großer Todesangst, die er empfunden; So war der aufgestandne Sünder jetzt.-- Oh möge keiner Gottes Rach’ entzünden, Der solche Streich’ in deinem Zorn versetzt! Gebeten, seinen Namen zu verkünden, Entgegnet’ er: "Ich bin seit kurzem hier, Von Tuscien hergestürzt nach diesen Schlünden. Ich lebte nicht als Mensch, ich lebt’ als Tier, Ich, Bastard Fucci, den man Vieh benannte. Und würd’ge Höhle war Pistoja mir." Ich sprach, indem ich mich zum Meister wandte: "Er weicht uns aus--doch frag’ ihn: weshalb kam Er hierher, da er stets von Blutdurst brannte?" Aufrichtig ward er, als er dies vernahm, Und Geist und Angesicht mir zugewendet, Begann er nun, gedrückt von trüber Scham: "Mehr schmerzt mich’s, daß dein Schicksal dich gesendet, Um mich in diesem Jammerstand zu schau’n, Als daß ich oben meinen Lauf geendet. Doch was du fragtest, muß ich dir vertrau’n: Daß ich im Heiligtum zu stehlen wagte, Hat mich herabgestürzt in tiefres Grau’n. Drob litten manche fälschlich Angeklagte.-- Daß du mich sahst, soll wenig dich erfreu’n, Kommst du je fort von hier, wo’s nimmer tagte. Drum hör’, um jetzt dein Hierein zu bereu’n: Pistoja wird die Schwarzen erst verjagen, Und dann Florenz so Volk als Sitt’ erneu’n. Aus Nebeln, die auf Magras Tale lagen, Zieht Mars den schweren Wetterdunst heraus, Und Sturme tosen dann und Blitze schlagen Auf dem Picener Feld im wilden Strauß, Daß sich zerstreut die Nebel plötzlich senken, Und alle Weißen flieh’n in Angst und Graus. Dies aber sagt’ ich dir, um dich zu kränken."

Fünfundzwanzigster Gesang